Das jüngste Gericht für Truthahn und Gans

Kennen Sie den rührseligen Mercedes-Werbespot zu Weihnachten 2010? Mit Mercedes fährt selbst die Weihnachts-Gans gans sicher und rettet ihr Leben – zwar nicht in der Wirklichkeit aber immerhin in der Phantasie der Werbefritzen. Derweil kommt in deutschen Wohnstuben an den Weihnachtsfeiertagen für einige Millionen Gänse nach zwölf Wochen qualvoller Mast das jüngste Gericht. Doch die Fraktion der Vegetarier wird lautstärker und meldet sich in diesem Jahr unter anderem mit der Aktion “Es lebe die Gans” und einem skurrilen Aktionsfilmchen zu Wort (zu sehen ganz unten in diesem Beitrag). 
In Irland lebt die Gans kurz vor Weihnachten weniger gefährlich, doch das liegt nur daran, dass sich die Iren zum Fest bevorzugt einen dicken Truthahn in die Röhre schieben. Turkey-cide – diese Tage enden für den irischen Truthahn in der Regel tödlich. Der “Turkey” ist der irische Weihnachtsschmaus. Ohne Truthahnbraten empfinden die meisten Iren Weihnachten als mäßig gelungen bis misslungen.
Während Großstädter sich den maschinell enthaupteten Truthahnbraten ofenfertig vorbereitet und gestopft bei SuperValue oder SuperQuinn abholen, ist die Vorbereitung des Festtagsbratens auf dem Land meist noch mit Arbeit verbunden. Zwei, drei Tage vor dem Fest wird die Luft dann meistens dünn für die plump-fleischigen Vögel, deren Leben meist nur einige Monate dauert. Dann kommt der Bauer mit Holzscheit und abwaschbarer Schürze, und das letzte Stündchen hat geschlagen. Nach dem Rupfen hängt der Truthahn zwei Tage kühl, mit Kopf nach unten, bevor er sich für die Bratröhre qualifiziert.
Der fertige Braten (Foto oben) stammt aus dem BBC-Kochstudio. Unsere anderen Fotos entstanden im vergangenen Jahr in einer Bauernstube in West Cork kurz nach der Schlachtung und auf einem Bio-Bauernhof hoch in den Bergen, der in diesen Tagen wieder 80 selber aufgezogene Truthühner in Richtung Kochtöpfe schickt. Der blutbefleckte Farmer erzählte uns, es hilft, wenn man den Tieren erst gar keinen Namen gibt, und eine Bäuerin stöhnt über die viele Arbeit, über die Verdorbenheit der Kunden, die nur noch Truthühner akzeptierten und über die große Ruhe, die sich über die Farm gelegt hat, nachdem der letzte Truti ausgegluckst hatte . . .
Hunderte Mllionen Chinesen und Inder kommen derweil auch zunehmend auf den Geschmack und wechseln von eher vegetarischer Kost zu Fleisch und Geflügel. Die globalen Aussichten für die polnische Mastgans, die Ente aus Peking und das Rindvieh aus der argentinischen Pampa sind also eher schlecht. Nur im Westen des blauen Planten, im alten Europa und in den USA, dem Land mit den meisten gemästeten Menschen weltweit, regt sich mehr und mehr Sympathie für unsere gefiederten und vierbeinigen Freunde. 
Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer hat in diesem Jahr ein bemerkenswertes Buch über die westliche Parade-Disziplin “Fleischessen” geschrieben: “Tiere essen”.  Ein Buch, das weder hetzt noch zetert, sondern ganz sachlich die uralte Praxis des Menschen  analysiert, sich durch Töten am Leben zu halten. Natürlich wirft Safran Foer am Ende auch die Frage auf, ob es gelingen kann, die westlichen Vorlieben von Steak, Rinderfilet und Putenbrust bis zum Züricher Kalbsgeschnetzelten zu globalisieren und sechs, sieben oder acht Milliarden Menschen mit getötetem Tier zu ernähren. 
Jonathan Safran Foers Buch gibt es hier:
    
Über Markus Bäuchle

Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus kann man in Irland wandern gehen: www.irland-wandern.de
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Kommentare

  1. Frohe Weihnachten nach Irland, sendet
    Tina aus Ingolstadt

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