Trübes Wasser in Politik und Kläranlagen

Wasser in Irland_by_Markus BäuchleHeute hat es sich ausgewulfft und wir sinnieren über die Politik: Von einem Politiker erwartet man gemeinhin, dass er sich zuerst um das Gemeinwohl kümmert und dann um das eigene Wohlergehen — und dass er dabei genügend Beziehungs-Hygiene an den Tag legt. Zumindest in Deutschland. In Irland ist es wohl so, dass die hohen Ansprüche an Politiker erst gar nicht gestellt werden. Erfüllt werden sie dann konsequenterweise auch nicht.

Irland lebte 15 Jahre lang in Wohlstand, manche sagen, in Saus und Braus. Viele Taschen füllten sich in der Zeit mit beträchtlichen Summen, auch die von Politikern, doch am sogenannten Gemeineigentum, an der öffentlichen Infrastruktur, ging der große Geldsegen vergleichsweise spurlos vorüber. Die Beteiligung privaten Eigentums an der Bewältigung öffentlicher Aufgaben hat nicht funktioniert, weil der politische Wille und der Wille der Politiker dazu fehlte.

Reden wir jedoch nicht schon wieder von kaputten Straßen und maroden Krankenhäusern. Reden wir von den Kläranlagen: Die irische Umweltbehörde EPA hat jetzt mitgeteilt, dass 46 Prozent der kommunalen Kläranlagen im Land nicht richtig funktionieren. 46 Prozent, also fast jede zweite der vorhandenen Anlagen erfüllen die europäischen Richtlinien nicht. Erschwerend kommt hinzu: Zehnttausende Häuser im Land sind gar nicht erst an das Abwassernetz angebunden, weil es auf dem Land vielerorts gar keines gibt. Mancherorts an der Küste wird noch immer das Meer mit der Kläranlage verwechselt, und in zahlreichen Gärten schaut irgendwo das Rohr der Hausklärgrube aus dem Boden.

Noch vor kurzem wollte die Regierung die Funktionsfähigkeit der Jauchegruben, Verzeihung, Hauskläranlagen im Land kompromisslos prüfen und die Hauseigentümer im (oft vorliegenden) Zweifelsfall zur Sanierung zwingen. Dann fanden die Regierenden heraus, dass man sich erstmal das Wissen verschaffen muss, wo es Klärgruben gibt und wie viele, zudem, dass das Grummeln der Landbevölkerung bedrohlich lauter wurde. Also hat man einen Rückzieher gemacht und beschränkt sich nun zuerst einmal auf Stichproben.

Damit eröffnet sich die Regierung gleichzeitig die Chance, ein Vorbild für die Menschen “draußen im Lande” zu sein und erst vor der eigenen Tür zu kehren: Bevor sie den privaten Jauchegrubenbesitzern auf die Pelle rückt, könnte sie ihre eigenen Anlagen in Ordnung bringen.Um die öffentliche Aufgabe der Abwasserreinigung ordentlich zu bewältigen, müsste der Staat laut Irish Times allerdings 500 Millionen Euro in Modernisierung und Komplettierung stecken. Zuviel wohl, um (in Rezessionszeiten wie in prosperierenden Zeiten) Vorbild zu sein.

 

Droht Irland eine Mistgabel-Revolution?

Dublin Irland

Dublin — Hort der Ruhe und des sozialen Friedens?

Was ist der Unterschied zwischen Athen, Lissabon und Dublin? Athen brennt. Lissabon zündelt — und in Dublin macht der Letzte das Licht aus, bevor er geht.

Die Welt wundert sich derzeit über die ach so friedfertigen Iren, die sich so mustergültug abmelken lassen, die die Zeche für die Zocker-Banken zahlen, ohne mit der Wimper zu zucken oder mit dem Pflasterstein zu drohen. Sind Mary und Paddy von der Insel wirklich so verantwortungsvoll und friedfertig oder sind sie nur bequem, resigniert, gleichgültig oder ganz einfach verschwunden?

Viele Beobachter betrachten die anhaltende Auswanderungswelle als das entscheidende Ventil, das ernsthafte soziale Konflikte in Irland erst gar nicht aufkommen lässt. Sicher, die geschätzt 1000 Menschen, die jede Woche ihre Heimat verlassen, um in Kanada, Australien, England oder Neuseeland eine Zukunft suchen, werden sichererlich keine Proteste anzetteln und Demonstrationen anführen.

Vielleicht aber erwartet die mediale Welt von den Kuschel-Paddies auf der Insel nichts anderes als mustergültiges Wohlverhalten und nimmt nicht zur Kenntnis, wie  viele Iren auf ihre eigene Weise ablehnend auf die finanziellen und sozialen Zumutungen von EU, IWF und eigener Regierung reagieren. Ralf Sotscheck, der Korrespondent der Tageszeitung taz, der seit vielen Jahren in Irland lebt, beobachtet dieses Reaktionen genauer als die meisten Kollegen und schreibt gestern:

“Der Widerstand ist leise. Während die irische Regierung von der Troika aus Internationalem Währungsfonds, Europäischer Kommission und Europäischer Zentralbank als Musterknabe gelobt wird, weil sie die ihr aufgezwungenen drastischen Sparmaßnahmen klaglos umsetzt, verweigert ihr die Bevölkerung den Gehorsam.

Die Troika hat den Iren eine Haushaltssteuer auferlegt, die von jedem Hausbesitzer bezahlt werden soll, deren Höhe aber noch nicht feststeht. Da Hauseigentum in Irland traditionell verbreiteter ist als in anderen Ländern der Europäischen Union, trifft diese Steuer nicht nur die Reichen, sondern vor allem die unteren Einkommensschichten, deren Häuser ohnehin mit hohen Hypotheken belastet sind.

In Irland gibt es keine Meldepflicht, und so muss die Regierung erst mal Daten sammeln, um die Steuer eintreiben zu können. Seit Anfang des Jahres sollen sich die Hauseigentümer registrieren, Ende März läuft die Frist ab. Bis jetzt haben sich keine 5 Prozent gemeldet. Sollten die Drohungen bis zum Schluss nicht fruchten, müsste die Regierung mehr als eine Million Menschen vor Gericht zerren. Die Kosten dafür wären höher als die Einnahmen durch die Steuer.”

Stiller Protest also. Ziviler Ungehorsam gar? Dublin jedenfalls bleibt fürs Erste ein Hort der Ruhe. Auf dem Land allerdings, in den kleinen Gemeinden weitab der Hauptstadt und der Regierung, wo man sich schon immer benachteiligt fühlt, rumort es gewaltig. Neue  Steuern und Abgaben, die angedrohte oder bereits erfolgte Schließung oder Verkleinerung von Krankenhaus-Stationen, Schulen, ländlichen Polizeiposten, die Kürzung von Sozialhilfe und anderen sozialen Wohltaten, lassen viele Menschen langsam zu Wutbürgern mutieren.

Am meisten bringt die Landbevölkerung auf die Palme, dass nun in der großen Krise auch noch Wasser- und Abwassergebühren sowie eine neue Grund- und Wohnbesitz-Steuer eingeführt werden sollen und dass die Regierung androhte, ab 2013 flächendeckend auf die Sanierung von hunderttausenden (schlecht funktionierenden) Klärgruben im Land zu drängen. Man sieht hier nicht ein, warum man den Staat bezahlen soll, wo er sich mit seinem auf Dublin fixierten Service auf dem Lande traditionell stark zurück hält.

Viele Menschen “in der Fläche” müssen sich selber darum kümmern, woher sie ihr Trinkwasser bekommen und wohin die Abwässer fließen. Sie fahren auf schlechten Straßen,  und wissen nicht, ob sie im Notfall lebend im viele Kilomter entfernten nächsten Krankenhaus ankommen. Und dann soll man zu allem Überluss auch noch  5000 oder 10.000 Euro für eine neue Sickergrube lockermachen, nur damit sich die geldknappen Behörden neue Einnahmen besorgen wollen. So und ähnlich tönt es derzet in den Versammlungen wütender Land-Iren.

Wie sagte Nachbar Patrick kürzlich: “Wenn wir hier Revolution machen, dann wegen der Sch***gruben”. Droht Irland also der Aufstand der Provinz, eine Mistgabel-Revolution? Die Regierung jedenfalls zeigt sich schwer beeindruckt vom Grummeln in der Provinz und hat ihre “Septic-Tank-Sanierungs-Pläne” erst mal wieder drastisch entschärft.

Gierige & wahnsinnige Iren verursachten Crash!?

Irlands Ministerpräsident Enda Kenny lässt es sich gerade in Davos gut gehen uns hat zuhause auf der Insel eine ganze Menge Menschen gegen sich aufgebracht. Auf dem Weltwirtschaftsforum in der Schweiz schob Kenny die Schuld für Irlands Schulden-Crash den Bürgern zu. Laut Irish Times sagte der Taoiseach:

“The problem with Ireland’s economy was that people went mad borrowing in a system that spawned greed, went out of control and crashed” Speaking during a discussion on rebuilding Europe at the World Economic Forum in Davos, Switzerland, Enda Kenny said: “The extent of personal credit, personal wealth created on credit, was done between people and banks – a system that spawned greed to a point where it just went out of control completely with a spectacular crash.”

In einem Satz: Der gierige Paddy Normalverbraucher hat sich Geld geliehen wie ein Wahnsinniger, bis das irische System zusammenbrach. So haut  Enda Kenny sein Wahlvolk vor der versammelten “Weltelite” in die Pfanne. Noch vor wenigen Wochen hatte das ganz anders geklungen. In seiner Fernsehrede an die Nation stellte der Taoiseach seinen Landsleuten quasi einen Persilschein aus: Nein, sie trügen am Finanz-Wirtschafts-Immobilien-und-Konjuntkur-Crash keine Schuld. Offensichtlich laufen da draußen also zwei Kennys rum, einer für die Innenpolitik unn einer für die große weite Welt. Dumm nur, dass sich auch die im Ausland geäußerten Sprüche in einer vernetzten Welt so schnell bis in den letzten Inselwinkel verbreiten.

Jetzt bezieht der doppelte Kenny daheim Prügel. Die Opposition wirft ihm Opportunismus und Doppelzüngigkeit vor, und man merkt, wie wenig Irland die Große Krise bislang analysiert, verarbeitet und verdaut hat. Doch wer hat nun Recht? Der Inlands- oder der Auslands-Kenny? Sind Paddy und Mary schuld, oder doch die bösen Banker, die windigen Spekulanten, die gefräßigen irischen Bauhaie und die gierigen Politiker, die die Immobilienkrise massiv verschärften? Oder gar alle zusammen?

Kate Fitzgerald — tot und dennoch lebendig

Suizid Irland Eine junge irische Frau stirbt im August. Sie tötet sich selbst. Im September erscheint ein Artikel aus ihrer Feder in einer renommierten irischen Zeitung. Im November bricht die Tote Aufmerksamkeits-Rekorde Rekorde bei Twitter und Facebook, im Dezember fällt (kurz) der Strom aus, während ihre trauernde Mutter auf der Bühne steht und für einen guten Zweck singt. Aber der Reihe nach.

Eine junge Frau, Kate Fitzgerald, deren Vater Ire und deren Mutter Amerikanerin ist, arbeitete in Dublin als PR-Frau und engagierte sich als Vorsitzende und Sprecherin der US-Demokraten in Irland. Anlässlich des Besuches von Barack Obama im Mai führte sie zahlreiche Interviews für irische Medien. Hübsch, stylisch, wortgewandt: Sie war ein Musterbeispiel für eine junge Karrierefrau. Gleichzeitig engagierte sich die Fünfundzwanzigjährige mit Worten und Taten für den guten Zweck: Sie schrieb den Blog “Because I am a girl” für den wohltätigen Verein ‘Plan Ireland‘, der sich unter anderem für die Rechte von unterprivilegierten Mädchen in aller Welt einsetzt. Kate lief im Juni einen Mini-Marathon um Spenden zu sammeln.

Hinter der schönen Fassade einer anpackenden Perfektionistin türmten sich jedoch dunkle Wolken. Kate litt an Depressionen und hatte bereits einmal versucht, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Nach einem Klinikaufenthalt im Juli fällt ihr die Wiedereingliederung ins harte PR-Business nicht leicht. Das deutete sie im Artikel an, den sie am Freitag, den 19. August 2011 unter einem Pseudonym anonym an die Irish Times per E-Mail schickte.

Der Artikel beleuchtete sehr klar den Umgang der anonymen Verfasserin mit ihrer Krankheit und den Druck, den die Depression in der täglichen Zusammenarbeit mit ihrem Arbeitgeber auslöste – ausdrücklich betonend, dass sie ihrer Firma nicht die Schuld an ihrem Missbefinden gibt.

Am darauffolgenden Montag, es ist der 22. August, liest der zuständige Irish-Times-Redakteur Peter Murtagh den Text und kommt der Aufforderung der Schreiberin nach, die Mail zu beantworten, um wie angekündigt, eine Telefonnummer und mehr Details zu erfahren. Man telefoniert kurz miteinander, der Journalist ist beeindruckt von der Normalität und der Klarheit, welche die junge Frau ausstrahlt und er erfährt auch ihre wahre Identität. Schließlich hatte die Zeitung bereits einige Texte von ihr in ihrer Eigenschaft als PR-Frau veröffentlicht. Er bekundete sein Unwohlbefinden, den aktuellen Text anonym zu veröffentlichen, doch er versicherte ihr, er könne in Anbetracht des sensiblen Themas eine Ausnahme machen. Abends schrieb sie ihm eine Dankesmail und bot an, noch mehr zum Thema oder ähnlichen Gebieten beitragen zu können, falls er Interesse habe.

Am Freitag, dem 9. September erschien der Text in der Irish Times, anlässlich des Welt-Suizid-Präventionstages, der seit 2003 jedes Jahr am 10. September von der WHO begangen wird — anonym, wie von Kate gewünscht. Was niemand ahnen konnte und auch dem Redakteur Peter Murtagh war der Zusammenhang offenbar entgangen: Kate war zu dem Zeitpunkt bereits seit drei Wochen tot. Allerdings fielen die Eltern von Kate aus allen Wolken, als sie die Zeitung lasen, denn sie erkannten sowohl die Namen des Pseudonyms als auch den Schreibstil ihrer Tochter. Sie kontaktieren Murtagh und es kam zu einem Treffen. Der Journalist erfährt mehr über das Leben der jungen eloquenten Powerfrau, die sich schon als knapp zehnjähriges Mädchen in einer Zeichnung an einem Rednerpult vor dem US-Präsidenten skizzierte. Bald verkaufte Kate ihre eigene Schülerzeitung und gründete einen Debattier-Club in ihrer Schule, studierte zunächst Journalismus, dann Internationale Beziehungen. Mit 21 war sie bereits die Vorsitzende der Auslands-Demokraten. Doch sie ertrug keine Rückschläge, wollte immer oben stehen und war sich selbst die strengste Kritikerin.

Für die Ausgabe der Irish Times vom 26. November fasste Peter Murtagh den Werdegang, wichtige Lebensstationen und die letzten E-Mails von Kate Fitzgerald in einem sympathischen Artikel zusammen. Vermutlich war er der letzte Mensch, der mit der lebensmüden Frau sprach. Der Beitrag löst eine unerwartet große Resonanz aus: Die Online-Version wird in den nächsten zwei Wochen über 3000 mal aufgerufen, Kates Facebook-Seite wird mit Sympathiekundgebungen gestürmt, es wird heftig getwittert. Allerdings werden Passagen aus Kates Artikel in der Online-Version zunächst gelöscht, derzeit ist der ganze Beitrag geschwärzt. Die Mutter empört sich, dass Kates ‘Abschiedsbrief’ (suicide note) nun im Web verstümmelt worden sei. Immerhin; Depression und Suizid sind in Irland noch immer ungekliebte Themen, die gerne tabusiert und unter der Decke gehalten werden. Die tote Kate aber schafft es, eine öffentliche Diskussion über das Stigma der Depression und über die Selbsttötung auszulösen.

Zwischenzeitlich probten die Schüler und Schülerinnen von Mutter Sally Ann, einer erfolgreichen Gesangslehrerin in Bantry Bay, ein umfangreiches Repertoire für ein zweitägiges Gedenk- und Benefizkonzert für Kate am 9. und am 10. Dezember im altehrwürdigen Eccles Hotel in Glengarriff im irischen West Cork. Der 350-Personen-Festsaal war an beiden Tagen gut gefüllt, die Einnahmen werden allesamt an Plan Ireland gehen. Die Zuschauer wurden gebeten, ein rosa Kleidungsstück zu tragen und so kamen sogar zahlreiche Männer und Jungs in rosa Hemden und/oder Krawatten. Der riesige Weihnachtsbaum war mit rosa Basteleien von Kinderhand geschmückt, die Gardinen wurden mit rosa Taft verziert, Fotos der hübschen Kate wurden auf das rosa Programm-Heftchen gedruckt.

Zu gerne hätte ich gesehen, was in den Köpfen der anwesenden Menschen vor sich ging. Hätte man anderswo vielleicht gelästert, als die trauernde Mutter sich mit schwierigem, jedoch bravourös vorgetragenem Gesang auf der Bühne präsentierte? Würde man ihr ihre gelegentlichen Seufzer und verschämten Tränen übel nehmen? Hätte man den wahrhaft traurigen A-capella-Gesang des Vaters verspottet? Oder hätte man diesen Eltern, denen nichts anderes übrig bleibt, als nach vorne zu schauen und im Sinne von Kate dafür zu kämpfen, dass depressive Menschen eines Tages auch in Irland wirksamere Hilfe erfahren, auch mit ‘Standing Ovations’ Mut und Beifall geklatscht? Die irische Land-Community jedenfalls hat einfühlsam und hilsbereit reagiert und großartig dazu beigetragen, dass dieser Abend würdig und stimmig ablief und dass die Fitzgeralds wenigstens ein kleines bisschen Trost erfuhren in dieser gefühlsschweren Vorweihnachtszeit.

Ob der Stromausfall während des Konzerts technischer Natur war oder ein übersinnlicher Gruß aus dem Jenseits, das muss jeder selbst beurteilen; Hier auf der Insel ist man jedoch gerne bereit anzunehmen, dass auch Kate auf ihrem Benefizabend anwesend war.

Landleben in Irland. Traum & Alptraum

Irland Landleben
Wer eine Auszeit vom Alltagsstress nehmen will, wer dem Lärm der Stadt entfliehen will, wer ein wenig Abstand braucht von all den vielen Mitmenschen, wer Stille und Abgeschiedenheit sucht, der findet all das im ländlichen Irland. Fügt man die Attribute Berge, Meer, grüne Wiesen und reizende Landschaft hinzu, ist das perfekte Ziel für ruhebedürftige Urlauber schnell beschrieben. Auch die offiziellen Tourismusvermarkter wenden sich nach einem opportunistischen Ausflug ins modern-urbane Irland der Celtic-Tiger-Jahre wieder verstärkt dem ländlichen Teil der Insel zu. So wird der kleine Flughafen von Knock im County Mayo gerade zur Drehscheibe für einige hunderttusend landlustige Urlauber vom Kontinent aufgebaut.

Das Landleben wird in Deutschland in den letzten Jahren zunehmend zum Fluchtpunkt für für Romantiker, Eskapisten und ganz normale Leute stilisiert. Lifestyle-Magazine feiern das gute, einfache Leben abseits der Städte, penetrieren die schlichte Ästhetik des Landfrauen-Chics; der Traum vom eigenen Häuschen in der Natur mit eingebauter Selbstversorger-Option wird angesichts von Finanz- und Wirtschafskrise längst von der Mehrheit der Deutschen geträumt. Das ländliche Irland steht nicht umsonst bei vielen zivilsations-gestressten Mitmenschen auf dem Reise(wunsch)plan.

Dabei ist das Leben an diesen Traumorten für die, die immer schon dort lebten, oft  ein Alptraum. Dass man das Landleben auf der Grünen Insel auch ganz anders sehen kann und oft anders sieht, daran erinnert die Tageszeitung “Irish Examiner” in ihren gedruckten Ausgaben von gestern und heute eindrücklich und mit schrillen Überschriften: “Der Kampf gegen die Angst vor dem einsamen Landleben”, oder “Ländliche Isolation” oder “Das Gespenst des Verbrechens verfolgt die Menschen auf dem Land”, oder: “Die Menschen hier haben Angst, ein Bier zu trinken”. Wie bitte?

Tatsächlich ist das glorifizierte Landleben für viele Irinnen und Iren wieder zu einem verzweifelten Kampf ums materielle und noch mehr, ums psychische Überleben geworden. Das Phänomen der isolierten, vereinsamten alten Menschen gab es auch in Zeiten, als sich Irland vorübergehend als “das reichste Land Europas” feierte. Nun allerdings, in der anhaltenden Rezession haben mehr und mehr Landbewohner mit den Härten des Alltags abseits der Städte zu kämpfen: Isolation und Einsamkeit, Krankheit und Hilflosigkeit sind das Schicksal vieler Iren im ländlichen Raum. 40 Prozent der irischen Bevölkerung leben auf dem Land — und doppelt soviele Alte wie in den Städten. Viele junge Leute, die für einige Jahre in Zeiten des Baubooms auch in den Dörfern und Weilern der Insel Arbeit fanden, sie sind längst wieder weg — in der Stadt, im Ausland. Und mit ihnen gingen die Autos, die Mobilität, die Familienhilfe.

Vielerorts gibt es kaum öffentlichen Nahverkehr. Die in weitläufigen Streusiedlungen lebenden Menschen sind auf das Auto angewiesen, und wer keins hat, hat´s schwer, zum Lebensmittelladen, zum Arzt, zum Altennachmittag oder zu Freunden zu kommen — so man und frau denn welche hat, Der einsame Lebensstil nämlich hat viele Landmenschen im Laufe ihres Lebens zu verschlosenen Einzelgängern gemacht, die kaum soziale Kontakte pflegen, die nicht nach außen gehen und die nicht in der Lage sind, um Hilfe zu bitten. Die Konsequenzen: Vereinsamung, Verwahrlosung, Alkoholismus, Paranoia, Suizide.

Seit über drei Jahren frisst die Rezession weitere Löcher in die ohnehin überschaubare Infrastruktur: Die weltweit berühmten irischen Pubs, ein wichtiger Treffpunkt für die Leute auf dem Land, schließen massenweise — auch aufgrund strengerer Gesetze für Raucher und Alkohol-Konsumenten. Allein im vergangenen jahr haben 833 Pubs auf dem Land ihre Lizenz nicht verlängert. Poststellen, Kern der ländlichen infrastruktur, werden zunehmend wegrationalisiert. Ländliche Krankenhäuser werden demontiert, die Notfallabteilungen geschlossen. Auch die wenigen Busse, die die Dorfbewohner ein oder zweimal pro Woche mit der nächsten Stadt verbinden, sind in Zeiten leerer Kassen kaum noch zu finanzieren.

Anderseits gibt es Hoffnung. Das Thema “ländliche Isolation” hat es in Irland zum öffentlichen Thema geschafft. Der viel zitierte Familiensinn der Iren ist nicht gänzlich erloschen, es lebt der Wunsch zu helfen. So entstehen Initiativen zur Unterstützung der isolierten Alten, Hilfsprogramme werden aufgelegt, um die Menschen aktiv anzusprechen, die sich jeder Hilfe verschließen und dennoch in großer Not leben; es werden Datenbanken aufgebaut mit den GPS-Daten der Häuser potentiell hilfsbedürftiger Mitmenschen.

Auch der Tourismus kann helfen, das ländliche Irland am Leben zu erhalten. Wenn Land-Romantiker aus der Stadt bei Land-Realisten vom Dorf zu Besuch kommen, können beide Seiten profitieren, trotz völlig unterschiedlicher Sichtweisen auf die Wirklichkeit.

Foto: Eliane Zimmermann

 

Wer hat Angst vor Deutschen, und wer vor den Iren?

Irland DeutschlandWer hat Angst vor dem “großen bösen Berlin”, also vor Deutschland, fragte die Irish Times* vor kurzem rhetorisch und schob eine vierteilige Serie nach, um den Iren Deutschland zu erklären: “Germany now”. Auch diese Initiative zeigt: Es gibt Erklärungsbedarf auf der Insel über den großen europäischen Partner und über dessen “Wesen”.

Die Iren gelten als stolze Patrioten, und wenn es um Fragen von nationaler Bedeutung geht, wird es schnell einmal emotional. Keine 100 Jahre nach der Befreiung und der Unabhängigkeit reagieren Mary und Paddy allergisch, wenn fremde Mächte an der Souveränität der Nation kratzen. So wurde vor fast genau einem Jahr, nachdem sich Irland unter den Insolvenz- Schutz von EU, EZB und IWF, besser bekannt als “Troika” geben musste, lang und breit “der Verlust der Souveränität Irlands” beklagt. Von Schande und großem Versagen war die Rede — doch der Adressat der Lamentos und Anklagen blieb seltsam vage und angreifbar: Die Troika, eine anonyme Chef-Institution, die mehre andere anonyme Institutionen vertritt — war nicht gut geeignet als Hassobjekt.

Seitdem hat sich die europäische Finanzkrise dramatisch verschärft, die Machtverhältnisse in Europa treten klarer zutage.Als mit Anstand größte Wirtschaftskraft in Europa befindet sich Deutschland  — zum Missvergnügen der Merkel-Regierung — im Fahrersitz, muss zusammen mit dem klammen Beifahrer Frankreich die Richtung für die ökonomische Nebelfahrt vorgeben und soll auch noch den Sprit für die kollektive Schuldensause der letzten Jahre aus der eigenen Tasche bezahlen. Was die einen in Europa von Deutschland einfordern — und was die Regierung nur zögerlich einzugehen bereit ist — machen andere “den Deutschen” nun zum Vorwurf. In manchen Kreisen wird wieder vom hegemonialen Anspruch der “Germans” in Europa gezetert, auch manche Iren glauben, die Bedrohung für ihre nationale Souveränität nun klarer beim Namen nennen zu können; Deutschland, statt “Troika”, oder “Europa”.

Die Deutschen regieren Irland? Na ja. Getriebene regieren nicht, und schon gar nicht über andere. Doch das ist hier nicht das Thema. Einzelne deutsche Auswanderer in Irland jedenfalls sehen die Stimmung auf der Insel gerade ins Deutschen-feindliche Ressentiment abkippen, fürchten stellvertretend in eine missliche Sündenbockrolle  zu geraten. Und tatsächlich kann man im Pub oder auf der Straße krude Argumente hören wie dieses, dass Deutschland nun mit Wirtschaftsmacht auf kaltem Wege vollende, was dem Anstreicher aus Österreich und seiner braunen Gefolgschaft damals nicht gelungen sei. Sich diesen Unfug anhören zu müssen, ist schmerzlich, doch gleichzeitig ist wahr: Das Ressentiment gegen Ausländer wird auch in Irland nicht erst seit gestern gepflegt. In bestimmten Kreisen. Schon vor Jahren in den Zeiten des Keltentigers wurden Kinder von Deutschen in der Schule immer wieder mal als “Nazis” verunglimpft oder als “the f***ing Germans”  beschimpft oder als “Herman the German” auf ihre Außenseiterrolle hingewiesen — ohne dass das Verhältnis zwischen Iren und Deutschen ein schlechtes gewesen wäre. Im Gegenteil: Jenseits des dumpf-dummen Bodensatzes, in dem Chauvinismus und Ressentiment so prächtig gedeihen, kamen und kommen Iren und Deutsche gut und respektabel miteinander aus.

Ob sich das nun ändern wird angesichts der anhaltenden globalen und europäischen Verwerfungen? Kann sein, muss aber nicht. Die großen systemischen Finanz-Mechanismen wie auch den Gang der internationalen Politik kann der Einzelne nicht ändern, solange die großen Paradigmen nicht wechseln,  Und doch sind wir als Einzelne nicht machtlos oder gar ohnmächtig.

Es liegt an uns allen, wie sich das Verhältnis zwischen Menschen, zwischen Iren und Deutschen, zwischen Italienern und Franzosen, zwischen Polen und Holländern in der Zukunft gestalten wird. Es hängt ganz entscheidend davon ab, wie wir uns bei der Arbeit verhalten, wie wir mit anderen umgehen, was wir im Pub diskutieren und selbst, was wir in den Blogs schreiben. Wer den hässlichen Deutschen herauskehrt, mag hässliche Reaktionen ernten. Sicher ist auch: Eine gemeinsame Währung ist ein zu dünnes Eis, um ein gemeinsame europäische Identität zu stiften. Jenseits des Euros und jenseits der dumpfen Ressentiments aber gibt es genügend Einigendes und so viel Gemeinsames, um entschieden für Europa einzutreten. Wir sind Deutsche, wir sind Iren, wir sind Europäer, irgendwann vielleicht auch Weltbürger — nicht nur im Geldbeutel sondern vor allem im Geiste. Daran kann jeder arbeiten, Tag für Tag, und ganz nebenbei.

PS: Eine Frage an in Irland lebende Deutsche: Was sind Eure persönlichen Erfahrungen? Hat sich das Klima zwischen Iren und Deutschen verändert? 

* Im Original klingt das besser: “Big Bad Berlin”

 

Michael D Higgins wird Irlands neuer Präsident

Politiker, Poet, Präsident – Zwischen-Ergebnis der Auszählung der Präsidentschaftswahlen in Irland: Die Sache scheint laut RTE, dem irischen Fernsehen, ziemlich klar. Dem Favoriten brach auf der Zielgerade der Huf. Labour-Kandidat Michael D. Higgins liegt bei der Auszählung am Freitagnachmittag mit etwa 40 Prozent der Erststimmen klar in Führung. Der “unabhängige Kandidat” Seán Gallagher, der vor Tagen noch wie der klare Sieger aussah, dann aber bei der letzten TV-Diskussion in ein tiefes Glaubwürdigkeitsloch fiel, liegt mit großem Abstand nur auf Platz zwei, gefolgt von Martin McGuinness, dem Kandidaten von Sinn Fein. Der Kandidat der Regierungspartei Fine Gael und die beiden Frauen sind weit abgeschlagen,

Update Samstag 7:00 Uhr: Die Auszählung der Stimmen wird heute morgen fortgesetzt, doch es besteht kein Zweifel mehr: Michael D Higgins wird der 9. Präsident von Irland. Glückwunsch an einen menschlichen Politiker, der im schmutzigsten Wahlkampf der jüngeren irischen Geschichte nie seinem souveränen und würdigen Stil untreu wurde.

Poet, Politiker, Präsident? Irland zählt.

Michael D, Poet, Politiker – Präsident?

Irland hat gewählt, zumindest etwas mehr als das halbe wahlberechtigte Irland; neben zwei Referenden wurde gestern vor allem über den nächsten Präsidenten der Republik abgestimmt. Wer allerdings am 11. November als Nachfolger von Mary McAleese ins höchste Staatsamt eingeführt wird und künftig im Aras im Phoenix Park repräsentieren und residieren darf, wird sich erst spät heute Nacht oder sogar erst morgen Mittag heraus stellen.

Ab 9 Uhr werden die Stimmen ausgezählt, mit dem Ergebnis der ersten Auszählung wird gegen 19.30 Uhr am heutigen Freitagabend gerechnet. Danach folgt die Auszählung der Transferstimmen, bevor der Wahlsieger gekürt wird. Trotz der sieben Kandidaten – Seán Gallagher gegen Michael D Higgins hatte das Duell um das repräsentative Spitzenamt im Staate Irland zuletzt gelautet.

Im Ausland wurde die Präsidentenwahl in Irland mit Belustigung und medialer Häme aufgenommen: Das irische Wahlvolk habe die Wahl zwischen einem Ex-Schlagersternchen, einem Schwulen-Aktivisten, einem Ex-Terroristen, einem Poeten und einem unbekannten New-Economy-Entrepreneur. Stimmt. Die sieben Kandidaten, die in den vergangenen Wochen gemeinsam wie getrennt wahlkämpfend durchs Land zogen, waren eine bunte Truppe – Menschen aus dem wirklichen Leben eben. Ob andere Wahlvölker es wirklich besser haben, denen nur die ewig gleichen lebensfremden Berufspolitiker-Nasen zur Auswahl vorgesetzt werden?

Slider by webdesign