Raus aus dem Alltag und die Natur intensiv erleben

Blick aus dem Cottage-Fenster:Der Natur Retreat in Irlands Bergen: Im Jahr 2017 im Mai, August und September.

Der Weg zu uns und zur Natur. Die einwöchigen Irland-Natur-Retreats von Wanderlust führen in die Stille und Weite der irischen Berge im Südwesten der Insel  – und zu uns selbst. Was finden die Teilnehmer der Natur Retreats in den Bergen hoch über dem Atlantik?  Antworten von Markus Bäuchle, der die irischen Natur Retreats 2017 leitet.

Was ist das, ein Natur Retreat in Irland, kurz und knapp in einem Satz ausgedrückt?
Der Natur Retreat ist eine Reise zu Fuß zu uns selbst als einem Teil der Natur; wir konzentrieren uns dabei auf das Einfache und erleben das Wesentliche.

Irland Retreat

Klingt spannend. Hat das mit Survival und Entsagung zu tun?
Nein, wir machen kein Survival und verzichten auch nur auf das Überflüssige. Wir wollen kein primitives Leben. Wir kochen uns gutes gesundes Essen und wir lassen uns intensiv auf unsere natürliche Umgebung ein. Wir erfahren die Sonne, den Mond, die Wolken, das Wasser, die reine atlantische Luft, die Tiere und Pflanzen der Bergwelt. Es geht um das bewusste Leben, und wir lassen dafür unsere Alltags-Accessoirs einmal für ein paar Tage hinter uns.

 

Wie sieht das dann genau aus in den Bergen?
Wir ziehen uns als kleine Gruppe eine Woche lang in die Berge zurück. Ohne Uhr, ohne Telefon, ohne Internet, ohne Strom und ohne Geld. Wir verzichten auf Alkohol. Und doch haben wir alles, was wir zum Leben benötigen: Wir leben einfach in einem alten Cottage, das uns Schutz bietet. Wir baden im Fluss, sitzen am Feuer. Wir streben an, in Einklang mit der Natur und mit uns selbst zu kommen. Wir wandern abseits der Zivilisation und spüren nach, was das mit uns macht. Wir schöpfen Kraft und Inspiration in der unberührten Natur. Die Wertsachen werden während der Woche sicher aufbewahrt, und klar: Es gibt eine Telefonnummer, unter der die Teilnehmer im Notfall erreichbar sind.

Am Feuer_

Woher kommt die Idee, die äußere Natur und die Natur in uns intensiv zu suchen?
Beides hängt natürlich eng miteinander zusammen: Innen ist wie außen. Die Zerstörung der äußeren Natur hat ihre Entsprechung in unserem Inneren. Mein Bedürfnis zu dieser Suche stammt noch aus der Zeit, als ich in meinem deutschen Alltag Tag für Tag intensiv spürte, wie verletzt und zerbrochen unser Verhältnis zur Natur ist. In Irland dauerte es dann einige Jahre, bis der Wunsch mit Hilfe meines holländischen Freunds, des Unternehmensberaters und Jung-Psychologen Ben Tomesen Wirklichkeit wurde. Wir führten zusammen erstmals Menschen in die irische Natur und zu sich. Daraus entwickelte sich in den vergangenen drei Jahren ein eigener Natur Retreat. Inspirieren lasse ich mich von der grandiosen, weitgehend intakten Naturlandschaft am irischen Atlantik und von den Arbeiten und Erfahrungen des Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung.

C.G. Jung, der Gründer der analytischen Psychologie, hat sich in den Jahren ab 1923 mit eigenen Händen am oberen Zürichsee ein abgeschiedenes Natur-Refugium gebaut, in dem er Pausen vom Alltag einlegte, um die Natur und sich intensiv zu ergründen und zu erleben. Ich hatte das Glück, den Turm in Bollingen im vergangenen Herbst zu besuchen, und mir wurde dabei klar, dass wir heute genau das tun, was Jung schon vor fast 100 Jahren tat. Der Universalgelehrte ist für mich der erste Naturschützer der westlichen Kulturgeschichte. In seinen Erinnerungen schreibt C. G. Jung über seine Erfahrungen im Turm:

„Zuzeiten bin ich wie ausgebreitet in die Landschaft und in die Dinge und lebe selber in jedem Baum, im Plätschern der Wellen, in den Wolken, den Tieren, die kommen und gehen, und in den Dingen. Es gibt nichts im Turm, das nicht im Laufe der Jahrzehnte geworden und gewachsen ist und mit dem ich nicht verbunden bin. Alles hat seine und meine Geschichte, und hier ist Raum für das raumlose Reich des Hintergrunds.

Ich habe auf Elektrizität verzichtet und heize selber Herd und Ofen. Abends zünde ich die alten Lampen an. Es gibt auch kein fließendes Wasser, ich muß das Wasser selber pumpen. Ich hacke das Holz und koche das Essen. Diese einfachen Dinge machen den Menschen einfach; und wie schwer ist es, einfach zu sein! In Bollingen umgibt mich Stille, und man lebt «in modest harmony with nature». Gedanken tauchen auf, die in die Jahrhunderte zurückreichen und dementsprechend ferne Zukunft antizipieren. Hier mindert sich die Qual des Schaffens; das Schöpferische und das Spielerische sind nahe beisammen.“  (aus: Erinnerungen, Träume, Gedanken.)

C.G. Jungs Turm in Bollingen am Zuerichsee

C.G. Jungs Turm in Bollingen am Zuerichsee

Heute kommt übrigens eine trendige Version des Natur Retreats aus dem globalen Zentrum des technologischen Fortschritts, dem Silicon Valley. Dort befreien sich hoch spezialisierte Computer-Freaks wochenendweise von den Abhängigkeiten des Internets, der sozialen Medien und  der gesamten elektronischen Parallelwelt. Sie nennen das Digital Detox –  Entgiftung vom digitalen Alltag. Wir alle kennen heute die Macht von Smartphone, Facebook und Whatsapp über unser Leben – und davon einmal ein paar Tage Abstand zu nehmen, tut uns außerordentlich gut. C.G. Jung hatte auch zum sogenannten technologischen Fortschritt schon vor Jahrzehnten eine fast hellsichtige Einstellung. Er sagte, diesen „Fortschritt“ müssten wir teuer bezahlen. Alles Bessere würde durch ein Schlechteres erkauft. (Dazu demnächst mehr an dieser Stelle.)

Unser Cottage liegt in diesem Hochtal

Unser Cottage liegt in diesem Hochtal

Zurück zum Irland-Retreat. Wie läuft eine Woche in Irlands Bergen ab?
Wir stehen mit der Sonne auf und gehen mit den Sternen ins Bett. Wir nehmen einen natürlichen Lebens-Rhythmus auf und folgen keinem starren Programm. Die Sonne und unsere Bedürfnisse, allem voran der wechsel von Aktivität und Ruhe, und die Ernährung geben den Takt der Tage vor. Wir erkunden die Berge auf geführten Wanderungen im Einklang mit der Natur. Wir hinterlassen keinerlei Spuren. Der Schwierigkeitsgrad der Wanderungen liegt zwischen leicht und mittelschwer (1 bis 2,5 von 4). Höhenmeter: 100 bis maximal 600 pro Wanderung.

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Das Cottage in den Bergen, geschützt von Bäumen

Wo schlafen die Teilnehmer?
Ein einfaches altes Cottage hoch in den Bergen abseits der Straßen bietet uns Schutz und Unterkunft. Es gibt keinen Strom, wir schlafen auf Matratzen, es gibt alles, was wir benötigen: Fließendes kaltes Trinkwasser, ein schönes großes Kaminfeuer, Kerzen- und Solar-Licht, eine Kochstelle, einfaches gesundes Essen (auf Wunsch vegetarisch, vegan, weizenfrei etc.), ein Waschbecken unter freiem Himmel, eine Toilette, einen kleinen Fluss und Seen zum Säubern, Baden und Erfrischen. Dazu Ruhe, Sonne, Wind, Regen, die Lichter des irischen Himmels und der Blick hinunter auf das nahe Meer. Wir kehren jeden Abend zu unserem Cottage zurück. Es wird unser Lebensmittelpunkt sein. Und wer Lust hat, schläft draußen auf der Wiese unter dem Sternenhimmel.

Nartur-Wandern in den wilden Bergen Irlands

Wir haben viel Raum für uns und einen weiten freien Blick

Was heißt das eigentlich alles: Zu sich kommen, zentrieren, sich erden?
Den Alltag einmal systematisch hinter sich zu lassen, auf Internet, Zeitdruck, Fernsehen, Telefon, auf Autofahren, Arbeit und Haushalt zu verzichten und sich unbeschwert in der Natur zu bewegen, ermöglicht sehr grundlegende Erfahrungen. Die Natur harmonisiert uns Menschen, wenn wir es zulassen. Sie öffnet unsere Herzen und ermöglicht uns eine klare Sicht auf das Leben: Wir verstehen besser, wer wir sind und was in unserem Leben wirklich wichtig ist. Man kann sagen: Die Prioritäten sortieren sich auf wundervolle Weise neu.

Am Bergbach

Am Bergbach

Ist beim Natur Retreat jeder für sich, oder ist es ein Gruppen-Erlebnis?
Es ist beides. Wir sind zum einen ganz mit uns selbst, dann zu zweit oder zu dritt, und schließlich Teil der ganzen Gruppe. Die Gemeinschaft der Individuen gibt Raum für beides, was uns ausmacht: Wir alle sind einzigartig und gleichzeitig Teil der Gemeinschaft. Wir hören tief und vorbehaltlos zu und wir sprechen aus dem Herzen.
Wir genießen diese Tage in einer Atmosphäre der Sicherheit und des Vertrauens, die tiefes Denken, Fühlen und Sprechen ermöglicht. Wir beschäftigen uns auch mit den wichtigen Fragen des Lebens: Wer bin ich? Was liebe ich? Was macht mein Glück aus? Was ist meine Aufgabe? Was will ich hinter mir lassen? Was möchte ich künftig erreichen? Aber was wichtig ist, bestimmen die Teilnehmer für sich: Jede(r) kann seine eigenen Themen mitbringen und in der Ruhe der Berge Antworten suchen. Und wer einfach nur die Natur sucht, ist auch richtig.

Geborgen in den irischen Bergen

Geborgen in den irischen Bergen

Wie ernähren sich die Natur-Wanderer?
Wir ernähren uns einfach und gesund, mit frischen Lebensmitteln, vielen Früchten und Gemüse, die möglichst Bio-Qualität haben und teils lokal hergestellt werden. Der Lebensmittelvorrat für die Woche steht im Cottage bereit. Wir gehen weder Jagen noch Sammeln. Wir kochen selbst auf einer einfachen Kochstelle. Es gibt einen Teller, eine Tasse, eine Schüssel und ein Besteck-Set für Jede(n). Ich kann versichern: Das Essen schmeckt nach einem Tag im Freien ganz besonders gut.

On Top_

Von ganz oben sieht man/frau vieles klarer

Die Packliste für den Natur Retreat ist ziemlich umfangreich. Ist das nicht ein Widerspruch zum einfachen Leben?
Du hast recht, es ist nicht völlig widerspruchsfrei. Aber weil wir kein Überlebenstraining machen, und weil wir wollen, dass sich die Teilnehmer sicher, warm, trocken, wohl und geborgen fühlen, bedarf es einer guten Ausrüstung. Ich rate jedoch dazu, das Ausrüsten nicht zu übertreiben, sich auf das Wesentliche zu beschränken und vor allem, sich Dinge wie Schlafsack, Rucksack oder aufblasbare Matratze auszuleihen, wenn frau/man keine eigene hat.  Es ist angesichts unserer Bemühungen, den ökologischen Fußabdruck zu verringern, sicher auch widersprüchlich, nach Irland zu fliegen. Immerhin aber ist es ein kurzer Flug von weniger als zwei Stunden und kein Langstreckenflug. Wer auch das nicht verantworten will, kann im Auto oder mit Bus/Zug und Fähre reisen oder auch per Mitfahrgelegenheit und Anhalter, wie ich das früher auch immer gemacht habe. Dazu braucht man nur eines: mehr Zeit.

Irland Wildnis_3

Hoch über dem Meer

Warum bieten wir die Natur Retreats an?
Ich habe mir vor Jahren vorgenommen, nur noch das zu arbeiten, was ich wirklich gerne mache und was mir selber wirklich wichtig ist. Das ist nicht immer leicht, klappt aber im Großen und Ganzen. Die Natur Retreats jedenfalls sind mir jenseits des Broterwerbs ein Herzens-Anliegen. Die Frage, wie wir Menschen unser gestörtes Verhältnis zur Natur wieder in Ordnung bringen können, beschäftigt mich wie schon gesagt seit vielen Jahren. Die Wanderungen in der Weite unberührter Natur in den Bergen sind auch ein Versuch, gemeinsam Antworten zu finden und wichtige neue Erfahrungen zu machen. Wie können wir wieder Teil der Natur werden, anstatt deren herrische Zerstörer, wie können wir ein Stück Wildnis in unsere überzivilisierte und ökologisch ausgezehrte Welt zurückkehren lassen?

Natur Retreat Gruppe macht ein PäuschenWann finden die nächsten Natur Retreats statt?
Im kommenden Jahr gehen wir auf drei Retreats: vom 20. bis 27. Mai, vom 5. bis 12. August und vom 16. bis 23. September 2017. Es gibt für jede Woche zwei Retreat-Leiter. Die Mai-Gruppe leite ich zusammen mit der Medizinerin Maria Walder aus Wesel, die August-Gruppe mit der Heilpraktikerin und Körper-Therapeutin Gisela Cordes aus München und den September-Retreat mit dem Schwitzhütten-Guide und Ritual-Experten Uwe Backhaus aus Paris. Wir sprechen deutsch und freuen uns auf nette, aufgeschlossene Leute. Wer sich den Reisepreis aus rein finanziellen Gründen nicht leisten kann, soll uns einfach ansprechen.

Detaillierte Informationen inklusive der erwähnten Packliste gibt es hier auf www.irland-natur.de oder direkt bei Wanderlust Irland, Markus Bäuchle, Telefon D +49 89 89623290, markus@wanderlust.de

Alle Fotos: Markus Bäuchle / Wanderlust (2015/16/17)

Ohne Wälder keine Chance für Irlands Steinadler

Der Steinadler. Die Wiedereinführung in Irland steht auf der Kippe.

Der Steinadler. Die Wiedereinführung in Irland steht auf der Kippe.

Der Steinadler, König der Lüfte Irlands. Es ist ein lange gehegter Traum von Tierschützern, der wieder Wirklichkeit werden soll: Der Steinadler (Aquila chrysaetos) soll wieder seine Kreise in den Lüften über Irland ziehen und dabei nicht auf die Hilfe und den Nachschub von Menschen angewiesen sein. Doch allen Anstrengungen der vergangenen Jahre zum Trotz: Der Traum wird wohl fürs Erste ein Traum bleiben. Das irische Steinadler-Projekt steht vor dem Scheitern. Die eingesetzte Population in den Bergen des County Donegal kommt nicht auf die Beine: Die mächtigen Tiere, bis zu ein Meter groß und mit einer Spannweite von 2,30 Metern die größten lebenden Adler, ziehen nicht genügend Nachwuchs groß.

Der Grund für das drohende Scheitern ist simpel: Die Adler finden in den Bergen von Donegal nicht genügend Nahrung. Während die schottischen Adler sich in den Highlands überwiegend von Hasen und Moorhühnern ernähren können, fehlt diese Beute in den ausgeräumten Bergen Irlands weitgehend. Die Greifvögel müssen hier auf Krähen und junge Dachse ausweichen und finden nicht genügend natürliche Nahrung.

Die irischen Berge – schön anzusehen und in ihrer Kargheit durchaus beeindruckend – sind eine ökologische Wüste: Von Schafen kahl gefressen und von Farmern regelmäßig abgebrannt, gedeiht in den Höhenlagen der grünen Insel nicht viel: Die Artenvielfalt ist durch das einst nach Irland importierte Schaf auf ein Minimum reduziert wordent. Der Golden Eagle Trust, der die Wiedereinführung des Steinadlers in Irland betreibt, macht eine verfehlte Agrarpolitik für die Verwüstung der Bergwelt verantwortlich: Die von der EU lange geförderte Überweidung durch zu viele Schafe ist der Hauptgrund.

Schafzucht in den Bergen lohnt sich nicht mehr: Mittlerweile arbeiten die meisten Berg-Schaffarmer defizitär und überleben nur durch Agrarsubventionen aus Brüssel und Dublin. Der Golden Eagle Trust, eine Stiftung die seit dem Jahr 1999 die Wiedereinführung des Steinadlers und das Comeback des Seeadlers und des Roten Milan in Irland betreibt, fordert deshalb eine radikale Änderung der Landnutzung in den irischen Bergen: Ohne die Rückkehr heimischer Wälder auf den kahl gefressenen und erodierten Flächen wird die ökologische Wiedergeburt der Berge und die Rückkehr des Königs der Raubvögel und vieler anderer Arten nicht gelingen.

Quelle: Irish Mountain Log , Ausgabe 118 vom Sommer 2016, S. 20
Foto: Tony Hisgett from Birmingham, UK via Wikimedia Commons

 

Dublin-Tipps: Kult-Café und Klippenwandern

Bray Head

Die Aussicht auf Bray vom „Bray Head“

What´s hot? Hier sind meine Tipps für die neue Woche in Dublin.

::  Besuch im Café Accents, (Montag, 16. Mai), 10:00 Uhr bis 23:00 Uhr, 23 Stephen Street Lower; Das Accents hat sich im letzten Jahr zu einem wahren Kult-Café in Dublin entwickelt. Egal zu welcher Tageszeit die Gäste hier ankommen, es ist immer voll. Trotzdem ist die Atmosphäre warm und herzlich. Selten muss man auf einen Sitzplatz warten und wenn doch einmal alle Tische besetzt sind, lohnt sich das Warten. Ausgezeichnet für die beste „Hot Chocolate“ in Dublin ist dieses Café ein Highlight: Schokoladenplättchen werden in heißer Milch aufgelöst, das sorgt für einen besonders intensiven Geschmack. Mein Tipp: die Heiße Schokolade und der Bananen-Walnuss-Kuchen, der warm serviert wird. Im Accents kann man die Seele baumeln lassen, ein Ort zum Entspannen.

IMG_0668::  Dublin Dance Festival, (Dienstag, 17. Mai), 19:30 Uhr bis 21:30 Uhr, verschiedene Veranstaltungsorte in Dublin; Das Dublin Dance Festival ist das führende Tanzevent im Kulturkalender Irlands. Jedes Jahr im Mai, bringt das Festival Tanzkünstler und Choreografen aus der ganzen Welt zusammen. Pulsierender zeitgenössischer Tanz, ein Erlebnis. Hier gibt es mehr Informationen.

::  Fotoexpedition mit Joseph Carr, (Mittwoch, 18. Mai), 11:00 Uhr bis 14:00 Uhr, Blessington Road, Tallaght, Dublin; Sind Sie ein begeisterter Fotograf? Möchten Sie einige neue Techniken lernen? Wenn ja, dann werden Sie dieses Ereignis lieben. Fotograf Joseph Carr wird diesen Workshop mit einem kurzen Vortrag über die digitale Fotografie beginnen und Ihnen Tipps und Tricks mit auf den Weg geben. Nach dem Gespräch geht es mit Joseph durch die Straßen Dublins, um das Gelernte in die Praxis. Das Motto: Erfasse den Moment. Mehr Informationen gibt es hier.

::  Power Yoga, (Donnerstag, 19. Mai), 18:50 Uhr bis 19:50 Uhr, 28 South William Street; Power-Yoga ist kräftiger, anspruchsvoller und sportlicher als der ursprüngliche und traditionelle Ansatz von Yoga. Diese besondere Sitzung wird von Yogi Marta Lupparelli geleitet. Es ist eine effiziente Alternative zu einer üblichen Yoga-Klasse. Ausprobieren!

::  Little Museum of Dublin, (Freitag, 20. Mai), 9:30 Uhr bis 20:00 Uhr, 15. St. Stephen´s Green, Dublin 2; Dieses preisgekrönte Museum erzählt die Geschichte der irischen Hauptstadt. Die Sammlung wurde mit Hilfe von öffentlichen Spenden möglich gemacht. Beschrieben von der Irish Times als die „beste Museumserfahrung in Dublin“ ist dieses Museum ein Highlight. Die Führungen zeigen die Geschichte einer Stadt, die in den letzten 100 Jahren bemerkenswerte Veränderungen erlebt hat.

::  Klippenwanderung von Bray nach Greystones, (Samstag, 21. Mai), ganztägig, Startpunkt: Der Küstenort Bray. Ein lohnendes Projekt im County Wicklow ist dieser Fußmarsch: Er führt Wanderer entlang der  Küste von Bray nach Greystones. Startpunkt ist der Berg Bray Head. Der Weg ist gut gepflegt und man kann durch den Zugservice des DART nach Dublin zurückkehren. Am Ziel in Greystones gibt es für hungrige Wanderer viele Restaurants und Cafés. Die Aussicht auf den Strand und die Irische See gibt es als Belohnung für den zweieinhalbstündigen Fußmarsch.

::  Waterways Ireland Docklands Summer Festival, (Sonntag, 22. Mai), 11:00 Uhr bis 17:00 Uhr, Grand Canal Square, Dublin 2; Das Docklands-Summer-Festival nutzt die urbane Umgebung vom Grand Canal Dock in Dublin, um auf dem Wasser sportliche Aktivitäten zu präsentieren. Das Festival ist ein städtischer Events der Extraklasse. Das frisch renovierte Kanal-Dock, das in den 1790-er Jahren erbaut worden ist, bietet nun einen Erholungsraum im Zentrum der Stadt.

Allen Besuchern wünsche ich eine wunderbare Zeit in der Hauptstadt, Eure Nadine.

 

Nadine EckmannDie Autorin: Nadine Eckmann hat Theologie und Medienwissenschaften studiert. Sie lebt seit September 2015 in Dublin und absolviert einen Europäischen Freiwilligen-Dienst bei der Organisation „Friends of the Elderly Ireland“. Mit ihrem plüschigen Reisebegleiter „Zoe“ erkundet sie die Insel und vor allem die Hauptstadt Dublin.

Fotos: Nadine Eckmann

Irischer Sonntag: Dick, warm. Wahnsinn Fleisch.

Virginia Show Irland

Irischer Sonntag im April. Es regnet ein Gemisch aus Bindfäden und Schneeflocken. Heute bleibt man auf Anraten der Metereologen besser unterm Dach. Mir geht der Satz einer deutschen Vertrauten durch den Kopf. In Irland müsse man als Dicke keine Komplexe entwickeln, hier seien ja alle Frauen dick. Ich ergänze: Den Männern geht es genau so. Fast. Es gibt auch noch Ausnahmen. Allerdings zählt das einst hagere Völkchen der Irinnen und Iren nach zwei fetten Wohlstands-Jahrzehnten und dem Einzug des Fast Foods zu den beleibtesten in Europa und der Welt. In 15 Jahren, so prognostiziert die World Health Organisation (WHO), wird über die Hälfte aller Erwachsenen auf der Insel nicht nur dick sondern im klinischen Sinne fettleibig sein. Die Misserfolgsformel lautet: Fleisch, Fleisch, tierisches Fett und Berge von Zucker.

Ökologischer Fußabdruck. Vergangene Woche berichtete ich hier auf Irlandndews über die ungelösten Müllprobleme Irlands. Die Müllabfuhr funktioniert nich richtig, allzu viele Menschen verbrennen und verbuddeln ihre Abfälle oder werfen sie ins Meer und in den Straßengraben. Tendenz steigend. Mit-Leser Dieter empfand diese Darstellung als zu einseitig und wies darauf hin, dass Irland als eines der wenigen Länder weltweit eine Abgabe auf Plastiktüten erhebt. Das stimmt. Die Benutzung von Plastiktüten hat sich dadurch drastisch reduzieren lassen. Es geht, wenn der politische Wille stark genug ist. Dennoch hat Irland ein gravierendes Problem mit Plastik: Die meisten Getränke kommen in Plastik oder Alu-Dosen, und es gibt noch nicht einmal ein rudimentäres Pfand-System. Hauptverursacher der Treibhausgase aber sind nicht etwa Mary und Paddy und auch nicht die Autofahrer. Es ist die Landwirtschaft. Fünf Millionen irische Fleisch-Rinder und 1,2 Millionen Milchkühe fordern ihren Tribut. Die Produzenten von Irish Beef und Kerrygold-Butter haben großen Anteil daran, dass die für den Klimawandel verantwortlichen Treibhausgas-Emissionen Irlands um 45 Prozent über dem EU-Durchschnitt liegen. Tendenz ungebremst steigend.

Irland Rinder

Meat is Madness: John Gibbons  stellt die beiden Phänomene Fettleibigkeit und Klimawandel in der Irish Times vom Wochenende in einen logischen Zusammenhang: Fleisch ist Wahnsinn: Warum unser Fleischkonsum zu Erderwärmung und Fettleibigkeit führt. Die Debatte um den westlichen Ernährungsstil und den exzessiven Konsum von Fleisch hat auch Irland erreicht, und das ist wichtig. Denn dieser Lebensstil tötet Jahr für Jahr viele Millionen Menschen weltweit. Wir verharren derzeit in Angststarre vor dem Terrorismus in Europa und sorgen uns um unser Leben, dabei liegt unser Hauptfeind direkt vor uns — zuerst im Einkaufskorb und dann auf dem Teller. So zynisch es klingt: Die Gefahr, durch einen Terroranschlag ums Leben zu kommen,  ist einhunderttausend mal geringer, als das Risiko, das vom Terror der globalen Fleisch-Industrie und von unserem Mittagessen ausgeht.

Selbst die konservative WHO mahnt längst: Wenn sich die Menschen nur an die empfohlenen Fleischmengen halten würden (Faustregel: Machs wie damals Oma und Opa), ließen sich pro Jahr sieben Millionen (!) Leben retten. Würden sie auf eine vegetarische Ernährung umsteigen — was für das friedliche Überleben von künftig neun Milliarden Menschen auf der Erde existentiell sein wird – könnten drängende und sich dramatisch zuspitzende Probleme befriedigend gelöst werden: Die Klima-Katastrophe aufgrund der globalen Erwärmung ließe sich mildern, der Hunger von Milliarden Menschen ließe sich vermeiden, das unsägliche Leid der auf Fleischmasse reduzierten und entwürdigten Tiere würde aufhören — und wir Menschen könnten wieder ein Stück friedlicher und menschlicher werden. Doch die Debatte über unsere Ernährung ist hitzig und emotional aufgeladen: Wer lässt sich schon gerne „sein Fleisch“ nehmen? So weit kann Tierliebe im tierlieben Westen nun wirklich nicht gehen. Ist ja schließlich nicht die Lende von Lumpi, sondern nur ein abstraktes Stück totes Tier aus dem Supermarkt . . .

Wer dennoch darüber lesen und nachdenken will: Der Arzt, Autor und Querdenker Rüdiger Dahlke hat ein wichtiges und leicht verständliches Buch zum Thema geschrieben, in dem er die Zusammenhänge zwischen Mensch, Tier und Welt, zwischen Krieg und Frieden, zwischen Leben und Sterben aufzeigt. Meine Lektüre-Empfehlung für dieses Frühjahr:  Rüdiger Dahlke – Peace Food.

Zu weniger Ernstem: Wir leben ganz weit vom Schuss im wilden Südwesten Irlands, dort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen könnten. Trotzdem müssen wir nicht weit fahren, um erstklassige Gigs und Live-Konzerte zu erleben. Irlands Musiker bleiben unprätentiös und touren auch heute noch gerne über die Dörfer. Schade nur, dass das nicht immer von einem zahlenstarken Publikum honoriert wird. Wir erlebten schon Luka Bloom vor einem 17-köpfigen Publikum. Auf dem Kontinent zieht Luka regelmäßig hunderte, wenn nicht tausende Fans in die Konzerte.

Paddy Casey

Paddy Casey Live in Bantry

Gestern nun Paddy Casey Live im Maritime Hotel in Bantry: Die Veranstalter hatten die großen runden Tische mit weißem Tuch im Ballroom stehen lassen, damit sich das Publikum in der Weite des Saales nicht verlor — und so staunte Paddy nicht schlecht, als er vor eine Kulisse trat, die eher einem Ballsaal der einsamen Herzen glich als einem Live-Publikum.  Paddy Casey kam aus dem Staunen dennoch schnell heraus und nach spätestens drei Songs hatte er die 150 Zuhörer in seinem Bann. Nach der Pause gab Paddy die Rampensau, und bald tanzte der ganze Saal zu Saints and Sinners und Addicted to Company. Well done, Paddy & Fiona. Danke für eine schöne und unterhaltsame Nacht!

In diesem Sinne einen schönen Sonntag!

Blütezeit in Irlands herrlichen Gärten

Collage_Raritaeten

Irlands Gärten. Wann ist denn die beste Jahreszeit für Irlandreisen? Das werde ich regelmäßig gefragt. Als Gartenliebhaberin und Aromatherapeutin ist meine Antwort ganz klar. Im April ist die Blüte auf dem Höhepunkt: Wir erleben dann die schönsten und am intensivsten duftenden Blüten, überall grünt und sprießt es, in der Regel liegen wir drei bis vier Wochen vor dem kontinentalen Frühling. Noch so gerade können wir im April auch die meisten Kamelien bewundern, die frühen Exemplare beglücken uns bereits Ende Januar, wenn es drumherum noch recht winterlich ist.

Schon Ende März leuchtet der riesige Rhododendron arboreum (Baum-Rhododendron) mit seinen leuchtend pinkfarbenen Blüten auf blaustichigem dunkelgrünem Laub. Er überragt so manches Haus und muss oft brutal gestutzt werden, weil er selbst in großen Gärten zu viel Platz einnehmen möchte.

Markus Bäuchle Wanderlust IrlandIm April kommen dann bei dem meistens sehr schönen Wetter, freilich mit subtropisch anmutender Luftfeuchtigkeit, zahlreiche andere Rhododendren zum Zug. Die viele Meter hohen und großblättrigen Exemplare des Rhododendron sinensis zeigen cremeweiße Blütenbecher, oft mit wunderschöner purpurfarbener Zeichnung im Inneren. Ähnlich sieht Rhododendron macabeanum aus, seine Blätter sind größer als alle mir bekannten Schuhsohlen (circa 30 cm), seine Blüten sind gelblich mit leuchtend hellrotem Stempeln. Diese Art wurde 1928 von einem der letzten Pflanzenjäger aus dem östlichen Himalaya-Gebirge nach Europa gebracht: Frank Kingdon Ward (1885-1958). Ein Exemplar, das aus genau diesen Samen gezogen wurde, wächst auf der Insel Garinish Island, die wir auf unseren Gartentouren besichtigen.

Markus Bäuchle Wanderlust Irland

Im parkartigen Garten von Ballylickey House & Chalets, wo unsere Gäste untergebracht sind

Nicht so extravagant und auch verhältnismäßig zierlich, doch geradezu narkotisierend im Duft ist RhododendronLady Alice Fitzwilliam’ mit seinen weißen Blüten. Die Knospen mancher Exemplare sind zart rosa und erinnern an platt gedrückte Marshmallows. Auf Garinish Island können wir uns im April schnuppernd von Strauch zu Strauch hangeln, denn im April blüht die Skimmie, deren unscheinbare Blüten stärker nach Maiglöckchen duften als die Maiglöckchen selbst. Aus den leicht zitronig duftenden Blättern dieser Verwandten der Zitrusfrüchte wird ein frisch-grün duftendes ätherisches Öl destilliert.

Clianthus_puniceus

Clianthus puniceus, Papageienschnabel

Kaum jemand bemerkt auf unseren Ausflügen die winzigen weißen Blüten des Duftblüten-Strauches, die Art Osmanthus delavayi blüht oft bereits im März. Die Blüten des nahen Verwandten Osmanthus fragrans werden in China traditionell zur Beduftung von Tee eingesetzt, der Duft des durch Hexanextraktion gewonnenen Riechstoffes erinnert an getrocknete Aprikosen und ist unter Parfumeuren ein begehrter Rohstoff. Zu dieser Zeit laufen auch viele Menschen am eher unscheinbaren ZickzackStrauch vorbei, dessen winzige gelbe Blüten nach einer ganzen Tüte mit Vanillepudding-Pulver duften. Auf dem Kontinent würde er nicht draußen gedeihen können, in Südwest-Irland übersteht er die gemäßigten Winter meistens sehr gut. Nicht zu übersehen sind jedoch die wunderschönen in voller Blüte stehenden Exemplare von Myrtus lechleriana, einer sehr frostempfindlichen Myrtenart. Selbst wenn die Mini-Blütchen abgefallen sind, denkt fast jeder, der große Strauch blühe noch, denn rötlich angehauchte sternförmige Kelchblättchen verleiten zu dieser Annahme. Eine der extravagantesten Blüten des ganzen Jahres ist auch bereits im April zu bewundern: Clianthus puniceus, die neuseeländische Rankpflanze namens Papageienschnabel oder Ruhmesblume, erinnert eher an ein Krebstier mit Scheren als an eine Verwandte der Erbse, auf englisch heißt sie den auch tatsächlich Lobster Claw (Hummerschere).

Eine Rarität ist auch Michelia doltsopa, eine enge Cousine der Magnolien, sie steht an einer wärmenden Steinmauer und doch sieht man ihr immer wieder an, dass es ihr zu kalt geworden ist. Was den Baum, der aus der Gegend um Bhutan stammt, jedoch nicht davon abhält, jeden April mit reinsten Parfumerie-Wolken zu verschönern: Zitronenschale, Vanille und ein Schuss Gewürznelken-Aroma duften wirklich verführerisch.

Markus Bäuchle Wanderlust Irland

Im warmen Klima des Golfstromes gedeihen viele subtropische Gewächse

Drimys winteri, die Winterrinde oder Gewürzrinde blüht auch im April, ihre hübschen scharf-würzigen Blüten schmecken fein im Salat. Einst verordnete Captain Winter, der mit Sir Francis Drake die Welt umsegelte, dass die Mannschaft eine Abkochung dieser Rinde einzunehmen habe. Somit konnte die „Pest“ der Seefahrer, Skorbut, verhindert werden. Der schöne Großstrauch wird zu Hause in Patagonien nicht so hoch wie im Südwesten Irlands, wo er zum rechten Baum heranwachsen kann.

Muss ich bei so viel Pracht noch die Straßenränder erwähnen? Diese sind ab Januar mit den großen runden Blättern der Pestwurz begrünt, bereits ab Mitte Februar sprießen die zartgrünen Montbretienblätter, die bis Mitte April kilometerlang die Straßenlandschaft dominieren. Ab Juli gesellen sich die winzigen orangefarbenen Mini-Gladiolenblüten dazu.

Markus Bäuchle Wanderlust Irland

Auch der Spaß kommt beim Gartenwandern nicht zu kurz! Abwandern der Äste einer Japanischen Sicheltanne

All das und noch viel mehr, nämlich viele sehr unterschiedliche traumhaft angelegte Gärten und Parks, werden wir während der Gartenwandern-Wochen erkunden. Sie haben zu jeder Jahreszeit ihren Reiz, einige von ihnen liegen am Meer und nutzen den Atlantik als Gestaltungselement, andere sind in zauberhafte Berg- und Flusslandschaften integriert.

Irland Gartenwandern Markus BäuchleZum Abschluss dieser vier abwechslungsreichen Wochen wird jede TeilnehmerIn eine Komposition aus den kennen gelernten Naturdüften gestalten, um die Erinnerungen später zu Hause als olfaktorischen Anker aufleben lassen zu können.

 

Die Termine:

16.04.-23.04.2016

21.05.-28.05.2016

11.06.-18.06.2016

25.06.-02.07.2016

Die ausführliche Broschüre mit dem Programm gibt es hier

Das Anmeldeformular mit der Preisübersicht gibt es hier

Irland brennt. Die Menschen schweigen.

Ginsterfeuer in Irland

Alle Jahre wieder: Ginsterfeuer in Irland. Aufnahme von gestern nacht

Irland brennt wieder. Jedes Jahr das gleiche gefährliche Ritual. Die Hochdruck- und Trockenzeit in Irland hält nach einem langen nassen Winter nun seit zwei Wochen an. Sie bringt schöne Tage und unruhige Nächte. Denn die Berge und Weiden in der Umgebung brennen wieder lichterloh. Was Bauern, sture Traditionalisten und erregte Pyromanen sonst gerne im Dezember und Januar treiben, findet wetterbedingt erst jetzt statt. Nach dem 1. März sind eigentlich alle sogenannten Ginsterfeuer in Irland verboten.

Macht aber nichts. Denn Politik und Polizei pflegen einen äußerst laxen Umgang mit dem Problem, das Tiere tötet, die Flora zerstört, Menschen ängstigt und schädigt. Farmer berufen sich sogar auf ihre Pflicht, den Ginster und Sträucher und Bäume (!) in ihren Feldern zu bekämpfen, weil ihnen sonst gravierende Strafen vom Landwirtschaftsministerium drohen. Seien die Weiden in einem „ungepflegten“ Zustand drohten laut der Tageszeitung Irish Examiner* Strafen und Subventionskürzungen. Ob der Landwirtschaftsminister auch noch vorgeschrieben hat, dass diese Feuer nach dem 1. März wüten sollen, und ob er angeordnet hat, dass sie vor allem heimlich nachts angezündet werden müssen?

Die Feuerwehren haben nun Großeinsatz und kämpfen bis zur absoluten Erschöpfung. Der Himmel, hell erleuchtet, hebt sich im weiten Umkreis über den Feuern grell rot vom Schwarz der Nacht ab. Das Knistern, Knacken und Rauschen der oft Kilometer langen Feuerlinien hört sich unheimlich an. In Irland wartet man eher selten auf Regen. Jetzt täte er gut. Erinnerungen an das vergangene Jahr werden wach, als ein tagelang wütendes Feuer im Killarney Nationalpark 5000 Hektar Land und wertvollen Wald verwüstete.

Feuer Irland

Alle Jahre wieder: Ginsterfeuer in Irland

Die jährlich wieder kehrende Feuersbrunst, mit der Irland überzogen wird, wird nur ganz langsam zum öffentlichen Thema. Eigentlich wissen fast alle Menschen im Dorf, wer in den Wintermonaten nachts bei Ostwind den Benzinkanister auf die Weide schleppt. Aber die irische Omerta funktioniert noch immer ganz gut.  Schweigen ist die erste Bürgerpflicht. Die Einsätze der Feuerwehr sind einsam, Menschen lassen sich lieber nicht blicken — es sei denn, sie wähnen sich in großer Gefahr. Nur wenn Häuser bedroht sind, oder auch schon mal brennen, gibt es einen lokalen Aufschrei – und meistens schreien nicht die Einheimischen.

Zögerlich entstehen in den sozialen Netzwerken nun Kampagnen gegen die Ginsterfeuer. Auch die lokale Feuerwehr in Bantry pflegt mittlerweile einen Twitter-Account, mit dem sie die Bevölkerung über Ihre Einsätze informiert und auch immer wieder auf die schlimmen Folgen der fatalen Feuer hinweist (Foto unten). Das sind kleine Schritte in die richtige Richtung.

 

 

 

Irland Buch BäuchleIn meinem Buch Irland. Ein Länderporträt habe ich auch über die irischen Berg- und Weiden-Feuer geschrieben. Interessante Erkenntnis: Kontrolliertes Abbrennen kann die Bio-Diversität in einem Lebensraum sogar fördern. Allerdings wurden diese Tests auf kleinen, streng kontrollierten Flächen gemacht. Hier ein Auszug aus dem Buch:

. . . sie gehören zum Jahresritual wie Ostern und Weihnachten. Man nennt sie Bog Fire (Moorfeuer) oder Gorse Fire (Ginsterfeuer) und sie flackern während trockener Perioden von Dezember bis April. Geredet wird darüber nur hinter vorgehaltener Hand. Doch meist sind es Farmer, die sich mit einem schönen windgetriebenen Großbrand die Arbeit sparen, ihre Schafweiden offen zu halten und den Ginster, die Brombeeren, den Gagelstrauch und die Pionierhölzer herauszuschneiden. Das thermische Mähen wird seit Generationen praktiziert und gilt schon deshalb als korrekte landwirtschaftliche Methode. Der irische Staat erlaubt Bauern das kontrollierte Abbrennen vom 1. September bis Ende Februar, und steht mit dieser Praxis ziemlich alleine da. Aus Umwelt- und Sicherheitsgründen ist der Feuereinsatz in der Landschaft in den meisten Ländern Mitteleuropas seit Jahrzehnten streng verboten.

Ein erschöpfter Feuerwehrmann in West Cork erklärte mir im Jahr 2009 nach zweitägigem Dauereinsatz in den Bergen, dass die Zunahme der Feuer vor allem mit der Lage der Landwirtschaft zu tun hat: Diese ist in den Berggebieten auf dem Rückzug, das Land wächst zu, und die Farmer betreiben ihre Landwirtschaft meist nur noch nebenberuflich. Deshalb bleibt oft nur der Weg, bei trockenem Ostwind ein Streichholz ans dürre Gras zu halten.  

Die Feuer sorgen für besseren Lichteinfall und bereiten das Grasland für die nahende Vegetationsperiode vor. Im Winter abgebranntes Land steht im Frühjahr als erstes in sattem Grün und lädt die Schafherden zum Grasen ein. Der naturnah arbeitende Bauer Jackie O`Shea erinnert sich, dass es diese Feuer in der Vergangenheit nicht in dieser Menge und Größe gegeben hat. In den “alten Zeiten“ haben die Bauern ihr Vieh zweimal pro Jahr auf dieselbe Weide geschickt: Um die weniger schmackhaften Pflanzen wie Ginster und Gagel abzuräumen, muss die Wiese auch im Winter beweidet werden, wenn das Nahrungsangebot eingeschränkt und das Vieh weniger wählerisch ist. Das allerdings geschieht heute fast gar nicht mehr. Große Flächen liegen völlig brach, und so findet das Feuer reichlich Nahrung und kann sich schnell und großflächig ausbreiten. Immer wieder geraten die Feuer außer Kontrolle und gefährden Häuser und Menschen.

Unter die flämmenden Farmer mischen sich feuereifrige Pyromanen, die die Brand-Saison für eigene Zwecke nutzen. Meist weiß die ganze Gemeinde, wer das jeweils aktuelle Feuer gelegt hat und warum es außer Kontrolle geraten musste. Es herrscht allerdings so etwas wie “Omerta”, die Pflicht zu schweigen. Man sagt nichts und man deckt die Zündler, regt sich über die Autofahrer auf, die wohl eine “Zigarettenkippe aus dem Fenster geworfen haben”. In unserer Gemeinde in der Bantry Bay wüten jedes Jahr vier,  fünf große Weidefeuer – bis heute hörten wir von keinerlei Konsequenzen für die Verantwortlichen. Die Kosten für die Einsätze der Feuerwehren belaufen sich alleine in West Cork auf eine halbe Million Euro pro Jahr, landesweit wird das Abbrennen deshalb mit vielen Millionen Euro Steuergeldern indirekt subventioniert.

Die Kritiker allerdings, die Irland Rückständigkeit vorwerfen und die ökologischen Schäden der Ginsterfeuer kritisieren, könnten eines Besseren belehrt werden: Auch in Deutschland gibt es wieder Versuche mit Feuer als Instrument der Landschaftspflege und des Naturschutzes. Einige Ergebnisse der kontrollierten und auf kleine Flächen begrenzten Tests sind verblüffend: Die CO2-Bilanz des Feuereinsatzes ist neutral und dem Einsatz von Maschinen überlegen. Die Artenvielfalt wird nicht generell eingeschränkt, das Leben kehrt auf die abgebrannten Flächen schnell zurück, das Feuer kann sogar für die Ansiedlung neuer Arten sorgen.

Wenn die Urlauber im Frühjahr nach Irland kommen, sehen sie jedenfalls nichts mehr von den Dramen des Winters: Sie bewundern die saftig-grünen Wiesen und freuen sich über ein Irland wie aus dem Bilderbuch.

Und so wird es sein.

Ginsterfeuer Irland_2016* Quelle: Irish Examiner vom 22. März 2016
Alle Fotos: Markus Bäuchle, aufgenommen am 21. März 2016

Findlinge – die Spielzeuge von Irlands Riesen

Findlinge Irland

With a little help from my little friend

Findlinge – Spielzeuge von Irlands Riesen. In den alten Sagen Irlands spielen Riesen und Riesinnen mit gewaltigen Kräften eine wichtige Rolle. Der keltische Held Fionn mac Cumhaill oder  Finn MacCool etwa zeichnet verantwortlich für den „Bau“ des Giant´s Causeway in Irlands hohem Norden. Er mag es auch gewesen sein, der im Südwesten der Insel mit den vielen Findlingen spielte, von denen die alten Sandsteingebirge übersät sind. Immerhin erinnert Finn McCools Seat, ein Pass auf dem Sheep´s Head auch an die Anwesenheit der mythischen Figur Fionn, den Blonden.

Erratische Blöcke_1

 

Ich war in den vergangenen Tagen in den Bergen unterwegs und habe einige der Findlinge, der Riesenkiesel, fotografiert. Ihr Anblick fasziniert mich immer wieder. Man muss nur genau hin schauen, und schon verwandelt sich der Stein in ein Schaf mit Riesenkörper, oder einen Fisch, in eine Herde Nashörner, in ein Seepferdchen . . .

Errarische Blöcke_2

 

in ein archaisches Tier, mal  Fisch, mal Vogel, mal Säuger-Schädel. Faszinierend, wie mancher Findling auf einer Felskante ruht — zur Weiterreise bereit, aber seit einem Wimpern-Schlag der Erdgeschichte ohne Mitfahrgelegenheit. Der letzte große Gletscher hatte die erratischen Blöcke vor zehntausend Jahren dort hingeworfen, sie bei seinem tränenreichen Rückzug am Ende der Eiszeit liegen lassen.

Berge Irland

Der Findling verbindet uns mit der Zeit, als die Meeresbucht dort unten noch ein Tal war, eine grüne Talaue mit einem Süßwassersee in der Mitte, dem Bantry Lough.

Blick

Blick von den Bergen auf den Atlantik

Alle Fotos: Markus Bäuchle / Wanderlust – Wandern in Irland

Ein schöner Platz für den Rest der Ewigkeit

Friedhof Irland

Kilmakilloge Graveyard, Irland, County Cork

Ein Platz für die Ewigkeit. Habt Ihr einen wichtigen Rat von den Eltern auf den Weg mit bekommen, der Euch ein Leben lang begleitet? Einer alten Freundin riet deren Mutter einst, sie solle sich immer einen Wohnsitz mit einem guten und weiten Ausblick wählen. Das sei wichtig für die Wahrnehmung und den eigenen Horizont. Die Freundin hat es beherzigt und ich erinnere mich an die Geschichte, weil auch ich den Blick aus dem Haus für wichtiger halte als den Blick ins Haus. Ich genieße die Aussicht von Schreibtisch aufs Meer. Ich liebe den Blick aus dem Fenster ins Grüne, auf den Wald, das Wasser. Ich mag es auch, auf Berggipfeln zu stehen, um den weiten Blick in alle Richtungen zu genießen.  Und ich stelle mir vor, dass die Toten auf dem irischen Friedhof von Kilcatherine oder dem von Castlehaven oder dem von Kilmakilloge, ein besonders schönes Fleckchen für den Rest der Ewigkeit „bewohnen.“ Weil sie den Blick aufs Meer haben, hätten . . .

Dass Tote den ewigen Blick auf das Meer genießen, scheint ein etwas irrationaler Gedanke, und doch wird er seit vielen Menschengenerationen so oder ähnlich gedacht. Robert Macfarlane hat darauf hingewiesen, dass es einen engen Zusammenhang zwischen der wilden Natur, dem Totsein, dem Toten und dem Ausblick gibt. Hier eine Passage aus seinem lesenswerten Buch Karte der Wildnis, in dem Macfarlane sprachgewaltig die Suche nach den letzten unberührten Flecken Natur in Großbritannien und Irland beschreibt:

Das Wilde und das Tote waren lange Zeit eng miteinander verwoben. Auch wenn wir es heute gewohnt sind, unsere Toten ordnungsgemäß in geweihter Erde zu bestatten – Reihen um Reihen von Grabsteinen -, ist dies nicht immer so gewesen. Oft war die Wildnis der Ort, an den die Toten zurückkehrten, wo sie in die Erde glitten wie in Wasser.

Am 18. April 1430 wurde John Reve, ein Handschuhmacher aus dem Dorf Beccles in Suffolk, zum Bischofspalast in Norwich beordert, um Rechenschaft über seinen Irrglauben abzulegen, da er es für richtig hielt, die Toten in der Wildnis zu begraben. Reves Verteidigungsrede ist überliefert. „Ich denke, glaube und bekräftige“, lautete seine mutige Erklärung vor dem Tribunal, „dass es ein ebensolcher Verdienst, Lohn und Gewinn für jeden Christenmenschen ist, auf Misthaufen, Wiesen und in der freien Natur bestattet zu werden, wie in Kirchen und Kirchhöfen.“

Irischer Friedhof

Castlehaven Graveyard, Irland, County Cork

Reves bewegender Glaube an die Richtigkeit des Begräbnisses in freier Natur würde später noch oftmals aufgegriffen, inner- und außerhalb der christlichen Tradition. Im 17. Jahrhundert begruben die Quäker ihre Toten als Zeichen des Protests auf Obstwiesen und in Gärten, während der Marquis de Sade in seinem Testament verfügte, sein Leichnam möge von einem Holzhändler aus seiner Gegend auf einen Wagen geladen, in ein Waldstück seiner Ländereien gebracht und dort in ein frisch ausgehobenes Grab gelegt werden. „Sobald das Grab zugeschaufelt ist“, forderte er, „sollen Eicheln darüber gesät werden, damit neue Bäume die Stelle bewachsen und das Gehölz wieder so dicht sein wird wie vordem und die Spur meiner Grabstätte von der Erdoberfläche verschwindet.“  . . .

Ein irischer Freund erzählte mir einmal, wie seine Tante die ganze Familie aufgebracht hatte. Eines Sommers, als alle außer Haus waren, war ein Verkäufer zu ihr an die Tür gekommen. Sie ließ in herein, hörte ihm zu und kaufte sein Produkt: eine Grabstelle. Die Familie meinte, dass sie sich hatte neppen lassen, und wollte, dass sie ihr Geld zurückverlangte. Aber sie dachte gar nicht daran. Die Grabstelle liege ganz oben auf einer Klippe, sagte sie, in seltener Lage, und zeigte den Ort auf der Landkarte. Von dort konnte man weit über den Atlantik schauen. Ein schöner Platz für den Rest der Ewigkeit, sagte sie.

Viele wilde Landstriche in Großbritannien und Irland wimmeln von gekennzeichneten wie ungekennzeichneten Gräbern. Viele alte Bestattungsplätze befinden sich in Sichtweite eines Flusses oder auf Uferklippen und Felsvorsprüngen mit Blick auf das Meer. . .

. . . Bei einer Wanderung zwischen den alten Gräbern des Burren überkommt einen ein unerklärlich erhebendes Gefühl. Hier, so denkt man, finden Glaubensvorstellungen Ausdruck, von denen man möglicherweise etwas lernen kann. Eine gewisse Orientierung vielleicht, oder eine Verbindung. Das Hochgefühl, das man verspürt, hat mit der arglosen Behauptung dieser Grabstätten zu tun, ihrer unerschrockenen Vorstellung einer Kontinuität zwischen Leben, Tod und Ort. Und mit der einfachen Tatsache, dass so viele Menschen in so vielen Zeiten für einen guten Ausblick ihrer Toten über die Gegend sorgten.

Wahrscheinlich ist die Vorstellung vom schönen Plätzchen mit Ausblick für die Ewigkeit eher ein Trost für die Lebenden als ein Stück Totseinqualität für die Verblichenen . . .

Karte der Wildnis

 

Aus: Robert Macfarlane: Karte der Wildnis (Berlin, 2015)

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