Sehnsuchtsland Irland ohne grüne Brille

Eichenwald

Irland hat auch Wald? Eichenwald! Fehlen nur die Fairies . . .

Sehnsuchtsland Irland. Man trifft viele Entscheidungen im Laufe eines Lebens – manche gute, manche weniger gute. Eine meiner besten Entscheidungen war es, vor 15 Jahren von München an die Atlantikküste im Südwesten Irlands zu ziehen.  Natürlich war dieser Umzug in die Naturlandschaft West Corks mit Hoffnungen verbunden, und natürlich verklärten wir die neue Wahlheimat zunächst und priesen sie „über den grünen Klee.“

Im Lauf der Jahre wich das verklärt-naive Irland-Bild einer vom Alltag geläuterten Einschätzung. Die Freude und die Begeisterung, hier leben zu können, sind geblieben. Und unser ursprüngliches Mantra hat die Jahre der Reife auch überstanden: Irland ist anders. Anders als Deutschland, anders als der Rest Europas, anders als sein eigenes Image, oft sogar anders als es selbst – weil dieses Irland ein Land der zwei Geschwindigkeiten geworden ist. Anders, und deshalb immer interessant.

Wir haben unser Leben in der Wahl-Heimat Stück für Stück verändert (wir, das sind Eliane, die Kinder, ich). Wir haben etwa das eigene Reisen ersetzt durch das Veranstalten von Reisen für Andere und betreiben seit einigen Jahren einen kleinen (und hoffentlich feinen) Reiseveranstalter für Wandern und Naturreisen (www.wanderlust.de). Aktiv erhalten haben wir uns den offenen, unvoreingenommenen Blick für die Menschen, die Dinge, die Welt, das Land, in dem wir leben. Und die Liebe zur Natur, die hier noch, anders als anderswo, weitgehend intakt ist. Mit dieser Einstellung begrüßen wir seit Jahren unsere Gäste.

Wir zeigen den Gästen aus dem deutschsprachigen Europa beim Wandern die schönsten Orte an Irlands südwestlicher Atlantikküste, unsere Lieblingsplätze und unsere Geheimtipps, die nicht jeder Irlandreisende zu sehen bekommt. Wir beschreiben für sie dieses Land, das so anders ist. Wir erklären wo und warum es anders ist als die Heimat. Und wir erzählen die ganze Geschichte. Wir erklären neben den schönen auch die Schattenseiten dieses Landes, das wie jedes andere seinen Alltag hat, seine Probleme und seine kollektiven Sorgen.

Irland ist auch anders, weil die so freundlichen wie leidgeplagten Menschen durchaus komplexe Wesen sind. Irland ist nach Abnehmen der grünen Brille anders, weil es ein Land mit großer sozialer Ungleichheit und vielen Ungerechtigkeiten ist, weil es massive Umweltprobleme zu lösen hat, weil . . .  Wir erzählen unseren Gästen die Wahrheit über ungesunden irischen Zuchtlachs genauso wie die wunderbaren Geschichten vom  Elfen-Versteher Eddie Lenihan. Im übertragenen Sinne: Wir lesen Ihnen lieber aus der Länderkunde vor als aus dem Werbeprospekt. Unsere Gäste schätzen diesen Ansatz. Mehr als andere.

Von Fach-Kollegen aus der Reisebranche und den Traditionalisten, die unbeirrt das Image von einem Wohlfühl-Kuschelschäfchen-Irland propagieren, das es nicht mehr gibt und so wohl nie gegeben hat, von ihnen hören wir immer wieder, dass man doch nicht „diese negativen Geschichten“ ansprechen dürfe.  Ich frage dann einfach zurück, ob wir die Menschen, die dieses Land besuchen, generell für beschränkt halten sollten?

Themenwechsel. Wir schreiben auch Bücher über das, was wir gut kennen, über Irland. Mehr Länderkunde als Werbeprospekt. Die fleißigen Tourismus-Werber von Tourism Ireland in Frankfurt  („Irland Information“) haben letztlich auch eine nette Einsortierung für uns gefunden. Judith von Rauchhaupt schreibt im aktuellen TI-Presse-Newsletter über unser neues Buch „111 Gründe, Irland zu lieben„:

Irland liebenDer Titel verrät es schon: Dieses Buch erzählt die ganze Wahrheit über Irland. Blökende Schafe, grüne Wiesen, Whiskey und Black Stuff sind nur die eine Seite. Die andere Seite Irlands braucht mehr Nähe und Erfahrung mit Land und Leuten. Und die bringen die Autoren Markus Bäuchle und Eliane Zimmermann als seit 15 Jahren ausgewanderte Irlandliebhaber mit. Da kann man unter den 111 Weil-Überschriften wie „Weil die Iren die besten Verlierer der Welt sind“ auch 111 Liebeserklärungen etwa an die besten Haushunde der Welt, den Tanz als Geschicklichkeitstraining, an einsame und wilde Orte, an Geschmackssachen und echte Pints lesen. Alle Weils zusammengenommen, ergibt das ein schönes Kompendium über die irische Mentalität und Lebensart. Es ist amüsant, wortgewandt fast wie die Iren selbst und ebenso querdenkerisch verfasst und ein Lesestoff für alle, die Irland mit offenem Herzen bereisen wollen. Weshalb nun die Iren die besten Verlierer der Welt sind, steht in Liebeserklärung Nr. 25. Es hat irgendwie damit zu tun, dass die Iren große Niederlagen gerne in Jahrestage ummünzen, um am Ende doch noch als Gewinner aus ihnen hervor zu gehen. Wenn das funktionieren sollte, so die Theorie des Autors, müssten die Iren im Jahr 2500 Fußballweltmeister werden. Aber bis dahin ist es ja noch ein großes irisches Weilchen hin. Markus Bäuchle und Eliane Zimmermann, 111 Gründe Irland zu lieben, Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt, Schwarzkopf&Schwarzkopf Verlag, Berlin 2015, 256 Seiten, 9,99 Euro

Es ist amüsant, wortgewandt fast wie die Iren selbst und ebenso querdenkerisch verfasst. Das klingt gut, geht runter fast wie Öl. Auch Querdenker dürfen sein, wenn man erfolgreich ist. Einen fröhlichen Dank an den Main — und diskutieren wir jetzt einfach mal gar nicht drüber, dass es auch jede Menge Iren gibt, denen jedes sinnhafte Wort nur ganz schwer über die Lippen kommt . . .

15.10.1

Ernste Fragen zum Wild Atlantic Way

Wild Atlantic Way

Rush Hour in Irland: Gestern nachmittag musste ich auf einer kleinen Straße in West Cork einem mittelgroßen LKW ausweichen. Erst beim Blick in den Rückspiegel erkannte ich aus schrägem Blickwinkel am Straßengraben: Der LKW ist gar kein LKW sondern ein Monster-Wohnmobil — und der geschätzt zehn Meter lange Beweis, dass der Wild Atlantic Way wirklich ein Bombenerfolg ist. Willkommen an Irlands Westküste.

Seit die Atlantikküste vor einem Jahr von Irlands Tourismus-Vermarktern den neuen erfolgsträchtigen Namen Wild Atlantic Way verpasst bekam, ist nichts mehr wie vorher: Vor allem die Wohn-Mobilisten und die Motorradfahrer fühlen sich von der „längsten Küstenstraße der Welt“, so der Werbe-Slogan für die auf 2500 Kilometer Länge aufaddierten Straßen und Sträßchen zwischen Cork und Donegal, mächtig angezogen. Aber auch die Busse, die Kleinwagen und die Rad-Konvois bringen vermehrt Menschen in den Westen, die nach dem ewigen Atlantik, nach der intakten Landschaft, der Wildheit der Küste und des Meeres und der Reinheit des Erlebnisses suchen. Die Auswirkungen zeigen sich bereits: verstopfte Straßen, Landschaftsverbrauch, Konkurrenz um Ressourcen, Lärm, Gestank und mehr Asphalt.

WAW_Failte ireland

Der Wild Atlantic Way, auch wenn Kritiker den Begriff der Wildheit angesichts der vielerorts zersiedelten Landschaft als lachhaft demaskieren, ist ein Naturwunder — und das Großprojekt vermarktet konsequent die Natur für touristische Zwecke. Es ist anschwellender Öko-Tourismus der irischen Art. Ein Jahr nach Einführung des neuen Labels und kurz vor dem Start einer Kampagnen-Kopie (Ireland´s Ancient East) für Irlands Ostküste mischt sich nun erstmals Kritik in den Jubel um steigende Besucherzahlen und kommerziellen Erfolg. Es kommen ernste Fragen auf:

– Machen ein paar tausend neue Verkehrs-Schilder und eine großangelegte Werbekampagne schon ein zukunftsweisendes Konzept aus?

– Zerstört ein ungebremster Tourismus am Wild Atlantic Way nicht in absehbarer Zeit seine eigenen Grundlagen — nämlich die ebenso wilde wie zerbrechliche Schönheit der Natur?

– Wo, wie und wann verpflichten sich die Verantwortlichen in Regierung und Tourismus-Management auf den nachhaltigen Schutz der bedrohten Natur in Irlands Westen?

– Wie kann der Wild Atlantic Way zu einem ehrlichen und in seiner Beschränkung erfolgreichen Projekt des Öko-Tourismus werden? Und was haben die Menschen in der Region davon?

Die in Irlands Westen lebende Philosophin Lucy Weir hat die relevanten Fragen gerade in einem Meinungsbeitrag für die Irish Times aufgeworfen. Der lesenswerte Artikel hat die Überschrift: Wild Atlantic Way. It is big and bold, but it also needs to be sensitive and fair.  Groß und kühn sei das Projekt, doch es müsse auch einfühlsam und fair sein, es müsse die natürlichen Ressourcen schützen und den Menschen in der Region langfristig gute Arbeitsplätze und ein Auskommen sichern. Lucy Weir bringt es auf den Punkt: Etwas nur Öko-Tourismus zu nennen, macht es nicht schon zu Öko-Tourismus (Hier der Beitrag in voller Länge).

Der Wild Atlantic Way hat Irland in den vergangenen Monaten mächtig in die Schlagzeilen gebracht, und die eingängige Marke wird mit Sicherheit viele zusätzliche Gäste auf die Insel locken. Doch das Nachdenken darüber, wie der Wild Atlantic Way auch in zehn und 20 Jahren noch ein großartiges, unverdorbenes und authentisches Naturerlebnis sein könnte, hat gerade erst zaghaft begonnen.

 

PS: Wir von Irlandnews und Wanderlust werden verschiedentlich angefeindet für unsere differenzierte Haltung zum Wild Atlantic Way. Sehr schnell sieht man sich angesichts des Jubels in der Ecke des nörgelnden Kritikers. Um es klar zu sagen: Wir sind selber im Tourismus tätig und wir befürworten das Langzeit-Projekt Wild Atlantic Way. Gleichzeitig wünschen wir uns sehr, dass wir nicht gerade das zerstören, was wir so lieben, um dann bedauernd Joni Mitchell Recht geben zu müssen: You don’t know what you’ve got ’til it’s gone.  Dafür arbeiten wir.

Mein Irland: Tory Island, County Donegal

Tory IslandEin Bericht von Sandra Böttcher

Irland und ich – eine Begegnung, aus der vom ersten Augenblick an eine feste Beziehung wurde. Heute erinnere ich mich gern zurück an Irlands Nordwestküste – und im Besonderen an den Besuch einer vorgelagerten Insel, die wie losgerissen ist vom Festland…

Tory Island liegt im Norden von Irland, 10,5 km vor der Küste von Donegal im Atlantik und ist der nordwestlichste (bewohnte) Punkt der Inselrepublik.

Markant und obligatorisch der Leuchtturm, die weißen Häuser von „East Town“ und „West Town“, das an der südlichen Hafenbucht, etwa in der Mitte der Insel liegt. „Oileán Thoraigh“, Tory Island, ist so „irisch“ wie es nur geht. Es wird munter gälisch gesprochen, der traditionelle irische Tanz Céilí noch kräftig praktiziert und mit Freude gepflegt.

Die irische Regierung wollte Mitte der 70-er Jahre des letzten Jahrhunderts Tory Island (wie auch viele Inseln überwiegend vor der Westküste, etwa die Blasket Islands) entvölkern, um nicht für die Schul- und sonstige Versorgung aufkommen zu müssen. Es gab weder Strom noch Kanalisation oder fließendes Wasser.

Die etwa 160 Bewohner von Tory blicken nun aber mit großem Stolz auf ihre Siedlungsgeschichte und die Mythen der Insel zurück.

Das hatten die hinter dem Meer sitzenden Verwaltungsfunktionäre einfach vergessen, als sie die Insulaner in den 1970er Jahren auf das Festland umsiedeln wollten. Der Widerstand war massiv und man ließ die Finger davon…

Ganz vorneweg im Geschichten erzählen ist übrigens „König“ Patsy Dan Rodgers. Der Regent der Insel ist hauptberuflich Künstler und dem Vernehmen nach ein ganz passabler Musiker. Zudem ist er eine lebende Legende und die Attraktion der Insel schlechthin. Er versucht nach wie vor, jeden Gast der Insel persönlich zu begrüßen, allerdings schafft er es so gut wie nie, rechtzeitig an der Fähre zu sein. Heute ist er mal in Schottland unterwegs… Schade!

Tory Island Irland

Als erstes Wanderziel steuere ich den Landzipfel an der Ostküste an. Es wird felsiger, kahl. Die Sonne setzt sich zunehmend durch, der Wind bläst ordentlich, zerrt an Jacke und Haaren.

Beherzt wage ich einen Blick über den Rand der steilen Felsenküste und auf die tiefen Buchten. Die Wogen schlagen hoch und zerschellen an dieser gigantischen, vor mir liegenden Felsenwand, die steil nach Norden ragt. Ein ungeheuerliches und faszinierendes Schauspiel, das man ewig anschauen könnte. Die Klippen ringsherum, durchfurcht von Rinnen und Kerbungen, beherbergen riesige Möwenkolonien, daneben gibt es etliche weitere Vogelarten zu bewundern. Ein Paradies für Ornithologen. Es ist einmalig, hier draußen die Kraft und Wildheit der Natur anzusehen. Unweigerlich kommt mir der Gedanke: Hier bin ich am Ende der Welt, hier geht es nicht weiter.

An solchen Plätzen und mit Blick über die Unendlichkeit des Meeres spüre ich förmlich, wie klein der einzelne Mensch ist. Zeit zum Genießen – und Nachdenken!

 

Felsen auf Tory Island

Wie es wohl ist, auf Tory Island zu leben, dieser Bastion gegen die Moderne? Nicht einfach, soviel steht fest – und entbehrungsreich allemal. Hier bestimmen Wetter und Fahrplan der Fähre über den Alltag und das Leben der Bewohner. So wurden beispielsweise im Winter 1974 die Menschen auf der sturmgepeitschten Insel auf eine besonders harte Probe gestellt. Ganze acht Wochen lang war die Insel durch einen Orkan vom Festland abgeschnitten. Nicht einmal Hubschrauber konnten landen. Es gab genug Einheimische, die den Atlantik damals wegen seiner Grausamkeit verfluchten. Zermürbt entschlossen sich zehn Familien nach dem Sturm, Tory Island den Rücken zu kehren. Doch inzwischen sind einige gebürtige Insulaner zurückgekehrt. Mit dem Leben auf dem Festland konnten sie sich nicht anfreunden!

Reisebericht Tory Island

Ein von Salzgischt gegerbtes Gesicht blickt mich an: Unterwegs treffe ich einen knorrigen Insulaner, wir kommen ins Gespräch und er berichtet gleich unverblümt, dass hin und wieder berüchtigte Stürme mit bis zu 200 Stundenkilometern über den Atlantik toben. „Dann kommen wir hier tagelang nicht weg. Der Orkan reißt Dächer ab und Türen aus der Verankerung“, erzählt der betagte Mann. Unermüdlich schöpft der redselige Einheimische weiter aus seinem Vorrat von Geschichten, baut Erinnerungen aus seinem Inselleben ein. Ich bin mir sicher: Hier leben Menschen ihre Traditionen weiter. Ich würde gern länger verweilen und den Erzählungen lauschen, auch wenn ich große Mühe habe, dem harten Dialekt zu folgen. Zu guter Letzt erwähnt der Inselmann, dass Bäume auf Tory nicht gepflanzt werden, zu groß sei die Gefahr, von einem entwurzelten Stamm getroffen zu werden. Dafür findet man knallrote Bänke zum Rasten und Schauen!

Bank auf Tory Island

Zurück zum Rauschen des Meeres und dem Ruf der Möwen, ich schlendere in Richtung Hafenbucht. Jetzt mal ganz bewusst und intensiv den Wind spüren, die Seeluft riechen. Der Blick auf das weite Meer hat eine seltsame Anziehungskraft, eine Verzauberung, der ich für längere Zeit erliegen könnte. Es liegt ein Frieden in der Landschaft, der mich beim Betrachten tief berührt. Eine wunderbare Gelegenheit, im Hier und Jetzt zu unendlicher Ruhe zu finden. Zeit nehmen zum Staunen. Das sind Momente von enormer Intensität. Ich bin froh, diese Augenblicke nun in meinen Erinnerungen zu haben!

Boot auf Tory Island

Weiter geht es zum westlichen Teil von Tory Island. Die Insel ist übrigens sehr klein – von Ost nach West sind es etwa vier Kilometer, breit ist das Eiland teilweise nur einige hundert Meter. Der etwas lieblichere Westen mit Wiesen und Wollgrasfeldern lädt noch einmal ein zum Innehalten und Träumen. Hier kommt beides auf: Das Gefühl von Heimat und Fernweh, die Sehnsucht, sich anderswo neu zu erleben, aber auch machtvolle Einsamkeit. Es hat etwas von vollkommener Freiheit – und dennoch überkommt in mir das befremdliche Gefühl von ungewohnter Abgeschiedenheit und Isolation.

Wollgras am Atlantik

Was machen die Insulaner nun, wenn im Spätherbst die letzten Touristen abreisen, wenn sie wieder unter sich sind? Viel bleibt dann nicht zu tun. Aber genau das ist differenziert zu betrachten. Man widmet sich der Malerei und der Musik, veranstaltet kulturelle Zusammenkünfte. Mir wird klar: Vieles wird hier sicher nicht so persönlich genommen, nicht so gerannt wie andernorts. Begriffe wie Leistungsgesellschaft und Hektik oder Konsumproblematik finden keinen Gebrauch. Bei den Inselbewohnern kommt es auf Zusammenhalt, Bescheidenheit und die Beschränkung auf das Lebensnotwendige an. Man lebt die Verbundenheit und Gemeinschaft auf eigene Art und Weise.

Die Inseln Irlands

Am späten Nachmittag auf der Fähre kommt ein wenig Wehmut auf, wohl auch deshalb, weil der „Monarch“ des Inselvolkes an diesem Tag nicht hier war – und ich auf den traditionellen Begrüßungskuss verzichten musste! Ich bin nicht sicher, ob das entlegene Inselleben etwas für mich wäre, weit weg vom (zugegebenermaßen) gewohnten Komfort. Vermutlich muss man dafür und dort geboren sein…

Was bleibt, ist eine tiefe Bewunderung für die Menschen, die sich für diese Lebensweise entschieden haben – oder keine Wahl hatten. Ich verneige mich still vor ihnen.

Fähre Tory Island Irland

Beim Schreiben dieser Zeilen erinnere ich mich an ein Buch, das alsbald gelesen werden möchte:

Thomas O`Crohan
„The Islandman“
von Tomas O’Crohan (1857-1937, Fotos), ins Deutsche übersetzt von Annemarie und Heinrich Böll: „Die Boote fahren nicht mehr aus“.

Der Bauer und Fischer von der Großen Blasket-Insel am äußersten Westrand Irlands erzählt von gewagten Meeresfahrten und Jagden, von Festen mit Spiel und Trunk, von bitterem Hunger, wenn der Fischfang missglückt. O’Crohan wollte der Nachwelt den Charakter der knapp 150 Inselbewohner schildern, „denn Leute wie uns wird es nie mehr geben“.

Tomas O'CrohanNatürlich frage ich mich, wie es wohl damals war, als es nur um Elementares ging, um Brot und Fische, um Kartoffeln und Torf, um Leben und Tod. Wenn die Männer, meist Nichtschwimmer, in ihren offenen Booten durch die schwere Brandung zu den Fels-Höhlen der Großen Blasket-Insel ruderten, um Robben zu fangen. Nur mit Knüppeln bewaffnet…

Ich werde es nachlesen. Gut, dass mit diesen Aufzeichnungen den nachfolgenden Generationen ein Ausschnitt irischer Sozial- und Kulturgeschichte erhalten bleibt.

 

Alle Fotos: © Sandra Böttcher 

 

 

 

 

Nachgereicht (3): Trampen in Irland

Glengarriff

Sonja Hanskes „Base Camp“ war Glengarriff, County Cork

Irlandnews-Inventur 2014: Wir durchforsten in den Tagen zwischen den Jahren, die manche die Raunächte nennen, die digitalen Regale von Irlandnews nach Unerledigtem, Liegengebliebenem, Vergessenem und Verdrängten — und dabei kommt eine ganze Menge Material zutage. All jene, die sich oder ihre Arbeit im Jahr 2014 zu unrecht nicht auf Irlandnews wiederfanden, obwohl es versprochen war, die sich vergessen und übergangen fühlten, bitten wir hiermit um Entschuldigung und um die Jahres-End-Absolution. Irlandnews, das wissen die regelmäßigen Leserinnen und Leser, ist Hobby, Tagesrandbeschäftigung, für die es weder ein Finanz- noch ein Zeit-Budget gibt. Irlandnews entsteht nebenbei.

Sonja Hanske

Sonja Hanske

Auch 2014 blieben deshalb neben vielen neuen Beiträgen, die es online geschafft haben, wieder einige Dutzend Artikel-in-spe auf der Strecke — halbfertig, viertelfertig, geplant, vorübergehend vergessen, oder sie verkümmerten im flüchtigen Aggregatszustand der guten Idee. Lesen Sie heute Teil 3 unserer Jahresend-Trostrunde — einen weiteren Beitrag, der es trotz unserer Unzulänglichkeit verdient hat, das Zwielicht des Internets zu erblicken. Heute ein Beitrag, der ungerechterweise seit 13 Monaten in der digitalen Klappe lagerte. Sonja Hanske aus dem sächsischen Großschirma schickte uns ihren Reisebericht von einem fünfmonatigen Aufenthalt in Irland, ihrem Traumland und ihrer „zweiten Heimat“. Manche basteln auf Reisen ein Fotoalbum, manche schreiben Reisetagebuch, andere schicken Postkarten oder posten mit Whatsapp in die Heimat. Sonja verfasste von ihren Erlebnissen einen Bericht mit dem Umfang eines kleinen Buches. Ich könnte viele Stellen zitieren und habe mich für eine Passage entschieden, in der Sonja eine Art der Fortbewegung beschreibt, die mich auch immer fasziniert hat: das Trampen. Ich bin selber oft per Anhalter durch Irland „gehitcht“ und fragte mich in den vergangenen Jahren öfter einmal: Geht das noch? Es geht gut, wenn man/frau mit ein wenig Mut, Offenheit, Spontaneität und Zeit unterwegs ist. Hier Sonjas Bericht — und übrigens: Ihr Base Camp in Irland war Glengarriff, County Cork. Sie kennt die Gegend und die Leute hier so gut wie ich 😉

Als ich durch Irland trampte“ sollte der Titel dieser Reisebeschreibung anfänglich heißen. Das wäre allerdings ziemlich übertrieben gewesen. Über die Counties Cork und Kerry bin ich nicht wesentlich hinausgekommen. Meine „Basisstation“ in Glengarriff ermöglichte mir, dass ich bei meinen Unternehmungen nicht ständig mein Hab und Gut mit mir herumzutragen hatte. Ein Überlebensrucksack reichte in der Regel aus. Dafür musste ich aber auch immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren. Diesen „Nachteil“ nahm ich aber gern in Kauf.

„To hitchhike“ war für mich das größte Erlebnis, obwohl ich es erst lernen musste. Unter Nichtbeachtung des Linksverkehrs und dass der Beifahrer links einzusteigen hat, stand ich ungünstig an der falschen Straßenseite. Mein anfänglich schüchternes Handzeichen wurde als Hinweis gewertet, die Geschwindigkeit zu reduzieren. Ein Fahrer, der nicht auf das Wedeln reagiert hatte und den ich etwas später noch einmal traf, wies mich darauf hin.

Die schönste Erfahrung war für mich, dass mich sofort jeder, egal ob männlich oder weiblich, ob jung oder alt, ob Einheimische oder Urlauber, in ein Gespräch verwickelte. Nach der einleitenden Wetterfloskel wurde nach der Herkunft gefragt, ob ich das erste Mal in Irland sei, wie mir das Land gefällt und schon plauderte ich angeregt mit den sich häufig namentlich vorstellenden Fahrern. Oft erzählten mir die Älteren von sich. Manchmal kannte ich nach längeren Fahrten einen großen Teil ihrer Lebensgeschichte. Paddy lernte ich einige Tage vor meiner Heimreise kennen, als er mich von Glengarriff nach Kenmare brachte. Er erzählte mir, er sei 66 Jahre alt und fünffacher Vater. Sein schweres Arbeitsleben als Fischer hätte seine Gesundheit ruiniert. Er wäre froh, seine erwachsenen Kinder und Enkel in einem besseren Leben aufwachsen zu sehen. Das erstaunliche Angebot, mir bei Bedarf Geld für die Heimreise zu geben, lehnte ich dankend ab. Trotzdem ließ es sich Paddy nicht nehmen, mir vor der Abreise eine Flasche Rotwein zu bringen, die ich zu Hause gemeinsam mit meinem Freund trinken sollte.

Reisebricht Irland

Sonjas Reisebericht

 

In den ersten Wochen hielten fast nur Frauen an. Zwei Schwestern, um die 60, unterhielten sich über meinen „Mut“. Sie sagten kichernd, sie würden niemals auf diese Art reisen, fänden es aber gut. Seitdem jede Familie mindestens ein Auto besitzt, wäre es im Gegensatz zu früheren Zeiten nicht mehr üblich, per Anhalter zu fahren. Ich glaube, ich war für viele so etwas wie eine Erinnerung an diese Zeit, als sie selbst am Straßenrand standen.

Eine streng blickende, elegant gekleidete Dame sagte mir, sie hätte nur wegen meiner freundlichen und offenen Ausstrahlung angehalten. Normalerweise würde sie das nicht tun. Bevor sie mir Fragen stellte, erfuhr ich, dass sie sich nach ihrer Pensionierung als Lehrerin mit dem schnellen Luxusauto ihren Traum erfüllt hätte. Joan Mattenci, eine mit einem italienischen Geschäftsmann verheiratete attraktive Frau, lud mich sogar in ihr Ferienhaus ein. Sie sagte, sie wolle es nun auch wagen, alleine losziehen. Ihr erwachsener Sohn sei ebenso wie sein beschäftigter Vater kaum noch zu Hause. Auch Hazel wurde mir eine liebe Gesprächspartnerin. Mehrmals sah sie mich am Straßenrand stehen und hielt für mich an. Sie wohnte in Bantry und arbeitete im Parkhotel Glengarriff an der Rezeption. Hin und wieder besuchte ich sie dort für einen kurzen Schwatz. Bei einem zufälligen Treffen in Bantry gingen wir dazu in ein Café.

Ein Herr, der auf dem Beifahrersitz sein „Büro“ eingerichtet hatte, hielt öfters an. Jedes Mal war der Stapel von Unterlagen, auf dem ich saß, etwas kleiner. Er scherzte über sein fahrendes „office“ und sagte, er hätte schon von der Gegenfahrtrichtung nach mir Ausschau gehalten. Von den jährlich mehreren Millionen ausländischen Besuchern sollen mehr als die Hälfte Briten sein. Ihre Höflichkeit und Herzlichkeit sind mir besonders in Erinnerung. Mit einigen von ihnen verband mich schon nach kurzer Zeit ein freundschaftliches Gefühl. Manchmal wurde ich gefragt, ob ich Französin sei. Mein Äußeres und meine „personality“ wären nicht typisch deutsch, ebensowenig wie die weiche englische Aussprache. Ich glaube, die hängt mit meinem sächsischen Dialekt zusammen. Ohne Ausnahme wurde mir von allen versichert, sie mögen die Deutschen und ich sei herzlich willkommen. Die vielen netten Worte, die ich als ehrlich empfand, waren für mich sehr ungewohnt.

Nicht immer hatte ich einen Plan, wohin es gehen sollte. Dann ließ ich den Zufall entscheiden, welche Gegend ich erkunden würde. Da mir alles unbekannt war, fuhr ich anfangs einfach mit den mir sympathischen Fahrern bis zu deren Ziel mit. Dieser Spontanität verdankte ich zum Beispiel am 24. August meinen Ausflug mit einem etwa 70-jährigen Engländer nach Co. Kerry. Eigentlich sollte es nur ein kurzer Trip werden, denn es war bereits Mittagszeit. Er war der Erste der anhielt und ich nutzte nach einem kurzen Gespräch die Chance, nonstop bis zum etwa 100 Kilometer entfernten Ort Tralee zu gelangen. Gleich beim Einsteigen hatte ich das Gefühl, einen lieben alten Bekannten wiederzusehen. Während der zweistündigen Fahrt unterhielten wir uns angeregt. Als wir uns mit einer Umarmung voneinander verabschiedeten, wusste ich, dass er jedes Jahr einmal in seinen Geburtsort auf der Beara-Halbinsel fährt, um dort mit seinem Schulfreund Golf zu spielen. Seine Frau war an Krebs gestorben, aber seine Kinder, Enkel und Urenkel, die in Großbritannien leben, würden ihm viel Freude bereiten.

Einige meiner Zufallsbekanntschaften sorgten sich um mich. So hielt eine Mutti, die mit ihren beiden kleinen frisch geimpften Kindern unterwegs war, eine halbe Stunde später nochmals an. Sie war mit ihrem Mann auf dem Rückweg und traf mich an einem anderen Platz an, als eigentlich vorgesehen. Ebenso konnte ich einen Mann beruhigen, der mich fürsorglich fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich saß lediglich am Straßenrand, um mich etwas auszuruhen. Diese kleinen Begegnungen hinterließen bei mir ein Gefühl des Glücks und Wohlfühlens. Es war schön, wieder wahrgenommen und ab und zu mit einem Hupen gegrüßt zu werden.

Ein sehr großer sympathischer Mann mit kurzem grau-blonden Haar nahm mich zweimal mit unterschiedlichen Autos von Bantry nach Glengarriff mit. Nachdem er mich nach meinem Namen gefragt hatte, rief er eines abends bei Ann an. Mein Flyer war ihm in der Bücherei aufgefallen. So lernte ich Paul kennen, der mir ein guter Freund wurde.

Etwa zehn Jahre zuvor hatte er nach einem Zelturlaub beschlossen, von London in den Süd-Westen Irlands zu ziehen. Zuerst wohnte er in seinem ausgebauten Bus am Strand. Nachdem er eines Morgens während der Flut mitten im Ozean erwacht war, suchte er sich in dem kleinen schönen Ort Allihies eine neue Bleibe. Amira, die Deutschland verlassen hatte, gab ihm diese Möglichkeit. Er brauchte viel Platz für seine Leidenschaft, alte Autos und Motorräder aufzubauen. Für mich war es immer eine Überraschung, womit er mich mitnehmen würde.

Hin und wieder wurde ich gewarnt, vorsichtig und nicht zu vertrauensselig zu sein. Diesen Ratschlag befolgte ich, als ein mit vier Männern fast voll beladenes Auto anhielt. Nachdem ich dankend abgelehnt hatte, wurde ich von einer jungen Frau bis Castletownbere mitgenommen. Am Zielort angekommen, winkten mir bei einem Stadtbummel die vier Herren freundlich zu. Ich versuchte, immer vor dem Dunkelwerden zu Hause zu sein. Falls es eine heikle Situation gab, stieg ich baldmöglichst wieder aus. So ein „Erlebnis“ hatte ich glücklicherweise nur einmal. Ein alter Mann in einem klapprigen Auto teilte mir als Deutsche seine Verehrung für „Gitler“ mit. Diese mir vollkommen unverständliche Einstellung habe ich nach dem Lesen des Buches „Die Asche meiner Mutter“ überdacht und mögliche Gründe für diese Meinung gefunden. Ich hätte mich bereits vor meiner Reise mit der Irischen Geschichte befassen sollen. Jedenfalls stieg ich sofort wieder aus und befand mich an der Kreuzung nach Ballydehob. So kam ich das erste Mal in diesen später von mir noch oft besuchten Ort.

Viele Erlebnisse und Erfahrungen verdanke ich nur meinem „Mut“, mich auf Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen einzulassen. Ann nannte es „open minded“. Einige der späteren Mitbewohnerinnen in den Hostels waren erstaunt über meine Schilderungen. Sie waren entweder mit dem eigenen Auto oder Bussen unterwegs und hatten so wesentlich weniger Kontaktmöglichkeiten. Während dieser Reisen spürte ich eine gewisse Seelenverwandtschaft mit den irischen Menschen. Mir war von Anfang an so, als ob ich nach Hause gekommen wäre.“

PS: Trampt mal wieder! Und wer sich für den kompletten Reisebericht interessiert: Wie stellen gerne den Kontakt zu Sonja her. Email an markus@irlandnews.com genügt.

Geheime Orte Irlands. Geheimnis des Ortes.

Arches_IrelandWir Menschen im Westen sind aufgeklärt und zunehmend entzaubert. Wir schaffen die Geheimnisse ab. Wir wissen sogar ziemlich genau, wie die Liebe funktioniert. Reine Chemie.  Ein bisschen Dopamin und Testosteron, Oxytocin oder Vaspressin,  am Ende noch mehr Dopamin und Serotonin — das sind die Stoffe der Verliebtheit, der Treue und der Trennung. Wir sind fast so, wie wir uns Gott vorstellen. Wir lenken unser Leben — zumindest bis es auf Autopilot stellt.

ArchesWas ist ein Leben ohne Geheimnisse? Ohne Rätsel, ohne geheime Orte? Ohne Zufälle und Zufallsfunde? Die Welt ist längst bis auf den letzten Quadratmeter vermessen. GPS-Koordinaten lassen uns am Bildschirm finden, was wir noch nicht einmal gesucht haben. Wir leben auf 52.7306852, -9.6089011 oder auf 52°43’50.5″N 9°60’32.0″W. Wir müssen noch nicht einmal mehr vom Bildschirm aufsehen oder aussteigen, um einen Ort zu „erkunden“.

Brandungstor_P1040072Nur wenige Orte in Westeuropa widersetzen sich noch der digitalen Komplettaufzeichnung und der permanenten Überwachung. In Irlands Westen gibt es noch Landschaften, in denen nicht jeder Stein schon dreimal umgedreht und viermal fotografiert wurde.  Orte, die zuletzt vor einigen hundert Jahren begangen wurden, Plätze, deren Historie bis heute nicht dokumentiert ist. Darf man das offenbaren?

Brandungstor_P1040082Was eigentlich macht einen Ort zu einem Ort mit Bedeutung? Bis vor kurzem war es seine Geschichte oder zumindest eine Geschichte: Der Ort hat sozusagen etwas „erlebt“.  Jemand hat in der Vergangenheit zum Beispiel eine Entscheidung getroffen, den Ort zu bebauen: mit einem Steinkreis oder einer Kirche, einer Wohnstätte vielleicht. Oder Gegner haben sich an einem Ort zu einer Schlacht getroffen. Oder Menschen erkannten die günstige Lage eines Ortes an der Furt des Flusses. Die Fruchtbarkeit der Erde. Oder . . .

Brandungstor_P1040064Heute im Zeitalter von Internet und Geocaching reicht es aus, dass Jäger der digitalen Schnitzel irgendwo in einem Wald oder an einem Flussufer ein kleines Versteck, einen sogenannten Cache anlegen und dessen Koordinaten im Web hinterlegen. Schon bahnen Geocacher ganz neue Pfade durch die Landschaft und geben Orten eine gänzlich andere Bedeutung. Ein bislang völlig unbedeutender Ort kann inerhalb von Monaten Ziel von zahlreichen modernen Schatzsuchern werden. Derweil wird die Bedeutung, die Geschichte anderer Orte nicht mehr überliefert und vergessen. Mit der Geschichte kann der Ort in Vergessenheit geraten oder er wird mit einer anderen Bedeutung aufgeladen.

Brandungstor_P1040062

Manche Orte bewahren ihr Geheimnis. Sie bleiben unerkannt als Ort und schon gar als Ort mit Bedeutung. Oder sie geben nur Hinweise für Eingeweihte, für Feinfühlige, Sensible, die das Kribbeln im Bauch, in den Fingern oder in den Füßen wahrnehmen können.

Manchmal ist das Geheimnis eines Ortes auch nur eine ganz individuelle, ja persönliche Angelegenheit. Denken wir an den Ort, wo wir erste Küsse getauscht haben, down in the hollow, all along the waterfall, in the green grass behind the stadium. Nichtwissen kann für Geheimnisse des Ortes verantwortlich sein — und die richtige Information sorgt letztendlich dafür, dass wir ein Geheimnis lüften können. Ein Geheimnis, das gelüftet wurde, ist dann leider keines mehr, und aus Geheimtipps werden leicht Attraktionen. Der Tourismus etwa verwandelt systematisch unbekannte in vielfrequentierte Orte — das Prinzip der Nachhaltigkeit im Tourismus funktioniert in etwa so gut wie das qualitative Wachstum in der Weltwirtschaft.

Über manche Orte wird man also schweigen. Ein elitärer Ansatz? Vielleicht. Vielleicht aber auch Respekt für den Selbstwert der Natur, für Landschaft, die sich bislang dem Verwertungszwang des Nutzwertdenkens entzogen hat.

In Jahrmillionen hat der Atlantik den alten Sandstein an der Küste Südwest-Irlands bearbeitet und geformt. Er hatte unendlich lange Zeit und schuf bizarre Formationen. Ich brauchte immerhin 14 Jahre Leben ganz in der Nähe, um die alten Brandungstore am wilden Atlantik erstmals zu sehen (Mein Sohn C. zeigte sie mir). Sie liegen nur durch ein unscheinbares Gartentor und einen Spaziergang von der Hauptstraße entfernt. Ein geheimnis-umwitterter Ort, den ewigen Gewalten des Wassers und des Windes seit Menschengedenken und viel, viel länger ausgesetzt. Ohne große Bedeutung. Ohne Zweck. Berauschend schön. Noch.

Wir sind nicht mehr allzu weit von einem Zustand entfernt, den der Psychologe C. G. Jung schon vor fast 100 Jahren erreicht sah:

„Das einzig lebenswerte Abenteuer

kann für den modernen Menschen

nur noch innen zu finden sein.“

 

Verkauft und verliert Irland seine Seele?

Irland Seele SeelenraumSkellig Wars: Es ist viel diskutiert worden, ob die Dreharbeiten auf Skellig Michael zu Star Wars Episode 7 dem sagenumwobenen alten Klosterfelsen im Atlantik schaden — auch hier auf Irlandnews. Dahinter steht die Frage: Darf die irische Regierung eine der Kronjuwelen des Landes für Dreharbeiten für einen Hollywood-Blockbuster freigeben?

Man kann die Argumente dafür und dagegegen fein säuberlich gegeneinander abwägen und dann zu einer abgewogenen Meinung kommen, wie es Dieter getan hat. Man kann auch versuchen zu ergründen, was hinter diesem subtilen schlechten Gefühl steckt, das diese Botschaft vermittelt: „Das kann man machen, aber es ist irgendwo nicht in Ordnung“.

Manuela hat die Diskussion um Luke Skywalker auf Skellig Michael zu diesen Gedanken veranlasst — und mir klar gemacht, worum es in dieser Diskussion für  Irlandfans vom europäischen Kontinent im Grunde geht — um die Seele Irlands und um die eigene Seele. Manu schreibt:

„Seit vielen Jahren verbringe ich meinen Urlaub – immer im Herbst, wenn die Touristenströme abgeebbt sind – in Irland. Am liebsten in den entlegensten Gebieten an der Westküste. Aber auch ich spüre jedes Jahr die Veränderungen. Hat uns anfangs unser Mietwagenverleiher am Dubliner Flughafen morgens 8:00 Uhr noch fröhlich singend empfangen, sind wir ein paar Jahre später ewig herumgeirrt, um überhaupt unseren Mietwagenverleih zu finden.
Als ich noch in Bildbänden von Irland blätterte und mir so gewünscht habe, einmal dorthin reisen zu können, haben viele gesagt: “Was willst du denn dort? Da gibt es doch nur Steine!” Und genau die verstopfen jetzt mit ihren Wohnmobilen die engen Straßen!!
Ich vergleiche es ein bischen mit dem Wacken Open Air, welches ja gerade statt findet. Mit Metal hat man ja eigentlich nichts am Hut, aber es ist schick, sagen zu können, man war auf “Wacken”. Und dann sitzen sie mit nem Cocktail in irgendeiner Lounge, einen Blick auf die Bühne hat man ja auch so´n bisschen, auf dem Zeltplatz sein eigens angemietetes Dixiklo…usw… Und die wahren Metalfans sagen: “Nee, das hat nichts mehr mit der Szene zu tun. Die Leute, die kommen werden immer arroganter… Das ist mein letztes “Wacken!”

Ich möchte niemals sagen müssen: “Das ist mein letzter Irlandurlaub!” Irland ist meine Seelenheimat! Aber irgendwie verliert Irland seine Seele!! Das macht mich traurig … und doch freu ich mich so auf den Herbst, wenn ich wieder in meiner Seelenheimat bin…“

Der Vergleich mit Wacken und den Metal-Fans macht hinreichend klar, worum es geht: Um den Unterschied zwischen Fan und Normal-Konsument.  Zwischen Leidenschaft und einem „Ist-ja-ganz-nett-Gefühl“. Zwischen Erfahrung und Unterhaltung. Zwischen „Da muss ich jedes Jahr hin“ und „Da kann man ja mal einen Urlaub abfeiern“.

Manu zieht aus den Veränderungen, die sie in Irland in den vergangenen Jahren feststellt, die Schlussfolgerung: Irland ist meine Seelenheimat, aber Irland verliert seine Seele. Und genau das ist der Kern der Debatte um Skellig Michael und Star Wars: Irland verkauft seine Seele. In diesem Fall an die miliardenschwere amerikanische Unterhaltungs-Indusrtrie. Irland verkauft seine Seele — zumindest die, die wir meinen. Oder nimmt uns ein Land, das sich wie jedes andere Land im Westen Schritt für Schritt modernisiert und an die Zeit anpasst, einfach nur die schönen Projektionsflächen für unser Wohlgefühl? Fühlen wir uns lediglich mit unserer Sehnsucht nach einem tiefen Seelenraum in einer zunehmend rational-kalten Welt allein gelassen?

Oder verliert Irland wirklich seine Seele? Vielleicht stimmt beides.  Eure Meinung interessiert mich.

Bild:  Seite 55 aus C.G. Jung, Das Rote Buch“

 

 

Wilde Zeiten am Wild Atlantic Way

Wild Atlantic Way_2014Iren sind eigentlich meist freundliche und duldsame Menschen, die so leicht nichts aus der Ruhe bringt und die ihre sozialen Kontakte gerne  nach dem Motto „Leben und leben lassen“ pflegen. Was aber hat dem Mann dort vorne im Bauern-Toyota die Laune so gründlich verdorben, dass er wild gestikulierend und schimpfend hinter der Windschutzscheibe herum fuchtelt? Es sind zwei fette Wohnmobile deutscher Herkunft, die sich durch das enge Sträßchen auf der Kilcatherine Halbinsel schieben und jeden entgegenkommenden Autofahrer zu einem minutenlangen Ausweichmanöver zwingen.

Campervan in IrlandAls wir schließlich nach mehreren Minuten auch am Farmer vorbei fahren, ruft er das irische Äquivalent von „verda . . .  Schei . . . .“ und  „Wild Atlantic Way“ und es wird klar: Das Vermarktungskonzept rund um den „Wild Atlantic Way“ ist bereits in der ersten Saison schrecklich erfolgreich. Die Werbekampagne für  „die längste ausgewiesene Küstenstraße der Welt“ entlang Irlands Westküste zieht eine ganz besondere Spezies Urlauber mächtig an: Den Wohnmobil-Piloten und seine Familie. Gerade vor zehn Minuten standen zwei andere Blech-Wannen mit den Ausmaßen 8 x 2,3 x 2,8 Meter am Aussichtspunkt und blockierten den Blick hinüber nach Kerry für alle nachfolgenden Fahrer; und einige Minuten davor — das Highlight überhaupt — begegneten wir bei Eyeries einem Motorhome-Corso von zehn (!) rollenden Wohnzimmern. Tja, auch der Franzose reist gerne frei und doch gesellig.

Der Wohnmobil-Pilot genießt seine grenzenlose Freiheit gerne, indem er seinen vertrauten Kokon — einer Raupe gleich — nicht verlässt, indem er den halben Hausstand mit sich führt,  in seiner rollenden Hülle wohnt, kocht, isst, abführt, feiert, streitet, Sex hat, schläft — und sich bei all dem so herrlich frei und vor allem sicher fühlt.

Es ist die Freiheit, die der Wohnmobilist meint — die allerdings nicht dort endet, wo die Freiheit der Anderen beginnt. Den berühmten Satz von Immanuel Kant mag der gute Farmer von Ardgroom nicht kennen, seinen Gehalt aber versteht er sehr wohl: Hier machen sich Urlauber raumgreifend auf Kosten Einheimischer und anderer Urlauber allzu breit. Wer nicht im Campervan oder einem Motorhome sitzt, sondern in einem Auto dahinter oder davor, murmelt schon einmal das Wort von der „Freiheitsberaubung.“

Wohnmobil in IrlandWohnmobil-Urlauber, so meint mein Freund  Zanoni, seien bisweilen egomane, meist aber egoistische und fast immer stark sicherheitsbedürftige Zeitgenossen. Zanoni ist bekennender Wohnmobil-Hasser, und er kann sich über die „Schnecken der Landstraße“ so richtig in Rage reden: „Sie geben dem besuchten Land nichts oder nicht viel, da sie ja fast alles Notwendige mit sich führen. Allenfalls ihren Müll und den WC-Inhalt müssen sie dann und wann los werden. Sie beanspruchen über 30 Kubikmater Raum für sich und die Ihren und bis zu 80 Prozent der Straße.“ Zanoni glaubt, im Wohnmobil-Piloten den rechtmäßigen Nachfolger des Jägerzaun- und Gartenzwerg-verliebten Dauercampers von Lido di Jesolo zu erkennen. Aber das ist nur Zanonis unmaßgebliche Meinung, er ist halt Polemiker aus Berufung.

Fakt ist: Auf den engen und engsten Sträßchen an Irlands malerischer Atlantikküste haben wilde Zeiten begonnen. Viele dieser asphaltierten Feldwege, die Superlativ-hungrige Irland-Vermarkter zur „2500 Kilometer langen Küstenstraße“  aufaddiert und hochgepusht haben, sind nicht einmal für einen regelmäßigen Gegenverkehr mit beteiligten Kleinwagen geeignet, geschweige denn für die bis zu 9 Meter langen Ego-Mobile. Mancherorts sind mittlerweile wenig freundliche Schilder aufgetaucht, mit denen sich genervte Anwohner die invasiven Wohnmobilisten vom Leib halten wollen. Doch wen kümmert´s in Dublin?

Dort lachen sich die verantwortlichen Tourismus-Promoter ins Fäustchen, ist ihnen doch eine typisch irische Erfolgs-Story gelungen: Sie haben mit ganz wenig ganz schön viel gemacht. Sie haben sich dessen bedient, was bereits seit langem existiert: Küste, Landschaft, Himmel, Wolken, Meer, Dörfchen, Klippen, Strände, Straßen und Sträßchen. Sie haben ein paar tausend neue Schilder aufgestellt und ein neues aufmerksamkeitsstarkes Etikett draufgeklebt: „Wild Atlantic Way“. The Irish Way eben.

Und nun? Soll sich das anbahnende Chaos gefälligst selber regulieren? Werden sensible Gebiete vielleicht doch behutsam vor dem großen vernichtenden Erfolg geschützt? Oder steht der Ausverkauf der wilden Küstenlandschaft bevor? Werden aus engen, hecken-bewachsenen Landsträßchen bald breite Asphaltpisten, aus Parkplätzchen Bus-Bahnhöfe, aus dem Dursey Cable Car der Dursey Air-Shuttle und aus dem Sheep´s Head Turntable ein Camper-Park für Fußkranke, die auch mal ans Ende der Halbinsel wollen? Wir werden sehen, was das Langzeit-Konzept Wild Atlantic Way dem wilden Westen Irlands noch alles bringt. Er wird jedenfalls nicht so bleiben, wie er ist.

Neues Straßen-Möbel: Das atlantische Zickzack

Irland AtlantikküsteLeserInnen von Irlandnews wissen es bereits: Irlands Westküste hat jetzt einen Namen und soll eine starke Marke werden: Der Küstenabschnitt am Atlantik zwischen dem Old Head von Kinsale im Süden und dem Malin Head im Norden der Insel heißt nun „Wild Atlantic Way“ . Bis in die letzte Verästelung des letzten Feldwegs hinein soll die Küstenstraße stolze 2500 Kilometer lang sein. Die wilde atlantische Straße soll jedenfalls in der Zukunft jede Menge Besucher in Irlands Westen locken — im Auto, im Wohnmobil, auf dem Motorrad, dem Fahrrad oder im Bus. Egal.

Irlands WestküsteIn unserer Wahlheimat West Cork wurden die neuen Wegweiser, mit denen der Wild Atlantic Way beschildert werden soll, noch nicht zu sehen. Der Ring of Kerry ist dagegen bereits komplett möbliert. Hier erste Fotos von den neuen Straßenschildern mit dem atlantischen Zickzack. Daran müsst Ihr Euch gewöhnen, liebe Irlandfreunde.

Wild Atlantic Way SneemWie sieht es eigentlich weiter nördlich aus in Clare, Galway, Sligo, Mayo, Leiterim und Donegal? Wer hat dort schon die neuen Schilder gesehen? (Foto erwünscht): Und was glaubt ihr: Wieviele neue Schilder werden wir dem Wild Atlantic Way entlang der westlichen Küstenstraße verdanken? 2500? Mehr? Weniger?

Skellig Ring IrlandAlle Fotos: Markus Bäuchle, aufgenommen am Ring of Kerry zwischen Sneem und Cahersiveen.

Slider by webdesign