Patrick´s Irish Jukebox: Luka Bloom

It´s weekend in the small country. It´s Irish Theme Music Moment with your host Patrick Steinbach: Der deutsch-irische Musiker und Autor Patrick Steinbach* wird ab heute auf Irlandnews immer samstags eine seiner irischen Lieblingsbands oder einen angesagten Solokünstler aus dem irischen Kulturraum vorstellen und dazu ein entsprechendes Video empfehlen. Wir freuen uns auf seine Beiträge. (Mehr über Patrick am Ende des Beitrags).

LUKA BLOOM

Luka Bloom Natural MysticAls 19-jähriger durfte ich diesen damals noch recht unbekannten jungen Gitarristen in einer Jugendherberge in Dublin bei einem Konzert besuchen. In jeder Ecke roch es süßlich, und die wenigen Zuhörer waren wahrscheinlich ähnlich benebelt wie der langhaarige Musiker auf der Bühne, der seine Performance stehend, beziehungsweise tanzend absolvierte.

Es war ein besonderes Erlebnis, denn dieser Gitarrist zupfte und schlug seine Gitarre, er kratzte, klopfte, ja er lebte und litt mit ihr. Erst später erfuhr ich, dass es sich bei dem Musiker um den Bruder Christy Moores handelte. Barry Moore legte sich später den Künstlernamen Luka Bloom zu, wahrscheinlich auch, um sich gegen seinen immer eine Spur erfolgreicheren Bruder abzusetzen.

Luka Blooms Gitarrenspiel ist sehr essentiell, überaus rhythmisch und dient mit seinen einprägsamen Motiven stets dem Gesang und seinen persönlichen Botschaften. Während man den Wechsel in die Kopfstimme bei vielen männlichen Sängern als Testosteron getränktes Gegockel empfindet, so nimmt man Luka Blooms Stimmausbrüche als authentischen Ausdruck wahr, ja als flehenden Aufschrei, als Zeugnis eines tiefen Erlebnisses.

Aus welch tiefem Seelengrunde muss da einer schöpfen, um solch intensive Musik zu machen? Luka Bloom ist ein Lyriker und ein kompromissloser Botschafter des in jedweder Art gelebten Gefühls. Seine Reflektionen über die Irrungen und Wirrungen des Lebens, seine schonungslose Art von Abgründen zu berichten, finden auf hohem Niveau statt, machen Mut und lassen staunen.

Empfohlene CD: Dreams in America

Sehenswertes Video: Natural Mystic

Homepage des Künstlers: http://www.lukabloom.com/

 

Patrick Steinbach Musiker*Der Autor unserer Irish Jukebox: Patrick Steinbach (*1964) arbeitet als Dozent für Gitarre, er ist Herausgeber zahlreicher Lehrwerke zur irischen Musik und schreibt seit 2001 für das Musikfachmagazin AKUSTIK GITARRE. Dort stellt er alle zwei Monate ein neues Stück aus Irland vor, das er für Gitarre bearbeitet hat. Neben Konzertberichten veröffentlicht er regelmäßig CD-Rezensionen zu Bands aus dem irischen Kulturfeld. Für sein Engagement erhielt er 2005 den Deutschen Musikeditionspreis. Patrick lebt in Neu-Isenburg. Mehr über Patrick gibt es auf seiner Website zu lesen:  www.patrick-steinbach.de

VIP-Hilfe: “Hallo, Fergie hier, haltet durch!”

Alex Ferguson_by Austin Osuide

Alex Ferguson_by Austin Osuide

Anruf von Fergie: Die 32 streikenden Ex-Arbeiter von “Vita Cortex”, die im Streit um ihnen zustehende Abfindungen seit über 60 Tagen eine Fabrik in Cork besetzen, erhielten jetzt erneut prominente Unterstützung. Manchester-United-Manager Alex Ferguson rief die Streikenden gestern an und machte ihnen Mut, durchzuhalten. Der legendäre Fußbaktrainer, der in Irland viele Fans hat, ermunterte die Fa brikbesetzer: “Stick with it” – Haltet durch! Fergie berichtete auch von seinen Erfahrungen aus einem “Lehrlingsstreik im Jahr 1961″. Der Fall Vita Cortex erregt die Gemüter in Cork. Am Wochenende waren 5000 Menschen auf die Straße gegangen, um die Besetzer zu unterstützen. Es war die größte Demontration in Cork seit Jahren. Auch viele andere VIPs setzen sich mittlerweile für die Demonstranten ein, unter ihnen Naom Chomski, Mary Robinson und Christy Moore.

Typisch irisch? Über den Berg mit der Kelly Family

Die Kelly FamilyErinnern Sie sich an die Kelly Family? 1994, Over The Hump? Die singende Familie vom Kölner Hausboot, von manchen verächtlich als “singende Altkleidersammlung” herab gewürdigt,  galt in den 80-er und 90-er Jahren in Deutschland als “typisch irisch“. Rote Haare, Wollpullover, lange Wollröcke, und eine Musik, die manchmal irgendwie auch an Irland erinnerte. Heute kehren die amerikanisch-irischen Kellys als Familie noch einmal kurz ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zurück: Ihr Ex-Familiensitz, das ehemalige Gästehaus der Bundesregierung, Schloss Gymnich bei Köln, wird zwangsversteigert. Vater Daniel weilt mittlerweile längst über dem Jordan, die meisten Kinder derweil über dem Berg. Mehrere Kelly-Künstler-Kinder-Schicksale auf den Straßen und Bühnen Europas mündeten in Deutschland in erfolgreiche Erwachsenen-Karrieren.

“Weatherman” gibt Auskunft über Irlands Wetter

Glengarriff River by Wanderlust Markus Bäuchle
West Cork, Irland, am 4. Januar 2012: Die Wasserpegel sind deutlich gesunken. Auch der Glengarriff River ist in das Flußbett zurückgekehrt.

Der schwere Sturm zum Jahresbeginn in Irland hat sich beruhigt, die Wasserstände sind zurückgegangen, der Wind hat um einige Beaufort-Stärken* abgenommen. Heute zieht unser “Weatherman” Stefan Bilanz für das lokale Wetter im Jahr 2011. Die wichtigsten Erkenntnisse: 1786 Millimeter Regen und 799 Sonnenstunden, durchschnittliche Windstärke 3,5. Will heißen: Das vergangene Jahr war in Irlands äußerstem Südwesten vergleichsweise nass und dunkel. Einer sehr trockenen ersten Jahreshälfte folgten ein nasser Herbst und äußerst nasser Winterbeginn ( Gefühltes Wetter: Seit Ende September regnet es und hat seitdem nicht aufgehört). Vor allem aber ließ sich die Sonne wenig blicken: Im Vergleich zu 2010 schien sie 580 Stunden (!) weniger; ein enormer Ausreißer, der vor allem den Landwirten in der Vegetationszeit zu schaffen machte. Die sonnigsten Monate im Jahr 2011 waren der März und der April. Unauffällig im übrigen: der Wind. Er blies durchschnittlich stark. Die Temperaturen: mild.

Stefan der Wettermann by Wanderlust Markus BäuchleUnd das ist Stefan. Regelmäßige Irlandnews-Leser kennen ihn schon. Stefan setzte sich im Jahr 1986 in seinen Suzuki Allrad und ließ das Leben als  Zierpflanzengärtner in Frankfurt am Main hinter sich. Seit 25 Jahren wohnt Stefan nun in Derrycreigh, einem Townland von Glengarriff im Südwesten von Irland. Der Langener lebt mit seiner irischen Frau, mit Kind und Mutter direkt am Meer, er kultiviert einen großen Garten, hält Ziegen, lebt weitestgehend autark. Zu seinen Hobbies zählt er die Meteorologie.
Als guter Nachbar versorgt uns Stefan Knüttel, immer wenn es wichtig wird, mit der aktuellen lokalen Wetterprognose – zum Beispiel, wenn es zum Wandern in die Berge oder in die herrlichen Gärten der Bantry Bay geht. In 25 Jahren hat der Hobby-Metereologe gelernt, das Wetter in der Bucht zu lesen wie kaum ein anderer. Tag für Tag beobachtet er Himmel, Wasser und Bäume, misst die Sonnenscheinstunden, die Regenmenge, die Windstärke und überträgt seine Daten minutiös auf Millimeterpapier.  Wir staunen immer wieder, wie sehr seine zutreffende Prognose und das lokale Wetter von der offiziellen Wetterprognose für den Südwesten Irlands abweichen können.

Was sagt Stefan zum langfristigen Wettertrend? Der Weatherman hat drei interessante Thesen für uns:

1. Den typischen schönsten Irland-Monat gibt es ncht mehr. Früher riet man Urlaubern dazu, die Insel im Mai oder September zu besuchen, weil das Wetter dann am schönsten und beständigsten sei. Heute kann es vorkommen, dass ein Wintermonat der sonnigste — wenn auch nicht der wärmste — Monat des Jahres ist.
2. Ein neues Muster kalter kontinentaler Winter ( Iren nennen es die Mini Ice Age) wird es in Irland nicht geben: Nach zwei vergleichsweise harten Wintern hat sich das Winterwetter in Irland wieder ”normalisiert” .
3. Wer in Irland schönes Wetter sucht, sollte das typische Gefälle beachten, das von Nordwesten nach Südosten verläuft: Die atlantischen Tiefs sind in Donegal am deutlichsten und in Waterford am wenigsten zu spüren.

* Was die Windstärken zu bedeuten haben, erklärt übrigens die 13-stufige Beaufort-Skala. Zum Beispiel heißt Windstärke 2: Es weht eine leichte Brise mit sechs bis elf Kilometern pro Stunde, die Blätter rascheln, man spürt den Wind im Gesicht, das Meer bewegt sich schwach. Stärke 3 bezeichnet die mäßige Brise (12-19 km/h), wenn sich die Zweige an den Bäumen bewegen und Wimpel gestreckt werden. Stürmische Winde (Gales) werden mit Stärke 8 angegeben, Stürme (Strong Gales) mit Stärke 9. Am oberen Ende der Skala rangieren der Orkan und der Hurricane mit Beaufort 12 und Geschwindigkeit ab 117 km/h. In den vergangenen Tagen wurden an der irischen Küste Spitzengeschwindigkeiten bis zu 160 km/h gemessen.

Die Beaufort-Skala der Windstärken. Zum Vergrößern bitte anklicken. Quelle: Met Eireann.
Fotos: Markus Bäuchle / irlandnews.com

Spaziergänge im Zeitloch “zwischen den Jahren”

Flechten in Irland“Zwischen den Jahren” nennen wir dieses Zeitloch, die Tage zwischen Weihnachten und Silvester, in das wir uns jedes Jahr gerne fallen lassen. Das klingt wie eine Zeit außerhalb der Zeit. Wie eine Zugabe, die keinem Geschäftsjahr, keinem Terminkalender, keinem Business-Partner und keinem Vorgesetzten gehört. Nur uns selbst. Es heißt, in der hektischen Betriebsamkeit der mobilen Welt sei das Zeitloch zwischen den Jahren verschwunden; ätzende Phänomene wie ständige Verfügbarkeit, Handy-Fessel und Termin-Überdruck hätten es aufgelöst. Das stimmt nicht. Es existiert. Wir sind darin verschwunden. In Irland, am Atlantik, am westlichen Rand Europas. Abseits der Shopping Malls, gewiss. Abseits der Taktgeber der Zivilisation. Für einige Tage, die Tage zwischen den Jahren.

Wir spazierten auf alten Straßen, verwachsenen Wegen. Wir sahen verlassene Häuser, in denen seit langem niemand mehr wohnt. Ferienhäuser von Holländern, Deutschen, Franzosen, Engländern, in denen seit langem keine Ferien mehr gemacht werden. Dutzende. Hunderte? Dieser Ort hat viele Fremde angelockt. Viele Fremde, die kamen, konnten sich die Faszination der Illusion vom Neuanfang nicht erhalten. Sie sind längst wieder weg. Ihre Häuser bleiben, für eine Weile noch, Relikte aus vergangenen Jahrzehnten. Es heißt, jedes dritte Haus in der Gegend stehe leer.

Wir besuchten eine alte irische Freundin. Sie kam als junge Frau aus Donegal nach West Cork. Auch sie ist in der neuen Heimat ein Stück weit Fremde geblieben. Zumindest wenn sie sich mit den “Locals” vergleicht. E. misstraut dem Konzept der neuen Heimat. Sie sagt: “Viele Fremde kamen an diesen Ort. Viele sind wieder gegangen. Sie haben es hier nicht ausgehalten.” Und ergänzt: “Wir fühlen uns an einem neuen Ort nur wohl, solange wir genug Geld haben, um jederzeit in die alte Heimat zurückzukehren.” E. hat die Welt bereist, wohnte an vielen Orten. Weiß sie mehr als wir?

Wir spazierten in einem alten Garten inmitten eines uralten Eichenwaldes. Dieser Garten war noch in den 80-er Jahren ein Vorzeigegarten in Irland. Der stolze Besitzer präsentierte seine exotische Pretiosen-Sammlung im Februar 1989 im ersten Programm des irischen Fernsehens. Der Engländer führte ein kultiviertes Leben, die Winter auf Malta, die Sommer in Irland. Wie Mehltau liegen die Flechten auf den Bäumen und Büschen. Die Exoten aus dem Süden haben hier keine Zukunft. Die geometrischen Linien des formalen Gartens sind längst verschwunden. Robuste heimische Gewächse holen sich den Garten zurück. Natur ringt Kultur nieder. Langsam. Unerbittlich.

Wir spazierten am Strand, am steinigen menschenleeren Strand. Das Meer verrichtet sein Geschäft tagein, tagaus, im ewigen Rhytmus von Ebbe und Flut. Zeitlos, die Gezeiten. Ohne Alter.

Warum Postman Pat sich auf Weihnachten freut

Postman Pat Ireland

Postman Pat im März 2011 mit Lotto-Scheck, Frau und Tochter

Irische Briefträger lieben Weihnachten, weil sie dann nach äußerst stressigen und anstrengenden Wochen endlich einmal keine Post austragen müssen. Ein einzelner irischer Briefträger, Postman Pat aus Kinsale im County Cork liebt Weihnachten ais einem anderen Grund: Weil er dann endlich mal selber keine Post bekommt.

Pat Broderick gewann im März dieses Jahres im Lotto die Hälfte des Jackpots; über Nacht war Postman Pat ein gemachter Mann und  brachte es in Irland zu nationaler Berühmtheit, nachdem er sich als Gewinner von sieben Millionen Euro geoutet hatte. Anders als viele andere Lotto-Millionäre scheint Broderick die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Er arbeitet weiter als Briefträger, seine Frau behielt ihren Job auch, und statt eines alten Peugeot 206 fahren die Brodericks jetzt einen gebrauchten BMW.

In den Tagen vor Weihnachten bekommt Pat nun Tag für Tag ein Dutzend Bettelbriefe von Unbekannten. Dem Independent vertraute der Millionär an, dass die meisten Bittsteller nur um moderate Beträge anfragten; es gebe aber auch zunehmend verzweifelte Zeitgenossen, die ihn um sechsstellige Beträge erleichtern wollten.Pat hadert nicht mit seinem Schicksal, die sieben Millionen haben sein Leben sorgenfreier gemacht. Doch dass an Weihnachten endlich einmal für ein paar Tage keine Post (und damit auch kein Bettelbrief) in seinem Briefkasten liegt, darauf freut er sich richtig. Happy Christmas, Pat!

Foto: An Post National Lottery

Kate Fitzgerald — tot und dennoch lebendig

Suizid Irland Eine junge irische Frau stirbt im August. Sie tötet sich selbst. Im September erscheint ein Artikel aus ihrer Feder in einer renommierten irischen Zeitung. Im November bricht die Tote Aufmerksamkeits-Rekorde Rekorde bei Twitter und Facebook, im Dezember fällt (kurz) der Strom aus, während ihre trauernde Mutter auf der Bühne steht und für einen guten Zweck singt. Aber der Reihe nach.

Eine junge Frau, Kate Fitzgerald, deren Vater Ire und deren Mutter Amerikanerin ist, arbeitete in Dublin als PR-Frau und engagierte sich als Vorsitzende und Sprecherin der US-Demokraten in Irland. Anlässlich des Besuches von Barack Obama im Mai führte sie zahlreiche Interviews für irische Medien. Hübsch, stylisch, wortgewandt: Sie war ein Musterbeispiel für eine junge Karrierefrau. Gleichzeitig engagierte sich die Fünfundzwanzigjährige mit Worten und Taten für den guten Zweck: Sie schrieb den Blog “Because I am a girl” für den wohltätigen Verein ‘Plan Ireland‘, der sich unter anderem für die Rechte von unterprivilegierten Mädchen in aller Welt einsetzt. Kate lief im Juni einen Mini-Marathon um Spenden zu sammeln.

Hinter der schönen Fassade einer anpackenden Perfektionistin türmten sich jedoch dunkle Wolken. Kate litt an Depressionen und hatte bereits einmal versucht, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Nach einem Klinikaufenthalt im Juli fällt ihr die Wiedereingliederung ins harte PR-Business nicht leicht. Das deutete sie im Artikel an, den sie am Freitag, den 19. August 2011 unter einem Pseudonym anonym an die Irish Times per E-Mail schickte.

Der Artikel beleuchtete sehr klar den Umgang der anonymen Verfasserin mit ihrer Krankheit und den Druck, den die Depression in der täglichen Zusammenarbeit mit ihrem Arbeitgeber auslöste – ausdrücklich betonend, dass sie ihrer Firma nicht die Schuld an ihrem Missbefinden gibt.

Am darauffolgenden Montag, es ist der 22. August, liest der zuständige Irish-Times-Redakteur Peter Murtagh den Text und kommt der Aufforderung der Schreiberin nach, die Mail zu beantworten, um wie angekündigt, eine Telefonnummer und mehr Details zu erfahren. Man telefoniert kurz miteinander, der Journalist ist beeindruckt von der Normalität und der Klarheit, welche die junge Frau ausstrahlt und er erfährt auch ihre wahre Identität. Schließlich hatte die Zeitung bereits einige Texte von ihr in ihrer Eigenschaft als PR-Frau veröffentlicht. Er bekundete sein Unwohlbefinden, den aktuellen Text anonym zu veröffentlichen, doch er versicherte ihr, er könne in Anbetracht des sensiblen Themas eine Ausnahme machen. Abends schrieb sie ihm eine Dankesmail und bot an, noch mehr zum Thema oder ähnlichen Gebieten beitragen zu können, falls er Interesse habe.

Am Freitag, dem 9. September erschien der Text in der Irish Times, anlässlich des Welt-Suizid-Präventionstages, der seit 2003 jedes Jahr am 10. September von der WHO begangen wird — anonym, wie von Kate gewünscht. Was niemand ahnen konnte und auch dem Redakteur Peter Murtagh war der Zusammenhang offenbar entgangen: Kate war zu dem Zeitpunkt bereits seit drei Wochen tot. Allerdings fielen die Eltern von Kate aus allen Wolken, als sie die Zeitung lasen, denn sie erkannten sowohl die Namen des Pseudonyms als auch den Schreibstil ihrer Tochter. Sie kontaktieren Murtagh und es kam zu einem Treffen. Der Journalist erfährt mehr über das Leben der jungen eloquenten Powerfrau, die sich schon als knapp zehnjähriges Mädchen in einer Zeichnung an einem Rednerpult vor dem US-Präsidenten skizzierte. Bald verkaufte Kate ihre eigene Schülerzeitung und gründete einen Debattier-Club in ihrer Schule, studierte zunächst Journalismus, dann Internationale Beziehungen. Mit 21 war sie bereits die Vorsitzende der Auslands-Demokraten. Doch sie ertrug keine Rückschläge, wollte immer oben stehen und war sich selbst die strengste Kritikerin.

Für die Ausgabe der Irish Times vom 26. November fasste Peter Murtagh den Werdegang, wichtige Lebensstationen und die letzten E-Mails von Kate Fitzgerald in einem sympathischen Artikel zusammen. Vermutlich war er der letzte Mensch, der mit der lebensmüden Frau sprach. Der Beitrag löst eine unerwartet große Resonanz aus: Die Online-Version wird in den nächsten zwei Wochen über 3000 mal aufgerufen, Kates Facebook-Seite wird mit Sympathiekundgebungen gestürmt, es wird heftig getwittert. Allerdings werden Passagen aus Kates Artikel in der Online-Version zunächst gelöscht, derzeit ist der ganze Beitrag geschwärzt. Die Mutter empört sich, dass Kates ‘Abschiedsbrief’ (suicide note) nun im Web verstümmelt worden sei. Immerhin; Depression und Suizid sind in Irland noch immer ungekliebte Themen, die gerne tabusiert und unter der Decke gehalten werden. Die tote Kate aber schafft es, eine öffentliche Diskussion über das Stigma der Depression und über die Selbsttötung auszulösen.

Zwischenzeitlich probten die Schüler und Schülerinnen von Mutter Sally Ann, einer erfolgreichen Gesangslehrerin in Bantry Bay, ein umfangreiches Repertoire für ein zweitägiges Gedenk- und Benefizkonzert für Kate am 9. und am 10. Dezember im altehrwürdigen Eccles Hotel in Glengarriff im irischen West Cork. Der 350-Personen-Festsaal war an beiden Tagen gut gefüllt, die Einnahmen werden allesamt an Plan Ireland gehen. Die Zuschauer wurden gebeten, ein rosa Kleidungsstück zu tragen und so kamen sogar zahlreiche Männer und Jungs in rosa Hemden und/oder Krawatten. Der riesige Weihnachtsbaum war mit rosa Basteleien von Kinderhand geschmückt, die Gardinen wurden mit rosa Taft verziert, Fotos der hübschen Kate wurden auf das rosa Programm-Heftchen gedruckt.

Zu gerne hätte ich gesehen, was in den Köpfen der anwesenden Menschen vor sich ging. Hätte man anderswo vielleicht gelästert, als die trauernde Mutter sich mit schwierigem, jedoch bravourös vorgetragenem Gesang auf der Bühne präsentierte? Würde man ihr ihre gelegentlichen Seufzer und verschämten Tränen übel nehmen? Hätte man den wahrhaft traurigen A-capella-Gesang des Vaters verspottet? Oder hätte man diesen Eltern, denen nichts anderes übrig bleibt, als nach vorne zu schauen und im Sinne von Kate dafür zu kämpfen, dass depressive Menschen eines Tages auch in Irland wirksamere Hilfe erfahren, auch mit ‘Standing Ovations’ Mut und Beifall geklatscht? Die irische Land-Community jedenfalls hat einfühlsam und hilsbereit reagiert und großartig dazu beigetragen, dass dieser Abend würdig und stimmig ablief und dass die Fitzgeralds wenigstens ein kleines bisschen Trost erfuhren in dieser gefühlsschweren Vorweihnachtszeit.

Ob der Stromausfall während des Konzerts technischer Natur war oder ein übersinnlicher Gruß aus dem Jenseits, das muss jeder selbst beurteilen; Hier auf der Insel ist man jedoch gerne bereit anzunehmen, dass auch Kate auf ihrem Benefizabend anwesend war.

Cobbler Jim – der letzte Schuster von Beara

Schuster in Irland Unterwegs auf der Beara Peninsula schauten wir vor kurzem bei Jim Blake vorbei, dem letzten Schuhmacher in Irlands Südwesten — und baten ihn endlich um ein Foto. Jim setzte sich für ein Porträt gerne vor die Kamera und wünschte uns, dass wir mit dem Bild ein Vermögen machen würden. Hier ist Jim´s Geschichte und die des irischen Schuhmachers:

Im alten Irland gab es ihn in jedem Dorf: Neben Pfarrer, Lehrer, Arzt, neben Wirt, Bäcker und Schneider war der Schuhmacher ein wichtiger Mann im Ort. The Cobbler, wie er in Irland genannt wird, war eine Institution. Inzwischen ist er den Moden der Zeit gewichen – Wegwerfschuhe, Wohlstandsgebahren und im Billig-Akkord arbeitende Mister Minits haben den Dorf-Schumacher in den Orkus der Zeit geschickt. Doch halt: Dort draußen auf der Beara Peninsula, in West Cork, im schönen Örtchen Adrigole, können sich Menschen mit abgelaufenen Absätzen und durchgescheuerten Sohlen auf Zeitreise begeben. In Adrigole arbeitet der letzte Schumacher der Beara Peninsula – und wahrscheinlich in ganz West Cork: Jim Blake heißt der Cobbler, er ist um die 80 jahre alt, fuhr bis vor kurzem mit dem Fahrrad zur Arbeit und arbeitet auch heute noch fast jeden Tag. Wer seine kleine Werkstatt direkt an der Hauptstraße am Ortsausgang von Adrigole Harbour nicht kennt, wird an ihr vorbei fahren. Sie trägt kein Schild, kein Zeichen. Nichts. Man weiß Bescheid auf dem Dorf – oder halt nicht.

Geschichten aus dem Glen, IrlandJim ist ein Mann des alten Leistens. Er kann verächtlich über den modernen Schuh und die Wegwerfgesellschaft sprechen. Doch wenn ihm gerade der Schalk im Nacken sitzt (und das tut er meistens), fragt er seinen Kunden lieber, warum er ihm seine alten Treter vorbei bringt – und ob er sich nicht bald mal ein paar neue kaufen will. Arbeit und Humor halten den Senior-Schuster von Adrigole bei Laune und Gesundheit. Ein Tag war gut für ihn, wenn er ein paar nette Schwätzchen hatte und wenn er den einen oder anderen Kunden ein wenig ins Bockshorn jagen konnte.

Der Wanderer ist naturgemäß viel auf seinen Sohlen unterwegs und deshalb ein regelmäßiger Gast in Jims Werkstatt. Er glaubte eigentlich, den alten Kauz ganz gut zu kennen, doch Fehlanzeige. Kürzlich wurde auch er zum Opfer im kleinen Reich des Cobblers. Jim begrüßte ihn mit etwas ratloser Miene. Was er denn wolle? Der Wanderer wies höflich darauf hin, dass er seine beiden hoffentlich frisch besohlten Paar Schuhe abholen wolle. Unter seiner Werkbank mitten im Raum unterhält Jim einen großen Haufen bunt durcheinander gewürfelter alter Schuhe – vereinzelte, irreparabel zerstörte, nie abgeholte Gehhilfen – und in diesem Haufen begann Jim jetzt zu wühlen, fragte den Wanderer schließlich: “Kannst du Deine Schuhe hier finden, ich sehe sie nicht.”

Tatsächlich brachte das alte Schlitzohr den Wanderer dazu, im großen Abfallhaufen zu wühlen – und als sich bereits Verzweiflung breit machte, setzte der alte Mann ein breites Grinsen auf und raunte: “Halt, ich glaub ich habe Deine Schuhe doch woanders aufbewahrt”. Sprachs, drehte sich um und fischte eine Plastiktüte aus der Ecke. Inhalt: zwei paar einwandfrei reparierte Schuhe. Lang lebe Jim, der Schuster.

Fotos: © Markus Bäuchle 2011

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