Die durchbohrte Jungfrau: Dann spart mal schön

Die Irische Regierung kann zaubern

Die Irische Regierung kann zaubern: Karikatur der Irish Times zum Haushalt 2013*

Die durchbohrte irische Jungfrau: Seit dem Dezember 2007 wird die Schlinge um die Hälse der Irinnen und Iren Jahr für Jahr enger gezogen. Gestern war es wieder soweit: Budget Day, Tag der Verabschiedung des Staats-Haushalts. Im Gegensatz zu früheren Jahren hielt sich der öffentliche Aufschrei in Grenzen, vielmehr nahmen die gebeutelten Untertanen eher passiv und resigniert zur Kenntnis, dass sie im Jahr 2013 auf weitere 3,5 Milliarden Euro verzichten müssen. Neue und höhere Steuern, Abgaben und Gebühren auf der einen Seite und weniger Unterstützung und Geld vom Staat auf der anderen: Das sechste Spar-Budget in Folge wurde vom Parlament in Dublin verabschiedet. Eine irische Durchschnitts-Familie mit drei Kindern, einem kleinen Haus und einem kleinen Auto, so rechnete die Irish Times heute morgen vor, wird im Jahr 2013 rund 18o0 Euro weniger in der Tasche haben.

Immerhin: Teil 6 der Rosskur erscheint sozial ausgewogener als die Sparpakete der Vorjahre: Alle müssen nun zusätzlich leiden, von den Wohlhabenden über die Rentner bis zu den üblichen Verdächtigen. Und auch die Teilzeit-Bewohner Irlands, sprich Ferienhausbesitzer, und Gäste, sprich Touristen und Geschäftsreisende, werden das Spardiktat spüren. Hier ein paar Auszüge aus der Liste der Grausamkeiten:

* Die Grundsteuer für Haus- und Wohnungseigentümer wird zum 1. Juli 2013 eingeführt: Eigentümer zahlen künftig pro JAhr eine Grundsteuer in Höhe von 0,18 Prozent des Vermögenswerts. Den Wert der Immobilie müssen die Eigentümer selbst festlegen, das Finanzamt wird allerdings mit den entsprechenden Freiheiten ausgestattet, Schummler zu sanktionieren. Immobilien mit einem Wert über 1 Million Euro werden mit 0,25 Prozent veranlagt. Es wird damit gerechnet, dass die Masse der Haus- und Wohnungseigentümer 250 bis 400 Euro pro Jahr bezahlen müssen. 2013 wird zum Eingewöhnen nur ein halber Jahresbeitrag fällig. Ab März 2013 will die Regierung über das genaue Procedere informieren.

* Alkohol und Tabak werden teurer: Das Pint Bier und Cider ab sofort um 10 Cents, eine Flasche Wein um 1 Euro, eine Packung Zigaretten um 10 Cents.

* Angehoben werden die Rezeptgebühr, die KfZ-Steuer, die Studiengebühren, die Sozialabgaben, die Zinsabschlags- und die Kapitalertragssteuer, gekürzt dagegen das Kindergeld.

* Die Sozialleistungen für Arbeitslose, Kranke, Rentner und Familien werden nicht grundsätzlich gekürzt, jedoch an vielen Stellen ausgedünnt.

Und wozu das Ganze? Ganz einfach: Um die vom irischen Staat auf Druck der Europäischen Union (Deutschland und Frankreich) übernommenen Schulden der wankenden irischen Banken auszugleichen. Um 70 von der internationalen Banken-Mafia verzockte Milliarden Euro wieder einzuspielen. Um dem Spardiktat der Troika aus EU, EZB und Internationalem Währungsfond nachzukommen. Damit Irland wieder Zugang zu den internationalen Finanzmärkten erhält. Dafür zahlen Irlands viereinhalb Millionen Bürger und Steuerbürger nun im sechsten Jahr einen hohen Preis. Sie werden für ihre fehlende Reaktanz weltweit mit viel Lob überschüttet, in bunten Farben als Musterpatienten dargestellt, und auf eine goldene Zukunft vertröstet: Bald sei es geschafft, schon im kommenden Jahr könne das Spardiktat gelockert werden, tröstete Finanzminister Michael Noonan, unter der Bedingung, dass . . . ja, dass die irische Wirtschaft ab 2013 wieder kräftig wächst.

Geht die irische Krise wirklich zu Ende? Bei aller Schönrednerei wird es entscheidend darauf ankommen, das die immensen Staatschulden Irlands verlagert werden, dass ein versteckter Schuldenschnitt gemacht wird, dass die Schulden im internationalen Finanzsystem  ”clever” und zu Lasten künftiger Generationen geparkt werden, dass die Zurückzahlung der für viereinhalb Millionen Menschen viel zu hohen Milliardensumme auf einen allzu fernen Tag X gestreckt werden wird. Für diesen Deal braucht die irische Regierung die wahren Entscheider in der Europäischen Union — und die sitzen in Berlin, in Paris und (noch) in London. Dafür tut Irland nun seit Jahren artig, was ihr die Finanzbesatzungsmacht Troika aufträgt, dafür exekutiert sie Spar-Budget um Spar-Budget. Der Deal ist für beide Seiten von relativem Vorteil: Die EU kann das Problem Irland auf die lange Bank schieben, kann sich um die wirklichen Problembären in Südeuropa (und Frankreich?) kümmern, hat zudem eine Erfolgsgeschichte vorzuweisen (“Irland schafft es mit unseren Rezepten als erstes Land aus der Krise . . . ” ). Der Tag der Abrechnung in und für Irland wird allerdings kommen. Sicherer noch als das Amen in der Kirche.

* Zum Bild: Die beiden Spar-Minister Noonan und Howlin werden von der Irish Times heute als Zauberer vorgeführt: Die Anweisung der Regierung für die gefangenen und erstochenen Bürger in der Kiste lautet: “. . . dann befreit Ihr Euch und geht groß einkaufen, um die Wirtschaft anzukurbeln . . . Magisch”  Der gezeigte Trick heißt in Fachkreisen übrigens “Die durchbohrte Jungfrau”.

Die kleine Stadt in Irland: Die Krise frisst sich tiefer

Bantry IrlandDie Krise in Irland. Mary macht sich große Sorgen: “Wie sollen wir bloß den kommenden Winter überstehen”. Das Frühjahrsgeschäft mau, das Sommergeschäft dünn — und nun stehen die ohnedies mageren Monate bevor. Kaum jemand kommt in diesen Tagen ins Geschäft, noch nicht einmal, um ein wenig zu schnuppern. Die Nachfrage ist zusammengebrochen Die einizgen Hoffnungen der Modeladen-Besitzerin ruhen auf dem Weihnachtsgeschäft. In unserer kleinen Stadt in Irland hat sich in den vergangenen fünf Jahren vieles verändert — und vieles nicht zum Guten. Seit die große Wachstums- und Wohlstand-Party des Keltischen Tigers im Jahr 2007 über Nacht zu Ende ging, schlich sich der Niedergang ein. Langsam erst und kaum bemerkbar. Geschäfte schlossen, Unternehmen verkleinerten erst die Belegschaft, gaben dann komplett auf. Die Zahl der brandneuen Autos und der fetten Geländewagen auf den Straßen schrumpfte. “Das ist in der Rezession so,” sagt Pat der Baumeister, “da verschwindet alles, was nicht benötigt wird”. Nichts Ungewöhnliches eben. Ein Ab im Zyklus der Konjunktur.

Doch nun, nach fünf Jahren Rezession, nach fünf Jahren Abspecken und Kürzertreten, nach fünf Jahren Gürtelengerschnallen und geschicktem Haushalten, hinterlässt die tiefe Wirtschaftskrise in Irland auch dort ihre tiefen Spuren, wo die Menschen traditionell weniger den Trends, Hypes und Moden folgen und deshalb für Gewinn und Verlust weniger anfällig sind als die Stadt-Iren im dichtbesiedelten Osten der Insel: auf dem Land, in der Provinz, fernab der Hauptstadt und der schicken Einkaufsstraßen. Dort, wo Angebot und Auswahl auch in den fetten Jahren eher begrenzt waren. Jetzt geht die Krise auch in den Städtchen und Dörfern im ländlichen Irland ans Eingemachte, an die Substanz. Die Krise frisst sich tief und tiefer in die Infrastruktur.

Im Ausland und in den Reden der Politiker wird Irland seit Monaten als Musterschüler im Sparen, Erdulden und Erholen gefeiert. Die Zweck-Optimisten vom Dienst feiern die Wende, das Ende des Abstiegs, den Neubeginn. Im Alltag der Menschen ist davon nichts erkennbar. Unsere kleine Stadt am Meer hat in den vergangenen fünf Jahren die wichtigsten Arbeitgeber und damit hunderte Arbeitsplätze verloren: Die Bauunternehmer haben dicht gemacht. Die Seafood-Fabrik wurde nach Südamerika verlegt, all die Nice-to-have-Shops sind verschwunden. Die verlorene Kaufkraft  bedroht nun die lokale Wirtschaft: Autohändler, Versicherungs-Agentur, Pubs, Restaurants, Lebensmittelläden, der Küchen-Shop, ja selbst die Fastfood-Bude, die Tankstelle und der Metzger kämpfen gegen den sich verschärfenden Abwärtssog. Und überall, wo der Staat finanzieren muss, ist ohnedies der Wurm drin: Polizeiposten, kleine Schulen, Krankenhaus, das Ärzte-Zentrum und die Notarztversorgung sind von Schließung oder weiteren Kürzungen bedroht. Im Gegenzug werden Steuern und Abgaben erhöht, die Sozial- und andere staatliche Hilfen gekürzt. Ein Ende der Durststrecke scheint nicht in Sicht, auch wenn Irlands Regierungs-Chef im Ausland bereits als großer Meister der Wende gefeiert wird. Das neue Staatsbudget, das im Dezember verabschiedet wird, kennt für die Menschen auf der Insel nur eine Richtung: Belastungen weiter rauf, Unterstützung und Hilfe drastisch runter.

Die Kehrseite der Krise: Die Natur gewinnt. Viele kleine und große Menschen-Projekte, die Natur in Kapital verwandeln, die natürlichen Resourcen des Landes zerstören und das quantitative Wachstum befeuern, haben derzeit keine Chance auf Verwirklichung. Das Buddeln und Bauen, das Betonieren und Versiegeln, das Zurückdrängen und Zerstören der Landschaft hat Pause, Auszeit. Atempause. Es wäre die Aus-Zeit, um über die eigentliche Großkrise hinter der Wirtschaftskrise nachzudenken: Die vom Wachstums-Dogma programmierte ökologische Katastrophe, die uns allen droht. Es wäre die Zeit, um die Weichen für ein neues Wirtschaften zu stellen: Doch wer interessiert sich dafür, wenn gerade der Olivenhändler und das Lieblings-Pub dicht machen?

 

Foto: Bantry – von Peter Zoeller

Die Straßen sind leer, Ruhe ist schön, aber . . .

Straße in Irland“Die Straßen sind leer geworden, wo sind die Leute hin”, sagt Donal, der Schulbusfahrer. Es ist Herbst in Irland, die Urlaubsgäste sind längst nach Hause gegangen und die Einheimischen haben weniger Grund und weniger Geld als früher, um unterwegs zu sein. Inmitten der anhaltenden tiefen Krise lässt sich der wirtschaftliche Einbruch hier auf dem Land tatsächlich am Verkehr auf den Straßen ablesen: Die Straßen sind leer, so wie die Geschäfte leer sind.

Irlands Südwesten Ende September 2012. Viele Menschen fahren morgens nicht mehr zur Arbeit. Weil sie keine haben. Kunden beim Tierarzt, in der Autowerkstätte, im Buchladen, im Supermarkt? Einige, wenige. Weniger vor allem. Baufahrzeuge dominieren auf den Straßen? Das war einmal. Lange her. Pat der Baumeister begnügt sich mit Reparatur-Jobs. Der Video-Verleih, der Haushaltswarenladen, der Schmuckladen, der Schnellimbiss – geschlossen, aufgegeben. Zurück gekehrt ist die Ruhe. “Ruhe ist schön”, sagt Noel, der Bergfarmer, “nur kaufen kann ich mir nichts davon“.

Land bei Cork wird 93 Prozent unter Höchstpreis verkauft

Hier ist was faul im Staate Irland. NAMA, die staatliche Bad Bank des Landes, die in den vergangenen vier Jahren von bankrotten Bauuntenehmen und von Pleite-Banken tausende Grunstücke und Immobilien übernommen hat, betreibt einen undurchsichtigen Ausverkauf. Im Süden der Stadt Cork verkaufte die Staats-Agentur laut Irish Examiner jetzt ein 180 Hektar großes Stück Land über einen Immobilienmakler quasi unter der Hand. Das Land zwischen Douglas und Carrigaline gehörte dem Ehepaar Barry, das in den vergangenen Jahren spekulativ unterwegs war, ein Bauträgerunternehmen betrieben und das Land zusammengekauft hatte.

Das Brisante an dem Deal: Das Land ging ohne Ausschreibung und öffentliche Bekanntmachung für sieben Millionen Euro an einen neuen Besitzer. Auf dem Höhepunkt des Booms hatten die 100 Hektar in City-Nähe einen Wert von 100 Millionen Euro. Der Preisverfall beträgt damit 93 Prozent. Potentielle Interessenten erfuhren offensichtlich erst von dem Schnäppchen-Deal, als der schon in trockenen Tüchern war. Das riecht nach einem faulen Geschäft unter Beteiligung einer Staats-Agentur. Es darf vermutet werden, dass die Gier der Spekulanten im Halbdunkel der intransparenten Bad-Bank-Deals längst neu entflammt ist.

Klartext: Ein Banker lässt das Schwurbeln

Diplomaten und Banker sind Leute, von denen man keine klaren Worte erwartet. Sie schwurbeln tagein, tagaus im Jargon der Uneigentlichkeit, der Diskretion, der Gemessenheit und der klausulierten Zwischentöne. Es heißt, dass sich Schlaflose gerne einschlägige Reden von Bankern und Diplomaten anhören, um das Eingangstor zum erlösenden Schlummer schneller zu finden. Die Wirkung ist deshalb umso größer, wenn ein Botschafter oder ein Bankenvorstand wirklich einmal klare Worte findet.

Die Deutschen, denen manche Bloggeristos nun wieder das Attribut “hässlich” andichten wollen, gelten in Irland zumindest als gradlinig, humorlos direkt, ja allzu direkt und als im Übermaß zu klaren Worten greifend. Ist es deshalb Zufall, dass gerade deutsche Botschafter und Banker mit den lieben Irinnen und Iren immer mal wieder Klartext reden? Die Überraschung jedenfalls war groß, als der Europäische Zentralbanker Jörg Asmussen (Foto) gestern vor einem kleinen Kreis sich für elitär haltender Denker Tacheles über Irlands Wirtschaft redete. Ganz im Stile des legendären deutschen Botschafters in Dublin, Christian Pauls, der die Iren im Jahr 2007 auf dem Höhepunkt des Keltentiger-Wahns als “zunehmend ungehobelt” und als “vom Geld besessen” abwatschte, packte Top-Banker Asmussen  die rhetorische Peitsche aus.

Der deutsche Sozialdemokrat in Nadelstreifen wählte unzweideutige Worte für das Finanz- und Wirtschafts-Debakel, das Irland seit Ende 2007 erlebt: Irlands Wirtschaft sei durch exzessive Lohnerhöhungen “unfit und übergewichtig” geworden, der Absturz sei größtenteils hausgemacht. Sowohl der öffentliche Dienst als auch die Privatwirtschaft in Irland hätten sich von 2000 bis 2010 doppelt so kräftig bedient wie in anderen EU-Staaten und hätten die Wettbewerbsfähigkeit des Land damit drastisch geschwächt: Die Gehälter von Regierungs-Beamten etwa seien in den zehn Jahren um 90 Prozent gestiegen.

ECB-Banker Asmussen verband die Watschen mit einem ernüchternden Ausblick für die Ambitionen der irischen Regierung: Es werde keinen Schuldenschnitt geben und keine Erleichterung der Schuldenlast für Irland. Irland habe proportional die höchste Finanzhilfe in Europa bekommen und müsse sich nun in den kommenden Jahren mächtig ins Zeug legen, um Schulden abzubauen und die Kurve zur finanziellen Gesundung zu nehmen.  Der deutsche ECB-Banker mahnte vor allem drastische Reformen für die Berufsstände der Juristen und Mediziner an, die sich positiv auf Preise und Arbeitsplatzangebot auswirken würden.

Gestern wurde auch bekannt, dass Irlands Lehrer – mit die best bezahlten in ganz Europa – zusätzlich zu ihren Spitzengehältern Jahr für Jahr rund eine halbe Milliarde Euro an Gratifikationen und Boni einstreichen. Der Staat zahlt dem Lehrpersonal geradezu absurde Zulagen für die Ausübung der Pausenaufsicht, für den Unterricht in Gaeltacht-Gebieten (den Schutz-Reservaten der irischen Sprache) oder einfach fürs Älterwerden. Das zu ändern wird jedoch nicht leicht sein: Die Gehälter im aufgeblähten und überbezahlten öffentlichen Dienst sind durch das Croke Park-Abkommen zwischen Regierung und Gewerkschaften seit 2010 und mindestens bis 2014 weitgehend geschützt. Die Troika muss deshalb schnell Mittel und Wege finden, diese Privilegien zu knacken und die privilegierten Berufsstände am Sparen maßstäblich zu beteiligen.

Gierige & wahnsinnige Iren verursachten Crash!?

Irlands Ministerpräsident Enda Kenny lässt es sich gerade in Davos gut gehen uns hat zuhause auf der Insel eine ganze Menge Menschen gegen sich aufgebracht. Auf dem Weltwirtschaftsforum in der Schweiz schob Kenny die Schuld für Irlands Schulden-Crash den Bürgern zu. Laut Irish Times sagte der Taoiseach:

“The problem with Ireland’s economy was that people went mad borrowing in a system that spawned greed, went out of control and crashed” Speaking during a discussion on rebuilding Europe at the World Economic Forum in Davos, Switzerland, Enda Kenny said: “The extent of personal credit, personal wealth created on credit, was done between people and banks – a system that spawned greed to a point where it just went out of control completely with a spectacular crash.”

In einem Satz: Der gierige Paddy Normalverbraucher hat sich Geld geliehen wie ein Wahnsinniger, bis das irische System zusammenbrach. So haut  Enda Kenny sein Wahlvolk vor der versammelten “Weltelite” in die Pfanne. Noch vor wenigen Wochen hatte das ganz anders geklungen. In seiner Fernsehrede an die Nation stellte der Taoiseach seinen Landsleuten quasi einen Persilschein aus: Nein, sie trügen am Finanz-Wirtschafts-Immobilien-und-Konjuntkur-Crash keine Schuld. Offensichtlich laufen da draußen also zwei Kennys rum, einer für die Innenpolitik unn einer für die große weite Welt. Dumm nur, dass sich auch die im Ausland geäußerten Sprüche in einer vernetzten Welt so schnell bis in den letzten Inselwinkel verbreiten.

Jetzt bezieht der doppelte Kenny daheim Prügel. Die Opposition wirft ihm Opportunismus und Doppelzüngigkeit vor, und man merkt, wie wenig Irland die Große Krise bislang analysiert, verarbeitet und verdaut hat. Doch wer hat nun Recht? Der Inlands- oder der Auslands-Kenny? Sind Paddy und Mary schuld, oder doch die bösen Banker, die windigen Spekulanten, die gefräßigen irischen Bauhaie und die gierigen Politiker, die die Immobilienkrise massiv verschärften? Oder gar alle zusammen?

Soll Irland die Cliffs of Moher verkaufen?

Ein hochbezahlter Beamter der Europa-Bürokratie hat den am Geldtropf Europas hängenden Griechen vor einigen Tagen empfohlen, sie sollten ihre herrlichen Strände verkaufen, um aus den Schulden zu kommen und wieder flüssig zu werden. Und die Inseln vielleicht gleich dazu? Diese Ausverkaufs-Gesinnung, die die helfende Hand aus Brüssel und Washington (IWF) lenkt, wurde auch in Irland mit Misstrauen registriert. Werden jetzt als nächstes die natürlichen Resourcen des Landes verhökert und verscheppert? Einzelne Ökonomen rufen schon die Bürger an die Wahlurnen, fordern eine außerordentliche Volksabstimmung über das eigene Schicksal.

Es ist bekannt, dass starke Wirtschaftsländer bereits seit Jahren systematisch und massenhaft fruchtbare Landwirtschaftsflächen in anderen Ländern aufkaufen, um sich die Lebensmittelproduktion der Zukunft zu sichern. Wir wissen von der großen Shopping-Tour Chinas, das in Afrika Hektar um Hektar Agrarland aufkauft, um die Versorgung der eigenen Beöllkerung zu sichern. Folgt diesem Agro-Neo-Imperialismus nun die kulturelle Variante? Läuft Irland Gefahr, dass die Cliffs of Moher bald den Chinesen gehören und von diesen vermarket werden? Dass das finanzielle Hilfsangebot der Japaner nur darauf abzielt, sich den Rock of Cashel unter den Nagel zu reißen? Dass die Amerikaner bald Bunratty Castle, die Aran Inseln und Blarney Castle zum 51. Bundesstaat ernennen? Und dass Inch Beach an ein indisches Konsortium verzockt wird?

Das Szenario scheint übertrieben. Das Privateigentum regiert Irland schon seit Jahrzehnten. Wesentliche Teile der berühmten Berge in Kerry gehören einer deutschen Industriellenfamilie, große Flächen im südwestlichen West Cork sind ebenfalls fest in deutscher Hand. Irische Privateigentümer bestimmen über die schönsten Landspitzen der Insel. Gemeinde-Eigentum und öffentliches Land sind die seltene Ausnahme.

Und doch macht der Ruf nach einer Volksabstimmung Sinn. Irland muss sich von der erdrückenden Schuldenlast befreien, die dem Land und seinen Bürgern von der eigenen Regierung, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds IWF aufgebürdet wurden. Die Bürger der Insel haben diese Schulden nicht alleine aufgehäuft. Wieso sollen sie diese monströsen Milliardensummen deshalb alleine begleichen und das Land damit in die dunklen 50er-Jahre zurück katapultieren?

Die Sause unter südlicher Sonne ist zu Ende

Zu Zeiten des Keltentigers, als Irland plötzlich zu den reichsten Ländern der Welt gehörte, waren irische Kunden die Schätzchen der Immobilienmakler weltweit. Außer Nordkorea oder Myanmar war kaum ein Land vor marodierenden Millionären von der Grünen Insel sicher. Zu Wohlstand oder zumindest zu einer großzügigen Kreditlinie gekommene Iren kauften sich Ferienhäuser in Spanien, Frankreich, in Bulgarien und Ungarn, in Kanada und Indien, in Dubai und in Südafrika. Nun hat die Sause auch auf dem Ferienhaus-Markt ein Ende. Paddy und Mary versuchen ihre Liquidität aufzubessern und  sich schweren Herzens von ihrem Kleinod unter südlicher Sonne zu trennen.

In Maklerkreisen wird geschätzt, dass jedes zweite irische Ferienhaus im Ausland – manche meinen sogar zwei von dreien sei realistischer – zum Verkauf steht. Besonders gerne kauften die Sonnensucher von der Insel Häuser und Villen im Süden Europas: Gemauerter Luxus in Spanien und Südfrankreich galt als der Renner im ökonomischen Kräftemessen der Neu-Kelten – und spanische Makler erinnern sich wehmütig an die frühen 2000-er Jahre, als die irische Scheckbuch-Elite  manchmal gleich drei oder vier Häuser auf einmal in Besitz nahm: eines für die eigenen Bedürfnisse, die anderen für Freunde und zum Weiterverkauf mit Gewinn.

Doch der Wind hat sich gedreht: Kommen im Süden Frankreichs überteuerte Luxus-Immobilien auf den Markt, raunen sich die Franzosen zu: “Wohl wieder ein Ire in Nöten”   – und in Spanien werden die Verkaufsabsichten mitleidig belächelt. Denn der spanische Immobilienmarkt liegt ebenso am Boden wie der irische Heimatmarkt: Die Preise fallen seit Jahren, hunderttausende Appartements und Häuser stehen leer.

Interessiert verfolgen Irlands Steuereintreiber, die Revenue Commissioners, das Treiben ihrer Landsleute auf den internationalen Immobilienmärkten. Offiziell haben 27.000 Iren Immobilien im Ausland gekauft, eine lächerlich geringe Zahl. Denn bis vor drei Jahren ging es bei Irlands Neureichen zu wie weiland bei deutschen Handwerkern in den goldenen Zeiten der Aufbaujahre: Sie verfrachteten das Bargeld kofferweise ins Ausland, um es dort vergnügungs- und gewinnbringend in Zweit- und Dritt-Residenzen anzulegen.  

Slider by webdesign