Die Seele der Iren: Hätte Freud Recht gehabt?

Irland Seele Seelenraum

„ein word das nie gesproch ward“ – c.g. jung (das rote buch)

Über die Iren ist Vieles gesagt worden. Nehmen wir einfach einmal an, es gäbe so etwas wie einen nationalen Charakter, eine kollektive grüne Wesensart. Da wird an vorderster Stelle behauptet, die Iren seien ein besonders rebellisches und aufsässiges Volk. Wer sich in den vergangenen zehn oder 15 Jahren unter Iren aufgehalten hat, fragt sich, wie das mit dem Musterschüler-Image zusammenpasst, das sich Paddy und Mary dank höchster Anpassungsleistung an die massiven Forderungen von Finanz-Europa und EU erdient haben. Oder es wird geflüstert, die Iren seien ein besonders spirituelles Volk, sie stünden mit dem Göttlichen auf Du und Du. Da wird vielleicht spirituell mit Spiritus verwechselt. Doch darüber ein andermal.

Sigmund Freud

Sigmund Freud

Sigmund Freud und die Iren: Vor ein paar Tagen kreuzte eine besonders hartnäckige Behauptung über das Wesen der Iren wieder einmal meinen Gedankenweg. Ein Freund erzählte von einem Film, in dem es heißt, die Iren seien laut Sigmund Freud das einzige Volk, dem durch Psychoanalyse nicht zu helfen sei. Sie seien voller Widersprüche und immun gegen rationale Denkprozesse. Abgesehen davon, dass sich Freud auch in profunderen Dingen („It´s all about sex“) gewaltig irrte: Jetzt wollte ich wissen, wie der Seelenversteher aus dem letzten Jahrhundert die Menschen von der Insel wirklich charakterisierte. Hatte seine Tochter Anna ihm vielleicht entscheidende Hinweise auf das Seelenleben der Insulaner vermittelt? Immerhin hielt sie sich längere Zeit in Baltimore im Süden der Insel auf . . .

Ich erinnerte mich, dass auch der schreibende Kollege Ralf Sotscheck dieses Freud zugeschriebene Zitat in seinen Büchern über das komische Volk der Iren gerne verwendet und seit 16 Jahren genüsslich verbreitet. Eine Nachfrage bei Ralf ergab, dass er sich nach 16 Jahren an die Quelle nicht mehr erinnern kann, aus der er damals geschöpft hat. Sotscheck formuliert deshalb einfach vorsichtiger: „Die Freud zugeschriebene Behauptung . . . “ . So blieb mir nur übrig,  quer durch die Gesammelten Werke Sigmund Freuds zu lesen, um endlich Klarheit zu finden – was im Digitalen Zeitalter gar nicht so schwer ist. Die Werke des Erfinders der Psychoanalyse sind online komfortabel durchsuchbar. Ergebnis: Freud erwähnt zwar Irland, irisch oder die Iren ein paar Mal, aber dabei geht es etwa um den Witz und seine Beziehung zum Unbewussten oder um die Vokabel emp-irisch. Also: Fehlanzeige. Dem guten alten Sigismund wurde schlicht ein Kuckucksei untergejubelt.

Was bei der Recherche noch heraus kam: Auch eine Wissenschaftlerin von der University Limerick und ein Online-Journalist aus der Schweiz, sind der Spur des Freudschen Versprechers bereits gefolgt. Der Redaktor Roman Rey jedenfalls hat beim Sigmund-Freund-Museum in Wien nachgefragt und bekam ebenfalls die Auskunft: Freud hat das mit den Iren und der Therapie-Resistenz nie behauptet.

Nun bleiben zwei Fragen offen:

Was hat den Drehbuchschreiber des Oscar-gekrönten Films The Departed (Unter Feinden) von Martin Scorsese dazu veranlasst, einem Filmcharakter ein zwar originelles, aber doch erfundenes Freud-Zitat unterzujubeln?  Und:

Hätte Freud, wenn er denn behauptet hätte,  den Iren sei durch Psychotherapie nicht zu helfen, nicht vielleicht Recht gehabt?

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Che Guevara und das Blut der irischen Rebellen

Gern gesehen in irischen Straßen: Che Guevara

Gern gesehen in irischen Straßen: Che Guevara

Die Anzeige sprang mir direkt ins Auge: It started in Galway and ended in Revolution. Dazu ein Bild von Che Guevara, wie man ihn kennt vom Poster oder – falls man schon mal in Derry in Nordirland war – von der Wand im Bogside Viertel. Die Anzeige bewirbt eine neue Ausstellung, EPIC Ireland. Es geht um Männer und Frauen, die einst aus Irland emigrieren, und um deren Erfolgsgeschichten. Weltweit leben geschätzte 70 Millionen Menschen mit irischen Wurzeln, nicht alle machten ihr Leben zu einer Erfolgsgeschichte, und mancher Erfolg endete in einer bitteren Niederlage oder im Scheitern . . .

 

Che Guevara / Foto wikimedia

Che Guevara / Foto wikimedia

Als Teenager hielt ich Che Guevara für einen Popstar, wie er da vom Poster herunterblickte. Ich konnte noch kein Spanisch und verstand nicht, was Hasta La Victoria Siempre! bedeutet. Erst später lernte ich, dass es um Revolution ging, um den Kampf bis zum Sieg gegen die Unterdrücker.

Doch wie gehen Che Guevara und Irland zusammen? Irgendwo las ich eine Randnotiz zum kubanischen Nationalhelden, dem Commandante und seiner Verbindung zu Irland. In Galway dann fand ich das Büchlein The Tribes And Other Galway Families, in dem es um die Familien geht, die die Stadt ab dem Mittelalter geprägt haben. Allen voran 14 Kaufmannsfamilien, die den wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Alltag Galways bestimmten. Die bedeutendste dieser Familien waren laut Autor die Lynchs: Seit dem späten 13. Jahrhundert in Galway ansässig, bekleideten sie ab 1247 regelmäßig den Posten des Chief Magistrate, und später den des Bürgermeisters der Stadt. Ab 1415 trieben sie regen Handel mit der Hansestadt Lübeck und prägten Galway auch architektonisch: Das best erhaltene mittelalterliche Gebäude der Shop Street ist das Lynch’s Castle.

Lynch's Castle / Foto Pauk wikimedia commons

Lynch’s Castle in Galway

Die Lynchs breiteten sich aus, ließen sich ländlich nieder im County Galway. Von dort zogen Nachkommen weiter, unter anderem nach Frankreich, USA und Lateinamerika. Ein Lynch war Mitunterzeichner der amerikanischen Unabhängigkeits-Erklärung, ein anderer sollte Mitte des 20. Jahrhunderts in Kuba und Bolivien Geschichte schreiben: Ernesto Guevara Lynch de la Serna, kurz Che – Junge – genannt. Lad wie sie hier in Irland sagen. Geboren 1928 in Argentinien als Enkel der Anna Isabel Lynch und Ururenkel des Patrick Lynch, der 1715 in Lydacan im County Galway das Licht dieser Welt erblickt hatte. Die Ururenkel-Story haben wir in jüngerer Zeit schon oft gehört, unter anderem über Barak Obama.

Derzeit wird die Che Guevara Story in Irland kräftig touristisch vermarktet. Im Land der Geschichtenerzähler findet auch der Berufsrevolutionär Guevara seinen Platz, zumal er 1964 – nach einer Notlandung – in Dublin ein kurzes Interview gab. Seine irischen Wurzeln sollen ihm erst zu jenem Zeitpunkt bewußt geworden sein. Auf einem weiteren Kurzbesuch 1965 verbrachte er eine Nacht in Limerick. Nach Ches frühem gewaltsamen Tod im Jahr 1967 bezog sich dessen Vater in einem Interview auf Che Guevaras irische Vorfahren: „Zuerst ist festzustellen, dass in den Adern meines Sohnes das Blut der irischen Rebellen floss. Che erbte den Charakter unserer ruhelosen irischen Vorfahren. Er hatte etwas in sich, dass ihn in die Ferne trieb, zu gefährlichen Abenteuern und neuen Ideen.“

So passt er besonders in diesem Jubiläumsjahr – dem Centenary, das der bedeutendsten Revolution der Iren gegen die englische Kolonialmacht vor 100 Jahren gedenkt – ins Bild der Iren, die kämpften bis zum Sieg gegen die alten Unterdrücker. Hasta La Victoria Siempre!

 

Fotos: Markus Bäuchle (oben); Wikimedia (Mitte); Pauk wikimedia commons (unten)

Redheads: Das Klischee von den rothaarigen Iren

Photographer Jörg Köster has captured over 1,000 natural redheads in a five year project in collaboration with the Irish Redhead Convention. A selection of these stunning images will be on display in Cork Airport from 7 - 31 March 2016. Photo Jörg Köster

Photo Jörg Köster

Rothaarige Iren. Wie stellt man sich die typischen Irinnen und Iren vor? Natürlich sommersprossig, weißhäutig und rothaarig. Im wirklichen Leben wird man die rothaarigen Iren jedoch suchen müssen, denn nur jeder zehnte eingesessene Inselbewohner trägt tatsächlich einen roten Haarschopf, was bedeutet: neun von zehn tragen keinen. Das Image von den rothaarigen Iren hält sich dennoch hartnäckig – und zugegeben: Es ist nicht vollkommen falsch.

 

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Versammlung der rothaarigen Iren. Ausstellung des Fotografen Jörg Köster am Cork Airport

 

Der Anteil der rothaarigen Menschen weltweit beträgt ein bis zwei Prozent, Rot ist damit die seltenste Haarfarbe auf der Welt. In Europa gibt es vier Prozent Rothaarige, sie leben vor allem in Europas Norden und Westen. In Irland stellen sie immerhin zehn Prozent der Bevölkerung, und 30 Prozent der Iren tragen die rezessiven genetischen Anlagen in sich. Die mit Abstand meisten Redheads leben aber auf der anderen Seite der Irischen See, in Schottland: 14 Prozent tragen dort über dem Rock rot (und darunter auch). Was uns lehrt: Die Schotten sind die wahren Rotköpfe Europas.

 

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Wer viele, viele rothaarige Irinnen und Iren sehen will, hat dazu am Flughafen von Cork Gelegenheit. Dort wird in der Abflug- und Empfangshalle gerade die Ausstellung Redhead Portrait Exhibition gezeigt. Die Serie schöner großformatiger Porträts von Irinnen und Iren mit roten Haaren  ist sehenswert. Also: Gehn wir zum Airport, Fotos schauen . . .  Ausgerechnet ein Deutscher, der bei Blarney im County Cork lebende Fotograf Jörg Köster, pflegt dort das Klischee der rothaarigen Iren mit seinen gelungenen Porträtaufnahmen. Er tut das zusammen mit den Initiatoren der Irish Redhead Convention. Das große Treffen der Irischen Rothaarigen findet seit dem Jahr 2010 jeden Sommer in Crosshaven, County Cork statt. Was als Stammtisch-Idee der rothaarigen Geschwister Joleen and Denis Cronin begann, ist mittlerweile zum ansehnlichen Event herangewachsen. Und nicht nur irische Redheads werden dieses Jahr vom 21. bis 23. August in das Küstendorf östlich von Cork City pilgern. Denn immerhin gibt es längst eine Internationale der Rothaarigen.  Sie wurde schon vom Holländer Bart Rouwenhorst im Jahr 2005 ins Leben gerufen.

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Rothaarige Frau. Porträt von Jörg Köster

Der Künstler Rouwenhorst ist ein rothaariger Experte für alles Rothaarige. Bart hat den jährlichen „Internationalen Rothaarigentag“ im niederländischen Breda erfunden und kämpft selbstbewusst für die Rothaarigen, die allzu oft Zielscheibe für Angriff sind. Wir fragten Bart: “Werden Rothaarige diskriminiert?” Offensichtlich, so Bart, werden Rothaarige vor allem in Großbritannien gehänselt und gestichelt, was gut ins Bild passt. Dort werden Rothaarige als „Gingers“ oder „Carotheads“ (Karottenköpfe) verunglimpft, und es gab schon einige erfolgreiche Antidiskriminierungs-Klagen gegen britische Peiniger. Einer britischen Kellnerin wurden beispielsweise 18 000 Pfund Schmerzensgeld zugesprochen, weil Arbeitskollegen sie wegen ihrer roten Haare gehänselt hatten . . .

Warum gerade Rothaarige und rothaarige IrInnen oft Ziel von Angriffen und Verunglimpfungen waren und noch immer sind, habe ich in meinem Buch Irland. ein Länderporträt beschrieben. Das gibt es hier zum weiter lesen . . . 

Fotos Airport: Markus Bäuchle / Alle Porträts: Jörg Köster

 

 

 

Donald Trump und die Mauer von Doonbeg

Trump Donald: http://trumpdonald.org/

Trump Donald: http:trumpdonald.org

Irland, Donald Trump, die Ungleichheit und Umberto Eco: Der kürzlich verstorbene italienische Univeral-Gelehrte und Bestseller-Autor Umberto Eco war Zeit seines Lebens negativ fasziniert von der Macht der Lüge und der Dummheit der Verführten.  Er sagte gerne, ihn störe weniger, dass es Typen wie Mussolini und Berlusconi gebe, aber viel mehr, dass so viele leicht verführbare Menschen diesen Verführern folgen und zum Opfer fallen.

Umberto Eco würde heute mit lässigem Spott über den polternden Rassisten Donald Trump, der gerade US-Präsident werden will, urteilen. Ihn würde jedoch viel mehr interessieren, warum so viele leicht verführbare Amerikaner dem polternden Riesen-Baby, das ohne jegliches politisches Programm daher kommt, die große Bühne bereiten.

Umberto Eco hat auch gesagt, dass die Mächtigen, wenn es eng wird, an der Macht bleiben, indem sie Hass unter den Menschen und den Völkern säen. Hass sei sehr viel erfolgreicher als Liebe. Daran gemessen geht Donald Trump, der von manchen Kommentatoren als Soziopath bezeichnete Selbstdarsteller mit wehendem Toupet, den Weg des Erfolgreichen gegen die dumm-dumpfe Masse.

Ganz anders die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie versucht – nach Jahren der geschmeidigen machtsichernden Anpassung – gerade den Beweis anzutreten, dass wir Gegenwartsmenschen in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend dazu gelernt haben, dass wir als Masse klüger geworden sind und uns nicht mehr so leicht verführen lassen von dumpfen Hass- und Fremdenfeindlichkeits-Parolen. Merkel folgt dem humanitären Imperativ, wenn man so will, dem politischen Weg der Liebe (wenn es so etwas überhaupt gibt .  . . ) Und sie bringt sich damit, wie wir wissen, in erhebliche persönliche Schwierigkeiten.

Donald Trump, der am Ende dieses Jahres nicht Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden wird, folgt dem platten Impuls, dass er alles kann und darf, nur weil er reich ist und mit seinem Geld die Welt, die politische Macht, ein ganzes Volk kaufen kann. Dass er diese Geldmacht seinem Vater zu verdanken hat, der ihm mal eben 200 Millionen Dollar vermacht hat, verschweigt der Donald gerne.

Trump in Irland: Golfen direkt am Atlantik hat seinen Preis . . .

Trump in Irland: Golfen direkt am Atlantik hat seinen Preis . . .

Diese nach allen Maßstäben der Vernunft durchaus lächerliche Figur, dieser von einer narkotisierten Anhängerschaft und den autistischen US-Massen-Medien in die Pole Position gehobene Kandidaten-Bewerber, hat auch im beschaulichen Irland schon klar gemacht, wie er sich die Welt vorstellt. Vor zwei Jahren kaufte Trump an der irischen Westküste, im County Clare, das Golf-Resort Doonbeg für 20 Millionen Euro. Er übernahm den Ort Anfang 2014 in Cowboy-Manier und versuchte sofort, den sturmumtosten Landstrich am Atlantik nach seinem Gusto umzukrempeln. Um die Investition gegen die gewaltigen Atlantik-Stürme zu schützen, ließ Trump am Strand von Doughmore Felsbrocken auftürmen und griff eigenmächtig in die unter Naturschutz stehende Dünenlandschaft ein. Die Grafschaftsverwaltung von Clare ließ sich freilich nicht beeindrucken und untersagte Trump weitere Eingriffe.

Mittlerweile hat der Mann, der künftig die Welt „regieren“ will anstatt Immobilien zu verwalten, das Golf-Resort in Doonbeg als small potatoes, als kleine Kartoffeln bezeichnet, die er jetzt seinen Kindern und Managern zum Spielen überlassen will. Gleichzeitig aber ließ er den Bau einer 2,8 Kilometer langen, 200.000 Tonnen schweren und 10 Millionen Euro teuren Steinmauer entlang des Strandes beantragen— mit der Drohung, dass er im Fall einer Ablehnung nichts mehr in den Standort Doonbeg investieren will.

Schön wärs, dass sich der Atlantik nehmen kann, was er sich letztendlich mit Verzögerung doch nehmen wird. Ob das Clare County Council aber den Trumpschen Verlockungen widerstehen wird, den Versprechungen von 38 Millionen Dollar Investitionen und der blendenden Aussicht, dass in Doonbeg bald schon der Wohlstand aus dem Trump-Resorts hinaus übers Land schwappen und die Golf- und Geld-Eliten dort ein Irish Open-Turnier unter sich ausspielen würden? Für den April ist eine (erste) Entscheidung über den Bau der großen Trump-Mauer von Clare angekündigt.

Trump Gold Resort inIrland: Kleine Kartoffeln und eine 2,8 Kilometer lange Mauer . . .

Trump Golf Resort in Irland: Kleine Kartoffeln und eine 2,8 Kilometer lange Mauer . . .

Trump und Konsorten sollten zumindest gewarnt sein. Denn auch das aktuelle Wahlergebnis, das die irische Regierung trotz wirtschaftlichen Erfolgs mit Wucht aus dem Amt gefegt hat, deutet vor allem auf Eines hin: Viele Irinnen und Iren haben es satt, dass sich einige wenige Reiche die Taschen immer voller stopfen, während das Volk die Zeche zahlt. Sie fordern eine ehrliche Politik der Fairness.

Dieses Wahlergebnis in Irland ist eine Kampfansage an die große Ungleichheit im Land, die sich in den vergangenen fünf Jahren noch drastisch verschärft hat. Könnte es also sein, dass sich in diesen krisenhaften Zeiten auch positive Entwicklungen Bahn brechen, dass die Macht der Dummheit abnimmt und dass zum Beispiel die menschlichen Bedürfnisse nach Gerechtigkeit, Chancengleichheit, nach Sinn, Schönheit, Ganzheit und Würde endlich wieder Oberhand gewinnen über die Gier, den Egoismus und die Autokratie der zerstörerischen globalen Geld-Elite?  Die Stärke des Gegenwinds im Gesicht von Typen wie Donald Trump wird ein Indikator dafür sein.  Let´s trump Donald.         

Fotos: Trumpdonald.org (oben), Markus Bäuchle (unten)

Ein Wohnzimmer-Konzert mit David Syme

Irland Wandern Wanderlust Markus Bäuchle

Der us-amerikanische Pianist David Syme lädt sonntags regelmäßig zu besonderen Wohnzimmer-Konzerten ein

Wenn man als überzeugter Wahl-Ire (Wahl-Irin) beschreibt, wie abseits man seit anderthalb Jahrzehnten lebt, gibt es einerseits gerne mal leicht neidvoll gefärbte und bewundernde Kommentare („so viel Natur“, „frische Luft“, „viel Platz und Freiheit“, „das Meer vor der Haustür“). Andererseits vernehmen wir auch schon mal ein Bedauern, wenn unsere vermeintlich mangelnden Möglichkeiten an kulturellen Veranstaltungen zur Sprache kommen. Denn vor lauter Natur sei am A… der Welt Kultur sicherlich nur als Nadel im sprichwörtlichen Heuhaufen zu finden. Wenn überhaupt.

Wandern Irland Wanderlust Markus Bäuchle

Das passende Gemälde zum Klavierspiel hängt im Wohnzimmer von Suzanne und David Syme

Doch wir müssen nicht mehr ins gut eine Stunde entfernte Killarney fahren, um einen guten und/oder angesagten Kinofilm anzuschauen, Bantry bietet seit über 10 Jahren auf den drei Leinwänden des Cinemax-Kinos vielfältige Unterhaltung und Bildung. Diverse Musik- und Literaturfestivals im Sommer ziehen inzwischen nicht nur kulturhungrige Menschen aus der näheren Umgebung an. Zwischendrin begegnet man auf gemütlichen kleinen Konzerten großen Sängern. Dazu wohnt ganz in der Nähe David Syme, dem wir den 77sten Grund in unserem Buch 111 Gründe Irland zu lieben gewidmet haben:

Die schönsten Blüten der Kultur treiben hier im Verborgenen, zum Beispiel in einem großen Wohnzimmer in Ahabeg, einem zu Rossmacowen gehörenden Weiler in der Nähe von Castletownbere. Man glaubt es nicht, doch im kulturellen Ödland Bearas gibt sich jedes Jahr ein Dutzend Mal ein Weltklassekünstler die Ehre: Jeden Winter und jeden Sommer lädt der Pianist David Syme lokales Publikum zum Sonntagskonzert in sein Wohnzimmer ein.

Der US-Amerikaner Syme (Jahrgang 1949), ein Meisterinterpret der Werke George Gershwins, kennt die großen Konzertsäle der Welt, trat mit vielen Weltklasse-Orchestern auf und hat über 20 CDs eingespielt. An diesen Sonntagen zuhause lässt er das Publikum zu sich kommen: Syme wohnt in Ahabeg und er musiziert in Ahabeg. Nachmittags um 15 Uhr geht es los, David Syme nimmt gut vorbereitet am großen Flügel in der Mitte seines Wohnzimmers Platz und spielt zwei Stunden erlesene Klaviermusik für die Leute aus der Umgebung. Bis zu 50 Menschen haben Platz in Davids guter Stube, und Frau Syme kümmert sich nebenbei rührend um das leibliche Wohl der Gäste.

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Mezzo-Sopranistin Urszula Stefiszyn und Pianist David Syme

Gestern durften wir uns sogar neben der vielen Sahne zu leckeren Kuchen und Törtchen auch noch einen Tupfer musikalischer Sahne zum Klang des Pianos auf der Zunge zergehen lassen: Die polnische Mezzo-Sopranistin Urszula Stefiszyn sang deutsche Klassik und auch ein durch Elvis berühmt gewordenes Ständchen „Muss i denn zum Städtele hinaus“, „Chagrin d‘ Amour“, „The last Rose of Summer“ und „My way“ und andere klassische Lieder sorgten für internationales Flair. Unter den circa 45 BesucherInnen vernahm man diverse Sprachen und Akzente, diese Wohnzimmer-Konzerte sorgen inzwischen für einen regen interkulturellen Austausch, insbesondere deutsche, niederländische und amerikanische BesucherInnen gehören zu den regelmäßig wieder kehrenden Fans von David Syme.

Seine leisen und verspielten Töne zaubern schon mal das eine oder andere Tränchen auf die Augen der Besucher(innen). Doch er kann seinen Konzertflügel mit großartigem Meeresblick im Rückenauch sehr lautstark und temperamentvoll traktieren, dass man glaubt, das Instrument ginge jeden Moment in Flammen auf. Nicht umsonst hat David immer seinen leise säuselnden Stand-Ventilator dabei, der die schweißtreibenden Aufführungen überhaupt erst erträglich macht. Verschwitzt und strahlend widmet er sich in der Pause einzelnen Besuchern, freut sich wie ein kleiner Junge, dass Leinwandgrößen wie die kürzlich mit 95 Jahren verstorbene Maureen O’Hara sowie Irlands berühmtester Sänger Christy Moore schon den Weg in das gemütliche Wohnzimmer des Paares fanden. Gestern machte er auf einen Besucher aufmerksam, der kürzlich 100 Jahre alt geworden ist, der agile einstige niederländische Militär-Pilot ist wohl der älteste Bewohner unseres Dorfes Glengarriff.

David kommentierte zu Beginn des gestrigen Konzerts auch noch, dass er eigentlich nicht die angekündigte Appassionata von Beethoven spielen wollte. Doch da Markus („wie spricht man deinen Nachnamen eigentlich aus?“ ruft er ins Publikum) genau diese Sonate auf seinem Facebook-Eintrag angekündigt hätte, würde er sie nun doch spielen, das Konzert könne deswegen geringfügig später als um 17 Uhr enden.

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Wohnzimmer mit Blick auf die Bantry Bay, auf Bere Island und bei schönem Wetter auf den Sheeps Head

Die nächsten Wohnzimmer-Konzerte finden am 14. und am 28. Februar 2016 jeweils um 15 Uhr statt, wer im Sommer zwischen Glengarriff und Castletown Bere auf der Beara Halbinsel unterwegs sein sollte, kann einer  weißen Tafel mit schwarzem Konzertflügel am linken Straßenrand entnehmen, an welchen Sonntagen man einfach mal vorbei kommen kann, es geht notfalls auch ohne Anmeldung, ansonsten lässt man sich auf Davids Website Symepiano vormerken oder schaut beim aktiven Facebook-Schreiber vorbei.

Irland Wandern Wanderlust Markus BäuchleSeine Frau, die Theologin Dr. Suzanne C. Sachnowitz Syme hat übrigens ein sehr beeindruckendes Buch über das Sterben und das Überleben nach dem Tod eines geliebten Menschen geschrieben ‚Til Death, die beiliegende CD wird von ihrem Mann musikalisch begleitet. Berührt und erfüllt fuhren wir nach Hause mit der Gewissheit: Auch am Ende der Welt gibt es feinste Hochkultur. Beara has it!

Happy New Year und gute Besserung

Frost? Egal. Der Super-Mini war Pflicht in der Neujahrsnacht.

Frost? Egal. Der Super-Mini war Pflicht in der Silvesternacht.

Irland feierte. Diese Silvesternacht hat ihre Spuren hinterlassen. Zum Neujahrskater gesellt sich heute bei vielen Irinnen eine kräftige Erkältung, wenn nicht sogar eine Blasenentzündung, von Blasen an den Füßen und Muskelkater in den Waden einmal abgesehen.

Cork leuchtete. Wir waren gestern nacht unterwegs in Irlands Süd-Metropole Cork. Der Himmel sternenklar, erstmals in diesem Winter gab es Minusgrade und Frost. Das hinderte viele ausgehende Frauen nicht daran, im freizügigen Standard-Feier-Outfit, dem mehr als knappen Super-Mini, tief dekolletiert, auf High Heels  und Stilettos durch die Straßen zu ziehen.  Mantel, Jacke, Schal, Pullover? Lästig, braucht frau zum Party-Machen nicht. Sie wärmt sich gerne innerlich.

Super-Mini und Stilettos. Ich war vor ein paar Jahren mit einem holländischen Freund im nächtlichen Dublin unterwegs. Der Mann erkundigte sich besorgt, warum wir gerade in dieses Viertel gingen (es war Temple Bar). Ich konnte ihn beruhigen: Das ist schlicht der Ausgeh-Look vieler Irinnen — genauso, wie sie tagsüber gerne im Trainingsanzug zum Einkaufen oder Studieren gehen, brezeln sie sich nachts enorm auf. Es ist geradezu verpönt, in Jeans, Hosen oder einem Normalo-Rock auszugehen. Die irische Frau* präsentiert sich dabei äußerst selbstbewusst: Gezeigt wird, was sie hat, da spielen Kategorieren wie Figur und Gewicht überhaupt keine Rolle.

Irish women night out

Hohe Hürden. Auch zehn bis 15 Zentimeter hohe Stilettos mit Pfennigabsätzen gehören zur Feier-Montur, völlig egal, dass sie die Fortbewegung dramatisch erschweren. Gestern nacht überholten wir eine junge (völlig durchgefrorene) Frau, die auf ihren schwindelerregend hohen Pumps vielleicht 30 Meter pro Minute wackelte. Bei vielen jungen Frauen wirkt die Gehhilfe wie eine freiwillig zugefügte reversible Körperbehinderung. Das macht aber gar nichts, wenn frau glashaltend und in die Höhe gestreckt an der Bar steht.

Feiern privat: Die House Party war in Cork auch in diesem Jahr groß angesagt. Viele Pubs und Bars leerten sich eine halbe Stunde vor Mitternacht wie auf Kommando. Nach dem öffentlichen Vorglühen zogen viele Feiernde rechtzeitig vor dem Jahreswechsel weiter zur privaten Haus-Party im Freundeskreis.

In diesem Sinne: Happy New Year und gegebenenfalls gute Besserung 😉 Es ist ein ganzes langes Wochenende Zeit für die Rekonvaleszenz.

 

* Die Verallgemeinerung sei verziehen: Es gibt natürlich junge Irinnen, die sich wärmer kleiden. 

Fotos: Markus Bäuchle (oben); Google Search

 

 

 

 

 

http://crazyirishpeople.blogspot.ie/2011/02/going-to-lectures-in-tracksuits-and.html

 

Zoellers Woche: Warten auf die perfekte Welle

Stormy Sea at Garinish Harbour near Allihies in County Cork

Stormy Sea at Garinish Harbour near Allihies in County Cork

Wilder Atlantik: Für die Einen ist es Bedrohung, für die anderen ein Augenschmaus, das stürmische Wetter an Irlands Atlantikküste in diesen Wintertagen.

Die Landschaftsfotografen sehen die Grüne Insel derzeit von einer anderen Seite: Wild, in den Farben dunkelgrau bis blau, Wasserlandschaften statt Wiesen. Das heutige Foto hat unser Freund, der Fotograf Peter Zoeller im Townland Garinish bei Allihies an der Atlantikküste auf der Beara Halbinsel gemacht. Warten auf die perfekte Welle. Die Sonne erleuchtet für einen Augenblick einen auf den Felsen auflaufenden Brecher.

Peter Zoeller, Fotograf

Peter Zoeller, Fotograf

Peter ist der Mann, der wartet. Auf den richtigen Zeitpunkt. Auf das perfekte Motiv. Fotografieren ist gutes Auge, gute Technik und viel, viel Geduld, Warten, Warten. Seit 35 Jahren fotografiert Peter Zoeller die Landschaften Irlands. Er hat das Bild der Deutschen von Irland mit seinen Fotografien mit geprägt.

Wir begleiten Peter, der in Kenmare im County Kerry lebt, in den kommenden Monaten bei der Arbeit, zeigen hier auf Irlandnews regelmäßig je ein Foto aus seiner Arbeitswoche. Uns gefällt, dass in seinen Fotografien die Landschaft erkennbar bleibt, wie sie das Auge wahrnimmt. Das Foto schwingt sich nicht auf, mithilfe digitaler Technik ästhetisch weit über der Realität zu stehen und eine eigene Wirklichkeit zu werden, der die mit dem menschlichen Auge wahrgenommene Wirklichkeit schwerlich folgen kann . . .

Mehr Fotos von Peter Zoeller gibt es hier: Peters Website

Seht Ihr die Banshees an den Steinkreisen?

Irland Steinkreise

Das Natur-Theater am Meer, der fransige Schwanz der Mähre, der Berg der Götter, das älteste christliche Steinkreuz  Irlands, die alte zu Stein gewordene weiße Göttin Bui Bearra, und sieben Tage Dauer-Samhain in Neidin: Gestern fuhr ich mit Patrick Steinbach über Land. Der Musiker, Musiklehrer, Experte für irische Musik und Autor besuchte nach fünf Jahren Pause wieder einmal das Heimatland seiner Mutter. Wir tauchten ein in hunderte Geschichten über Gott, die Welt und natürlich über Irland, this great little country. Wir schwelgten in den alten Geheimnissen und Mythen, die uns die vertrauten Orte auf der Peninsula zuraunten.

Patrick, der Lesern von Irlandnews als Autor der Musik-Tipps Patricks Music Corner  bekannt ist, hat vor einigen Jahren ein Buch geschrieben über seine Reise durch Irland. Ich erinnere mich an eine Stelle aus seinem Roman Fahrtwind, die gut zu unserem aktuellen Besuch des Uragh Steinkreises passt, den ich heute im Foto als Schattenriss im dämmerigen Gegenlicht zeige — mit und ohne Gast.

Hier der Buchauszug. Es geht um die geheimnisvollen Banshees. Patrick beschreibt seine Suche nach einem Steinkreis und die Begegnung mit einem alten Iren hoch oben am Slieve League im County Donegal. Patrick und sein Freund erwägen, den alten Mann ein Stück weit im Auto mitzunehmen. Doch der lehnt ab . . .

„Oh nein. Ich bin gut zu Fuß. Niemals würde ich in einem Auto an einem Steinkreis vorbeifahren.“

„Wieso?“

„Ja wisst Ihr denn nicht, dass man sie so wecken kann. sie können richtig böse werden, wenn man sie vorEinbruch der Dunkelheit weckt.“ Der alte Mann schaute richtig ernst und grimmig.

„Wer denn?“

„Die Feen. die Banshees, die in der Nähe des Steinkreises wohnen. Wieso glaubt ihr den dass der Steinkreis überhaupt noch steht nach all den vielen Tausend Jahren?“

„Weiß nicht“, ich schüttelte den Kopf.

„Sie bauen ihn nach einem geheimen Plan um. Ständig ist er in Bewegung. Schaut Euch die Postkarten an. Auf jedem Bild stehen die Steine anders. Manchmal stellen sie auch umgefallene Steine wieder auf, die die anderen Feen nachts umgeworfen haben. Er ist ein ständiger Kampf. Ein Kommen und Gehen wie auf einem Fußballfeld. Man darf sich einfach nicht stören.“

Ich blickte ihn mit großen ungläubigen Augen an. Er erzählte all dies mit einem solchen Ernst, nichts schien ihm selbstverständlicher als von Steinkreise reparierenden Feen zu erzählen.  

„Sie bauen den Steinkreis um?“

„Ja! aber ihr werdet das nie sehen. Die Touristen haben keine Augen dafür. Ich lebe schon mein ganzes Leben hier in dieser Gegend. ich kenne jeden Felsen, jeden Strauch. Ihr könnt es gar nicht sehen.“

„Wie viele Feen wohnen denn hier?“

Steinkreis Irland

„Oh, es sind drei verschiedene Völker. Eins lässt sich so gut wie nie blicken. Aber die beiden anderen sind richtig streitlustig. aber meistens sind sie mit sich selbst beschäftigt. Die Menschen werden in Ruhe gelassen. Es sei denn . . .“

„Es sei denn?“

„Es sei denn man macht so einen blöden Fehler wie diese junge Familie, die vor vielen Jahren hier her gezogen ist, Sie wollten sich gleich da hinten eine halbe Meile weiter unten ein Haus bauen. Diese Idioten nahmen einen Stein weg von dem Kreis und setzten ihn ein in die Mauer des Viehstalles. In derNacht bekam der Mann einen Anfall. Er schüttelte sich, als säße der Leibhaftige auf seinem Rücken. Er schrie in unverständlichen Worten und fuchtelte mit den Armen über seinem Kopf. Im Morgenfrauen fiel erschöpft zu Boden und blieb dort mit entstelltem Gesicht liegen. Im Stall war die einzige Kuh gestorben. Nicht ein Tropfen Blut befand sich noch in ihrem Körper. Da entschloss sich die Frau, den Stein zurück zu bringen . . . . . 

Sie wusste, dass sie einen fürchterlichen Fehler gemacht hatten, als sie den Stein entwendeten. Sie betete sieben Tage lang, dass der Fluch wieder von ihnen genommen würde. Aber das Beten half nicht.

Sie lebten sieben Jahre in dem Haus, ohne jemals Kinder bekommen zu haben. Beide starben auf den Tag genau sieben Jahre nach dem Fluch des Steines, Niemals darf man die Feen provozieren oder ihnen etwas entwenden. Niemals. Hört ihr?“

Deshalb: Wenn Du zum Steinkreis gehst, halte respektvoll Ausschau nach den Banshees und achte auf das Kribbeln in Deinen Fingerspitzen . . . 😉

Fotos: Markus Bäuchle / Wanderlust 

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