The Donald und der Mythos von Prinzessin Beara

Prinzessin Beara

Irland. Im Nebel der Caha Mountains: Das „Grab“ der Prinzessin Beara

Wahr und unwahr. Sie ist gerade schwer zu ertragen, diese tägliche Flut von Nachrichten, Analysten, Deutungen und Kommentaren über den gelbhaarigen Märchenerzähler mit der roten Krawatte. Wenden wir uns für ein paar Augenblicke ab von der Gegenwart, in der man gerade nicht so genau weiß, was richtig und was falsch, was Wahrheit und was Lüge, was Tatsache und was „alternative Tatsache“ (Neusprech für Lüge) ist.

Schauen wir zurück in die Zeit in Irland, die heute prä-historisch genannt wird, die Zeit, aus der es keine schriftlichen Zeugnisse gibt, die Zeit, von der wir wenig wissen und in der die großen Mythen ihren Feinschliff erhielten: Die Mythen der Hag of Beara, der Invasion der Milesier, der sagenumwobenen Könige Heber und Eoghan Mór (Owen), und der Prinzessin Beara, die uns als lokale Erzählungen auch heute faszinieren. Sie steigen als mündliche Überlieferungen aus sagen-haften Zeiten in unser Gegenwarts-Bewusstsein, Narrative aus der präfaktischen Zeit vor unserer Zeit.

 

Prinzessin Beara

 

Im Sommer 2008 stieg eine Abordnung der Geschichtsgesellschaft von Castletownbere in die Berge der Beara Halbinsel. Sie war auf einer Mission, hatte eine steinerne Gedenktafel, Werkzeuge und Mörtel im Gepäck. Hoch oben, irgendwo zwischen den Gipfeln von Maulin und Knocknagree, im Hochtal von Ballard Commons, steuerten die Wanderer einen Felsen an. Sie hielten inne, schraubten die Tafel an den Felsen und gedachten einer Frau, die im 2. Jahrhundert nach Christus gelebt haben und irgendwo dort oben in den Caha Mountains begraben sein könnte: Prinzessin Beara.

Gedenktafel für eine Frau, einen Ort, eine Zeit . . .

Gedenktafel für eine Frau, einen Ort, eine Zeit . . .

Über acht Jahre später gibt es wenig Hinweise auf den Gedenkort im nassen Hochtal von Ballard Commons. Mein Freund Peter wusste davon, und Susanne Iles, Beara-Chronistin a.D., berichtete Monate später von der Prozession. Der Spiritus Rector der Mission ist auf dem Weg in die Erinnerungslosigkeit. Der Mythos der Prinzessin Beara aber lebt weiter. Und wer weit genug Richtung Berg gestiegen ist, findet plötzlich auch Wegweiser zum Ziel. Mit Porträt (Foto). Und warum der ganze Aufwand? Nun, die spanische Prinzessin, Tochter der kastilischen Königs Heber, Frau des Eoghan Mór, soll, könnte die Namensgeberin der Halbinsel Beara im Südwesten der grünen Insel gewesen sein.

Owen, der König von Munster und Vorfahre des O`Sullivan-Clans, war den Legenden zufolge nach verlorener Schlacht nach Spanien geflüchtet und von dort später mit seiner jungen Frau Beara nach Beara zurück gekehrt. Er stieg mit ihr auf den höchsten Berg (heute Hungry Hill), und zeigte ihr sein Reich, das Land, das er nach ihr benannte: Die Beara-Halbinsel und Bere Island. Dort oben in den Bergen tauchen die mythischen Figuren aus dem Nebel der Geschichte auf, nur um wieder darin zu verschwinden. An Owen Mór erinnern noch heute die Ortsnamen Rossmacowen, Kilmacowen, Cnoc Eoghan.

Irische Geschichte fasziniert, weil sie in vielen Generationen mündlicher Überlieferung Mythos und Tatsachen fein und undurchdringlich miteinander verwoben hat, und weil im Mythos immer ein wahrer Kern enthalten ist – im Gegensatz zu vielen Einlassungen des Donald.

Zusammengefasst die Fakten: Eine Gruppe zeitgenössischer Irinnen und Iren, die sich der Geschichtsforschung verschrieben haben, wandert in ein Hochtal in den Bergen, bringt an einem einsamen Felsen eine Gedenktafel für eine Frau an, von der niemand wirklich weiß, wann, wie und ob sie wirklich gelebt hat. Sie markiert einen Ort, an dem sie begraben sein könnte. Vielleicht. Sie lässt ein Porträt anfertigen, das die Prinzessin von fast 2000 Jahren zeigen soll. Oha. Die Frau geht hochgeschlossen mit Halskrause im Stil der Mode des spanischem Mittelelters. So könnte sie ausgesehen haben. Eher nicht. So könnte es gewesen sein. Vielleicht. Dort könnte sie ruhen. Wirklich? Die Phantasie kennt keine Grenzen, man möchte sie gerne anrufen, wie einen Telefon-Joker, sie fragen . . . Beara . . .

The Donald

The Donald

Doch Schluss mit dem Eskapismus. Zurück zu The Donald. Der hat gerade das Transpazifische Freihandelsabkommen aufgekündigt, Staatshilfen für Abtreibungs-Befürworter gestrichen und Steuersenkungen für US-Unternehmen angekündigt. Fakten im Nebel der Lügen. Ich stelle mir vor, dass das Ende ein gutes sein wird.

Präfaktisch und postfaktisch, damals und heute: Die Wahrheit will heraus aus dem Nebel ans Licht . . .

Fotos: Markus Baeuchle / Grafik: FB

 

Sonnen-Spektakel in Newgrange: Nur 50 Jahre alt?

Newgrange – der viel diskutierte Eingang. Foto: Caspar Diederik

Newgrange – der viel diskutierte Eingang. Foto: Caspar Diederik

Winter Solstice. Wintersonnenwende. Heute ist auch in Irland der kürzeste Tag des Jahres. Jetzt steht die Sonne am tiefsten und die Zeit zwischen Sonnenaufgang (8:44 Uhr) und Sonnenuntergang (16:31) misst weniger als acht Stunden. Natur- und Kultur-Interessierte schauten heute morgen natürlich wieder nach Newgrange im County Meath, und die Frage , die bewegte, war: Würde die aufgehende Sonne durch den Lichtschacht am Eingang des berühmten Hügelgrabs scheinen und die Kammer am Ende eines 24 Meter langen Ganges erhellen?

Wolken und Regen beantworteten die Frage auch in diesem Jahr mit einem klaren nein. Es strahlte nichts am River Boyne. Erhellendes zu Newgrange und frische Thesen für den Dauer-Disput um Irlands berühmtestes frühgeschichtliches Monument liefert dagegen heute morgen die Irish Times. Sie zitiert den früheren Staats-Archäologen Michael Gibbons mit Zweifeln an der historischen Darstellung von Newgrange und mit neuerlicher Kritik an der Rekonstruktion der Fundstätte durch Professor Michael O`Kelly in den 60er Jahren. Gibbons behauptet: Das Sonnen-Einfang-Spektakel am Morgen der Wintersonnenwende ist 50 Jahre alt – und keine 5000.  Der Lichtschacht über dem Eingang sei zusammen mit dem Eingang und der bizarren Quarzsteinmauer lediglich eine Interpretation von Professor Kelly. Die Menschen der Jungsteinzeit vor 5000 Jahren seien nicht in der Lage gewesen, eine solche Anlage zu bauen, schrieb der Archäologe Gibbons kürzlich in einem Fachaufsatz, und legt Indizien dafür vor, dass Newgrange weniger eine jungsteinzeitliche als vielmehr eine Anlage aus der Eisenzeit, und damit wesentlich jünger sei.

Newgrange – im Sommer. Foto: Caspar Diederik

Newgrange – im Sommer. Foto: Caspar Diederik

Michael Gibbons betont betont vor allem: „Der Lichtschacht über dem Eingang ist nicht authentisch, er wurde während der Rekonstruktion in den 60-er Jahren fabriziert.“ So nimmt die Diskussion um Irlands „bedeutendstes jungsteinzeitliches Monument“, das gerne als „älter als die Pyramiden“ gefeiert wird, wieder Fahrt auf: Denn Gibbons ist kein Unbekannter. Er arbeitete lange in Staatsdiensten und war Co-Direktor des für die Monumente zuständigen Office of Public Works (OPW) und weiß deshalb als Insider, wovon er spricht. Schon seit Jahrzehnten wird kritisiert, dass bei den Arbeiten an Newgrange in den 60er- Jahren nicht die archäologisch möglichst korrekte Rekonstruktion im Vordergrund gestanden habe, sondern die Interpretation damaliger Projektionen. Das Team von Professor Kelly hatte eine Vorstellung von Newgrange und setzte diese mit modernen technischen Mitteln um: Benutzt wurden Stahl und Beton, um ein Bild von Newgrange, wie wir es heute kennen, in Szene zu setzen. Führende Archäologen bezweifeln jedoch, dass der Eingang und die Quarzsteinmauer jemals existiert haben.

Skellig Michael

Skellig Michael. Foto: Markus Bäuchle

Zusätzlich erhellend wirkt das Wissen um die treibende Kraft hinter den „Erneuerungsarbeiten“ in Newgrange: Die Initiative kam von der staatlichen Tourismusbehörde Bord Fáilte Éirean. Völlig zu recht erhofften sich die Tourimus-Vermarkter in den 60-er Jahren einen erheblichen Besucher-Boom durch eine „visuelle Aufwertung“ von Newgrange. Da störte später wenig, dass die Bearbeitung der berühmten Grabanlage am Fluss Boyne in Fachkreisen traurige Bedeutung als eine der weltweit schlechtesten archäologischen Rekonstruktionen erlangt hat. Dieses Negativ-Prädikat teilt die irische Ostküsten-Ikone übrigens mit der berühmten steinernen Schwester im Westen des Landes: der Klosterinsel Skellig Michael, im Atlantik vor der Küste Kerrys. Auch dort hat die Phantasie der Restauratoren das archäologische Fachinteresse vernichtend besiegt und eine ganz neu-alte Realität geschaffen. Dass dies zumindest im kommerziellen Sinne bestens funktioniert, erkennt jeder, der sich seit dem Einsetzen des Starwars-Booms in Portmagee und Umgebung um ein Ticket für Skellig Michael bemüht. Aber davon später mehr an dieser Stelle . . .

Dublins Markthalle: Liebe auf den zweiten Blick

Georges Street Arcade

Die  George´s Street Arcade in Dublin

George´s Street Arcade ist Dublins berühmte Markthalle und Europas ältestes Einkaufszentrum. Sie hat eine besondere Geschichte zu erzählen. Warum ausgerechnet Beschwerdebriefe einen Wendepunkt in der Historie brachten und eine Liebe auf den zweiten Blick auslösten, das lest ihr hier.

Ein Einkaufszentrum für die Infrastruktur der Stadt. Die City Market Company in Dublin startete im Jahr 1876 das Großprojekt, einen neuen Markt auf der Südseite der Stadt zu errichten. Mit einem Kapital von  250,000 Pfund wurde eine große Summe in die Errichtung, Wartung und den Betrieb eines neuen Marktes investiert. Die britischen Architekten Lockwood & Mauson hatten den ausgeschriebenen Architekturwettbewerb gewonnen und begannen kurz danach mit den Bauarbeiten. 1881 wurden die South City Markets von Dublins Oberbürgermeister George Moyers mit einer großen Zeremonie eröffnet. Eine außergewöhnliche Geschichte ist das noch nicht. Alles verlief nach Plan. Doch eines hatten die Investoren nicht mit in ihre Kalkulationen einbezogen: Die fehlende Begeisterung der Bürger. Der Ansturm blieb aus. Dabei war das Gebäude mit sämtlichen architektonischen Feinheiten ausgestattet. Der viktorianische Baustil und die für damalige Verhältnisse modernen Kapazitäten des Gebäudes sollten Menschenmassen anziehen. Doch die Massen blieben aus. Warum nahmen die Einwohner Dublins die neue Einkaufsmöglichkeit nicht an, obwohl sie doch so zentral gelegen war und super-modern war?

Aller Anfang ist schwer. Ein Grund für die Unbeliebtheit der neuen Einkaufsgelegenheit mag gewesen sein, dass das Gebäude durch ihre Architekten unter englischem Einfluss stand und die Iren die Markthalle deswegen eher mieden. So zumindest ließen schriftliche Umfragen des damaligen Managements vermuten. In ein englisches Umfeld wollten sich die Iren in der Hauptsatdt lieber nicht begeben. Eine Tragödie ereilte das Gebäude zudem im August 1892, als es durch einen Großbrand komplett zerstört wurde. Zum Glück wurde damals niemand verletzt, aber viele Menschen verloren ihr Hab und Gut. Dazu gehörten neben den Marktständen auch die privaten Wohnungen in den oberen Stockwerken der Arkaden. Die Marktbuden-Besitzer und Bewohner traf es am Schlimmsten, denn eine Hausratsversicherung gab es damals noch nicht.

IMG_2359Briefe, die alles veränderten. Bekannterweise sind die Dubliner ein rebellisches Völkchen und lassen sich nicht so schnell unterkriegen. Damals wie heute. Nachdem zahlreiche Marktbudenbetreiber ihr Eigentum und  ihre Wohnung verloren hatten, beschwerten sie sich massiv beim Management. Durch diese Briefe, die in der Presse öffentlich gemacht wurden, erfuhren die Standbesitzer großen Zuspruch von den Einwohnern Dublins. Und diese, oh Wunder, wurden von Gegnern plötzlich zu Befürwortern des South City Markets. Einige der Briefe existieren noch heute im Besitz der Stadt Dublin. Diese hatte nach einer großen Welle des Zuspruchs ihrer Bürger keine andere Möglichkeit, als schnell eine Lösung zu finden die möglichst allen zu Gute kam. Die Markthalle wurde schlussendlich, hauptsächlich durch großzügige Spenden, im Original-Stil wieder aufgebaut und am 13. September 1894 erneut eröffnet.

Ein Wahrsager und viele neue Briefe. Die George´s Street Arcade erholte sich ökonomisch nach dem Wiederaufbau bald. Heute gibt es über fünfzig Mieter, die ihre Produkte in der Markthalle präsentieren. Und es gibt kaum etwas, das sich hier nicht finden lässt: Es gibt Bekleidungsgeschäfte, Restaurants, Imbisse, Antiquitätenläden, Schmuckhändler, Künstler oder Lebensmittelgeschäfte. Auch die Bedeutung der Briefe ist nicht in Vergessenheit geraten. Einer der heute, knapp 120 Jahre nach dem Großbrand, noch immer mit regen Briefeingängen zu kämpfen hat, ist der Wahrsager der heutigen George´s Street Arcade. Immer wieder flattern ihm Briefe (oder auch moderne E-Mails) ins Haus, in dem sich seine Kunden beschweren. Der Grund: Die von ihm vorhergesagte Zukunft sei nicht eingetroffen. Diese Briefe werden, heute wie damals, auch veröffentlicht – und zwar in den sozialen Netzwerken. So erhalten seine Kunden, ebenfalls wie die Marktbudenhalter viele Jahre zuvor, Zuspruch von Außenstehenden und tauschen sich über die sozialen Medien aus. Damals auf Papier, heute im Internet. Wie die nächsten 120 Jahre für die George´s Street Arcade aussehen werden? Vielleicht sollte man sich für eine Antwort doch lieber nicht an den Wahrsager wenden, sondern einen Brief mit Zukunftswünschen an das heutige Management richten. Sicher ist sicher.

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Nadine EckmannDie Autorin: Nadine Eckmann hat Theologie und Medienwissenschaften studiert. Sie lebte seit September 2015 ein Jahr lang in Dublin und absolvierte einen Europäischen Freiwilligen-Dienst bei der Organisation „Friends of the Elderly Ireland“.  Ab Herbst wird in Nadine in Cork ihr Studium fortsetzen.

Che Guevara und das Blut der irischen Rebellen

Gern gesehen in irischen Straßen: Che Guevara

Gern gesehen in irischen Straßen: Che Guevara

Die Anzeige sprang mir direkt ins Auge: It started in Galway and ended in Revolution. Dazu ein Bild von Che Guevara, wie man ihn kennt vom Poster oder – falls man schon mal in Derry in Nordirland war – von der Wand im Bogside Viertel. Die Anzeige bewirbt eine neue Ausstellung, EPIC Ireland. Es geht um Männer und Frauen, die einst aus Irland emigrieren, und um deren Erfolgsgeschichten. Weltweit leben geschätzte 70 Millionen Menschen mit irischen Wurzeln, nicht alle machten ihr Leben zu einer Erfolgsgeschichte, und mancher Erfolg endete in einer bitteren Niederlage oder im Scheitern . . .

 

Che Guevara / Foto wikimedia

Che Guevara / Foto wikimedia

Als Teenager hielt ich Che Guevara für einen Popstar, wie er da vom Poster herunterblickte. Ich konnte noch kein Spanisch und verstand nicht, was Hasta La Victoria Siempre! bedeutet. Erst später lernte ich, dass es um Revolution ging, um den Kampf bis zum Sieg gegen die Unterdrücker.

Doch wie gehen Che Guevara und Irland zusammen? Irgendwo las ich eine Randnotiz zum kubanischen Nationalhelden, dem Commandante und seiner Verbindung zu Irland. In Galway dann fand ich das Büchlein The Tribes And Other Galway Families, in dem es um die Familien geht, die die Stadt ab dem Mittelalter geprägt haben. Allen voran 14 Kaufmannsfamilien, die den wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Alltag Galways bestimmten. Die bedeutendste dieser Familien waren laut Autor die Lynchs: Seit dem späten 13. Jahrhundert in Galway ansässig, bekleideten sie ab 1247 regelmäßig den Posten des Chief Magistrate, und später den des Bürgermeisters der Stadt. Ab 1415 trieben sie regen Handel mit der Hansestadt Lübeck und prägten Galway auch architektonisch: Das best erhaltene mittelalterliche Gebäude der Shop Street ist das Lynch’s Castle.

Lynch's Castle / Foto Pauk wikimedia commons

Lynch’s Castle in Galway

Die Lynchs breiteten sich aus, ließen sich ländlich nieder im County Galway. Von dort zogen Nachkommen weiter, unter anderem nach Frankreich, USA und Lateinamerika. Ein Lynch war Mitunterzeichner der amerikanischen Unabhängigkeits-Erklärung, ein anderer sollte Mitte des 20. Jahrhunderts in Kuba und Bolivien Geschichte schreiben: Ernesto Guevara Lynch de la Serna, kurz Che – Junge – genannt. Lad wie sie hier in Irland sagen. Geboren 1928 in Argentinien als Enkel der Anna Isabel Lynch und Ururenkel des Patrick Lynch, der 1715 in Lydacan im County Galway das Licht dieser Welt erblickt hatte. Die Ururenkel-Story haben wir in jüngerer Zeit schon oft gehört, unter anderem über Barak Obama.

Derzeit wird die Che Guevara Story in Irland kräftig touristisch vermarktet. Im Land der Geschichtenerzähler findet auch der Berufsrevolutionär Guevara seinen Platz, zumal er 1964 – nach einer Notlandung – in Dublin ein kurzes Interview gab. Seine irischen Wurzeln sollen ihm erst zu jenem Zeitpunkt bewußt geworden sein. Auf einem weiteren Kurzbesuch 1965 verbrachte er eine Nacht in Limerick. Nach Ches frühem gewaltsamen Tod im Jahr 1967 bezog sich dessen Vater in einem Interview auf Che Guevaras irische Vorfahren: „Zuerst ist festzustellen, dass in den Adern meines Sohnes das Blut der irischen Rebellen floss. Che erbte den Charakter unserer ruhelosen irischen Vorfahren. Er hatte etwas in sich, dass ihn in die Ferne trieb, zu gefährlichen Abenteuern und neuen Ideen.“

So passt er besonders in diesem Jubiläumsjahr – dem Centenary, das der bedeutendsten Revolution der Iren gegen die englische Kolonialmacht vor 100 Jahren gedenkt – ins Bild der Iren, die kämpften bis zum Sieg gegen die alten Unterdrücker. Hasta La Victoria Siempre!

 

Fotos: Markus Bäuchle (oben); Wikimedia (Mitte); Pauk wikimedia commons (unten)

Das kuriose Rätsel um Dublins Father Pat Noise

Pat Noise

Liebe Irland-Fans, hier schreibt Nadine* aus Dublin. Dies ist die mysteriöse Geschichte von Father Pat Noise. Dies ist ein kleines offenes Geheimnis der Stadt Dublin. Dies ist im wahren Sinne des Wortes die unglaubliche Story von Father Noise.

Auf einer Plakette auf der Brüstung der O’Connell Bridge im Herzen der Stadt kann man diese Inschrift lesen:

„THIS PLAQUE COMMEMORATES

FR. PAT NOISE

ADVISOR TO PEADAR CLANCEY.

HE DIED UNDER SUSPICIOUS
CIRCUMSTANCES WHEN HIS
CARRIAGE PLUNGED INTO THE
LIFFEY ON AUGUST 10TH 1919.

ERECTED BY THE HSTI“

Die O´Connell Bridge gilt als Wahrzeichen Dublins, und das nicht nur, weil sie der Hauptverkehrsknoten im Zentrum ist und einen einzigartigen Blick über den Fluss Liffey bietet. Sie birgt auch dieses kleines Geheimnis, das viele Passanten bis heute nicht kennen. Auf der westlichen Brüstung der O´Connell Bridge entdeckt man bei genauem Hinsehen eine kupferfarbene Tafel. Im Text erfährt der Leser vom offenbar tragischen Schicksal eines Father Pat Noise. Dieser soll am 10. August 1919 auf rätselhafte Weise ums Leben gekommen sein, als seine Kutsche an dieser Stelle in die Liffey stürzte. Eine Tragödie, denkt der Passant, und gut, dass es diese Tafel gibt, die an den armen Verunglückten erinnert. Oder doch nicht?

Father Pat Noise_Dublin

Die Plakette an der O´ Connell Bridge erzählt die „Geschichte“ von Father Pat Noise

Wer war Father Pat Noise? In den Archiven der Stadt findet sich nicht der kleinste Hinweis auf seinen Namen, auf seine Person oder den mit ihm in Verbindung gebrachten Unfall. Die Plakette behauptet weiter, dass Father Pat die irische Untergrundbewegung unterstützt haben soll und Berater eines gewissen Peadar Clancy gewesen sein soll. Das war er allerdings nicht. Denn Father Noise hat es nie gegeben.

Was also hat diese Plakette zu bedeuten? Erst zwei Jahre nachdem die Tafel im Jahr 2004 auf der Brücke angebracht worden war, entdeckte die Stadtverwaltung Dublin die Erinnerung an einen Nicht-Existierenden – und das, obwohl die O´Connell Bridge eine der belebtesten Straßen der irischen Hauptstadt ist. Ein Journalist der Sunday Tribune beschwerte sich beim City Council, dass es sich bei dem Werk um einen Tribut an den eigenen Vater handele. Nach vielen erfolglosen Bemühungen der Stadt, etlichen Recherchen fiel in der Stadtverwaltung der Groschen: Das Kürzel des vermeintlichen Tafel-Stifters HSTI ist  ein Anagramm von SHIT. So ein Sch . . .  Scherzbolde hatten die Plakette heimlich angebracht. Es heißt, die anonymen „Freunde“ von Father Noise wollten auf ihre Art gegen die Geldverschwendung der Stadt in den Boom-Jahren protestieren. Immerhin mehr als 1000 Euro, so schätzen Experten, war den anonymen Scherzbolden diese kuriose Form des Protests wert. Dublin lässt tatsächlich gerne zu jeder nur erdenklichen Geschichte ein Monument aufstellen — und so wirft dieser stille Protest ein Licht auf den besonderen Humor der Dubliner.

Aber warum wurde die Plakette genau hier angebracht?  Ganz einfach: Die Vorrichtung war schon da, nur der dazugehörige Inhalt hatte noch gefehlt. An der gleichen Stelle hatte die Stadtverwaltung im Jahr 1996 eine Uhr, den sogenannten Millenium Countdown einbauen lassen. Sie sollte genau anzeigen, wie lange es noch dauert, bis das Jahr 2000 gefeiert werden konnte. Aufgrund von technischen Problemen wurde die Uhr schon wenige Monate nach der Installation wieder entfernt. Die Aussparung in der Mauer aber blieb und rief nach einem neuen Inhalt – bis Father Pat Noise´s Plakette in einer Nacht-und-Nebel-Aktion dort eingelassen wurde.

Nachdem die Stadtverwaltung von der Plakette erfahren hatte, wollte sie diese eigentlich schnellstmöglich entfernen lassen. Inzwischen jedoch hatte sich in der City ein Kult um den mysteriösen Father Pat Noise entwickelt. Obwohl der nie gelebt hatte, gehörte er nun irgendwie doch zur Stadt Dublin. Man kannte ihn und seine Geschichte und wollte an ihr fest halten. Die Stadtverwaltung fügte sich schließlich und ließ die Plakette in Ruhe.

Als die O’Connell-Brücke im März 2007 saniert werden musste, wurde die Plakette dann allerdings doch noch entfernt und wieder rief das Bürger auf den Plan: Sie protestierten mit ironischen Aktionen und Kranzniederlegungen gegen die Entscheidung der City Hall. So ließ die Stadt Dublin notgedrungen eine neue Tafel montieren, und diese kann man bis heute bestaunen. Allerdings wurde die aktuelle Erinnerungsplakette nur aus einem Bronze-Imitat gefertigt – da hatte das städtische Budget nicht für einen vollwertigen Ersatz gereicht. Aber immerhin – sie lässt die Legende von Father Noise leben . . .

Die Geschichte von Pat Noise ist eine typische Dubliner Geschichte. Leicht verrückt, leicht skurril und sehr liebenswert. Eine Geschichte aus Dublin, die nicht jeder Tour Guide kennt und die nicht in jedem Reiseführer steht.

Nadine Eckmann* Die Autorin: Nadine Eckmann hat Theologie und Medienwissenschaften studiert. Sie lebt seit September 2015 in Dublin und absolviert einen Europäischen Freiwilligendienst bei der Organisation „Friends of the Elderly Ireland“. Mit ihrem plüschigen Reisebegleiter „Zoe“ erkundet sie die Insel und vor allem die Hauptstadt Dublin.

Irland feiert den Oster-Aufstand von 1916

Irische Flagge

Irland feiert. An diesem Wochenende hat das offizielle Irland einen Veranstaltungs-Marathon aufgelegt, der alle Feiern der Vergangenheit in den Schatten stellt. Das Land feiert den 100. Jahrestag des Osteraufstands von 1916 gegen die britische Besatzungsmacht. The Easter Rising vom 24. April 1916 gab die Startexplosion für Irlands Unabhängigkeit. Die Proclamation, die Erklärung der Unabhängigkeit durch den Schullehrer Padraig Pearse am Ostermontag vor Dublins Hauptpost,  gilt Vielen als Geburtsstunde eines freien Irlands. Doch so einfach ist es natürlich nicht mit der komplizierten irischen Geschichte, und deshalb verlaufen die Erinnerungsfeiern in Dublin und anderswo im Land auch überhaupt nicht spannungsfrei. Die radikalen Republikaner brummeln, viele Nordiren schauen mit Argwohn gegen Süden, die protestantischen Bürger von Irland fühlen sich gar nicht wohl mit den Jahrhundertfeiern. Man spürt sie noch immer, die alten Konflikte.

Auch 100 Jahre später gibt es einen Kampf um die Interpretationshoheit. Denn der Aufstand von 1916 war alles andere als eine gelungene Sache: Der feierlichen Verkündung der Proklamation eines damals nicht einzulösenden Versprechens folgten sechs Tage Kampf und das Scheitern. Hunderte Menschen, darunter viele Zivilisten starben. Die Rebellion von 1916 sollte eigentlich mit Hilfe deutscher Waffen eine Revolution werden, wurde dann aber am Ostersonntag kurzfristig per Zeitungsanzeige abgesagt, weil die versprochenen Waffen aus Deutschland nicht ankamen. Sie landeten versenkt auf dem Meeresgrund. Der Kern der Entschlossenen blies trotzdem zum Aufstand und startete am Montagmorgen fast unbeachtet von der großen Mehrheit im Land vor Dublins Hauptpost ein zum Scheitern verurteiltes Revolutiönchen,

Wie auch der Revolutionär Lenin damals urteilte: Die freiheitsbewegten Iren waren zu früh dran, sie hatten das Volk noch nicht auf ihrer Seite, und so nahm die blutige Geschichte von Dublin einen noch blutigeren Verlauf. Es folgten ein brutaler Unabhängigkeitskrieg (1919-21) gegen die Briten und ein noch verheerenderer Bürgerkrieg (1922): Nun kämpften Bruder gegen Bruder und Freund gegen Freund: Denn die den Briten im Jahr 1922 abgetrotzte Teil-Unabhängigkeit für einen eigenen Staat, den Irish Free State, bewirkte die Teilung des Landes und die Abtrennung der six counties, von Nordirland. An dieser Frage und der generellen, wie man es mit den Briten künftig halten sollte, schieden sich die Geister auch im Süden der Insel. Der kurze unmenschliche Bruderkampf hinterließ tiefe Wunden in Familien und Gemeinden.

Der Weg in die Zukunft führt über die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Deswegen zweifelt niemand am Sinn der Erinnerungsfeiern zur den Ereignissen vor 100 Jahren. Die extremen Republikaner allerdings fordern eine Ausweitung der Feiern auf das gesamte Irland mit dem Ziel der Wiedervereinigung mit dem Norden. Immer noch im Untergrund agierende Splittergruppen der IRA drohen gar mit Terror. Friedensbewegte und Priester warnen, die Gewalttat von 2016 zu verherrlichen, und manche Stimmen kritisieren den Stil der Feierlichkeiten: Man verkläre die gute alte Zeit, präsentiere die Geschichte wie ein Historiendrama im Fernsehen und pflege eine gefällige Version der Geschichte. Und es wird gewarnt: vor überschäumendem Patriotismus, vor engstirnigem Nationalismus.

Irland feiert. Das offizielle Dublin zelebriert einen weichgespülten Osteraufstand 1916. Die Reden der Regierenden werden es in moderatem Ton vermeiden, in den alten Wunden zu bohren oder Andersdenkende zu sehr zu provozieren. Mit Hilfe von Google wird 1916-2016 zur fühligen Multimedia-Show. Heute soll die Hauptstadt die größte Feier erleben, eine Parade, zu der eine Viertelmillion Menschen erwartet werden. In Gedenkstunden werden Kränze im Dutzend abgelegt — und es wird überall diskutiert: Über den Funken an der Lunte, über die Niederlage, die zum Sieg wurde, über die viele Opfer kostende symbolische Aktion Rising 1916, die — wenn sie nicht die Freiheit brachte – dann zumindest über Umwege zur Freiheit führte.

Erinnern statt Triumphieren. Nach vorne schauen statt sich in Nostalgie wohlig einrichten: Irlands Präsident Michael D. Higgins bleibt bei allen Debatten wie immer souverän. Der erste Mann im Staat, der manchmal wie die kleinste Minderheit im Lande wirkt, mahnte seine Mitbürger gestern, die Versprechen der Freiheitserklärung von 1916 auch 100 Jahre später wirklich ernst zu nehmen: Noch habe Irland viele dieser Versprechen nicht eingelöst. Er mahnte ein neues Irland an: Baut mit an einer Republik der vielen Stimmen, in der alle Platz und ein Auskommen haben — auch die Heimatlosen, die Migranten, the Benachteiligten und die Ausgegrenzten . . . Lasst uns gemeinschaftlich in die Zukunft gehen . . . 

Gemeinschcaftlich in die Zukunft. Hört. Hört. Als erstes könnten sich dazu die beiden große Parteien Irlands, die aus dem alten Konflikt vor 100 Jahren entstanden sind, einmal miteinander versöhnen: Fine Gael und Fianna Fail  bestimmen die Politik Irlands seit damals, sind aber nie eine Koalition miteinander eingegangen, weil sie sich bis heute spinnefeind sind. Politisch vertreten die beiden Parteien fast genau dieselben Inhalte — nur eben die Vergangenheit hält sie auch in diesen Tagen davon ab, eine gemeinsame Regierung zu bilden und das Land damit aus dem politischen Stillstand zu befreien.

Irland feiert. Die großen Erinnerungs-Inszenierungen werden fortgesetzt: Bis mindestens 2013. Die Hoffnung besteht, dass diese Phase im besten Falle entscheidend dazu beitragen wird, dass sich die Irinnen und Iren mit sich selbst, mit ihren alten Widersachern und mit ihrer komplizierten Vergangenheit aussöhnen können.

Irischer Sonntag: Woher rühren die Obsessionen?

Traumbild von C.G. Jung aus dem Roten Buch

Die Tage zwischen den Jahren, in der Zeit außerhalb der Zeit, sind wertvolle Tage, um die Zeichen zu deuten, nachzudenken, Wege in die Zukunft zu erkennen. In den vergangenen Tagen fragte ich mich genauer als sonst, was die Mitmenschen in unserer Wahlheimat eigentlich besonders tief geprägt hat. Was steckt hinter der sprichwörtlichen Alltags-Freundlichkeit? Hinter der No-Worries-at-all-Mentalität und der Konfliktscheuheit? Woher rühren die Obsessionen nach Land, Spiel und Rausch, woher kommt das Phänomen Begrudgery, diese unverkennbar irische Variante von Neid und Missgunst? Die Spuren führen in die jüngere Vergangenheit. Die Zeit nach der Unabhängigkeit, als gar nichts gut war . . .

Wie lang sind 100 Jahre? Von 1916 bis 1922, vor weniger als 100 Jahren, erkämpfte sich das bettelarme Irland eine Art von politischer Unabhängigkeit vom alten Dauer-Besatzer und Kolonisator Großbritannien, begann das Projekt eines eigenen irischen Staates. Vor weniger als zehn Jahren wurde die Insel-Republik als reichstes Land Europas bewundert. Im vergangenen Frühjahr, die Irinnen und Iren hatten sich in einer Volksabstimmung deutlich für die Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe entschieden, feierte die Welt Irland als das liberalste und fortschrittlichste Land Europas.  In weniger als einem Jahrhundert vom Kolonialgefängnis und Armenhaus zum freiheitlichen Vorzeige-Wohlstandsland — geht das?

Ja und nein. Oberflächlich betrachtet, scheint dies in weniger als 100 Jahren gelungen zu sein. Schaut man genau hin, dominieren die Zweifel. Das politische System funktioniert auf der Grundlage einer veralteten Verfassung von 1838 mehr schlecht als recht. Weit verästelte Korruption prägt die Politik. Die Wirtschaft ist weitgehend eine von den US-Multis Geliehene. Der Reichtum der Celtic-Tiger-Jahre war nicht viel mehr als ein Strohfeuer. Die Ungleichheit der Chancen ist die größte weltweit. Das überwältigende Ja zur Homo-Ehe — wer die Einstellung vieler Iren zur Homosexualität wirklich kennt —  kann nur als Protestwahl gegen die über lange moralische Bevormundung durch die katholische Kirche verstanden werden. Eine freiheitliche Zivilgesellschaft ist wohl anders. Anders als Irland ruht eine freie Zivilgesellschaft in sich und in den verarbeiteten Erfahrungen der vergangenen Jahrhunderte. Freiheit ist nicht gemeint als Freiheit, alles über Bord werfen zu dürfen, um plötzlich etwas ganz anderes als bisher sein zu wollen.

Irlandnews.comAlles gut nach der Unabhängigkeit? Ich habe den Beginn der irischen Unabhängigkeit in den 20-er Jahren lange ein wenig naiv als bedeutsame Kehrtwende verstanden. Erst allmählich wurde mir klar, dass sich in den folgenden Jahrzehnten gar nicht so viel änderte im Alltag der Menschen auf der Insel. Vor allem aber implodierte die irische Gesellschaft nach dem Rückzug der Engländer erst einmal und glitt im Sommer 1922 ab in den Bürgerkrieg, einen brutalen Bruderkrieg, der tiefere psychische Wunden hinterließ als die Jahrhunderte währende Fremdherrschaft. Danach blieb die Abhängigkeit von den Briten auf wirtschaftlicher Ebene weitgehend bestehen. Hinzu kam nun die Unterdrückung durch eine (mit Hilfe der alten Besatzer) zur kulturhegemonialen Macht aufgerüsteten katholischen Kirche. Eine Phalanx aus Kirche, Politik und Polizei zeigte dem Volk die Grenzen auf — und die informell noch immer mächtigen Landlords mischten weiter kräftig mit. Ex-Besatzer und Katholische Kirche, Politik und Ordnungsmacht bildeten die neue unheilige Allianz. Es war eine rigide, eine bleierne Zeit, eine Zeit des Zwangs, der Gehirnwäsche und der inneren Unfreiheit. Manche Iren sprechen heute von Kirchen-Stalinismus.

Die Befreiung aus den inneren individuellen Zwängen und die Entwicklung einer liberalen und offenen Gesellschaft gelang allmählich mit der wirtschaftlichen und politischen Öffnung und dem wachsenden Wohlstand im späten 20. Jahrhundert. Doch die extremen Erfahrungen der Wohlstandsjahre der Naughties, die Exzesse des Celtic Tiger und der bodenlose Absturz in die Wirtschaftskrise im Jahr 2008 raubten einer ganzen Generation den Kompass für die Zukunft und die Werte-Orientierung.

Das heutige Irland zeigt sich hinter den sorgsam gepflegten Trugbildern als ein Land der Extreme und der extremen Ausschläge. Die jüngere Geschichte gleicht einer Achterbahnfahrt. Sie schuf ein nervöses Land mit einer verunsicherten Bevölkerung. Vor kurzem unterhielt ich mich mit einem erfahrenen irischen Psychotherapeuten der Jung’schen Schule. Der Mann legt nicht nur einzelne Menschen auf die Couch, er beschäftigt sich auch mit dem Zustand der irischen Gesellschaft — und seine Diagnose über die eigenen Landsleute ist beunruhigend. Die unverarbeitete Vergangenheit laste schwer auf vielen Menschen. Die Auswüchse der Celtic-Tiger-Jahre hätten Menschen vollends aus der Balance geworfen. Der Jungianer analysiert einen Gutteil seiner Landsleute als innerlich im Ungleichgewicht, als dauer-berauscht und nicht geerdet, als durch leere Beredsamkeit von sich selbst ablenkend, als zu mutlos und uncouragiert, um sich selber mit den Wahrheiten des Lebens zu konfrontieren.  Viel Arbeit also aus der Sicht des Psychologen (allerdings lässt sich diese Diagnose leicht auf viele Kontinental-Europäer ausweiten . . . ).

Wie weiter? Der hier vor kurzem zitierte irische Historiker Diarmaid Ferriter wünscht sich, dass das Lernen aus der eigenen Geschichte möglich wird. Das könnte zum Beispiel bedeuten, dass es den Menschen auf der Insel gelingen wird, die heraufziehende Version 2.0 eines neuen Celtic Tigers entschieden zurück zu weisen, einen massen-hysterischen unbalancierten nächsten Wirtschaftsboom zu vermeiden und statt dessen ein stabiles inneres und äußeres Gleichgewicht anzustreben. Das allerdings hieße, die eigene widersprüchliche Vergangenheit zu verstehen und anzunehmen. Und das benötigt Zeit, viel Zeit.

Wie lang sind 100 Jahre? Let´s wait and see . . .

Jimmy's Hall, film

Jimmy´s Hall: Ein Blick in das Irland der 30-er Jahre

PS: Wie es in den Kinderjahren des jungen irischen Staates, in den eher dunklen 30-Jahren in Irland ausgesehen haben könnte, versuchen Filme wie Jimmy´s Hall oder Dancing at Lughnasa auszumalen. Vor allem der Film des Regisseurs Ken Loach, der auch das beeindruckende Bürgerkriegs-Drama The Wind That Shakes the Barley gedreht hat, vermittelt einen guten Eindruck von den Machtverhältnissen und der kulturellen Intoleranz jener Jahre. 

Jimmy’s Hall ist ein Spielfilm des britischen Regisseurs Ken Loach aus dem Jahr 2014. Der Film spielt in den 1930er Jahren in Irland und handelt vom Kampf des irischen politischen Aktivisten Jimmy Gralton gegen die Bevormundung und Ausbeutung durch Kirche und Großgrundbesitzer. 1932 kehrt Jimmy Gralton nach 10 Jahren in den USA wieder nach Irland in seinen Geburtsort zurück. Die vergangenen Jahre hatte er in New York zugebracht, wohin er nach Auseinandersetzungen mit der Kirche und den irischen Großgrundbesitzern geflohen war. Jetzt, 10 Jahre nach dem irischen Bürgerkrieg, ist eine neue Regierung an der Macht und seine Mutter braucht Hilfe auf der Farm.

Jimmys-Hall

Obwohl Jimmy eigentlich nicht gleich wieder seine alten Widersacher herausfordern wollte, gibt er den Bitten der Dorfjugend nach und eröffnet gemeinsam mit seinen früheren Gefährten wieder die Hall, eine Art selbstorganisiertes Kulturzentrum, wo gemalt, gesungen, geboxt, getanzt, gelesen und diskutiert wird. Der wachsende Einfluss Jimmys und seiner Ideen ruft schnell die Gegenwehr seiner alten Gegner hervor. Dorfpfarrer Vater Sheridan befürchtet Zügellosigkeit und den Verlust des kirchlichen Bildungsmonopols, die Hilfe Jimmys und seiner Anhänger für einen vertriebenen Pächter bringt die Großgrundbesitzer gegen ihn auf.

. . .  Jimmy’s Hall ist angelehnt an das Leben von James Gralton (1886–1945), der nach seiner Deportation nie wieder nach Irland zurückkehrte und 1945 in New York starb. (zitiert nach Wikipedia).

Flüchtlinge in Irland: Ja wo sind sie denn?

Til Mette: Fröhliche Weihnachten

Til Mette: Fröhliche Weihnachten*

Fröhliche Weihnachten? In Irland hat die Flucht aus Gründen der Unterdrückung, der Armut und der fehlenden Lebens-Perspektiven eine Jahrhunderte alte Tradition, sie ist als Irish Emigration bekannt. Millionen Irinnen und Iren waren bis heute darauf angewiesen, in Ländern fern der Not leidenden Heimatinsel aufgenommen zu werden — und vielleicht sogar freundlich willkommen geheißen zu werden. In Irland müsste eine positive Willkommens-Kultur aufgrund eigener leidvoller Erfahrungen deshalb besonders ausgeprägt sein. Auch der bekannte Werbespruch irischer Tourismus-Werber, denen zufolge Fremde nichts anderes sind als Freunde, denen man noch nicht begegnet ist, könnte darauf hin deuten, dass Mary und Paddy im Umgang mit Fremden großherzig und offen sind und nicht fremdeln.

Die Fakten in Irland Ende 2015: Die größte Flüchtlingskrise in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird auf der Insel wenig wahrgenommen – und wenn, dann als ein Phänomen, das Irland nicht viel angeht. Weit über eine Million Menschen sind in diesem Jahr nach Europa geflüchtet, doch Syrien, Griechenland, der Balkan, Italien, Österreich und Deutschland sind im Bewusstsein vieler Insulaner ziemlich weit weg.

Abgeschottet. Durch die Insellage am Atlantik und im Rücken des sich unsolidarisch abschottenden Großbritanniens genießt Irland einen natürlichen geographischen „Schutz“ vor unkontrolliert einreisenden Fremden. So nahm das Land in diesem Jahr bislang gerade einmal 100 Flüchtlinge auf.

4000 können kommen. Im September verpflichtete sich die irische Regierung gemäß dem Verteiler-Schlüssel der EU insgesamt 4000 Flüchtlinge, vornehmlich Menschen aus Syrien, aufzunehmen. 4000 Refugees in Irland entsprächen in der Größenrelation 72.000 Flüchtlingen in Deutschland. Bis heute hat kein einziger dieser Menschen in Not das Privileg genossen, in Irland aufgenommen zu werden. Statt dessen beschäftigen sich die zuständigen Behörden mit sich selbst, haben von 87 angebotenen Not-Unterkünften 19 als geeignet anerkannt. Die Regierung hat kurz vor Weihnachten ein schärferes Asylgesetz ohne Anhörung und Parlaments-Debatte durch die Instanzen gepeitscht, das eine schnelle Abschiebung erleichtern und den Familienzuzug begrenzen soll. Die Flüchtlings-Hilfsorganisationen laufen derweil ohne spürbare Auswirkungen Sturm gegen „das Versagen der Regierung“, „die Nichteinlösung von Minimal-Versprechen“ und eine Gesetzes-Novelle, die gegen statt für die Flüchtlinge gemacht worden sei. Sie fordern zudem, dass Irland mindestens 20.000 Menschen aufnehmen soll.

Gegen-Verkehr. Statt not leidende Menschen schnell und unbürokratisch ins Land zu lassen, machten sich vor Weihnachten offizielle Delegationen von Funktionären und Regierungsbeamten auf den Weg nach Griechenland, um die Übersiedlung der ersten Syrer-Familie nach Irland von gaaaanz langer Hand für das neue Jahr vorzubereiten. Die zehnköpfige Familie wartet in Athen auf den Umzug ins Hazel Hotel in Monasterevin im County Kildare, um dort dann zumindest für einige Wochen bis zur Entscheidung über ihren Asylantrag zu bleiben. Die Grafschafts-Verwaltung des großen County Kerry sieht sich derweil nicht in der Lage, genügend Unterkünfte für 44 (!) Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen.

Stille Nacht. Irische NachtAlles schaut weg, nur einsam wacht der wackere Präsident Michael D Higgins über die politische Landschaft. Der kleine couragierte Mann im Phoenix Park in Dublin, der fast keine politischen Befugnisse, dafür aber große moralische Autorität hat, legte jetzt sein Veto gegen die Hauruck-Reform des Asylgesetzes ein und meldete verfassungsrechtliche Bedenken an. 

Heilige Nacht. In Schulen, in Kindergärten, in Kirchen und auf öffentlichen Plätzen in Irlands Städten und Dörfern erinnern zahlreiche Weihnachts-Krippen an die erste prominente Flüchtlings-Familie der neuen Zeitrechnung. Genau diese Familie, vor allem die Mutter und das Kind, werden in Irland noch immer verehrt und von manchen geradezu vergöttert.

Hoffnung. So gilt es „nur“ noch 1 + 1 zusammen zu zählen. Ihr Kinderlein kommet. Frohe Festtage, wo immer Ihr seid!

Weihnachts-Krippe in einer irischen Schule

Weihnachts-Krippe in einer irischen Schule

PS: Wir haben versucht zu erfahren, wie Privatleute helfen und Flüchtlinge vorübergehend aufnehmen können. Bislang ohne Erfolg (kein Wunder, da noch gar keine Flüchtlinge im Land sind?). Die Informationslage ist dünn und intransparent, Flüchtlings-Hilfsorganisationen wie das Irish Immigrant Support Centre NASC in Cork weisen darauf hin, dass sie selber nicht mehr wissen, als das, was in der Zeitung steht – und in der steht nicht viel. Es wirkt, als betreibe die irische Regierung Flüchtlingspolitik als Geheimprojekt. Wir bleiben dran.

Peter Sutherland, der alte irische Strippenzieher, sieht sein Land in der Pflicht: Irland muss tatkräftig helfen, denn es hat ein ureigenes Interesse daran, dass Europa diese Krise bewältigt. Sollte Europa auseinander brechen, dann ereilt Irland das traurige Schicksal eines kleinen hilflosen Anhängsels am westlichen Rand eines Scherbenhaufens. In diesem Sinne . . . 

*  Seine Karikatur hat Til Mette hier auf Facebook veröffentlicht: Foto unten: Markus Bäuchle

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