Irischer Sonntag: Dick, warm. Wahnsinn Fleisch.

Virginia Show Irland

Irischer Sonntag im April. Es regnet ein Gemisch aus Bindfäden und Schneeflocken. Heute bleibt man auf Anraten der Metereologen besser unterm Dach. Mir geht der Satz einer deutschen Vertrauten durch den Kopf. In Irland müsse man als Dicke keine Komplexe entwickeln, hier seien ja alle Frauen dick. Ich ergänze: Den Männern geht es genau so. Fast. Es gibt auch noch Ausnahmen. Allerdings zählt das einst hagere Völkchen der Irinnen und Iren nach zwei fetten Wohlstands-Jahrzehnten und dem Einzug des Fast Foods zu den beleibtesten in Europa und der Welt. In 15 Jahren, so prognostiziert die World Health Organisation (WHO), wird über die Hälfte aller Erwachsenen auf der Insel nicht nur dick sondern im klinischen Sinne fettleibig sein. Die Misserfolgsformel lautet: Fleisch, Fleisch, tierisches Fett und Berge von Zucker.

Ökologischer Fußabdruck. Vergangene Woche berichtete ich hier auf Irlandndews über die ungelösten Müllprobleme Irlands. Die Müllabfuhr funktioniert nich richtig, allzu viele Menschen verbrennen und verbuddeln ihre Abfälle oder werfen sie ins Meer und in den Straßengraben. Tendenz steigend. Mit-Leser Dieter empfand diese Darstellung als zu einseitig und wies darauf hin, dass Irland als eines der wenigen Länder weltweit eine Abgabe auf Plastiktüten erhebt. Das stimmt. Die Benutzung von Plastiktüten hat sich dadurch drastisch reduzieren lassen. Es geht, wenn der politische Wille stark genug ist. Dennoch hat Irland ein gravierendes Problem mit Plastik: Die meisten Getränke kommen in Plastik oder Alu-Dosen, und es gibt noch nicht einmal ein rudimentäres Pfand-System. Hauptverursacher der Treibhausgase aber sind nicht etwa Mary und Paddy und auch nicht die Autofahrer. Es ist die Landwirtschaft. Fünf Millionen irische Fleisch-Rinder und 1,2 Millionen Milchkühe fordern ihren Tribut. Die Produzenten von Irish Beef und Kerrygold-Butter haben großen Anteil daran, dass die für den Klimawandel verantwortlichen Treibhausgas-Emissionen Irlands um 45 Prozent über dem EU-Durchschnitt liegen. Tendenz ungebremst steigend.

Irland Rinder

Meat is Madness: John Gibbons  stellt die beiden Phänomene Fettleibigkeit und Klimawandel in der Irish Times vom Wochenende in einen logischen Zusammenhang: Fleisch ist Wahnsinn: Warum unser Fleischkonsum zu Erderwärmung und Fettleibigkeit führt. Die Debatte um den westlichen Ernährungsstil und den exzessiven Konsum von Fleisch hat auch Irland erreicht, und das ist wichtig. Denn dieser Lebensstil tötet Jahr für Jahr viele Millionen Menschen weltweit. Wir verharren derzeit in Angststarre vor dem Terrorismus in Europa und sorgen uns um unser Leben, dabei liegt unser Hauptfeind direkt vor uns — zuerst im Einkaufskorb und dann auf dem Teller. So zynisch es klingt: Die Gefahr, durch einen Terroranschlag ums Leben zu kommen,  ist einhunderttausend mal geringer, als das Risiko, das vom Terror der globalen Fleisch-Industrie und von unserem Mittagessen ausgeht.

Selbst die konservative WHO mahnt längst: Wenn sich die Menschen nur an die empfohlenen Fleischmengen halten würden (Faustregel: Machs wie damals Oma und Opa), ließen sich pro Jahr sieben Millionen (!) Leben retten. Würden sie auf eine vegetarische Ernährung umsteigen — was für das friedliche Überleben von künftig neun Milliarden Menschen auf der Erde existentiell sein wird – könnten drängende und sich dramatisch zuspitzende Probleme befriedigend gelöst werden: Die Klima-Katastrophe aufgrund der globalen Erwärmung ließe sich mildern, der Hunger von Milliarden Menschen ließe sich vermeiden, das unsägliche Leid der auf Fleischmasse reduzierten und entwürdigten Tiere würde aufhören — und wir Menschen könnten wieder ein Stück friedlicher und menschlicher werden. Doch die Debatte über unsere Ernährung ist hitzig und emotional aufgeladen: Wer lässt sich schon gerne „sein Fleisch“ nehmen? So weit kann Tierliebe im tierlieben Westen nun wirklich nicht gehen. Ist ja schließlich nicht die Lende von Lumpi, sondern nur ein abstraktes Stück totes Tier aus dem Supermarkt . . .

Wer dennoch darüber lesen und nachdenken will: Der Arzt, Autor und Querdenker Rüdiger Dahlke hat ein wichtiges und leicht verständliches Buch zum Thema geschrieben, in dem er die Zusammenhänge zwischen Mensch, Tier und Welt, zwischen Krieg und Frieden, zwischen Leben und Sterben aufzeigt. Meine Lektüre-Empfehlung für dieses Frühjahr:  Rüdiger Dahlke – Peace Food.

Zu weniger Ernstem: Wir leben ganz weit vom Schuss im wilden Südwesten Irlands, dort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen könnten. Trotzdem müssen wir nicht weit fahren, um erstklassige Gigs und Live-Konzerte zu erleben. Irlands Musiker bleiben unprätentiös und touren auch heute noch gerne über die Dörfer. Schade nur, dass das nicht immer von einem zahlenstarken Publikum honoriert wird. Wir erlebten schon Luka Bloom vor einem 17-köpfigen Publikum. Auf dem Kontinent zieht Luka regelmäßig hunderte, wenn nicht tausende Fans in die Konzerte.

Paddy Casey

Paddy Casey Live in Bantry

Gestern nun Paddy Casey Live im Maritime Hotel in Bantry: Die Veranstalter hatten die großen runden Tische mit weißem Tuch im Ballroom stehen lassen, damit sich das Publikum in der Weite des Saales nicht verlor — und so staunte Paddy nicht schlecht, als er vor eine Kulisse trat, die eher einem Ballsaal der einsamen Herzen glich als einem Live-Publikum.  Paddy Casey kam aus dem Staunen dennoch schnell heraus und nach spätestens drei Songs hatte er die 150 Zuhörer in seinem Bann. Nach der Pause gab Paddy die Rampensau, und bald tanzte der ganze Saal zu Saints and Sinners und Addicted to Company. Well done, Paddy & Fiona. Danke für eine schöne und unterhaltsame Nacht!

In diesem Sinne einen schönen Sonntag!

Irischer Sonntag: Wenn eineiige Zwillinge streiten

Am Meer in Irland

Das Meer am südlichsten Punkt des irischen Festlands

Irischer Sonntag. Es ist der letzte Sonntag im Februar, ein Sonntag vor dem Schalttag im Schaltjahr 2016. Irland erwacht nach einer weiteren kalten Frostnacht in der Morgensonne. In den 40 Wahlkreisbüros des Landes sortieren fleißige Hände seit dem frühen Morgen bereits wieder Wahlscheine. Es ist Tag zwei der Auszählung der Parlamentswahlen. Während der Rest der Welt sich wundert, warum Irland zwei Tage benötigt, um das Wahlergebnnis auszuzählen, während das andernorts in vier Stunden geschieht, lassen sich die Iren nicht aus der Ruhe bringen. Nach der Schließung der Wahllokale am Freitagabend um 22 Uhr ging man erst einmal einen trinken und dann ins Bett. Die Auszählung begann dann am Samstagmorgen um 9 Uhr. Warum auch nicht, warum immer alles in Echtzeit? Am Ende wird nichts anderes stehen als ein Wahlergebnis und ein neues Parlament. Und man sollte nicht vergessen: Der Zählmodus des irischen Wahlsystems ist aufgrund der vielfachen Übertragbarkeit von Stimmen auf mehrere Kandidaten einer der kompliziertesten und zeitaufwändigsten weltweit.

Wahlen IrlandDas Wahlergebnis selber, so viel zeichnete sich schon gestern Nacht ab, ist durchaus spektakulär zu nennen: Die Irinnen und Iren haben der alten Ordnung der letzten Jahrzehnte eine Abfuhr erteilt und der Regierungs-Koalition  aus Fine Gael und Labour mehr als einen Denkzettel verpasst (Über die Gründe können Sie hier nachlesen). Diese Regierung wird es nicht mehr geben, denn beide Koaltionsparteien haben dramatische Stimmenverluste zu beklagen — und wie prognostiziert, vereinigen unabhängige Kandidaten, eine unabhängige Vereinigung und mehrere überwiegend linke Kleinst-Parteien gut 30 Prozent der Stimmen auf sich. Zwar bleibt die Fine Gael von Premier Enda Kenny die stärkste politische Kraft, doch es dürfte schwer werden, in der stark fragmentierten politischen Landschaft des künftigen Parlaments eine mehrheitsfähige Regierung zu bilden.

Nur theoretisch sieht es ganz einfach aus: Enda Kenny könnte mit der erstarkten Sinn Fein zusammengehen und neben den traurigen Resten einer gerupften Labour Party noch ein paar Unabhängige um sich scharen — was in Irland heißt, mit Wahlgeschenken an sich zu binden, manche sagen: zu kaufen. Doch die Berührungsängste mit der IRA-nahen Sinn Fein sind groß. Das Polit-Establishment traut den Leuten um Gerry Adams nicht, weil viele von jenen in den bewaffneten Kampf der IRA für ein befreites Nordirland verstrickt waren und mutmaßlich noch immer in alte Gewalt-Strukturen verstrickt sind.

Sheeps Head

Unterwegs auf engen Küstenstraßen

Größer sind die Berührungsängste nur noch zwischen den beiden Parteien, die sich so ähnlich sind, dass sie sich seit Jahrzehnten wegen ihrer übergroßen Ähnlichkeit mit Inbrunst bekämpfen und im Dauerstreit miteinander liegen. Nie haben sie zusammen eine Regierung gebildet. Die Mütter und Väter der beiden eineiigen Zwillingsschwestern Fine Gael und Fianna Fail, die sich vor nunmehr 95 Jahren an der Frage entzweiten, wie man es mit den alten Besatzern, den Briten, halten soll und wie ein unabhängiges Irland aussehen soll, die sich schließlich im Jahr 1922 in einem kurzen schmerzhaften Bürgerkrieg bis aufs Blut bekämpften: Ob diese Mütter und Väter heute wohl für Verständnis, Vergebung und Aussöhnung eintreten würden? Von außen betrachtet könnte es an der Zeit sein, dass sich die beiden rechtskonservativen Zwillingsschwestern endlich die Hand reichen und sich die gemeinsame Herkunft endlich eingestehen. Der Druck der Verhältnisse könnte dazu beitragen.


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Blick über die Bucht

Dunmanus Bay im Gegenlicht

Dass die beiden Schwestern mit jeweils um die 25 Prozent der Stimmen fast gleichauf liegen, dass die alte Dauer-Regierungs-Partei Fianna Fail fünf Jahre nach dem Kollaps und einer kurzen Auszeit bereits wieder politisch geschäftsfähig ist,  das ist die eigentliche Sensation dieser Wahlen. Denn wenn die meisten Kommentatoren die Niederlage der aktuellen Regierung auf deren Umgang mit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch des Landes und einer langen Leidenszeit unter dem Spardiktat fremder Mächte (Stichwort Troika) in Verbindung bringen, dann stellt sich unmittelbar die Frage: Warum gibt dieselbe Wählerschaft ausgerechnet der Partei riesigen neuen Auftrieb, die den Zusammenbruch des Landes herbeigeführt und zu verantworten hatte? Fianna Fail  zweitstärkste Partei, die Partei der Banker und Spekulanten, der rücksichtslosen Bau- und Immobilienhaie, der Wachstums-Fetischisten und Steuermodell-Reiter, die Partei auch der Groß-Korrumpels von Ex-Premier Bertie Ahern („Schmieren und schmieren lassen„): Diese Partei sieht sich nur fünf Jahre nach ihrer Abwahl schon wieder fast ganz oben. Ist es Amnaesie, Verzweiflung oder das ohnmächtige Gefühl vermeintlicher Alternativlosigkeit gewesen, die viele Wähler beim Kreuzchenmachen zu dieser Verzweiflungstat trieb? Was auch immer, als aufrechter Demokrat sagt man in diesem Fall: Wir haben das Wählervotum und den damit verbundenen Auftrag zu akzeptieren. Und ein trinkfreudiger Keltischer Tiger 2.0 knurrt leise im Hintergrund . . .  Die aktuellen Wahlergebnisse des zweiten Auszählungstages kann man übrigens hier im Ergebnisdienst der Irish Times verfolgen: Irish Times

Osterglocken auf dem Friedhof

Osterglocken auf Hungergrab

Zu Banalerem und noch Bunterem, zu den wundervollen Sonnenuntergängen Irlands: Wir hatten vor einigen Tagen voreilig versprochen, an dieser Stelle weitere Fotos unserer LeserInnen mit den schönsten irischen Sonnenuntergängen zu zeigen — und es kamen keine. Statt dessen, der Wanderer gibt es unumwunden zu, haben wir die Büroarbeit sich selbst überlassen, haben das schöne Wetter genutzt und sind in der erwachenden Frühlingslandschaft unterwegs gewesen, um Sonne und Licht live zu genießen, um Steinkreise und Stehende Steine, uralte Friedhöfe und einsame Strände zu besuchen. Und um das milchgläserne bis pastellfarbene Licht am Atlantik zu genießen.

Steinkreis auf dem Sheeps Head

Steinkreis auf dem Sheeps Head

In diesem Sinne einen schönen entspannten Sonntag, der Wanderer.

Alle Fotos: © 2016 Markus Bäuchle

Irischer Sonntag: Sharon Shannon auf dem Dorf

Sharon Shannon Live in Cluin

Sharon Shannon Live in Cluin

Irischer Sontag & Sharon Shannon. Noch etwas müde vom Community-Abend in Cluin. Die Cahermore National School in der Gemeinde Allihies hatte zum Fundraiser geladen. In der nasskalten Samstagnacht, einer dirty old Saturday night, gab es in der Gemeindehalle von Cluin Spaß, Drink, eine typisch irische Tombola und — einen Weltstar: Sharon Shannon. Die Musikerin aus Corofin, County Clare, auch bekannt als Galway Girl, war mit Alan Connor an die Spitze der Beara Peninsula („heaven on earth“) gekommen, um die Benefiz-Veranstaltung für die Grundschule mit dem besten Ausblick in Irland zu unterstützen (Die Schüler sehen vom Klassenzimmer direkt auf den weiten Atlantik — was sie wohl deutlich weniger beeindruckt als uns . . . ).

Sharon Shannon

Sharon Shannon und Alan Connor unterm pinkfarbenen Show-Himmel zwischen Ladies und Gents

Das gibt es wohl nur in Irland: Top-Stars sind sich nicht zu schade, auch auf dem Land zu spielen, in Pubs, Gemeindehallen, Zelten. Die 47jährige Sharon Shannon ist eine Virtuosin auf der Box, dem irischen Knopf-Akkordeon, sie beherrscht zudem die Geige und die Flöte wie nur wenige auf der Insel. Sharon steht für die traditionelle irische Musik, die sie in moderner und aktuell gängiger Verpackung präsentiert. Das gelingt ihr besonders gut im Duett mit dem jungen Keyboarder und Gitarristen Alan Connor, der mit Händen und Füßen spielt und wie ein alter Straßenmusiker mit vollem Körpereinsatz und Loop-Pedal eine ganze Band ersetzt.

Vollversammlung: Die Cluin Community Hall

Vollversammlung: Die Cluin Community Hall

Der einstige Bergwerksort Cluin war bis ins frühe 20. Jahrhundert eine lebhafte Gemeinde mit über 3000 Einwohnern. In der Zeit, als die Kupferminen oben im Berg noch arbeiteten, wohnten vor allem Bergarbeiter aus Wales im Ort. Der Bergwerkbetrieb wurde 1912 eingestellt, als der Kupferpreis auf den Weltmärkten stark nachgab, und die Karawane zog weiter.  Seitdem ist Cluin, der von Besuchern gerne mit dem Namen der Gesamtgemeinde Allihies gleichgesetzt wird, ein beschauliches Dörfchen mit vielleicht 200 Einwohnern. Es lebt vor allem vom Tourismus, von Landwirtschaft, einigen Pendler-Jobs, dem Geld von Zugezogenen und von staatlicher Unterstützung.

Ecki Krupp Allihies

Ecki Krupp und die jungen Musiker der Cahermore NS

Die Cahermore National School wiederum, 1979 gebaut als Grndschule für die Gemeinden Cluin, Cahermore und Lehanmore, kämpft seit Jahren erfolgreich ums Überleben. Die Schülerzahlen sind unter die Zahl 50 gesunken, und das Geld ist immer knapp. Doch wie man auch am Samstagabend sah: Die Gemeinde weiß sich zu helfen, und sie engagiert sich für ihre Schule. Jeder weiß: Wenn erst einmal die Schule schließt, dann ist es vorbei mit dem Gemeindeleben, dann bröckelen die Bevökerungszahlen weiter, und andere Einrichtungen wie Shop, Pub, Post und Kirche folgen. Also packt man kräftig an.

Paudy O`Sullivan. Principal

Gruppen Foto mit Musikern, Schülern, Schulleiter Paudy und Lehrerinnen

Sharon Shannon und Alan Connor haben einigen hundert Leuten in der Community Hall von Cluin richtig eingeheizt, und das sind meine Eindrücke von einem wundervollen Abend in der irischen Gemeinde, die am weitesten von der Hauptstadt Dublin entfernt ist: 394 Kilometer:

  • Sharon Shannon GeigeSharon Shannons virtuoses Akkordeon-Spiel sucht in Irland seinesgleichen. Die unprätentiöse Akkordeonistin und  Multi-Instrumentalist Partner Alan Conor spielen in Cluin unter pinkfarbenem Tüll zwischen „Ladies“ und „Gents“ einen fabelhaften Gig.
  • Sie reißen die immer ein wenig zurückhaltenden Leute aus West Cork von den Sitzen. Zum Tanzen bringen sie sie nicht. Sharon versucht es wiederholt, die Leute zum Mittanzen zu bewegen, doch das ländliche Irland scheint das Tanzen verlernt zu haben. Nix mehr mit Irish Dancing. Nur die Kinder des Dorfes lassen sich von der Musik vollends faszinieren und setzen Begeisterung in Tanzbewegung um (und ich selber bin leider auch Sing- und Tanzmuffel . . . ).
  • Zwölf Schüler der Cahermore NS spielen und singen unter der Leitung ihres Musiklehrers im Vorprogramm irische Traditionals. Die muskalische Tradition des Landes pflegt übrigens nicht etwa ein Ire: Der deutsche Musiker Ecki Krupp bringt den Kindern von Allihies das Musizieren bei, spielt mit ihnen Jigs und Reels und führ sie ein in die Welt der Traditional Irish Music. Die gilt nicht allen Iren viel in diesen Jahren, und so muss eben der Blow-in ran. Ecki Krupp, mittlerweile 53 Jahre alter Spross einer Kölner Kohlenhändler-Dynastie, kam nach einem kurzen Abenteuer als Kneipenwirt („Durst“ in der Kölner Weidengasse) Mitte der 90-er Jahre nach Irland und ist immer noch hier. Er hat Familie und lebt von der Musik. So paradox es klingt: Die Iren können froh sein, ihn zu haben, denn sie selber geben ihre kulturellen Traditionen derzeit allzu leicht preis. (Anders gesehen: Was stellen wir Deutschen und Schweizer mit unserer eigenen Volksmusik und unserem Volkstanz an? Mögen wir ihn? . . . )

Die Cahermore-Schule sammelt an diesem Abend alleine mit der Tombola 1260 Euro ein, und das Publikum freut sich über schöne Preise: die üblichen Geschenkkörbe, Hochprozentiges, Heizöl-Gutschein und Bargeld, aber auch Tickets für klasse Konzerte in Cork und Dublin.
Am Ende versammeln sich Schulleiter Paudy O`Sullivan, die Lehrer, die Musiker und einige Schüler zum Gruppen-Foto unter dem pinkfarbenen Show-Himmel. Klick. Gut. Schön wars. Die Schule lebt, die Gemeinde lebt, und die Traditional Irish Music auch. Irgendwie.

In diesem Sinne einen schönen Sonntag. Der Wanderer

Alle Fotos: Markus Bäuchle / Wanderlust

PS: Hier ein Video „Sharon Shannon und Alan Connor live“ :

Irischer Sonntag: Imbolc, Frühling mit Henry

Das Vogel-Thermometer

Das Vogel-Thermometer

Irischer Sonntag. 31. Januar. Der Januar ist also schon wieder vorbei. Heute morgen bin ich zu Vogelgezwitscher der fröhlichen Art aufgewacht und habe mit mir selber gewettet, ob man an der Zwitscher-Klangkulisse auf die Außentemperatur schließen kann. Der frühlingshaft anmutende Vogel-Chat fühlte sich nach 11 Grad an. Der Blick aufs Thermometer verriet: Man kann. 11,8 Grad. Zumindest ungefähr kann man mit einiger Erfahrung von den Tierlauten auf die Klima-Verhältnisse schließen. Probiert´s mal . . .

Sind wir nicht völlig widersprüchliche Wesen? Die Natur tief erspüren und dann mal eben zur Kontrolle auf dem iPhone die Daten der digitalen Wetterstation im Garten abrufen . . . Ich hatte mir fest vorgenommen, bei der Digitalisierung des Hauses im Sinne einer Totalverweigerung überhaupt nicht mitzumachen, weder Kühlschrank, noch Licht, noch Pool-Beheizung  oder Garagentor ans Internet zu hängen. Das fällt uns ziemlich leicht, weil wir weder Pool noch Garage besitzen, und in den Kühlschrank lassen wir uns auch nicht von der ganzen Welt schauen.

netatmo

Das Internet-Thermometer

Meine Technik-Faszination scheint dennoch ungebrochen und punktete mit einer klassischen Selbstüberlistung bei der Anschaffung der neuen Wetterstation. Die alte Außenstation (von Äldi, zehn Jahre ganz zuverlässig) zeigte mitten in der Winternacht stur 30 Grad plus und ließ sich nicht mehr davon abbringen. Jetzt checken wir – rein beruflich natürlich – neben Außen- und Innentemperatur, Luftdruck, Windstärke und Regenmenge auch den CO2-Gehalt und die Luftqualität im Haus über das Telefon und den Tischcomputer (netatmo heißt das Wunderding, und der ortsunabhängige Abruf der heimischen Wetterdaten ist richtig g***).

Die reklamierte Widersprüchlichkeit, genauer: die Kluft zwischen Natur und hypermoderner Menschen-Kultur wird sich früher oder später wohl auflösen: Affen sprechen bereits mit Menschen via Computer, Menschen vernetzen sich digital mit den Netzwerken der Natur, hacken sich ein ins Wood Wide Web und verbinden die natürlichen mit den digitalen Netzwerken. Dem Internet der Dinge folgt das Internet der Tiere und Pfanzen, das World Wide Web der lebenden Organismen. Wohin uns diese Brücken wohl führen werden . . .

Saint_Brigid's_cross

Brigid´s Cross

Einmal noch schlafen, dann ist schon Frühling. Dem Golfstrom sei Dank. In Irland wird der Lenz am 1. Februar eingeläutet. Die alten Kelten und die neuen Heiden feiern anfang Februar das Reinigungs- und Hirtenfest Imbolc. Sie huldigen der Ankunft des Frühlingslichts und der wärmeren Tage. Der 1. Februar wird hier in Irland auch als Brigid´s Day begangen, in Erinnerung an die keltische Göttin Brigid, die von den Christen später in die Figur der Heiligen Brigida von Kildare umgedeutet wurde.

Die Heilige Brigid, eins Keltische Göttin, heute christliche Patronin von Irland

Die Heilige Brigid, einst keltische Göttin, heute christliche Patronin von Irland

Am 1. Februar basteln die Kinder in den Schulen noch heute aus Binsen das Brigid´s Cross, das Brigitten-Kreuz. Das hübsch geformte Binsen-Kreuz, ein altes keltisches Symbol, wird anschließend aufgehängt und bietet dem Haus der alten Bedeutung nach für ein ganzes Jahr Schutz — vor allem vor Feuer. Wer braucht da noch eine Hausversicherung?

Pünktlich zu Imbolc 2016 wird Henry vom Atlantik übers Land ziehen, und die Menschen auf der Insel daran erinnern, dass der Winter noch nicht seine ganze Kraft ausgehaucht hat: Henry folgt auf Getrude und ist der Sturm Nummer 8 dieses Winters. Die Metereologen glauben Henry ganz gut zu kennen und sagen heute von ihm, er werde zügig und zackig, aber nicht übertrieben zerstörerisch vor allem über die nördliche Inselhälfte hinweg fegen.

Morgen werden wir mehr wissen. Einen schönen Frühling allen LeserInnen in Irland, und allen Irland-Fans auf dem Kontinent zum Trost die Erinnerung an den Vor-Frühling im Dezember. in diesem Sinne,  der Wanderer

Fotos: Wikipedia (2), netatmo (1), Markus Bäuchle (1)

Irischer Sonntag: Gewalt & die Kartoffel des Bösen

Die Abosch-.Kartoffel: Symbol des obszönen Reichtums der sogenannten Elite

Die Abosch-Kartoffel: Symbol des obszönen Reichtums der sogenannten Elite

Irischer Sonntag: Nachdenken über Gewalt. Auch Irland hat seine aktuelle Gewalt-Debatte, allerdings diskutieren die Irinnen und Iren derzeit nicht über Silvester, sondern über Vorkommnisse, die 100 Jahre zurück liegen. Nach dem Wohlstands- und Bau-Rausch wirft sich das Land mit voller Wucht in einen auf sieben Jahre geplanten Erinnerungs-Rausch: Die erste wirklich große Station auf dem Kreuzweg zur Unabhängigkeit war der Osteraufstand von 1916. Am 24. April 1916 stemmte sich ein schlecht organisiertes Häufchen irischer Republikaner in Dublin gegen die britische Besatzungsmacht, besetzte das Postamt  und einen öffentlichen Park und rief mal eben die freie irische Republik aus. Nach sechs Tagen war alles vorbei, viele unbeteiligte Zivilisten hatten ihr Leben verloren, und die Aufständischen wurden hingerichtet.

Irlandnews.comDie Bevölkerung hatte den Kämpfern von 1916 kein Mandat gegeben, und die große Mehrheit hatte mit dem Aufstand nichts am Hut. Zum nachhaltigen Erfolg wurde der Osteraufstand erst, weil die radikalen Republikaner um Pearse und Connolly Hut samt Kopf verloren: Durch die Hinrichtungen, weil sich die Briten ihre rachsüchtige Reaktion nicht verkneifen konnten und Märtyrer schufen. So steht 1916 heute als Beginn der Unabhängigkeit Irlands, als Zeugungs-Moment des modernen Irland gewissermaßen. Mit über 2000 Veranstaltungen will das offizielle Irland die 100. Wiederkehr der gewalttätigen Genese zelebrieren. So wie die Iren ihre schmerzhaften Niederlagen mit Verve und Inbrunst feiern, so feiern sie nun die Oster-Gewaltorgie von Dublin — auch eine große Niederlage, allerdings eine, die das Tor zur Freiheit öffnete.

Leuchtreklame Irland 2Wirklich? Nur einzelne Stimmen widersprechen dem offiziellen Mantra und meinen, es sei falsch, die chaotische Inszenierung von Ostern 2016 in den Mittelpunkt des Erinnerns zu stellen. Mehr noch: Die Unabhängigkeit wäre auch auf friedlichem Weg erreicht worden. Das allerdings ist eine steile These, die auch heute neue Gewalt-Phantasien nährt . . . Ich habe sie dieser Tage in einem Gespräch nur zitiert. Reaktion: Die örtliche Buchhändlerin, stolze Tochter eines republikanischen Freiheitskämpfers, wäre mir fast an die Gurgel gesprungen. Nur dieser dünne, fast durchscheinende Puffer, den wir Kultur nennen, hielt sie davon ab . . .

Fadenscheinig. Wie dünn diese Schicht Kultur zwischen den menschlichen Abgründen und einem kollektiven zivilisierten Verhalten ist, beobachten wir seit Anfang des Jahres aus der Ferne. Das polare Klima, das sich in kürzester Zeit in Deutschland aufgebaut hat, wirkt zumindest in 2000 Kilometern Entfernung recht furchterregend. Rassismus, Hass und Intoleranz sind offenichtlich innerhalb kürzester Zeit wieder hoffähig geworden, und auch die vermeintlich Friedfertigen lassen sich nun allzu leicht die Wahl der Waffen bestimmen. Ein Land im Würgegriff der Angst — und die Aller-Ängstlichsten sind die, die derzeit pöbelnd und drohend durch die Straßen ziehen und uns eine Vorstellung davon geben, wie es in den Zeiten von Weimar zugegangen sein muss . . .

Es stimmt, was der Philosoph Wolfgang Eilenberger dem SPIEGEL kürzlich sagte:

„Wir sind am Ende der zentralen Lebenslüge einer ganzen Generation von Europäern angelangt. Ich bin jetzt 43 Jahre alt. Wie viele andere habe ich mir vorgemacht, das konkrete Leid, das in den Ländern des Nahen Ostens, Asiens und Afrikas den Alltag von Milliarden Menschen prägt, ließe sich für die kommenden Jahrzehnte lebensweltlich auf Distanz halten. Wir hegten die Illusion eines Kerneuropas als mauerloser Paradiesgarten in einer Welt des Elends. Damit ist es vorbei.“             

Wir müssen zudem zugeben, dass wir Europäer unseren enormen Wohlstand auch auf dem Elend im Rest der Welt gegründet haben und dass uns die eigene Vergangenheit nun auch in dieser Hinsicht einholt. So gilt es wohl Abschied zu nehmen von unserem harmonischen Bild einer demokratischen Wohlfühl-Gesellschaft am vermeintlichen Ende der Geschichte. Manche sagen, frei nach Sepp Herberger: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg  —  die schauderhafte Ahnung, dass wir uns längst in einer Art von neuem Welt-Krieg befinden, lässt sich nicht einfachso abschütteln. Der politische Klimawandel sorgt zumindest für anhaltende Kälte in Europa und in der ganzen Welt.

Abschalt-Krise. In der Insellage Irlands könnten wir uns weit von den aktuellen Welt-Problemen entfernt fühlen. Wir nutzen das stunden- und tageweise: Eine kleine Medien-Diät, Fernseh-Nachrichten aus, Zeitung weg, Internet abschalten — und schon bestimmen die Sonne, der Regen, der Wind und die Gezeiten des Meeres den Rhythmus des Lebens am Atlantik. Durchatmen — und schon könnte ich meinen, dass die kleinen Probleme die großen Probleme sind: Vergangene Woche entdeckte ich in unserer kleinen Stadt  den Sündenfall: 800 Jahre trotzten die Iren nicht nur den Engländern sondern auch der Leuchtreklame. Als Kontinental-Europäer bestaunen wir die idyllischen irischen Dörfer und Städtchen bis heute mit wohligem Gefühl. Die Abwesenheit schreiender Werbung löst Entzücken aus, wir fühlen uns in Ruhe gelassen von all denen, die nur an unser Geld wollen. Tatsächlich dominiert traditionelles Schreiner- und Maler-Handwerk bis heute die Geschäftsstraßen auf der Insel: Die handgestaltete und gekonnt mit dem eigenen Schriftzug bemalte und ganz dezent beleuchte Shop-Front bestimmt das Straßenbild.

Leuchtreklame Irland 1

Das Leuchten des Apothekers. Doch nun sorgt ausgerechnet der Apotheker im Ort für den Tabu-Bruch in der Streetscape: Er hat eine im schnellen Stakkato leuchtende und blinkende Multimedia-Orgie über seiner Tür installieren lassen. Grün, Rot, Blau, Kreuz, Schlange, Öffnungszeit, Sonderangebot — so muss es einmal am Times Square angefangen haben. Es heißt, dass die Apotheken die computergesteuerten Fassadenmonster nach einem Masterplan über das ganze Land verbreiten wollen — wahrscheinlich im Namen von Sicherheit und Gesundheit; und es wird garantiert nicht lange dauern, bis viele andere Ladenbesitzer in den Dörfern und Städtchen auch so eine großartige, moderne Reklame haben wollen. Bald werden helle Licht-Dome im Nachthimmel über den Irish Towns den Großen Wagen, den Drachen, den Fliegenden Fisch, den Kleinen Bären, die Kassiopeia und das Siebengestirn der Plejaden vertreiben . . .  Cassiopeia good-bye.

Leuchtreklame Irland 3Die Kartoffel des Bösen. Da wir gerade bei der Astronomie sind: Der irische Fotograf Kevin Abosch (46) kassiert für seine begehrten Fotos astronomisch hohe Summen: Der bei den Schönen und Reichen angesagte Abosch berechnet seiner wohlhabenden und geltungssüchtigen Klientel pro Foto um die 150.000 US-Dollar. Wer von Kevin kommerziell genutzte Fotos anfertigen lässt, ist ab einer halben Million dabei. Jetzt hat der Mann mit dem goldenen Auslösefinger den Vogel, Verzeihung, die Kartoffel abgeschossen:  Das Foto von einer Kartoffel auf schwarzem Hintergrund ging laut IrishCentral für 1 Million Dollar, das sind 900.000 Euro, an den neuen stolzen Besitzer.

Jetzt wissen wir zumindest, warum auch der fotografierende Ire Kevin Kartoffeln liebt — und wir verstehen tief, was obszöner Reichtum bedeutet: Während einige Milliarden Menschen auf der Welt Tag für Tag um ihre Existenz und um ein Leben in minimaler Würde kämpfen, wissen die Happy Few nicht wohin mit der Kohle. Die Abosch-Kartoffel illustriert aufs Absurdeste die Tatsache, dass 62 Menschen auf der Welt mehr besitzen als die ärmere Hälfte der Menschheit. Wer sehnt sich da nicht den nächsten Osteraufstand herbei, eine Art globales Kartoffel-Gericht im Namen der Gleichheit, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit . . .    

Jetzt fragt sich nur noch, ob die Sache mit der Gewalt, mit den Flüchtlingen und dem Reichtum der Wenigen irgendwie nicht doch zusammen hängt?

In diesem Sinne einen friedlichen Sonntag und eine friedliche Woche. Der Wanderer 

Irischer Sonntag: Digital Detox in der Natur

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Digital Detox. Ich habe mich gedanklich zurück versetzt in eine Zeit vor 20 und 25 Jahren, um besser zu verstehen, was mit uns geschehen ist. Erinnern Sie sich, wie das war, als es keine Smartphones gab und kein buntes Internet, als wir mit 54k-Modems die ersten zarten digitalen Vernetzungen häkelten, als CompuServe und AOL die größten Eingangstore zum digitalen Raum waren und Google und Facebook und Whatsapp noch nicht einmal Ideen in den Köpfen der kühnsten Vordenker?

Die digitale Technik hat uns, unser Leben und unser Zusammenleben massiv, ja, dramatisch verändert. Sind wir durch unser real-virtuelles Doppel-Leben nun andere geworden, oder erkennen wir uns nur nicht wieder, weil wir ständig abgelenkt sind? Egal. An dieser Stelle gibt es keine Kultur- und keine Techno-Kritik. Mir ist allerdings in den zurück liegenden stillen Tagen noch klarer geworden, dass es uns gut tut, uns dann und wann in die Original-Befindlichkeit zurück zu versetzen.

Familie anno 2016 °

Wir haben die Wahl und die Freiheit, einmal am Tag, einmal die Woche, einmal im Monat die Ausschaltknöpfe an Macbook, Galaxy und iPhone zu drücken, unsere ur-eigene Existenz zu feiern, den Ort wahrzunehmen, an dem wir sind, und ungestört und unbeeinflusst unsere wirklich wichtigen Prioritäten zu sortieren. Welcome home, willkommen daheim! Ein schönes Gefühl ( . . .und klar, auch zurück ins Internet zu tauchen, macht dann umso mehr Spaß).

In Kalifornien, bei San Francisco, am Rand des Silicon Valley, dem Techno-Tal, in dem über unseren Alltag und unsere Zukunft entschieden wird, treffen sich seit ein, zwei Jahren eben jene Gestalter der neuen virtuellen Welten in Erholungs-Camps zum Digital Detox. Sie entgiften ihre Psyche und ihre Seelen drei, vier Tage lang in der Natur, nehmen eine Auszeit ohne Computer, ohne Smartphone, ohne Uhr, ohne Alkohol und ohne Gespräche über die Arbeit. Wie wohltuend solche Auszeiten vom modernen Alltag sind, weiß ich, weil wir diese selber seit vier Jahren in den Bergen Südwestirlands nutzen und für Gäste anbieten. Wir nennen diese wertvollen Wochen in der Stille der unberührten Berge Natur Retreat. In Neu-Englisch könnten wir von Digital Detox Camps reden, wir sehen uns jedoch mehr in der nachhaltigen Tradition der Natur-Therapie: Wir vertrauen uns ohne digitale Ablenkung der Natur an, nehmen eine Auszeit vom Alltag und gehen in unsere Mitte.

Irland Natur 2_

Wir Menschen sind natürlich, und durch die Erfahrung der äußeren Natur erfahren wir unsere innere Natur. Auf diesen Zusammenhang hat der Schweizer Psychologe C.G. Jung schon vor fast 100 Jahren aufmerksam gemacht. Er hielt es für gesund und gesundheitserhaltend, dass wir uns regelmäßig vom Alltagsschlamm der Zivilisation reinigen, dass wir uns in der Natur den Schmutz der Zivilisation abwaschen: „Wann immer wir mit der Natur in Berührung kommen, werden wir sauber“ (C.G: Jung, 1875 – 1961, zitiert nach natur & heilen 7/2015).

An dieser Stelle etwas Eigenwerbung für unser Abschalt-Projekt in den irischen Bergen: Wir* gehen in diesem Jahr dreimal zur Reinigung, zum Batterien Aufladen und zum Energie Tanken auf Natur Retreat in die irischen Berge: Im Mai, im August und im September schalten wir ab und ziehen uns in einer kleinen Gruppe für eine Woche in die Natur zurück. Wer mitkommen will, findet alle wichtigen Informationen hier: www.irland-natur.de

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 Noch ein Blick aus dem Fenster: Erst gemütlich, dann Cabin Fever . . .


Noch ein Blick aus dem Fenster: Erst gemütlich, dann Cabin Fever . . .

Es passiert selten, aber in den vergangenen Tagen ist es passiert: Ich hatte angesichts des ewigen Winterregens einmal keine Lust, hinaus in die Berge oder ans Meer zu gehen. Der Blick aus dem Fenster genügte. Doch auch an solchen befremdlichen Befindlichkeiten konnte ich merken, dass jeder Anfang schon das Ende birgt, dass der Wandel uns befeuert und uns Lebensenergie gibt. Irgendwann, sehr bald Irlandnews.comschlug die häusliche Gemütlichkeit in Unbehagen um. Es stellte sich ein mulmiges Gefühl ein, das die Iren Cabin Fever nennen. Wörtlich übersetzt heißt das Hüttenfieber,  die deutsche Sprache hält jedoch zwei prägnantere Ausdrücke für das Phänomen bereit. Man empfindet umgangssprachlich Lagerkoller – die stille, oder sich Bahn brechende Wut dürften derzeit vor allem  Flüchtlinge in den Lagern weltweit verspüren – oder besser: Die Decke fällt einem auf den Kopf. 

Bevor sich die Decke wirklich senkt, folge ich dem frischen Impuls: Es geht wieder hinaus in die Weite der irischen Landschaft. Egal, wie feucht die Luft ist. Ich nehme Sie und Euch ein Stück weit mit, die Kamera ist natürlich immer dabei. In diesem Sinne: Gute Wege, may the trails be dry and the bogs shallow, bis bald . . .  

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* Wenn ich hier von wir schreibe, meine ich unsere Natur-Projekt Wanderlust: www-wanderlust.de

° Ein Dank an Otto für das immer noch aktuelle Foto

Irischer Sonntag: Woher rühren die Obsessionen?

Traumbild von C.G. Jung aus dem Roten Buch

Die Tage zwischen den Jahren, in der Zeit außerhalb der Zeit, sind wertvolle Tage, um die Zeichen zu deuten, nachzudenken, Wege in die Zukunft zu erkennen. In den vergangenen Tagen fragte ich mich genauer als sonst, was die Mitmenschen in unserer Wahlheimat eigentlich besonders tief geprägt hat. Was steckt hinter der sprichwörtlichen Alltags-Freundlichkeit? Hinter der No-Worries-at-all-Mentalität und der Konfliktscheuheit? Woher rühren die Obsessionen nach Land, Spiel und Rausch, woher kommt das Phänomen Begrudgery, diese unverkennbar irische Variante von Neid und Missgunst? Die Spuren führen in die jüngere Vergangenheit. Die Zeit nach der Unabhängigkeit, als gar nichts gut war . . .

Wie lang sind 100 Jahre? Von 1916 bis 1922, vor weniger als 100 Jahren, erkämpfte sich das bettelarme Irland eine Art von politischer Unabhängigkeit vom alten Dauer-Besatzer und Kolonisator Großbritannien, begann das Projekt eines eigenen irischen Staates. Vor weniger als zehn Jahren wurde die Insel-Republik als reichstes Land Europas bewundert. Im vergangenen Frühjahr, die Irinnen und Iren hatten sich in einer Volksabstimmung deutlich für die Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe entschieden, feierte die Welt Irland als das liberalste und fortschrittlichste Land Europas.  In weniger als einem Jahrhundert vom Kolonialgefängnis und Armenhaus zum freiheitlichen Vorzeige-Wohlstandsland — geht das?

Ja und nein. Oberflächlich betrachtet, scheint dies in weniger als 100 Jahren gelungen zu sein. Schaut man genau hin, dominieren die Zweifel. Das politische System funktioniert auf der Grundlage einer veralteten Verfassung von 1838 mehr schlecht als recht. Weit verästelte Korruption prägt die Politik. Die Wirtschaft ist weitgehend eine von den US-Multis Geliehene. Der Reichtum der Celtic-Tiger-Jahre war nicht viel mehr als ein Strohfeuer. Die Ungleichheit der Chancen ist die größte weltweit. Das überwältigende Ja zur Homo-Ehe — wer die Einstellung vieler Iren zur Homosexualität wirklich kennt —  kann nur als Protestwahl gegen die über lange moralische Bevormundung durch die katholische Kirche verstanden werden. Eine freiheitliche Zivilgesellschaft ist wohl anders. Anders als Irland ruht eine freie Zivilgesellschaft in sich und in den verarbeiteten Erfahrungen der vergangenen Jahrhunderte. Freiheit ist nicht gemeint als Freiheit, alles über Bord werfen zu dürfen, um plötzlich etwas ganz anderes als bisher sein zu wollen.

Irlandnews.comAlles gut nach der Unabhängigkeit? Ich habe den Beginn der irischen Unabhängigkeit in den 20-er Jahren lange ein wenig naiv als bedeutsame Kehrtwende verstanden. Erst allmählich wurde mir klar, dass sich in den folgenden Jahrzehnten gar nicht so viel änderte im Alltag der Menschen auf der Insel. Vor allem aber implodierte die irische Gesellschaft nach dem Rückzug der Engländer erst einmal und glitt im Sommer 1922 ab in den Bürgerkrieg, einen brutalen Bruderkrieg, der tiefere psychische Wunden hinterließ als die Jahrhunderte währende Fremdherrschaft. Danach blieb die Abhängigkeit von den Briten auf wirtschaftlicher Ebene weitgehend bestehen. Hinzu kam nun die Unterdrückung durch eine (mit Hilfe der alten Besatzer) zur kulturhegemonialen Macht aufgerüsteten katholischen Kirche. Eine Phalanx aus Kirche, Politik und Polizei zeigte dem Volk die Grenzen auf — und die informell noch immer mächtigen Landlords mischten weiter kräftig mit. Ex-Besatzer und Katholische Kirche, Politik und Ordnungsmacht bildeten die neue unheilige Allianz. Es war eine rigide, eine bleierne Zeit, eine Zeit des Zwangs, der Gehirnwäsche und der inneren Unfreiheit. Manche Iren sprechen heute von Kirchen-Stalinismus.

Die Befreiung aus den inneren individuellen Zwängen und die Entwicklung einer liberalen und offenen Gesellschaft gelang allmählich mit der wirtschaftlichen und politischen Öffnung und dem wachsenden Wohlstand im späten 20. Jahrhundert. Doch die extremen Erfahrungen der Wohlstandsjahre der Naughties, die Exzesse des Celtic Tiger und der bodenlose Absturz in die Wirtschaftskrise im Jahr 2008 raubten einer ganzen Generation den Kompass für die Zukunft und die Werte-Orientierung.

Das heutige Irland zeigt sich hinter den sorgsam gepflegten Trugbildern als ein Land der Extreme und der extremen Ausschläge. Die jüngere Geschichte gleicht einer Achterbahnfahrt. Sie schuf ein nervöses Land mit einer verunsicherten Bevölkerung. Vor kurzem unterhielt ich mich mit einem erfahrenen irischen Psychotherapeuten der Jung’schen Schule. Der Mann legt nicht nur einzelne Menschen auf die Couch, er beschäftigt sich auch mit dem Zustand der irischen Gesellschaft — und seine Diagnose über die eigenen Landsleute ist beunruhigend. Die unverarbeitete Vergangenheit laste schwer auf vielen Menschen. Die Auswüchse der Celtic-Tiger-Jahre hätten Menschen vollends aus der Balance geworfen. Der Jungianer analysiert einen Gutteil seiner Landsleute als innerlich im Ungleichgewicht, als dauer-berauscht und nicht geerdet, als durch leere Beredsamkeit von sich selbst ablenkend, als zu mutlos und uncouragiert, um sich selber mit den Wahrheiten des Lebens zu konfrontieren.  Viel Arbeit also aus der Sicht des Psychologen (allerdings lässt sich diese Diagnose leicht auf viele Kontinental-Europäer ausweiten . . . ).

Wie weiter? Der hier vor kurzem zitierte irische Historiker Diarmaid Ferriter wünscht sich, dass das Lernen aus der eigenen Geschichte möglich wird. Das könnte zum Beispiel bedeuten, dass es den Menschen auf der Insel gelingen wird, die heraufziehende Version 2.0 eines neuen Celtic Tigers entschieden zurück zu weisen, einen massen-hysterischen unbalancierten nächsten Wirtschaftsboom zu vermeiden und statt dessen ein stabiles inneres und äußeres Gleichgewicht anzustreben. Das allerdings hieße, die eigene widersprüchliche Vergangenheit zu verstehen und anzunehmen. Und das benötigt Zeit, viel Zeit.

Wie lang sind 100 Jahre? Let´s wait and see . . .

Jimmy's Hall, film

Jimmy´s Hall: Ein Blick in das Irland der 30-er Jahre

PS: Wie es in den Kinderjahren des jungen irischen Staates, in den eher dunklen 30-Jahren in Irland ausgesehen haben könnte, versuchen Filme wie Jimmy´s Hall oder Dancing at Lughnasa auszumalen. Vor allem der Film des Regisseurs Ken Loach, der auch das beeindruckende Bürgerkriegs-Drama The Wind That Shakes the Barley gedreht hat, vermittelt einen guten Eindruck von den Machtverhältnissen und der kulturellen Intoleranz jener Jahre. 

Jimmy’s Hall ist ein Spielfilm des britischen Regisseurs Ken Loach aus dem Jahr 2014. Der Film spielt in den 1930er Jahren in Irland und handelt vom Kampf des irischen politischen Aktivisten Jimmy Gralton gegen die Bevormundung und Ausbeutung durch Kirche und Großgrundbesitzer. 1932 kehrt Jimmy Gralton nach 10 Jahren in den USA wieder nach Irland in seinen Geburtsort zurück. Die vergangenen Jahre hatte er in New York zugebracht, wohin er nach Auseinandersetzungen mit der Kirche und den irischen Großgrundbesitzern geflohen war. Jetzt, 10 Jahre nach dem irischen Bürgerkrieg, ist eine neue Regierung an der Macht und seine Mutter braucht Hilfe auf der Farm.

Jimmys-Hall

Obwohl Jimmy eigentlich nicht gleich wieder seine alten Widersacher herausfordern wollte, gibt er den Bitten der Dorfjugend nach und eröffnet gemeinsam mit seinen früheren Gefährten wieder die Hall, eine Art selbstorganisiertes Kulturzentrum, wo gemalt, gesungen, geboxt, getanzt, gelesen und diskutiert wird. Der wachsende Einfluss Jimmys und seiner Ideen ruft schnell die Gegenwehr seiner alten Gegner hervor. Dorfpfarrer Vater Sheridan befürchtet Zügellosigkeit und den Verlust des kirchlichen Bildungsmonopols, die Hilfe Jimmys und seiner Anhänger für einen vertriebenen Pächter bringt die Großgrundbesitzer gegen ihn auf.

. . .  Jimmy’s Hall ist angelehnt an das Leben von James Gralton (1886–1945), der nach seiner Deportation nie wieder nach Irland zurückkehrte und 1945 in New York starb. (zitiert nach Wikipedia).

Irischer Sonntag: Von den Skelligs nach Blarney

Skellig Michael

Skellig Michael von oben

Die Zeiten ändern sich tatsächlich. In der ausgehenden Ära des Feminismus und unter dem Eindruck der aufziehenden Gender-neutralen Gesellschaft verwandelte sich in diesem Jahr Kino-Super-Macho James Bond in einen um sich schlagenden Freak, eine gebrochene Figur des Scheiterns, verraten von Freund und Feind. Der neue Bond-Song, wahrlich keine Hymne und gar nicht cool: Writing’s On The Wall von Sam Smith könnte vielleicht beim European Song Contest reussieren. Die Zeichen der Zeit aber sind zu hören: Erstmals sang ein offen schwuler Gesangsstar das Lied von 007 Bond. Chapeau.

Amy Schumer by Annie Leibovitz for Pirelli

Amy Schumer by Annie Leibovitz for Pirelli

Nächster Schlag für die harte Männerwelt: Die Ikone des Maskulinismus, der Pirelli-Nacktschnecken-Kalender, geriet in die Hände einer begnadet fotografierenden Emanze: Annie Leibovitz machte aus dem begehrten Spind-Objekt (Projektname: Nackte Frauen-Busen verkaufen Autoreifen an triebgesteuerte Männer) ein Statement der selbstbewussten Frau. Taffe Persönlichkeiten wie Patti Smith, Yoko Ono, Serena Williams und Amy Schumer (Foto) standen für den Pirelli Cal 2016 ihre Frau. Stark! Damit nicht genug . . .

Am Freitag den neuen Star Wars im Gate in Cork geschaut. Und verstanden, welche Macht da gerade erwacht.  War in den Anfangszeiten des anschwellenden Kults Leia Organa (Carrie Fisher) die einzige Frau weit und breit, so übernimmt nun in Episode 7 erstmals eine Frau die Helden-Rolle: Rey (Daisy Ridley) spielt sich wie eine aus Lara Croft importierte Super-Woman in die höchsten Sphären der intergalaktischen Aufmerksamkeit, während Luke Skywalker im rustikalen Leinen-Hoody auf den Skelligs vor der Küste von Kerry eine Auszeit nimmt vom anstrengenden Helden-Dasein.  Wobei wir endlich beim Thema Irland wären.

Axel Mayer_.Adams ApfelFast. Denn an dieser Stelle will ich mir einen Buch-Tipp nicht verkneifen, der die politisch heiß laufende Gender-Debatte auf angenehmste Weise erfrischt und uns daran erinnert, dass dieses eine kleine Prozent (1%) Unterschied zwischen Frau und Mann im genetischen Code unser Leben auf unvergleichliche Weise bereichert und es bisweilen zum Himmel und dann wieder zur Hölle macht. Der Evolutionsbiologe Axel Meyer schreibt in Adams Apfel und Evas Erbe pointiert über den biologischen Unterschied zwischen Mann und Frau, über die Macht und die Grenzen unserer genetischen Anlagen. Ein provokative Stellungnahme eines bekannten Wissenschaftlers im Diskurs um Geschlecht und Gender, das biologische und das soziale Geschlecht der Menschen. Super-Food zum Nachdenken in den vor uns liegenden stillen Tagen . . .

Gender Neutrality

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Aber nun endlich zu unserem Thema: Irland. Wenn Luke Skywalker in mönchischer Pose auf der geheimnis-umwitterten Felseninsel Skellig Michael über den Atlantik blickt, wenn die junge Heldin Rey die in den Stein gehauenen Stufen hinauf zum 1400 Jahre alten Eremitenkloster eilt, um den Vor-Ruheständler Luke mit dem blauen Lichtschwert zurück in den Kampf zu locken, dann möchte man der irischen Regierung fast verzeihen. So schön sind die Bilder . . .

Verzeihen dafür, dass sie diesen kostbaren einsamen Ort aus schnöden kommerziellen Interessen an Lucas-Disney-Lego und die größte Marketing-Kampagne, die die Welt je gesehen hat, verscherbelt hat. Zwei mal, im vergangenen und in diesem Jahr, haben die Sternen-Krieger bereits auf Skellig Michael gedreht und dabei drastisch in die Biosphäre der nur von Seevögeln bewohnten Felseninsel, einem UNESCO-Weltkulturerbe, eingegriffen. Es geht um Ruhm und Tourismus-Euros, und da kam den Regierenden in Dublin die Anfrage aus Hollywood gerade recht.

Wer die Skelligs in der Episode 7 von Star Wars sehen möchte, muss sich über 130 Minuten lang gedulden. Erst ganz am Ende rückt einer der faszinierendsten Orte Irlands, Europas, ja der Welt ins Breitwandbild. Und weil die Episode 7 dort oben auf dem Klosterfelsen endet, sind wir ziemlich sicher, dass Episode 8 genau dort fortgesetzt wird.

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Blarney Castle

Blarney Castle, Home of the Blarney Stones

Von Ikone zu Ikone: Auch Blarney Castle zählt zu den Top Ten der Tourismus-Attraktionen Irlands. Besonders amerikanische Touristen streben dem Ziel nach, einmal im Leben den Blarney Stone zu küssen. Der Sage zufolge wird mit größter Wortgewandtheit und Sprachgewalt belohnt, wer einmal den Stein von Blarney geküsst hat. So legen sich Irlandnews.comjedes Jahr tausende Besucher unter Aufsicht auf den Rücken, um den sagenumwobenen Stein in der Schlossmauer kopfüber mit ihren Lippen zu berühren. Was die meisten nicht wissen: Keiner – den Schlosseigentümer eingeschlossen – weiß genau, welches der Stein der Wortgewandtheit wirklich ist. In den letzten 200 Jahren gab es mindestens drei Kandidaten an verschiedenen Stellen in der Mauer. Doch der Zweck heiligt auch hier das Unwissen und die Mittel.

Noch weniger wissen die Steine-Schmürzler übrigens um das feuchte Geheimnis des Blarney Stone. Ein Wikipedia-Eintrag berichtet immerhin von einer unbewiesenen Urban Legend, der zufolge Kinder und Jugendliche aus Blarney mit Vorliebe nachts auf genau den Stein pinkeln, den anderntags die Touristen busserln. Unbewiesen? Na, Mick Flannery-Fans wissen mehr. Kürzlich bei einem Open-Air-Konzert auf dem Kontinent stellte sich Mick dem Publikum vor als: „I am from Blarney„, was einen Zuschauer zum Zwischenruf animierte: „Blarney Stone„. Mick fragte zurück: „Did you kiss the Blarney Stone“ —  der Zuhörer bejahte mit einigem Stolz in der Stimme. Nein, er selber habe den Blarney Stone nicht geküsst, antwortete Mick Flannery, aus gutem Grund nicht geküsst. Denn wer in Blarney aufgewachsen sei, habe anderes mit dem Stein gemacht, nämlich . . . Genau. Womit der moderne Mythos in den Rang einer Tatsache befördert wurde und wir an dieser Stelle niemandem mehr guten Gewissens raten können, mithilfe billiger Lippen-Bekenntnisse nach Sprachgewalt und Wortgewandtheit zu streben. Zumindest nicht in Blarney.

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Mick Flannery unplugged in Castletownbere

Mick Flannery unplugged in Castletownbere

Besagter Mick Flannery, mit 32 Jahren einer der besten Singer/Songwriter Irlands, wird an Silvester wieder ein mutmaßlich ausverkauftes Opera House in Cork unterhalten — es mit seinen melancholischen Balladen in die Depression und zu den Prozac-Vorräten treiben, wie er das sagt. Ganz sicher sind die eher leisen, sanften und seelentiefen Auftritte Flannerys ein angenehmes Kontrastprogramm zum schrill-lauten irischen Silvester-Standard-Programm.

Noch leiser, sanfter und tiefer als ohnedies zeigte sich Flannery Freitagnacht bei einem intimen Auftritt vor 50 Gästen in der Sarah-Walker-Gallery am Hafen in Castletown-Berehaven. Ohne Werbung, ohne Mikrofon und ohne Band sang Mick mit Gitarre und Keyboard vor allem frühe Lieder. Und I own You, eine köstlichen Kostprobe von seinem neuen Album, das im März oder April erscheinen soll. Im neuen Song, einer kraftvollen zornigen Nummer, geht es um das Thema arme und reiche Menschen. Ich freue mich drauf.

Mit seiner zweiten Zugabe erinnerte Mick übrigens an das Image, das man ihm einige Jahre lang gerne zugeschrieben hatte: Er sei der Tom Waits Irlands. Ist er natürlich nicht, aber seine Version des Waits-Klassikers I Hope That I Don’t Fall in Love With You ist mindestens genauso hörenswert wie das Original des alten Grummlers aus dem Jahr 1973.

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In diesem Sinne einen schönen Sonntag, sei es der vierte Advent oder einfach ein frühlingshafter Sonntag fünf Tage vor dem Weihnachtsvollmond im Dezember . . .

 

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