Blinder Anspruch und deutsche Witzewelle

 

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Zivilschutz, Hamsterkäufe, Gefahren für die Bevölkerung. Hier in Irland, aus der Distanz von 2000 Kilometern, wirkt die deutsche Debatte über die Vorsorge für den Problemfall belustigend weltfremd. Hohn, Spott und eine sommerliche Witzewelle in den sozialen Medien: Wie viele Menschen und Medien mit den völlig angemessenen Verhaltens-Vorschlägen des Innenministeriums für den Fall von Krisen und Naturkatastrophen, von  Terroranschlägen oder Cyber-Angriffen auf die Infrastruktur umgehen, macht nachdenklich: Ist es Ignoranz und Arroganz oder doch eher Hilflosigkeit und tief sitzende Angst, dass das  bier-ernste Thema der Eigenverantwortung im Problemfall  so leichtfertig ins Lächerliche gezogen wird; und warum werden Menschen, die Vorsorge treffen für den Notfall, öffentlich lächerlich gemacht und der Hysterie bezichtigt?

Übersetzt man die Anti-Kommentare und Witzchen, die sarkastischen Bemerkungen und comedyesken Einlagen in einfache Sätze, dann steht oft diese Bedeutung dahinter:

  • Das gibt es bei uns im Hightech-Land D doch nicht.
  • Ist nur leeres Wahlkampfgeplapper von Politikern.
  • Der Strom kommt doch aus der Steckdose.
  • Und meine Nahrung aus dem Supermarkt.
  • Erzähl mir nichts vom letzten Krieg. Das war mal.
  • Wenn die Lichter ausgehen, dann machen auch Vorräte für eine Woche keinen großen Unterschied mehr.
  • Macht ihr Politiker mal Eure Arbeit richtig, dann brauchen wir diese Ratschläge nicht.

Vor allem aber steckt hinter vielen Kommentaren eine enorme Anspruchshaltung: Warum sollten wir uns selber schützen müssen. Das ist Aufgabe des Staates, und das erwarten wir. Schließlich bezahlen wir dafür unsere Steuern.

vorratsregalNun ja. Eigentlich ist es vollkommen normal, dass Menschen sich gegen Risiken schützen, dass sie Vorsorge treffen für etwaige Krisen, dass sie sich beispielsweise ein paar Vorräte anlegen, um sich im Notfall einige Tage oder Wochen aus eigener Kraft über Wasser halten zu können. Das ist selbstverantwortliches vernünftiges Handeln, das bei den Nachbarn in der Schweiz selbstverständlich zur Lebens-Routine gehört. Es scheint, als hätten viele Menschen in Wohlstands-Deutschland in 70 fetten und sicheren Jahren und erst recht nach dem vermeintlichen Ende der Geschichte nach 1989 etwas Entscheidendes verloren: den Überlebensinstinkt, den Sinn für Gefahren und für die Notwendigkeit, sich selber und die Seinen zu schützen, sich notfalls an die widrigen Verhältnisse anpassen zu müssen. Statt dessen Vertrauen in eine vermeintlich perfekt funktionierende Welt. Es regiert der blinde Anspruch: Das steht uns zu. So sicher und wohlständig  muss es auch in Zukunft sein. Wird es aber wohl nicht  . . .

Hier in Irland liegen die Dinge noch anders: Stromausfälle etwa gehören zum Leben. Hier auf dem Land waren wir in den vergangenen Jahren, etwa nach heftigen Winterstürmen, mehrfach mehrere Tage ohne Strom. Und wenn der Strom fehlt, dann läuft auch die Wasserpumpe des Tiefbrunnens nicht. Telefon und Internet fallen aus. Kommt Frost hinzu, versagt die Heizung, bleibt das Auto stehen. Auch der Busbetrieb wird eingestellt. Denn Winterdienst darf man hier an den kleinen Nebenstraßen keinen erwarten. Dann fehlen schnell Wasser, Wärme, Essens-Nachschub aus der Stadt. Was also tun die Menschen? Sie legen ein paar Vorräte an. Sie haben Wasser abgefüllt oder nutzen den Zugang zum Bach oder einem nahen See. Sie haben Holz und Torf gelagert. Sie kochen mit Gas und greifen auf einen Flaschengasvorrat zurück. Sie haben, zumal Geschäfte oft weit entfernt sind, ein gut gefülltes Lebensmittellager. Zusätzlich einen Gemüsegarten, ein paar Obstbäume, Beeren – vielleicht sogar einen vollen Benzinkanister und einen Stromgenerator im Schuppen. Die Menschen wissen, dass sie sich selber kümmern müssen, dass sie eigenverantwortlich handeln müssen – dass sie im Zweifelsfall auf sich selber vertrauen müssen und auf sich selbst angewiesen sind.

Hier in Irland sind die Verkehrs- und Versorgungsnetze bei weitem nicht so perfekt wie in Deutschland. Man mag bedauern, dass es in den eineinhalb fetten Jahrzehnten des Keltischen Tigers nicht gelang, eine intakte Infrastruktur aufzubauen. Es änderte freilich nichts. Die Irinnen und Iren, und auch wir, leben damit, und das ganz gut.

Wenn uns Menschen vom Kontinent besuchen, manche mit besagter blinder Anspruchshaltung, prallen die Welten manchmal aufeinander. Kürzlich wunderten wir uns über eine Frau mittleren Alters, die sich bitterlich über die hohe Luftfeuchtigkeit in ihrem Gastzimmer beklagte. Dass die Luftfeuchtigkeit im subtropischen Südwesten am Atlantik regelmäßig über 90 Prozent liegt, kommentierte sie mit den Worten: „Das ist mir sch…egal. Ich will trockene Luft“.

 

Bild oben: www.bento.de

 

 

 

Irland: Eine Geschichte in 100 Entschuldigungen

Regen in Irland

Entschuldigungsgrund Nummer 2: Das Wetter

Was können wir armen Iren schon ausrichten angesichts von Erbsünde, Dauerregen, 800 Jahren Unterdrückung und Unmengen von Alkohol? Die Irish Times veröffentlichte eine herrlich selbst-ironische Geschichte, eigentlich nur 100 aneinander gereihte und durchnummerierte Stichworte: Eine Geschichte Irlands in 100 Entschuldigungen. Die Iren gelten als Weltmeister der Ausflucht, der Entschuldigung, der Selbstentlastung durch Ausreden. Frank McNally hat aus den Entschuldigungen eine kleine Landesgeschichte gestrickt. Wir sind so frech und geben 50 von 100 typisch irischen Entschuldigungen weiter.

A HISTORY of Ireland in 100 Excuses.

1. Original sin.

2. The weather.

3. The 800 years of oppression.

4. A shortage of natural resources.

5. The spirit is willing, but the flesh is weak

6. Red hair.

7. The Celtic temperament.

8. He stole Trevelyan’s corn/So the young might see the morn.

9. It was taught badly in schools.

10. The Modh Coinníollach.

11. Peig.

12. The questions didn’t suit you.

13. No-one shouted stop.

14. Johnny made me do it.

15. Oh no! ‚Twas the truth in her eyes ever dawning/That made me love Mary the Rose of Tralee.

16. That fella has a bad drop in him.

17. Her father didn’t like me anyway.

18. I have to see a man about a dog.

19. Don’t mind me – I haven’t been myself lately.

20. And then he lost the head altogether.

21. Lehman Brothers.

22. The Christian Brothers.

23. Biddy Early.

24. Benchmarking.

25. We only did it for the crack.

26. April Fool’s Day.

27. Halloween.

28. Stag parties.

29. The stony grey soil of Monaghan.

30. The rocks of Bawn.

31. The hungry grass.

32. The pipes (the pipes) were calling.

33. And that’s the cruel reason why I left old Skibbereen.

34. Come all ye young rebels, and list while I sing/For the love of one’s country is a terrible thing/It banishes fear with the speed of a flame/And it makes us all part of the patriot game.

35. He must have got it from his father’s side – it couldn’t have been from us.

36. „Your health!“

37. „Cheers!“

38. „Sláinte!“

39. „Is it your round or mine?“

40. „Last orders!“

41. „I suppose we might as well have one for the road, so.“

42. Ah, you’re drunk you’re drunk, you silly oul fool, still you cannot see/That’s a lovely sow that me mother sent to me.

43 – 48. See 42, excuses relating to drunken nights two to seven, inclusive.

49. I can resist anything except temptation.

50. The Old Lady Says ‚No!‘

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100. The dead man was known to the Garda.

Diese 50 und die restlichen 50 dazu gibt es hier in der Irish Times zu lesen.

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Die Green Army verzaubert Frankreich

Irish Fans in France

Die Green Army setzt Zeichen. Randalierende Russen, prügelnde Engländer, gewalt-trunkene Kroaten: Die Hooligans, die hässlichen Fußball-Fanatiker, beherrschen die Schlagzeilen der Fußball-EM in Frankreich. Ganz Gallien ist von fiesen Hools besetzt. Ganz Gallien? Nein. Eine von unbeugsam friedlichen Fußballverrückten dominierte Fan-Gemeinde leistet entschiedenen Widerstand gegen die Gewalt und die Rohheit des Mobs: Die „Green Army“ verzaubert das geschockte Frankreich mit der irischen Kunst des Feierns: Einige tausend irische Fans ziehen derzeit friedlich singend durch Frankreich.

Sie singen, sie tanzen, sie trinken, sie feiern. Sie stimmen Kirchenlieder für eine Nonne in der U-Bahn an, sie lassen Passanten hoch leben, sie wechseln einem Autofahrer mit Panne das Rad am Wagen, sie tauchen ihre Umgebung in Grün und tragen die irische Trikolore mit witzigen Sprüchen: Sie intonieren den Fußball-Schlachtruf „Olé, Olé Olé“ auf Französisch: „Au Lait, au lait, au lait“ – und sie singen die Hymne „Fields of Athenry“ im vielstimmigen Chor.  Die irischen Fans, so berichten die Medien in Frankreich, sind wieder einmal die Besten. Der Mythos der friedlichen Green Army lebt – und die Medien daheim nehmen reichlich Anteil am Zug der Ihren von Paris über Bordeaux nach Lille (wo sich Irland morgen gegen Italien behaupten muss, um doch noch in die Finalrunde zu kommen).

Au laitDabei ist auch der Fan-Alltag des Iren in Frankreich nicht problemfrei. Nur jeder Dritte Besucher von der Insel hat offensichtlich Karten für eines der Spiele ihrer Boys in Green – und die Preise auf dem Schwarzmarkt sind gesalzen. Zwei jungen Iren kauften in Bordeaux Tickets aus dunkler Quelle, und als sie genauer hinschauten, hatte man ihnen Eintrittskarten für die Rollstuhlzone untergejubelt. Das findige Duo lieh sich deshalb einen Rollstuhl aus, die Beine des Rollstuhlfahrers schmückte die Trikolore, der Partner schob den Rolli vorbei an den Kontrolleuren ins Stadion. Geht doch! Die französischen Hochsicherheitsspiele und personalisierte Tickets machen es möglich 😉

Sorgen gibt es daheim auf der Insel, dass alle Landsleute wohlbehalten vom Feier-Trip zurück kehren. Denn ohne massig Alkohol geht es auch bei den gerne dauerblauen Fans in Green nicht. Irische Fans sind für exzessives Trinken bekannt, und so geht der eine und der andere alkoholisierte Paddy in der großen Sause schon einmal verloren.

Sharon Curley´s pregnantGerade tauchte ein seit drei Tagen vermisster Ire verkatert, aber wohlbehalten wieder bei seinen Freunden auf. Kräftig mitgeholfen hat dabei das Team der irischen Polizei, das eigens zur Fan-Betreuung nach Frankreich mit geschickt wurde: Acht Beamte der Garda Siochana fahnden derzeit auf Auslands-Mission in Frankreich rund um die Uhr nach den in Trunkenheit verlorenen Söhnen (und einzelnen Töchtern) der Green Army. Die Zeitungen daheim berichten regelmäßig von den Fahndungs-Erfolgen.

Und ja: Sharon Curley ist schwanger. Diese Nachricht durften die Iren am Fernsehgerät daheim einer riesigen Trikolore entnehmen, die grüne Fans im Stadion ausgerollt hatten (Foto rechts). Der Nachwuchs der Green Army ist in der Mache. Dass die Neuigkeit auf einer spiegelverkehrten irischen Fahne präsentiert wurde, also der Flagge der Elfenbeinküste,  was soll uns das verraten?

Fotos: Google

Rush Hour in Irland – Grüße aus der Parallelwelt

Schafe in Irland_Wandern in Irland

Die Postkarten waren in den 80-er und 90-er Jahren der Renner: Grüße aus einer anderen Welt, „Rush Hour in Irland“  — die Schafe machten den Verkehrstau und den Unterschied zum übermotorisierten Festland aus. Die Freunde daheim staunten wahlweise Bauklötzchen oder Schafsknöddel.

Wer heute auf einer irischen Autobahn, zum Beispiel der verkehrsreichen Autobahn M 50 um Dublin herum kurvt, wer in Irish Suburbia lebt, wer den eitlen Lebensstil der Speckgürtel-Iren kultiviert, wer sich auf der Bank in Limerick Southhill die Stütze abholen muss, der kennt das alte Irland, das ländliche, geruhsame und unaufgeregte Irland meist nicht mehr — und er bringt dafür auch kein Verständnis auf.

Die Welt der geschmähten Culchies, der Bauern, der Landeier, der Rotnacken, der Dörfler in den Bergen des Westens von Donegal, Mayo, Sligo, Kerry und Cork, ist eine stille Parallelwelt. Eine, die sich in die hinteren Winkel von schwer zugänglichen Tälern zurückgezogen hat —  aber eine, die lebt. Es ist eine Welt, die idyllisch und romantisch wirkt. Das Leben in dieser Welt ist zumeist hart und einfach, oft engstirnig, reiz-arm und ohne Abwechslung. Doch machen viele Menschen hier einen Unterschied zwischen loneliness und solitude, zwischen gewollter und ungewollter Einsamkeit, zwischen Allein sein und Einsam sein. Hier hat der Pfarrer noch mehr zu sagen als anderswo auf der Insel – und ob das gut so ist, fragen sich die Menschen eher selten. Es ist, wie es ist.

Hier haben die destruktiven Kräfte der gefräßigen kapitalistischen Wachstums-Ökonomie bis heute nur wenig Futter gefunden. In der Genügsamkeit der „Unter-Entwicklung“ schlummert ein unformulierter Gegenentwurf zu einer scheiternden Zivilisation. Reizvoll bleibt deshalb der Besuch. Diese Welt ist aus der Gleichzeitigkeit gefallen. Sie ermöglicht den Vergleich mit der Unwirtlichkeit der Wohlstandswelt und erfüllt manche Herzen mit Sehnsucht nach der verlorenen Zeit.

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Bei Lauragh, County Kerry. Fotos: © Markus Bäuchle

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Die Seele der Iren: Hätte Freud Recht gehabt?

Irland Seele Seelenraum

„ein word das nie gesproch ward“ – c.g. jung (das rote buch)

Über die Iren ist Vieles gesagt worden. Nehmen wir einfach einmal an, es gäbe so etwas wie einen nationalen Charakter, eine kollektive grüne Wesensart. Da wird an vorderster Stelle behauptet, die Iren seien ein besonders rebellisches und aufsässiges Volk. Wer sich in den vergangenen zehn oder 15 Jahren unter Iren aufgehalten hat, fragt sich, wie das mit dem Musterschüler-Image zusammenpasst, das sich Paddy und Mary dank höchster Anpassungsleistung an die massiven Forderungen von Finanz-Europa und EU erdient haben. Oder es wird geflüstert, die Iren seien ein besonders spirituelles Volk, sie stünden mit dem Göttlichen auf Du und Du. Da wird vielleicht spirituell mit Spiritus verwechselt. Doch darüber ein andermal.

Sigmund Freud

Sigmund Freud

Sigmund Freud und die Iren: Vor ein paar Tagen kreuzte eine besonders hartnäckige Behauptung über das Wesen der Iren wieder einmal meinen Gedankenweg. Ein Freund erzählte von einem Film, in dem es heißt, die Iren seien laut Sigmund Freud das einzige Volk, dem durch Psychoanalyse nicht zu helfen sei. Sie seien voller Widersprüche und immun gegen rationale Denkprozesse. Abgesehen davon, dass sich Freud auch in profunderen Dingen („It´s all about sex“) gewaltig irrte: Jetzt wollte ich wissen, wie der Seelenversteher aus dem letzten Jahrhundert die Menschen von der Insel wirklich charakterisierte. Hatte seine Tochter Anna ihm vielleicht entscheidende Hinweise auf das Seelenleben der Insulaner vermittelt? Immerhin hielt sie sich längere Zeit in Baltimore im Süden der Insel auf . . .

Ich erinnerte mich, dass auch der schreibende Kollege Ralf Sotscheck dieses Freud zugeschriebene Zitat in seinen Büchern über das komische Volk der Iren gerne verwendet und seit 16 Jahren genüsslich verbreitet. Eine Nachfrage bei Ralf ergab, dass er sich nach 16 Jahren an die Quelle nicht mehr erinnern kann, aus der er damals geschöpft hat. Sotscheck formuliert deshalb einfach vorsichtiger: „Die Freud zugeschriebene Behauptung . . . “ . So blieb mir nur übrig,  quer durch die Gesammelten Werke Sigmund Freuds zu lesen, um endlich Klarheit zu finden – was im Digitalen Zeitalter gar nicht so schwer ist. Die Werke des Erfinders der Psychoanalyse sind online komfortabel durchsuchbar. Ergebnis: Freud erwähnt zwar Irland, irisch oder die Iren ein paar Mal, aber dabei geht es etwa um den Witz und seine Beziehung zum Unbewussten oder um die Vokabel emp-irisch. Also: Fehlanzeige. Dem guten alten Sigismund wurde schlicht ein Kuckucksei untergejubelt.

Was bei der Recherche noch heraus kam: Auch eine Wissenschaftlerin von der University Limerick und ein Online-Journalist aus der Schweiz, sind der Spur des Freudschen Versprechers bereits gefolgt. Der Redaktor Roman Rey jedenfalls hat beim Sigmund-Freund-Museum in Wien nachgefragt und bekam ebenfalls die Auskunft: Freud hat das mit den Iren und der Therapie-Resistenz nie behauptet.

Nun bleiben zwei Fragen offen:

Was hat den Drehbuchschreiber des Oscar-gekrönten Films The Departed (Unter Feinden) von Martin Scorsese dazu veranlasst, einem Filmcharakter ein zwar originelles, aber doch erfundenes Freud-Zitat unterzujubeln?  Und:

Hätte Freud, wenn er denn behauptet hätte,  den Iren sei durch Psychotherapie nicht zu helfen, nicht vielleicht Recht gehabt?

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The Grudge: Die irische Kunst des Übelnehmens

The Grudge

Petra Dubilski über die irischen Parade-Disziplinen Übelnehmen und Missgunst.

Es gibt eine (un)schöne Tradition im freundlichen Irland, nämlich das ewige Grummeln über Generationen hinweg. Es gibt Familien, vor allem auf dem Land, die können sich seit Generationen nicht ausstehen. Man möchte gerne sagen, dass keiner mehr weiß warum. Aber dem ist nicht so. Der Ire an sich und für sich hat ein sehr langes Gedächtnis für Feindseligkeiten – genannt The Grudge.

Grudge 2Das sollten vor allem fröhliche Zuwanderer bedenken, bevor sie irgendeine Meinung äußern. Nicht umsonst drehen sich Gespräche hauptsächlich um das harmlose Thema Wetter – obwohl auch das für Ausländer eine Falle sein kann, wenn sie über den ewigen Regen auf dieser verdammten Insel schimpfen, während der Ire von einem “soft day” spricht, heißt: Es pisst nicht aus dem Himmel, es ist halt nur ein bisschen feucht. Und von wegen verdammte Insel! Irland an sich zu beleidigen kann zu was führen? Genau. The Grudge.

Aber Blow-Ins, Hereingewehte, wie die Zugezogenen hier bekanntermaßen heißen, wird eigentlich eine Menge verziehen. Sie wissen es halt nicht besser und eigentlich sind sie auch nicht wirklich wichtig – solange sie sich nicht in Dinge einmischen, die sie nichts angehen, und niemals einem Iren widersprechen. Wie mir mal durchaus freundlich gesagt wurde: “You are part of the village, but not part of the parish.”

Zurück zum Grudge. Es gibt Familien, die führen ihre gegenseitige Aversion bis auf den Bürgerkrieg 1922/23 zurück, als die Vorfahren auf jeweils feindlichen Seiten standen (für oder gegen den anglo-irischen Vertrag, der letztlich zur Abspaltung Nordirlands führte und bis heute in gewissen Kreisen, nun ja, umstritten ist). Da passiert es schon, dass heutigen Kindern eingeredet wird, nicht mit gewissen anderen Kindern zu spielen, weil der Ururgroßvater auf der falschen Seite stand. Was den Kindern meist schnurz ist, aber den Grudge nicht aus der Welt schafft. Es zeigt sich bis heute im Wahlverhalten für die Parteien, die damals für oder gegen den Vertrag waren und noch heute existieren. Grudge!, wenn die falsche Partei gewählt wird.

The Grudge kann aber auch aus ganz banalen Dingen entstehen, sei es ein falsches Wort nach dem fünften Pint im Pub oder sei es die Auseinandersetzung um Land oder auch nur um einen gefällten Baum. The Grudge kann auch einen Dorfpriester befallen, wenn er altgedienten Damen die Aufgabe des kirchlichen Blumenschmucks entzieht, um sie jemand anderem zu übertragen. Das wird nie und nimmer verziehen und kann zum Wechsel in eine andere Kirchengemeinde führen. Eine wie auch immer falsche Predigt übrigens auch.

Die Auflösung des Grudge wäre nach vernünftigem Ermessen, sich einfach mal zu treffen und seinen Ärger zu diskutieren. Dann erfährt vielleicht auch der Betroffene, warum ihn keiner mehr lieb hat und man kann das Problem lösen. Im besten Fall natürlich nur.

Aber Iren kennen das linke deutsch-urbane Prinzip des “Zusammensetzens, um sich auseinanderzusetzen” nicht. Dörfliche Iren sind außerordentlich diskussionsscheu, wenn es um Auseinandersetzungen geht. Da geht man lieber zum Anwalt oder noch besser: Man hält The Grudge. Dauert länger, kostet nichts und gibt Gesprächsstoff für Jahre, ach was sage ich, Generationen! Im schlimmsten Fall greift der Farmer zum Gewehr. Auch schon wegen eines Grudge vorgekommen.

Wird man als Blow-In Opfer eines Grudge, bedeutet es, dass man wirklich angekommen ist, also nix da von wegen “gehört nicht dazu”. Kann man als Ehre sehen oder auch nicht. Aber dann kommen auch, meist weil bessere Argumente fehlen, die ausländerfeindlichen Bemerkungen. Ist aber Teil des Grudge und sollte Ausländer nicht kratzen. Wirklich. Es könnten genauso gut frauenfeindliche Spitzen sein oder Aversionen gegen Haarfarbe, Tierliebe/-hass, Essensgewohnheiten (“feckin vegetarians!”) oder religiöse Vorlieben (“effin Protestant/Buddhist/Atheist!”) und hat im Prinzip nichts mit den wahren Gefühlen zu tun, sondern schlicht und ergreifend mit The Grudge.

Und wo wir schon mal beim Grudge sind: Es gibt da noch die Variante des Begrudgery. Das ist das grünäugige Monster der Missgunst, geht oft Hand in Hand mit dem Grudge und trifft in der Regel Leute, die aus dem alten Trott ausbrechen oder ganz neue Ideen vermitteln wollen.

Dieses Monster taucht immer dann auf, wenn sich jemand für “etwas Besseres” hält. Die Tochter des Farmers studiert? Stuck-up bitch, was denkt sie denn wer sie ist. Der Pubbesitzer versucht, halbwegs gute Küche einzuführen? Ja was glaubt er denn, wer er ist! Gordon-fecking-Ramsey?

Jeder persönliche Erfolg anderer Zeitgenossen ist eine Beleidigung für jene, die erfolglos vor sich hinwurschteln. Und das wird übelgenommen. Und kann zum lebenslangen Grudge führen.

Ah, The Grudge! Was wäre das Dorfleben ohne ihn!

 

Die Autorin: Petra Dubilski, geboren und aufgewachsen in Berlin, mit längeren Zwischenstationen in Baden und Schwaben, studierte an der Uni Freiburg und der FU Berlin alles mögliche, was die Welt und den Menschen erklären könnte, mit Abschluss in Soziologie. Nach Jahren in meist sozialen oder kreativen Berufen arbeitete sie als Redakteurin bei einer überregionalen Tageszeitung, machte sich anschließend selbstständig und schrieb Reisebücher. Heute lebt sie als freie Autorin und Übersetzerin in Irland, wo sie sich seither mit Realitäten auseinandersetzt, die sie seit über 18 Jahren auf der grünen Insel noch immer verblüffen – und faszinieren.

Eine Auswahl von Petras Büchern gibt es hier.

 

Fotos: Google Search; privat.

Irland 2016: Verriegelt, privat und verschlossen

Private Property

Irland 2016, wie geht´s Dir? Fast auf den Tag genau vor 16 Jahren, am 26. Mai 2000, zogen wir von München nach Irland um. Obwohl wir das Land gut kannten, war alles aufregend, neu und inspirierend, als wir an einem Sonntagmorgen, dem 28. Mai, hier ankamen. In den ersten Jahren genoss ich vor allem das Privileg der Vergleichbarkeit: Umziehen schafft Distanz zum Bekannten und Vertrauten, es wird für einen dadurch besser sichtbar. So veränderte sich in Irland mein Blick auf Deutschland.

Zäune-klettern_xs-635x367Im Lauf der Jahre wandelt sich das Bezugssystem der Wahrnehmung: Das Neue wird vertraut, das Bekannte langsam fremd. Neulich scheiterte ich in einem deutschen Supermarkt kläglich beim Versuch, ein paar Pfandflaschen in die richtigen Pfandautomaten zu stecken. Erst ein aufgeregt herumfuchtelnder Profi-Pfandflaschen-Entsorger und dessen Kurzbelehrung gaben mir Orientierung und Gewissheit: Ich bin in der alten Heimat ( und manche Charakter-Eigenschaften ändern sich nie).

Wanderweg_gesperrt-635x331Die neue Heimat wurde derweil zur Heimat, das Überraschende gewöhnlich, das Ungewöhnliche langsam normal. Die Wiederholung versucht permanent, unsere Sinne einzulullen und abzustumpfen. Ich helfe mir regelmäßig mit einem Trick (ein deutsches Trend-Wort nennt das heute Achtsamkeit): Ich stelle mir vor, ich sei zum ersten Mal an diesem Ort, in dieser Situation, in dieser Lage, versuche mit den Augen des Fremden zu sehen, neu, neutral und unbefangen.

In den vergangenen Tagen war ich viel zu Fuß in der Heimat im irischen Südwesten unterwegs und stellte meine Wahrnehmung auf Neustart. Ich versuchte zu sehen, was ist und das mit meinen Eindrücken vor eineinhalb Jahrzehnten zu vergleichen, um so zu erkennen: Was hat sich verändert in Irland? Irland 2016, wie geht´s Dir?  Bei diesem Gedankenexperiment, das natürlich bewusst übersieht, dass sich meine Wahrnehmung als solche im Lauf der Jahre geändert hat, fiel mir unter anderem auf:

Verriegelt, privat, verschlossen: Das ländliche Irland ist ein verbarrikadiertes Land, ein hermetisch abgeriegeltes Land, ein verschlossenes Land, in dem das Privateigentum regiert wie nirgendwo sonst in Europa. Überall Zäune, Tore, Stacheldraht, Verbots-Schilder, die einen Ausflug in die Tiefe der Landschaft verhindern. Wir bewegen uns zwischen Zaunpfosten und Draht wie auf Gleisen. Abbiegen unmöglich. Wer es doch versucht, darf mit einschlägigen Erfahrungen rechnen, die die engen Grenzen der sprichwörtlichen irischen Gastfreundschaft aufzeigen. Ein Gast beschrieb mir vor kurzem, dass er auf seiner Autoreise durch das ländliche Irland wegen eines kleinen menschlichen Bedürfnisses dringend anhalten musste. Der Mann brauchte peinigende 20 Minuten, um schließlich eine geeignete Stelle zum Anhalten und Austreten zu finden. Keine Ausnahme.

BewareSelbst vermeintlich öffentliche oder semi-öffentliche Orte wie kleine Parkplätzchen am Straßenrand (so es sie gibt) stehen unter ständiger Beobachtung. In Irland haben die Büsche Augen und Ohren, sagt man. Gestern stand ich nach Feierabend für einige Minuten mit dem Auto auf einem kleinen einsamen Pier am Meer und genoss die sich langsam senkende Sonne. Es sollte nicht lange dauern, bis der erste Aufpasser wie zufällig vorbei kam und sich demonstrativ an einem Haufen Fischereimüll zu schaffen und sich damit sichtbar machte . . .

Ein befreundeter irischer Arzt wollte vor 14 Tagen nach langer Fahrt ein kurzes Nickerchen im Auto machen. In der Pampa von Nord-Cork stellte er sich in eine breite Feldeinfahrt, achtete genau darauf, dass er das (mit einem Vorhängeschloss gesicherte) Tor nicht zuparkte. Nach wenigen Minuten wurde er vom aufgebrachten Landbesitzer jäh geweckt, bedroht und davon gejagt. Das ist mein Land, Irland 2016!

Vor einigen Jahren las ich in der Irish Times die selbstkritische Headline: „Landbesitz ist eine irische Obsession“. Man darf hinzufügen: Eine sich verschärfende. Ausgeprägter Besitzerstolz, eine destruktive Agrar-Subventions-Politik, die angstgetriebenen Eigentumsansprüche von Bauern und eine Regierung, die sich vor der Aufgabe weg duckt, die Wegerechte für die Öffentlichkeit zu schützen, haben die Verriegelung und Verbarrikadierung und Verrammelung der Landschaft in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten drastisch verschärft; und die Farmer mit dem alten Ethos, demzufolge man einen Mann (!) nie daran hindern darf, über Land zu gehen, diese Farmer sterben langsam aber sicher aus.

Irland-Fans und irland-Fahrer: Was sind Eure Erfahrungen, wenn Ihr in Irland unterwegs wart und das Land abseits der Straße und der ausgeschilderten Wege erkunden wolltet?     

Fortsetzung folgt . . . 

 

Galway Bay: Die Bucht der Lebensmüden

Küstenwache / Foto wikimedia

Die irische Küstenwache kämpft den Kampf gegen den Suizid / Foto: wikimedia

Der orange-farbene Helikopter kreist wieder. Langsam dreht er seine Runden, von unten sieht es aus, als würde er Pirouetten drehen, in Zeitlupe. Bevor ich ihn sehe, kann ich ihn hören. Die scheppernden Rotoren erinnern an Donner-Grollen. Mit beiden Händen schirme ich meine Augen ab, um ihn zu sichten. Die Abendsonne blendet.

„Ist das ein Rettungshubschrauber?“ frage ich meinen Freund, der ebenfalls mit zusammengekniffenen Augen in den Himmel starrt. „Sie suchen einen jungen Mann, der gestern von der Weir Bridge gesprungen ist. Wahrscheinlich ist er ertrunken. Ist schon der zweite diese Woche“. David zeigt auf eine Gruppe junger Leute, die leuchtend gelbe Westen tragen: „Die suchen ebenfalls, sie suchen jeden Zentimeter ab zwischen Salthill und der anderen Seite der Bay, bis hinüber nach Fanore.“

Die jungen Leute gehören der Initiative Galway Suicide Watch an, die seit 2014, als an einem Maiwochenende fünf Menschen hier in Galway ihrem Leben ein Ende bereiteten, regelmäßig die Küsten absuchen, um Vermisste zu finden. Die Leichen werden zunächst von der Strömung abgetrieben Richtung offenes Meer und tauchen nach Tagen oder Wochen wieder irgendwo am Ufer der Galway Bucht auf.

Ich schaudere. Ich möchte hier draußen keinesfalls eine Leiche entdecken. Krimis lese ich gerne, aber jene Leichen bleiben zwischen den Seiten gefangen, sie begegnen mir nicht beim abendlichen Spaziergang mit Hund. Trotzdem kann ich nicht anders, als meinen Blick über den Strand in Ballyvaughn wandern zu lassen. Wie schrecklich für die Angehörigen nicht zu wissen, was mit dem Sohn, der Tochter oder der Freundin geschehen ist. Haben sie wie durch ein Wunder überlebt?

Wohl kaum. Wer an der Weir Bridge in Galway oder an einer anderen Stelle in den Corrib springt, wird von der Wucht des aus dem Corrib-See abfließenden Wassers mitgerissen und geht unter. Das Weir bremst das Wasser, dennoch rauschen 28.000 Liter pro Sekunde Richtung Galway Bay. Ein todsicherer Sprung. Der Corrib ist der kürzeste Fluss der Insel. Weniger als fünf Kilometer lang.

Im März und April diesen Jahres suchten drei junge Menschen hier in Galway den Tod, zwei Männer und eine junge Frau. Seitdem fallen mir die Aufkleber auf, die der Samariterbund an Laternenpfähle, Geländer, Sitzbänke und Hinweisschilder klebt: Call first, dazu eine Notrufnummer. Seitdem schweift mein Blick bei Ebbe immer wieder suchend über den Strand und die Küstenlinie.

Friedlicher Abend Ballylaughan Beach / Foto A. Weik

Friedlicher Abend Ballylaughan Beach / Foto Andrea Weik

Das ist eine der Geschichten, die ich meinen Gästen nur ungern erzähle, wenn ich auf einer Tour mit Feriengästen durch Irland bin. Wieviel Wahrheit vertragen Touristen auf ihrer Urlaubsreise? Wann – wenn überhaupt – wird das Bild vom glücklich lächelnden, rothaarigen Iren getrübt? Wie passt die Nachricht, dass Irland eine hohe Suizid-Rate aufweist – besonders unter jungen Menschen – in das Bild des Guinness trinkenden Paddy oder des Rebellenlieder singenden Trad-Musikers? Wie passt es zu dem leicht dahin gesagten „Wie können sich die Iren ein so schönes Haus auf dem Land leisten, wo sie doch unter den Rettungsschirm mussten?“

Sie passt nie, weder im Urlaub noch zuhause. Realität drängt sich einfach auf, sie fragt nicht. Irland ist im Umbruch. Der Weg vom „ärmsten Land Europas“ über die Celtic-Tiger-Wohlstandsjahre und den darauffolgenden wirtschaftlichen Zusammenbruch hin zum modernen, aufgeklärten und wachsenden Multikulti-Land, in dem inzwischen sogar gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürfen, ist steinig. Manchen Iren und Irinnen schaffen es nicht, die Steine aus dem Weg zu räumen – wie früher die Bauern auf ihren kargen Feldern im Westen der Insel. Manchen jungen Leute hier sehen auch keinen Weg um die Steine herum und können sie auch nicht überspringen. Stattdessen springen sie ins Wasser, ob in Galway, Limerick oder Cork.

Als ich kürzlich mit einer Gruppe Urlauber am Corrib entlang spazierte, der Uferweg von der Kathedrale zum Spanish Arch ist besonders reizvoll, begegneten wir einer Gruppe von Soldaten. In Tarnkleidung und ausgerüstet mit Rucksäcken. „Was tun die hier?“ fragten mich die Gäste. „Sie suchen nach einem Kameraden, einem jungen Mann der nach einem Discobesuch verschwunden ist. Wahrscheinlich ist er ertrunken.“ Tage später las ich in der Lokalzeitung, dass seine Leiche entdeckt worden war. Letztes Wochenende stießen wir beim Spaziergang auf ein kleines Kreuz am Uferrand mit dem Namen und dem Bild des verstorbenen Soldaten. Er hatte einen Abschiedsbrief hinterlassen.“

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