Wahre Geschichten: Der alte Mann und die Geige

Eine irische Geschichte von Marie-Louise Lagger*

Ich parkte meine alten Landrover zwischen zwei Felsen, damit er nicht davonflog. Ein gewaltiger Sturm tobte über Donegal. Der Sturm brüllte um die Häuserecken und der Atlantik röhrte wutentbrannt. Hagel und Regen peitschten mir ins Gesicht. Es schmerzte. Ich rannte ins nahe Dorf und hatte nur noch einen Gedanken: Ich wollte mich ein wenig aufwärmen, einen heissen Whiskey trinken und mich an ein Torffeuer setzen.

Geschichten aus dem Glen, IrlandDie Straßen waren menschenleer. Der Schatten einer Katze verschwand hinter einem alten Schopf. Im kleinen Fenster des Dorf-Pubs brannte ein Licht. Gottseidank. Die Tür flog mir mit einem lauten Knall aus der Hand, sobald ich die Türklinge berühte. Ich trat schnell ein und stemmte mich dageben, um die Tür wieder zu schließen. Ich drehte mich um und wurde von fragendenden Augenpaaren schweigend beobachtet. Eine kleine Gruppe Frauen und Männer sassen am Feuer beisammen. Ich grüsste freundlich. Niemand erwiderte den Gruß und so bestellte ich, ein wenig eingeschüchtert, meinen heissen Whiskey. Ich setzte mich in eine Ecke, unweit vom Feuer entfernt. Ob ich hier etwa gestört habe?

Das duftende Torffeuer verbreitete eine wohlige Wärme für Körper und Seele. Die Augenpaare hatten sich zwar von mir abgewandt, doch noch immer sagte niemand ein Wort. Der Sturm rüttelte am Hausdach, und der Regen trommelte gegen die Fensterscheibe. Das Ticken der alten Standuhr wurde lauter, immer lauter. Die Nacht trat unerkannt und leise in den Raum. An der Bar saß ein alter Mann. Sein Gesicht war durchzogen mit vielen kleinen Falten. Jedes dieser Fältchen schien eine Geschichte zu erzählen. Seine grossen Hände zeugten von harter Arbeit. Seine Augen hatten die Farbe des Meeres und sein Blick schien sich in der Ferne zu verlieren. Eine Geige lag auf dem Tresen.

Nach einer nicht enden wollenden Zeit des Schweigens begann der Mann mit einer tiefen und flüsternden Stimme zu erzählen. Die Menschen horchten ihm gespannt zu. Er sprach Gälisch. War es eine Geistergeschichte? Ich sah die Menschen näher zusammenrücken. Er nahm seine Geige, seine Augen begegneten meinen und er lächelte. Und die Geige begann zu erzählen: von dunklen Moorlandschaften, verlassenen Häusern, einsamen Friedhöfen und von einem Stiefel, der am Strand lag. Bilder zogen an meinen Augen vorbei. Die Geige verstummte und er setzte seine Geschichte fort. Ich sass da, völlig gebannt, obwohl ich kein Wort Gälisch verstand.

Die Sprache der Geige jedoch war mir bekannt. Sie erzählte von Feen und Trollen, von dem Mann, der aus dem Moor zurückkehrte, jedes Jahr an Allerheiligen, von einem versunkenen Schiff, dessen Nebelhorn immer noch zu hören war. Nach einer Weile wandte sich der Erzähler an mich und fragte: “Du sprichst kein Gälisch, nicht wahr?” “Nein, leider nicht” erwiderte ich scheu. Er schmunzelte und sagte: “Jedoch, ich sehe es in Deinen Augen, Du verstehst die Sprache meiner Geige.” Ich nickte.

Die Zeit zerrann. Plötzlich schlug die alte Standuhr die Zwölfte Stunde. Wir zuckten zusammen. Der alte Mann drehte sich um, legte die Finger an die Lippen und gebat der Uhr zu schweigen. Die Uhr verstummte.

* Marie Louise Lagger lebt seit dem Jahr 2006 im County Mayo in der Nähe von Westport, Irland. Die Schweizerin kennt Irland seit ihrem ersten Besuch im Jahr 1980. Seitdem ging ihr die Grüne Insel nicht mehr aus dem Kopf. Heute trotzt sie der massiven Rezession in der Wahlheimat mit  Optimismus.

Fotos: Markus Bäuchle 2012

Wahre Geschichten: Teetrinken im Grab

Eine irische Geschichte von Marie-Louise Lagger*

Friedhof im Nebel im County Kerry

Es begann schon langsam zu dämmern. Es war ein düsterer Novemberabend. Es nieselte leicht und die feuchte Kälte drang verletzend bis ins Knochenmark. Die Lichter der nahen Stadt verloren sich im dichten Nebel, der alle Geräusche zu verschlucken schien. Ich war auf dem Weg nach Hause. Ich war damals eine junge Frau, knapp 18 Jahre alt und reiste seit drei Monaten durch Irland. Da ich Friedhöfe liebe, hatte ich mich entschlossen, den Weg entlang der Grabstätten eines sehr alten Friedhofs zu wählen.

Geschichten verlorener Leben wurden von alten Grabsteinen erzählt. Ich vergaß ein wenig Raum und Zeit. Ich war alleine auf dem Friedhof. Langsam, tief in Gedanken versunken, setzte ich einen Fuß vor den anderen und kam schliesslich zu einem großen, für Irland eher ungewöhnlichen Grab. Es glich mehr einer Gruft, und ein grosser Grabstein lag auf dem Boden. Die Inschrift ließ sich nicht mehr entziffern. Wind und Wetter haben sie verschwinden lassen. Plötzlich riss mich ein schleifendes Geräusch aus meinen Träumen. Hatte sich da eben dieser alte Grabstein bewegt?

Geschichten aus dem Glen, IrlandIch scheuchte den Gedanken fort wie eine lästige Fliege und war gerade dabei weiter zu gehen, als das Geräusch diesmal klar zu hören war. Ich blieb wie versteinert stehen. Der Grabstein, der vor mir lag, bewegte sich tatsächlich. Ich hielt den Atem an. Nun öffnete sich das Grab. Ich hatte auf einmal das Gefühl, als könnte ich mich nicht mehr bewegen. Da stand ich nun, an einem düsteren Novemberabend, irgendwo in Irland und fühlte mich sehr allein. Aus dem Grab stieg ein alter Mann. Sein Haar war weiss und wild, seine Augen waren schelmisch, sein Mund lächelte verschmitzt. Er trug eine abgetragende Hose und einen Kittel, dessen beste Tage längst der Vergangenheit angehörten. Er stand da und sah mich an. Dann verwandelte sich sein Lächeln in ein schallendes Lachen.

Das war nun wirklich zuviel. Ich wollte schreiend davon rennen, doch die Füsse schienen wie festgewurzelt zu sein und kein Ton kam aus meinem Mund. Ich starrte auf den lachenden alten Mann und begann langsam, aber sicher an mir zu zweifeln. Der alte Mann schien die Situation in vollen Zügen zu geniessen. Er streckte die Hand aus und sagte: “Ich bin nicht tot. Ich bin auch kein Geist. Ich wohne in diesem Grab, schon viele Jahre lang. Ich habe mir meine Wohnstätte gemütlich eingerichtet. Möchtest Du eintreten und eine Tasse Tee mit mir trinken? Weisst Du, es ist recht friedlich auf diesem Friedhof. Tagsüber habe ich hin und wieder unverhofften Besuch und nachts traut sich eh niemand hierher. Wenn ich einmal sterben werde, muss ich keine Beerdigung bezahlen und kann zuhause bleiben, bis an das Ende dieser Zeit.”

Irgendwann erwachte ich aus der Erstarrung. Langsam schien das Leben wieder in mich zurück zu kehren und ich holte tief Luft. Der alte Mann vor mir war vertraünswürdig und liebenswert. Keine Gefahr schien von ihm auszugehen und er war lebendiger als mancher, den ich in meinem jungen Leben getroffen hatte. Ich reichte ihm die Hand und stieg für eine Tasse Tee hinunter in sein Grab. Es war wirklich gemütlich. Da stand eine kleine Pritsche mit bunten Kissen, ein Tisch mit einen Stuhl und ein kleiner Kocher in einer Ecke. Bücher lagen aufgestapelt auf dem Boden. Eine kleine Gaslampe verbreitete ein warmes Licht. Wir hatten eine angeregte und vergnügte Unterhaltung und tranken genüsslich eine Tasse süssen Tees.

Nach einer Weile machte ich mich lächelnd und unheimlich berührt auf den Heimweg. Noch heute denke ich manchmal an den Mann im Grab zurück. Ich werde ihn nie vergessen.

* Marie Louise Lagger lebt seit dem Jahr 2006 im County Mayo in der Nähe von Westport, Irland. Die Schweizerin kennt Irland seit ihrem ersten Besuch im Jahr 1980. Seitdem ging ihr die Grüne Insel nicht mehr aus dem Kopf. Heute trotzt sie der massiven Rezession in der Wahlheimat mit  Optimismus.

Foto: Markus Bäuchle 2011

Wahre Geschichten: Eine irische Polizeikontrolle

Eine irische Geschichte von Marie-Louise Lagger*

Polizei in Irland

Es ist eine dieser dunklen Winternächte. Um dem Regen und Sturm zu entkommen, verbringe ich den Abend bei Musik und Wein in einem Pub in Westport. Um zwei Uhr morgens fahre ich zusammen mit John nach Hause. Da steht doch tatsächlich ein Garda-Wagen mit Blaulicht am Strassenrand. Die Polizei wird in Irland Garda genannt. Ach du grüne Neune und nun? Ich habe mir zwei Gläschen Wein gegönnt. Die Alkohol-Grenze in Irland ist seit kurzem 0,5 Promille. Ohne Auto ist man hier aufgeschmissen. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind leider sehr bescheiden. Mir wird also ein wenig mulmig zumute.

Geschichten aus dem Glen, IrlandEin junger Garda stapft mit strengem und prüfendem Blick schnurstracks zu John, der neben mir im Auto sitzt und fragt: „Wie ist Ihr Name?“ John antwortet wahrheitsgemäß. Der Garda fragt weiter: „Wo kommen Sie gerade her?“ Mein Freund antwortet: „Aus einem Pub in Westport“. Der Garda fragt: „Wo fahren Sie jetzt hin?“ John erwidert: „Nach Hause“. Der Garda fragt: „Haben Sie etwas getrunken?“ John antwortet gelassen: „Sicherlich, und das nicht wenig, aber – wieso fragen Sie mich das?“ Der Garda, ein wenig irritiert, antwortet mit der Frage: „Was meinen Sie damit: Wieso fragen Sie mich das?“ John erwähnt nun ein wenig schmunzelnd: „Ich fahre doch gar nicht“. Der Garda nun sichtlich aus dem Konzept gebracht, erwidert: “Was meinen sie damit, Sie fahren nicht?“ John lacht nun schallend und antwortet: „Weil ich eben kein Steuerrad vor mir habe. Ich glaube, Sie sollten noch einmal zurück auf die Polizeischule“.

Der junge Garda ist nun völlig perplex. Erst jetzt sieht er, dass wir in einem linksgesteuerten Auto sitzen. Ich besitze ein linksgesteuertes Auto mit einem irischen Nummernschild, und dies hat wohl unseren Garda überfordert. Er hat jedoch einen guten Sinn für Humor, und somit lachen wir alle drei los. Ich winke ihm zu und er sagt nun – ziemlich blamiert: „Fahrt weiter, aber sofort.“. Sein Kollege ruft im zu: „Was ist los?“. Der Garda antwortet: „Ach, lass mich in Ruhe und sag einfach nichts.“ Im Rückspiegel sehe ich den armen Kerl da stehen, das Gesicht mit beiden Händen bedeckt und es schüttelt ihn regelrecht vor Lachen.. Wir fahren weiter, sehr froh darüber, dass wir dem Teufel noch einmal von der Schippe gesprungen sind. Es regnet immer noch und der Sturm fegt kleine Äste und Blätter über die Straße, wir fahren lächelnd nach Hause.

Marie Louise Lagger lebt seit dem Jahr 2006 im County Mayo in der Nähe von Westport, Irland. Die Schweizerin kennt Irland seit ihrem ersten Besuch im Jahr 1980. Seitdem ging ihr die Grüne Insel nicht mehr aus dem Kopf. Heute trotzt sie der massiven Rezession in der Wahlheimat mit  Optimismus.

Cobbler Jim – der letzte Schuster von Beara

Schuster in Irland Unterwegs auf der Beara Peninsula schauten wir vor kurzem bei Jim Blake vorbei, dem letzten Schuhmacher in Irlands Südwesten — und baten ihn endlich um ein Foto. Jim setzte sich für ein Porträt gerne vor die Kamera und wünschte uns, dass wir mit dem Bild ein Vermögen machen würden. Hier ist Jim´s Geschichte und die des irischen Schuhmachers:

Im alten Irland gab es ihn in jedem Dorf: Neben Pfarrer, Lehrer, Arzt, neben Wirt, Bäcker und Schneider war der Schuhmacher ein wichtiger Mann im Ort. The Cobbler, wie er in Irland genannt wird, war eine Institution. Inzwischen ist er den Moden der Zeit gewichen – Wegwerfschuhe, Wohlstandsgebahren und im Billig-Akkord arbeitende Mister Minits haben den Dorf-Schumacher in den Orkus der Zeit geschickt. Doch halt: Dort draußen auf der Beara Peninsula, in West Cork, im schönen Örtchen Adrigole, können sich Menschen mit abgelaufenen Absätzen und durchgescheuerten Sohlen auf Zeitreise begeben. In Adrigole arbeitet der letzte Schumacher der Beara Peninsula – und wahrscheinlich in ganz West Cork: Jim Blake heißt der Cobbler, er ist um die 80 jahre alt, fuhr bis vor kurzem mit dem Fahrrad zur Arbeit und arbeitet auch heute noch fast jeden Tag. Wer seine kleine Werkstatt direkt an der Hauptstraße am Ortsausgang von Adrigole Harbour nicht kennt, wird an ihr vorbei fahren. Sie trägt kein Schild, kein Zeichen. Nichts. Man weiß Bescheid auf dem Dorf – oder halt nicht.

Geschichten aus dem Glen, IrlandJim ist ein Mann des alten Leistens. Er kann verächtlich über den modernen Schuh und die Wegwerfgesellschaft sprechen. Doch wenn ihm gerade der Schalk im Nacken sitzt (und das tut er meistens), fragt er seinen Kunden lieber, warum er ihm seine alten Treter vorbei bringt – und ob er sich nicht bald mal ein paar neue kaufen will. Arbeit und Humor halten den Senior-Schuster von Adrigole bei Laune und Gesundheit. Ein Tag war gut für ihn, wenn er ein paar nette Schwätzchen hatte und wenn er den einen oder anderen Kunden ein wenig ins Bockshorn jagen konnte.

Der Wanderer ist naturgemäß viel auf seinen Sohlen unterwegs und deshalb ein regelmäßiger Gast in Jims Werkstatt. Er glaubte eigentlich, den alten Kauz ganz gut zu kennen, doch Fehlanzeige. Kürzlich wurde auch er zum Opfer im kleinen Reich des Cobblers. Jim begrüßte ihn mit etwas ratloser Miene. Was er denn wolle? Der Wanderer wies höflich darauf hin, dass er seine beiden hoffentlich frisch besohlten Paar Schuhe abholen wolle. Unter seiner Werkbank mitten im Raum unterhält Jim einen großen Haufen bunt durcheinander gewürfelter alter Schuhe – vereinzelte, irreparabel zerstörte, nie abgeholte Gehhilfen – und in diesem Haufen begann Jim jetzt zu wühlen, fragte den Wanderer schließlich: “Kannst du Deine Schuhe hier finden, ich sehe sie nicht.”

Tatsächlich brachte das alte Schlitzohr den Wanderer dazu, im großen Abfallhaufen zu wühlen – und als sich bereits Verzweiflung breit machte, setzte der alte Mann ein breites Grinsen auf und raunte: “Halt, ich glaub ich habe Deine Schuhe doch woanders aufbewahrt”. Sprachs, drehte sich um und fischte eine Plastiktüte aus der Ecke. Inhalt: zwei paar einwandfrei reparierte Schuhe. Lang lebe Jim, der Schuster.

Fotos: © Markus Bäuchle 2011

Irland ist anders: Ein Raum der Freiheit

Geschichten aus dem Glen, IrlandIrand ist anders, las ich gestern in der Zeitung*. Zumindest das ländliche anders als das urbane. Castletownbere anders als Kildare, Doolin anders als Dublin. Na klar. Überraschend allerdings die Diagnose des Reporters, warum das ländliche Irland so anders sein soll: Das ländliche Irland sei gewissermaßen klassenlos. Da gibt es wenig Status-Unterschiede und kaum soziale Ausgrenzung. Da kann der Arbeitslose problemlos Vorsitzender eines Ortsvereins sein und sich als Mensch großer Wertschätzung erfreuen, auch wenn es beruflich nicht hinhaut bei ihm. Stimmt. Das Leben auf dem irischen Land trägt egalitäre Züge: Es ist nicht so wichtig, was Du bist, was Du trägst, wie Deine Wohnung aussieht oder was Du besitzt, um akzeptiert zu sein.

Das irische Land ist deshalb — ohne es verherrlichen oder die rigiden Formen sozialer Kontrolle schön reden zu wollen, auf seine Weise ein Raum der Freiheit. Eine alte aus Deutschland zugezogene Nachbarin, die es kleidungstechnisch stets extrem locker angehen ließ, pflegte diesen Lieblingsspruch: “Nicht so wichtig, wir sind doch hier in Irland”. In Ordnung, dachte ich mir — auch angesichts der vielen Vorbilder in meiner dörflichen Nachbarschaft — die Freiheit nehme ich mir doch gerne. Früher musste ich mich mit mühselig konstruierten Glaubenssätzen im rechten Licht behaupten: “Leute, die viel schreiben, haben keine blitzblank geputzten Häuser” (sei es weil die Zeit, die Aufmerksamkeit für das staubige Detail oder das Geld dazu fehlt). Oder diesen hier: “Männer spülen nicht ab, die weichen ein”. Oder den: “Wer Ordnung hält, ist zu doof, das Chaos zu verstehen.” Heute sage ich nur: “Wir sind doch hier in Irland“. Geht doch. Die Abwasch-Berge in der Küche rufen auch nur ganz, ganz leise. Viel, viel leiser als die Kerry-Berge da draußen. Ein schönes Wochenende!

* Irish Examiner vom 26. November, Seite 9.

Geschichten aus dem Glen: Leben & leben lassen

Wir wandern den gesperrten Weg im Dorf im Glen in Irland Das kleine Dorf im Glen ist ein Paradies für Spaziergänger und Wandersleute. Als eines der wenigen Dörfer in Irland verfügt das Dorf im Glen seit  vielen Jahren schon über ein ausgedehntes Wanderwegenetz. Der prächtigste, der schönste und historisch interessanteste Weg mit weitem Ausblick über die Bucht ist allerdings seit drei Jahren gesperrt. Die Tore tragen Verbotsschilder, die Wegweiser sind abmontiert, der Weg wächst zu. Spaziergänger, die ihn dennoch benutzen, treffen möglicherweise auf einen wichtigtuerischen Menschen, der ihnen bedeutet, dass sie dort nichts verloren hätten – und der sie zum Umkehren zwingt.

Geschichten aus dem Glen, IrlandDas Dorf im Glen ist stolz auf seine schönen Wanderwege. Regelmäßig zählen die Tourismusverantwortlichen im Dorf die Meilen ihres Wanderwegenetzes zusammen und beschreiben die Vorzüge der Wege und Pfade in bunten Broschüren. Dass der schönste und interessanteste aller Wanderwege rund um das Dorf nicht mehr dabei ist,  dass er seit drei Jahren geschlossen ist, wird in kleinen Zirkeln zwar erregt diskutiert. Dass der einzelgängerische Con den Weg eigenmächtig absperrt, obowhl er ihm gar nicht gehört und obwohl dort uralte Wegerechte bestehen, wird dann regelmäßig scharf verurteilt. Ändern aber tut sich nichts. Man lässt es sich gefallen.

Keine Behörde, die einschreiten würde. Keine Bürgerinitiative, die sich engagieren möchte. Ein Einzelner sorgt dafür, dass alle anderen einen Nachteil haben – und alle anderen geben sich geschlagen, nehmen den Nachteil in kauf. Warum ist das so in Irland? Ist das typisch irisch? Es ist, und der alte Mathematiklehrer Sean, ein Mann, dem man “a fine brain” attestiert, erklärt mit Irlands Geschichte der jahrhundertelangen Unterdrückung, warum das so ist:  ”Wegen unserer Vergangenheit gehen wir Iren auch mit Delinquenten, Abweichlern und Spinnern meist sehr nachsichtig um. Diese Liberalität nannten wir immer ‘Leben und leben lassen’. Wir wollen einfach nett sein. Heute allerdings wird die Nachsicht gerne ausgenutzt für egoistische Alleingänge, zur eigenen Bereicherung, zum eigenen kleinen Vorteil. Das ist schade”.

Sean sagt es, wie es ist. Ändern wird das im Moment nichts. Morgen vielleicht. Oder übermorgen. Am Ende relativiert der Mann aus der Stadt noch die Bedeutung eines Wanderweges für die Allgemeinheit: “Schau Dir an, was in unserer Stadt all die Jahre passiert ist: Hier verhindert eine einzige Familie zum eigenen Vorteil jegliche Entwicklung, jegliche geschäftliche Konkurrenz. Die Stadt steht still, nur weil diese Familie es will. Das ist schwerwiegend. Und doch sind die Verhinderer weiterhin geachtete Menschen in unserer Mitte. Keiner steht gegen sie auf, keiner klagt sie offen an. Dabei hätten wir allen Grund dazu.

Wahre Geschichten: Irland ist anders

Irland ist eben anders. Dieses große Wort hört man oft, wenn Deutsche sich über Irland unterhalten. Wenn man die ganzen Projektionen, die Wünsche, Sehnsüchte und Einbildungen, die ein solcher Satz enthalten mag, einmal nicht berücksichtigt: Ja, Irland ist anders. Anders als Deutschland, anders als die Erwartungen, die man und frau so hat, anders eben. Ein ganz normaler Tag im County Cork, drei Beispiele:

1. Beim Finanzamt: Wer als Freiberufler im Ausland lebt, hat mit Doppel-Besteuerungs-Abkommen und einschlägigen Formularen zu tun, um nicht im Herkunftsland und im  Aufenthaltsland gleichzeitig besteuert zu werden. Während deutsche Finanzbehörden und Unternehmen die Verfahren dieser Abkommen ernst nehmen und seriös bearbeiten, fragt mich die Finanzbeamtin im Finanzamt Cork nach dem Sinn. Warum soll sie das Formular abstempeln? Na, wenn sie es nicht weiß. Wo soll sie es abstempeln? Warum soll sie es eigentlich abstempeln? Die Dame blättert ratlos in dem Stapel Papier, dann seufzt sie “I don´t even try to understand it” – sinngemäß: “Ich werde erst gar nicht versuchen, das zu verstehen”. Sagts, stempelt flink über die Papiere und bedankt sich für mein Kommen. Sie will mich und den Papierkram los werden. Gern geschehen.

2. Im Parkverbot am Flughafen: Iren sind die Weltmeister im Schlupflochspringen – und sie geben in der Alltags-Routine regelmäßig Trainingseinheiten für den Nachwuchs und für Zurückgebliebene. Offizielle Durchsage am Flughafen Cork: “This is an important information for all car owners leaving their vehicle unattended. Car clamping is in operation. Please return to your cars as quick as possible.” ( Sinngemäß: “Dies ist eine wichtige Mitteilung für alle Autofahrer, die ihr Fahrzeug unbeaufsichtigt vor dem Terminal im Parkverbot geparkt haben. Kehren Sie sofort zu Ihrem Auto zurück”). Ist es nicht köstlich? Während die Polizei draußen gerade die Wegfahrsperren auspackt und schon saftige Beute wittert, warnt die Flughafenbehörde bußgeldgefährderte Autofahrer vor den bösen Buben mit den Parkkrallen. Hechel, Laufschritt, sekundengenaue Präzisionsarbeit. Gerade noch mal Glück gehabt.

3. Auf der Straße: Heimfahrt im Dunkel einer Regennacht. Vor uns am Straßenrand blitzen grelle Lichter auf. Eine Baustelle wahrscheinlich. Ein Unfall vielleicht. Wir kommen näher. In die Straße ragt eine große elektonische Warntafel, die üblicherweise über Baustellen, Umleitungen, Staus und Behinderungen informiert: Die Warnung blitzt in unseren Augen: “Vote No 1. O´Sullivan”.  Wählt Nummer 1, O´Sullivan. Am Freitag wählt Irland ein neues Parlament. O´Sullivan gibt uns Erleuchtung und will dafür wieder Abgeordneter werden.

PS: Wir werden (ihn) nicht wählen. Nicht ihn, Christy O’Sullivan, den Fianna-Fail-Mann mit dem Fahrverbot, weil er als Regierungspolitiker alles mitverbockt hat. Und gar nicht – weil wir leider kein Wahlrecht haben. Genauso wenig wie 3,5 Millionen Iren, Menschen mit irischem Pass, die derzeit nicht auf der Insel leben. Wer das Land verlässt, gibt das Wahlrecht an der Grenzkontrolle ab. Von Briefwahl keine Spur. Irland. Einfach anders.

Die Iren, die Gier, die Häuser und das Geld

“Greed” (Gier) ist neben “Bailout” ein in Irland gerne benutztes Wort in diesem stürmischen November. Die greedy Gaels. “Ja, ja, die Gier hat uns in dieses Desaster getrieben”, sagen Irinnen und Iren gerne selbstkritisch über sich – und auch der Rest der Welt spricht von den gierigen Iren, die mit  ihrer Celtic-Tiger-Sause bei europäischen Banken Schulden von über 370 Millliarden Euro angehäuft haben sollen. Und nun stellt sich die große politische Frage, ob deutsche (und andere europäische) Steuerzahler über den Umweg Europa und ECB gierige irische Banken retten dürfen, damit am Ende gierige deutsche (und andere europäische) Banken nicht auf den irischen Schulden sitzen bleiben.

Ein heftiger November-Sturm zerfetzte vor einigen Tagen ein überdimensionales Maklerschild am Straßenrand und wehte die Einzelteile durch die Gegend. Das Schild erinnerte an einen spektakulären Immobilendeal aus den Tagen, als in Irland der Immobilien-Tiger tanzte: Damals pries ein Hausbesitzer sein Eigenheim in West Cork, dessen Wert man bei nüchterner Betrachtung mit einigem guten Willen auf 500.000 Euro geschätzt hätte, für stolze 1,6 Millionen Euro an. Irische Gier? Warum, das taten doch alle.

Der Mann fand tatsächlich einen Käufer, und weil der Käufer so gutwillig und kaufbereit wirkte, setzte der Hausbesitzer noch einen obendrauf. Er bot seinem Verhandlungspartner zum Grund und Boden auch noch mehrere Eimer Wandfarbe für das schöne Häuschen an – zum Super-Günstig-Preis von nur 200 Euro. Und auch das alte gläserne Treibhäuschen wollte er gegen wenig Bares einfach im Garten stehen lassen. Irische Gier? Warum denn, man kann´s ja mal probieren.

Der Kauf platzte am Ende dann doch noch. Die 200 Euro Aufschlag für die Farbeimer spielten dabei wohl eine nicht ganz unwesentliche Rolle. Doch zu gierig gewesen, alter Ire?

Zu gierig ja. Viel zu gierig wahrscheinlich. Allein: Der verhinderte Hausverkäufer, der sich selber ein Bein stellte, stammt vom Kontinent, aus der Benelux-Ecke. Niederländer, Deutsche, Briten, Franzosen, Belgier und Amerikaner – sie alle haben beim großen Irland-Monopoly heftig mitgemischt und die Monster-Immobilienblase nach Kräften mit aufgebläht. Gier ist international. Gier gibt es überall – zumindest dort, wo es Menschen gibt. Greedy Humans. Was aber nicht zwangsläufig bedeuten muss, das deutsche Steuerzahler nun irische Banken retten sollen, damit diese wiederum ihre Schulden bei deutsche Banken zurück zahlen können.

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