Buch-Tipp: Lügenmauer. Ein Irland-Krimi

LügenmauerDas Buch: Lügenmauer von Barbara Bierach, erschienen im List-Verlag im Juli 2016, in der Taschenbuch-Ausgabe 288 Seiten, 9,99 €

Klappentext: Irland, die grüne Insel. Voller Mythen, Dichter und Musik. Doch Emma Vaughan, Inspector bei der Mordkommission in Sligo an der verregneten irischen Nordwestküste, kriegt von diesem Irland der Touristenbüros nicht viel mit. Als Protestantin und geschiedene, alleinerziehende Mutter weckt sie in einem zutiefst katholischen, männlichen Polizeicorps meist nur Misstrauen. Ausgerechnet den Mord an einem hochrangigen Mitglied der Kirche soll Emma ermitteln. Die Spur führt in ein Kloster, in dem in den Sechzigerjahren junge Mütter ihre unehelichen Kinder zur Welt brachten. Ein dunkles Kapitel der irischen Geschichte. Was aber passierte mit den Kindern? Emmas Fragen treffen nur auf eisiges Schweigen. Um der unglaublichen Wahrheit auf die Spur zu kommen, muss Emma sich auch den Geistern ihrer eigenen Vergangenheit stellen.

Nach dem Lesen: Ein Irland-Krimi, der Start einer Reihe um Ermittlerin Emma Vaughn. Die Info über den Inhalt macht neugierig. Das Buch liest sich gut und flüssig. Einzig Probleme bereitete mit, dass die Autorin die Ermittlerin als Emma bezeichnet und dann zwischendurch immer wieder nur als „Em“. Vor allem zum Ende des Buches tauchen diese beiden Bezeichnungen manchmal sehr schnell aufeinander folgend auf, was kurzfristig für etwas Verwirrung sorgen kann.

In diesem Krimi stehen das Land und die Leute im Vordergrund, nicht unbedingt der Fall an sich. Es ist also nicht (nur) ein klassischer Krimi, in dem man den Ermittlungen und Spuren folgt. In drei unterschiedlichen Zeiten (1964/1965, 2004 und 2005) wird diese Geschichte erzählt, in der sich nach und nach die Informationen aus allen drei Zeitsträngen zu einem Gesamtbild verbinden. Das Buch beginnt 1964, ohne Einführung landet man direkt in der Erzählung und wird Zeuge eines Verbrechens, welches ein Grund für das Verbrechen in der Gegenwart ist.

Barbara Bierach verbindet in ihrem Krimi „Lügenmauer“  die Ermittlungen mit der irischen Geschichte, vor allem den sogenannten Magdalenen-Häusern, in denen „gefallene Mädchen“ ihre Kinder zur Welt brachten und zur Abgeltung ihrer „Sünden“ schwer arbeiten mussten. Viele dieser Kinder wurden (zwangs)adoptiert, die Mädchen teilweise nicht einmal mehr in ihren eigenen Familien akzeptiert. Zwischendurch werden immer wieder kurze Informationen eingestreut, die manchmal etwas konstruiert wirken, da sie für den Verlauf der Erzählung nicht wirklich nötig sind und zumindest mir das Lesen ab und zu etwas erschwert haben. Zum Beispiel: „Dabei kam sie am Gericht vorbei, das von demselben Architekten entworfen worden war, der auch Cassiebawn Castle in Mullaghmore in die Landschaft gesetzt hatte. Auch das Courthouse war ähnlich überzogen gestaltet, säulenverziert und türmchenbewehrt, wie das Schloss in der Nähe des Pubs, wo Charles angeblich seine Stelldicheins pflegte, und beide Gebäude passten in ihre Umgebung wie Rhesusäffchen in einen Eichenwald.“

Fazit: Alles in allem ist dies ein gut zu lesender Krimi, bei dem es mehr um eine Familiengeschichte und den langen Arm der Kirche geht. Dieses Buch kommt ohne viel Blutvergießen aus und vermag es geschickt, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verknüpfen. Mir war relativ schnell klar, wer der Täter ist, allerdings hat Barbara Bierach es verstanden, immer wieder Zweifel einzustreuen und das Ende zumindest für mich doch noch überraschend zu gestalten.

Lügenmauer von Barbara Bierach, gelesen und vorgestellt von Antje Wendel. Das Buch gibt es hier bei Amazon.

 

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Moderner Luxus: Der Reiz des irischen Landlebens

Was ist wahrer Luxus? Man kann ihn nicht im Duty Free Shop, aber auf dem irischen Land finden . . .

Was ist wahrer Luxus? Man kann ihn nicht im Duty Free Shop, aber auf dem irischen Land finden . . .

Meine Mutter ist eine in sich ruhende, zufriedene Frau. Selbst dem Altwerden gewinnt sie positive Seiten ab. Warum sich mühen und wehren gegen etwas, das frau sowieso nicht ändern kann? Nur ganz selten lässt sich die 82-jährige aus der Ruhe bringen. Ich erinnere mich an wenige Ausnahmesituationen, etwa an diese. Sie hatte mit einer alten Freundin telefoniert und danach irritiert festgestellt: „Stell Dir vor, sie hat 25 Minuten nur geklagt und sich beschwert.“

Lebensweisheit, die innehalten lässt. Denn es gibt jeden Tag einen Grund, dankbar zu sein und Danke zu sagen. Man muss ihn nur finden wollen. Ich danke heute morgen all den Menschen, die meine Beiträge aus und über Irland lesenswert genug finden, um sie zu lesen, weiter zu empfehlen, und sogar in Buchform zu kaufen. Danke! So ging mein erstes Irland-Buch Irland. Ein Länderporträt * sogar auf die Langstrecke. Es wird so gerne gekauft, dass es bereits in der dritten, aktualisierten Auflage unterwegs ist. Ein Dank an alle, die das ermöglicht haben.

Zum Dank heute morgen ein (kostenloser) Auszug aus der 3. Auflage, ein paar Anmerkungen über unser Leben auf dem irischen Land, zu denen mich ein Essay von Hans Magnus Enzensberger inspiriert hat.

Exkurs. Moderner Luxus: Vom Reiz des irischen Landlebens

Irland Buch Bäuchle„Für Stadtmenschen erscheint das Leben in der vielerorts menschenarmen Landschaft, in der zivilisatorisch reizarmen Umgebung fern der kontinentaleuropäischen Metropolen langweilig bis unerträglich. Andere, und der Autor schließt sich hier mit ein, erkennen darin ein großes Stück Luxus, wie es der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger schon 1996 für den Spiegel in einem Essay über den Luxus der Zukunft beschrieb. Enzensberger schrieb: »Der Luxus der Zukunft verabschiedet sich vom Überflüssigen und strebt nach dem Notwendigen, von dem zu befürchten ist, dass es nur noch den Wenigsten zu Gebote stehen wird. Das, worauf es ankommt, hat kein Duty Free Shop zu bieten.« Er zählte dann die sechs zukunftsfähigen Luxusgüter auf:

»1. Die Zeit. Sie ist das wichtigste aller Luxusgüter. Bizarrer weise sind es gerade die Funktionseliten, die über ihre eigene Lebenszeit am wenigsten frei verfügen können. […] Unter solchen Bedingungen lebt luxuriös, wer stets Zeit hat, aber nur für das, womit er sich beschäftigen will, und wer selber darüber entscheiden kann, was er mit seiner Zeit tut, wieviel er tut, wann und wo er es tut.

2. Die Aufmerksamkeit. Auch sie ist ein knappes Gut, um dessen Verteilung sämtliche Medien erbittert kämpfen. Im Gerangel von Geld und Politik, Sport und Kunst, Technik und Werbung bleibt wenig von ihr übrig. Nur wer sich diesen Zumutungen entzieht und das Rauschen der Kanäle abschaltet, kann selbst darüber entscheiden, was Aufmerksamkeit verdient und was nicht. Unter dem Trommelfeuer arbiträrer Informationen nehmen unsere sinnlichen und kognitiven Fähigkeiten ab; sie wachsen mit der Reduktion auf das und nur das, was wir selber sehen, hören, fühlen und wissen wollen. Auch darin kann man ein Moment von Luxus sehen.

3. Der Raum. Was für die Ökonomie der Zeit der Terminkalender, ist für die des Raumes der Stau. Im übertragenen Sinn ist er allgegenwärtig. Steigende Mieten, Wohnungsnot, überfüllte Verkehrsmittel, Gedränge in den Fußgängerzonen, Freibädern, Diskotheken, Touristenzonen zeigen eine Verdichtung der Lebensverhältnisse an, die an Freiheitsberaubung grenzt. Wer sich dieser Käfighaltung entziehen kann, lebt luxuriös. Dazu gehört auch die Bereitschaft, sich aus dem Warenberg freizuschaufeln. Meist ist die ohnehin viel zu kleine Wohnung mit Möbeln, Geräten, Nippes und Klamotten verbarrikadiert. Was fehlt, ist jener Überfluß an Platz, der die freie Bewegung überhaupt erst möglich macht. Heute wirkt ein Zimmer luxuriös, wenn es leer ist.

4. Die Ruhe. Auch sie ist ein Grundbedürfnis, das immer schwerer zu stillen ist. Wer den allgegenwärtigen Krach vermeiden will, muß einen hohen Aufwand treiben. […] Der tobende Verkehr, das Heulen der Sirenen, das Knattern der Hubschrauber, die dröhnende Stereoanlage des Nachbarn, die monatelang wummernden Straßenfeste – Luxus genießt, wer sich alledem entziehen kann.

5. Die Umwelt. Daß man die Luft atmen und das Wasser trinken kann, daß es nicht qualmt und nicht stinkt, ist bekanntermaßen keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Privileg, an dem immer weniger Menschen teilhaben. Wer sie nicht selbst erzeugt, muß Lebensmittel, die nicht vergiftet sind, teuer bezahlen. Den Risiken für Leib und Leben am Arbeitsplatz, im Verkehr und im gemeingefährlichen Freizeitrummel aus dem Weg zu gehen dürfte den meisten schwerfallen. Auch in dieser Hinsicht sind es die Möglichkeiten des Rückzugs, die immer knapper werden.

6. Die Sicherheit. Sie ist wahrscheinlich das prekärste aller Luxusgüter. In dem Maß, in dem der Staat sie nicht mehr garantieren kann, steigt die private Nachfrage und treibt die Preise in die Höhe.«

Kluge Gedanken von Hans Magnus Enzensberger, der schon 1996 mutmaßte, dass die Zukunft des Luxus »nicht wie bisher in der Vermehrung, sondern in der Verminderung, nicht in der Anhäufung, sondern in der Vermeidung liegt«. Raum, Ruhe, Umwelt und Sicherheit: Vielerorts im ländlichen irischen Westen gibt es Orte, die diesen immateriellen Luxus im Sinne Enzensbergers in sich bergen und als Erfahrung ermöglichen. Wer sich dann noch die Zeit nehmen kann, sich dies zu vergegenwärtigen, und die Aufmerksamkeit für das Wesentliche aufbringt, genießt die Privilegien eines Luxuslebens. Doch nun Schluss mit der Naturschwärmerei . . .“

So weit der Auszug aus der 3. Auflage. Ein Jahr nach der Aktualisierung möchte ich ergänzen: Die Güter Sicherheit und Echtheit werden in diesen unruhigen, gewalttätigen, diesen virtuellen und flüchtigen Zeiten zu einer wahrhaft raren und äußerst wertvollen Ressource.

Das Buch kostet 18 Euro. Und es hat ein neues Cover (Abbildung oben). Es kann auch hier online gekauft werden: Mein Link zu Amazon.de  Ich freue mich derweil, dass ich einen Beruf neben dem Bücherschreiben ausübe, mit dem sich auch unser Lebensunterhalt verdienen lässt, und der genauso viel Spaß macht wie das Schreiben (www.wanderlust.de)

 Hier der Waschzettel meines Verlags, des Ch. Links Verlags Berlin, zum Buch:

Markus Bäuchle  
Irland
Ein Länderporträt
Erschienen: Juni 2015
Auflage: 3.
Erstveröffentlichung: Juni 2015
Ausstattung: Klappenbroschur
Format: 12,5 x 20,5 cm
Seitenzahl: 208
Karten: 1
ISBN: 978-3-86153-741-0
Reihe / Kategorie: Länderporträts
Grüne Wiesen, Schafe, Whiskey, bunte Cottages und freundliche, redselige Menschen mit viel Zeit. Kein Land in Europa provozierte so viele Wohlfühl-Klischees wie Irland, die grüne Insel im Atlantik.
Markus Bäuchle kennt das kleine Land mit der bewegten Geschichte seit Ende der 1970er Jahre. Er hat das traditionelle Irland, den rasanten Aufstieg in den Wirtschaftswunderjahren und den tiefen Fall nach dem Platzen der Immobilienblase miterlebt. Er beschreibt den Alltag und den Facettenreichtum des amerikanischsten Landes Europas auf seiner Achterbahnfahrt der Selbstfindung.
Ein informatives und spannendes Buch über eines der widersprüchlichsten und zugleich dynamischsten Länder der Gegenwart – und eine Liebeserklärung.
 Pressestimmen

Der Autor des brandaktuellen Irland-Buches hat nicht etwa im Sinn, das verklärte Inselbild vieler Deutscher mit noch mehr grünen Tupfern zu versehen. Stattdessen räumt er entlang harter Fakten, entlang launiger Ankdoten und historischer Ausdeutungen mit Klischees über das Land und seine Leute auf – ohne je seine Liebe zu beiden zu leugnen.
Martin Hatzius, Neues Deutschland

Markus Bäuchle widmet sich der Landeskunde, der Historie, der Wirtschaft, dem komplizierten Verhältnis zu Großbritannien und der Nähe zu Amerika und der Freizeitgestaltung der Iren. Liebevoll beschreibt er die einzigartige Naturlandschaft und klärt den Leser über Feen und Naturgeister auf. Ein guter Tipp für Irland-Fans.
Ute Köhler, abenteuer und reisen

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Redheads: Das Klischee von den rothaarigen Iren

Photographer Jörg Köster has captured over 1,000 natural redheads in a five year project in collaboration with the Irish Redhead Convention. A selection of these stunning images will be on display in Cork Airport from 7 - 31 March 2016. Photo Jörg Köster

Photo Jörg Köster

Rothaarige Iren. Wie stellt man sich die typischen Irinnen und Iren vor? Natürlich sommersprossig, weißhäutig und rothaarig. Im wirklichen Leben wird man die rothaarigen Iren jedoch suchen müssen, denn nur jeder zehnte eingesessene Inselbewohner trägt tatsächlich einen roten Haarschopf, was bedeutet: neun von zehn tragen keinen. Das Image von den rothaarigen Iren hält sich dennoch hartnäckig – und zugegeben: Es ist nicht vollkommen falsch.

 

Irland Rothaarige

Versammlung der rothaarigen Iren. Ausstellung des Fotografen Jörg Köster am Cork Airport

 

Der Anteil der rothaarigen Menschen weltweit beträgt ein bis zwei Prozent, Rot ist damit die seltenste Haarfarbe auf der Welt. In Europa gibt es vier Prozent Rothaarige, sie leben vor allem in Europas Norden und Westen. In Irland stellen sie immerhin zehn Prozent der Bevölkerung, und 30 Prozent der Iren tragen die rezessiven genetischen Anlagen in sich. Die mit Abstand meisten Redheads leben aber auf der anderen Seite der Irischen See, in Schottland: 14 Prozent tragen dort über dem Rock rot (und darunter auch). Was uns lehrt: Die Schotten sind die wahren Rotköpfe Europas.

 

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Wer viele, viele rothaarige Irinnen und Iren sehen will, hat dazu am Flughafen von Cork Gelegenheit. Dort wird in der Abflug- und Empfangshalle gerade die Ausstellung Redhead Portrait Exhibition gezeigt. Die Serie schöner großformatiger Porträts von Irinnen und Iren mit roten Haaren  ist sehenswert. Also: Gehn wir zum Airport, Fotos schauen . . .  Ausgerechnet ein Deutscher, der bei Blarney im County Cork lebende Fotograf Jörg Köster, pflegt dort das Klischee der rothaarigen Iren mit seinen gelungenen Porträtaufnahmen. Er tut das zusammen mit den Initiatoren der Irish Redhead Convention. Das große Treffen der Irischen Rothaarigen findet seit dem Jahr 2010 jeden Sommer in Crosshaven, County Cork statt. Was als Stammtisch-Idee der rothaarigen Geschwister Joleen and Denis Cronin begann, ist mittlerweile zum ansehnlichen Event herangewachsen. Und nicht nur irische Redheads werden dieses Jahr vom 21. bis 23. August in das Küstendorf östlich von Cork City pilgern. Denn immerhin gibt es längst eine Internationale der Rothaarigen.  Sie wurde schon vom Holländer Bart Rouwenhorst im Jahr 2005 ins Leben gerufen.

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Rothaarige Frau. Porträt von Jörg Köster

Der Künstler Rouwenhorst ist ein rothaariger Experte für alles Rothaarige. Bart hat den jährlichen „Internationalen Rothaarigentag“ im niederländischen Breda erfunden und kämpft selbstbewusst für die Rothaarigen, die allzu oft Zielscheibe für Angriff sind. Wir fragten Bart: “Werden Rothaarige diskriminiert?” Offensichtlich, so Bart, werden Rothaarige vor allem in Großbritannien gehänselt und gestichelt, was gut ins Bild passt. Dort werden Rothaarige als „Gingers“ oder „Carotheads“ (Karottenköpfe) verunglimpft, und es gab schon einige erfolgreiche Antidiskriminierungs-Klagen gegen britische Peiniger. Einer britischen Kellnerin wurden beispielsweise 18 000 Pfund Schmerzensgeld zugesprochen, weil Arbeitskollegen sie wegen ihrer roten Haare gehänselt hatten . . .

Warum gerade Rothaarige und rothaarige IrInnen oft Ziel von Angriffen und Verunglimpfungen waren und noch immer sind, habe ich in meinem Buch Irland. ein Länderporträt beschrieben. Das gibt es hier zum weiter lesen . . . 

Fotos Airport: Markus Bäuchle / Alle Porträts: Jörg Köster

 

 

 

Irland brennt. Die Menschen schweigen.

Ginsterfeuer in Irland

Alle Jahre wieder: Ginsterfeuer in Irland. Aufnahme von gestern nacht

Irland brennt wieder. Jedes Jahr das gleiche gefährliche Ritual. Die Hochdruck- und Trockenzeit in Irland hält nach einem langen nassen Winter nun seit zwei Wochen an. Sie bringt schöne Tage und unruhige Nächte. Denn die Berge und Weiden in der Umgebung brennen wieder lichterloh. Was Bauern, sture Traditionalisten und erregte Pyromanen sonst gerne im Dezember und Januar treiben, findet wetterbedingt erst jetzt statt. Nach dem 1. März sind eigentlich alle sogenannten Ginsterfeuer in Irland verboten.

Macht aber nichts. Denn Politik und Polizei pflegen einen äußerst laxen Umgang mit dem Problem, das Tiere tötet, die Flora zerstört, Menschen ängstigt und schädigt. Farmer berufen sich sogar auf ihre Pflicht, den Ginster und Sträucher und Bäume (!) in ihren Feldern zu bekämpfen, weil ihnen sonst gravierende Strafen vom Landwirtschaftsministerium drohen. Seien die Weiden in einem „ungepflegten“ Zustand drohten laut der Tageszeitung Irish Examiner* Strafen und Subventionskürzungen. Ob der Landwirtschaftsminister auch noch vorgeschrieben hat, dass diese Feuer nach dem 1. März wüten sollen, und ob er angeordnet hat, dass sie vor allem heimlich nachts angezündet werden müssen?

Die Feuerwehren haben nun Großeinsatz und kämpfen bis zur absoluten Erschöpfung. Der Himmel, hell erleuchtet, hebt sich im weiten Umkreis über den Feuern grell rot vom Schwarz der Nacht ab. Das Knistern, Knacken und Rauschen der oft Kilometer langen Feuerlinien hört sich unheimlich an. In Irland wartet man eher selten auf Regen. Jetzt täte er gut. Erinnerungen an das vergangene Jahr werden wach, als ein tagelang wütendes Feuer im Killarney Nationalpark 5000 Hektar Land und wertvollen Wald verwüstete.

Feuer Irland

Alle Jahre wieder: Ginsterfeuer in Irland

Die jährlich wieder kehrende Feuersbrunst, mit der Irland überzogen wird, wird nur ganz langsam zum öffentlichen Thema. Eigentlich wissen fast alle Menschen im Dorf, wer in den Wintermonaten nachts bei Ostwind den Benzinkanister auf die Weide schleppt. Aber die irische Omerta funktioniert noch immer ganz gut.  Schweigen ist die erste Bürgerpflicht. Die Einsätze der Feuerwehr sind einsam, Menschen lassen sich lieber nicht blicken — es sei denn, sie wähnen sich in großer Gefahr. Nur wenn Häuser bedroht sind, oder auch schon mal brennen, gibt es einen lokalen Aufschrei – und meistens schreien nicht die Einheimischen.

Zögerlich entstehen in den sozialen Netzwerken nun Kampagnen gegen die Ginsterfeuer. Auch die lokale Feuerwehr in Bantry pflegt mittlerweile einen Twitter-Account, mit dem sie die Bevölkerung über Ihre Einsätze informiert und auch immer wieder auf die schlimmen Folgen der fatalen Feuer hinweist (Foto unten). Das sind kleine Schritte in die richtige Richtung.

 

 

 

Irland Buch BäuchleIn meinem Buch Irland. Ein Länderporträt habe ich auch über die irischen Berg- und Weiden-Feuer geschrieben. Interessante Erkenntnis: Kontrolliertes Abbrennen kann die Bio-Diversität in einem Lebensraum sogar fördern. Allerdings wurden diese Tests auf kleinen, streng kontrollierten Flächen gemacht. Hier ein Auszug aus dem Buch:

. . . sie gehören zum Jahresritual wie Ostern und Weihnachten. Man nennt sie Bog Fire (Moorfeuer) oder Gorse Fire (Ginsterfeuer) und sie flackern während trockener Perioden von Dezember bis April. Geredet wird darüber nur hinter vorgehaltener Hand. Doch meist sind es Farmer, die sich mit einem schönen windgetriebenen Großbrand die Arbeit sparen, ihre Schafweiden offen zu halten und den Ginster, die Brombeeren, den Gagelstrauch und die Pionierhölzer herauszuschneiden. Das thermische Mähen wird seit Generationen praktiziert und gilt schon deshalb als korrekte landwirtschaftliche Methode. Der irische Staat erlaubt Bauern das kontrollierte Abbrennen vom 1. September bis Ende Februar, und steht mit dieser Praxis ziemlich alleine da. Aus Umwelt- und Sicherheitsgründen ist der Feuereinsatz in der Landschaft in den meisten Ländern Mitteleuropas seit Jahrzehnten streng verboten.

Ein erschöpfter Feuerwehrmann in West Cork erklärte mir im Jahr 2009 nach zweitägigem Dauereinsatz in den Bergen, dass die Zunahme der Feuer vor allem mit der Lage der Landwirtschaft zu tun hat: Diese ist in den Berggebieten auf dem Rückzug, das Land wächst zu, und die Farmer betreiben ihre Landwirtschaft meist nur noch nebenberuflich. Deshalb bleibt oft nur der Weg, bei trockenem Ostwind ein Streichholz ans dürre Gras zu halten.  

Die Feuer sorgen für besseren Lichteinfall und bereiten das Grasland für die nahende Vegetationsperiode vor. Im Winter abgebranntes Land steht im Frühjahr als erstes in sattem Grün und lädt die Schafherden zum Grasen ein. Der naturnah arbeitende Bauer Jackie O`Shea erinnert sich, dass es diese Feuer in der Vergangenheit nicht in dieser Menge und Größe gegeben hat. In den “alten Zeiten“ haben die Bauern ihr Vieh zweimal pro Jahr auf dieselbe Weide geschickt: Um die weniger schmackhaften Pflanzen wie Ginster und Gagel abzuräumen, muss die Wiese auch im Winter beweidet werden, wenn das Nahrungsangebot eingeschränkt und das Vieh weniger wählerisch ist. Das allerdings geschieht heute fast gar nicht mehr. Große Flächen liegen völlig brach, und so findet das Feuer reichlich Nahrung und kann sich schnell und großflächig ausbreiten. Immer wieder geraten die Feuer außer Kontrolle und gefährden Häuser und Menschen.

Unter die flämmenden Farmer mischen sich feuereifrige Pyromanen, die die Brand-Saison für eigene Zwecke nutzen. Meist weiß die ganze Gemeinde, wer das jeweils aktuelle Feuer gelegt hat und warum es außer Kontrolle geraten musste. Es herrscht allerdings so etwas wie “Omerta”, die Pflicht zu schweigen. Man sagt nichts und man deckt die Zündler, regt sich über die Autofahrer auf, die wohl eine “Zigarettenkippe aus dem Fenster geworfen haben”. In unserer Gemeinde in der Bantry Bay wüten jedes Jahr vier,  fünf große Weidefeuer – bis heute hörten wir von keinerlei Konsequenzen für die Verantwortlichen. Die Kosten für die Einsätze der Feuerwehren belaufen sich alleine in West Cork auf eine halbe Million Euro pro Jahr, landesweit wird das Abbrennen deshalb mit vielen Millionen Euro Steuergeldern indirekt subventioniert.

Die Kritiker allerdings, die Irland Rückständigkeit vorwerfen und die ökologischen Schäden der Ginsterfeuer kritisieren, könnten eines Besseren belehrt werden: Auch in Deutschland gibt es wieder Versuche mit Feuer als Instrument der Landschaftspflege und des Naturschutzes. Einige Ergebnisse der kontrollierten und auf kleine Flächen begrenzten Tests sind verblüffend: Die CO2-Bilanz des Feuereinsatzes ist neutral und dem Einsatz von Maschinen überlegen. Die Artenvielfalt wird nicht generell eingeschränkt, das Leben kehrt auf die abgebrannten Flächen schnell zurück, das Feuer kann sogar für die Ansiedlung neuer Arten sorgen.

Wenn die Urlauber im Frühjahr nach Irland kommen, sehen sie jedenfalls nichts mehr von den Dramen des Winters: Sie bewundern die saftig-grünen Wiesen und freuen sich über ein Irland wie aus dem Bilderbuch.

Und so wird es sein.

Ginsterfeuer Irland_2016* Quelle: Irish Examiner vom 22. März 2016
Alle Fotos: Markus Bäuchle, aufgenommen am 21. März 2016

Sehnsuchtsland Irland ohne grüne Brille

Eichenwald

Irland hat auch Wald? Eichenwald! Fehlen nur die Fairies . . .

Sehnsuchtsland Irland. Man trifft viele Entscheidungen im Laufe eines Lebens – manche gute, manche weniger gute. Eine meiner besten Entscheidungen war es, vor 15 Jahren von München an die Atlantikküste im Südwesten Irlands zu ziehen.  Natürlich war dieser Umzug in die Naturlandschaft West Corks mit Hoffnungen verbunden, und natürlich verklärten wir die neue Wahlheimat zunächst und priesen sie „über den grünen Klee.“

Im Lauf der Jahre wich das verklärt-naive Irland-Bild einer vom Alltag geläuterten Einschätzung. Die Freude und die Begeisterung, hier leben zu können, sind geblieben. Und unser ursprüngliches Mantra hat die Jahre der Reife auch überstanden: Irland ist anders. Anders als Deutschland, anders als der Rest Europas, anders als sein eigenes Image, oft sogar anders als es selbst – weil dieses Irland ein Land der zwei Geschwindigkeiten geworden ist. Anders, und deshalb immer interessant.

Wir haben unser Leben in der Wahl-Heimat Stück für Stück verändert (wir, das sind Eliane, die Kinder, ich). Wir haben etwa das eigene Reisen ersetzt durch das Veranstalten von Reisen für Andere und betreiben seit einigen Jahren einen kleinen (und hoffentlich feinen) Reiseveranstalter für Wandern und Naturreisen (www.wanderlust.de). Aktiv erhalten haben wir uns den offenen, unvoreingenommenen Blick für die Menschen, die Dinge, die Welt, das Land, in dem wir leben. Und die Liebe zur Natur, die hier noch, anders als anderswo, weitgehend intakt ist. Mit dieser Einstellung begrüßen wir seit Jahren unsere Gäste.

Wir zeigen den Gästen aus dem deutschsprachigen Europa beim Wandern die schönsten Orte an Irlands südwestlicher Atlantikküste, unsere Lieblingsplätze und unsere Geheimtipps, die nicht jeder Irlandreisende zu sehen bekommt. Wir beschreiben für sie dieses Land, das so anders ist. Wir erklären wo und warum es anders ist als die Heimat. Und wir erzählen die ganze Geschichte. Wir erklären neben den schönen auch die Schattenseiten dieses Landes, das wie jedes andere seinen Alltag hat, seine Probleme und seine kollektiven Sorgen.

Irland ist auch anders, weil die so freundlichen wie leidgeplagten Menschen durchaus komplexe Wesen sind. Irland ist nach Abnehmen der grünen Brille anders, weil es ein Land mit großer sozialer Ungleichheit und vielen Ungerechtigkeiten ist, weil es massive Umweltprobleme zu lösen hat, weil . . .  Wir erzählen unseren Gästen die Wahrheit über ungesunden irischen Zuchtlachs genauso wie die wunderbaren Geschichten vom  Elfen-Versteher Eddie Lenihan. Im übertragenen Sinne: Wir lesen Ihnen lieber aus der Länderkunde vor als aus dem Werbeprospekt. Unsere Gäste schätzen diesen Ansatz. Mehr als andere.

Von Fach-Kollegen aus der Reisebranche und den Traditionalisten, die unbeirrt das Image von einem Wohlfühl-Kuschelschäfchen-Irland propagieren, das es nicht mehr gibt und so wohl nie gegeben hat, von ihnen hören wir immer wieder, dass man doch nicht „diese negativen Geschichten“ ansprechen dürfe.  Ich frage dann einfach zurück, ob wir die Menschen, die dieses Land besuchen, generell für beschränkt halten sollten?

Themenwechsel. Wir schreiben auch Bücher über das, was wir gut kennen, über Irland. Mehr Länderkunde als Werbeprospekt. Die fleißigen Tourismus-Werber von Tourism Ireland in Frankfurt  („Irland Information“) haben letztlich auch eine nette Einsortierung für uns gefunden. Judith von Rauchhaupt schreibt im aktuellen TI-Presse-Newsletter über unser neues Buch „111 Gründe, Irland zu lieben„:

Irland liebenDer Titel verrät es schon: Dieses Buch erzählt die ganze Wahrheit über Irland. Blökende Schafe, grüne Wiesen, Whiskey und Black Stuff sind nur die eine Seite. Die andere Seite Irlands braucht mehr Nähe und Erfahrung mit Land und Leuten. Und die bringen die Autoren Markus Bäuchle und Eliane Zimmermann als seit 15 Jahren ausgewanderte Irlandliebhaber mit. Da kann man unter den 111 Weil-Überschriften wie „Weil die Iren die besten Verlierer der Welt sind“ auch 111 Liebeserklärungen etwa an die besten Haushunde der Welt, den Tanz als Geschicklichkeitstraining, an einsame und wilde Orte, an Geschmackssachen und echte Pints lesen. Alle Weils zusammengenommen, ergibt das ein schönes Kompendium über die irische Mentalität und Lebensart. Es ist amüsant, wortgewandt fast wie die Iren selbst und ebenso querdenkerisch verfasst und ein Lesestoff für alle, die Irland mit offenem Herzen bereisen wollen. Weshalb nun die Iren die besten Verlierer der Welt sind, steht in Liebeserklärung Nr. 25. Es hat irgendwie damit zu tun, dass die Iren große Niederlagen gerne in Jahrestage ummünzen, um am Ende doch noch als Gewinner aus ihnen hervor zu gehen. Wenn das funktionieren sollte, so die Theorie des Autors, müssten die Iren im Jahr 2500 Fußballweltmeister werden. Aber bis dahin ist es ja noch ein großes irisches Weilchen hin. Markus Bäuchle und Eliane Zimmermann, 111 Gründe Irland zu lieben, Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt, Schwarzkopf&Schwarzkopf Verlag, Berlin 2015, 256 Seiten, 9,99 Euro

Es ist amüsant, wortgewandt fast wie die Iren selbst und ebenso querdenkerisch verfasst. Das klingt gut, geht runter fast wie Öl. Auch Querdenker dürfen sein, wenn man erfolgreich ist. Einen fröhlichen Dank an den Main — und diskutieren wir jetzt einfach mal gar nicht drüber, dass es auch jede Menge Iren gibt, denen jedes sinnhafte Wort nur ganz schwer über die Lippen kommt . . .

15.10.1

Ein schöner Platz für den Rest der Ewigkeit

Friedhof Irland

Kilmakilloge Graveyard, Irland, County Cork

Ein Platz für die Ewigkeit. Habt Ihr einen wichtigen Rat von den Eltern auf den Weg mit bekommen, der Euch ein Leben lang begleitet? Einer alten Freundin riet deren Mutter einst, sie solle sich immer einen Wohnsitz mit einem guten und weiten Ausblick wählen. Das sei wichtig für die Wahrnehmung und den eigenen Horizont. Die Freundin hat es beherzigt und ich erinnere mich an die Geschichte, weil auch ich den Blick aus dem Haus für wichtiger halte als den Blick ins Haus. Ich genieße die Aussicht von Schreibtisch aufs Meer. Ich liebe den Blick aus dem Fenster ins Grüne, auf den Wald, das Wasser. Ich mag es auch, auf Berggipfeln zu stehen, um den weiten Blick in alle Richtungen zu genießen.  Und ich stelle mir vor, dass die Toten auf dem irischen Friedhof von Kilcatherine oder dem von Castlehaven oder dem von Kilmakilloge, ein besonders schönes Fleckchen für den Rest der Ewigkeit „bewohnen.“ Weil sie den Blick aufs Meer haben, hätten . . .

Dass Tote den ewigen Blick auf das Meer genießen, scheint ein etwas irrationaler Gedanke, und doch wird er seit vielen Menschengenerationen so oder ähnlich gedacht. Robert Macfarlane hat darauf hingewiesen, dass es einen engen Zusammenhang zwischen der wilden Natur, dem Totsein, dem Toten und dem Ausblick gibt. Hier eine Passage aus seinem lesenswerten Buch Karte der Wildnis, in dem Macfarlane sprachgewaltig die Suche nach den letzten unberührten Flecken Natur in Großbritannien und Irland beschreibt:

Das Wilde und das Tote waren lange Zeit eng miteinander verwoben. Auch wenn wir es heute gewohnt sind, unsere Toten ordnungsgemäß in geweihter Erde zu bestatten – Reihen um Reihen von Grabsteinen -, ist dies nicht immer so gewesen. Oft war die Wildnis der Ort, an den die Toten zurückkehrten, wo sie in die Erde glitten wie in Wasser.

Am 18. April 1430 wurde John Reve, ein Handschuhmacher aus dem Dorf Beccles in Suffolk, zum Bischofspalast in Norwich beordert, um Rechenschaft über seinen Irrglauben abzulegen, da er es für richtig hielt, die Toten in der Wildnis zu begraben. Reves Verteidigungsrede ist überliefert. „Ich denke, glaube und bekräftige“, lautete seine mutige Erklärung vor dem Tribunal, „dass es ein ebensolcher Verdienst, Lohn und Gewinn für jeden Christenmenschen ist, auf Misthaufen, Wiesen und in der freien Natur bestattet zu werden, wie in Kirchen und Kirchhöfen.“

Irischer Friedhof

Castlehaven Graveyard, Irland, County Cork

Reves bewegender Glaube an die Richtigkeit des Begräbnisses in freier Natur würde später noch oftmals aufgegriffen, inner- und außerhalb der christlichen Tradition. Im 17. Jahrhundert begruben die Quäker ihre Toten als Zeichen des Protests auf Obstwiesen und in Gärten, während der Marquis de Sade in seinem Testament verfügte, sein Leichnam möge von einem Holzhändler aus seiner Gegend auf einen Wagen geladen, in ein Waldstück seiner Ländereien gebracht und dort in ein frisch ausgehobenes Grab gelegt werden. „Sobald das Grab zugeschaufelt ist“, forderte er, „sollen Eicheln darüber gesät werden, damit neue Bäume die Stelle bewachsen und das Gehölz wieder so dicht sein wird wie vordem und die Spur meiner Grabstätte von der Erdoberfläche verschwindet.“  . . .

Ein irischer Freund erzählte mir einmal, wie seine Tante die ganze Familie aufgebracht hatte. Eines Sommers, als alle außer Haus waren, war ein Verkäufer zu ihr an die Tür gekommen. Sie ließ in herein, hörte ihm zu und kaufte sein Produkt: eine Grabstelle. Die Familie meinte, dass sie sich hatte neppen lassen, und wollte, dass sie ihr Geld zurückverlangte. Aber sie dachte gar nicht daran. Die Grabstelle liege ganz oben auf einer Klippe, sagte sie, in seltener Lage, und zeigte den Ort auf der Landkarte. Von dort konnte man weit über den Atlantik schauen. Ein schöner Platz für den Rest der Ewigkeit, sagte sie.

Viele wilde Landstriche in Großbritannien und Irland wimmeln von gekennzeichneten wie ungekennzeichneten Gräbern. Viele alte Bestattungsplätze befinden sich in Sichtweite eines Flusses oder auf Uferklippen und Felsvorsprüngen mit Blick auf das Meer. . .

. . . Bei einer Wanderung zwischen den alten Gräbern des Burren überkommt einen ein unerklärlich erhebendes Gefühl. Hier, so denkt man, finden Glaubensvorstellungen Ausdruck, von denen man möglicherweise etwas lernen kann. Eine gewisse Orientierung vielleicht, oder eine Verbindung. Das Hochgefühl, das man verspürt, hat mit der arglosen Behauptung dieser Grabstätten zu tun, ihrer unerschrockenen Vorstellung einer Kontinuität zwischen Leben, Tod und Ort. Und mit der einfachen Tatsache, dass so viele Menschen in so vielen Zeiten für einen guten Ausblick ihrer Toten über die Gegend sorgten.

Wahrscheinlich ist die Vorstellung vom schönen Plätzchen mit Ausblick für die Ewigkeit eher ein Trost für die Lebenden als ein Stück Totseinqualität für die Verblichenen . . .

Karte der Wildnis

 

Aus: Robert Macfarlane: Karte der Wildnis (Berlin, 2015)

Little Christmas: Heute feiern Irlands Frauen

Irland liebenIrland feiert anders. Schon mal von Women´s Little Christmas gehört? Unser aktuelles Irland-Buch  111 Gründe, Irland zu lieben gibt Auskunft auf die Frage, was wir an Irland mögen (und auch was nicht).  Eliane, die Spezialistin für Düfte, Aromen und die Befindlichkeit von Frauen, hat darin einen Beitrag über den heutigen Tag, den 6. Januar, geschrieben. Während  Deutschland die Drei Könige feiert, feiern Irlands Frauen sich selbst. Lest selber warum, im

GRUND NR. 81
Weil Frauen in Irland ihr Gehirn vor der Shopping Mal parken

. . . Wie jedes Jahr am 6. Januar staune ich über den heutigen FEIERtag, denn heute ist Nollaig na mBan (Women´s Little Christmas, das Kleine Weihnachten der Frauen). Wie jedes Jahr an diesem Tag frönen die meisten Frauen aus dem Südwesten Irlands ihrem geliebten Shopping-Ritual noch intensiver als sonst. Insbesondere in den Counties Cork und Kerry haben sich die Herren der Schöpfung an diese Tradition zu halten und müssen wenigstens an diesem einen Tag im Jahr den Haushalt schmeißen und sich um die Kinder kümmern.

Vereint shoppen, vereint feiern . . .

Vereint shoppen, vereint feiern . . .

Die Mütter gehen mit ihren Schwestern, Tanten, Großmüttern und Freundinnen aus, sie feiern Ganztages-Party und verschleudern ihr Weihnachtsgeld, als gäbe es kein Morgen. Restaurants richten sich auf gefüllte Häuser mit dieser ausgelassenen Klientel ein. Zu später Stunde mag es in den Pubs dann lautstark kichernd und lachend zugehen, auch ansonsten eher unscheinbare Frauen haben bereits den einen oder anderen stärkeren Drink intus und freuen sich (endlich) des Lebens. Während das klassische Weihnachtsfest am 25. Dezember eher nach männlichen kulinarischen Gelüsten ausgerichtet ist (Truthahn, Rinderbraten, Whiskey), genießt frau am 6. Januar, dem letzten der zwölf Weihnachtstage, und damit der zwölf intensivsten Hausfrauen-Tage des Jahres, eher Kuchen, Tee und Wein.

Dieser Brauch hat seine Wurzeln in den Gaeltacht-Gebieten Irlands, wo auch heute noch vorwiegend irisch gesprochen wird. Die einfache Farmersfrau hatte immer ein paar Extra-Truthähne in ihrer Zucht, welche sie auf dem Vorweihnachts-Markt veräußerte. Dieses Geld war dann endlich ihr ureigenes Geld und sie erholte sich beim Besuch von Nachbarinnen und Freundinnen vom Trubel der großen Familienzusammenkünfte. Es fand eine kleine Feier statt, man reichte eine Scheibe Rosinenkuchen und konnte bei einem Schwätzchen die Neuigkeiten austauschen. In den Wohlstandsjahren wurde daraus – wie so oft bei einfachen Traditionen – ein „Lass-es-krachen-Tag“. Und weil so ein Tag im Jahr schon lange nicht mehr ausreicht, um sich vom Stress des modernen Frauenlebens zu regenerieren, feiert frau eben öfters im Jahr ihr ‚Kleines Weihnachten’.

Ich kenne ein Hotel, das sogar ein Spezialpaket für diese typisch weiblichen Events anbietet, es wirbt mit seiner idealen Lage direkt an einem großen Einkaufszentrum ‚just a stone throw away from some serious retail therapy’ (wir befinden uns nur einen Steinwurf entfernt von einer ernsthaften Einzelhandels-Therapie). Für 99 Euro kann frau ein ‚Girlie Getaway’ buchen, in dem eine Übernachtung, ein Besuch der Schwimmbad-Landschaft, ein Cocktail-Drink, ein viergängiges Abendessen und eine freie Taxifahrt ins Städtchen enthalten sind. Was braucht es mehr, um im Kreise von lieben Freundinnen mal so richtig „die Sau rauszulassen“?! [e]

Aktualisierter Auszug aus „111 Gründe Irland zu lieben“ von Markus Bäuchle und Eliane Zimmermann.

Die 110 anderen Gründe, Irland zu lieben, gibt es hier zu lesen: 111 Gründe, Irland zu liebenZum Discounter-Preis von 9,99 €.

Weil Irland anders riecht, kann man es lieben

Irland liebenIrland riecht. Anders. Üblicherweise nehmen wir andere Länder, Menschen und Landschaften bevorzugt mit den Augen wahr. Die Ohren kommen gerne zu kurz, die Nase allemal. Mein zweites Irland-Buch (geschrieben zusammen mit Eliane Zimmermann) ist Mitte August in die Buchläden gekommen: 111 Gründe, Irland zu liebenEs gibt umfassend Auskunft auf die Frage, was wir an Irland mögen (und auch was nicht).  Eliane, die Spezialistin für Düfte und Aromen, hat darin einen Beitrag darüber geschrieben, wie Irland riecht: Anders als Deutschland, als die Schweiz oder Österreich. Das liegt vor allem an der hohen Luftfeuchtigkeit, aber nicht nur. Lest selber . . .

GRUND NR. 78
Weil Irland anders riecht

Fast jedes Mal, wenn ich auf Reisen bin und dann meinen Koffer weit weg von daheim öffne, kommt mir ein sehr spezieller Geruch entgegen, den ich im heimatlichen Umfeld überhaupt nicht wahrnehme. Irgendwie leicht muffig, ein wenig nach Kaminfeuer und nach feuchter Luft. Jedes Land hat vermutlich seinen ganz eigenen Geruch, er wird einem allenfalls bewusst, wenn man ihn nach woanders verfrachtet Ich fühle mich darum immer wieder etwas unbehaglich, wenn ich mich inmitten von kontinental gepflegten, täglich geduschten und mit Weichspülern parfümierten Menschen bewege.

Nasenbuche KopieBesonders irisch ist der Duft des verbrannten Torfs (Peat), der trotz diverser offizieller Vorstöße der EU und der Regierung immer noch zum Heizen verwendet wird. Zumindest brennt das Torffeuer noch in Häusern, wo auch in den Celtic-Tiger-Jahren an die Installation einer Ölheizung nicht zu denken war, aber auch in vielen Hotelfoyers und Bars, vor allem wegen der anheimelnden Stimmung. So glühen an feucht-kühlen Herbst- und Wintertagen vielerorts wunderbar duftende Peat-Barren in den meist viel zu kleinen Feuerstellen. Für so richtig kuschelige Wärme in den traditionellen Steincottages reicht das meist nicht. Aber sie reicht aus, um die darüber hängende Unterwäsche und wettergegerbte Flanellhemden, die beim Besucher oft romantische Anwandlungen auslösen, zu trocknen. So halbwegs zumindest. Beim Durchfahren von irischen Dörfen an kühlen Wintertagen riecht man diesen altertümlichen Brennstoff, oft gemischt mit dem Geruch von Kohle. Manchmal liegt in schwerer Rauchdunst über den einfachen Cottages.

Die hohe Luftfeuchtigkeit trägt maßgeblich zum „Duft Irlands“ bei. Wenn das Hygrometer 70 bis 95 Prozent anzeigt, fühlen sich Hemd und Bettbezug irgendwie klamm an, in Schränken entwickeln sich verdächtige Stockflecken und die Zimmerdecke bekommt schwarze Pünktchen. Wer weder Heizung noch Wäschtrockner besitzt (das kommt öfter vor als man denkt), hat in den nass-kühlen Monaten größte Probleme, seine frisch gewaschene Wäsche wirklich trocken zu bekommen, und das kann man riechen. Eines der neuen Statussymbole der reichen Jahre ist der fast penetrante Geruch von diversen Weichspülern, welcher die Menschen manchmal umweht.

Ein ungewöhnlicher Geruch steht oft hinter den Häusern in der Luft: Heizungsanlagen werden mangels Keller nach draußen verfrachtet und da vielerorts mit Kerosin geheizt wird, riecht es insbesondere auf dem Land hier und dort nach Flughafen. Diese Anlagen zur Fütterung von Zentralheizungen sind zwar in den meisten Fällen nicht alt, doch sie arbeiten oft nicht wirklich effektiv, so dass sie unter lautem Getöse und Abscheiden von Flugbenzin-Wolken ständig anspringen.

In Supermärkten ist die Auswahl an elektrischen Duftgeräten, zuckrig riechenden Kerzen und Raumsprays riesig, anders kann man dem Feucht-Mief auch kaum beikommen. Insbesondere weil die fetten Jahre auch moderne luftdichte PVC-Fenster bescherten, welche eine Katastrophe für so manches alte Gebäude bedeuten können, denn wenn nicht regelmäßig gelüftet wird, schlagen Schimmelpilz und Stockfleck gnadenlos zu.

Irland duftet aber auch frisch, nach Moos, Waldboden, Pilzen und Bäumen, ein richtig grüner Duftmix, der den Kopf frei macht und welcher Naturfreunde beglückt. Nicht umsonst heißt eines der ganz frühen deutschen Herrenparfüms „Irisch Moos“, auch wenn es eher nach Zitrusnoten duftet und nicht nach einem Waldspaziergang. Lustigerweise heißt auch ein pflanzlicher Meeresbewohner, die Knorpelalge namens Chrondrus crispus, im deutschen Sprachgebrauch „Irisches Moos“. Daraus wird in Irland der feine Carrageen Pudding gekocht, denn diese Alge wird zum Verdicken von Speisen eingesetzt.

Ja, genau, Irland duftet entlang der mehr oder weniger wilden Küste auch nach Meer sowie nach all den vielfältigen Kreaturen, die sich im salzigen Nass tummeln. Und nicht zu vergessen, die unendlich vielen Schafe und Kühe auf den saftigen Wiesen: Sie tragen zum ganz besonderen Duft der Grünen Insel bei. [e]

Die 110 anderen Gründe, Irland zu lieben, gibt es hier zu lesen: 111 Gründe, Irland zu liebenZum Discounter-Preis von 9,99 €.

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