Ernste Fragen zum Wild Atlantic Way

Wild Atlantic Way

Rush Hour in Irland: Gestern nachmittag musste ich auf einer kleinen Straße in West Cork einem mittelgroßen LKW ausweichen. Erst beim Blick in den Rückspiegel erkannte ich aus schrägem Blickwinkel am Straßengraben: Der LKW ist gar kein LKW sondern ein Monster-Wohnmobil — und der geschätzt zehn Meter lange Beweis, dass der Wild Atlantic Way wirklich ein Bombenerfolg ist. Willkommen an Irlands Westküste.

Seit die Atlantikküste vor einem Jahr von Irlands Tourismus-Vermarktern den neuen erfolgsträchtigen Namen Wild Atlantic Way verpasst bekam, ist nichts mehr wie vorher: Vor allem die Wohn-Mobilisten und die Motorradfahrer fühlen sich von der “längsten Küstenstraße der Welt”, so der Werbe-Slogan für die auf 2500 Kilometer Länge aufaddierten Straßen und Sträßchen zwischen Cork und Donegal, mächtig angezogen. Aber auch die Busse, die Kleinwagen und die Rad-Konvois bringen vermehrt Menschen in den Westen, die nach dem ewigen Atlantik, nach der intakten Landschaft, der Wildheit der Küste und des Meeres und der Reinheit des Erlebnisses suchen. Die Auswirkungen zeigen sich bereits: verstopfte Straßen, Landschaftsverbrauch, Konkurrenz um Ressourcen, Lärm, Gestank und mehr Asphalt.

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Der Wild Atlantic Way, auch wenn Kritiker den Begriff der Wildheit angesichts der vielerorts zersiedelten Landschaft als lachhaft demaskieren, ist ein Naturwunder — und das Großprojekt vermarktet konsequent die Natur für touristische Zwecke. Es ist anschwellender Öko-Tourismus der irischen Art. Ein Jahr nach Einführung des neuen Labels und kurz vor dem Start einer Kampagnen-Kopie (Ireland´s Ancient East) für Irlands Ostküste mischt sich nun erstmals Kritik in den Jubel um steigende Besucherzahlen und kommerziellen Erfolg. Es kommen ernste Fragen auf:

– Machen ein paar tausend neue Verkehrs-Schilder und eine großangelegte Werbekampagne schon ein zukunftsweisendes Konzept aus?

– Zerstört ein ungebremster Tourismus am Wild Atlantic Way nicht in absehbarer Zeit seine eigenen Grundlagen — nämlich die ebenso wilde wie zerbrechliche Schönheit der Natur?

– Wo, wie und wann verpflichten sich die Verantwortlichen in Regierung und Tourismus-Management auf den nachhaltigen Schutz der bedrohten Natur in Irlands Westen?

– Wie kann der Wild Atlantic Way zu einem ehrlichen und in seiner Beschränkung erfolgreichen Projekt des Öko-Tourismus werden? Und was haben die Menschen in der Region davon?

Die in Irlands Westen lebende Philosophin Lucy Weir hat die relevanten Fragen gerade in einem Meinungsbeitrag für die Irish Times aufgeworfen. Der lesenswerte Artikel hat die Überschrift: Wild Atlantic Way. It is big and bold, but it also needs to be sensitive and fair.  Groß und kühn sei das Projekt, doch es müsse auch einfühlsam und fair sein, es müsse die natürlichen Ressourcen schützen und den Menschen in der Region langfristig gute Arbeitsplätze und ein Auskommen sichern. Lucy Weir bringt es auf den Punkt: Etwas nur Öko-Tourismus zu nennen, macht es nicht schon zu Öko-Tourismus (Hier der Beitrag in voller Länge).

Der Wild Atlantic Way hat Irland in den vergangenen Monaten mächtig in die Schlagzeilen gebracht, und die eingängige Marke wird mit Sicherheit viele zusätzliche Gäste auf die Insel locken. Doch das Nachdenken darüber, wie der Wild Atlantic Way auch in zehn und 20 Jahren noch ein großartiges, unverdorbenes und authentisches Naturerlebnis sein könnte, hat gerade erst zaghaft begonnen.

 

PS: Wir von Irlandnews und Wanderlust werden verschiedentlich angefeindet für unsere differenzierte Haltung zum Wild Atlantic Way. Sehr schnell sieht man sich angesichts des Jubels in der Ecke des nörgelnden Kritikers. Um es klar zu sagen: Wir sind selber im Tourismus tätig und wir befürworten das Langzeit-Projekt Wild Atlantic Way. Gleichzeitig wünschen wir uns sehr, dass wir nicht gerade das zerstören, was wir so lieben, um dann bedauernd Joni Mitchell Recht geben zu müssen: You don’t know what you’ve got ’til it’s gone.  Dafür arbeiten wir.

Aggressive Schuhe und coole Wanderfrauen

Laufen in Irland

Laufend unterwegs in Irlands Bergen mit “aggressiven Schuhen”

Irland macht mobil. Mary und Paddy haben es sich in den vergangenen 20 Jahren ziemlich gut gehen lassen. Die Konsequenzen lassen sich an stolzen Hüftumfängen und rekordverdächtigen Body Mass Indices (BMI) ablesen. Die Irinnen und Iren zählen derzeit zu den gewichtigsten Europäern, von Irland Ännern heißt es, sie führten das Gewichts-Ranking in Europa sogar an.

Doch keine Bewegung ohne Gegenbewegung: Dem Nicht-Bewegen, dem Lounge-Sitzen und Dauer-Schlemmen folgt eine neue sportliche Welle der Bewegung. Ja, auch Irland, beziehungsweise der aktive Teil davon, bewegt sich mehr denn je: Radfahren ist der Trendsport unter Männern mittleren Alters, die jetzt kompensatorisch ihre teuren Bikes reiten, wann immer sie ein paar Stunden frei haben.

Frauen gehen hoch hinaus: Irischer Wandergruppe auf dem Weg zum An Gabhal More

Frauen gehen hoch hinaus: Irischer Wandergruppe auf dem Weg zum An Gabhal More

Auch die Zahl der Wanderer und Bergwanderer nimmt zu. Die Walking-Clubs im Land haben guten Zulauf, und dort sind es vor allem die Frauen, die sich auf ausgedehnten Touren der Kategorie A und B Ausgeglichenheit, gute Laune und Coolness für den Alltag holen.

Und nicht zuletzt erlebt das Laufen in Irland einen kleinen Boom. Kaum ein Städtchen auf dem Land, das nicht seinen eigenen 10-Kilometer-Lauf oder seinen Halbmarathon veranstalten würde. Die Zahl der Lauf-Events hat in den vergangenen Jahren immens zugenommen.

Apropos Laufen: Wir haben derzeit Besuch von einer Laufgruppe aus Deutschland, die den schönen Südwesten Irlands im Laufschritt erkundet. Gestern machte die Gruppe erfahrener Läuferinnen und Läufer eine 29 Kilometer lange Geländetour mit knapp 500 Höhenmetern über die Berge. Unsere Lauf-Guides Anthony, Joe und Pete haben für jeden Tag eine interessante Route zusammengestellt, und am Ende dieser Woche werden die begeisterten Läufer, die mit der Laufreise-Expertin Sonja Landwehr (www.laufkulttour.de) aus Augsburg bei Wanderlust (www.wanderlust.de) zu Besuch sind, gute 100 Kilometer mehr in den Beinen haben und vieles mehr über Irland wissen.

Von unseren Lauf-Guides haben wir gelernt, dass man im torfigen Terrain West Corks gut beraten ist, möglichst “aggressive Schuhe” zu tragen, will heißen Trail-Schuhe mit stark profilierten, guten-halt verleihenden Sohlen . . .

 

Fotos: Markus Bäuchle 2015

Tschüss Irland: Mehr Hoffnung in Deutschland

Airport Shipol_xsEs wird ja schon wieder gejubelt in Irland: Die Hauspreise in Dublin stiegen im vergangenen Jahr um 15 Prozent, die Arbeitslosigkeit geht zurück, in einigen Wirtschaftsbranchen gab es erstmals wieder Lohn- und Gehaltserhöhungen, und die allgemeine Stimmung hat sich nach sieben Jahren Wirtschaftskrise gebessert. Doch während die Regierung und interessierte Kreise die Lage im langsam anhebenden Wahlkampf zu den Parlamentswahlen 2016 allzu schön reden, spüren viele Menschen in Irland — manche sagen, es ist die große Mehrheit – noch rein gar nichts von Aufschwung und Erholung. Sollte der positive Trend anhalten, wird es im ländlichen Irland noch Jahre dauern, bis die in Elitezirkeln in Dublin gefeierten Erholungsimpulse auch an der Peripherie spürbar werden. Klar ist vor allem: Wenn Europa und die Weltwirtschaft nicht weiter die destruktive Wachstumsmaschine erfolgreich füttern, dann bleibt auch die Erholung im wachstumsbesessenen und stark exportabhängigen Irland bald stecken.

Irland EmigrationTschüss Irland. Am Wochenende machte der Beitrag eines irischen Auswanderers in der Irish Times viel beachtete Schlagzeilen. Denn er beschreibt das aktuelle Lebensgefühl vieler Irinnen und Iren gut:  Declan Brennan lebt mit seiner deutschen Freundin in Pfohren bei Donaueschingen und behauptet: “Ich bin pleite, kann kaum Deutsch und habe wenig Chancen auf einen guten Job — aber ich habe hier Hoffnung. Ich beiße mich lieber mit Gelegenheitsarbeiten in Deutschland als in Irland durch, denn hier gibt es wenigstens Hoffnung.” Der studierte Sozialwissenschaftler beschreibt das unterschiedliche Lebensgefühl in Deutschland im Vergleich zu seinem Heimatland, in das er gerne eines Tages zurück kehren möchte: “Hier in Deutschland ist das Versprechen einer tragfähigen Zukunft viel stärker als zuhause in Irland. Der Stillstand hat ein Ende, ich fühle, dass ich wieder Fortschritte mache.” Schöner Scheitern in Deutschland oder die bessere Zukunft? Alles Gute, Declan!

TV-Tipp: Wunderschön – Irlands grüner Süden

Irland im Fernsehen

TV-Tipp: Irlands grüner Süden im Fernsehen: Am Sonntag, dem 19. April, zeigt der Westdeutsche Rundfunk in seinem bekannten TV-Reiseformat Wunderschön Irland von seiner besten Seite. Moderatorin Andrea Grießmann führt ab 20:15 Uhr durch die 90-minütige Sendung und durch den grünen Süden Irlands. Wir von Irlandnews und Wanderlust haben sie begleitet. Markus Bäuchle stellt in der Sendung einige seiner Lieblingsorte in West Cork und Kerry vor. Die Reise führt an die Südküste und auf die Halbinseln Beara, Iveragh (Ring of Kerry) und Dingle. Mit dabei ist natürlich auch der berühmte rote Rucksack mit landestypischen Geschenken für das Zuschauer-Gewinnspiel. Die Irland-Reisesendung ist die 110. Folge des beliebten TV-Reiseprogramms Wunderschön. Sie wurde von dem bekannten Dokumentarfilmer Per Schnell und dem WDR-Team mit Redakteur Richard Hofer , den Kamera-Männern Christian Neher (1. Kamara) und Robert Merten, der Ton-Frau Jessica Nossek und der Maskenbildnerin Gabriele Friedl produziert. In der Sendung am  19. April gibt es zahlreiche Preise mit Irlandbezug zu gewinnen, unter anderem Markus Bäuchles Irlandbuch Irland. ein Länderporträt.

Das WDR_Team

Das Wunderschön-Team: Autor Per Schnell, Jessica Nossek (Ton) (vorne v.l.), WDR-Redakteur Richard Hofer, Moderatorin Andrea Grießmann, Maskenbildnerin Gabriele Friedl, Kameramann Robert Merten und Erster Kameramann Christian Neher (hintere Reihe v. links).

Die Dreharbeiten: Es war spannend, eine Woche lang einen Blick hinter die Kulissen der Dreharbeiten zu werfen, selber vor der Kamera zu stehen, das Team des WDR zu begleiten und die kreative Spannung zwischen den arbeitenden Profis hautnah zu erleben. Anbei ein paar Eindrücke von den Dreharbeiten in Glengarriff, auf Beara, im Killarney National Park und auf Dingle.  The Making of Wunderschön — Irlands schöner Süden. Die Sendung wird übrigens am Sonntag, dem 26. April, um 14:15 Uhr im WDR-Fernsehen wiederholt. Danach wird sie auch in anderen Dritten Programmen gezeigt.

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Andrea & der Wanderer im Regen: An der Massmount Church in Adrigole

Dreh am Gap of Dunloe

Lagebesprechung am Gap of Dunloe. Per und Richard suchen und finden den Konsens. Dan der Kutscher wartet geduldig.

Gabriele Friedl bei der Arbeit

Gabriele bei der Arbeit: Sieht Andrea nicht gut aus?

Andrea Grießmann und Markus Bäuchle auf Garinish Island

Andrea und der Wanderer spazieren über Garinish Island

Gabriele mit Eliane von Wanderlust und

Eliane von Wanderlust und Gabriele mit Kutscher Dan auf dem Weg zu Lord Brandons Cottage am Upper Lake von Killarney

Jessica Ton

Filmen auf den Killarney Lakes: Jessica macht Ton, Richard filmt, Markus lacht nur.

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Per Schnell, der kreative Kopf hinter dem Film: Immer zu Höchstleistungen aufgelegt

Kameramann Robert Merten

Robert Merten an derKamera: In der Ruhe liegt die Kraft

Per Schnell und Andrea Grießmann

Per und Andrea genießen die Sonne auf dem Wasser im Killarney National Park

Richard Hofer genießt einen freien Augenblick im Killarney National Park

Kurze Genusspause: Der immer aktive Ideengeber und verantwortliche Redakteur Richard in der Berglandschaft von Kerry

Erster Kamermann Christian Neher

Meister der ruhigen Hand: Christian dreht frei

Jessica sorgt für den guten Ton

Ton und Bild harmonieren gut: Jessica und Richard bei der Arbeit

Hallo mit Wanderlust

. . . und tschüss! Bis Sonntagabend um 20:15 Uhr bei Wunderschön. 90 Minuten Irland vom Feinsten.

Fotos: Richard Hofer, Eliane Zimmermann, Markus Bäuchle 

Die Erstausstrahlung der Sendung war am 11. August 2013. Dieser Beitrag wurde erstmals am 9.8.13 editiert. 

 

Auf dem Dach von Irland: Carrauntoohil (1039m)

Berge Kerry“Ostermontags-Prozession” auf Irlands höchsten Gipfel, den Carrauntoohil (1039 Meter) in den Bergen von Kerry.

Heavenly GatesDas Wetter: Traumhaft. Warm. Sonne. Kein Wind.

CarrauntoohilDer Berg: Trocken und gut zu begehen. Die Route: via Heavenly Gates.

GipfelEs fällt auf: Die durch Wanderer am Berg verursachte Erosion hat in den vergangenenJahren stark zugenommen. Man merkt, dass das Bergwandern in Irland einen Boom erlebt. Es wird Zeit, die Berge besser zu schützen.

Berge Irland

Interessant die Namen, die die Einheimischen verschiedenen Passagen am Berg gegeben haben: Der gerade Weg nach oben heißt Devil´s Ladder (Teufelsleiter), eine steile Traverse durch den Felsen heißt Heavenly Gates (Himmelpforte), eine steile Kletterwand im Fels ist die Primrose (Primel) und eine andere Kletterpassage nennt sich Howling Ridge (Heulender Grat).

Das schreibt übrigens die deutsche Wikipedia zum Carrauntoohil:

Der Carrantuohill (irisch Corrán Tuathail) ist mit 1.041 Metern die höchste Erhebung der irischen Insel. Er liegt im Südwesten der Insel im County Kerry und gehört zu den Macgillycuddy’s Reeks.

Der Berg wird meist von Norden entlang Hag’s Glen und über die steile wasserführende Devil’s Ladder bestiegen, spezielle Gebirgsausrüstung ist nicht erforderlich. Trittsicherheit und gute Bergstiefel sind jedoch in der Devil’s Ladder angebracht. Ein etwa fünf Meter hohes Metallkreuz ziert den Gipfel.

In den letzten Jahren ist die Aufstiegsroute durch lose Steine und Geröll gefährlich geworden. Die Wetterbedingungen sind wechselhaft. Bei Regen oder dichten Wolken ist ein Aufstieg gefährlich, da die Devil’s Ladder dann viel Wasser führen kann und extrem rutschig ist. Wegen falscher Ausrüstung verunglücken Touristen gelegentlich tödlich.

Die Ordnance-Survey-Ireland-Karten benutzen den Namen Carrauntoohil, auch die Schreibweise Carrauntuohill kommt vor.

Seen in den MacGillicuddies´s Reeks

Irland live: Das Leben der Schafe an Ostern

Lämmer in Irland - Foto: © Markus Bäuchle 2012Ostern auf der Schafs-Wiese. In Irlands Berggebieten kommen die Lämmer so spät im Jahr auf die Welt, dass Ihnen das Schicksal des Osterlamms erspart bleibt. Beim Anblick von Lämmern geraten viele Menschen ins Schwärmen. “Wie süß”. Die kleinen Schnuckel lassen auch bei Zweibeinern Glückshormone fließen – Evolutionsbiologen führen die Reaktion auf das Kindchenschema zurück. Die beiden Nachwuchs-Schafe jedenfalls genossen die wärmende Sonne auf der Bergweide in West Cork und die Gnade der späten Geburt. Eine Begleiterin bestaunte die Idylle und ließ einen Wort-Seufzer: “Gibt es das wirklich noch, diese Unschuld, diese heile Welt?”

Foto: © Markus Bäuchle / Wanderlust

 

Es ist ein Kreuz mit dem trockenen Freitag

Alkohol hinter Gittern: Am Karfreitag bleibt die Volksdroge in Irland eingesperrt

Alkohol hinter Gittern: Am Karfreitag bleibt die Volksdroge in Irland eingesperrt

Es ist ein Kreuz mit dem irischen Karfreitag. Immerhin: Er ist mal wieder vorbei. Gott-sei-Dank, sagen viele Iren. Andere schütteln noch immer irritiert den Kopf über Landsleute, die aus Weltanschauungsgründen oder aus reinem Verlangen den irischen Good Friday oder Dry Friday, wie er auch genannt wird, so gar nicht ausstehen können.

Der Karfreitag ist neben dem ersten Weihnachtstag einer von zwei Tagen im Jahr, an dem in Irland die Pubs geschlossen bleiben und an dem die Geschäfte keinen Alkohol verkaufen dürfen. Das alte katholische Prinzip “Wir-ehren-Gott-durch-Verzicht” lebt in diesem glaubens-getriebenen Gesetz aus dem alten Irland fort.

No GuinnessDie irische Gesellschaft ist noch immer unterwegs auf dem Weg zwischen der ebenso einengenden wie Halt gebenden Tradition und der zu tyrannischer Beliebigkeit neigenden Freiheit der “offenen Gesellschaft”.  So wurde gestern vor geschlossenen Off-Licences, in Online-Foren und im Radio heftig über Sinn und Zweck des Alkoholverbots am trockenen Freitag diskutiert. Die Argumente sind bekannt:  Hegemonie des alten katholischen Systems, der wichtigste Tag für den katholischen Gläubigen, Respekt für die Religion der anderen, Bevormundung durch aus der Zeit gefallene Gesetze und schwere Schädigung des Tourismus-Business.

Fakt ist: Heute ist Samstag,  der Alkohol fließt ab 10:30 Uhr wieder in Strömen, und auch gestern konnte, wer unbedingt wollte (und sich nicht vorausschauend ein Fläschchen ins Lager gelegt hatte), in Pubs und Restaurants des Landes ein paar Gläser der Volksdroge konsumieren. Denn immer mehr Pubs halten sich nicht mehr ans Gesetz und wollen sich nicht mehr in die Rechnung einbeziehen lassen, der zufolge der irischen Alk-Wirtschaft durch die Karfreitags-Prohibition jährlich ein “Schaden” von 15 Millionen Euro entsteht.

Die populäre irische Schriftstellerin Maeve Binchy (1940 – 2012, Ein Haus in Irland) hat die gesellschaftlichen Veränderungen in einem sich “modernisierenden” Irland bereits Ende der 90-er Jahre treffend beschrieben. Diese kleine Geschichte Binchy´s veröffentlichte die Irish Times zu Ostern 1997 und jetzt erneut:

There was a drinks party yesterday. A written invitation came for Friday, March 28th, for drinks from 5pm to 7pm. Catherine was literally shocked. There were 364 other days you could ask people for drinks, 51 other Fridays – why make such a deliberate gesture of defiance and blasphemy and have it on Good Friday?

I said a lot of people didn’t think of it like that, that there was probably nothing deliberate about it, they thought of it as a holiday weekend.

But she said that even if you didn’t practise your own religion, you should care about the sensitivities of others who did. And what about 2,000 years of Christians marking the day that Our Lord was crucified? I must be very naive if I didn’t think it was making a statement to hold a celebration, a party with drink at it, on that day. The pubs weren’t even open, for heaven’s sake.

“Well, why don’t you tell them?” I said eventually. “Tell them why you won’t go. It’s perfectly possible to say these things pleasantly and calmly.”

Deep inside, I wondered was it, but Catherine was so exercised by it, she must not be allowed to brood and become incensed. To her credit, she did telephone and put her point of view – no voices were raised, and no friendships broken.

She reported the result.

The host and hostess said to Catherine that they were of course aware it was Good Friday, but they assumed people who would want to mark the day in a special way would not come to their house to a party. They looked on it as a matter for individual choice, something people would take their own stand about. If they had offended her by the invitation, they were sorry.

Catherine agreed it had not been a deliberate and calculated insult to the Christian faith as she had believed it to be. But it was an amazing pointer to the way things had changed, she said, which is of course true, and something nobody could argue with.

In diesem Sinne, Prost, schöne bunte Eier und frohe Ostern!

Auf der Bug-Welle des Foto-Tsunamis

Rock of Cashel

Der Rock of Cashel thront über dem Nebel. Ein Foto von Peter Zoeller

Gewinner und Verlierer: Finanz-Jongleure, Lebensmitttel-Spekulanten, chinesische Autohändler oder angelsächsische Rechtsanwälte haben Konjunktur in diesen Jahren. Ihre Berufe boomen. Andere, noch immer sehr angesehene Professionen, stehen derweil unter gewaltigem Druck. Zum Beispiel der des Fotografen.

Kürzlich hatte ich mit einem Buchverlag zu tun, der das Herstellen von Büchern in der Art betreibt, wie andere Firmen Thunfisch in Dosen pressen oder Toilettenpapier mit Blümchen bedrucken. Dieser Verlag – und er ist leider überhaupt keine Ausnahme – hat ein beeindruckendes Budget für Titel-Fotos: Es liegt bei 0 € (null Euro). Will heißen: Der Verlag veröffentlicht Jahr für Jahr zahlreiche neue Bücher, gibt aber kein Geld für Fotos und somit auch keines für Fotografen aus. Die Illustrationen besorgt man sich für lau, gerne werden sie “aus nem Billigheimer-Karton gezogen” (authentischer Verlags-Jargon). Wo bleiben da die Berufs-Fotografen?

Die schwimmen mit um ihre Existenz auf der Bugwelle des blindwütigen Foto-Tsunamis aus hunderten Millionen Fotos, die geschossen, geknipst oder aufgenommen wurden und werden, von Laien, Dilettanten, von ambitionierten Hobby-Fotografen und von professionellen Fotografen, die den Auslöser drücken, um zu leben. Die Massenhaftigkeit des Knipsens und die Flut der Bilder haben das Foto entwertet, die digitale Herstellung und beliebige Vervielfältigung haben den Unterschied zwischen Fotografie und Knipsen nivelliert und die Seh-Sinne derart abgestumpft, dass die Qualität der fotografischen Arbeit weniger denn je eine Rolle spielt, geschweige denn bezahlt wird.

Der deutsche Fotograf Peter Zoeller lebt und arbeitet seit Jahrzehnten in Irland. Seine Landschafts-Fotos haben das zeitgenössische Irland-Bild der Deutschen maßgeblich geprägt. Manche seiner Arbeiten sieht Zoeller jahrelang oder gar jahrzehntelang vor seinem geistigen Auge, bevor ihm die Licht- und Wetterverhältnisse endlich für Augenblicke die Gelegenheit bieten, seine Vorstellungen in ein gutes Foto umzusetzen und den kreativen Prozess zu krönen. Auf die Aufnahme vom Rock of Cashel in Irlands County Tipperary, wie er über den Nebelschwaden thront, hat Peter 15 Jahre lang gewartet. Dann endlich war er zur richtigen Zeit im gewünschten Licht am richtigen Ort. Er schuf etwas Besonderes. Schade nur, dass auch das Besondere heute vielerorts heute für den Wert 0 € gehandelt wird. Denn der Rock of Cashel “geht ja auch ohne Nebel“. “Da drehen wir im Photoshop die Farben noch ein bisschen hoch und es passt”.

 

Das Gesicht

Und doch bleibt das Glücksgefühl, wenn das besondere Foto gelungen ist, und wenn es kein Zufall war, sondern das Ergebnis von Kreativität, handwerklichem Können, Geduld, gutem Timing und einem Quentchen Glück. Ich konnte dies kürzlich in ganz bescheidener Manier selber erleben (bescheiden, weil ich kein ausgebildeter Fotograf bin und meine fotografischen Fertigkeiten bescheiden blieben). Seit zehn Jahren hatte ich die Reste eines alten Wehrturmes in der Dunmanus Bay im Visier. So oft waren wir an der letzten verbliebenen Wand des Turmes, die wir “das Gesicht” nennen, vorbei gefahren — doch nie war das Licht einen Stopp wert. Vor zwei Wochen dann endlich doch. Das Licht des Tages war fast schon verbraucht, “das Gesicht” zeigte sich von einer ganz besonderen Seite . . .

Fotos: Peter Zoeller (oben), Markus Bäuchle / Wanderlust (unten). Mehr Irland-Fotos von Peter Zoeller gibt es hier zu sehen. 

 

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