Wahre Geschichten: Der alte Mann und die Geige

Eine irische Geschichte von Marie-Louise Lagger*

Ich parkte meine alten Landrover zwischen zwei Felsen, damit er nicht davonflog. Ein gewaltiger Sturm tobte über Donegal. Der Sturm brüllte um die Häuserecken und der Atlantik röhrte wutentbrannt. Hagel und Regen peitschten mir ins Gesicht. Es schmerzte. Ich rannte ins nahe Dorf und hatte nur noch einen Gedanken: Ich wollte mich ein wenig aufwärmen, einen heissen Whiskey trinken und mich an ein Torffeuer setzen.

Geschichten aus dem Glen, IrlandDie Straßen waren menschenleer. Der Schatten einer Katze verschwand hinter einem alten Schopf. Im kleinen Fenster des Dorf-Pubs brannte ein Licht. Gottseidank. Die Tür flog mir mit einem lauten Knall aus der Hand, sobald ich die Türklinge berühte. Ich trat schnell ein und stemmte mich dageben, um die Tür wieder zu schließen. Ich drehte mich um und wurde von fragendenden Augenpaaren schweigend beobachtet. Eine kleine Gruppe Frauen und Männer sassen am Feuer beisammen. Ich grüsste freundlich. Niemand erwiderte den Gruß und so bestellte ich, ein wenig eingeschüchtert, meinen heissen Whiskey. Ich setzte mich in eine Ecke, unweit vom Feuer entfernt. Ob ich hier etwa gestört habe?

Das duftende Torffeuer verbreitete eine wohlige Wärme für Körper und Seele. Die Augenpaare hatten sich zwar von mir abgewandt, doch noch immer sagte niemand ein Wort. Der Sturm rüttelte am Hausdach, und der Regen trommelte gegen die Fensterscheibe. Das Ticken der alten Standuhr wurde lauter, immer lauter. Die Nacht trat unerkannt und leise in den Raum. An der Bar saß ein alter Mann. Sein Gesicht war durchzogen mit vielen kleinen Falten. Jedes dieser Fältchen schien eine Geschichte zu erzählen. Seine grossen Hände zeugten von harter Arbeit. Seine Augen hatten die Farbe des Meeres und sein Blick schien sich in der Ferne zu verlieren. Eine Geige lag auf dem Tresen.

Nach einer nicht enden wollenden Zeit des Schweigens begann der Mann mit einer tiefen und flüsternden Stimme zu erzählen. Die Menschen horchten ihm gespannt zu. Er sprach Gälisch. War es eine Geistergeschichte? Ich sah die Menschen näher zusammenrücken. Er nahm seine Geige, seine Augen begegneten meinen und er lächelte. Und die Geige begann zu erzählen: von dunklen Moorlandschaften, verlassenen Häusern, einsamen Friedhöfen und von einem Stiefel, der am Strand lag. Bilder zogen an meinen Augen vorbei. Die Geige verstummte und er setzte seine Geschichte fort. Ich sass da, völlig gebannt, obwohl ich kein Wort Gälisch verstand.

Die Sprache der Geige jedoch war mir bekannt. Sie erzählte von Feen und Trollen, von dem Mann, der aus dem Moor zurückkehrte, jedes Jahr an Allerheiligen, von einem versunkenen Schiff, dessen Nebelhorn immer noch zu hören war. Nach einer Weile wandte sich der Erzähler an mich und fragte: “Du sprichst kein Gälisch, nicht wahr?” “Nein, leider nicht” erwiderte ich scheu. Er schmunzelte und sagte: “Jedoch, ich sehe es in Deinen Augen, Du verstehst die Sprache meiner Geige.” Ich nickte.

Die Zeit zerrann. Plötzlich schlug die alte Standuhr die Zwölfte Stunde. Wir zuckten zusammen. Der alte Mann drehte sich um, legte die Finger an die Lippen und gebat der Uhr zu schweigen. Die Uhr verstummte.

* Marie Louise Lagger lebt seit dem Jahr 2006 im County Mayo in der Nähe von Westport, Irland. Die Schweizerin kennt Irland seit ihrem ersten Besuch im Jahr 1980. Seitdem ging ihr die Grüne Insel nicht mehr aus dem Kopf. Heute trotzt sie der massiven Rezession in der Wahlheimat mit  Optimismus.

Fotos: Markus Bäuchle 2012

Über Markus Bäuchle

Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus kann man in Irland wandern gehen: www.irland-wandern.de
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