Demo in Dublin: Ein heißer Tag im irischen Winter

Irland im Sturm by Markus Bäuchle

Die Zeichen in Irland stehen auf Sturm

Ein kalter stürmischer Mittwochmorgen in Irland dürfte sich zu einem heißen Tag für das irische Polit-Establishment entwickeln. Vorgestern noch überstand Premier Enda Kenny im Parlament ein Misstrauensvotum, heute wird das Volk mit den Füßen über die Regierungspolitik abstimmen: Es ist der Tag ein weiteren Groß-Demonstration in Dublin gegen die landesweite Einführung von Wassergebühren.

Zwar hat die Fine-Gael-Labour-Regierung unter dem massiven Druck der Water-Tax-Gegner ihre politischen Ziele bis zur Unkenntlichkeit verwässert — doch den Leuten geht es nach 7 Jahren Austeritätspolitik, Abstrafung, Ausbeutung und Ausnutzung durch die eigenen Eliten lämgst nicht mehr um die Wassergebühren. Die aktuellen Umfragen zeigen: Es geht schlicht ums Ganze — zumindest für Irlands etablierte Parteien.

Die Regierungsparteien haben schlechte Werte wie nie zuvor und die Wähler vollziehen gerade einen für Irland bislang einmaligen Linksruck: Fast jeder dritte Ire würde heute eine linke oder lingsgerichtete Partei oder unabhängige Kandidaten wählen. Der Ruf nach einer neuen Partei ertönt laut wie nie zuvor —  die Monate der Regierung scheinen gezählt. Kein Wunder: Die Irinnen und Iren müssen seit Jahren wie niemand sonst in Europa für die Schulden der amerikanischen und europäischen Zocker-Banken geradestehen, sie haben  — aufgrund einer der Ex-Regierung von der EU im September 2008 abgerungenen totalen Bankbürgschaft — einen Großteil der europäischen Schuldenlast aus der Finanzkrise zu tragen.

Die Profiteure des irischen Trauerspiels findet man vor allem in in Banketagen und Unternehmeszentralen in Frankreich und Deutschland. Die Menschen auf der Insel fühlen sich deshalb von ihrer politischen Führung verraten und verkauft und fordern vehement wie selten zuvor einen Neuanfang. In Deutschland schlummern die vom materiellen Wohlstand eingelullten Bürgerinnen und Bürger derweil sanft weiter . . .

PS: Während das politische Klima Hitze im Winter bringt, sorgt das Wetter heute auch für einige Abwechslung: Ein schwerer Tornado auf dem Nordatlantik schickt seit gestern heftige Winde und Rekord-Wellen in Richtung der irischen Westküste. An der nördlichen Atlantikküste in den Counties Donegal, Mayo, Sligo und Clare werden heute an den Stränden Monsterwellen mit einer Höhe von weit über 20 Metern erwartet. Weil die Windgeschwindigkeiten aber voraussichtlich  nicht über 130 Stundenkilometer hinausgehen werden, muss nicht das Allerschlimmste befürchtet werden: Wetterwarnung orange!

Wagt das irische Volk die offene Revolte?

Irish IndependentDer Sunday Independent titelt heute morgen: “Offene Revolte”. Ist die Geduld der Irinnen und Iren mit ihren Regierungen und den groben Zumutungen der vergangenen Jahre doch nicht unendlich? Braut sich hier eine Revolte zusammen, die im Systemkollaps enden könnte? Gestern gingen bei 93 Demonstrationen im Land über 150.000 Menschen auf die Straßen, um gegen die Politik der Regierung zu protestieren. Das ist in der jüngeren Geschichte des Landes ohne Beispiel. Offiziell geht es um die umstrittene Einführung von Wassergebühren, und drei von fünf Iren weigern sich bislang beharrlich, diese Gebühren zu bezahlen. Die Einführung der Water-Tax allerdings ist nur ein finales Symbol für die gegen die eigenen Bürger gerichtete Regierungs-Politik der vergangenen sieben Jahre.

Wie kein anderes Volk in West- und Mitteleuropa mussten die Menschen auf der Insel für die dreckigen Geschäfte ihrer Banken bluten und die Zeche bitter bezahlen: Jahrelang jagten sich drastische Kürzungen von staatlichen Leistungen und die Erhöung alter sowie die Einführung neuer Steuern und Abgaben und katapultierten viele irische Haushalte zurück in die Armut. Ausgerechnet bei den in allen Ländern Europas längst üblichen Wassergebühren ist jetzt Schluss — dies allerdings auch, weil die Regierung es zuließ, dass sich mit dem neuen nationalen Wasser-Versorger “Irish Water” flugs ein weiterer sagenhafter Selbstbedienungsladen für Manager etablierte, der den Nachweis guter Arbeit bislang völlig schuldig blieb. “Wir haben die Schnauze voll, dass wir immer weniger zum Leben haben und sich diese Herrschaften in Dublin das Geld wieder bündelweise in die eigenen Taschen stopfen”, wettert etwa unser Nachbar John.

Die Stimmung im Land passt so gar nicht zu der Erfolgs-Story Irland, die seit langem europaweit erzählt wird, um die Euro-Krise klein zu reden. Denn die Stimmung ist mies. Ganz offensichtlich wollen die Iren ein völlig neues politisches System, eine neue Partei und einen glaubwürdigen Neuanfang. Die Unterstützung für die nicht-atablierten Kräfte wächst sprunghaft, unabhängige Kandidaten dominierten die Wahlen der vergangenen Monate. Das explosive politische Klima im Land belegt auch die aktuelle Großumfrage von Millward Brown, die heute morgen veröffentlicht wurde: Demnach ist die politisch nicht gerade zuverlässige Sinn Fein, eine Partei mit vielen Verstrickungen, mit aktuellen Skandalen und einer aufgrund der Nähe zur IRA ungeklärten Vergangenheit,  nun die meist unterstütze politische Partei in der Republik: Sinn Fein würden aktuell 26 Prozent der Iren wählen. Die beiden Regierungsparteien Fine Gael und Labour sind indes auf 22 und sieben Prozent abgestürzt. Und die jahrzehntelange Regierungspartei Fianna Fail profitiert kein bisschen von der poilitischen Krise, stagniert bei 20 Prozent: Die Iren haben offensichtlich doch nicht vergessen, dass die korrupte Fianna Fail-Regierung Bertie Aherns das Land bereitwillig in die tiefe Krise gestürzt hat. So stehen nun alle drei Führer der etablierten politischen Parteien (und aus anderen Gründen auch der Chef von Sinn Fein) unter massivem Druck — und die Tage der Fine-Gael-Labour-Regierung scheinen gezählt.

Alarmierend sind vor allem diese aktuellen Umfrage.Ergebnisse: Nur noch 29 Prozent der Iren haben Vertrauen in das aktuelle Parteiensystem. Sogar 47 Prozent der Wahlberechtigten fordern die Gründung einer neuen Partei. Die Irinnen und Iren sind zwar Weltmeister im folgenlosen Ankündigen ( “Wir bezahlen die Haussteuer nicht. Gleich. Aber dann doch.”), doch es verdichten sich gerade die Anzeichen,  dass auch die eher sanftmütigen Menschen auf der Insel nun endgültig genug haben von der Ungerechtigkeit der von der EU gelenkten Regierungs-Politik. Gefordert wird ein radikaler Wechsel. Irland quo vadis?

Mehr zum Thema: Irish Independent

Die Briten kommen: Ausverkauf in Irland?

Irland ImmobilienDie Gier kehrt zurück: Nach dem großen Knall und dem Platzen der gigantischen Spekulationsblase im Jahr 2008 bewegte sich im Immobilienmarkt in Irland fünf Jahre lang so gut wie nichts — außer den Preisen, die sich im Sinkflug mehr als halbierten. Doch seit ein paar Monaten regiert wieder das schnelle Geld der Spekulanten. Nichts dazu gelernt, Irland? Wohl kaum.

Die Preise im Großraum Dublin ziehen derzeit scharf an. Investoren und Privatleute balgen sich landesweit um die besten Grundstücke und Häuser. Denn die Nachfragepreise sind nun nach Jahren des Wartens und Hoffens auf einem realistischen und für Käufer interessanten Niveau angelangt. Wie Heuschrecken fallen derzeit die Schnäppchenjäger aus dem Ausland auf der Insel ein, um sich ihren Happen zu sichern.

In dieser Woche macht der Immobilienmakler Denis Harrington mit seinen firmenstrategischen und doch durchaus ungeschickten Bemerkungen zur Lage auf dem Immobilienmarkt auf sich aufmerksam. Der eigentlich besonnene und seriös agierende Harrington steckte der Lokalgazette “West Cork Times” (Foto), dass der lokale Häuser- und Grundstücksmarkt derzeit massiv anzieht. Drei Viertel aller Käufe, posaunt Makler Denis stolz, machten dabei Ausländer. Vor allem die Nachbarn von der großen britischen Insel haben demnach die Lage erkannt und kaufen sich massenhaft in West Cork ein.

Die Briten kommen, kaufen und machen sich den Südwesten Irlands ein weiteres Mal untertan — dieses Mal mit dem Scheckbuch und mit Sterling-Cash?  Es sind wahrscheinlich nicht nur die Briten, die sich derzeit einen Platz an der Sonne, genauer gesagt im warmen Regen West Corks sichern. Auch deutsche, holländische und französische Käufer haben traditionell ein Faible für Irlands golfstrom-gewärmte Atlantikküste.

Doch was macht die irische Bevölkerung? Tatsächlich trifft man in diesen Tagen zahlreiche Einheimische, die nach sieben Jahren Wirtschaftskrise unter dramatischem finanziellen Druck stehen und sich genötigt sehen, Land und Häuser zu verkaufen. Auch vielen Farmern im strukturschwachen West Cork steht das Wasser bis zum Hals, deshalb werden ganze Landstriche und Bergzüge zum Verkauf angeboten.

West Cork zieht seit vielen Generationen Menschen aus dem Ausland an (so auch uns ;-). Die Einheimischen sind an die kosmopolitische Atmosphäre gewöhnt. die Locals gelten als offen, liberal und freundlich, und sie profitieren gewaltig von den Zuziehenden und Ferienhausbesitzern, die die lokale Wirtschaft spürbar stärken. Ob die von Makler Bernhard öffentlich lancierte These allerdings klug ist und ob die Entwicklungen im Markt wirklich gesund sind, darf bezweifelt werden. Droht West Cork der Ausverkauf?

Leckere Damen, leckeres Essen, leckeres Leben.

Old songSelten dämliche Werbung: Be Delicious — sei lecker, appetitlich, köstlich, mach Dich zum Objekt, sei sexuell verfügbar — wenn Du  kannst. Dem alten Einwanderer, der auf der Patrick´s Street um ein paar Kröten musiziert, wird es reichen, wenn er mit seiner Ein-Saiten-Technik am Ende des Tages seinen Appetit stillen und ein leckeres Essen finanzieren kann. Gestern gesehen in Cork, Irland.

Foto: Markus Bäuchle

Deutschland schafft das nicht. Irland auch nicht.

Euro in IrlandWie geht es (uns) in Irland im Herbst 2013? Ist die seit sechs Jahren herrschende wüste Finanz- und Wirtschafts-Krise bald überwunden?  Trägt der rigide Sparkurs, den die Mächtigen in Europa der Inselbevölkerung aufgedrängt haben und den die irische Regierung mit Taoiseach Enda Kenny (“Angela´s Poodle”) gehorsamst gegen das eigene Volk exekutieren, endlich Früchte? Nimmt der Druck auf die vielen verschuldeten Irinnen und Iren ab?

Man könnte es meinen in diesen Tagen, denn Irland wird gefeiert als der erfolgreich genesende Patient, der ordentlich seine bittere Medizin geschluckt hat, der große Opfer gebracht hat und der nun für seine eiserne Therapie auch belohnt werden muss. In wenigen Wochen schon soll Irland den europäischen Rettungsschirm verlassen und sich aus der Umklammerung der Troika, der finanziellen Fremdbestimmung der letzten Jahre, lösen. Wirklich?

Nacht in Europa

Gerade hat die Regierung den siebten Sparhaushalt einer beispiellos oktroierten Dauer-Spar-Orgie aufgelegt und keiner regt sich mehr richtig auf. Im Gegenteil: Die Konjunkturflüsterer raunen etwas von Silberstreif und Horizont. Die Medien machen vorsichtig in Optimismus. Die Hauspreise steigen erstmals seit 2007 wieder, die Arbeitslosigkeit nimmt leicht ab, die Wirtschaft . . . nein, sie erholt sich nicht wirklich. Dennoch gehört zum täglichen Small Talk direkt nach dem Wetter-Kommentar nun eine verhalten optimistische Wasserstandsmeldung zur ökonomischen Entwicklung im Land. Die Leute sagen: “Das Licht am Ende des Tunnels wird sichtbar” , oder  “Wir sind auf der Straße der Erneuerung”, oder “Wir kommen langsam aus dem Wald heraus” — doch manchmal klingt das wie das Pfeifen im Walde.

Eher pessimistische Beobachter  sagen: Irland wird es nicht schaffen, seine gigantischen Schulden selber abzutragen. Irland sei auf Gedeih und Verderb auf die Hilfe anderer angewiesen und wird nur gesunden, wenn Europa gesundet. Ganz Pessimistische meinen: Der ökonomische und finanzielle Tod des Landes klopft zwar noch nicht an die Tür, aber er sucht gerade einen Parkplatz. Im Grunde weiß man in Irland genauso wenig Bescheid über die Zukunft, wie man das in Deutschland derzeit tut, wo eine überängstliche, geradezu paralysierte Mehrheit ein Weiter-so-Mantra summt und eine Kanzlerin wieder gewählt hat, die kein Programm hat, aber als erfolgreich gilt, weil sie sich für erfolgreich hält.

Die etablierten Medien tragen nicht gerade viel dazu bei, die wirkliche Lage Europas und Irlands zu analysieren und zu erklären. Man müsste dazu wahrscheinlich die system-immanente Innen-Perspektive verlassen und einen gefährlichen Beobachtungsposten dort draußen, im ungesicherten Terrain einnehmen. Ein medialer Lichtblick schien immerhin im  Spiegel Ausgabe 42/2013 vom 14.Oktober 2013 auf. In einem Interview mit dem Titel “Deutschland schafft das nicht” verurteilt der schottische Politikwissenschaftler Mark Blyth die deutsche Doktrin des Sparens und die europäische Austeritäts-Politik als fatalen Irrweg und ausweglose Sackgasse. Blyth zufolge steht uns das große Aufwachen bevor. Hier einige Auszüge aus dem Interview, verbunden mit dem Hinweis: Nein, ich weiß auch nicht, wo die Notausgänge sind.

Mark Blyth über Austerität,  die strikte Sparpolitik, die auf Geheiß der deutschen Regierung in Europa — und ganz besonders auch in Irland —seit Jahren praktiziert wird:

“Sie (Austerität, die. Red.) ist der Preis, den die Banken andere für ihre Rettung bezahlen lassen wollen. Wenige von uns waren zu der Party eingeladen, aber wir alle werden aufgefordert, die Zeche zu berappen. Was mich an den Debatten über die Staatsschulden am meisten ärgert, ist die moralische Verwandlung in Schuld und Sühne. Austerität wird zur Buße – die notwendige Qual für die Wiederherstellung der Tugendhaftigkeit nach dem Sündenfall. Das ist Ideologie pur, falsches Bewusstsein zum Zweck der Verschleierung.”

Da der Staat hoch verschuldet ist, führt doch nichts am Sparen vorbei, oder?

“Das ist der Punkt, an dem die Austerität in eine politische Verteilungskrise umschlägt. Wenn der Staat seine Ausgaben kürzt, werden die Konsequenzen und Belastungen höchst unfair weitergereicht. Ich bin gern bereit, den Gürtel enger zu schnallen, wenn wir alle die gleichen Hosen tragen. In einer Demokratie sind es die staatlichen Transferleistungen durch Einkommensumverteilung, die das Entstehen einer Mittelklasse überhaupt erst ermöglichen. Diese erschafft sich nicht von selbst, sie verdankt ihre Existenz einer politischen Entscheidung, die zugleich eine Art Versicherungspolice für die Beständigkeit der demokratischen Staatsform ist. Im Zeichen der Austerität weigern sich die Reichen, die Prämien für die Versicherung zu bezahlen. Das Ergebnis ist eine Spaltung und Polarisierung der Gesellschaft, in der die unteren Teile ihrer Aufstiegsmöglichkeiten beraubt werden. Dann bleibt nur noch der gewaltsame Protest, am linken und am rechten Rand nimmt die Aggressivität zu.”

Wird der Klassenkampf von oben und die massive Umverteilung zu Lasten der Mittelschichten wenigstens am Ende ein positives Ergebnis für Gesellschaft und Demokratie in Europa bringen?

“Finanzielle Repression und höhere Steuern auf Spitzeneinkommen werden auf lange Sicht Bestandteile der politischen Programmatik aller Volksparteien werden, nicht nur der Linken. Kurzfristig wird man es weiterhin mit Austerität versuchen, aber sie wird nicht funktionieren. Am Ende muss sie wegen erwiesener Erfolglosigkeit aufgegeben werden, oder die Wähler werden ihre Verfechter aus dem Amt jagen.”

Wir werden sehen. Die Zeiten sind zwar nicht großartig, interessant aber sind sie allemal. Ein schönes Bank Holiday Wochenende (am Montag ist in Irland Feiertag!)

Gegen staatlich geförderte Steuerhinterziehung?

500 € ScheinGeheimgespräche in Berlin verursachen Sorgenfalten in Dublin:  Die Verhandlungen zwischen den deutschen politischen Parteien CDU und SPD zur Bildung einer gemeinsamen Regierung (“Große Koalition”) sorgen in Irland für große Unruhe. Es sickerte nämlich durch, dass die SPD Kanzlerin Merkel Europa- und Finanzkrisen-politisch zu einem anderen Kurs drängt.

Die deutschen Sozialdemokraten stört tatsächlich, dass die großen multinationalen US-Konzerne in Irland die Steuer in großen Stil prellen. Ein Wunder, dass wirklich jemand Anstoß daran nimmt, denn Tatsache ist: Irlands Regierung ist bekannt und beliebt dafür, maßgeschneiderte Steuerschlupflöcher für Großkonzerne zu konfigurieren, mit denen Unternehmen wie Google, Apple, Intel oder Facebook, aber auch deutsche Dax-Unternehmen ihre Steuerquote für das Europa-Geschäft auf lächerliche Beträge unter zwei Prozent drücken. Es geht gar nicht um die ohnehin schon niedrige irische Unternehmens-Steuer von 12,5 Prozent, sondern um die listigen Steuersparmodelle “Made in Ireland” für die Big Companies dieser Welt.

“Double Irish in a Dutch Sandwich” heißt die erfolgreiche Methode des Geldverschiebens zwischen zwei irischen, einer Off-Shore und einer niederländischen Niederlassung. Mit dieser Konstruktion der legalen Steuerhinterziehung und mit der diskreten Unterstützung der Finanzschurkenstaaten Irland, Niederlande und Luxemburg bringen die Multinationals ihre Schäfchen mühelos ins Trockene. Während Otto Normalbürger immer mehr Steuern bezahlt, optimieren die Trickser in den Konzernen die Steuerwuote gegen Null. Das Ergebnis: Im großen Umverteilungskampf werden die Gewinne privatisiert und den Gemeinwesen entzogen.

Den Staaten in den USA und Europa gehen durch die staatlich geschützten Steuer-Tricksereien jährlich hunderte Milliarden Euro verloren. Diese wandern in die Taschen von wohlhabenden Privatleuten und fehlen für den Bau von Schulen, die Reparatur von Straßen, den Betrieb von öffentlichen Einrichtungen wie Bibliotheken, Schwimmbädern und Sportanlagen.  Hoffen wir deshalb, dass die SPD sich einmal durchsetzt, und dabei hilft, die Tragödie des verschwindenden Allgemeinwohls zu beenden.

Hugo Hamilton: Wo bleibt die Wut der Iren?

Hugo Hamilton. Foto: Luchterhand

Hugo Hamilton: Haben die Iren die Wut in den Wohlstandsjahren hinter sich gelassen? Foto: Luchterhand / Mike Wolff

Warum sind die Iren angesichts der anhaltenden Finanz-, Banken- und Wirtschaftskrise so duldsam? Warum brennen in Dublin nicht die Straßen, warum gibt es kaum Demonstrationen, und wo bleibt die Wut der Menschen, die seit Jahren nun schon mit hohen Steuern und einem eingedampften Staatshaushalt die Milliardenschulden der Zockerbanken zurückzahlen? Eine interessante Antwort auf diese Fragen gab in der zu Ende gehenden Woche der irische Schriftsteller Hugo Hamilton*. Der 1953 in Dublin geborene Sohn einer Deutschen und eines Iren schreibt in einem Beitrag für die Wochenzeitung “Die Zeit”:

” . . . unser Zorn wird gemäßigt von einer neuen Erkenntnis der Vernetztheit der Welt. Unsere Souveränität, die uns so lieb und teuer und romantisch war, ist in ihr zum Mythos geworden. Wir ahnen, dass wir nach dem Opportunismus und der Kasinowirtschaft in eine Phase des Pragmatismus eintreten werden müssen. Aber was wäre eine pragmatische Perspektive für die Iren?
“Der Romancier John Lanchester sagt, im 21. Jahrhundert werde ein Land, welches im 20. Jahrhundert versucht habe, Europa zu dominieren, gegen seinen Willen gezwungen, Europa zu dominieren. Es gibt da etwas an der ruhigen Hand Deutschlands, das wir zu bewundern gelernt haben, etwas an der Fähigkeit Deutschlands, sich zu erneuern, etwas an der Art und Weise, wie Deutschland sich mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hat, das Vertrauen einflößt. Vielleicht wird sich der Blick, der durchgehend auf den Amerikanischen Traum gerichtet war, hin zu den ruhigeren Versprechen eines Europäischen Traums drehen.

Wir hatten unsere Revolution in Irland. Unsere Freiheiten kamen schnell und kamen langsam, beginnend mit der Unabhängigkeit im Jahre 1921. Später hat uns Europa dabei unterstützt, aus einem Zustand der Unbeweglichkeit herauszufinden – hin zu allgemeiner Prosperität. Unsere wichtigste Freiheit kam in Gestalt des erfolgreichen Belfaster Friedensprozesses. Vielleicht sind es auch die Erinnerungen an die Gewaltjahrzehnte in Nordirland, die uns davon abhalten, wieder auf die Straße zu gehen. Aber es ist vor allem etwas anderes.

Wenn wir auf die Ära des “Keltischen Tigers” zurückschauen, sehen wir eine unwürdige Zeit der prall gefüllten Taschen, die wir lieber vergessen würden. Dennoch war diese flüchtige Wohlstandserfahrung wichtig. Sie erlaubt es uns, viele unserer uralten Ängste abzuschütteln – die postkolonialen Stimmungsschwankungen, die gewagten Gesten der Selbstbehauptung, das Gefühl der Isolation. Die Tiger-Jahre haben dafür gesorgt, dass wir uns besonders fühlten, weil wir ebenbürtig werden konnten. Plötzlich war es eine gute Sache, Ire zu sein. Wir sind so erwachsen und selbstbewusst geworden, dass wir die Königin von England nach Dublin zum Tee einladen konnten. Wir trinken unser Bier, ohne uns von der Historie das Gespräch verderben zu lassen, und wir haben aufgehört, auf dem Heimweg aus dem Pub Rebellenlieder zu grölen.

Bestimmt gibt es noch viele andere subtile Aspekte, an denen sich zeigt, wie wir uns als Volk verändert haben. Vielleicht ist die letzte Phase unserer Revolution ein grundsätzlicherer Wandel unserer Gesellschaft, der es uns erlaubt, unsere Kinder ohne das Erbe der Wut aufzuziehen. In der Vergangenheit gab es in unseren Institutionen und in unseren Familien viel versteckte Grausamkeit, die ebenso sehr die Quelle unserer Wut gewesen sein mag wie die äußeren politischen und ökonomischen Verhältnisse.

. . . Vielleicht war es in unserer Gesellschaft ja schon immer vorhanden, jenes unberechenbare, sprunghafte Verhalten. Jetzt, so scheint es, befreien wir uns von der patriarchalischen Repression innerhalb der Familien, indem wir uns der Wahrheit öffnen, statt instinktiv auf das nächstbeste Ziel einzuschlagen.

. . . Vielleicht haben wir die Wut, diesen “quecksilbrigen” Teil von uns, endlich hinter uns gelassen.”

Es lohnt sich Hugo Hamilton´s Beitrag hier in voller Länge zu lesen:  “Wir grölen und wir schlagen nicht mehr”

Hugo Hamilton wurde 1953 als Sohn eines irischen Vaters und einer deutschen Mutter in Dublin geboren. Er arbeitete zunächst als Journalist, bevor er Kurzgeschichten und Romane veröffentlichte. Als DAAD-Stipendiat lebte und arbeitete er 2001/2002 ein Jahr lang in Berlin. Mit seinen Erinnerungsbänden “Gescheckte Menschen” (dt. 2004) und “Der Matrose im Schrank” (dt. 2006) erregte er auch in Deutschland Aufsehen . 2007 erschien sein Reisetagebuch auf den Spuren Heinrich Bölls “Die redselige Insel” und zuletzt der Roman “Legenden” (dt. 2008). 2004 erhielt er in Paris den “Femina-Preis” für ausländische Literatur. Hugo Hamilton lebt mit seiner Familie in Dublin.

 

 

Die dunkle Seite der irischen Seele

Schafe in Irland_Wandern in IrlandGutes Irland. Welches Volk der Welt erfreut sich eines besseren Rufes als das der Iren? Mir fällt keines ein. Die Iren sind zweifelsfrei die Guten in dieser Zeit, die längst wieder vom Bösen und Bedrohlichen dominiert wird. Mehr noch, sie sind die ganz Guten, die sympathischen Menschen mit den großen grünen Hüten von der Grünen Insel. Die immer freundlichen, gastfreundlichen, redseligen, gutgelaunten und sanft-friedlichen Insulaner mit Hang zu Bier, Spiel, Spiritualität und Gesang. Selbst jetzt, bei der Bewältigung der schwersten Wirtschaftskrise im jungen Staate Irland scheinen sich die Irinnen und Iren als Musterpatienten zu profilieren, die ihre von den Finanzmärkten verordnete bittere Medizin des sich Totsparens zugunsten des internationalen Kapitals brav schlucken — und man glaubt es nicht: Umfragen und Untersuchungen wie der OECD Better Life Index bescheinigen Paddy und Mary, dass fünf Jahre Spardiktat, Verarmung, Sozialabbau und Entsolidarisierung wie spurlos an ihnen vorbeiziehen: Sie erfreuen sich des Lebens, sind zufrieden, optimistisch und gut drauf. Besser als die Briten, besser als die Deutschen. Besser als die meisten Europäer. How come? Warum eigentlich? Kann die Welt von diesen Frohnaturen lernen?

Man kann zum Schluss kommen, den der Kolumnist John Waters vor kurzem in der Irish Times gezogen hat: Dass sich die meisten Iren von Geld und Gier nicht haben in die Irre führen lassen; dass sie es zwar zehn Jahre ordentlich krachen ließen, nun aber — da Wohlstand und Konsumorgien sich verflüchtigt haben — von einer tieferen Dimension ihrer kollektiven Identität aufgefangen werden, die sich dem ökonomischen Streben, Maximieren und Vergleichen entzieht: der Sicherheit und Sinnhaftigkeit der spirituell-christlichen Glaubenstradition. Andere Erlärungsversuche für die “Happy poor Irish” unterstellen Gefallsucht in deren Antworten oder einen getrübten Blick: Glücklich ist, wer das Glas stets halb voll sehen kann, weil sein halb leeres Glas stets ordentlich wieder gefüllt wird. Wer die Suizid-Statistiken bei jungen Männern in Irland und anderswo liest, mag die Ergebnisse schlicht für Propaganda halten, oder man kann zum Schluss kommen, dass die Unzufriedenen sich der Umfragen weitgehend entzogen haben, weil sie längst nicht mehr in Irland leben: Hunderttausende haben die Insel in den vergangenen Jahren mit dem Ziel einer besseren Zukunft verlassen.

Genug der Motivsuche: In der Wirklichkeit manifestiert sich die irische Zufriedenheit als Fatalismus, als Schicksalsergebenheit und als Angst vor der Verantwortung. In keinem anderen Land im krisengeplagten Europa nehmen die Menschen die von außen verordnete massive Sparpolitik so klag- und widerstandslos hin wie in Irland. Im Gespräch, im Talk Radio oder in den Leserbriefspalten der Zeitungen wird zwar ordentlich geschímpft und Dampf abgelassen. Doch erkennbar starke politische Impulse wie Widerstand oder gar Neuorientierung entwickeln sich daraus nicht. Beredte Tatenlosigkeit allenthalben. Am Ende der Diskussion schwenkt der irische Gesprächspartner bevorzugt die weiße Fahne der Kapitulation mit dem Satz:”So sind wir halt. 800 Jahre Besatzung haben ihre Spuren bei uns hinterlassen. Erst die Engländer und Briten und jetzt die Troika und die Deutschen”. Natürlich setzt die deutsch-dominierte Austeritätspolitik die irische Regierung und das Volk massiv unter Druck. Zum Drücken und Erdrücken lassen gehören allerdings immer zwei. Die Menschen auf der Insel halten nicht mit Gestaltungswillen, Widerstand und Alternativstreben dagegen, sie fügen sich gott-england-und germanen-ergeben ins Schicksal.

Die Partei, die Irland von 2000 bis 2010 ins ökonomische Chaos regiert hat (Fianna Fail) , erhält in Umfragen bereits wieder eine Mehrheit, die aktuelle Regierungspartei (Fine Gael) und die alte Dauerregierungspartei (Fianna Fail) binden zusammen zwei Drittel der Wähler und mehr an sich, obwohl sie erkennbar dem Land und seinen Menschen mehr schaden als nutzen — und dennoch haben die Irinnen und Iren für ihre etablierten Parteien, die Regierung und den Staat nicht viel übrig. Die “Obrigkeit” will geduldet, ertragen, und wo immer es geht, hintergangen und ausgenutzt werden. Eine Lösung der Probleme traut man ihr nicht zu, dafür sitzt das Jahrhunderte alte Misstrauen in die Eliten offensichtlich allzu tief.

Es heißt oft, dass Worte mächtiger seien als Waffen. Die wortmächtigen Menschen von der grünen Insel bewiesen, dass das Gegenteil der Fall ist: Sie lamentieren rhetorisch auf höchstem Niveau, doch den Worten wachsen keine Beine — und wenn doch, führt der Frust allenfalls zum Flugzeug nach Australien. Die einen nennen das Pragmatismus, die anderen Weglaufen. Das ist die dunkle Seite der irischen Seele — die Niederlagen wie Siege feiert und ganze Stadien irischer Fans beim Untergang ihrer Mannschaft singen lässt. It’s so lonely ’round the Fields of Athenry . . .

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