Irland mit den Worten von Michel Houellebeqc

Michel_Houellebeqc_Irland

Michel Houellebeqc. Foto: Mariusz Kubik

Frankreichs meist gelesener Autor der Gegenwart, der Skandal-bewährte Einzelgänger Michel Houellebecq, pflegt sein Außenseiter-Image und schützt seine Privatsphäre ganz sorgfältig. Keinen Wert legt er dabei darauf, sich als der Irland-Kenner auszuweisen, der er ist. Houellebecq (gesprochen: Wellbeck) lebte seit dem Jahr 1999 für mehre Jahre an mehreren Orten in Irland, unter anderem auf der Insel “Bere Island” in West Cork. Heute vernebelt der 53-jährige Franzose (“Elementarteilchen”, “Ausweitung der Kampfzone”) seinen Wohn- und Aufenthaltsort nach allen Regeln der Kunst: Mal wohnt er in der Grafschaft Cork, mal bei Dublin, dann in Andalusien oder auf Lanzarote.

In seinem im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienen neuen Buch “Karte und Gebiet“, einem äußerst lesenswerten Gesellschafts-Roman*, lässt sich Michel selber auftreten und wohnt als literarische Figur am Shannon und in Thailand. Auch die Handlung von “Karte und Gebiet” spielt teilweise in Irland und Houellebecq beschreibt seine Wahlheimat ebenso präzise wie lakonisch. Hier einige Auszüge:

Über Irlands Bau-Kultur: “Die irische Architektur hatte, nach dem zu urteilen, was er gesehen hatte, keinerlei spezifischen Charakter: Es war eine Miscung aus kleinen roten Backsteinhäusern, wie man sie in den englischen Vorstädten finden konnte, und großen weißen Bungalows, die nach amerikanischer Art einen geteerten Vorplatz hatten und von Rasenflächen gesäumt waren.”

Über das Essen und Trinken: “Das Restaurant im Hotel Oakwood Arms ist nicht schlecht. Es gibt dort traditionelle irische Gerichte — Räucherlachs, Irish Stew, eher fade und ziemlich primitive Sachen, ehrlich gesagt, aber sie haben auch Kebab und Tandoori-Gerichte, der Koch ist Pakistaner.” . . .”Der polnische Ober stellte eine lauwarme Flasche Chablis vor sie auf den Tisch.”

Über die Engländer: «Ich bin sicher, dass sie Ihre Lammkeule mit Minzsoße übergossen haben», erklärte er. «Dagegen lässt sich nichts machen, das ist der englische Einfluss. Dabei haben die Engländer auch Pakistan kolonisiert. Aber hier (in Irland, die Red.) ist es noch schlimmer, hier haben sie sich mit den Einheimischen vermischt.«

Houellebeqc_Karte und GebietÜber das Wetter: “Ich mag inzwischen das Ende des Dezembers am liebsten, da wird es um vier Uhr dunkel. Aber der Frühling ist unerträglich, die Sonnenuntergänge sind endlos und prachtvoll, das ist wie in einer beschissenen Oper, ständig gibt es neue Farben, neues Licht.”

Über den Flughafen Shannon: “Der Flughafen Shannon bezauberte Jed wegen der klaren, rechteckigen Formen, der großen Deckenhöhe und den erstaunlichen Dimensionen der Gänge — er war wenig ausgelastet und diente fast nur noch Billigfluggesellschaften und der amerikanischen Armee für ihre Truppentransporte, obwohl er ganz offensichtlich auf einen fünfmal so starken Flugverkehr ausgelegt war. ” . . . erinnerte er an eine Zeit, in der die Technik eine begeisterte Resonanz gefunden und der Flugverkehr einen der prestigeträchtigsten Wegbereiter der technischen Neuerungen dargestellt hatte.”

Michel Houllebeqcs neuer Roman lohnt sich zu lesen, nicht nur  der Passagen über Irland wegen. Es geht um die großen Themen Geld, Gier, Arbeit, Kunst und Liebe, über die entfremdete menschliche Existenz in den Endzeiten des Kapitalismus. Die Wut und der Furor aus Houllebeqcs frühen Romanen sind melancholischer Lakonik und fast buddhistischer Akzeptanz gewichen. “Karte und Gebiet” gibt es hier zu kaufen.

Über Markus Bäuchle

Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus kann man in Irland wandern gehen: www.irland-wandern.de
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Kommentare

  1. Peter Bernhardt meint:

    Sorry! Aber die Auszüge haben mich nicht neugierig aufs Buch gemacht.
    Die pauschalen Aussagen über Irlabnds Bau-Kultur habe ich zumindest hier im Südwesten Irlands nicht enddecken können. Backsteinhäuser: Fehlanzeige. “Das Restaurant im Hotel Oakwood Arms ist nicht schlecht.” meint er und dann ist doch das Essen “fad und primitiv” und der Wein “lauwarm”. Ich kann auch nicht erkennen, warum es schlecht sein soll, wenn Iren und Engländer sich inzwischen so gut verstehen, daß sie sich “vermischen”! Und gerade der ständige Wechsel von Licht und Farben im Wettergeschehen ist für mich eine Bereicherung und Augenfreude.
    Danke für den Buchtipp, der mich vor einem Fehlkauf bewahrt.

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