Deutsche in Irland (14): Anke Morgenroth, Cavan

Deutsche in Irland

Anke Morgenroth: Die Hamburgerin lebt seit 1984 in Irland.

Auswandern, Ortswechsel, Neubeginn: Warum zieht es Deutsche (Schweizer und Österreicher) ausgerechnet nach Irland? Wie leben sie hier? Wurden ihre Erwartungen erfüllt, was gefällt ihnen, womit haben sie Probleme? Wir stellen Menschen vor, die den Sprung gewagt haben und auf der Insel leben. Heute: Anke Morgenroth

Anke Morgenroth stammt aus Hamburg. 1984 wanderte die gelernte Sozialarbeiterin zusammen mit ihrem Mann nach Irland aus. Ihre vier Kinder, drei Söhne und eine Tochter, wurden in Irland geboren. Seit 2000 betreibt Anke in Tirnawannagh nahe Bawnboy im Co. Cavan, unweit der Marble Arch Caves, das kleine Kunsthandwerks- und Tourismus-Unternehmen „Bear Essentials“ (www.bearessentials.ie). Irlandnews-Autor Dirk Huck* unterhielt sich mit ihr auf dem Arts and Crafts Festival in Farmleigh in Dublins Phoenix Park im Mai 2014.

Anke Morgenroth_2

Anke Morgenroth und ihre Bären-Kollektion

Anke, was hat Sie nach Irland geführt?

Ich bin in Hamburg aufgewachsen und wollte immer schon aus der Großstadt weg. Ursprünglich wollten mein Mann und ich nach Kanada auswandern. Aber damals nahmen die Kanadier keine Deutschen auf — es sei denn, man hatte ein prall gefülltes Bankkonto. Wir hatten damals Freunde in Irland und sind auch ein wenig im Land herum gereist. Uns sagte sofort die wunderschöne Landschaft und die Gastfreundschaft der Menschen zu.

Ein weiterer Punkt war, dass wir gerne eigenes Land und ein Haus haben wollten. In Deutschland wäre das für uns nicht möglich gewesen. In Irland hatten wir die Freiheit, für vergleichsweise wenig Geld ein Stück Land zu kaufen mit einem alten Haus darauf und es selbst herzurichten. Es war auch der Wunsch nach Selbstverwirklichung. Zu Anfang hatten wir zum Beispiel unseren eigenen Gemüsegarten und eine Bienenzucht.

Hatten Sie konkrete Pläne, wie ihr Leben in Irland aussehen sollte?

Einen Langzeitplan, was genau wir hier machen wollten, hatten wir eigentlich nicht. Es ging eher um die Idee, für sein eigenes Leben selbst verantwortlich sein zu können. In Deutschland fühlten wir uns von den Möglichkeiten her zu sehr eingeschränkt, vor allem in finanzieller Hinsicht. Es war zum Beispiel auch nicht von Anfang an geplant gewesen, auf dem Land zu leben und dort Kinder großzuziehen. Das kam alles erst, als wir in Irland waren.

Warum haben Sie sich ausgerechnet das County Cavan ausgesucht?

Das war mehr durch Zufall. Wir hatten damals Freunde, die nach Cavan ausgewandert waren und lernten durch sie wiederum andere Deutsche in der Region kennen. Wir hatten uns auch Häuser in Donegal angesehen. Donegal ist wunderschön. Aber ich bin doch froh, dass wir nicht so weit nach Westen gegangen sind. Speziell jetzt mit dem Unternehmen wäre das von Nachteil. Manchmal weiß man ja nicht, wohin es einen verschlägt. Ich denke, es hatte seinen guten Grund, dass wir in Cavan gelandet sind.

Wie empfanden Sie das Einleben?

Das fanden wir gar nicht so schwer. Spätestens als die Kinder geboren wurden – unser erster Sohn wurde 1986 geboren – waren wir in die Gemeinschaft eingebunden und an allem beteiligt. Ohne die Kinder wäre das sicherlich schwieriger gewesen. Ich weiß zum Beispiel von Leuten, die als Rentner nach Irland herüber kamen und am Ende doch mehr einen Deutschklub gebildet haben und unter sich blieben. Das wollten wir nicht. Wir haben es genossen, mit den Nachbarn und den Iren zu mixen. Durch die Kinder ging es ja auch nicht anders.

Die berühmte Gastfreundschaft der Iren half Ihnen beim Einleben?

Ja, auf jeden Fall. Als wir im Winter 1984 kamen, erlebte Irland einen der härtesten Winter überhaupt. Sogar der See war zugefroren. Die Nachbarn waren unheimlich hilfsbereit. Während wir an unserem Haus arbeiteten, versorgte uns die Nachbarin jeden Morgen mit frisch gebackenen Scones. Und abends mussten wir immer auf eine Tasse Tee bei ihnen vorbeischauen.

Bei uns spielte sicherlich auch eine Rolle, dass Irland Mitte der 1980er eine tiefe Rezession erlebte und viele Iren das Land verließen. Da war es dann ein wenig so: Alles wandert aus, warum kommt ihr ausgerechnet nach Irland? Da bestand schon eine gewisse Neugier und ein großes Interesse an uns Neuankömmlingen.

Gibt es Dinge aus der „alten“ Heimat, die Sie vermissen?

Zu Anfang war es ganz klar das Essen. Hier in Irland hat man doch eine völlig andere Ernährungsweise. Damals gab es zum Beispiel keinen richtigen Kaffee. Auch kannte keiner eine Kiwi. Das alles kam erst später, schlagartig.

Hat sich Ihr Verhältnis zur „alten“ Heimat verändert?

Eigenartigerweise ist jetzt, seit ich älter bin, das Bedürfnis, meine Eltern in Hamburg zu besuchen, größer, als umgekehrt. Wenn ich jetzt nach Hamburg reise, genieße ich manches dort viel mehr, als während meiner Kindheit. Damals war ich jung und wollte weg. Jetzt ist es doch eher so, dass ich die guten Seiten am Deutschen mehr schätze. Auch durch meine Kinder: Meine Jüngste zum Beispiel liebt Deutschland und möchte gerne später dorthin ziehen. Dadurch wird es auch mir wieder näher gebracht, dass doch ein ganzer Teil von mir selbst Deutscher ist. Heute weiß ich meine eigene Kindheit und Entwicklung besser zu schätzen und sehe die Vorteile, die ich dadurch hatte.

Gibt es eventuell Pläne, nach Deutschland zurück zu gehen?

Das wiederum kann ich mir nicht vorstellen. Nicht so sehr wegen eventueller Bedenken, dort nicht mehr leben zu können, sondern weil meine Familie hier ist. Mein zwei ältesten Kinder sind sehr irisch, sind selbstständig und fest verwurzelt. In Deutschland habe ich keine Geschwister, nur noch meine Eltern.

Ich genieße es, wenn ich eine Woche in Hamburg verbringe. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wieder in der Großstadt zu leben, sei es in Irland oder in Deutschland. Und als älterer Mensch aufs Land zu ziehen und sich dort wieder zu integrieren, das ist doch sehr schwierig.

Hat sich Ihr Bild von Irland im Laufe der Zeit gewandelt?

Manchmal bin ich schon etwas traurig über die Celtic-Tiger-Situation, die auch für unsere Kinder von großem Nachteil war. Die ganze Zeit über war Geld im Überfluss da und es wurde viel getrunken. Überhaupt, die ganze Trinkkultur ist zum Beispiel etwas, das ich total ablehne.

Auch wünsche ich mir manchmal mehr Unterstützung für junge Menschen. Die hohe Selbstmordrate unter jungen Männern ist doch sehr erschütternd. Als man hierher gezogen ist, hat man da ja nicht reingeschaut. Aber wenn man hier lebt, bekommt man das alles mit. Aber man kann nicht das eine haben ohne das andere. Es gibt ja auch in Deutschland Dinge, die man nicht gut findet.

Teddybär KreationenWie kam es zum Unternehmen „Bear Essentials“?

Als Sozialarbeiterin habe ich immer schon viel Kunsthandwerk gemacht und mit Kindern und Familien gearbeitet. Irgendwann kam die Überlegung, ob sich daraus vielleicht ein Unternehmen entwickeln ließe. Ich wollte von zu Hause aus arbeiten. Eine Unternehmensberaterin in Nordirland, die sich speziell um Frauen im Kunsthandwerk kümmert, riet mir, mich auf eine Sache zu konzentrieren. So kam mir die Idee mit den Teddybären, in Anlehnung an die alte Steiff-Tradition. Anschließend habe ich zwei Jahre lang im Selbstunterricht am Design von Teddybären gearbeitet. Daraus hat sich „Bear Essentials“ entwickelt.

Angefangen hat es im Schlafzimmer mit Nähen. Dann wurde das Gewächshaus in einen kleinen Laden umgebaut. Und so ist das Ganze weiter gewachsen in ein kleines Kunsthandwerks- und Tourismus-Unternehmen mit Besucherzentrum. Heute sind wir an den Marble Arch Caves Geopark angeschlossen und helfen mit, die Region und das County Cavan touristisch zu vermarkten.

Gibt es eine Teddybären-Tradition in Irland?

Im Vorfeld habe ich damals kaum Recherche betrieben. Dann hätte ich gewusst, dass es eine Teddybär-Tradition im eigentlichen Sinne in Irland nicht gegeben hat. Zwar gab es auch in Irland Teddybären und Unternehmen, aber eben keine so große Tradition wie zum Beispiel in England mit den Teddybär-Sammlern und den Charakterbären.

Ich habe quasi die deutsche Teddybär-Tradition nach Irland gebracht. Die Celtic-Tiger-Situation hat mir da geholfen – die Leute hatten mehr verfügbares Einkommen und kauften Sammlerstücke. Heute haben wir den größten Teddybär-Shop Irlands. Nur leider ist das wenig bekannt.

Bear Essentials Cavan

Das Besucherzentrum von “Bear Essentials”

Was genau hat es mit „Bear Essentials“ auf sich?

Großen Raum nimmt die Ausbildung ein, die Workshops und Kurse, in denen wir das Kunsthandwerk vermitteln und in denen Kinder und auch Erwachsene ihre Bären selbst herstellen. Im Besucherzentrum vermitteln wir Informationen über echte Bären, die in Irland gelebt haben. Auf der Teddy Bear History Tour erzähle ich von der Tradition der Teddybären in Deutschland, ein wenig auch von der Tradition in Irland. Mir gefällt besonders die Vielfältigkeit des Unternehmens, dass es sich immer wieder in eine andere Richtung entwickelt. Das ist auch mit ein Grund, dass ich noch immer im Unternehmen bin.

Was haben Sie sich für die Zukunft vorgenommen?

Wir möchten gerne das Besucherzentrum weiter ausbauen und noch interessanter machen. Insbesondere möchten wir verstärkt Schulklassen ansprechen und spezielle Vorträge und Präsentationen anbieten. Die Workshops mit ihren hohen Materialkosten sind für Schulen in der Regel zu teuer. Aber vielleicht schaffen wir es, dass die Kinder am Ende mit einer besonderen Erfahrung nach Hause gehen, auch wenn sie nicht ihren eigenen Teddybär mitnehmen können.

Ferner arbeiten wir daran, das Besucherzentrum auch für ältere Menschen attraktiver zu machen. Zum Beispiel indem wir einmal im Jahr ein Event veranstalten, bei dem es Kaffee und Kuchen gibt und wir den Besuchern etwas über Bären erzählen.

Wie betrachten Sie rückblickend die Auswanderung? Würden Sie nochmal nach Irland auswandern?

Eigentlich wollten wir ja nach Kanada auswandern. Es blieb immer irgendwie das Gefühl, auf halbem Weg stecken geblieben zu sein. Vielleicht hegten wir deshalb die Hoffnung, dass vielleicht eines Tages eines unserer Kinder nach Kanada auswandert und man so doch einmal nach Kanada kommt. Aber das wird wohl nicht passieren.

Was Irland angeht: Nach Irland ist man ausgewandert, weil die Insel schön ist und die Menschen freundlich sind. Ich habe damals nie an das Wetter gedacht. Heute denke ich manchmal: Ein wenig wärmer könnte es schon sein. Aber ich möchte nicht des Wetters wegen für immer in Spanien oder Italien wohnen wollen.

Ich denke, Irland hat uns viel ermöglicht. Wir haben doch sehr viel Positives, und die Kinder sind sehr happy mit ihren Unternehmen. Auch meine Eltern fanden es immer sehr schön, wenn sie nach Irland kamen. Es war eigentlich jeder immer begeistert von dem, was wir hier erlebt haben.

Vielen Dank für das Gespräch, Anke, und alles Gute!

Dirk Huck 2013* Das Gespräch führte Dirk Huck. Der Journalist und Systemberater lebt seit 2007 in Dublin, wo er hauptberuflich als technischer Systemberater für Datenbanksysteme arbeitet. In seiner Freizeit schreibt Dirk in einem bunten Mix über sein neues Heimatland Irland, seine Menschen, seine Geschichte und seine Sehenswürdigkeiten. Dirk hegt eine Vorliebe für interessante und ausgefallene Orte und Geschichten.


Deutsche in Irland (13): Shannon Behr, Kerry

Auswandern, Ortswechsel, Neubeginn: Warum zieht es Deutsche (Schweizer und Österreicher) ausgerechnet nach Irland? Wie leben sie dort? Wurden ihre Erwartungen erfüllt, was gefällt ihnen, womit haben sie Probleme? Wir stellen Menschen vor, die den Sprung gewagt haben und auf der Insel leben. Heute: Petra Shannon Behr.

Shannon Behr in Irland

Shannon Behr lebt in Irland

Shannon Behr, 46 Jahre, lebt seit fast vier Jahren Jahren in Portmagee, im County Kerry. Shannon ist gelernte Krankenschwester, Heilerin, Seminarleiterin  und Tierheilpraktikerin und arbeitet als Therapeutin und Ausbilderin auf der Insel.

Shannon, warum lebst Du in Irland? Was hat Dich hierher geführt?

Ich hatte einen fünftägigen Kurzurlaub nach Kerry gemacht und mich Hals über Kopf in die Insel verliebt. Das Gefühl hierher zu gehören war so stark, dass ich, nachdem ich wieder in Deutschland gelandet war, sofort mit der Vorbereitung der Auswanderung begonnen habe.

Ist Dein Aufenthalt zeitlich begrenzt?

Nein.

Was machst Du beruflich und wie läuft es?

Ich arbeite seit über 20 Jahren als selbständige Krankenschwester, Heilerin, Tierheilpraktikerin und biete Seminare und Kurse an. Hier in Irland habe ich das “Kerry’s House of Health“ in Portmagee eröffnet und biete hier professionelle Therapien, alternative Heilmethoden für Menschen und Tiere (inklusive Dog Whisperer) und Seminare an. Viele Iren sind offen für alternative Heilmethoden, wenn auch die meisten die Massagen bevorzugen. Kunden aus Deutschland, der Schweiz und Österreich kommen zu Seminaren und genießen die mystische Insel (ich werde diese Angebote in Kürze ausbauen). Es läuft natürlich ruhiger, da die Einwohnerzahl viel geringer ist als in Ballungsgebieten, die Rezession ist auch spürbar, aber ich sehe der Zukunft weiterhin positiv entgegen.

Shannon bei der Arbeit mit Klangschalen

Hattest Du Probleme, Dich beruflich zu etablieren? 

Nein. Die Iren haben mich sehr offen und freundlich empfangen. Offener sogar als das kleine Dorf in Deutschland, wo ich zuvor wohnte.

Haben sich die Erwartungen an das neue Leben erfüllt? Wie gefällt es Dir heute?

Ich bin total glücklich hier. Ich habe erwartet, dass ich mich hier wohler fühlen würde, da Irland in mir, immer wenn ich her flog in der Vorbereitungsphase (1 bis 2 mal monatlich) ein ganz besonderes Gefühl geweckt hat. Und das erlebe ich jeden Tag aufs Neue.

Du engagierst Dich im Tierschutz? Was machst Du genau?

Shannon Behr in Irland

Shannon mit ihren Tieren

Ich hatte schon immer eine starke Verbindung zu Tieren und kümmere mich seit meiner Kindheit um sie. Vor einigen Monaten habe ich auf Facebook “Animal Rescue South Kerry” ins Leben gerufen und helfe heimatlosen Tieren, ein neues Zuhause zu finden und zu vermitteln wenn Tiere aus welchen Gründen auch immer abgegeben werden müssen. Ich nehme verletzte , kranke und hungernde Tiere mit nach Hause und päppel sie wieder auf (so kam ich zu meinen ersten irischen Tieren). Ich füttere sie, lasse sie kastrieren, spende Hilfsmittel, Futter, gebe Tieren ein Zuhause, bis sie vermittelt sind, und ich therapiere bei Erkrankungen und Verhaltensstörungen. Natürlich fehlt es total an Spenden.

Wie beurteilst Du die Lage der Tiere in Irland im Vergleich zu Deutschland? Liegt der Tierschutz hier tatsächlich im argen, wie man es immer mal wieder hört?

Ja. Es gibt schon auch verwöhnte Tiere hier, aber ich habe das nur sehr selten erlebt. Die Tiere werden großteils ziemlich schlecht behandelt, Kettenhaltung (viele Hunde leben ein ganzes leben lang angebunden ohne Zuwendung, nur um anzuschlagen), Unterernährung, fehlende medizinische Versorgung sind an der Tagesordnung. Kastrieren ist teurer als den Nachwuchs zu ertränken (was mich sehr traurig macht). Es gibt in ländlichen Gebieten keine Tierheime. Hunde werden nach fünf Tagen im Pound getötet. Die erste Rettungsstation, die ich besuchte brachte mich zum Weinen, es fehlt an allem.

Ich beurteile die Lage als sehr schlecht — und wenn ich sehe, wie viel Geld hier in Hunderennen und wie wenig in den Tierschutz fließt, ist das wie ein Faustschlag in den Magen.

Shannon lebt in Portmagee

Shannon lebt mit Familie in diesem Haus in Portmagee

Wie lebt es sich als Deutsche auf der Insel? Wie kommt Du mit der irischen Mentalität und mit den Menschen zurecht?

Ich sehe mich gar nicht als die „Deutsche“ — und keiner gibt mir ein negatives Gefühl, deutsch zu sein. Ich finde, es lebt sich sehr schön hier. Umgeben von solch einer fantastischen Natur, gibt es andauernd Anlass, sich hier wohl zu fühlen.

Die Mentalität der Menschen hat zwei Seiten. Man kann sich auf Aussagen etwa von Handwerkern nicht verlassen, denn ein :“ Ich komme morgen vorbei und kümmere mich darum“, verstehen wir anders. Der Handwerker kann durchaus Monate auf sich warten lassen. Dass kann extrem nerven wenn etwas Wichtiges zu erledigen ist. Andererseits kann man einen Gang runterschalten. Hier läuft die Uhr eben etwas anders und man kann sich daran gewöhnen. Es ist immer Zeit für einen Plausch, was auch sehr angenehm ist.

Welchen Hintergrund hat es, dass Du Dir einen neuen Vornamen gegeben hast?

Ich mochte meinen Namen nie besonders, und als die Iren ihn in verschiedenen Varianten aussprachen, war es für mich klar, dass ich ihn ändern muss. Somit wurde mein altes Passwort zu meinem Name. Aus Petra wurde Shannon.

Hast Du irische Freunde, einen Freundeskreis, gute Bekannte?

Ich mag den Small Talk beim Einkaufen, im Café. Ansonsten lebe ich doch recht zurueckggezogen. Ich habe Freunde und gute Bekannte.

Was magst Du besonders an Irland?

Die Landschaft, das Meer, die Energie.

Was magst Du nicht an Irland?

Die Dinge die mich hier stören, würden mich in anderen Ländern genauso stören.

Shannon Behr in Irland

Shannon liebt die Natur Süd-Kerrys

Dein Lieblingslied, Deine Irische Lieblingsband?

Ich vergesse immer gerne Titel. Ich mag die Live-Musik vor allen in den Pubs in Dingle. Bag Pipes , Geige usw. Momentan höre ich oft die CD Lumiere, das sind Éilís Kennedy und Pauline Scanlon. Ich liebe Pauline Scanlon’s  Stimme. Liam Ó Maonlai mag ich auch sehr, sein Koncert war „anders“, so viele Stimmen, von sanft bis verrückt.

Und Dein bevorzugter irischer Spruch / Sprichwort?

“Very easy“. Den hörte ich in den ersten Wochen in den Midlands immer, wenn ich nach dem Weg fragte, es klappte so gut wie nie mit der Beschreibung.

Was aus der „alten“ Heimat vermisst Du hier?

Da muss ich nachdenken. Manche Lebensmittel wie Brot, Quark und Erdnuss-Flips. Aber das wird immer seltener. Brot backe ich dann eben selber. Ein paar mehr Sonnentage.

Hat sich Dein Blick auf Irland in der Zeit, in der Du hier lebst, stark verändert?

Nein, ich bin noch genauso beeindruckt wie am ersten Tag. Ich bin ja die Monate bis zur Auswanderung immer wieder nach Irland geflogen. Ich habe das Wetter und die Menschen in allen Varianten erlebt. Auch wenn ich dem starken Impuls nach Irland zu ziehen sofort nachgegeben habe, bin ich trotzdem nicht blauäugig ausgewandert. Ich habe meinen herzkranken Vater, meine Teenager-Tochter, meine Pferde, Hunde und Katzen mitgebracht. Es war kein einfaches Köfferchen packen und hoffen, dass alles gut geht. Es war vieles zu bedenken.

Verändert hat sich, dass ich mir nicht vorstellen kann, noch einmal in Deutschland zu leben. Nur das Wetter ist schlechter geworden, was die schönen Tage noch wertvoller macht.

Leidest Du unter dem neuen Image der “hässlichen” oder der” übermächtigen Deutschen”  in Europa?

Das ist wohl total an mir vorbei gerauscht (irischer Einfluss). Also, kein Leid at all.

Wo steht Irland in zehn Jahren?

Oje? Gesundheitlich sehe ich Diabetes, Herzinfarkte ansteigen. Die Ernährung ist nicht sehr gesundheitsfördernd: Fett, Zucker, Alkohol, Fleisch. Finanziell wird es eher wieder besser gehen, und die Politik lasse ich mal ganz weg ;)

Würdest Du den Schritt nach Irland noch einmal tun?

Auf jeden Fall.

Vielen Dank für Deine Antworten, Shannon.

Mehr über Shannon und ihre Arbeit gibt es hier: www.kerryshouseofhealing.com und hier: facebook.com/AnimalRescueSouthkerry

Die Umgebung von Shannons neuer Heimat Portmagee hat landschaftlich viel zu bieten.

Mein Leben in Irland (12): Jürgen Denzinger

Auswandern, Ortswechsel, Neubeginn: Warum zieht es Deutsche (Schweizer und Österreicher) ausgerechnet nach Irland? Wie leben sie dort? Wurden ihre Erwartungen erfüllt, was gefällt ihnen, womit haben sie Probleme? Wir stellen Menschen vor, die den Sprung gewagt haben und auf der Insel leben. Heute: Jürgen Denzinger.

Jürgen Denzinger auf Irlandnews.comJürgen Denzinger (48) lebt seit 17 Jahren in Dungarvan im County Waterford. Jürgen ist gelernter Diplom-Verlagsfachmann und arbeitet als Reformhausbesitzer auf der Insel.

Jürgen, warum lebst Du in Irland? Was hat Dich hierher geführt?

Es gibt hauptsächlich zwei Gründe sein Heimatland zu verlassen. Der erste ist Arbeit und der zweite die Liebe. Bei mir war es letzterer. Ich habe meine Frau im Urlaub kennengelernt.

Ist Dein Aufenthalt zeitlich begrenzt?

In Irland nicht, ansonsten schon …

Du betreibst ein Geschäft in Dungarvan. Was machst Du und wie läuft es?

Wir betreiben seit 1995 ein Reformhaus (Health Store) und eine Heilpraxis für klassische Homöopathie (www.remedies.ie). Es läuft am liebsten gut … da wir schon eine ganze Weile dabei sind, haben wir alle Hochs und Tiefs mitgemacht. Unsere Kunden sind sehr treu und loyal. Unser Unternehmen versorgt meine Familie mit zwei Kindern angemessen. Seit 2005 habe ich eine Drachenecke in meinem Laden eingerichtet und verkaufe nebenher noch landesweit Lenkdrachen über meine Internetseite www.kites-ireland.com. Das ist aber eher mein Privatvergnügen …

Hattest Du Probleme, Dich als Geschäftsmann zu etablieren?  

Eigentlich nicht. Als wir unser Reformhaus eröffneten, gab es noch nicht sehr viele in Irland. Es ist ein anhaltender Lernprozess, der auch viel mit Aufklärung der Kunden über gesunde Ernährung zu tun hat. Eine Aufgabe, die viel Inhalt und Befriedigung mit sich bringt. Wenn es mir in 17 Jahren nicht gelungen ist, mich zu etablieren, schaff’ ich es wohl nicht mehr …

Haben sich die Erwartungen an das neue Leben erfüllt? Wie gefällt es Dir heute?

Ich habe nie zurückgeschaut. Ich habe alles, was ich mir wünschte, hier: Ein eigenes selbstgebautes Haus am Meer, zwei wunderhübsche Kinder, meinen Partner als beste Freundin, vier Pferde und einen irischen Setter.

Wie lebt es sich als Deutscher auf der Insel? Wie kommt Du mit der irischen Mentalität und mit den Menschen zurecht?

Bestens. – Obwohl ich Exilschwabe bin, fühle mich eher als europäischer Bürger. Meine Kinder sind gebürtige Iren und ich kann mir keinen besseren Platz in Europa vorstellen, um Kinder großzuziehen.

Hast Du irische Freunde, einen Freundeskreis, gute Bekannte?

Yep. Ich kann mich über mein soziales Umfeld nicht beklagen.

Was magst Du besonders an Irland?

  1. Lebensqualität und Freiraum
  2. Die Ruhe und Natur; Outdoor Aktivitäten
  3. Die Iren sagen einem immer, was man hören will.

Was magst Du nicht an Irland?

  1. Die Iren sagen einem immer, was man hören will.
  2. Korruption der Politiker / Stadträte etc.
  3. Wenig Kultur (ausser meiner Joghurts im Kühlschrank. – Ich muss lange fahren bis in die Schauspielhäuser in Cork oder Dublin.)

Was ist Dein “irisches” Lieblingsbuch?

Ich lese viel und mag Sinead O’Connor’s Bruder Joseph O’Connor. Er ist für mich der beste „junge“ Schriftsteller aus Irland. John Millington Synge – Aran Island and Connemara – habe ich gerade fertiggelesen, und sehr empfehlenswert ist auch Markus Feldenkirchens  “Was zusammengehört”.

Und Dein Lieblingslied, Deine Irische Lieblingsband?

Bothy Band und Danu aus Dungarvan. Ich bevorzuge irische Musik live!

Und Dein bevorzugter irischer Spruch / Sprichwort?

„Paper never refuses ink“ ;-)

Was aus der „alten“ Heimat vermisst Du hier? 

Stuttgarter Hofbräu und meine alten Schulkameraden. Aber so weit weg von Deutschland sind wir ja nicht.

Hat sich Dein Blick auf Irland in der Zeit, in der Du hier lebst, stark verändert? 

Nicht unbedingt. Aber es ist immer ein Unterschied, ob man in ein Land in Urlaub geht oder dort lebt.

Wie hast Du die fetten Celtic-Tiger-Jahre in Irland erlebt und wie den Absturz in die große Schulden- und Wirtschaftskrise? 

Jürgen´s Health Shop "Remedies"

Die irische Mentalität ist sehr angenehm, nach dem Motto: Live for today. In Irland herrschte seit der Ausrufung der Republik in 1916 hauptsächlich Rezession. Die Celtic-Tiger-Jahre sind wie eine Traumsequenz aus einem Hollywoodfilm. Es war absehbar, dass ein Boom, der sich nur auf einen Sektor der Wirtschaft, nämlich das Bauwesen stützt, nicht anhalten kann.

Zum ersten mal in Irland war ich ganz perplex, wieviel Zeit die Menschen sich nehmen, um sich gegenseitig zu helfen. Als ich einen Passanten nach dem Weg fragte, antwortet er: „Kein Problem, ich komme mit und zeige es Ihnen.” Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass diese Art von Zwischenmenschlichkeit, die während der Boomjahre verloren ging, nun langsam wiederkehrt und man sich auf mehr Beschaulichkeit und das „Wesentliche“ konzentriert.

Leidest Du unter dem neuen Image der “hässlichen” oder der” übermächtigen Deutschen”  in Europa?

Nein.

Wo steht Irland in zehn Jahren?

Wo steht die Humanität in 10 Jahren, wäre mir die wichtigere Frage.

Würdest Du den Schritt nach Irland noch einmal tun?

Jederzeit.

Danke für Deine Antworten Jürgen, alles Gute!



Mein Leben in Irland (11): Martin Mehner, Dublin

Auswandern, Ortswechsel, Neubeginn: Warum zieht es Deutsche (Schweizer und Österreicher) ausgerechnet nach Irland? Wie leben sie dort? Wurden ihre Erwartungen erfüllt, was gefällt ihnen, womit haben sie Probleme? Wir stellen Menschen vor, die den Sprung gewagt haben und auf der Insel leben.

Martin Mehner irlandnews.com

Martin Mehner (46) stammt aus Guben an der deutsch-polnischen Grenze. Seit 1996 lebt er in Irland. In Dublin betreibt der gelernte Elektriker und studierte Betriebswirt außer dem Computer-Geschäft “Marx Computers” auch einen Tee-Großhandel und das Tee-Geschäft “House of  Tea“. Darüber hinaus war er sieben Jahre lang Trainer der irischen Handball-Nationalmannschaft.

Martin Mehner, warum leben Sie in Irland? Was hat Sie hierher geführt?

Zum ersten Mal war ich 1995 im Urlaub hier, während des berühmten Jahrhundert-Sommers. Ich dachte mir: Schönes Land, nur ein bisschen teuer, Wetter gar nicht mal so schlecht, Leute angenehm, tolle Pubs … hier komme ich noch mal hin. Anfang 1996 steckte ich ein wenig in der Sackgasse. Ich hatte gerade mein Studium fertig, aber mit Geschichte und Betriebswirtschaft boten sich mir nicht viele Möglichkeiten. Zufällig stieß ich auf eine Anzeige der Computer-Firma Gateway, die für Irland Mitarbeiter für den Tele-Sales-Bereich suchte. Ich bewarb mich kurzerhand, und so kam ich nach Irland.

Hatten Sie sich den Schritt vorher gut überlegt?

Ich bin eigentlich jemand, der nicht groß vorausdenkt. Meine letzte Uni-Prüfung hatte ich an einem Dienstag, am Sonntag darauf flog ich hierher und fing am Montag an zu arbeiten. Das ging alles ziemlich schnell. Ich hatte kaum Zeit, großartig über meinen Schritt nachzudenken.

Martins House of Tea in Dublin

Inzwischen sind Sie ganze fünfzehn Jahre hier. War das anfangs so geplant gewesen?

Zu Anfang war der Aufenthalt durchaus zeitlich begrenzt. Wobei ich mich nicht auf ein oder zwei Jahre festlegen wollte. Aber dass es am Ende fünfzehn Jahre werden würden, das war so nicht geplant gewesen.

Welche Erwartungen hatten Sie damals und haben sich diese Erwartungen erfüllt?

Eigentlich hatte ich nur die Erwartung: Schauen wir mal, was dabei rauskommt. Es war ein wenig so, wie wenn man ins Kino geht und niemand einem vorher sagt, wie der Film ist. Man sitzt dann da und denkt: Hmm, hätte ich mich mal vorher informiert. Ich kannte Irland ja nur vom Urlaub. Viele Deutsche haben diesen romantisch-verklärten Blick auf Irland. Aber so ist Irland im täglichen Leben nicht. Und das hat sich ziemlich schnell herausgestellt.

Wie zum Beispiel?

Zum Beispiel, dass hier alles wesentlich teurer war. Aber nicht nur das. Das, was man für teures Geld kaufen konnte, besonders in den Neunzigern, war das Geld nicht wert. Das hat mich schon erstaunt. Strom war teuer, und man hauste für viel Geld in einer Hundehütte. Was diese negativen Erscheinungen aber übertünchte, ist das soziale Leben hier. Man findet relativ schnell Anschluss und, ich will nicht sagen Freunde, aber doch zumindest Bekannte. Vor allem wenn man jung ist. Aber ich kann jedem nur raten, sich vorher besser zu informieren.

Hat sich im Lauf der Zeit Ihr Blick auf Irland verändert?

Der hat sich gleich in den ersten Wochen verändert, aber das war zu erwarten gewesen. Im Prinzip hat sich mein Blick mehrfach verändert. Ende der Neunziger, als sich Irland aufraffte, wandelte sich alles zum Besseren. Die Infrastruktur wurde besser, das Warenangebot größer, Lidl kam und so weiter. Leute, die vorher ausgewandert waren, kamen wieder zurück und brachten eine neue Mentalität mit. Man achtete nun auf Qualität. Und weil die Nachfrage da war, wurde auch das Angebot deutlich besser.

2006, 2007 wandelte es sich zum Schlechteren. Alles drehte sich nur noch um Immobilien. Auf Dinnerpartys ging es nur noch darum, wie viel das eigene Haus wert war. Das ging mir gewaltig auf die Nerven. Dabei hätte jedem klar sein müssen, dass der Boom nur künstlich war und nicht ewig weitergehen konnte.

Inzwischen hat sich alles nochmal gewandelt. Die Leute sind viel bescheidender geworden. Sie besinnen sich wieder nur auf das, was sie wirklich brauchen. Und das muss zu fairen Preisen angeboten werden. Insgesamt sind die Lebenshaltungskosten gesunken. Das ist positiv.

Welche drei Dinge gefallen Ihnen besonders an Irland?

TeeDas Erste ist die Mentalität der Leute. Die Leute hier sind deutlich geduldiger, in vielen Bereichen toleranter und sozialer. Iren sind soziale Wesen. Das gefällt mir. Das Zweite ist die Landschaft. Man hat sehr viel und hat es relativ schnell. Es braucht nur eine halbe Stunde aus Dublin heraus, und man ist in einer anderen Welt. Seitdem die Autobahnen halbwegs gut sind, ist man relativ schnell im Westen, und der ist wirklich spektakulär. Und die dritte Sache ist meine Frau. Sie ist schottisch-irischer Abstammung. Wir haben uns hier kennengelernt.

 

Und welche drei Dinge gefallen Ihnen nicht an Irland?

Aktuell bezogen natürlich die Gesamtsituation. Speziell, wie das Land da rein geraten ist und wie es die Situation handhabt. Das stinkt mich ziemlich an. Die Leute, die dafür verantwortlich sind, kommen ungeschoren davon. Das ist einer der Gründe, warum ich derzeit darüber nachdenke, nicht länger hier zu bleiben. Ich sehe nicht ein, etwas ausbaden zu müssen, für das ich nichts kann, wo andere kläglich versagt haben und eine Inkompetenz an den Tag gelegt haben, die erschreckend ist.

Auf mein Geschäft bezogen ist mein größtes Problem, dass die Iren einfach nur ihren Tee trinken. Und das ist schwarzer Tee von Barry’s oder Lyon’s, und nichts anderes. Es ist sehr schwer, sie für andere Sachen zu interessieren. Im Deutschen sagt man: Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Und genauso ist das hier.

Die dritte Sache ist das schlechte Gesundheitssystem hier. Wenn man privat versichert ist, bekommt man vielleicht noch eine gute Behandlung. Aber wenn ich krank werde, lasse ich mich lieber in Deutschland behandeln.

Derzeit spielen Sie mit dem Gedanken, Irland wieder zu verlassen. Warum?

Martin Mehner in seinem Shop in Dublin

Das ist noch nicht ganz ausgegoren, aber an dieser Option arbeiten wir. Deutschland hat eine bessere Lebensqualität zu bieten, speziell angesichts der aktuellen Situation hier. Wie einem der irische Staat in die Tasche greift, das ist schon unverschämt. Ich kann mir gegenüber nicht mehr rechtfertigen, was von meinem Gehalt abgezogen wird. Gegen Steuern kann ich legal nichts machen. Aber ich kann das Land verlassen. Interessanterweise sind alle Deutsche, die ich in meiner Zeit hier kennengelernt habe, inzwischen wieder zurückgegangen.

 

Sie waren einmal Trainer der irischen Handball-Nationalmannschaft. Wie kam es dazu?

Man muss wissen, dass Handball hier eine absolute Randsportart ist. In der europäischen Rangliste ist Irland Schlusslicht, zusammen mit Ländern wie Albanien, Malta, Luxemburg oder Moldawien. Diese Länder sind nicht einmal für die Qualifikationsrunden zu den Europameisterschaften zugelassen. Ende der 1990er gab es in Irland das Bestreben, Handball ein wenig aus der Versenkung zu holen. 1999 wurde ich gefragt, ob ich nicht die National-Mannschaft trainieren wollte. Ich habe früher im Jugendbereich Handball gespielt. Dadurch hatte ich ein wenig Erfahrung mit Coaching. Nicht viel, aber immer noch mehr als die meisten hier. Und so wurde ich Trainer der Nationalmannschaft. Das war ich etwa sieben Jahre lang.

Mit Erfolg?

Ein klein wenig ist Irland in der Rangliste gestiegen, aber für die Qualifikation reicht es noch immer nicht. Es fehlen professionelle Strukturen, es gibt kein richtiges Vereinssystem und keine breite Basis. Man muss sich bewusst machen, dass Irland in etwa so viel Einwohner hat wie Berlin. Junge Spieler interessieren sich eher für die populären Sportarten wie Fußball, Rugby oder die gälischen Sportarten. Auch darf man nicht vergessen, dass die Iren recht kleinwüchsig sind. Das ist gut für Rugby, aber schlecht für Handball. Am Ende also kam bei der Sache nicht viel heraus. Aber ich habe es gerne gemacht und wir kamen ein wenig in Europa herum.

Wie kam es zu dem Tee-Geschäft?

2000 fing ich an, Tees zu importieren, hauptsächlich für Freunde oder für mich selbst. Das hat sich nach und nach zu einem Tee-Großhandel entwickelt. Den gibt es heute noch und er läuft auch recht gut. Ich sehe da nach wie vor großes Marktpotenzial. Das Tee-Geschäft „House of Tea“ gibt es seit 2007. Damals waren wir die Einzigen in Dublin. Inzwischen gibt es vier oder fünf Läden, die sich auf Tee spezialisiert haben.

Würden Sie noch einmal auswandern?

Ja, ohne wenn und aber. Ob es nun Irland ist, oder England oder woanders, ich kann jedem nur anraten, irgendwo hinzugehen. Jeder sollte mal raus aus seiner Glaskuppel und ein bisschen über den Tellerrand schauen, ob nun beruflich oder für die persönliche Weiterentwicklung. Den persönlichen Horizont zu erweitern, eine andere Sprache zu lernen und eine andere Kultur kennenzulernen – das ist für mich essentiell.

Das Gespräch führte Dirk Huck


Mein Leben in Irland (10): Doris und Achim Hoffmann, Bantry

Auswandern, Ortswechsel, Neubeginn: Warum zieht es Deutsche (auch Schweizer und Österreicher) ausgerechnet nach Irland? Wie leben sie dort? Wurden ihre Erwartungen erfüllt, was gefällt ihnen, womit haben sie Probleme? Wir stellen Menschen vor, die den Sprung gewagt haben und auf der Insel leben. 

 
Achim und Doris Hoffmann leben in Bantry, West Cork.
Doris und Achim Hoffmann leben seit zwölf Jahren in Toughraheen, Bantry, im County Cork. Doris ist gelernte Gartenbau-Ingenieurin und betreibt die Bio-Kräutergärtnerei “Peppermint Farm”. Achim ist gelernter Lehrer und Tischler. Er vertreibt heute Gewaechshäuser und Wintergärten auf der Insel.

Achim, warum lebt Ihr in Irland? Was hat Euch hierher geführt? 

Wir waren zwar nie die typischen deutschen Irland-Enthusiasten, aber bei ein, zwei vorhergehenden Besuchen in Irland gefielen uns Land und Leute, und der Gedanke war: Wenn aus Deutschland weggehen, ist Irland sicher keine schlechte Wahl.

Achim bei der Arbeit

Rein zufaellig entdeckten wir waehrend eines Urlaubs 1997 die jetztige “Peppermint Farm”. Obwohl das Anwesen in einem beklageswerten Zustand war, waren wir von der Anlage und der Umgebung mit ihrem tollen Ausblick begeistert und sahen in dem Ganzen Potenzial. Uns reizte, etwas daraus zu machen und ueberhaupt etwas ganz Neues anzufangen. Darueber hinaus war und ist es toll, viel Platz und Freiraum um einen herum zu haben.

Ist Euer Aufenthalt zeitlich begrenzt? 
Nein. Insbesondere eine Rueckkehr nach Deutschland ist nicht geplant.



Haben sich die Erwartungen an das neue Leben erfüllt? Wie gefällt es Dir heute? 

Die Erwartungen sind eher uebertroffen worden. Natuerlich ist man zunaechst unsicher, ob das ‚neue Leben’ tatsaechlich funktioniert. Aber offensichtlich haben wir Nischen gefunden, die uns ein angenehmes Leben ermoeglichen, wobei auch unerwartete glueckliche Zufaelle eine Rolle spielten. Darueber hinaus ist es nach wie vor wunderbar, auf der ‚Peppermint Farm’ und in West Cork zu leben.

Wie lebt es sich als Deutscher auf der Insel? Wie kommt Du mit der irischen Mentalität und mit den Menschen zurecht? 

Ich mag die irische Mentalitaet und die Leute. Ich mag die Freundlichkeit und das “Easy- going”. Selbst wenn man sich gelegentlich ueber Unzulaenglichkeiten beklagt (wenn man sich mit anderen Deutschen unterhaelt, ist das natuerlich ein Thema): Es ueberwiegen die positiven Elemente.

In diesem schönen Cottage leben die Hoffmanns
Habt Ihr irische Freunde, einen Freundeskreis, gute Bekannte? 

Wir haben sehr nette irische Nachbarn, einige enge Freundschaften haben sich in den Jahren aufgebaut (allerdings i.d.R. mit Deutschen) und Bekanntschaften haben sich entwickelt, wobei es sich hier nicht nur um Iren oder Deutsche handelt sondern auch um viele andere Blow-ins wie Englaender, Hollaender, Amerikaner.

Was magst Du besonders an Irland? 

Freundlichkeit und “Easy Going” der Iren.

Die wunderbaren Landschaften West Corks und darueber hinaus.

Die Moeglichkeit, buerokratischen Zwaengen noch weitgehend zu entgehen und sein eigenes Ding machen zu koennen.

Was magst Du nicht an Irland? 

Das immer noch unterentwickelte Umweltbewusstsein von vielen Einheimischen.

Einige politische und soziale Strukturen.

Da man sich ueber das Wetter 2010 nun wirklich nicht mehr beklagen kann, die Art und Weise wie die County Councils Strassenbau und –unterhalt betreiben.

Was aus der „alten“ Heimat vermisst Du hier? 

Dank Lidl, Aldi, Polnischer Shops und Local Producers bekommt man nun fast alles, was man fuers taegliche Leben gerne hat, vielleicht etwas zu teuer, und den Rest laesst man sich vom Kontinent liefern.

Der Ausblick von der Peppermint Farm auf das weite Land in West Cork

Hat sich Dein Blick auf Irland in der Zeit, in der Du hier lebst, stark verändert? Warum? 

Da ich Irland und die Iren nie von einer idealisierenden Position aus gesehen habe, eigentlich nicht. Der Hauptunterschied zum Anfang ist vielleicht, dass jetzt vieles Alltag geworden ist, allerdings passiert es mir gluecklicherweise noch oft, zum Beispiel, wenn ich zu einem Job fahre und an einem besonders schoenen Ort vorbeikomme, dass ich anhalte, einen Kaffee trinke und mir sage: Was bist Du doch fuer ein Glueckspilz hier leben zu koennen.

Würdest Du den Schritt noch einmal tun? 

Ja.

In Doris Kräutergarten



 
Mehr Informationen über Doris und Achim Hoffmann gibt es auf deren Website: 
 
www.peppermintfarm.com . Sie können auch per E-Mail erreicht werden: info@peppermintfarm.com .







PS: Wie Manuela, Madeleine, Peter, Wolfgang oder Bodo in Irland leben? Alle Links zur Serie “Mein Leben in Irland” finden Sie in der rechten Randspalte. 

Mein Leben in Irland (9): Wolfgang Graef, Selbstversorger

Auswandern, Ortswechsel, Neubeginn: Warum zieht es Deutsche (auch Schweizer und Österreicher) ausgerechnet nach Irland? Wie leben sie dort? Wurden ihre Erwartungen erfüllt, was gefällt ihnen, womit haben sie Probleme? Wir stellen Menschen vor, die den Sprung gewagt haben und auf der Insel leben. 

Wolfgang Graef (38), auch bekannt als Irlandwolfi, lebt seit 2007 in Irland im County Kildare. Der gelernte Elektroniker und Medizinprodukteberater arbeitete zuletzt als Technical Supply Chain Manager bei einer irischen Firma. Seit Ende 2008 lebt Wolfgang als Farmer, Selbstversorger und Outdoor-Trainer auf der Blackhall Farm in Baile an Chalbhaigh.
Wolfi, warum lebst Du in Irland? Was hat Dich hierher geführt?
Abenteuer – wir wollten nicht gelangweilt dahin vegitieren. Raus aus Deutschland, um den Horizont zu erweitern.

Wolfis Blackhall Farm


Ist Dein Aufenthalt zeitlich begrenzt?
Lass es mich so formulieren: I don’t have a fecking clue… wegen dieser tollen Krise weiß man ja nie, wo man noch hin muss. 

Haben sich die Erwartungen an das neue Leben erfüllt? Wie gefällt es Dir heute?
Die Weltwirtschaftskrise hat einen Strich durch meine beruflichen Ambitionen gemacht, außerdem das Verständnis von „Vertrieb“ hier in Irland. Mir gefällt es in meinem neuen Leben gut – mittlerweile bin ich Selbstversorger, Outdoor-Trainer, Farmer, Fishing Guide, Simplicity Fan und Tierzüchter. Der Weg zurück nach Deutschland dürfte damit verschlossen sein, da wohl sehr wenige Personalchefs meinen Schritt in beruflicher Hinsicht als seriös einstufen werden.

Wie lebt es sich als Deutscher auf der Insel? Wie kommst Du mit der irischen Mentalität und mit den Menschen zurecht?

In der Stadt musste ich mal Tacheles reden, als uns der Briefkasten weggesprengt wurde. Irische Mentalität auf dem Lande: Das ist gar kein Problem, wesentlich besser als in Deutschland. Nachbarschaftshilfe lebt hier noch. Man wollte uns zum Beispiel mal das Eiergeld aus der Eierbox stehlen (1,20 Euro). Das Problem wurde von den Nachbarn elegant gelöst, und durch deren geschickt gewählte Praeventivmaßnahmen ist es nie wieder vorgekommen. Im Bezug auf Deutschsein: Wo würde es enden, wenn wir hier alles deutsch haben wollten, in einem “Deutschland 2″? Da könnten wir dann auch im alten Deutschland bleiben.

 Ein Blick hinüber zu den Nachbarn.

Hast Du irische Freunde, einen Freundeskreis, gute Bekannte?
Nur irische Freunde und Bekannte, vier Fünftel der deutschen Freunde, die hier lebten sind wieder zurueck in Deutschland.

Was magst Du besonders an Irland?
Den Nationalstolz der Iren.
Es wird hier lockerer gelebt.
Die Iren.

Wolfgang unterwegs mit Hund.

Was magst Du nicht an Irland?
Vergiftete Adler in Kerry.
Vergiftete Adler in Kerry.
Vergiftete Adler in Kerry.

Was aus der „alten“ Heimat vermisst Du hier?
Gar nix – naja, vielleicht die Feldwege. Das was fehlt, wird selber gemacht, basta!

 Wolfis Garten im County Kildare. 

Hat sich Dein Blick auf Irland in der Zeit, in der Du hier lebst, stark verändert? 
Ich versteh die Iren jetzt halt besser – sprachlich wie auch von der Mentalität.
Würdest Du den Schritt noch einmal tun?
Leben kann man nur vorwärts – Leben verstehen geht auch rueckwaerts. In Hinblick auf die Staatsverschuldung und die Reglementierungen in Deutschland denke ich: Ja.


Du lebst als Selbstversorger. Wie geht das genau?
Selbstversorgung hat viele Facetten und Aspekte in sämtlichen Lebensbereichen. Das Ziel ist dabei immer, sich möglichst unabhängig von der Umwelt zu machen. Das beginnt mit der Herstellung der Nahrung und endet mit dem größtmöglichen Verzicht auf teure Technologie. 

Wieviel Geld brauchst Du als Selbstversorger im Monat?
Keines bis maximal 300 Euro, je nachdem wie weit Du entwickelt bist, was Du an laufenden Kosten hast und wie gesund Du bist. 


Wie fängt man am besten als Selbstversorger an?
Es gibt heute gute Kurse und jede Menge Litaratur darüber, wie ich mein Gemüse anbaue, wie ich Kaninchen züchte, Käse zubereite, mich von der öffentlichen Wasserversorgung ankoppele oder wie ich ohne Strom leben kann. Auf meinem Blog findet man dazu jede Menge Material.  

Und ansonsten, eine Message für die Leute?
Ja, klar: Buy local and support your local community. Kauft im Ort und untersützt Eure Gemeinde. Und für alle Kontinental-Europäer: Ihr könnt zu uns auf die Farm kommen zum Fischen, zum Lernen, wie man sich selber versorgt, zum Outdoor-Training, oder einfach nur, um Euch zu entspannen und Ferien zu machen. 

Mehr Informationen über Wolfgang und seine interessanten Selbstversorgungsprojekte  gibt es hier: http://irlandwolfi.blogspot.com/

Mein Leben in Irland (8): Manuela Goeb, Bäckerin

Auswandern, Ortswechsel, Neubeginn: Warum zieht es Deutsche (auch Schweizer und Österreicher) ausgerechnet nach Irland? Wie leben sie dort? Wurden ihre Erwartungen erfüllt, was gefällt ihnen, womit haben sie Probleme? Wir stellen Menschen vor, die den Sprung gewagt haben und auf der Insel leben.
 
Manuela Goeb (48) lebt seit 6 Jahren in Kenmare, County Kerry. Manuela ist gelernte Krankenschwester und arbeitet heute als Bäckerin auf der Insel. Ihre Brote und Backwaren sind weit über die Grenzen Kenmares hinaus bei Kontinental-Europäern und Iren beliebt. 
Manuela warum lebst Du in Irland? Was hat Dich hierher geführt?
Vor mehr als 20 Jahren verliebte ich mich während einer Radtour in das Land und in die Leute, da entstand der Wunsch, in Irland zu leben. Zwischen dem „falling in love with the country“, und dem wirklichem Entschluss, hier zu leben und den Schritt zu wagen, lagen dann doch noch einmal fast 15 Jahre. Ich wollte allerdings niemals mehr als Krankenschwester arbeiten, so überlegte ich mir, was ich im Irland-Urlaub am meisten vermisste. Das war eindeutig: gutes Brot. Daher kam der Entschluss, eine Bäckerei zu eröffnen. So gründete ich 2004 “The Breadcrumb – bakery and pastry-shop” in Kenmare.
 
Leckeres aus der Bäckerei “The Breadcrumb” in Kenmare
 
Ist Dein Aufenthalt zeitlich begrenzt?
Zeitlich begrenzt nur dahin gehend, dass unser Leben endlich ist. Ich werde niemals mehr zurück nach Deutschland gehen, so hoffe ich, mein Leben in Irland zu fristen – abgesehen von einem längeren Abstecher eventuell nach Italien. The Breadcrumb wird es allerdings hier weiterhin geben.
Haben sich die Erwartungen an das neue Leben erfüllt? Wie gefällt es Dir heute?
Am Anfang war es natürlich schwer, die „weissbrot-verwöhnten“ Iren an richtig gutes Brot zu gewöhnen, aber steter Tropfen höhlt den Stein – es hat geklappt und ich zähle auch sehr viele Iren zu meinen Kunden. Ich liebe die Freiheit, die Natur, das Land und die Leute. Wie in jedem anderen Land gilt es ab und zu Hürden zu überwinden und Problemen zu begegnen, sprich Lösungen zu finden – das macht das Leben sehr interessant – aber noch interessanter in Irland.
Manuelas Marketing-Konzept :-)
Wie lebt es sich als Deutsche auf der Insel? Wie kommst Du mit der irischen Mentalität und mit den Menschen zurecht?
Ich habe keine Probleme, als Deutsche auf der Insel zu leben. Ich liebe die irische Mentalität, den Humor und die Leichtigkeit, mit der Iren leben – ganz im Gegensatz zu uns Deutschen.Als Geschäftsfrau hat es mich allerdings auch schon das eine oder andere Mal in die Verzweiflung getrieben, wenn ich dringend einen Elektriker benötigte und ich nie wirklich wusste, was „see you later“ eigentlich meint – Stunden, Tage, Woche? Aber es klappt dann schon immer – take it easy. Wie „wir“ Iren sagen – could be worse!
 
 Objekt der Begierde: Laugenbrezeln wie bei Bäcker Müller
 
Hast Du irische Freunde, einen Freundeskreis, gute Bekannte?
Ich habe seit vielen Jahren sehr gute irische Freunde in Dingle, Kenmare und West-Cork.
Bedingt durch mein Geschäft komme ich natürlich mit vielen Leuten in Kontakt, woraus sich schon die eine oder andere Freundschaft entwickelt hat. Schwieriger ist es für mich dann manchmal, wegen Zeitmangel, diese Freundschaften auch regelmässig zu pflegen – aber richtige Freunde haben auch hierfür Verständnis. Ich habe natürlich nach wie vor meine Freunde in Deutschland – die mich auch regelmässig besuchen kommen. Ob das wohl am Land liegt?.
Was magst Du besonders an Irland?
Die Leichtigkeit des Seins.
Den Humor.
Die Natur.
Schneckennudeln, eine Spezialität der Bäckerei “The Breadcrumb” 
 
Was magst Du nicht an Irland?
Dass Irische Produkte in Deutschland billiger sind, als in Irland, zum Beispiel Käse, Butter, Whiskey.
Dass jeder, der einen Schraubenzieher halten kann, behauptet, ein Mechaniker, Schreiner, Elektriker zu sein, sprich die Handwerks-Qualität.
Drei Wochen weniger Regen wären manchmal auch ganz schön.
Was aus der „alten“ Heimat vermisst Du hier?
Eine richtig gute Bratwurst – aber dank Lidl wird auch dieses Verlangen ab und zu befriedigt. Die Handwerks-Qualität, die in Deutschland wohl unschlagbar ist.
Hat sich Dein Blick auf Irland in der Zeit, in der Du hier lebst, stark verändert?
Viele Leute sehen Irland natürlich als romantisches Urlaubsland und sind überwältigt von der Schönheit und der Gastfreundschaft der Leute – aber der Alltag schlägt natürlich, wie in jedem Land zu, sobald du hier lebst und arbeitest. Es sieht von außen immer sehr easy-going aus, aber in Wirklichkeit hat auch Irland Bestimmungen, Vorschriften und Bürokratie.
 
 Manuelas Firmenauto vor der Bäckerei 
 
Würdest Du den Schritt noch einmal tun?
Auf jeden Fall: Wenn wir etwas Aussergewöhnliches erleben wollen, müssen wir etwas Aussergewöhnliches dafür tun. Ich liebe es, hier zu leben. Life is short!
Und ansonsten?
Ich würde mir wünschen, dass wir Deutsche uns eine schöne Scheibe von dieser Leichtigkeit und Sorglosigkeit, die in den Iren lebt, abschneiden könnten und wirklich viel gelassener werden. Die Iren tanzen, musizieren, treffen sich in Pubs und warten nicht, wie in Deutschland, bis sie die Rente erreichen, um dann anzufangen ihr Leben zu geniessen.
 
Mehr Informationen zu Manuela und ihrer Bäckerei in der New Road von Kenmare gibt es hier: www.thebreadcrumb.com

Mein Leben in Irland (7):Madeleine Calaido Weber, Fotografin

Auswandern, Ortswechsel, Neubeginn: Warum zieht es Deutsche (auch Schweizer und Österreicher) ausgerechnet nach Irland? Wie leben sie dort? Wurden ihre Erwartungen erfüllt, was gefällt ihnen, womit haben sie Probleme? Wir stellen Menschen vor, die den Sprung gewagt haben und auf der Insel leben.

Madeleine und ihr Zirkus-Hund “Juni”



Madeleine Calaido Weber lebt seit sieben Jahren in Cahersiveen, County Kerry. Madeleine ist gelernte Grafik-Designerin und mehrfach ausgezeichnete Natur-Fotografin und arbeitet als Freelancer auf der Insel.

Madeleine, warum lebst Du in Irland? Was hat Dich hierher geführt?
Der Regen ( :
Meine Fotografie-Design-Diplomarbeit hatte zum Ziel, die Schönheit von Regen zu manifestieren und die menschlichen Gefühle und Beziehung zu Wasser zu dokumentieren. Irland lag klar auf der Hand. Ich reiste 5 Wochen durch Irland, und Kerry hielt mich in Atem – ebenfalls die 4 Wochen anhaltene Hitze-Periode.


Ist Dein Aufenthalt zeitlich begrenzt?
Nein.


Eine kleine Auswahl von Madeleines Fotografien:


Haben sich die Erwartungen an das neue Leben erfüllt? Wie gefällt es Dir heute?
Ich war in tiefer Sehnsucht nach einem Leben mit und in der Natur. Ich brauche sie – sie ist das schönste Wesen, um das ich weiß.
Blick auf Cahersiveen von Valentia aus.  Photo: Madeleine Weber

Wie lebt es sich als Deutsche auf der Insel? Wie kommt Du mit der irischen Mentalität und mit den Menschen zurecht?

Nun, die Wertigkeit von Zeit und das Bedürfnis nach “Präzision” mußte ich anpassen. Ansonsten liebe ich den irischen Humor, die Neugier und die “Das-wird-schon” Gelassenheit vor Ort. Wann immer ich in Berlin bin, vermisse ich den Zeigefinger-Faher-Gruß oder das genuschelte “How are you” des Vorbeigehenden und gebe nach dem zehnten nicht erwiderten Gruß hoffnungslos auf. Aber dieses ist sicherlich ein Phänomen von Kerry und den irischen Dorfgemeinschaften – ich mag es sehr.
Ich halte mich von politischen Vergangenheitsdiskussionen fern und habe bereits 130 mal die Geschichte des Mauerfalls erzählt (erzählen müssen) und weiß um jeden Deutschen in der Blutlinie meiner Kleinstadt (unfreiwillig). Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich die Iren sehr sympatisch finde. Am meisten mag ich jedoch die uralten Knollnasen-Iren, die noch all die mystischen Geschichten kennen. Keiner kann so erzählen wie sie und keiner ist mehr so verbunden mit dem Naturgeist wie diese.


Hast Du irische Freunde, einen Freundeskreis, gute Bekannte?
Weniger. Ich finde es schwierig, mich mit Gleichaltrigen hier vor Ort zu verbinden. Mein Freundeskreis besteht hauptsächlich aus anderen Einwanderern anderer Nationalität. Ich stehe allerdings in freundlicher Verbindung mit meiner Stadt und war immer willkommen vom ersten Tag an. Die tiefsten Beziehungen habe ich zu anderen Künstlern vor Ort, weil uns das Gleiche anzog oder hierher verschlagen hat.

Was magst Du besonders an Irland?
Das Wetter (ja wirklich) und das Meisterstück Natur.
Irischen Humor und Gelassenheit.

Es lebe die Bauernschlauheit.



Was magst Du nicht an Irland?


Die irische Küche.


Die Alkoholobsession und den Inselzuschlag auf alles.



  

Was aus der „alten“ Heimat vermisst Du hier?


Nichts!



Hat sich Dein Blick auf Irland in der Zeit, in der Du hier lebst, stark verändert? 


Ja. Ich bin als Tourist hier gelandet, mit Geld und Sicherheit im Gepäck, einem immer vollgetankten brandneuen Mietwagen und dem Luxus, alle Aufmerksamkeit der Schönheit der Inselnatur zu widmen. Es ist eine ganz andere Geschichte, wenn man auf die Insel zieht und überleben muss. Arbeiten 7 Tage die Woche, den Strand vor der Tür und keine Zeit, die wahre Attraktion von Irland zu genießen. 


Let’s face it – es ist Luxus, den alten Kelten nachzujagen, an Klippen den Sonnenuntergang zu genießen und sich abends im Pub unters Volk zu schmeißen. Das Essen und die Miete müssen genauso bezahlt werden wie in Deutschland. Obwohl ich die Iren als sehr freundlich und offen gegenüber Ausländern empfinde, werden sie doch für einen Flyer lieber den vierzigsten Cousin mit der selbstständigen Agentur fragen als einen Zuwanderer. 

Madeleine bei der Arbeit 


Wie konntest Du Dich beruflich integrieren und behaupten?

Ich wurde ein Jahr lang beobachtet und meine Arbeitsqualität wurde getestet. Als ich den Test bestand, wurde ich wahrhaft mit offenen Armen empfangen und habe das Glück, viele Aufträge zu erhalten, basierend auf meinen etablierten sehr guten Ruf und der Kundenzufriedenheit, die sich schnell herumspricht. Als ich 2005 mit meiner Fotografie “peace” den renommierten AIB Bank Calender Contest gewann, half dies ebenfalls, Integrität zu finden. 

“Peace” – Killarney Lakes mit Ruderboot. Photo: Madeleine Weber

 Mein XXL Panorama Kalender für 2010 “Die Grüne Küste Irlands” war in wenigen Tagen ausverkauft. Es besteht eine große Nachfrage und Sehnsucht nach Magie – und die irische Natur ist deren Verkörperung. Mein Photoblog ist sehr gut besucht und ich bekomme Druckanfrangen und berührende Nachrichten aus der ganzen Welt. Ich gebe auch Einzelunterricht für Amateure und Semi-Professional Fotografen, die ihre eigenen Fotokünste verbessern wollen.

Old Barracks Cahersiveen mit Sonnenaufgang.  Photo: Madeleine Weber

Was gefällt Dir an Deiner Arbeit am meisten?

Ich habe das Glück, dass Naturfotografie ein Teil meines Jobs ist. Mittlerweile kann ich es gut ausbalancieren und bin jeden Tag im irischen Busch unterwegs – ein Segen, so wie ich das betrachte. Man sieht mich selten in der Stadt, man findet mich auf Bergen, an den Klippen und im Wald – Tag und Nacht – mit der freudigen Beschäftigung Irlands Magie zu erkennen, einzufangen und zu teilen.



Würdest Du den Schritt noch einmal tun?

Immer wieder.



Madeleine publiziert den Photo-Blog  www.calaido.blogspot.com 
Ihre Website: www.calaido.com

Mobile: +353 (0)85 7803273

Slider by webdesign