Timothy Healy und der berühmte Healy Pass

Der Healy Pass auf der Cork-Seite. Foto: Peter Zoeller

Geschichten von der Beara-Halbinsel im Süd-Westen Irlands (Teil 17)

von Peter Bernhardt* 

Heute erzählt Peter Bernhardt im Geschichten-Zyklus über das ländliche Irland am Atlantik, warum der berühmte Healy Pass so heißt, wie er heißt. Es ist die Geschichte des irischen Politikers Tim Healy.

Timothy „Tim“ Michael Healy wurde am * 17. Mai 1855 in Bantry, County Cork, geboren. Sein Vater Maurice war Beamter in der Poor Law Union in Bantry. Seine Mutter Elizabeth war ein Mitglied des Murty Oge O’Sullivan Clans, der auf der Beara Penisula eine große Rolle spielte. Bantry war eines der gebeutelsten Bezirke in Irland während der Jahre der Hungersnot in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Und so wuchs Timothy schon früh mit dem Gefühl auf, wie ungerecht es unter falscher Führung in Irland zuging. Er erinnerte sich gut daran, wie die Lippen seines Vaters zitterten, wenn er von den schrecklichen Zeiten und Zuständen der Hungersnot berichtete. Und auch seine Großmutter berichtete von der Farm ihrer Schwester nahe Skibbereen, dass jegliches Leben dort endete, selbst Vieh und Federvieh elendig verendeten.

Das prägt natürlich einen jungen Menschen. Timothy und sein Bruder Maurice ließen später zum Gedenken der vielen Opfer in der Abbey von Bantry ein Denkmal in Form eines keltischen Kreuzes errichten. Die Inschrift lautet: „To mark the Famine-Pits of 1846-8. May God give Rest to the Souls of the faithful Departed.“

Tim Healy begann seine Ausbildung bei den Christian Brothers in Fermoy, brachte sich aber sein Wissen weitgehend autodidaktisch bei. So verließ er die Schule schon im Alter von 13 Jahren, um sich in Dublin nach einem Job umzuschauen. Er blieb dort zwei Jahre bei T.D. Sullivan, dem Ehemann seiner Tante. Healy heiratete 1882 T.D.s Tochter Erina , seine Cousine ersten Grades. Mit ihr hatte er drei Söhne und drei Töchter.

1872 ging Tim nach England und arbeitete dort als Stenograf im Büro der North Eastern Railway Companie. Dort in Newcastle wurde er auch Sekretär der Home Rule Vereinigung. Nebenbei widmete er sich dem Studium der Literatur. Sein außerordentlich gutes Gedächtnis befähigte ihn, Shakespeare nur vom gehört haben zu zitieren und auch sein Französisch und Deutsch war gut genug, um Literatur in diesen Sprachen zu genießen. Es wird von ihm berichtet, daß er während seines Gefängnis-Aufenthaltes die Bibel auswendig lernte.

1878 wurde Tim Healy Journalist bei der Tageszeitung „The Nation“ in London und schrieb eine wöchentliche Kolumne über das Wirken der Nationalist Party unter Charles Stewart Parnell im britischen Unterhaus. Über Healy wurde in diesen Jahren gesagt, er sei der loyalste Diener von Parnell gewesen.

Blick vom Healy Pass hinunter auf den Glanmore Lake in Kerry

Nach seiner Haftentlassung wegen Teilnahme an gewalttätigen Aktionen der Irish Land League wurde er 1880 als Vertreter der Nationalist Party zum Abgeordneten des Unterhauses gewählt, er vertat den Wahlkreis Wexford. Als brillanter Redner und aufgrund seiner umfangreichen Kenntnisse der Gesetzgebung im Parlament, machte er sich schnell einen Namen. Healy war auch ein anerkannter Fachmann in Fragen zur Lage Irlands und Namensgeber der „Healy-Klausel“ im Land Act von 1881, in dem die Pächter von Farmen vor der Erhöhung des Pachtzinses durch die Grundbesitzer geschützt werden sollten.

Tim Healys Geburtshaus in Bantry – heute die Bank of Ireland – und die am Gebäude angebrachte Gedenktafel

Tim Healy

Das von Healy errichtete Gedenkkreuz in Bantry

Durch seine politischen Aktivitäten wurde er sogar in Nordirland populär. Das führte dazu, daß seine Partei auch Stimmengewinne in der protestantischen Provinz Ulster verzeichnen konnte. 1886 kam es allerdings zum Bruch mit Parnell. Er blieb jedoch der Irish Nationalist Party verbunden. Nach seiner Enttäuschung über die Ziele der Liberalen und der irischen Nationalisten nach dem Osteraufstand 1916 wurde Healy nach 1917 zum Unterstützer der 1905 von Arthur Griffith gegründeten Sinn Féin. Er verzichtete im Jahr 1918 auf eine erneute Kandidatur zum Parlament zugunsten eines Sinn Féin-Kandidaten.

Sein Ruf als „verdienter Staatsmann“ veranlaßte 1922 sowohl Großbritannien als auch Irland, Healy zum ersten Generalgouverneur des Irish Free State zu ernennen. Dieses Amt hatte er bis zu seinem Rücktritt 1928 inne. Drei Jahre nach seiner Pensionierung starb er am 26. März 1931, im Alter von 75 Jahren, in seinem Haus in Dublin. Er wurde auf dem Friedhof Glasnevin, dem irischen Nationalfriedhof* in Dublin beerdigt, wo auch Parnell 40 Jahre zuvor seine letzte Ruhe gefunden hatte.

Im Rückblick darf die Frage aufgeworfen werden: War Tim Healy ein großer Patriot oder hat er Parnell und Irland an die Briten verraten? Die Frage bleibt offen. Healy war ein Leben lang eine furchteinflößende Persönlichkeit, weil er schrecklich schlagfertig und geistesgegenwärtig war, weil er völlig unbekümmert sozialen und politischen Konventionen gegenüber war und weil er keine Partei-Disziplin kannte. Gegen Ende seines Lebens wurde er allerdings „altersmilde“ und diplomatisch.

Timothy Healy ist jedem auf der Beara-Peninsula und darüber hinaus ein Begriff. Er hat sich nach den Hungerjahren dafür stark gemacht, daß der ehemalige „Eselspfad“ zwischen Adrigole (Co. Cork) und Lauragh (Co. Kerry), zu einer ordentlichen, befahrbaren Straße ausgebaut werden konnte. Der ursprüngliche Name dieses „Eselswegs“ war Bealach Scairt – The way of the Sheltered Caves. Der Ausbau brachte den Menschen auf Beara Arbeit und ein Einkommen – nicht gerade üppig viel, aber immerhin soviel, daß die Familien ein Grundauskommen hatten. Die 1931 fertig gestellte Straße ist genau 12,9 km lang und wurde ihm zu Ehren „The Tim Healy Pass“ genannt. Die offizielle Einweihung am 21. April 1931 hat er leider nicht mehr miterlebt.

Der Pass-Übergang, Grenze zwischen Cork und Kerry

Tipp: Ich fahre diese Strecke am liebsten von Adrigole aus. Da kann man sich auf die engen Serpentinen bis hinauf zum Pass konzentrieren. Auf der Passhöhe ist die Grenze zwischen Cork und Kerry und man hat bei fast jedem Wetter einen grandiosen Blick auf die Bantry Bay zur einen und auf die Kenmare Bay auf der anderen Seite. Die Abfahrt nach Lauragh ist dann nicht mehr so kurvig und man darf schon mal einen Blick auf die vor einem liegende Landschaft riskieren.

In den vergangenen Jahrhunderten hatte dieser Pass, wo sich Cork und Kerry treffen, noch eine andere Bedeutung. Es „konnte vorkommen“, daß sich Paare von beiden Seiten verliebten und heirateten. Wenn dann ein Partner starb, der ursprünglich aus dem „ungeliebten“ Nachbars-County stammte, brachte ihn der Trauerzug an die Grenze und übergab den Sarg den Verwandten auf der Gegenseite. Diese Stelle wird noch heute The famous Flat Rock genannt und befindet sich nur wenige Schritte vom jetzigen Pass-Durchgang entfernt.

 

 Peter BernhardtDer Autor: Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer fünfwöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling.

PS: Peters Geschichten von der Beara Peninsula erscheinen regelmäßig hier auf Irlandnews.

 

Fotos: Peter Bernhardt, außer: Titelfoto: Peter Zoeller, Glanmore Lake: Markus Baeuchle

* Wer daran interessiert ist, welch irische Persönlichkeiten dort noch ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, kann sich hier informieren.

 

Bere Island: Ein Insel-Idyll mit Vergangenheit

Bere Island Fähre 2011

Bere Island. Zwei Fähren verbinden die Insel in der Bantry Bay mit dem Festland.

Geschichten von der Beara-Halbinsel im Süd-Westen Irlands (Teil 16)

von Peter Bernhardt* 

Heute erzählt Peter Bernhardt im Geschichten-Zyklus über das ländliche Irland am Atlantik von der bewegten Vergangenheit des Insel-Idylls Bere Island. Die Insel in der Bantry Bay war lange Zeit der wichtigste Militärstützpunkt der Briten am irischen Atlantik. 


Bere Island ist ein Glücksfall
für den Fischereihafen Castletownbere, denn die schützende Insel macht diesen Hafen durch ihre Lage zum sichersten in ganz Irland. Sie liegt direkt im Eingang der herrlichen Bantry Bay, ist nur zwei Kilometer von Castletownbere entfernt und bewacht die tiefen Wasser des Hafens, der Irlands größter „Weißfisch“-Hafen ist. Die Insel ist etwa elf Kilometer lang und fünf Kilometer breit und hat knapp über 200 Einwohner. Das sah in der Mitte des 18. Jahrhunderts noch ganz anders aus, da lebten über 2000 Menschen auf der Bere Island.

Martello Tower auf Bere Island

Martello Tower auf Bere Island

Bere Island wurde schon früh besiedelt. Das beweisen zahlreiche archäologische Fundstellen, die von der Bronzezeit bis ins Mittelalter reichen. Man findet dort zum Beispiel Ringforts, Standing Stones, sowie Grabmale und Beerdigungsorte aus der Jungsteinzeit. Die Insel war im Besitz des O’Sullivan Clans, bis der Engländer Sir George Carew in der Schlacht von Dunboy im Jahre 1602 den Sieg davontrug und die O’Sullivans im Auftrag von Englands Königin Elisabeth I „in die Wüste schickte“. Carew war auch derjenige, der den strategischen Wert dieser Insel erkannte und eine Straße quer über das Eiland bauen ließ. Sie diente damals dazu, Soldaten und Kriegsmaterial  von der geschützten und uneinsehbaren Seite der Insel in „Schussweite“ zum Dunboy Castle zu schaffen, das nur wenig hundert Meter entfernt auf der anderen Seite der Hafeneinfahrt liegt.


ANZEIGE: Die Wander-Ferien des irisch-deutschen Wanderveranstalters Wanderlust sind eine gute Gelegenheit, die Insel-Idylle Bere Island und deren Geschichte kennen zu lernen. Bere Island ist auch eine von sechs Inseln, die im Rahmen der Insel-Wanderwochen 2017 besucht werden. www.irland-wandern.de


Im Jahre 1796 erreichte eine französische Flotte den Hafen von Castletownbere mit dem Führer der United Irishmen, Wolfe Tone*, an Bord. Doch ungewöhnlich heftige Stürme verhinderten die geplante Invasion, denn sie machten es der Mannschaft unmöglich, an Land zu gehen und so verließen sie die Bantry Bay unverrichteter Dinge und mit einer völlig vom Sturm gerupften Flotte. Mehrere Schiffe sanken in der Bantry Bay.

Die verlassenen Militär-Anlagen auf Bere Island: heute geschlossen.

Die verlassenen Militär-Anlagen auf Bere Island: heute geschlossen.

Nur zwei Jahre später versuchten es die irischen Rebellen erneut, diesmal in Killala, County Mayo. Diese Invasion klappte ein wenig besser. Die britische Autorität lernte aus diesem Vorkommen und beauftragte Lieutenant-Colonel William Twiss, einen Ort an der irischen Süd- oder Westküste zu finden, an dem man Irland gut verteidigen könnte. Das Ergebnis seiner Recherche war: die Bantry Bay mit Bere Island als sicherem Hafen.

Nachdem das Marinegeschwader unter Konteradmiral Sir Robert Calder Station in Castletownbere bezogen hatte, begann man 1803 auch gleich mit dem Bau von vier Martello Towers auf Bere Island, die 1805 zu den ersten „bezugsfertigen“ Türmen gehörten (von 50 in ganz Irland). Alle vier Martello Towers waren so platziert, daß sie den Naturhafen zwischen Insel und Festland sichern und verteidigen konnten. Des weiteren baute man einen Wachturm, Baracken für zwei Offiziere und 150 Soldaten, Lagerhäuser und einen Anlegesteg.

Eine alte Kanone auf Bere Island

Eine alte Kanone auf Bere Island

Nach den Napoleonischen Kriegen folgte eine Periode des militärischen Stillstands. Bere Island spielte  bis 1890 keine militärische Rolle, und die Unterkünfte der Militärs wurden abgerissen. Zu dieser Zeit besuchten Mitglieder der Britischen Informations-Abteilung Glengarriff. Von da aus machten sie auch einen Ausflug ins nahegelegene Castletownbere und entschlossen sich, Bere Island einen Besuch abzustatten. Dort, auf dem höchsten Berg stehend, stellen sie mit Entsetzen fest, welche Vorzüge dieser Hafen für eine fremde Macht haben könnte, um von hier aus einen Angriff auf England zu starten. Eine Experten-Gruppe wurde beauftragt zu erkunden, wie man diese Insel wieder zur „Festung“ ausbauen könnte. 

Inselwandern Wanderlust August 2014

Friedliche Idylle: Bere Island, Ardnakinna Lighthouse

1891 begann man mit der Umsiedlung von Familien von der östlichen Seite von Bere Island und startete mit dem Bau von Artillerie-Festungsanlagen, die noch heute als Lonehart Battery bekannt sind. Sie sollten den Hafen sichern und die vor Anker liegende Britische Flotte schützen. Britische Ingenieure bauten diese Anlagen mit Hilfe örtlicher Bauunternehmer und Arbeiter. Für die Menschen auf der Insel waren das goldene Zeiten, denn sehr viele von ihnen kamen in Arbeit und Brot. Die Bautätigkeit zog sich, mal mehr, mal weniger intensiv, über fast 30 Jahre hin. Errichtet wurden eine Coastguard Station, Baracken an verschiedenen Orten und mehrere Verteidigungsanlagen. Und natürlich auch Häuser für die Offiziere. 1915, im ersten Weltkrieg, kam ein Militär-Krankenhaus dazu, wo viele verwundete Soldaten versorgt wurden.

Bere Island

Ein alter Unterstand im Osten der Insel

Aber auch ans Vergnügen wurde gedacht. Im gleichen Jahr wie das Krankenhaus baute man eine Freizeithalle für eine Vielzahl von Amüsements, etwa für Tanzveranstaltungen und Filmvorführungen. Ein Schießstand wurde errichtet, der noch heute von der irischen Armee jeden Sommer zum Üben genutzt wird. Bere Island hatte durch die militärische Nutzung schon Strom und fließend Wasser, bevor diese Errungenschaften auf dem Festland ankamen. Allerdings gabs diese Privilegien auch auf Bere lange nur für die Angehörigen des Militärs.

Schon 1890 hatte man auf Bere Island vier Schnellfeuer-Geschütze und eine Siebenundzwanzig-Tonnen-Kanone installiert. Eine weitere wartete darauf in „Position“ gebracht zu werden. 1911 waren es insgesamt neunzehn Kanonen. Zwei von ihnen kann man noch heute sehen. Ein Kolumnist des Cork Council Eagle schrieb zu jener Zeit: „Bere Island will be the most strongly fortified place for its extent in the British Isles“.

Natürlich fanden regelmäßig Übungen statt, an denen auch die Kanonen abgefeuert wurden. Die waren so laut, daß die in der Nähe Wohnenden evakuiert werden mußten. Bei einer Übung stürzte sogar ein Dach ein. Es gab Zeiten, da waren so viele Kriegsschiffe im Hafen vor Anker, dass man sich erzählte, man könne von Bere Island von Schiff zu Schiff trockenen Fußes ans Festland gelangen. Und die „Bevölkerung“ im Hafengebiet wuchs schlagartig auf 13.000 Mann.

Es wird geschätzt, das etwa 1500 Soldaten von Bere Island aus nach Frankreich in den Krieg geschickt wurden und nur weniger als 300 zurück kehrten, davon viele verwundet.

Ein weitere Unterstand im Westen von Bere Island

Ein weitere Unterstand im Westen von Bere Island

Während des Anglo-Irischen Krieges hatte man auf Bere Island auch irische Republikaner interniert, ebenso den Domherrn von St. Flannan’s aus Ennis, William Kennedy. 1932 zogen die Briten sich aus Irland zurück, beharrten aber vertraglich darauf, dass sie auch weiterhin die drei Tiefseehäfen, Berehaven (Castletownbere), Queenstown (Cobh) und Lough Swilly (im Norden Irlands) als souveräne Basen nutzen dürfen. Dieses Recht endete dann 1938 mit Irlands kompletter Unabhängigkeit.

Nicht nur die historischen Sehenswürdigkeiten sind es wert, dieser Insel einen Besuch abzustatten,  auch Vogelkundler, Pflanzen-Liebhaber und Wanderer (www.wanderlust.de) werden begeistert sein von der Vielfalt dieser heute so entrückten wie friedlichen Insel. Wer Glück hat, kann vom Land aus sogar Wale, Delphine, Haie und Seehunde beobachten.

Es gibt zwei Fähren, die Besucher und Einheimische auf die Insel bringen. Eine geht vom Hafen in Castletown aus und landet im Westen von Bere Island, die andere legt vom Pontoon-Hafen in Berehaven in der Nähe vom Golfplatz ab und steuert Rerrin, das Dorf im Osten der Insel an.

By the way: Der Golfplatz von Berehaven wurde von den Engländern angelegt, als die noch die Herren auf Bere Island waren. Hier sollten sich die Offiziere und ihre Freunde vom Streß entspannen können.

 Peter BernhardtDer Autor: Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer fünfwöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling.

PS: Peters Geschichten von der Beara Peninsula erscheinen regelmäßig hier auf Irlandnews.

Fotos: Peter Bernhardt; Markus Bäuchle (1, oben)
* Mehr Informationen über Wolfe Tone gibt es bei Wikipedia

Beara, West Cork, im Urteil früher Touristen

Die Beara Peninsula: Auch vor 300 Jahren schon ein Besucher-Magnet.

Die Beara Peninsula: Auch vor 300 Jahren schon ein Besucher-Magnet.

Geschichten von der Beara-Halbinsel im Süd-Westen Irlands (Teil 15)

von Peter Bernhardt* 

Heute erzählt Peter Bernhardt im Geschichten-Zyklus über das ländliche Irland am Atlantik über die frühen privilegierten Touristen, die auf die Beara-Halbinsel kamen. Die Adeligen, Reichen und Gebildeten schrieben meistens auf, was sie unterwegs erlebten – und geben uns damit heute interessante Einblicke in das Leben vor 300, 200 oder auch nur 50 Jahren auf der Beara Halbinsel in West Cork im Südwesten Irlands. 

Die Beara Halbinsel hat schon immer Besucher angezogen, und nicht erst, seit es einen Minister für Transport, Tourismus und Sport (1959) gibt. Es gibt Nachweise aus prähistorischen Zeiten, daß sich Menschen schon damals für diesen Teil Irlands interessierten. Und dieses Interesse ist bis heute geblieben, auch wenn  von Regierungs-Seite West Cork nach Bekunden seiner Bewohner von der Regierung eindeutig vernachlässigt wird. In ganz Irland wurden die Straßen vernünftig und verkehrssicher ausgebaut – nicht in West Cork. Hier wird immer nur „geflickschustert“. Die Fähre vom Kontinent nach Cork, die die Touristen in diesen westlichen Teil hätten bringen können, hat man pleite gehen lassen. Dadurch aber hat sich dieser Teil Irlands noch ein wenig seine Ursprünglichkeit bewahrt. Für Individual-Reisende ist es ein kleines Paradies, was es zu erkunden gilt. Und nicht umsonst haben sich auf Beara Schriftsteller, Maler, Fotografen und Musiker nieder gelassen.

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Die Kupferminen in Allihies, gezeichnet von der Spitze des Berges Knockoura im Jahre 1838 von Lady Chatterton

1973 kauften Peter and Harriet Cornish 150 acres of rugged farmland zwischen Castletown und Allihies, um hoch auf den Klippen einen Ort für spirituelle Menschen aller Nationalitäten zu errichten. 1992 schenkten sie das Land und die Gebäude in Garranes einer Stiftung unter der spirituellen Leitung von Sogyal Rinpoche, einem weltbekannten tibetischen Buddhismus-Lehrer. Er gab diesem Platz den Namen „Dzogchen Beara“‘, Holder of Dzogchen’.

Die Autoren Pennelope Durell und Cornelius Kelly haben ein Buch mit dem Titel: „The Grand Tour of Beara“ herausgegeben, in dem sie 51 Frauen und Männer recherchierten, die in den letzten fünf Jahrhunderten auf Beara waren und etwas darüber geschrieben und veröffentlicht haben. Darunter sind, um nur einige zu nennen: elisabetanische und jakobiter Soldaten, ein Bischof von Cork und Ross, ein hugenottischer Siedler, ein Revolutionär, ein deutscher Prinz, ein deutscher Geograf, ein amerikanischer Missionar, viele Journalisten/innen, Autoren und Poeten.

Hier ein paar Aussagen von prominenten Beara-Besuchern:

1700. Dive Downes, Bischof von Cork und Ross, hielt sich drei Tage im Juni auf Beara auf und interessierte sich vor allem für seine Kirchen und Schäfchen. Aber nicht nur für die Zweibeinigen! Er bemerkte auch die fetten Schafe und meinte, einige würden sogar am Übermaß von Fett sterben. Ihn interessierte auch, wem die einzelnen Ländereien gehörten und vermerkte ihren materiellen Wert. Ein Extra-Satz in seinem Bericht war: „No Protestants here in this parish!“ Ironie des Schicksals: Downes starb im Jahre 1709, am gleichen Tag ist seine Tochter Anne geboren.

1704. Auch einige Hugenottische Flüchtlinge fanden den Weg über England nach Irland. Jacques Fontaine (1658-1728) kam 1699 auf die Beara Halbinsel und gründete eine Gemeinde für Landwirtschaft und Fischerei. Neun Jahre lebte er hier und diese Jahre waren nicht gerade das Paradies auf Erden. Er mußte sich gegen Piraten erwehren und wurde von seinen eigenen Seeleuten betrogen. Für seine Kinder schrieb er einen Bericht über die Geschichte seiner Familie und das Leben auf Beara.

1750. Charles Smith, ein Historiker und Gründer der Historical Society in Dublin (1744). In dieser Funktion bereiste er in den folgenden Jahren Waterford, Kerry und Cork. Seine Weg führte dabei auch auf die Beara-Halbinsel. Nicht weit von „Ross-Mac-Owen“ war er vom „größten und höchsten Wasserfall im Königreich“ beeindruckt. Über „Castle-Town, alias Castle Dermot“ (direkt am Hafen stand einstens eine Burg von Dermot O’Sullivan) schreibt Smith: „It is a small village of little note…“! Auch das „berühmte Castle von Dunboy, wo er allerdings nur noch die Ruinen vorfand, besuchte und erwähnte er sowie die verbissene und heftige Verteidigung gegen Sir George Carew im Jahre 1602. Die Schlacht ging allerdings für die O’Sulivans nicht gut aus. Die Verteidiger wurden getötet und das Castle geschleift.

Isaac Weld

Isaac Weld

1800. Isaac Weld, ein Topograf, sieht in „Beare-Haven“ nur ärmliche Häuser in kleiner Zahl. Das einzige Objekt von Bedeutung sind die Grabmale in Pyramiden-Form auf dem Friedhof. Die Kirche war nur noch eine Ruine und die wenigen Familien trafen sich im Haus des Geistlichen. Trotzdem bescheinigt er, daß das Land zwischen Hungry Hill und Beare-Haven deutlich besser kultiviert ist als das Gelände weiter westlich zum Halbinsel-Ende. Auch die Bevölkerungszahl war um Beare-Haven herum deutlich größer als auf der übrigen Halbinsel. Beeindruckt haben ihn offensichtlich die großen Kuh-Herden und die hohe Qualität der gewonnen Butter, die komplett nach Cork geliefert wurde. Auch eine Bootfahrt nach Dursey Island hat er unternommen und fand es bemerkenswert, dass der bescheidene Wohlstand der Inselbewohner durch Schmuggeln und „Ausbeutung“ der gestrandeten Schiffe genährt wurde.

Fürst Pückler-Muskau

Fürst Pückler-Muskau

1828. Hermann von Pückler-Muskau (* 30. Oktober 1785 auf Schloss Muskau; † 4. Februar 1871 auf Schloss Branitz bei Cottbus) war vor allem als Landschaftsarchitekt, Schriftsteller und Weltreisender bekannt. Folgende Landschaftsparks in Deutschland sind mit seinem Namen verbunden: Fürst-Pückler-Park Bad Muskau, Fürst-Pückler-Park Branitz, Cottbus, „Pücklerschlag“ (Blickachse) vom Ettersberg bei Weimar, Altenstein, Herzoglich-Sachsen-Meiningische Sommerresidenz, Park Babelsberg in Potsdam, Park von Schloss Wilhelmsthal bei Eisenach, zusammen mit Hermann Jäger.

Weil er für seinen Traum, Gärten zu gestalten, nicht genug Geld auftreiben konnte, ließ er sich von seiner Frau Lucie von Hardenberg scheiden, reiste nach England, um dort eine reiche Partie zu machen.  Ob er auch in Irland danach suchte, ist nicht verbrieft. Die Scheidung von seiner Frau muß wohl verabredet gewesen sein, denn auch nach der Trennung stand er mit ihr in regem Briefverkehr und berichtete darin von seinen Reise-Erfahrungen. Am 27. September machte er sich auf den Weg nach Bantry und Glengariff und wie er in seinem Brief schreibt: „…möglicherweise der schönsten Teil von Irland!“ Den Park von Mr. White in Bantry befand er als einen der kreativsten Schöpfungen und stellte beim Frühstück fest, daß er im „Wirbel“ seines Londoner Aufenthalts eine flüchtige Bekanntschaft mit Mrs. White hatte. Was immer das heißt?

1838. Henrietta Georgiana Iremonger, 1806 in London geboren, heiratete mit siebzehn Jahren Sir William Chatterton of Castle Mahon im County Cork, und wurdedamit Lady Chatterton. Sie schrieb viele Geschichten, Romane, Gedichte und Reiseberichte. Schon ihr zweites Buch: „Rambles in the South of Ireland“ erwies sich als eines der erfolgreichten Reiseberichte über Irland im neunzehnten Jahrhundert. Lady Chatterton schrieb das Folgende über Castletown:

Beara Prominente

Lady Chatterton

„Am folgenden Tag starteten wir übers Wasser in Richtung Castletown. Es ist ein blühendes, kleines Plätzchen an der extrem-westlichen Seite der Bantry Bay. Der Gasthof-Besitzer in Glengariff hat uns die Fahrt mit dem Boot empfohlen, das sei kürzer und angenehmer, als die Straße zu benutzen. Da es ein schöner Tag war und die See glatt, erhob ich keinen Einwand“. Allerdings kam sie nur bis Adrigole, als sich der Tag schon gen Ende neigte und sie sich vor einer Weiterfahrt im Boot bei Dunkelheit fürchtete. Und so bestieg sie in Adrigole einen einfachen, unbequemen Karren, um die Reise nach Castletown fortzusetzen. Sie zeigte sich sehr verwundert über die wenigen Bewohner am Wegesrand, die auf sie einen recht wilden Eindruck machten, zeigte sich aber beeindruckt, daß sich alle vor ihr verbeugten. Über die Cottages der Landbevölkerung äußerte sie sich so: „…sie sind erbärmlicher, als ich je irgendwo anders gesehen habe und die Leute, besonders aber die Kinder sind schlecht gekleidet. Und einige der jüngeren Kinder waren total nackt“.

Sie hat auch auf dem Weg nach Allihies und zu den Kupferminen die Puxley-Familie beim Dunboy Castle besucht und anschließend den herrlichen Ausblick auf Dursey Island, Blackball Point und in der Ferne den Sheeps Head, auf der anderen Seite der Bantry Bay, genossen. Auch beeindruckten sie die beiden schroffen Felsen der „Skelligs“vor der Küste von Kerry. In Allihies bekam die kleine Reisegruppe eine Einführung vom protestantischen Kaplan , den man sehr zivilisiert und zuvorkommend fand. Sie ließ sich auch über den Bergbau informeiren und die Fördermenge und den Preis per Tonne nennen. Lady Chatterton erwähn, daß zur Zeit im Bergbau in Allihies 1000 Menschen beschäftigt sind und was sie pro Tag verdienen, schrieb allerdings kein Wort des Bedauerns, dass da auch Jungs und Mädchen im zarten Alter rackerten. Lady Chatterton war nicht nur eine exzellente Schriftstellerin, sie konnte auch Gesehenes zeichnerisch auf Papier festhalten.

Es gibt noch zahlreiche weitere prominente Reisende, die sich über Beara geäußert haben –  und somit auch eine Fortsetzung der Story!

Peter BernhardtDer Autor: Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer fünfwöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling.

PS: Peters Geschichten von der Beara Peninsula erscheinen regelmäßig hier auf Irlandnews.

Fotos: Markus Bäuchle (oben); Reproduktionen: Peter Bernhardt

Beara Stories: Die Friedhöfe von Castletownbere

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The Glebe – der alte Friedhof von Castletownbere

Geschichten von der Beara-Halbinsel im Süd-Westen Irlands (Teil 14)

von Peter Bernhardt* 

Heute erzählt Peter Bernhardt im Geschichten-Zyklus über das ländliche Irland am Atlantik über die vier Friedhöfe von Castletownbere auf der Beara-Halbinsel. Sterben hat immer Konjunktur, doch in manchen Zeiten mehr als in anderen. Im 19. Jahrhundert fiel die Bevölkerung von Beara binnen zehn Jahren von 25.000 auf 6.000, Friedhöfe waren Mangelware. Aber lesen sie selbst . . . 

Die Friedhöfe auf der ganzen Welt zeigen auf regional unterschiedliche Weise eindrucksvoll, wie wir Menschen mit unseren Verstorbenen umgehen, welche Rituale und unterschiedliche Beerdigungsformen die Völker seit Jahrhunderten praktizieren. Ich liebe die irischen Friedhöfe, besonders die alten. Wie das Geboren-werden, Leben und Sterben, so verhält es sich auch mit einem traditionellen irischen Friedhof. Er wird angelegt, belegt und wenn er „voll“ ist, wird er (in den meisten Fällen) der Natur überlassen. Hier haben die Toten wirklich noch ungestörte Totenruhe garantiert. In Deutschland, zum Beispiel, gewährt das Friedhofsamt diese Totenruhe nur 20 bis 25 Jahre, dann wird in der Regel „abgeräumt“.

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So hat Castletownbere, der Zentralort auf der Beara-Halbinsel, inzwischen vier Friedhöfe. Der älteste befindet sich etwas außerhalb der Stadt in Richtung Allihies: Killaconenagh Graveyard, auch The Glebe genannt. Es ist zwar historisch nicht gesichert, aber die eigentliche „Stadt“ muß in unmittelbarer Nähe gewesen sein, bevor sich Castletownbere an seinem jetzigen Ort ausbreitete. Als Carews Truppen im Jahre 1602 bei der Schlacht in Dunboy hier Stellungen bezogen, wurde von der Gegend eine Karte gezeichnet, die etliche Behausungen rund um den Friedhof zeigen. In Castletownbere stand einst das Castle Dermot, direkt am heutigen Hafen. Auch dieses Castle ist auf der alten Karte eingezeichnet.

glebe_7Killaconenagh ist der alte Gemeinde-Friedhof von Castletownbere. Der Name Killaconenagh hat verschiedene Übersetzungen. Der Volksmund übersetzte es mit: Der Wald der Hasen. Der Domherr meinte, es bedeute: „Die Kirche der fastenden Aiche“ (sie war die jungfräuliche Tochter des Darerea, St. Patricks Schwester). Und Bruder O’Halloran hat es als „Die Kirche des schönen Feldes“ übersetzt.  Es wird berichtet, daß im Jahre 1615 die Kirche repariert wurde, doch schon im Jahr 1700 beschreibt Bischhof Diva Downes: „…die Kirche sei nur noch eine Ruine, außerdem lebten hier eh nur noch 15 protestantische Familien…!“

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Wenige Überreste dieser Kirche sind heute noch auszumachen, stark von Efeu überwachsen und umrundet von schönen, alten und verwitterten Grabsteinen. Hier findet man auch Grabstellen englischer Offiziere und von Soldaten und deren Ehefrauen, die auf Bere Island stationiert waren und dort ihren Dienst taten. Ebenso wurden die beiden Kinder (vier und 14 Jahre alt) von Captain Henry Pascoe, einem Manager der Kupfer-Minen in Allihies hier bestattet. Pascoe hatte das Komando über die Kupfermine im Jahre 1864 übernommen. Er war ein harter Verhandlungspartner und wußte seine Interessen durchzusetzen – mit der Macht von 16 Küstenwachmännern im Rücken und mit einer beachtlichen Anzahl von Special Police. Minenbesitzer Puxley soll von Pasco schwer beeindruckt gewesen sein und fand, dass dies der richtige Mann sei, die Minen-Geschäfte zu betreiben.

glebe_6Ein Grabstein hat die bewegende Inschrift:

Here lith the body of Johannah Power.
Who departed this life January 9th 1805. After 25 years.

Gefolgt von einem Vierzeiler:

Dear husband no my life is past.
My life to you so long did last.
Now for me no sorrow take.
But love the children for my sake.

Eine Teil der nördlichen Friedhofsmauer wurde zu einem Boot gestaltet. Hier beerdigte man ertrunkene Seeleute, die das Meer an Land spülte und von denen man in der Regel weder den Namen noch die Herkunft kannte. Im weiteren Verlauf der Nordmauer gibt es ein Massengrab, das in den Hungerjahren 1845-50 die vielen „namenlosen“ Verstorbenen aufgenommen hat. Dazu schrieb der örtliche Archaeologe und Lehrer Connie Murphy anläßlich der Enthüllung einer Gedenktafel im Jahr 1996:

Friedhöfe Irland

Gedenkstein für die Opfer der Hungersnot auf The Glebe in Castletownbere.

Die Volkszählung von 1841 verzeichnet eine Population auf der Beara Peninsula von über 25.000, sechs mal höher als die jetzige. Die Mehrheit der Bewohner war extrem arm und lebte in strohgedeckten Einraum-Häuschen mit Erdfußböden. Durchschnittlich lebten sechs Personen in solchen Häuschen. Allgegenwärtig war die Angst, vom Gutsherrn vertrieben zu werden. Wenige Kartoffelbeete sorgten für die einzige Nahrung. Für Abwechslung war kein Platz und auch kein Geld vorhanden.

Eine schlimme Kartoffelfäule traf Irland hart im Jahre 1845. Das Jahr 1846 fing vielversprechend an, doch plötzlich im Juli verfaulten erneut 90 Prozent der angebauten Kartoffeln. Recht bald waren die Vorräte verbraucht und die Menschen hungerten. Auf der Suche nach Nahrung wurden Brennessel, Löwenzahn, Beeren gesammelt, Hasen und Vögel gefangen. Die in der Nähe der Küste lebten, sammelten Seetang, Strandschnecken und Muscheln, um zu überleben. Durch ihren geschwächten Zustand grassierte die Ruhr, besonders unter den Kindern. Typhus und Fieber verbreitete sich und bald starben Jung und Alt in großen Zahlen. Oft fand man ganze Familien tot in ihren Häuschen. Bei der Volkszählung von 1851 lag die Zahl der Einwohner noch bei etwa 6000: Vermutlich ist die Hälfte gestorben, die andere Hälfte hat Irland verlassen.“

Wenn die Todesfälle stiegen und die Totengräber knapp wurden, dann legte man Massengräber an. Ein solches Massengrab hat man entlang der Nord-Mauer auf dem Killaconenagh Friedhof ausgehoben. Es gibt keine Aufzeichnungen, wieviele Opfer hier beerdigt wurden. Es gibt auch keine Aufzeichnung ihrer Namen. Es gibt keine Aufzeichnungen über Geburt- und Sterbedaten. Wir wissen nur, es waren Menschen. Ungeachtet des ärmlichen Zustandes, in dem sie gelebt haben: Auch diese heute anonymen Menschen haben einmal gelacht und geweint, haben gearbeitet und gespielt, haben gelitten und getanzt, haben gehaßt und geliebt, haben sich vor der Hölle gefürchtet und auf die Erlösung durch Gott gehofft, wenn sie starben. May their Souls have everlasting Peace!“

Mitte des vorletzten Jahrhunderts mußte man mit Erschrecken feststellen, daß die Gräber von frisch Beerdigtenauf The Glebe geschändet und die Leichname entwendetworden  waren. Und das Gerücht verbreitete sich, es handele sich um einen verwunschenen Aal, der aus einem nahe gelegenen See herüber geschwommen kam und die Leichname raubte. Einige, denen die Geschichte doch ein wenig zu weit ging, vermuteten im Fabelwesen ein Krokodil oder einen Aligator. Als man wieder nach einer Beerdigung feststellen mußte, einer oder etwas habe sich am Grab zu schaffen gemacht, fand man zwar keine Leiche mehr, aber der Deckel des Sarges, so viel war klar, konnte unmöglich von einem Tier geöffnet worden sein. Alle Spuren deuteten auf einen oder mehrere Zweibeiner. Und allmählich ging den Leuten ein Licht auf und sie fanden heraus, daß die Leichen Frischverstorbener von Grabräubern im Auftrag der Universität Cork entwendet wurden. Die Professoren brauchten dringend Leichen für ihre Anatomie-Vorlesungen. Die waren zu der Zeit nur schwerlich zu bekommen.

Angrenzend an den Friedhof befindet sich das protestantische Pfarrland. 1818 beantragte der diensthabende Vikar Cox Harris den Bau eines neuen Pfarrhauses. Das alte war in einem erbärmlichen Zustand, fast schon eine Ruine. 20 Jahre später, nach dem Tode von Harris, zog Pfarrer Thomas O’Grady hier ein. O’Grady kam von einer sehr alten talentierten Limerick-Familie. Aber das ist eine andere Geschichte . . . 

Nach der Schließung des alten Friedhofes The Glebe im Jahre 1851 bekam die Gemeinde von Lord Bantry zwei Acres Land in Foildarrig, an der Starße von Castletownbere nach Eyeries, gleich an der Stadtgrenze. Die jährliche Pachtsumme betrug drei Pfund. Die Wächter wurden angewiesen, um das neue Friedhofsareal einen fünf Fuß hohen Zaun zu errichten, der später durch eine gleichhohe Steinmauer ersetzt wurde. Der Friedhof,  der den Namen St. Finian’s bekam, wurde am 2. August 1886 eingeweiht und gesegnet. Zur gleichen Zeit brachte man am Eingang eine Gedenktafel an, mit der Inschrift:

St. Finian’s Cemetery, Land presented by the Lord of Bantry, to the Burial Board of Castletown Union, and consecrated on the 2nd August 1875, by Revd. D. Moriarty,. R.C.B.“!

Der zweitjüngste Friedhof von Castletownbere

Der zweitjüngste Friedhof von Castletownbere


Aber in Wirklichkeit war der Friedhof schon um einige Jahre älter – er existierte nämlich seit 1852. 
Die offizielle Einweihung verzögerte sich um einige Jahre, weil man befürchtete, Lord Bantry zu verärgern. Doch dann entschied der Bischof, die Zeremonie still und heimlich durchzuführen. Trotz dieser Vorsichtsmaßnahme bekam Lord Bantry Wind davon und war nun wirklich äußerst verärgert. Als er dann auch noch hörte, daß man am Eingang eine Gedenktafel angebracht hatte, ordnete er beim zuständigen Amtmann  die sofortige Entfernung an. Eines Nachts kamen sechs Männer mit Brechstangen, um die Tafel zu entfernen. Sie hatten aber nicht damit gerechnet, daß die Fenier (republikanische Iren) im Hinterhalt auf der Lauer lagen. Als die sechs Männer ihre Brecheisen ansetzten, wurden sie mit einem Steinhagel von ihrem Vorhaben abgehalten, nahmen ihre Füße unter die Arme und verschwanden schleunigst unter Zurücklassung der Brechstangen. Lord Bantry fügte sich, und die Tafel durfte bleiben.

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Als auch dieser Friedhof belegt war, eröffnete man direkt gegenüber auf der anderen Seite der Straße, den dritten Friedhof. Die beiden unteren Fotos zeigen diesen. Inzwischen hat Castletownbere schon den vierten Friedhof in Betrieb.

Peter BernhardtDer Autor: Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer fünfwöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling.

PS: Peters Geschichten von der Beara Peninsula erscheinen regelmäßig hier auf Irlandnews.

Alle Fotos: Peter Bernhardt

Beara Stories: Ein Bürgermeister und ein Offizier

Denkmal für Timothy C. Harrington in Casteltownbere

Denkmal für Timothy C. Harrington in Castletownbere

Geschichten von der Beara-Halbinsel im Süd-Westen Irlands (Teil 13)

von Peter Bernhardt* 

Heute wieder eine Folge im Geschichten-Zyklus über das ländliche Irland an der Atlantikküste. Unser Autor Peter Bernhardt* erinnert an das Leben von zwei Persönlichkeiten von der Beara-Halbinsel, die ihren eigenen Weg gegangen sind . . .  

Dies ist die Geschichte von Timothy Charles Harrington und seinem Sohn Neill. Timothy, der Mann, der seine Spuren auf der Beara Peninsula hinterließ lebte vom Jahr 1851 bis zum 12. März 1910. Geboren wurde er in Castletownbere. Die Grundschule absolvierte er in seinem Heimatort und schrieb sich 1884 am Trinity Collage in Dublin ein, machte aber keinen Abschluss. Zunächst wurde er Lehrer an seiner alten Brandy Hall National School in Castletownbere, bevor er an die Dominikaner-Schule in Tralee wechselte. Dort gründete er 1877 seine erste Zeitung, den Kerry Sentinel.

Timothy C. Harrington

Timothy C. Harrington

1882 wurde Timothy C. Harrington Sekretär der Irish National Land League und Chef-Organisator und enger Berater von Charles Stewart Parnell. Die Land League setzte sich für die armen unterdrückten irischen Bauern im Land ein und forderte von den englischen Großgrundbesitzern eine Ende der Vertreibnungen und faire Pachtverträge. In dieser Funktion war Harrington maßgeblich verantwortlich für die Agrar-Plan-Kampagne 1886. Die Land League war natürlich nicht gern gesehen bei den Herrschenden, wurde auch bald verboten und Harrington verbüßte eine zwölfmonatige Haftstrafe im Gefängnis von Mullingar. Der Grund war eine Rede aus dem Dezember 1881, in der er, so die Anklage, „Einschüchterung von Farmern und Pächtern“ betrieben haben soll. Dabei wollte er die Farmer dazu auffordern, sie sollten sich im eigenen Interesse für die Sache der Irish National League engagieren. Offensichtlich hatte er sich gegenüber der britischen Obrigkeit als bekennender Nationalist auch mit kritischen Artikeln in seiner Zeitung zu weit aus dem Fenster gelehnt.

Als Journalist, Rechtsanwalt und Mitglied der Irish Parliamentary Party wurde Timothy C. Harrington von 1883 bis 1885 für das County Westmeath ins House of Commons of the United Kingdom of Great Britain and Ireland gewählt. Von 1885 bis zu seinem Tod im Jahre 1910 vertrat er den neuen-gebildeten Wahlkreis Dublin Harbour. Nebenbei war er auch von 1901 bis 1904 Oberbürgermeister von Dublin.

Harrington war bekannt als ein ganz besonderer nationalistischer Hardliner. In seine Zeit als Bürgermeister von Dublin fiel der Besuch von König Edward VII. im Jahre 1902. Harrington weigerte sich, den Sovereign Lord zu empfangen. Selbst das Angebot von George Wyndham (ein britischer, konservativer Politiker und Staatsmann, der den König bei seiner Irland-Reise begleitete) eine Rede halten zu dürfen, schlug er aus.

Timothy heiratete im Jahr 1892 Elizabeth O’Neill im Alter von 41 Jahren. Das Paar hatte drei Kinder. Eileen, die älteste Tochter, starb 1902 im Alter von neun Jahren und das dritte Kind, Rosaleen, starb 1904. Am Tag seiner Wahl zum Bürgermeister von Dublin im Jahr 1901 wurde sein Sohn Neill geboren.

Dieses aufregende und stressige Leben forderte seinen Tribut. In den letzten Jahren stand es nicht gut um Harringtons Gesundheit. Im März 1910 fuhr er noch einmal zu einem wichtigen Treffen im House of Commons. Zwei Tage nach seinem Eintreffen in London erlitt er einen Schlaganfall. Man brachte ihn zurück nach Dublin, wo er am 12. Marz 1910 starb. Das Georgian House, in dem Timothy die letzten Jahre verbrachte und verstarb, ist heute ein elegantes Hotel mit dem Namen Harrington Hall.

Neill Harrington

Neill Harrington

Neill Harrington, sein Sohn, war auch kein Unbekannter. Nach dem Tod seiner Eltern wurde er bei seinem Onkel in Tralee aufgezogen und besuchte dort die Christian Brothers School, später dann das Rockwell Collage in Cashel. Er hatte vor, Apotheker zu werden und bekam auch eine Ausbildungsstelle in Boyle, war aber schon bald gezwungen die Gegend zu verlassen, weil man seine Aktivitäten in der I.R.A. nicht guthieß. Neill trat gleich nach der Gründung der Free State Army 1921 bei. Zunächst meldete er sich bei der Sanitätstruppe, wechselte aber beim Ausbruch des Bürgerkriegs zur Infanterie.

Auch Neill Harrington hatte ein bewegtes und vielseitiges Leben. In seinen 79 Jahren war er unter anderem Soldat, Gelehrter, Theaterautor, Journalist und Historiker. Für diejenigen, die sich beim Militär auskennen, mag es interessant sein, dass er eine enorme Karriere hingelegt hat. Er stieg auf vom Unteroffizier zum Leutnant, war Hauptmann und Adjutant im 27th Infantry Battalion. Er wurde Stabs-Offizier und Ausbildungsleiter, Marine- Kommandant und durchlief weitere Ränge bis zum Stabs-Offizier und zum Stellvertretenden Direktor der G2 Branch GHQ (General Headquarters).

Nach seinem Ausscheiden (1959) aus dem Militärdienst wurde Neill zum nationalen Organisator des Arbeitgeberverbandes ernannt. Diesen Job hatte er bis 1974 inne. Er war außerdem zunächst Sekretär, später auch Präsident der Parnell Comemoration Society, schrieb zahlreiche Zeitungs-Artikel und Radio-Sendungen und war eine gefragte Rundfunkpersönlichkeit, wenn es um Militär-Fragen ging. Er erfreute sich bester Gesundheit und war aktiv bis zu seinem unerwarteten Tod am 10. September 1981.

Sein Vater, Timothy C. Harrington, hatte auch einen jüngeren Bruder Edward, der ebenfalls politisch engagiert und von 1885 bis 1892 Mitglied des Parlaments für West Kerry war. Nachdem sein Bruder „höhere“ Aufgaben wahrnehmen mußte, übernahm er die Leitung der Zeitung Kerry Sentinel. 1880 saß er zwei Mal im Gefängnis wegen Veröffentlichung von aufrührerischen Artikeln und wurde mit mit einer Geldbuße von 500 Pfund bestraft für ungebührliche Kommentare. Er wurde leider nur 50 Jahre alt.

Eine weitere interessante und prägende Persönlichkeit aus der Bantry Bay war der Politiker Timothy Michael Healy, geboren in Bantry. Er war Initiator der nach ihm benannten Bergstraße zwischen Adrigole, Cork,  und Lauragh, Kerry, über den Healy Pass.  Aber das ist eine andere Geschichte . . .

Peter BernhardtDer Autor: Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer fünfwöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling.

PS: Peters Geschichten von der Beara Peninsula erscheinen regelmäßig hier auf Irlandnews.

Fotos, Repros: Peter Bernhardt

Beara Stories: The Cottage und seine Bewohner

The Cottage bei Ardgroom: Es bleibt nur eine Ruine des einst stolzen Herrenhauses

The Cottage bei Ardgroom: Es bleibt nur eine Ruine des einst stolzen Herrenhauses

Geschichten von der Beara-Halbinsel im Süd-Westen Irlands (Teil 12)

von Peter Bernhardt* 

Der Geschichten-Zyklus über das ländliche Irland an der Atlantikküste geht in die zwölfte Runde. Der Autor Peter Bernhardt* erinnert heute an ein einst stolzes Herrenhaus auf der Beara-Halbinsel und an seine Bewohner: The Cottage in Reenavaude bei Ardgroom.  

cottage ardgroom

Einst Prachtbau, heute Ruine: The Cottage

Dies ist die Geschichte des Cottage in Reenavaude in der Nähe von Ardgroom: Auf die herrliche Süd-Lage des Townlands Reenavaude und auf dessen Panorama-Aussicht wurde die wohlhabende aus Wales stammende Puxley-Familie früh aufmerksam. Henry Lavallin Puxleys erste Frau Katherine Ellen Waller zeigte großes Interesse an diesem Ort auf der Nordseite der Beara Peninsula, um dort ein Herrenhaus bauen zu lassen. Man schrieb das Jahr 1850. Frau Puxley war eine sehr anspruchsvolle Frau und nicht sehr beliebt in der Bevölkerung. Den Plan für das Haus entwarf der Architekt O’Grady – dessen Vater war (protestantischer) Pfarrer in Castletownbere, sein Bruder war Standish O’Grady, Schriftsteller, Historiker und Rechtsanwalt.

Es war die Zeit der „großen Hungersnot“ und die Menschen waren froh, sich beim Bau dieses Hauses etwas verdienen zu können. Mrs Puxley führte persönlich die Aufsicht. Eines Tages kamen die Maurer und fragten Mrs Puxley nach einem Drink und hatten dabei etwas Besseres als nur Wasser im Sinn. Ihre Antwort war: „Geht rüber zum Fluß und trinkt mit den Enten“! Einer der Maurer soll auf Irisch gemurmelt haben: „Wenn du uns nichts zu trinken gibst, dann geben wir Dir was zu trinken“! Als die Arbeiten beendet waren, die Räume dekoriert und eingerichtet, zeigte sich ein riesiger Wasser-Fleck im Inneren. Mrs Puxley wurde geraten, einen äußeren Wetterschutz aus Schiefer-Platten anbringen zu lassen, das würde das Eindringen der Feuchtigkeit verhindern. Und so gab sie den Auftrag dazu, aber die Reparatur kostete sie deutlich mehr als nur ein Faß Porter.

Puxley Grab

Das Grab von Katherine Ellen Puxley auf dem Friedhof in Adrigole

Es wurde ein sehr schönes Herrenhaus mit zwölf Räumen, nebst Ställen und Kutschen-Schuppen. Hausherrin Puxley taufte das Haus in grandioser Untertreibung The Cottage. Und so wird die Ruine auch heute noch genannt. Katherine Ellen Puxley ließ auch eine Allee und Kieswege anlegen, sowie Bäume und Büsche pflanzen. Mrs. Puxley hatte jedoch nicht sehr viel von ihrem neuen Haus. Sie wurde krank und starb am 10. Juli 1872 in Dunboy Castle im Alter von nur 36 Jahren. Laut einigen Dokumenten soll sie bei der Geburt ihres dritten Kindes gestorben sein. Das erscheint aber eher unwahrscheinlich, denn diese Kinder werden nirgendwo in den Familien-Akten erwähnt. Sie ist auf dem alten protestanischen Friedhof in Adrigole begraben. Ihr Ehemann, Henry Lavallin Puxley, verließ nach der Beisetzung Irland und kehrte nie zurück.


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Für eine Weile blieb das Haus unbewohnt, bis Pfarrern der Church of Ireland erlaubt wurde, dort einzuziehen. Der erste von ihnen war Rev. Michael O’Toole. Leider wurde auch er nicht alt in diesem Haus. Eines Abends, als er auf dem Wege nach Hause war, scheute sein Pferd, er fiel herunter und brach sich den Schädel. Nach drei Tagen war er tot, nur 41 Jahre alt. Der nächste Pfarrer, der ins Cottage einzog, war James Goodman. Die Goodman-Familie war schon im frühen 17. Jahrhundert von Wales nach Irland gekommen. Nebenbei bemerkt: Einer der Goodmans, Gabriel (1528-1601), war Dekan in Westminster und hat die Westminster-Schule gegründet. Der erste „irische“ Goodman wurde in West-Kerry Gutsverwalter bei der Aristokraten-Familie Mullens, dem späteren Lord Ventry.

Goodmann Family

Die Goodman-Familie

Schon der Großvater von James Goodman war Pfarrer in Dingle gewesen. Drei Meilen westlich von Dingle, am Ventry Strand, hatte die Familie ein für damalige Verhältnis großes Stück Land gepachtet und galt in den Augen der Nachbarn als kleiner Landadel. Hier wurde James als dritter von neun Kindern am 22. September 1828 geboren – er wurde einer der großen Sammler irischer Musik. Musik und Storytelling spielte eine wichtige Rolle im Leben dieser Menschen und auch der Goodman-Haushalt war Teil dieser Musik-Szene. So war es nicht verwunderlich, daß James sich schon früh für Musik interessierte. Er galt als First-Class Musiker, der Flöte und Dudelsack spielen konnte. Oft saß er an Sommer-Abenden mit seinem Freund Tom Kennedy zusammen und spielte die alten irischen Lieder. Das Spiel der beiden wurde als pure magic beschrieben. Tom Kennedy hatte ein Leben lang großen Einfluß auf James Musik-Kariere.

James Goodmann, der Musik-Sammler

James Goodmann, der Musik-Sammler

Im Juli 1846 wurde James am Trinity Collage in Dublin aufgenommen. Die irische Sprache gehörte auch zum Lehrplan, wenn man beabsichtigte, in den Dienst einer Kirche zu treten. James war sprachtalentiert und bekam ein Stipendium für Irisch und gewann auch einen Preis in Hebräisch. Er promovierte 1851 und wurde ordiniert als Diakon beim Bischof in Limerick und später als Priester in Cork. James heiratete Charlotte King und bekam drei Söhne. Die beiden älteren Söhne studierten Medizin und eröffneten eine Praxis zunächst in Cork, später in England. James, der Jüngste, ertrank bei einer Bootsfahrt auf dem Lough Hyne.

1858 wurde James Goodman in Killaconagh (Castletownbere) als Vikar eingesetzt. Der Rektor in dieser Zeit war Pfarrer Thomas O’Grady, Vater des Schriftstellers Standish J. O’Grady (1846-1928). Standish war der Groß-Neffe eines von Lord Nelsons Offizieren, der bei Waterloo gekämpft hat und zum General befördert wurde – aber das ist eine andere Geschichte.

Skulptur zu Ehren von James Goodman in Skibbereen

Skulptur zu Ehren von James Goodman in Skibbereen

James Goodman, seine Frau und seine drei Söhne lebten die nächsten acht Jahre im Cottage bei Ardgroom. James war sehr beliebt bei seinen Nachbarn und Mitmenschen, unabhängig von der Religions-Zugehörigkeit. Vermutlich bekam er hier die Anregung, irische Lieder und Musikstücke zu sammeln. Von seinem Kollegen John Hallahan bekam er die ersten Sets für Dudelsack (Uilean pipes). Mr. Goodman wurde einer der größten Gesangs- und Lieder-Sammler von traditioneller, irischer Musik. Heute befinden sich im Archiv des Trinity College in Dublin über 2300 von diesen, zum Teil vorher nie niedergeschriebenen Liedern. James Goodman zu Ehren wurde am 7. Juni 2005 eine Gedenktafel an den Überresten des „Cottage“ enthüllt.

Im Jahr 1866 wurde James als Canon of Ross nach Skibbereen beordert, wo er bis an sein Lebensende im Jahre 1896 mit seiner Familie lebte. Auch in Skibbereen war er ein aktiver Streiter der Kirche und hatte viele verschiedene Jobs, unter anderem betrieb und finanzierte er aus eigener Tasche den Wiederaufbau der heruntergekommenen lokalen Kirche. Zeitweilig verbrachte er ein halbes Jahr als Pfarrer in seiner Gemeinde und war ein halbes Jahr in Dublin Professor für Irisch am Trinity Collage.

James Goodman starb nach sechs-monatiger Krankheit am 18. Januar 1896. Seine beiden Söhne waren an seiner Seite. Der Trauerzug war über eine Meile lang. Die örtliche Zeitung Eagle berichtete: „Die Beerdigung fand am letzten Dienstag statt und hatte enorme Ausmaße. Es nahmen alle Klassen und Glaubensgemeinschaften der Gemeinde daran teil. Bemerkenswert war die allgemeine tiefe Traurigkeit, alle Geschäfte waren geschlossen, als Zeichen großen Respekts!“ Er ist beerdigt auf dem Friedhof in Creagh, neben seiner Frau und seinem Sohn. Die Stadt Skibbereen hat ihm ein Denkmal gesetzt.

Zurück zum Cottage: Für die Jahre 1866 bis 1871 nahm ein Mr. Miller den Platz dort ein und danach ein Mr. Manning. Er verließ das „Cottage“ im Jahre 1896, es war offensichtlich niemandem mehr zumutbar, dort zu wohnen, weil das einst stolze Anwesen inzwischen völlig heruntergekommen war. Keiner fühlte sich zuständig, die nötigen Instandhaltungs-Kosten zu tragen und so verfiel das Gebäude langsam und wurde Geschichte in Form einer Ruine.

Das Grab der Goodmans in Creagh, Skibbereen.

Das Grab der Goodmans in Creagh, Skibbereen.

Peter Bernhardt

Der Autor: Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer fünfwöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling.

PS: Peters Geschichten von der Beara Peninsula erscheinen regelmäßig hier auf Irlandnews.

Alle Fotos:  Peter Bernhardt (mit Ausnahme der beiden historischen Goodman-Aufnahmen).

Beara Stories: Das Bull Rock Lighthouse

Bull Rock

Der Bull Rock mit Leuchtturm. Foto: Irish Lights

Geschichten von der Beara-Halbinsel im Süd-Westen Irlands (Teil 11)

von Peter Bernhardt* 

Eine neue Folge im Geschichten-Zyklus über das ländliche Irland an der Atlantikküste. Der Autor Peter Bernhardt* erinnert heute an die stürmischen Zeiten an der Spitze der Beara-Halbinsel am Ende des 19. Jahrhunderts. Wie ein Leuchtturm von Insel zu Insel wanderte . . .  

Nachdem im Winter 1881 der Leuchtturm auf dem Calf Rock durch einen heftigen Orkan zum Einsturz gebracht worden und dieser Teil der Beara Peninsula für die Schifffahrt nicht mehr gesichert war, mußte an der sturmumtosten Küste ganz schnell eine provisorische Lösung her, bevor man auf dem Bull Rock einen neuen Leuchtturm errichten konnte (Die Geschichte des Calf Rock beschreibt Peter hier in dieser Geschichte). In Eile baute man auf der äußersten West-Spitze von Dursey Island eine drei-räumige Holzhütte und bestückte diese mit einer Lampe aus einem Feuerschiff, die man eiligst aus dem Lager von Dun Laoghaire herbeigeschafft hatte. Da man die Wucht der Atlantik-Stürme kannte, wurde die Hütte zügig mit einer Steinmauer umgeben.

Dursey Island

Der alte Behelfsbau auf Dursey Island mit den Resten des zerstörten Leuchtturms auf dem Calf Rock

In der Mitte des Hauptraumes stand ein etwa acht Meter hoher Mast, gesichert durch vier starke Ketten, an dem die Laterne befestigt wurde, umrundet von einem hölzernen Balkon. Schon drei Monate, nachdem das Calf-Rock-Licht hinweg gewaschen worden war, übernahm dieses provisorische Leuchtfeuer auf Dursey am 2. Februar 1882 seinen Dienst und brannte, bis am 1. Januar 1889 der Bull Rock-Leuchtturm eröffnet wurde. Die hölzernen, provisorischen Bauten auf Dursey sind längst verrottet, nur die steinerne Ummantelung ist noch heute in perfektem Zustand zu besichtigen. 

Schon im Jahre 1840 hatte es die Überlegung gegeben, den Leuchtturm auf dem Bull Rock zu errichten, man entschied sich aber für die billigere und leichtere Lösung, den Leuchtturm auf dem Calf Rock zu installieren. Nun, mit den schlechten Erfahrungen, war es eine ausgemachte Sache, daß der Wiederaufbau auf Calf Rock nicht infrage kam, der Bull Rock wurde in Augenschein genommen. Doch auch hier war Königin Victoria die Besitzerin. Der Felsen vor der Beara Halbinsel mußte für 21 Pfund Stirling erworben werden.

Bull Rock liegt am Eingang vom Kenmare River, fünfeinhalb Meilen vom Festland und zweieinhalb Meilen von Dursey Island entfernt. Seine Spitze liegt etwa 100 Meter über dem Meeresspiegel. Die Seiten des schroffen Felsens sind rau und fallen steil ab. Bemerkenswert ist der natürliche Tunnel, den das Meer in hunderttausenden von Jahren durch den Felsen gegraben hat.

Am 21. April 1888 landete eine Gruppe von Bergleuten, ausgerüstet mit Seilen, Bolzen, leichten Spaten und Bohrgeräten, auf dem Bull Rock und erklommen den schwierigen Felsen. Ungefähr in der Höhe von 30 Metern fanden sie einen passenden Platz, um dort eine Plattform zu errichten. Sie stellten eine Bauhütte auf, und lagerten Wasser, Proviant und Kohle. Im Laufe der nächsten Wochen schlugen sie über 300 Stufen in den Felsen bis zur Spitze und räumten dort 15.000 Kubikmeter harten Felsen weg, um die Basis für die Leuchtturm-Anlage zu schaffen.

Der Bull Rock mit Cow im Vordergrund

Zu dieser Zeit kollabierten gerade die Kupfer-Preise und viele Bergleute verloren ihren Job in den nahen Minen von Allihies. Viele von ihnen verließen Irland und fanden neue Jobs in den Kupfer-Minen in Butte/Montana/USA. Einige Arbeiter fanden einen neuen Job beim Bau der Leuchtturm-Anlage. Am 1. Januar 1889 nahm dieser Leuchtturm seinen Betrieb auf, das provisorische Licht auf Dursey erlosch. Die Station auf dem Bull Rock besteht aus einem achteckigen Leuchtturm, Wohnstätten für die Wächter, einem Gaswerk zur Produktion des Gases für die Brenner der Laternen und des Nebelhornes, einem Boot-Landeplatz, sowie einer Seilwinde, um Material nach oben zu bringen. Die große Linse, die das Licht verstärkt auf das Meer warf, eine bi-form hyper-radial optic war seinerzeit die größte in Irland.


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 Die erste bedeutende Erneuerung (1. April 1902) war der Wechsel des Nebelhorns von Gasexplosion auf drei Trompeten, die durch Luft-Kompressoren ausgelöst wurden. Der nächste Schritt erfolgte am 28. Juni 1910, als man das Gas für die Laternen durch Paraffin ersetzte. Auf der Spitze des Felsens gibt es auch eine relativ ebene Stelle, auf der ein Hubschrauber-Landeplatz gebaut wurde. Am 29. Oktober 1969 landete der erste Helikopter. Erst am 21. August 1974 wurde das Paraffin durch elektrischen Strom ersetzt. Und am 31. März 1991 wurden die Leuchtturm-Wärter abgezogen und durch automatischen Betrieb ersetzt. 40 Männer verloren ihren Job. Die alten, großen Scheinwerfer wurden durch kleinere Quarz-Halogen-Lampen ausgetauscht. Inzwischen ist auch dies schon wieder überholt. Am 6. Oktober 2000 wurde Solar-Strom installiert und die Laternen durch moderne Technologie ersetzt: Pelangi PRL400 electric lantern with a 35W CDM discharge lamp powered by 32 50W solar panels and a 24V 5,500 Ah battery. Fachleute mögen wissen, was das für Lampen sind, ich hab da keine Ahnung!

Die westliche Spitze von Dursey Island mit (v.l.) Calf, Cow und Bull Rock

Die westliche Spitze von Dursey Island mit (v.l.) Calf, Cow und Bull Rock

Das Fernsehen wurde erst sehr spät in Irland eingeführt: im Jahr 1961–  und nicht jeder konnte sich gleich von Anfang an einen Fernsehapparat leisten. Wir kennen das ja aus den frühen 50-er Jahren in Deutschland. Zunächst standen die Apparate in den Schaufenstern der Elektroläden, und wenn es interessante Sendungen gab, dann bildete sich vor den Schaufenstern eine Gruppe Schaulustiger. So auch in Irland. Die Leuchtturm-Wärter waren da besser dran. Sie gehörten zu den ersten, die auf ihrer „Leuchturm-Festung“ einen Fernseher hatten. Mein Freund Connie erzählte mir von einer Begebenheit aus diesen frühen Jahren: Es stand das Finale im Gaelic Football an, und jeder Ire war natürlich scharf darauf, eine Möglichkeit zu ergattern, wo man die Übertragung live anschauen konnte. Es gab immer einige pfiffige Skipper, die eine gute Connection zu den Leuchturm-Wärtern hatten, und so machte sich auch an diesem Final-Tag ein Boot mit ein paar Interessierten auf zum Bull Rock, wo die Football-Fans mitten um Meer in der „ersten Reihe“ saßen!

Es darf auch nicht unerwähnt bleiben, daß auf dem Festland am Dursey Sound, in der Nähe des heutigen Cable Cars,  ein solides Gebäude stand, das den Leuchtturm-Wärtern und ihren Familien mehr als 70 Jahre als Wohnhaus diente. Dort gab es auch Räume für Handwerker, die nur zeitweilig dort wohnten, wenn sie für Wartungs-Arbeiten und Reparaturen auf dem Bull Rock zutun hatten. Für die Familien gab es dort sogar einen kleinen Garten, in dem sie Gemüse anbauten. Die Kinder gingen in die örtliche Schule, und an den Sonntagen wurden die Familien von einem lokalen Unternehmer in der Pferdekutsche zur Kirche gefahren. Das waren Zeiten . . . 

Es muß wohl sehr fröhlich dort zugegangen sein, denn wenn die Schicht eines Wärters zu Ende war und er aufs Festland zurückkehrte, war der Heimkehrer in der Regel ein großzügiger Gastgeber und spendierte ein oder gar zwei Fässer Guinness – und die Nachbarn nahmen dann gerne an Tanz, Gesang und Umtrunk teil. Mit der Einführung des Radio-Telefons zogen die Familien ins „komfortablere“ Städtchen Castletownbere. Das Haus am Dursey Sound stand lange leer und wurde im Dezember 1946 für die bescheidene Summe von 260 Pfund verkauft. Der Käufer war aber eher an den sehr soliden Holztreppen und den Dach-Schieferplatten interessiert, die er ausbauen und nach Castletown bringen ließ. Erst 1990 kam ein neuer Eigentümer, der das dachlose Gebäude zu neuem Leben erweckte. 

Dursey Sound

Das Wärterhaus am Dursey Sound

Peter BernhardtDer Autor: Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer fünfwöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling.

PS: Peters Geschichten von der Beara Peninsula erscheinen regelmäßig hier auf Irlandnews.

Alle Fotos: André Bernhardt, außer: ganz oben (Foto: Irish Lights) und ganz unten. 

Die Geschichte der Puxley-Familie auf Beara

Das Puxleys Mansion in seiner ganzen Pracht. als Postkartenmotiv

Puxleys Mansion auf Dunboy in seiner ganzen Pracht als Postkartenmotiv

Geschichten von der Beara-Halbinsel im Süd-Westen Irlands (Teil 10)

von Peter Bernhardt* 

Wir setzen den Geschichten-Zyklus über das ländliche Irland an der Atlantikküste fort. Geschrieben von unserem Freund Peter Bernhardt. Er forscht gern in der Vergangenheit und lässt ein Stück „altes Irland“ lebendig werden. Heute erzählt uns Peter die Geschichte einer interessanten Familie, die das Leben auf Beara 200 Jahre lang mit geprägt hat: Die Puxleys. 

Dies ist die Geschichte einer Familie, die fast 200 Jahre eine wichtige Rolle auf der Beara Peninsula spielte: Die Puxleys. Ursprünglich stammt die Familie aus England, vermutlich aus der Gegend um Passenham/Northamptonshire. Immerhin findet man dort ein Townland und eine Straße mit dem Namen Puxley. Henry Puxley (geboren 1685) kam zunächst nach Galway, wo er Edward Eyre als Land Agent diente. Zwei seiner Söhne, Henry und John, machten sich um 1723 auf den Weg, um auf der Beara-Peninsula ihr „Glück“ zu finden.

Henry der Jüngere, der ebenfalls Gutsverwalter wie sein Vater war, pachtete hier Land zur eigenen Nutzung. Schon recht bald gingen Henry und John mit dem lokalen Clan der O’Sullivans geschäftliche Verbindungen ein, die auf hoch-profitablem Schmuggelhandel basierte. Wolle wurde exportiert, das war verboten. Brandy, Wein und Tabak wurden illegal eingeführt. Das Geschäft florierte. Doch Morty Og O’Sullivan hatte neben seiner Tätigkeit auch noch eine andere Einnahmequelle. Er rekrutierte arme Bauernjungen für die französische Armee, und das geschah nicht immer auf die feine Art. Und so häuften sich die Beschwerden der Eltern bei den Puxleys, die aus ihrer Loyalität zur englischen Krone keinen Hehl machten und Morty Og bei der Obrigkeit in Cork anzeigten. Das führte schließlich zur Todfeindschaft der beiden „Handels-Partner“.

Das Mansion als Ruine im späten 20. jahrhundert

Das Mansion als Ruine im späten 20. Jahrhundert

Henry ging zurück nach Galway aufs Altenteil, John blieb. Übrigens: John kämpfte in der englischen Armee in der Schlacht bei Culloden (Schottland) im Jahre 1746 gegen die Schotten. Angeblich ist er aus Schottland geflohen – auf einem Schiff, das Morty Og O’Sullivan gehörte. Die Auseinandersetzung zwischen John und Morty Og jedenfalls fand im März 1754 ihren Höhepunkt. Als sich John mit seiner Familie auf dem Weg zur Kirche befand, wurde er von Morty Og erschossen. Morty Og war danach ein „Vogelfreier“ und wurde von nun an gejagt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Johns Sohn, wiederum ein Henry, erbte das Land von Dunboy bei Castletownbere und tat alles, um den Besitz zu vergrößern. 1771 heiratete er Sarah Lavallin. Seither tragen die Puxleys auch den Namen Lavallin. Das Paar bekam einen Sohn, John Lavallin Puxley (1772 – 1856), später bekannt als Copper John.

Copper John Puxley

Copper John Puxley

Copper John heiratete Sarah Hobbs und bekam mit ihr acht Kinder. Es ist überliefert, daß nur eine Tochter die Eltern überlebte, alle anderen starben wohl recht früh. John beglich alle Schulden, die auf dem Lavallin-Besitz lasteten und erwarb darüber hinaus auch das Annesley-Anwesen in Berehaven. John war außerdem auch „High Sheriff of the County of Carmarthenshire (Wales) im Jahre 1832. Dort hatte er auch ein großes Georgian Herrenhaus erworben.

Schon zur Bronze-Zeit hatte man auf der Beara-Halbinsel Kupfer gefunden, und da dieses Metall im 19. Jahrhundert ein begehrter Rohstoff wurde, erwarben vier Männer die Schürfrechte für die Berge von Allihies, um von diesem Boom zu profitieren.

John gehörten nur 4/21 der Schürfrechte in den Kupferminen von Allihies. Die Mehrheit besaß ein Robert Hedges-Eyre, doch im März 1812 konnte Copper John die Anteile von Eyre pachten und hatte damit freie Hand. Als Fachleute holte John erfahrene Minen-Arbeiter aus Cornwall. Einer der ersten Manager war der walisische Minen-Captain Edward Nettle, mit einem Jahresgehalt von 100 englischen Pfund, während die irischen Arbeiter mit dem damals weniger wertigen irischen Pound abgefunden wurden.

Im Mai 1812 listet das account book der Minengesellschaft 18 Arbeiter, 2 Bergleute,1 Jungen und 6 Handwerker  auf – Zimmermann, Fassbinder, Steinmetz, Maurer und Schmied. Schon im Oktober des gleichen Jahres gabs den ersten Unfall. Der Schmied John Harrington verunglückte tödlich. Seine Witwe wurde mit einer monatlichen Rente von 1 pound und 2 Shillingen für ein Jahr abgespeist. Danach mußte sie, so ist es in den Dokumenten festgehalten, das Handwerkszeug ihres Mannes verkaufen, um mit dem Erlös ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Im Juni 1813 verunglückte wieder ein Arbeiter und dessen Witwe bekam den gleichen Betrag für ein Jahr. Schon im März 1813 stellte man 25 Frauen ein, um das geförderte Erz aufzuarbeiten. Das Geschäft begann aber erst richtig zu laufen, als man in der Mountain Mine auf eine außergewöhnlich dicke Erz-Ader stieß. Das brachte eine tiefgreifende Veränderung für das Leben der Leute auf der Beara Halbinsel. Doch das könnte eine andere Geschichte werden. Copper John, so wurde berichtet, nahm täglich den beschwerlichen Weg von Dunboy nach Allihies auf sich, um in den Minen selbst die Aufsicht der Förderung des Kupfers zu übernehmen. Trotzdem wird er als umsichtiger Arbeitgeber beschrieben. Die Puxleys waren für viele Jahre der größte Arbeitgeber in der Region.

John, der zweite Sohn von Copper John, wuchs in Wales auf und wurde in Eton und Oxford ausgebildet. Er heiratete Fanny Rosa Maria White, Tochter von Simon White of Glengarriff und Nichte des 1. Earl of Bantry. Aus dieser Ehe stammen fünf Kinder.

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Henry Lavallin Puxley

Henry, der Zweitälteste, übernahm die Geschäfte nach dem frühen Tode seines älteren Bruders John.  Auch er wurde „High Sheriff 1864 in Carmarthenshire“ und ein Jahr später auch “High Sheriff in Cork“. Er hatte die Idee, der Burg in Dunboy einen repräsentativen Anbau zu geben. Den Plan dazu entwarf der Architekt John Christopher. Und 1866 begann man mit der Ausführung. Die Bauaufsicht hatte der Architekt E.H. Carson, der Vater des später umstrittenen Politikers und Staatsmanns Sir Edward Carson. Schon im Oktober 1867 bekam der Anbau sein Dach und der ältere Teil der Burg wurde dem Neubau angepaßt. Es entstand das Gebäude, das heute als Puxleys Mansion und als eine der größten Bau-Ruinen im Westen Irlands bekannt ist. Doch auch das ist eine andere Geschichte . . .  

Henry Puxley heiratete Katherine Ellen Waller, doch sie starb 1872 im Alter von gerade einmal 36 Jahren und wurde auf dem protestanischen Friedhof in Adrigole beerdigt. Einige Quellen berichten, sie sei im Kindbett gestorben, doch andere verschweigen dies. Die Geschichte ist überliefert, daß John traurig und depremiert nach der Beerdigung vom Friedhof kommend seinem Kutscher den Befehl gab, nicht nach rechts zum Castle nach Dunboy abzubiegen, sondern nach links, um Irland zu verlassen. Er kam nie wieder nach Irland zurück. Henry „tröstete“ sich später mit Adeline Nepean, der jüngsten Tochter von General Charles W. Nepean. Sie bekamen acht Kinder.

Das fünfte Kind, Henry Edmund Lavallin (1866-1900) heiratete Eliza (Jane Elza) Halahan. Sie hatten zwei Kinder: Henry Walter und John Paul. John Paul war gerade ein halbes Jahr alt, als der Vater starb. Er und sein Bruder verbrachten jeweils ein halbes Jahr in der Schweiz und ein halbes Jahr bei den Großeltern von Eliza in The Glebe, einem Haus ganz in der Nähe von Dunboy. John hat einmal geäußert, daß diese sechs Monate in Glebe zu den glücklichsten in seinem Leben gehörten. Mutter Eliza heiratete ein zweites Mal und fortan lebte die Familie in Dublin. Eliza starb 1965 im Alter von 93 Jahren. Kurz vor ihrem Tod hat sie Dunboy noch einmal besucht, zusammen mit ihrem Sohn John Paul, Mitglied der Royal Navy. John Paul war der Letzte aus dem Puxley-Dunboy-Familien-Zweig.


Tipp: Mehr über Dunboy, Puxleys Mansion und Dunboy Castle gibt es hier zu lesen. Klick.


1921 war das Ehepaar Thomas als Hausmeister ins Puxleys Mansion nach Dunboy gekommen. Das war während des Unabhängigkeits-Krieges und es gab das Gerücht, das schlossähnliche Herrenhaus solle Basis der Britischen Armee werden. Daraufhin setzte die Irish Republican Army am 9. Juni 1921 das stattliche Gebäude in Brand. Kein Wunder, die O’Sullivans hatten Puxleys Mansion mit einem Fluch belegt. Es hieß lange: „Eines Tages werden Kühe durch die Hallen wandeln“! Und so ist es gekommen. Albert Thomas, der Hausmeister, war gerade ein paar Wochen im Amt, als er mit ansehen mußte, wie das Herrenhaus in Flammen aufging. Er bedauerte später in seinen Memoiren, daß all das wertvolle Silber und die Glaswaren mit verbrannten.

Die schönste Ruine Südwest-Irlands – bis sich der Fluch der O'Sullivans wiederholen sollte . . .

Die schönste Ruine Südwest-Irlands – bis sich der Fluch der O’Sullivans wiederholen sollte . . .

Die Puxleys bekamen 50.000 Pfund Sterling als Entschädigung, gefordert hatten sie allerdings 130.000.  Im Mai 1926 kam dann der gesamte Besitz unter den Hammer. Interessiert war die C.I.E. (Ireland’s national public transport provider), die das Herrenhaus zu einem Hotel umbauen wollten. Das stieß aber auf keine Gegenliebe und so waren sie schnell aus dem Geschäft. Übrig blieben zwei Bewerber: Ein junger, noch unmündiger Jesuit, hatte von seinen Eltern etwas geerbt und wollte Puxleys Mansion für seinen Orden erwerben. Sein Vormund limitierte allerdings die Erwerbsumme auf 2000 Pfund Sterling. Damit hatte Maurice D. Power, ein Einheimischer, die Chance, mit 20 Pfund mehr Einsatz das Anwesen zu ersteigern.

Von der IRA 1921 angezündet, zierte das Herrenhaus lange ohne Dach als schöne Ruine die Landschaft von Dunboy.

Von der IRA 1921 angezündet, zierte das Herrenhaus lange ohne Dach als schöne Ruine die Landschaft von Dunboy.

Und noch eine kleine Anekdote: Die späteren Mitglieder der Familie Powers haben erkannt, daß das Mansion und die nahegelegenen Ruinen des O’Sullivan Castles eine Touristen-Attraktion sind und gaben es gegen einen geringen Eintritts-Preis zur Besichtigung frei. Dazu hatten sie am Eingangs-Tor eine Box aufgehängt, wo man den Obolus ehrlich entrichten konnte. Eines Tages befand sich darin das geforderte Eintritts-Geld mit einem Zettel, auf dem stand: “Ich bezahle diesen Eintritt nur unter Protest, denn das Castle war einst im Besitz meiner Familie.“

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Die Neu-Erfindung von Puxleys Mansion in den Celtic-Tiger-Jahren: Es bleibt bis heute eine Bau-Ruine . . .

Es heißt, daß die Ruine von Puxleys Mansion zu den schönsten in Irland gehörte. Heute strahlt das Äußere des Gebäudes in neuem Glanz. Es wurde für viele Millionen restauriert. Doch dann ging das Geld aus und das Innere ist „hohl“ und die Appartement-Bauten im Hintergrund verschandeln die schöne Landschaft am Meer. Wiederholt sich damit der Fluch der O’Sullivans und Puxleys Mansion verfällt ein weiteres Mal? 

Der Stammbaum der Puxleys

Der Stammbaum der Puxleys

Zum Schluss ein Buch-Tipp: Die Geschichte der Puxleys hat die Schriftstellerin Daphne du Maurier in ihrer Novelle Hungry Hill verarbeitet. Das Buch gibt es auch auf Deutsch und heißt dort: Die Erben von Clonmere. Die bekannte Schriftstellerin, die eine Affäre mit einem Puxley hatte, kommt mit der Erzählung der Realität verblüffend nahe – obwohl sie Dunboy und die Beara Halbinsel nie bereist hatte.

Peter in Clogher 2013_IMG_1710Der Autor: Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer fünfwöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling

Peters Geschichten von der Beara Peninsula erscheinen regelmäßig hier auf Irlandnews.

Fotos: Peter Bernhardt (5), André Bernhardt (1). Stammbaum:Peter Bernhardt.

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