Eine Muschel: Die letzte Chance für die Bantry Bay

 

Die Bantry Bay im Südwesten Irlands, unsere Wahlheimat am Atlantik, ist eine der schönsten Buchten der Insel, eine viel besungene dazu. Und eine umstrittene. Ging es früher um Landbesitz, Clan-Einflusszonen, Sardinen, um Öl und um weissen Sand, so zankt man sich neuerdings, seit genau fünf Jahren, um Lachsfarmen. 

Im Herbst 2015 hat der ehrgeizige damalige Landwirtschafts- und Fischerei-Minister Simon Coveney eine Lizenz für eine Riesen-Lachsfarm in der Bantry Bay erteilt. Am Shot Head soll der Mega-Umweltverschmutzer Marine Harvest, ein norwegischer Fischereimulti mit unrühmlicher Vergangenheit, eine geplante 42 Hektar große Lachsfarm installieren dürfen. Doch noch gibt es einen kleinen Funken Hoffnung, dass das zerstörerische Projekt verhindert werden kann.

Seit gestern findet in Bantry eine zweitägige Anhörung der Widerspruchsführer im Kampf gegen die geplante Lachsfarm am Shot Head, einer weitgehend unberührten Küstenlandschaft, statt. Ein vom genehmigenden Minister ernanntes (!) sechsköpfiges Komittee will sich die Argumente der Farm-Gegner noch einmal anhören, bevor über Zulassung oder Ablehnung der Einsprüche entschieden wird. Ob dies mehr ist als eine Alibi-Veranstaltung, die etwas politischen Druck ablässt, obwohl die endgültige Entscheidung bereits gefallen ist? Pessimisten vermuten dies.
 
Shot_Head_Beara_Irland_by_Wanderlust

Idyllische unzerstörte Landschaft am Shot Head

 

Wir waren gestern dabei, in diesem Experten-Universum, in dem Juristerei und Prozeduren die bunte Lebenswirklichkeit in die Zweidimensionalität formaler Verfahren mit eigener Logik und eigenen Gesetzen mutieren lassen. Hier wird der gesunde Menschenverstand am Eingang abgegeben – und doch sind die allgemein verständlichen Fakten eindeutig:

 

:: Die über eine Million Lachse würden Fäkalien („Shit“) produzieren, die einer Stadt mit 60.000 Einwohnern entspräche. Der Gedanke ist skurril: 60.000 Menschen wird erlaubt, ihre tägliche Notdurft in die Meeresbucht zu verrichten – der Output gesellte sich dann zur Notdurft aus all den Anrainergemeinden, die bis heute keine Kläranlagen haben. Die Ausscheidungen der in unten offenen Containern gefangenen Lachse würden der doppelten Menge der Fäkalien aller Anrainer der Bantry Bay entsprechen. (Hier leben weniger als 30.000 Menschen und wenigstens einige Gemeinden haben inzwischen Kläranlagen.) Die Lachsfarm selber würde die ohnehin mäßige Wasserqualität und die Umweltbedingungen in der Bucht dramatisch verschlechtern. Zudem würde ein beachtlicher Teil das Lachsfutters, gepresste Pellets überwiegend aus Fischmehl, auf den Meeresboden sinken und unter den Käfigen in eine tote Mondlandschaft entstehen lassen.    

 

:: Der produzierte atlantische Zuchtlachs ist ein minderwertiges bis gefährliches Nahrungsmittel, das der Gesundheit der Menschen aufgrund der pharmazeutischen Behandlung der Tiere nicht förderlich ist. Der vorbei ziehende gesunde Wildlachs aber wird durch die Lachsfarmen und die in ihnen ständig wütenden Krankheiten weiter dramatisch dezimiert. Eine große Gefahr für Wildlachse stellen die in Lachsfarmen gehäuft auftretenden parasitären Seeläuse dar. Auch der Produktionsaufwand für Lachs ist angesichts der ökologischen Krise unserer Welt geradezu obszön: Für die „Herstellung“ von einem Kilogramm Zuchtlachs benötigt es fünf bis sieben Kilogramm Fisch.

 

:: Der Wildlachs ist in Irland in den vergangenen Jahrzehnten drastisch dezimiert worden: 93 der 147 Lachsflüsse im Land sind mittlerweile für Angler gesperrt, weil die Bestände sich erholen müssen, beziehungsweise bereits erschöpft sind.Der traditionelle Lachsangel-Tourismus sagt in Irland langsam und leise bye-bye.  

 

:: Die Einheimischen in der Bantry Bay haben von dem Deal keine erkennbaren Vorteile. Die Handvoll Arbeitsplätze, die man ihnen verspricht, gehen auf der anderen Seite bei den kleinen Fischern, die ihre Fischgründe verlieren, und im Tourismus verloren. Alles, was den Menschen in der Bucht bleibt, sind Zerstörung, Umweltschäden, Lärm, zusätzlicher Verkehr und wohlmöglich Krankheiten. Die Profite streichen sich die Aktionäre des Fischerei-Multis ein und die Lachse werden nach China geliefert. Wer also profitiert in Irland von diesem Deal? 

 

Dennoch könnte es sein, dass die Gegner zumindest einen deutlichen Aufschub des Projekts erreichen können. Sie argumentieren weder mit Gesundheitsgefahr noch mit Umweltschäden, ihre Waffen sind Verfahrenstechnik und spitzfindige juristische Argumentation. So könnte es sein, dass ein eher unansehnliches Kraut namens Schierlings-Wasserfenchel, der die Elbvertiefung bei Hamburg gerade ein Stück weiter in die Zukunft verbannt hat, seine irische Parallele findet. Die Hoffnung der Lachsfarm-Gegner in der Bantry Bay ist die Fluss-Perlmuschel.

 
Lachsfarmen in Irland

Lachs aus Käfigen: umstritten und noch begehrt. Foto: © Anaconda Film

 

Diese Süsswassermuschel, die älter als der Mensch werden kann, lebt noch immer in drei Flüssen, die in die Bantry Bay münden. Sie würde mit dem Wildlachs und der Seeforelle aussterben, weil sie von diesen abhängig ist. Und weil dies sein könnte, ist die Fluss-Perlmuschel laut Umweltrecht der EU nun die neue Heldin der Lachsfarmbekämpfer – zusammen mit dem ebenfalls schützenswerten Otter und mit dem Verfahrensfehlernachweis. Jener ist zwar kein Tier und keine Pflanze, dafür aber ein treuer Helfer der mutigen Kämpfer gegen die einseitigen Regierungsinteressen und zudem ein Freund der Gerichte. So versuchen die Zuchtlachs-Gegner der Regierung nun nachzuweisen, dass sie die Beteiligungsrechte der Öffentlichkeit unzulässig beschnitten hat, dass sie eine unzulängliche Umweltverträglichkeitsprüfung akzeptiert hat, dass sie aus parteiischen Gründen entschieden und missliebige Informationen bewusst unterdrückt hat.

 

Gekämpft wird im Saal. Kultiviert und mit sanfter Stimme. Und dabei doch unerbittlich. Schließlich geht es um Multimillionen-Profite für Wenige oder um unser aller Umwelt und Gesundheit.  

Lachsfarm in Bantry Bay Irland

Die Pläne für eine 42 Hektar große Lachsfarm in der Bantry Bay

Die Lizenzvergabe an Marine Harvest für die Bantry Bay könnte der Auftakt sein für eine ganze Sturmflut von Genehmigungen entlang der Atlantikküste. 46 Standorte für die Fischkäfige weist der irrwitzige Masterplan der irischen Regierung zur systematischen Ausbeutung der eigenen Meere aus. Die Konsequenzen des Big Deals, in dem Großaktionäre, Fischereikonzerne, die chinesische Regierung, einige nicht ganz selbstlose irische Politiker und eine manipulierte Öffentlichkeit die Hauptrollen spielen: Mehr billiger Zuchtlachs für die Welt. Auf dem Altar des Wachstums wird die Umwelt zerstört, werden Tiere gequält, wird minderwertige und gesundheitsgefährdende Nahrung produziert, wird der Wildlachs endgültig ausgerottet.  

Und ich bleibe doch dabei: In zehn Jahren wird kein halbwegs gesundheitsbewusster Mensch mehr Lachs aus Lachsfarmen essen. (Hier gibt es mehrere Beiträge über die umstrittenen Lachsfarmen in Irland).

 

Ein schmutziger Skandal erschüttert Irland

Irland Polizei

Heute am frühen Morgen besuchte mich Donald Trump. Es war sein Antrittsbesuch. Er kam vom Händeschütteln mit Justin Trudeau, hatte auf dem Weg in meinen Traum offensichtlich einen  Zwischenstopp beim Friseur eingelegt. Ohne die gelb gefärbte Tolle und mit kurz geschnittenem Haar verwechselte ich den Präsidenten-Lehrling, der völlig normal und vernünftig auftrat. zunächst mit unserem Heizungs-Installateur. Wird nun doch alles gut am anderen Ende des großen Wassers, das vor unserer irischen Haustür beginnt, oder war dieser Traumfetzen eher ein deutlicher Fingerzeig auf die Banalität des Bösen? Im Moment weiß ich lediglich, dass dieses Irland-Webmagazin auch künftig eine weitgehend Trumpf-freie Zone bleiben soll. Ein Refugium für alle von der täglichen amerikanischen Verrücktheit Ermüdeten. Kommen wir also zum alltäglichen Bösen auf unserer großartigen kleinen Insel.

Es ist mir in unseren 16 Jahren Leben in Irland nicht recht gelungen, ein gesundes Vertrauen zur irischen Polizei aufzubauen. Einmal wurde ich Nutznießer polizeilicher guter Laune, einmal erlebte ich mit, wie rüde und chauvinistisch ein machtversessener Verkehrspolizist eine selbstbewusste Frau erniedrigte, da und dort sah ich die zielführende aktive Untätigkeit der Garda, wie die Polizei in Irland heißt, ein anderes Mal die informelle polizeiliche Einflussnahme aufgrund von Bekanntschaften, die enge distanzlose Verflechtung von Polizisten mit Familie, Freunden und Bekannten – und schließlich das große polizeiliche Versagen im bedeutendsten Mordfall in Irlands Südwesten, dem Fall Sophie Toscan du Plantier. Es schien mir in der Theorie immer entscheidend, die eigenen persönlichen Beziehungen zu Garda-Beamten gut zu ölen und zu pflegen –  mit einem deutsch geprägten Mindset allerdings wurde daraus niemals Praxis. So wunderte ich mich still – unter anderem über das aktuelle Ergebnis des Welt-Korruptionsindex, der Irland wenig korruptions-gefährdet unter 176 Ländern auf Platz 19 sieht (Deutschland steht auf Rang 10).

GardaSeit Ende vergangener Woche erschüttert ein nun ein schmutziger und widerlicher Skandal das politische Irland – und es könnte sein, dass ein aufrechter irischer Polizist, der seit fast zehn Jahren durch die grüne Hölle geht, die Regierung des Landes zu Fall bringen wird. Im Zentrum – ohne dafür verantwortlich zu sein – steht der Polizeibeamte Maurice McCabe. Vor zehn Jahren meldete der geradlinige Polizist aus dem County Cavan mehrfach falsches und illegales Verhalten von Kollegen bei seinen Vorgesetzten. In der Öffentlichkeit bekannt wurde der Garda-Sergeant im 2008, als er den Missbrauch des Strafpunkte-Registers für Autofahrer, das Pendant zum deutschen „Flensburg-Punkteregister“ publik machte. Zahlreiche bekannte und einflussreiche Personen, die ihren Führerschein verloren hatten, waren in den Genuss einer wundersamen Löschung ihrer Strafpunkte gekommen, darunter auch ranghohe Polizisten, Prominente und Politiker.

Seitdem trägt Maurice McCabe die zweifelhafte Bürde, ein Whistleblower zu sein. Er wurde von Vorgesetzten drangsaliert, er wurde gemobbt, ihm wurde die weitere Nutzung des Strafpunkte-Systems im Polizeicomputer verboten. Er erhielt Morddrohungen und wurde als Verräter aus den eigenen Reihen angefeindet. Maurice McCabe sagt heute, sein Leben seien Familie und seine Karriere seien zerstört worden und er würde der Wahrheit nicht ein zweites Mal die Ehre geben, wenn er die Chance hätte. Der Skandal um die Manipulation des Autofahrer-Strafregisters schien im Jahr 2014 doch noch ein gerechtes Ende zu nehmen: Der Justizminister musste zurücktreten, der oberste Chef der irischen Polizei genauso: Seine Strafpunkte waren ebenfalls auf wundersame Weise aus dem Register verschwunden. Angesichts weiterer Enthüllungen über systematische illegale Abhör- und Überwachungspraktiken der Polizei hielt sich jedoch der starke Eindruck, dass die Garda Siochana, Irlands Polizei, ein weitgehend unkontrolliertes Eigenleben führt, die Rede ist immer wieder vom „Staat im Staat“.    

In der vergangenen Woche nun enthüllte die kritische TV-Sendung Prime Time, dass eine Abteilung der staatlichen Gesundheitsbehörde HSE eine verleumderische Akte über den Polizeibeamten Maurice McCabe führte. Darin wurde der Whistleblower als „Pädophiler“ und als „Kinder-Vergewaltiger“  verleumdet. Interessierte Kreise hatten im übrigen dafür gesorgt, dass das irische Establishment, Politiker und Journalisten in Dublin, die schmutzigen Gerüchte sorgfältig verbreitete, damit jeder „Bescheid wusste“. Nun wurde der Rufmord an Sergeant Maurice McCabe  öffentlich. Die Nachricht von der nicht enden wollenden Schmutzkampagne gegen den Polizisten entfaltete sich innerhalb von zwei Tagen zum politischen Orkan. Der Leitartikler Fintan OToole schrieb in der Irish Times von der Möglichkeit einer Verschwörung, von einer dramatischen Gefährdung für die Demokratie, für die Sicherheit im Land und von der Willkür, die man im Polizeistaat kennt.

Die Gesundheitsbehörde HSE hat mittlerweile eingestanden, dass die Vorwürfe gegen Maurice McCabe jeglicher Grundlage entbehrten und durch eine „Verwechslung“ in dessen Akte geraten seien. Die angebotene Entschuldigung lehnte Maurice McCabe mit dem Hinweis auf die Unaufrichtigkeit der Behörde ab. Die Öffentlichkeit fragt sich indessen, welche Rolle der Regierung in diesem schmutzigen Ränkespiel zukommt. Während eine Kommission nun die Vorgänge aufklären soll, sind die Regierenden in Volldeckung gegangen. Sowohl Ministerpräsident Kenny als auch seine Justizministerin wollen von gar nichts gewusst haben. Doch der Druck steigt – und politische Beobachter halten nicht für ausgeschlossen, dass die Regierung über den Fall Maurice McCabe stürzen wird. Ob auch die ganze Wahrheit an den Tag kommen wird, ist eine andere Frage . . .     

Fotos: mab / ez

Politischer Stillstand und jede Menge Probleme

Irland Wirtschaft

Ist die wirtschaftliche Erholung in Irland schon wieder bedroht?

Politischer Stillstand in Irland. Ich habe an dieser Stelle in den vergangenen Monaten kaum über die irische Politik geschrieben. Warum? Weil es nicht viel Interessantes zu berichten gab seit den Neuwahlen vor knapp einem Jahr. Die Minderheitsregierung  verwaltet den Stillstand, neue Gesetze gab es kaum, die Entscheidungs- und Gestaltungskraft der politischen Führung wirkt begrenzter denn je – und im Parlament, das gestern seine Arbeit wieder aufnahm – herrscht politisches Gezänk vor, konstruktive Politik sieht anders aus.

Dabei sind die auf Irland zukommenden (beziehungsweise längst existenten) Probleme massiv: Das sehr stark mit Großbritannien verflochtene Irland starrt gebannt auf den Verlauf des Brexit, auf die Konsequenzen des Austritts der Briten aus der EU. Wie entwickeln sich die Handelsbeziehungen zum wichtigsten Wirtschaftspartner der Iren? Welche Folgen hat der Brexit für die inner-irische Grenze zwischen der Republik (EU) und Nord-Irland (wohl bald nicht mehr EU), welche für den inner-irischen Handel? Wie wird sich die Wirtschaft in der Republik entwickeln? Befürchtungen machen die Runde, dass es mit der kurzen zweijährigen ökonomischen Erholungsphase nach der langen Wirtschaftskrise bald schon vorbei sein könnte.

Ein wirtschaftlicher Sturm kündigt sich am Horizont an, das Wachstums schwächt sich bereits ab – nur die Forderungen der Gewerkschaften nach Gehalts- und Lohnerhöhungen erreichen gerade immer neue Höhen.  Dazu kommt die akute politische Instabilität in Nord-Irland nach dem Kollaps der Regierung, dazu kommen die Unwägbarkeiten der künftigen Trump-Regierung in den USA, die abgekündigt hat, massiv Arbeitsplätze zurück nach Hause zu holen. Und dann noch der Druck der EU, die massiven Steuerschlupflöcher für globale Konzerne endlich zu schließen, mit denen sich irland einen beträchtlichen Teil seiner Arbeitsplätze erkauft hat. Wird das Business-Modell der geliehenen Wirtschaft am Ende scheitern, wird Irland am Ende gar die EU verlassen, um Arm in Arm mit den britischen Nachbarn das ökonomische Glück als Steuerparadies für globale Unternehmen zu suchen?

Ganz zu schweigen von den politischen Dauerbrennern in Dublin, die die Regierung nicht in den Griff bekommt: Der Konflikt um die ausgesetzten Wassergebühren schwelt weiter. Die steigende Obdachlosigkeit bei gleichzeitigem massiven Wohnungs-Leerstand und galoppierenden Hauspreisen macht der Politik zu schaffen, ohne dass Lösungen absehbar wären. Der soziale Wohnungsbau kommt nicht in die Gänge. Und in den schlecht gemanagten Krankenhäusern des Landes liegen mehr Patienten denn je auf den Fluren.

Angesichts der sich zuspitzenden Probleme auf der Insel bräuchte das Land dringend eine handlungsfähige und entschlossene Regierung und ein gut funktionerendes Parlament. Taoiseach Enda Kenny und seine von Unabhängigen unterstützte und von Fianna Fail tolerierte Fine-Gael-Regierung können dies offensichtlich nicht leisten. Die Alternativen heißen: Anhaltender Stillstand oder Neuwahlen. Zumindest in Nord-Irland wird es bereits am 2. März Wahlen geben, nachdem die Powersharing-Regierung in Belfast durch den Rückzug von Sinn Fein kollabiert ist. In der Republik hält das Geraune darüber an, wie schon seit Monaten . . .

Foto: Markus Baeuchle

Leben wie Gott in Frankreich und wie Riley in Irland

Irland Dreamland

Dreamland Irland (zum Anschauen auf das Foto klicken)

Wie haben Sie die Feiertage verbracht? Ich genieße sie noch immer, diese windstillen irischen Wintertage. Kein Sturm nirgends. Kein Regen. Und kein Druck. Noch machen sich die Anforderungen des 2017-er-Alltags nicht bemerkbar. Einhalt, für ein paar Tage noch.

Mein Freund Schorsch schreibt, es wäre gerne reich an Zeit. Ich schreibe zurück: Ich auch. Derzeit zumindest nehme ich mir – nach einem anstrengenden und teilweise aufreibenden Jahr – die Zeit für mich. In diesen Raunächten, den zwölf Nächten zwischen dem beendeten Mondjahr und dem Ende des Sonnenjahres, die wie eine Zeit außerhalb der Zeit sind, verschwinde ich gerne und mache mich unsichtbar, tauche ein, so tief es geht, in die Kontemplation – ein schönes Wort für Zusehen, Betrachten und Nichts-Tun. Dann wünsche ich mir, die Zeit stünde still, und manchmal habe ich das Gefühl, dass sie es tatsächlich tut. . .

Es braucht nicht viel, um das Leben zu genießen. Ein wenig Zeit, ein wenig Ruhe, ein wenig allein sein in der Natur. Im gewonnen Raum sich spüren, finden und neu sortieren. Raum, Zeit, Ruhe, Aufmerksamkeit,  ungestörtes Empfinden und ein wenig Intuition für den Blick nach vorne in das Jahr 2017. Das ist der wahre Luxus der Gegenwart, um zu leben wie einst Gott in Frankreich, wie God in Ireland. Oder wie die Iren sagen: Living the Life of Riley. Gut leben. Ohne die materiellen Auswüchse und Verirrungen der vergangenen 50 Jahre.  Einfach. Ehrlich. Achtsam. In diesem Sinne. . .

Die Zukunft hängt von uns allen ab.
Fangen wir bei uns selbst an.
Ändern wir unser eigenes Leben.
Nur so ändern wir auch die Welt.
Alles Gute für das neue Jahr! 🍀  🍀  🍀

 

PS: Das Foto Dreamland Irland entstand am 28. Dezember 2016 in der Dämmerung in der Bantry Bay. 

 

 

Ein Hauch von Revolution weht durch Dublin

Besetzt für Obdachlose: Das Apollo Building in Dublin

Besetzt für Obdachlose: Das Apollo Building in Dublin

Irlands Minderheitsregierung hat seit vergangener Woche (noch) ein richtig dickes Problem: Ziviler Ungehorsam. Die Menschen in Dublin nehmen ihr Schicksal selber in die Hand und schaffen Lösungen, zu denen die Regierung seit Jahren nicht in der Lage war. Die Bürgerbewegung Home Sweet Home hat mit Unterstützung von Prominenten das leer stehende Apollo House in Dublins Innenstadt aufgebrochen, besetzt und mit Unterkünften für Obdachlose eingerichtet. Gestern waren bereits 31 obdachlose Familien in das ehemalige Bürogebäude in der Tara Street eingezogen.

glen-hansard

Glen Hansard. Foto: www.glenhansardmusic.com

Am vergangenen Freitag erklärte der bekannte Musiker Glen Hansard (The Commitments, The Frames) in der beliebtesten irischen Fernsehsendung, der Late Late Show, warum sich die Bewegung Home Sweet Home zu diesem Schritt des friedlichen zivilen Ungehorsams gezwungen sah. Als das prominente Gesicht der Bewegung erinnerte Hansard unter tosendem Beifall daran, dass das besetzte Apollo Building Eigentum der NAMA und damit genau genommen das Eigentum des irischen Volkes sei und dass man sich deshalb das Gebäude für ein paar Monate nehme – durchaus illegal, aber in der Hoffnung auf eine menschliche Reaktion. Glen Hansard arbeitet seit Jahren gegen die Obdachlosenmisere im Land. Auch die bekannten Musiker Hozier, Francis Black und Christy Moore, die Schauspielerin Saoirse Ronan und der Film-Regisseur Jim Sheridan unterstützen die neue Bewegung, die in der Bevölkerung große Sympathien genießt.

Die Lage auf dem Wohnungsmarkt in Irlands Hauptstadt ist seit Jahren angespannt, obwohl im Zentrum hunderte Wohnungen in fast 300 Gebäuden leer stehen. In diesem Winter nun spitzt sie sich dramatisch zu. Nach offiziellen Angaben sind derzeit 6500 Menschen in Irland obdachlos, davon 2400 Kinder. Die Bürgerbewegung Home Sweet Home schätzt, dass derzeit jeden Monat 70 Familien ihr Haus oder ihre Wohnung verlieren. Der Hauptgrund: Viele Menschen in Irland können ihre Hypothekenkredite nicht mehr bedienen, und Irlands mit Steuergeldern gerettete Skandalbanken fühlen sich nun nach einer Zeit des Abtauchens wieder stark genug, um die in Zahlungsrückstand geratenen Kunden aus ihren Wohnungen vertreiben zu lassen.

Da es aber bezahlbare Mietwohnungen trotz der massiven Leerstände im Großraum Dublin kaum gibt, landen viele Menschen, die ihre Wohnungen verloren haben, in billigen Hotels, in B&Bs, in Notunterkünften. Sie schlafen in Autos und Wohnwagen und landen im schlimmsten Fall auf der Straße.

Das Logo der neuen irischen Bürgerbewegung

Das Logo der neuen irischen Bürgerbewegung

Aus der eigenen Unterkunft vertrieben zu werden – das ist im kollektiven Gedächtnis Irlands ein lebendiges Trauma aus der Zeit der englischen Besatzung. Im 19.  und frühen 20. Jahrhundert waren zehntausende Iren von englischen Landlords aus ihren Wohnungen vertrieben worden, wenn sie die Miete nicht mehr bezahlen konnten. Das Thema ist deshalb sehr emotional, zumal es nun oft Iren sind, die Iren um das Dach überm Kopf bringen.

So wird das besetzte Apollo House nun kurz vor Weihnachten zum hoch brisanten Symbol für eine verfehlte neoliberale Politik und zum Zankapfel zwischen irischen Normal-Bürgern und abgehobenen Eliten. Denn die meist zu den Haus- und Landbesitzern zählenden Spitzenpolitiker haben bis heute nichts Wirksames unternommen, um die Obdachlosenkrise endlich in den Griff zu bekommen. Und sinnigerweise besetzte die Bürgerbewegung Home Sweet Home ein der halbstaatlichen NAMA gehörendes Gebäude, einer Institution, die in der Immobilienkrise tausende Pleite-Immobilien übernommen und sie mit Vorliebe billig an ausländische Investoren verkauft hat.

Während die NAMA nun mit ihren Anwälten droht, während Regierungspolitiker die Hausbesetzung verurteilen und Gerüchte über eine Räumung die Runde machen, haben die Hausbesetzer in kürzester Zeit funktionierende Tatsachen geschaffen: Sie schafften es, das Gebäude wieder ans Stromnetz zu bringen und die Wasserversorgung zu reaktivieren. Freiwillige Helfer richteten Kochgelegenheiten, Duschen und Betten ein. Aus den Büroräumen wurden innerhalb weniger Tage Unterkünfte für Menschen, denen ansonsten ein Schicksal auf der Straße gedroht hätte.

Im Gedenkjahr zur 100. Wiederkehr des irischen Osteraufstands von 1916 weht ein Hauch von Revolution durch Irlands Hauptstadt Dublin . . .

Die Story von Paddy und dem Apfel-Monster

Apple Irland

Irlands Regierung führt uns gerade klar wie nie vor Augen, warum so viele Menschen in Europa die Schnauze gestrichen voll haben von der etablierten Politik. Die Europäische Union bringt endlich die Courage auf und fordert von Apple, einem der mächtigsten Unternehmen der Welt, ein Teil des Geldes zurück, dass der Tech-Konzern mit Hilfe der irischen Regierung seit dem Jahr 1991 an allen Finanzämtern Europas vorbei schleusen konnte: Die EU verlangt nun, dass Apple dafür 13 Milliarden Euro an den irischen Staat zahlt. Denn Apple hat in mehr als 20 Jahren auf die in Europa erwirtschafteten Gewinne so gut wie keine Steuern bezahlt. Steuerquote nahe null Prozent. Und was macht die Regierung Irlands? Sie lehnt das Geld ab und will sich gegen diese Entscheidung juristisch wehren. Verbrämt wird dieses sture Festhalten an grob un-ethischem Verhalten mit vermeintlich nationalem Interesse und nationaler Souveränität. Verteidigt wird die zwar legale, aber heute völlig illegitime irische Spezialität des Baus von Steuerschlupflöchern gigantischen Ausmaßes.

Sieben Jahre lang quälte sich die Mehrheit der Menschen auf der grünen Insel durch die tiefste Finanz- und Wirtschaftskrise, die das Land seit Jahrzehnten gesehen hatte.Der Staat hatte im September 2008 eine komplette Garantie für alle Bankeinlagen gegeben und war quasi über Nacht in die Zahlungsunfähigkeit gestürzt. Um Banken zu retten, Spekulanten und Hasardeure auszuzahlen und die europäische Finanzwelt zu befriedigen, wurde Mary und Paddy seit 2008 Milliarden Euros vom Mund abgespart: Durch immer neue Gesetze, Verordnungen, Steuer- und Abgabenerhöhungen – und viele Menschen haben das Tal der Tränen bis heute nicht verlassen, auch wenn die offizielle Hymne davon singt, dass Irland es längst wieder „geschafft hat“. Ungeschoren davon kamen Big Business und Big Finance. Die Multinationals dürfen weiterhin jährlich zig Milliarden Euro in wenige private Taschen schaufeln, die ganz klar den Staaten, den Gemeinwesen und den Gemeinden zustehen.

Menschen, mit denen ich in diesen Tagen spreche, kämpfen angesichts der Haltung ihrer Regierung im Fall Apple mit Übelkeit, Wutkrämpfen und Brechreiz: Ministerpräsident Enda Kenny und seine Kabinettskollegen – es gibt nur wenige rühmliche Ausnahmen – lassen die Bürger gerade völlig im Regen stehen: Sie schlagen sich erneut auf die Seite der globalen Konzerne, sie verteidigen eine 25 Jahre alte unmoralische Steuer-Vermeidungspraxis, die damals nach Art der Viehhändler unter der Ägide des korrupten Regierungschefs Charley Haughey für Apple (und andere Konzerne) handgestrickt wurde.

Was könnten 13 Milliarden Euro ändern in einem Land, das sich vor einer Dekade mal kurz als das reichste Land Europas feierte, aber infrastrukturell noch immer daher kommt wie ein Schwellenland? Mit der Weigerung, reinen Tisch zu machen und das den Menschen auf der Insel zustehende Geld treuhänderisch sinnvoll zu investieren, enthält die Regierung ihren Bürgern das Recht vor, endlich ordentliche Schulen, Krankenhäuser, Straßen, Wasserwerke und Kläranlagen zu bekommen, indem sie trotzig an den Fehlern der letzten Jahrzehnte festhält und sich erneut auf die Seite der anscheinend übermächtigen Konzerne schlägt – mit dem Argument, Arbeitsplätze hätten eben ihren Preis . . .  Und ja, sie festigt damit das üble Image Irlands als einem Finanz-Schurkenstaat, in dem noch immer alles möglich ist, was den profitgierigen Multis andernorts verwehrt bleibt. Es mag sein, dass diese Weigerung, den Status der mächtigsten Steuer-Oase für Multinationals in Europa aufzugeben, den überfälligen Reinigungsprozess noch ein paar Jahre verzögert. Stoppen kann sie ihn nicht. Wir werden noch viele dieser wahren Gruselgeschichten zu lesen bekommen – und der Schaden, der mit dem Verzögern und Verschleppen gesellschaftlich angerichtet wird, wird dadurch nicht kleiner.

Es stimmt. Apple hat Irland viele Arbeitsplätze und damit Wohlstand gebracht. Es stimmt: Die Globalisierung hat ihre Vorteile. Doch genauso stimmt, dass  die von Technik-Konzernen und Finanzkapital rasend schnell vorangetriebene Globalisierung die Ungleichheit in Europas Gesellschaften drastisch vergrößert hat, dass sie den sozialen Frieden erschüttert und dass sie viele Millionen Menschen mental wie materiell nicht mitgenommen hat. Ob in Irland, in Frankreich, in Klein-Britannien oder in Mecklenburg-Vorpommern: Zurück bleiben desorientierte, verunsicherte, ratlose und oft auch wütende Menschen, die sich in ihrer Welt nicht mehr auskennen, die sich in ihrer Existenz bedroht sehen und die sich von ihren Regierungen nicht mehr wahrgenommen fühlen. Auch die politische Führung in Irland ist gerade dabei, sich um Kopf und Kragen zu regieren . . .

Wie sie wohl weiter geht, die wahre Grusel-Geschichte von Paddy und dem Apfel-Monster?

Irischer Sonntag: Wenn eineiige Zwillinge streiten

Am Meer in Irland

Das Meer am südlichsten Punkt des irischen Festlands

Irischer Sonntag. Es ist der letzte Sonntag im Februar, ein Sonntag vor dem Schalttag im Schaltjahr 2016. Irland erwacht nach einer weiteren kalten Frostnacht in der Morgensonne. In den 40 Wahlkreisbüros des Landes sortieren fleißige Hände seit dem frühen Morgen bereits wieder Wahlscheine. Es ist Tag zwei der Auszählung der Parlamentswahlen. Während der Rest der Welt sich wundert, warum Irland zwei Tage benötigt, um das Wahlergebnnis auszuzählen, während das andernorts in vier Stunden geschieht, lassen sich die Iren nicht aus der Ruhe bringen. Nach der Schließung der Wahllokale am Freitagabend um 22 Uhr ging man erst einmal einen trinken und dann ins Bett. Die Auszählung begann dann am Samstagmorgen um 9 Uhr. Warum auch nicht, warum immer alles in Echtzeit? Am Ende wird nichts anderes stehen als ein Wahlergebnis und ein neues Parlament. Und man sollte nicht vergessen: Der Zählmodus des irischen Wahlsystems ist aufgrund der vielfachen Übertragbarkeit von Stimmen auf mehrere Kandidaten einer der kompliziertesten und zeitaufwändigsten weltweit.

Wahlen IrlandDas Wahlergebnis selber, so viel zeichnete sich schon gestern Nacht ab, ist durchaus spektakulär zu nennen: Die Irinnen und Iren haben der alten Ordnung der letzten Jahrzehnte eine Abfuhr erteilt und der Regierungs-Koalition  aus Fine Gael und Labour mehr als einen Denkzettel verpasst (Über die Gründe können Sie hier nachlesen). Diese Regierung wird es nicht mehr geben, denn beide Koaltionsparteien haben dramatische Stimmenverluste zu beklagen — und wie prognostiziert, vereinigen unabhängige Kandidaten, eine unabhängige Vereinigung und mehrere überwiegend linke Kleinst-Parteien gut 30 Prozent der Stimmen auf sich. Zwar bleibt die Fine Gael von Premier Enda Kenny die stärkste politische Kraft, doch es dürfte schwer werden, in der stark fragmentierten politischen Landschaft des künftigen Parlaments eine mehrheitsfähige Regierung zu bilden.

Nur theoretisch sieht es ganz einfach aus: Enda Kenny könnte mit der erstarkten Sinn Fein zusammengehen und neben den traurigen Resten einer gerupften Labour Party noch ein paar Unabhängige um sich scharen — was in Irland heißt, mit Wahlgeschenken an sich zu binden, manche sagen: zu kaufen. Doch die Berührungsängste mit der IRA-nahen Sinn Fein sind groß. Das Polit-Establishment traut den Leuten um Gerry Adams nicht, weil viele von jenen in den bewaffneten Kampf der IRA für ein befreites Nordirland verstrickt waren und mutmaßlich noch immer in alte Gewalt-Strukturen verstrickt sind.

Sheeps Head

Unterwegs auf engen Küstenstraßen

Größer sind die Berührungsängste nur noch zwischen den beiden Parteien, die sich so ähnlich sind, dass sie sich seit Jahrzehnten wegen ihrer übergroßen Ähnlichkeit mit Inbrunst bekämpfen und im Dauerstreit miteinander liegen. Nie haben sie zusammen eine Regierung gebildet. Die Mütter und Väter der beiden eineiigen Zwillingsschwestern Fine Gael und Fianna Fail, die sich vor nunmehr 95 Jahren an der Frage entzweiten, wie man es mit den alten Besatzern, den Briten, halten soll und wie ein unabhängiges Irland aussehen soll, die sich schließlich im Jahr 1922 in einem kurzen schmerzhaften Bürgerkrieg bis aufs Blut bekämpften: Ob diese Mütter und Väter heute wohl für Verständnis, Vergebung und Aussöhnung eintreten würden? Von außen betrachtet könnte es an der Zeit sein, dass sich die beiden rechtskonservativen Zwillingsschwestern endlich die Hand reichen und sich die gemeinsame Herkunft endlich eingestehen. Der Druck der Verhältnisse könnte dazu beitragen.


ANZEIGE: Wandern und Natur-Ferien in Irland. Die schönsten Orte Südwest-Irlands. Am besten mit Wanderlust. www.irland-wandern.de


Blick über die Bucht

Dunmanus Bay im Gegenlicht

Dass die beiden Schwestern mit jeweils um die 25 Prozent der Stimmen fast gleichauf liegen, dass die alte Dauer-Regierungs-Partei Fianna Fail fünf Jahre nach dem Kollaps und einer kurzen Auszeit bereits wieder politisch geschäftsfähig ist,  das ist die eigentliche Sensation dieser Wahlen. Denn wenn die meisten Kommentatoren die Niederlage der aktuellen Regierung auf deren Umgang mit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch des Landes und einer langen Leidenszeit unter dem Spardiktat fremder Mächte (Stichwort Troika) in Verbindung bringen, dann stellt sich unmittelbar die Frage: Warum gibt dieselbe Wählerschaft ausgerechnet der Partei riesigen neuen Auftrieb, die den Zusammenbruch des Landes herbeigeführt und zu verantworten hatte? Fianna Fail  zweitstärkste Partei, die Partei der Banker und Spekulanten, der rücksichtslosen Bau- und Immobilienhaie, der Wachstums-Fetischisten und Steuermodell-Reiter, die Partei auch der Groß-Korrumpels von Ex-Premier Bertie Ahern („Schmieren und schmieren lassen„): Diese Partei sieht sich nur fünf Jahre nach ihrer Abwahl schon wieder fast ganz oben. Ist es Amnaesie, Verzweiflung oder das ohnmächtige Gefühl vermeintlicher Alternativlosigkeit gewesen, die viele Wähler beim Kreuzchenmachen zu dieser Verzweiflungstat trieb? Was auch immer, als aufrechter Demokrat sagt man in diesem Fall: Wir haben das Wählervotum und den damit verbundenen Auftrag zu akzeptieren. Und ein trinkfreudiger Keltischer Tiger 2.0 knurrt leise im Hintergrund . . .  Die aktuellen Wahlergebnisse des zweiten Auszählungstages kann man übrigens hier im Ergebnisdienst der Irish Times verfolgen: Irish Times

Osterglocken auf dem Friedhof

Osterglocken auf Hungergrab

Zu Banalerem und noch Bunterem, zu den wundervollen Sonnenuntergängen Irlands: Wir hatten vor einigen Tagen voreilig versprochen, an dieser Stelle weitere Fotos unserer LeserInnen mit den schönsten irischen Sonnenuntergängen zu zeigen — und es kamen keine. Statt dessen, der Wanderer gibt es unumwunden zu, haben wir die Büroarbeit sich selbst überlassen, haben das schöne Wetter genutzt und sind in der erwachenden Frühlingslandschaft unterwegs gewesen, um Sonne und Licht live zu genießen, um Steinkreise und Stehende Steine, uralte Friedhöfe und einsame Strände zu besuchen. Und um das milchgläserne bis pastellfarbene Licht am Atlantik zu genießen.

Steinkreis auf dem Sheeps Head

Steinkreis auf dem Sheeps Head

In diesem Sinne einen schönen entspannten Sonntag, der Wanderer.

Alle Fotos: © 2016 Markus Bäuchle

Wahl in Irland: Für wen die Sonne wohl aufgeht?

Sonnenuntergang in Kenmare, fotografiert von Karin Hänsch

Sonnenuntergang in Kenmare, fotografiert von Karin Hänsch

Wahl in Irland. Für wen geht am Freitag die Sonne unter, oder: Sind die selbst ernannten Retter Irlands zu retten? Am kommenden Freitag, dem 26. Februar, wählt das irische Volk ein neues Parlament und eine neue Regierung — und wenn nicht alle Prognosen trügen, dann wird die Fine-Gael-Labour-Koalitionsregierung von Premierminister Enda Kenny kein Mandat für weitere fünf Jahre bekommen. Wie kann das sein, dass die Regierung, die sich unablässig als Retter des Landes und als Garant für die Fortsetzung des Wirtschaftsaufschwungs feiert, nicht mehr gewünscht sein könnte? Wie kann das Volk weghören, wenn die ausgehende Regierung massive Steuererleichterungen und eine fast goldene Zukunft verspricht? Nun, offensichtlich will das Volk mehr als wohlfeile Wahlversprechen und finanzielle Vorteile. Zum Beispiel eine verlässliche Politik, eine gute Infrastruktur, funktionierende Krankenhäuser, und und und. Und offensichtlich ist das Wahlvolk etwas anderer Meinung über den Gang der Dinge in den vergangenen fünf Jahren als ihre politischen Vertreter in Leinster House in Dublin.

Vielleicht haben die Menschen einfach nur ein Gedächtnis, das mehr als zwei Jahre zurück reicht. Denn vor gerade zwei und drei Jahren jammerten dieselben Volksvertreter angesichts brutaler finanzieller Einschnitte, im Zeichen von drastischen Steuer- und Gebührenerhöhungen, dass sie keine Wahl hätten, weil ja  eigentlich die verhasste Troika das Land regierte und die EU der irischen Regierung diktierte, was zu tun sei.

Wir erinnern uns gut, wie sich Taoiseach Enda Kenny und seine Minister jahrelang ein ums andere Mal weg duckten und das eigene Volk den europäischen Muster-Patienten spielen ließen, der für die ersehnte finanzielle Zuwendung aus Brüssel jede noch so bittere Medizin mit einem kalten Lächeln schluckte. Je näher der Wahltag allerdings rückte, um so beeindruckender wandelte sich Irlands Chef-Patient Kenny zum Chefarzt und zum oberstem Wunderheiler. Wenn sich die Spitzen von Fine Gael und Labour Party nun als Verantwortliche für die wirtschaftliche Erholung und als Garanten für einen anhaltenden Aufschwung stilisieren, dann kommt offensichtlich der eine oder andere Wahlbürger ins Grübeln: Kann man gleichzeitig Opfer und Täter sein, kann man die Hände in den Schoß legen und gleichzeitig tatkräftig anpacken?

Fine Gael: Wenn uns keiner Beifall klatscht, klatschen wir eben selbst: Ein Motiv von der Fine-Gael-Website.

Wenn uns keiner Beifall klatscht, klatschen wir eben selbst: Motiv von der Fine-Gael-Website.

Liebesentzug hat Gründe. Dass die beiden Parteien Fine Gael und Labour für ihre Großtaten am Freitag mutmaßlich nicht belohnt werden, könnte noch einen zweiten und einen dritten Grund haben: Der Aufschwung nämlich geht an allzu vielen Menschen im Land komplett vorbei. Zahlreiche Irinnen und Iren leben weiterhin in prekären Verhältnissen und merken gar nicht, wie gut es ihnen eigentlich gehen sollte — und während die Ungleichheit im Land dramatische Formen annimmt, trauen mehr und mehr Inselbewohner dem politischen Establishment nicht mehr über den Weg, ganz gleich ob Mitte-Rechts (Fine Gael) oder noch mehr Mitte-Rechts (Fianna Fail). Letztere haben den Karren Irland unter dem Regime von Bertie Ahern in den Jahren vor 2008 bekanntlich mit Macht, Gier und extremster Verbohrtheit vehement in den Dreck gerammt  — und so scheint sich zumindest zu bestätigen, dass das Gedächtnis der Wähler auch nicht endlos zurück reicht, zumindest keine 8 Jahre: Denn auch wenn fast jeder dritte Ire mittlerweile — ermüdet von den Fehlleistungen der politischen Eliten – zur Wahl von unabhängigen Kandidaten oder den Vertretern von Politikneulingen und Kleinst-Parteien neigt: Fianna Fail erholt sich in der Wählergunst unanständig schnell und könnte schon wieder zweitstärkste Partei werden, noch vor der nach längerem Höhenflug wieder im Abwind segelnden linken Sinn Fein, der ihre enge Verflechtung mit der militanten IRA gerade sehr zu schaffen macht.

Politische Beobachter prognostizieren, dass die große Regierungspartei Fine Gael am Freitag massiv Stimmen verlieren und dennoch stärkste Partei bleiben wird, dass sie allerdings keine mehrheitsfähige Regierung bilden kann — einerseits, weil Partner Labour schwer gerupft werden dürfte und sogar ums politische Überleben kämpft, andererseits, weil eine Koalitionsregierung der beiden Mitte-Rechts-Parteien Fine Gael und Fianna Fail, den beiden großen Machtblöcken der neueren irischen Geschichte, eine reine Utopie bleibt. So könnte am Ende des Wahlgangs fast genau 100 Jahre nach dem Osteraufstand ein Wählervotum für die Unregierbarkeit der Republik stehen — und das Signal für erneute Wahlen.

Aber warten wir es ab. Noch sind knapp 20 Prozent der Wähler unentschlossen. Wir werden ab Samstag genauer wissen, für wen im politischen Irland die Sonne aufgeht und für wen unter.

A propos Sonne: Morgen geht es hier auf Irlandnews weiter mit den schönsten irischen Sonnenuntergängen. Die heutigen Sonnen stammen von unseren Lesern Karin Hänsch aus Hoyerswerda, Sachsen (oben, aufgenommen im Februar 2010 in Kenmare im County Kerry) und von Jessica Hendrischke aus Berlin (unten, aufgenommen im August 2015 in Ballinskelligs, County Kerry).

Sonne Irland

Die Sonne senkte sich über Ballinskelligs. Jessica Hendrischke war dabei.

Slider by webdesign