Politischer Stillstand und jede Menge Probleme

Irland Wirtschaft

Ist die wirtschaftliche Erholung in Irland schon wieder bedroht?

Politischer Stillstand in Irland. Ich habe an dieser Stelle in den vergangenen Monaten kaum über die irische Politik geschrieben. Warum? Weil es nicht viel Interessantes zu berichten gab seit den Neuwahlen vor knapp einem Jahr. Die Minderheitsregierung  verwaltet den Stillstand, neue Gesetze gab es kaum, die Entscheidungs- und Gestaltungskraft der politischen Führung wirkt begrenzter denn je – und im Parlament, das gestern seine Arbeit wieder aufnahm – herrscht politisches Gezänk vor, konstruktive Politik sieht anders aus.

Dabei sind die auf Irland zukommenden (beziehungsweise längst existenten) Probleme massiv: Das sehr stark mit Großbritannien verflochtene Irland starrt gebannt auf den Verlauf des Brexit, auf die Konsequenzen des Austritts der Briten aus der EU. Wie entwickeln sich die Handelsbeziehungen zum wichtigsten Wirtschaftspartner der Iren? Welche Folgen hat der Brexit für die inner-irische Grenze zwischen der Republik (EU) und Nord-Irland (wohl bald nicht mehr EU), welche für den inner-irischen Handel? Wie wird sich die Wirtschaft in der Republik entwickeln? Befürchtungen machen die Runde, dass es mit der kurzen zweijährigen ökonomischen Erholungsphase nach der langen Wirtschaftskrise bald schon vorbei sein könnte.

Ein wirtschaftlicher Sturm kündigt sich am Horizont an, das Wachstums schwächt sich bereits ab – nur die Forderungen der Gewerkschaften nach Gehalts- und Lohnerhöhungen erreichen gerade immer neue Höhen.  Dazu kommt die akute politische Instabilität in Nord-Irland nach dem Kollaps der Regierung, dazu kommen die Unwägbarkeiten der künftigen Trump-Regierung in den USA, die abgekündigt hat, massiv Arbeitsplätze zurück nach Hause zu holen. Und dann noch der Druck der EU, die massiven Steuerschlupflöcher für globale Konzerne endlich zu schließen, mit denen sich irland einen beträchtlichen Teil seiner Arbeitsplätze erkauft hat. Wird das Business-Modell der geliehenen Wirtschaft am Ende scheitern, wird Irland am Ende gar die EU verlassen, um Arm in Arm mit den britischen Nachbarn das ökonomische Glück als Steuerparadies für globale Unternehmen zu suchen?

Ganz zu schweigen von den politischen Dauerbrennern in Dublin, die die Regierung nicht in den Griff bekommt: Der Konflikt um die ausgesetzten Wassergebühren schwelt weiter. Die steigende Obdachlosigkeit bei gleichzeitigem massiven Wohnungs-Leerstand und galoppierenden Hauspreisen macht der Politik zu schaffen, ohne dass Lösungen absehbar wären. Der soziale Wohnungsbau kommt nicht in die Gänge. Und in den schlecht gemanagten Krankenhäusern des Landes liegen mehr Patienten denn je auf den Fluren.

Angesichts der sich zuspitzenden Probleme auf der Insel bräuchte das Land dringend eine handlungsfähige und entschlossene Regierung und ein gut funktionerendes Parlament. Taoiseach Enda Kenny und seine von Unabhängigen unterstützte und von Fianna Fail tolerierte Fine-Gael-Regierung können dies offensichtlich nicht leisten. Die Alternativen heißen: Anhaltender Stillstand oder Neuwahlen. Zumindest in Nord-Irland wird es bereits am 2. März Wahlen geben, nachdem die Powersharing-Regierung in Belfast durch den Rückzug von Sinn Fein kollabiert ist. In der Republik hält das Geraune darüber an, wie schon seit Monaten . . .

Foto: Markus Baeuchle

Irland after Dark (2): In der dunkelblauen Stunde

Bantry Cork

Gateway to the Sea. Bantry, West Cork.

Fotografieren in Irland, wenn das Licht geht. In den vergangenen Wochen mit den kurzen Tagen des Jahres war ich oft in der Dämmerung, den blauen Stunden, der Zeit früher Dunkelheit draußen unterwegs – und habe versucht, die Stimmungen im Foto festzuhalten. Nebenbei, ohne Stativ und hemdsärmelig aus der Hüfte. Dem Profi-Fotografen würde das Herz bluten – und doch entstanden einige Aufnahmen, die mich ansprechen.

Bantry Harbour nach Sonnenuntergang bei Ebbe

Bantry Harbour nach Sonnenuntergang bei Ebbe.

Heute Teil 2 der Nachtaufnahmen auf Irlandnews: „Irland after Dark“. Wenn Ihr eigene Fotos beisteuern wollt und könnt, wäre das klasse, sie haben nur zweieinhalb Bedingungen zu erfüllen: 1. Aufgenommen in Irland, 2. Aufgenommen nach Sonnenuntergang und 2.5. Bitte keine Sonnenuntergänge.

Landstraße, Schild, in der dunkelblauen Stunde. Snave, West Cork.

Landstraße, Schild, in der dunkelblauen Stunde. Snave, West Cork.

Enjoy the light in the darkness!

Cork City

Cork, Grand Parade.

Fotos: Markus Baeuchle / Wanderlust  

Irland after Dark: Wenn das Licht geht . . .

Bank of Ireland in Bantry

Bank of Ireland in Bantry

Fotografieren in Irland, wenn das Licht geht. Gestern gab es Lob aus Deutschland für unsere Irland-Fotos auf www.wanderlust.de. Im Gespräch mit dem Foto-Fan aus Hannover wurde mir  klar, dass ich auch nach über 16 Jahren Leben in Irland noch immer mit dem Blick des neugierigen Betrachters unterwegs bin. Die Kamera ist immer dabei, um die irische Landschaft, das Wetter, die Lichtstimmungen aufmerksam zu würdigen; und was mein Gesprächspartner nicht glauben wollte – so manches passable Foto habe ich in den vergangenen zwei Jahren nach einem Griff in die Jackentasche mit dem Smartphone gemacht.

Vorgarten-Szene. In Irland dauert Weihnachten bis Ende Januar.

Vorgarten-Szene. In Irland dauert Weihnachten bis Ende Januar.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und das auch zu erkennen, ist entscheidend, um gute Landschafts-Fotos zu machen. Die Technik kommt erst an vierter Stelle. Das ist kein Plädoyer gegen teure Spiegelreflex-Kameras oder hochwertige Systemkameras, lediglich eine Respekts-Bekundung für die mittlerweile beachtliche Qualität von iPhone-Kameras  und eine Bewertung der Prioritäten beim Fotografieren (. . . ich fotografiere auch mit Nikon, Lumix und Co).

Glengarriff nach Sonnenuntergang

Glengarriff, West Cork, nach Sonnenuntergang

In den vergangenen Wochen mit den kürzesten Tagen des Jahres war ich oft in der Dämmerung, den blauen Stunden, der Zeit früher Dunkelheit draußen unterwegs – und habe versucht, die Stimmungen im Foto festzuhalten. Nebenbei, ohne Stativ und hemdsärmelig aus der Hüfte. Dem Profi-Fotografen würde das Herz bluten – und doch entstanden einige Aufnahmen, die mich ansprechen. In den kommenden Tagen zeigen wir hier auf Irlandnews einige der Fotos unter dem Titel „After Dark“. Wenn Ihr eigene Fotos beisteuern wollt und könnt, wäre das klasse, sie haben nur zweieinhalb Bedingungen zu erfüllen: 1. Aufgenommen in Irland, 2. Aufgenommen nach Sonnenuntergang und 2.5. Bitte keine Sonnenuntergänge.  Enjoy the light in the darkness!

Fotos: Markus Baeuchle / Wanderlust  

Leben wie Gott in Frankreich und wie Riley in Irland

Irland Dreamland

Dreamland Irland (zum Anschauen auf das Foto klicken)

Wie haben Sie die Feiertage verbracht? Ich genieße sie noch immer, diese windstillen irischen Wintertage. Kein Sturm nirgends. Kein Regen. Und kein Druck. Noch machen sich die Anforderungen des 2017-er-Alltags nicht bemerkbar. Einhalt, für ein paar Tage noch.

Mein Freund Schorsch schreibt, es wäre gerne reich an Zeit. Ich schreibe zurück: Ich auch. Derzeit zumindest nehme ich mir – nach einem anstrengenden und teilweise aufreibenden Jahr – die Zeit für mich. In diesen Raunächten, den zwölf Nächten zwischen dem beendeten Mondjahr und dem Ende des Sonnenjahres, die wie eine Zeit außerhalb der Zeit sind, verschwinde ich gerne und mache mich unsichtbar, tauche ein, so tief es geht, in die Kontemplation – ein schönes Wort für Zusehen, Betrachten und Nichts-Tun. Dann wünsche ich mir, die Zeit stünde still, und manchmal habe ich das Gefühl, dass sie es tatsächlich tut. . .

Es braucht nicht viel, um das Leben zu genießen. Ein wenig Zeit, ein wenig Ruhe, ein wenig allein sein in der Natur. Im gewonnen Raum sich spüren, finden und neu sortieren. Raum, Zeit, Ruhe, Aufmerksamkeit,  ungestörtes Empfinden und ein wenig Intuition für den Blick nach vorne in das Jahr 2017. Das ist der wahre Luxus der Gegenwart, um zu leben wie einst Gott in Frankreich, wie God in Ireland. Oder wie die Iren sagen: Living the Life of Riley. Gut leben. Ohne die materiellen Auswüchse und Verirrungen der vergangenen 50 Jahre.  Einfach. Ehrlich. Achtsam. In diesem Sinne. . .

Die Zukunft hängt von uns allen ab.
Fangen wir bei uns selbst an.
Ändern wir unser eigenes Leben.
Nur so ändern wir auch die Welt.
Alles Gute für das neue Jahr! 🍀  🍀  🍀

 

PS: Das Foto Dreamland Irland entstand am 28. Dezember 2016 in der Dämmerung in der Bantry Bay. 

 

 

Eine Woche ohne Strom und Handy in der Natur

Irland Retreat

Der Natur Retreat in Irlands Bergen: Im Jahr 2017 im Mai, August und September.

Der Weg zu uns und zur Natur. Die einwöchigen Irland-Natur-Retreats von Wanderlust führen in die Einsamkeit und Weite der irischen Berge im Südwesten der Insel und zu uns selbst. Was können die Teilnehmer der Natur Retreats in den Bergen erwarten?  Antworten von Markus Bäuchle, der die irischen Natur Retreats 2017 leitet.

Was ist das, ein Natur Retreat in Irland, kurz und knapp in einem Satz ausgedrückt?
Der Natur Retreat ist eine Reise zu Fuß zu uns selbst als einem Teil der Natur; wir konzentrieren uns dabei auf das Einfache und erleben das Wesentliche.

Klingt spannend. Hat das mit Survival und Entsagung zu tun?
Nein, wir machen kein Survival und verzichten auch nur auf das Überflüssige. Wir wollen kein primitives Leben. Wir kochen uns gutes gesundes Essen und wir lassen uns intensiv auf unsere natürliche Umgebung ein. Wir erfahren die Sonne, den Mond, die Wolken, das Wasser, die reine atlantische Luft, die Tiere und Pflanzen der Bergwelt. Es geht um das bewusste Leben, und wir lassen dafür unsere Alltags-Accessoirs einmal für ein paar Tage hinter uns.

Sonnenexplosion_

Wie sieht das dann genau aus in den Bergen?
Wir ziehen uns als kleine Gruppe eine Woche lang in die Berge zurück. Ohne Uhr, ohne Telefon, ohne Internet, ohne Strom und ohne Geld. Wir verzichten auf Alkohol. Und doch haben wir alles, was wir zum Leben benötigen: Wir leben einfach in einem alten Cottage, das uns Schutz bietet. Wir baden im Fluss, sitzen am Feuer. Wir streben an, in Einklang mit der Natur und mit uns selbst zu kommen. Wir wandern abseits der Zivilisation und spüren nach, was das mit uns macht. Wir schöpfen Kraft und Inspiration in der unberührten Natur. Die Wertsachen werden während der Woche sicher aufbewahrt, und klar: Es gibt eine Telefonnummer, unter der die Teilnehmer im Notfall erreichbar sind.

Am Feuer_

Woher kommt die Idee, die äußere Natur und die Natur in uns intensiv zu suchen?
Beides hängt natürlich eng miteinander zusammen: Innen ist wie außen. Die Zerstörung der äußeren Natur hat ihre Entsprechung in unserem Inneren. Mein Bedürfnis zu dieser Suche stammt noch aus der Zeit, als ich in meinem deutschen Alltag Tag für Tag intensiv spürte, wie verletzt und zerbrochen unser Verhältnis zur Natur ist. In Irland dauerte es dann einige Jahre, bis der Wunsch mit Hilfe meines holländischen Freunds, des Unternehmensberaters und Jung-Psychologen Ben Tomesen Wirklichkeit wurde. Wir führten zusammen erstmals Menschen in die irische Natur und zu sich. Daraus entwickelte sich in den vergangenen drei Jahren ein eigener Natur Retreat. Inspirieren lasse ich mich von der grandiosen, weitgehend intakten Naturlandschaft am irischen Atlantik und von den Arbeiten und Erfahrungen des Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung.

C.G. Jung, der Gründer der analytischen Psychologie, hat sich in den Jahren ab 1923 mit eigenen Händen am oberen Zürichsee ein abgeschiedenes Natur-Refugium gebaut, in dem er Pausen vom Alltag einlegte, um die Natur und sich intensiv zu ergründen und zu erleben. Ich hatte das Glück, den Turm in Bollingen im vergangenen Herbst zu besuchen, und mir wurde dabei klar, dass wir heute genau das tun, was Jung schon vor fast 100 Jahren tat. Der Universalgelehrte ist für mich der erste Naturschützer der westlichen Kulturgeschichte. In seinen Erinnerungen schreibt C. G. Jung über seine Erfahrungen im Turm:

„Zuzeiten bin ich wie ausgebreitet in die Landschaft und in die Dinge und lebe selber in jedem Baum, im Plätschern der Wellen, in den Wolken, den Tieren, die kommen und gehen, und in den Dingen. Es gibt nichts im Turm, das nicht im Laufe der Jahrzehnte geworden und gewachsen ist und mit dem ich nicht verbunden bin. Alles hat seine und meine Geschichte, und hier ist Raum für das raumlose Reich des Hintergrunds.

Ich habe auf Elektrizität verzichtet und heize selber Herd und Ofen. Abends zünde ich die alten Lampen an. Es gibt auch kein fließendes Wasser, ich muß das Wasser selber pumpen. Ich hacke das Holz und koche das Essen. Diese einfachen Dinge machen den Menschen einfach; und wie schwer ist es, einfach zu sein! In Bollingen umgibt mich Stille, und man lebt «in modest harmony with nature». Gedanken tauchen auf, die in die Jahrhunderte zurückreichen und dementsprechend ferne Zukunft antizipieren. Hier mindert sich die Qual des Schaffens; das Schöpferische und das Spielerische sind nahe beisammen.“  (aus: Erinnerungen, Träume, Gedanken.)

C.G. Jungs Turm in Bollingen am Zuerichsee

C.G. Jungs Turm in Bollingen am Zuerichsee

Heute kommt übrigens eine trendige Version des Natur Retreats aus dem globalen Zentrum des technologischen Fortschritts, dem Silicon Valley. Dort befreien sich hoch spezialisierte Computer-Freaks wochenendweise von den Abhängigkeiten des Internets, der sozialen Medien und  der gesamten elektronischen Parallelwelt. Sie nennen das Digital Detox –  Entgiftung vom digitalen Alltag. Wir alle kennen heute die Macht von Smartphone, Facebook und Whatsapp über unser Leben – und davon einmal ein paar Tage Abstand zu nehmen, tut uns außerordentlich gut. C.G. Jung hatte auch zum sogenannten technologischen Fortschritt schon vor Jahrzehnten eine fast hellsichtige Einstellung. Er sagte, diesen „Fortschritt“ müssten wir teuer bezahlen. Alles Bessere würde durch ein Schlechteres erkauft. (Dazu demnächst mehr an dieser Stelle.)

Unser Cottage liegt in diesem Hochtal

Unser Cottage liegt in diesem Hochtal

Zurück zum Irland-Retreat. Wie läuft eine Woche in Irlands Bergen ab?
Wir stehen mit der Sonne auf und gehen mit den Sternen ins Bett. Wir nehmen einen natürlichen Lebens-Rhythmus auf und folgen keinem starren Programm. Die Sonne und unsere Bedürfnisse, allem voran der wechsel von Aktivität und Ruhe, und die Ernährung geben den Takt der Tage vor. Wir erkunden die Berge auf geführten Wanderungen im Einklang mit der Natur. Wir hinterlassen keinerlei Spuren. Der Schwierigkeitsgrad der Wanderungen liegt zwischen leicht und mittelschwer (1 bis 2,5 von 4). Höhenmeter: 100 bis maximal 600 pro Wanderung.

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Wo schlafen die Teilnehmer?
Ein einfaches altes Cottage hoch in den Bergen abseits der Straßen bietet uns Schutz und Unterkunft. Es gibt keinen Strom, wir schlafen auf Matratzen, es gibt alles, was wir benötigen: Fließendes kaltes Trinkwasser, ein schönes großes Kaminfeuer, Kerzen- und Solar-Licht, eine Kochstelle, einfaches gesundes Essen (auf Wunsch vegetarisch, vegan, weizenfrei etc.), ein Waschbecken unter freiem Himmel, eine Toilette, einen kleinen Fluss und Seen zum Säubern, Baden und Erfrischen. Dazu Ruhe, Sonne, Wind, Regen, die Lichter des irischen Himmels und der Blick hinunter auf das nahe Meer. Wir kehren jeden Abend zu unserem Cottage zurück. Es wird unser Lebensmittelpunkt sein. Und wer Lust hat, schläft draußen auf der Wiese unter dem Sternenhimmel.

Nartur-Wandern in den wilden Bergen Irlands

Wir haben viel Raum für uns und einen weiten freien Blick

Was heißt das eigentlich alles: Zu sich kommen, zentrieren, sich erden?
Den Alltag einmal systematisch hinter sich zu lassen, auf Internet, Zeitdruck, Fernsehen, Telefon, auf Autofahren, Arbeit und Haushalt zu verzichten und sich unbeschwert in der Natur zu bewegen, ermöglicht sehr grundlegende Erfahrungen. Die Natur harmonisiert uns Menschen, wenn wir es zulassen. Sie öffnet unsere Herzen und ermöglicht uns eine klare Sicht auf das Leben: Wir verstehen besser, wer wir sind und was in unserem Leben wirklich wichtig ist. Man kann sagen: Die Prioritäten sortieren sich auf wundervolle Weise neu.

Am Bergbach

Am Bergbach

Ist beim Natur Retreat jeder für sich, oder ist es ein Gruppen-Erlebnis?
Es ist beides. Wir sind zum einen ganz mit uns selbst, dann zu zweit oder zu dritt, und schließlich Teil der ganzen Gruppe. Die Gemeinschaft der Individuen gibt Raum für beides, was uns ausmacht: Wir alle sind einzigartig und gleichzeitig Teil der Gemeinschaft. Wir hören tief und vorbehaltlos zu und wir sprechen aus dem Herzen.
Wir genießen diese Tage in einer Atmosphäre der Sicherheit und des Vertrauens, die tiefes Denken, Fühlen und Sprechen ermöglicht. Wir beschäftigen uns auch mit den wichtigen Fragen des Lebens: Wer bin ich? Was liebe ich? Was macht mein Glück aus? Was ist meine Aufgabe? Was will ich hinter mir lassen? Was möchte ich künftig erreichen? Aber was wichtig ist, bestimmen die Teilnehmer für sich: Jede(r) kann seine eigenen Themen mitbringen und in der Ruhe der Berge Antworten suchen. Und wer einfach nur die Natur sucht, ist auch richtig.

Geborgen in den irischen Bergen

Geborgen in den irischen Bergen

Wie ernähren sich die Natur-Wanderer?
Wir ernähren uns einfach und gesund, mit frischen Lebensmitteln, vielen Früchten und Gemüse, die möglichst Bio-Qualität haben und teils lokal hergestellt werden. Der Lebensmittelvorrat für die Woche steht im Cottage bereit. Wir gehen weder Jagen noch Sammeln. Wir kochen selbst auf einer einfachen Kochstelle. Es gibt einen Teller, eine Tasse, eine Schüssel und ein Besteck-Set für Jede(n). Ich kann versichern: Das Essen schmeckt nach einem Tag im Freien ganz besonders gut.

On Top_

Von ganz oben sieht man/frau vieles klarer

Die Packliste für den Natur Retreat ist ziemlich umfangreich. Ist das nicht ein Widerspruch zum einfachen Leben?
Du hast recht, es ist nicht völlig widerspruchsfrei. Aber weil wir kein Überlebenstraining machen, und weil wir wollen, dass sich die Teilnehmer sicher, warm, trocken, wohl und geborgen fühlen, bedarf es einer guten Ausrüstung. Ich rate jedoch dazu, das Ausrüsten nicht zu übertreiben, sich auf das Wesentliche zu beschränken und vor allem, sich Dinge wie Schlafsack, Rucksack oder aufblasbare Matratze auszuleihen, wenn frau/man keine eigene hat.  Es ist angesichts unserer Bemühungen, den ökologischen Fußabdruck zu verringern, sicher auch widersprüchlich, nach Irland zu fliegen. Immerhin aber ist es ein kurzer Flug von weniger als zwei Stunden und kein Langstreckenflug. Wer auch das nicht verantworten will, kann im Auto oder mit Bus/Zug und Fähre reisen oder auch per Mitfahrgelegenheit und Anhalter, wie ich das früher auch immer gemacht habe. Dazu braucht man nur eines: mehr Zeit.

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Hoch über dem Meer

Warum bieten wir die Natur Retreats an?
Ich habe mir vor Jahren vorgenommen, nur noch das zu arbeiten, was ich wirklich gerne mache und was mir selber wirklich wichtig ist. Das ist nicht immer leicht, klappt aber im Großen und Ganzen. Die Natur Retreats jedenfalls sind mir jenseits des Broterwerbs ein Herzens-Anliegen. Die Frage, wie wir Menschen unser gestörtes Verhältnis zur Natur wieder in Ordnung bringen können, beschäftigt mich wie schon gesagt seit vielen Jahren. Die Wanderungen in der Weite unberührter Natur in den Bergen sind auch ein Versuch, gemeinsam Antworten zu finden und wichtige neue Erfahrungen zu machen. Wie können wir wieder Teil der Natur werden, anstatt deren herrische Zerstörer, wie können wir ein Stück Wildnis in unsere überzivilisierte und ökologisch ausgezehrte Welt zurückkehren lassen?

Wann finden die nächsten Natur Retreats statt?
Im kommenden Jahr gehen wir auf drei Retreats: vom 20. bis 27. Mai, vom 5. bis 12. August und vom 16. bis 23. September 2017. Es gibt für jede Woche zwei Retreat-Leiter. Die Mai-Gruppe leite ich zusammen mit der Medizinerin Maria Walder aus Wesel, die August-Gruppe mit der Heilpraktikerin und Körper-Therapeutin Gisela Cordes aus München und den September-Retreat mit dem Schwitzhütten-Guide und Ritual-Experten Uwe Backhaus aus Paris. Wir sprechen deutsch und freuen uns auf nette, aufgeschlossene Leute. Wer sich den Reisepreis aus rein finanziellen Gründen nicht leisten kann, soll uns einfach ansprechen.

Detaillierte Informationen inklusive der erwähnten Packliste gibt es hier auf www.irland-natur.de oder direkt bei Wanderlust Irland, Markus Bäuchle, Telefon D +49 89 89623290, markus@wanderlust.de

Alle Fotos: Markus Bäuchle / Wanderlust (2015/16/17)

Beara, West Cork, im Urteil früher Touristen

Die Beara Peninsula: Auch vor 300 Jahren schon ein Besucher-Magnet.

Die Beara Peninsula: Auch vor 300 Jahren schon ein Besucher-Magnet.

Geschichten von der Beara-Halbinsel im Süd-Westen Irlands (Teil 15)

von Peter Bernhardt* 

Heute erzählt Peter Bernhardt im Geschichten-Zyklus über das ländliche Irland am Atlantik über die frühen privilegierten Touristen, die auf die Beara-Halbinsel kamen. Die Adeligen, Reichen und Gebildeten schrieben meistens auf, was sie unterwegs erlebten – und geben uns damit heute interessante Einblicke in das Leben vor 300, 200 oder auch nur 50 Jahren auf der Beara Halbinsel in West Cork im Südwesten Irlands. 

Die Beara Halbinsel hat schon immer Besucher angezogen, und nicht erst, seit es einen Minister für Transport, Tourismus und Sport (1959) gibt. Es gibt Nachweise aus prähistorischen Zeiten, daß sich Menschen schon damals für diesen Teil Irlands interessierten. Und dieses Interesse ist bis heute geblieben, auch wenn  von Regierungs-Seite West Cork nach Bekunden seiner Bewohner von der Regierung eindeutig vernachlässigt wird. In ganz Irland wurden die Straßen vernünftig und verkehrssicher ausgebaut – nicht in West Cork. Hier wird immer nur „geflickschustert“. Die Fähre vom Kontinent nach Cork, die die Touristen in diesen westlichen Teil hätten bringen können, hat man pleite gehen lassen. Dadurch aber hat sich dieser Teil Irlands noch ein wenig seine Ursprünglichkeit bewahrt. Für Individual-Reisende ist es ein kleines Paradies, was es zu erkunden gilt. Und nicht umsonst haben sich auf Beara Schriftsteller, Maler, Fotografen und Musiker nieder gelassen.

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Die Kupferminen in Allihies, gezeichnet von der Spitze des Berges Knockoura im Jahre 1838 von Lady Chatterton

1973 kauften Peter and Harriet Cornish 150 acres of rugged farmland zwischen Castletown und Allihies, um hoch auf den Klippen einen Ort für spirituelle Menschen aller Nationalitäten zu errichten. 1992 schenkten sie das Land und die Gebäude in Garranes einer Stiftung unter der spirituellen Leitung von Sogyal Rinpoche, einem weltbekannten tibetischen Buddhismus-Lehrer. Er gab diesem Platz den Namen „Dzogchen Beara“‘, Holder of Dzogchen’.

Die Autoren Pennelope Durell und Cornelius Kelly haben ein Buch mit dem Titel: „The Grand Tour of Beara“ herausgegeben, in dem sie 51 Frauen und Männer recherchierten, die in den letzten fünf Jahrhunderten auf Beara waren und etwas darüber geschrieben und veröffentlicht haben. Darunter sind, um nur einige zu nennen: elisabetanische und jakobiter Soldaten, ein Bischof von Cork und Ross, ein hugenottischer Siedler, ein Revolutionär, ein deutscher Prinz, ein deutscher Geograf, ein amerikanischer Missionar, viele Journalisten/innen, Autoren und Poeten.

Hier ein paar Aussagen von prominenten Beara-Besuchern:

1700. Dive Downes, Bischof von Cork und Ross, hielt sich drei Tage im Juni auf Beara auf und interessierte sich vor allem für seine Kirchen und Schäfchen. Aber nicht nur für die Zweibeinigen! Er bemerkte auch die fetten Schafe und meinte, einige würden sogar am Übermaß von Fett sterben. Ihn interessierte auch, wem die einzelnen Ländereien gehörten und vermerkte ihren materiellen Wert. Ein Extra-Satz in seinem Bericht war: „No Protestants here in this parish!“ Ironie des Schicksals: Downes starb im Jahre 1709, am gleichen Tag ist seine Tochter Anne geboren.

1704. Auch einige Hugenottische Flüchtlinge fanden den Weg über England nach Irland. Jacques Fontaine (1658-1728) kam 1699 auf die Beara Halbinsel und gründete eine Gemeinde für Landwirtschaft und Fischerei. Neun Jahre lebte er hier und diese Jahre waren nicht gerade das Paradies auf Erden. Er mußte sich gegen Piraten erwehren und wurde von seinen eigenen Seeleuten betrogen. Für seine Kinder schrieb er einen Bericht über die Geschichte seiner Familie und das Leben auf Beara.

1750. Charles Smith, ein Historiker und Gründer der Historical Society in Dublin (1744). In dieser Funktion bereiste er in den folgenden Jahren Waterford, Kerry und Cork. Seine Weg führte dabei auch auf die Beara-Halbinsel. Nicht weit von „Ross-Mac-Owen“ war er vom „größten und höchsten Wasserfall im Königreich“ beeindruckt. Über „Castle-Town, alias Castle Dermot“ (direkt am Hafen stand einstens eine Burg von Dermot O’Sullivan) schreibt Smith: „It is a small village of little note…“! Auch das „berühmte Castle von Dunboy, wo er allerdings nur noch die Ruinen vorfand, besuchte und erwähnte er sowie die verbissene und heftige Verteidigung gegen Sir George Carew im Jahre 1602. Die Schlacht ging allerdings für die O’Sulivans nicht gut aus. Die Verteidiger wurden getötet und das Castle geschleift.

Isaac Weld

Isaac Weld

1800. Isaac Weld, ein Topograf, sieht in „Beare-Haven“ nur ärmliche Häuser in kleiner Zahl. Das einzige Objekt von Bedeutung sind die Grabmale in Pyramiden-Form auf dem Friedhof. Die Kirche war nur noch eine Ruine und die wenigen Familien trafen sich im Haus des Geistlichen. Trotzdem bescheinigt er, daß das Land zwischen Hungry Hill und Beare-Haven deutlich besser kultiviert ist als das Gelände weiter westlich zum Halbinsel-Ende. Auch die Bevölkerungszahl war um Beare-Haven herum deutlich größer als auf der übrigen Halbinsel. Beeindruckt haben ihn offensichtlich die großen Kuh-Herden und die hohe Qualität der gewonnen Butter, die komplett nach Cork geliefert wurde. Auch eine Bootfahrt nach Dursey Island hat er unternommen und fand es bemerkenswert, dass der bescheidene Wohlstand der Inselbewohner durch Schmuggeln und „Ausbeutung“ der gestrandeten Schiffe genährt wurde.

Fürst Pückler-Muskau

Fürst Pückler-Muskau

1828. Hermann von Pückler-Muskau (* 30. Oktober 1785 auf Schloss Muskau; † 4. Februar 1871 auf Schloss Branitz bei Cottbus) war vor allem als Landschaftsarchitekt, Schriftsteller und Weltreisender bekannt. Folgende Landschaftsparks in Deutschland sind mit seinem Namen verbunden: Fürst-Pückler-Park Bad Muskau, Fürst-Pückler-Park Branitz, Cottbus, „Pücklerschlag“ (Blickachse) vom Ettersberg bei Weimar, Altenstein, Herzoglich-Sachsen-Meiningische Sommerresidenz, Park Babelsberg in Potsdam, Park von Schloss Wilhelmsthal bei Eisenach, zusammen mit Hermann Jäger.

Weil er für seinen Traum, Gärten zu gestalten, nicht genug Geld auftreiben konnte, ließ er sich von seiner Frau Lucie von Hardenberg scheiden, reiste nach England, um dort eine reiche Partie zu machen.  Ob er auch in Irland danach suchte, ist nicht verbrieft. Die Scheidung von seiner Frau muß wohl verabredet gewesen sein, denn auch nach der Trennung stand er mit ihr in regem Briefverkehr und berichtete darin von seinen Reise-Erfahrungen. Am 27. September machte er sich auf den Weg nach Bantry und Glengariff und wie er in seinem Brief schreibt: „…möglicherweise der schönsten Teil von Irland!“ Den Park von Mr. White in Bantry befand er als einen der kreativsten Schöpfungen und stellte beim Frühstück fest, daß er im „Wirbel“ seines Londoner Aufenthalts eine flüchtige Bekanntschaft mit Mrs. White hatte. Was immer das heißt?

1838. Henrietta Georgiana Iremonger, 1806 in London geboren, heiratete mit siebzehn Jahren Sir William Chatterton of Castle Mahon im County Cork, und wurdedamit Lady Chatterton. Sie schrieb viele Geschichten, Romane, Gedichte und Reiseberichte. Schon ihr zweites Buch: „Rambles in the South of Ireland“ erwies sich als eines der erfolgreichten Reiseberichte über Irland im neunzehnten Jahrhundert. Lady Chatterton schrieb das Folgende über Castletown:

Beara Prominente

Lady Chatterton

„Am folgenden Tag starteten wir übers Wasser in Richtung Castletown. Es ist ein blühendes, kleines Plätzchen an der extrem-westlichen Seite der Bantry Bay. Der Gasthof-Besitzer in Glengariff hat uns die Fahrt mit dem Boot empfohlen, das sei kürzer und angenehmer, als die Straße zu benutzen. Da es ein schöner Tag war und die See glatt, erhob ich keinen Einwand“. Allerdings kam sie nur bis Adrigole, als sich der Tag schon gen Ende neigte und sie sich vor einer Weiterfahrt im Boot bei Dunkelheit fürchtete. Und so bestieg sie in Adrigole einen einfachen, unbequemen Karren, um die Reise nach Castletown fortzusetzen. Sie zeigte sich sehr verwundert über die wenigen Bewohner am Wegesrand, die auf sie einen recht wilden Eindruck machten, zeigte sich aber beeindruckt, daß sich alle vor ihr verbeugten. Über die Cottages der Landbevölkerung äußerte sie sich so: „…sie sind erbärmlicher, als ich je irgendwo anders gesehen habe und die Leute, besonders aber die Kinder sind schlecht gekleidet. Und einige der jüngeren Kinder waren total nackt“.

Sie hat auch auf dem Weg nach Allihies und zu den Kupferminen die Puxley-Familie beim Dunboy Castle besucht und anschließend den herrlichen Ausblick auf Dursey Island, Blackball Point und in der Ferne den Sheeps Head, auf der anderen Seite der Bantry Bay, genossen. Auch beeindruckten sie die beiden schroffen Felsen der „Skelligs“vor der Küste von Kerry. In Allihies bekam die kleine Reisegruppe eine Einführung vom protestantischen Kaplan , den man sehr zivilisiert und zuvorkommend fand. Sie ließ sich auch über den Bergbau informeiren und die Fördermenge und den Preis per Tonne nennen. Lady Chatterton erwähn, daß zur Zeit im Bergbau in Allihies 1000 Menschen beschäftigt sind und was sie pro Tag verdienen, schrieb allerdings kein Wort des Bedauerns, dass da auch Jungs und Mädchen im zarten Alter rackerten. Lady Chatterton war nicht nur eine exzellente Schriftstellerin, sie konnte auch Gesehenes zeichnerisch auf Papier festhalten.

Es gibt noch zahlreiche weitere prominente Reisende, die sich über Beara geäußert haben –  und somit auch eine Fortsetzung der Story!

Peter BernhardtDer Autor: Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer fünfwöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling.

PS: Peters Geschichten von der Beara Peninsula erscheinen regelmäßig hier auf Irlandnews.

Fotos: Markus Bäuchle (oben); Reproduktionen: Peter Bernhardt

Sonnen-Spektakel in Newgrange: Nur 50 Jahre alt?

Newgrange – der viel diskutierte Eingang. Foto: Caspar Diederik

Newgrange – der viel diskutierte Eingang. Foto: Caspar Diederik

Winter Solstice. Wintersonnenwende. Heute ist auch in Irland der kürzeste Tag des Jahres. Jetzt steht die Sonne am tiefsten und die Zeit zwischen Sonnenaufgang (8:44 Uhr) und Sonnenuntergang (16:31) misst weniger als acht Stunden. Natur- und Kultur-Interessierte schauten heute morgen natürlich wieder nach Newgrange im County Meath, und die Frage , die bewegte, war: Würde die aufgehende Sonne durch den Lichtschacht am Eingang des berühmten Hügelgrabs scheinen und die Kammer am Ende eines 24 Meter langen Ganges erhellen?

Wolken und Regen beantworteten die Frage auch in diesem Jahr mit einem klaren nein. Es strahlte nichts am River Boyne. Erhellendes zu Newgrange und frische Thesen für den Dauer-Disput um Irlands berühmtestes frühgeschichtliches Monument liefert dagegen heute morgen die Irish Times. Sie zitiert den früheren Staats-Archäologen Michael Gibbons mit Zweifeln an der historischen Darstellung von Newgrange und mit neuerlicher Kritik an der Rekonstruktion der Fundstätte durch Professor Michael O`Kelly in den 60er Jahren. Gibbons behauptet: Das Sonnen-Einfang-Spektakel am Morgen der Wintersonnenwende ist 50 Jahre alt – und keine 5000.  Der Lichtschacht über dem Eingang sei zusammen mit dem Eingang und der bizarren Quarzsteinmauer lediglich eine Interpretation von Professor Kelly. Die Menschen der Jungsteinzeit vor 5000 Jahren seien nicht in der Lage gewesen, eine solche Anlage zu bauen, schrieb der Archäologe Gibbons kürzlich in einem Fachaufsatz, und legt Indizien dafür vor, dass Newgrange weniger eine jungsteinzeitliche als vielmehr eine Anlage aus der Eisenzeit, und damit wesentlich jünger sei.

Newgrange – im Sommer. Foto: Caspar Diederik

Newgrange – im Sommer. Foto: Caspar Diederik

Michael Gibbons betont betont vor allem: „Der Lichtschacht über dem Eingang ist nicht authentisch, er wurde während der Rekonstruktion in den 60-er Jahren fabriziert.“ So nimmt die Diskussion um Irlands „bedeutendstes jungsteinzeitliches Monument“, das gerne als „älter als die Pyramiden“ gefeiert wird, wieder Fahrt auf: Denn Gibbons ist kein Unbekannter. Er arbeitete lange in Staatsdiensten und war Co-Direktor des für die Monumente zuständigen Office of Public Works (OPW) und weiß deshalb als Insider, wovon er spricht. Schon seit Jahrzehnten wird kritisiert, dass bei den Arbeiten an Newgrange in den 60er- Jahren nicht die archäologisch möglichst korrekte Rekonstruktion im Vordergrund gestanden habe, sondern die Interpretation damaliger Projektionen. Das Team von Professor Kelly hatte eine Vorstellung von Newgrange und setzte diese mit modernen technischen Mitteln um: Benutzt wurden Stahl und Beton, um ein Bild von Newgrange, wie wir es heute kennen, in Szene zu setzen. Führende Archäologen bezweifeln jedoch, dass der Eingang und die Quarzsteinmauer jemals existiert haben.

Skellig Michael

Skellig Michael. Foto: Markus Bäuchle

Zusätzlich erhellend wirkt das Wissen um die treibende Kraft hinter den „Erneuerungsarbeiten“ in Newgrange: Die Initiative kam von der staatlichen Tourismusbehörde Bord Fáilte Éirean. Völlig zu recht erhofften sich die Tourimus-Vermarkter in den 60-er Jahren einen erheblichen Besucher-Boom durch eine „visuelle Aufwertung“ von Newgrange. Da störte später wenig, dass die Bearbeitung der berühmten Grabanlage am Fluss Boyne in Fachkreisen traurige Bedeutung als eine der weltweit schlechtesten archäologischen Rekonstruktionen erlangt hat. Dieses Negativ-Prädikat teilt die irische Ostküsten-Ikone übrigens mit der berühmten steinernen Schwester im Westen des Landes: der Klosterinsel Skellig Michael, im Atlantik vor der Küste Kerrys. Auch dort hat die Phantasie der Restauratoren das archäologische Fachinteresse vernichtend besiegt und eine ganz neu-alte Realität geschaffen. Dass dies zumindest im kommerziellen Sinne bestens funktioniert, erkennt jeder, der sich seit dem Einsetzen des Starwars-Booms in Portmagee und Umgebung um ein Ticket für Skellig Michael bemüht. Aber davon später mehr an dieser Stelle . . .

Ein Hauch von Revolution weht durch Dublin

Besetzt für Obdachlose: Das Apollo Building in Dublin

Besetzt für Obdachlose: Das Apollo Building in Dublin

Irlands Minderheitsregierung hat seit vergangener Woche (noch) ein richtig dickes Problem: Ziviler Ungehorsam. Die Menschen in Dublin nehmen ihr Schicksal selber in die Hand und schaffen Lösungen, zu denen die Regierung seit Jahren nicht in der Lage war. Die Bürgerbewegung Home Sweet Home hat mit Unterstützung von Prominenten das leer stehende Apollo House in Dublins Innenstadt aufgebrochen, besetzt und mit Unterkünften für Obdachlose eingerichtet. Gestern waren bereits 31 obdachlose Familien in das ehemalige Bürogebäude in der Tara Street eingezogen.

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Glen Hansard. Foto: www.glenhansardmusic.com

Am vergangenen Freitag erklärte der bekannte Musiker Glen Hansard (The Commitments, The Frames) in der beliebtesten irischen Fernsehsendung, der Late Late Show, warum sich die Bewegung Home Sweet Home zu diesem Schritt des friedlichen zivilen Ungehorsams gezwungen sah. Als das prominente Gesicht der Bewegung erinnerte Hansard unter tosendem Beifall daran, dass das besetzte Apollo Building Eigentum der NAMA und damit genau genommen das Eigentum des irischen Volkes sei und dass man sich deshalb das Gebäude für ein paar Monate nehme – durchaus illegal, aber in der Hoffnung auf eine menschliche Reaktion. Glen Hansard arbeitet seit Jahren gegen die Obdachlosenmisere im Land. Auch die bekannten Musiker Hozier, Francis Black und Christy Moore, die Schauspielerin Saoirse Ronan und der Film-Regisseur Jim Sheridan unterstützen die neue Bewegung, die in der Bevölkerung große Sympathien genießt.

Die Lage auf dem Wohnungsmarkt in Irlands Hauptstadt ist seit Jahren angespannt, obwohl im Zentrum hunderte Wohnungen in fast 300 Gebäuden leer stehen. In diesem Winter nun spitzt sie sich dramatisch zu. Nach offiziellen Angaben sind derzeit 6500 Menschen in Irland obdachlos, davon 2400 Kinder. Die Bürgerbewegung Home Sweet Home schätzt, dass derzeit jeden Monat 70 Familien ihr Haus oder ihre Wohnung verlieren. Der Hauptgrund: Viele Menschen in Irland können ihre Hypothekenkredite nicht mehr bedienen, und Irlands mit Steuergeldern gerettete Skandalbanken fühlen sich nun nach einer Zeit des Abtauchens wieder stark genug, um die in Zahlungsrückstand geratenen Kunden aus ihren Wohnungen vertreiben zu lassen.

Da es aber bezahlbare Mietwohnungen trotz der massiven Leerstände im Großraum Dublin kaum gibt, landen viele Menschen, die ihre Wohnungen verloren haben, in billigen Hotels, in B&Bs, in Notunterkünften. Sie schlafen in Autos und Wohnwagen und landen im schlimmsten Fall auf der Straße.

Das Logo der neuen irischen Bürgerbewegung

Das Logo der neuen irischen Bürgerbewegung

Aus der eigenen Unterkunft vertrieben zu werden – das ist im kollektiven Gedächtnis Irlands ein lebendiges Trauma aus der Zeit der englischen Besatzung. Im 19.  und frühen 20. Jahrhundert waren zehntausende Iren von englischen Landlords aus ihren Wohnungen vertrieben worden, wenn sie die Miete nicht mehr bezahlen konnten. Das Thema ist deshalb sehr emotional, zumal es nun oft Iren sind, die Iren um das Dach überm Kopf bringen.

So wird das besetzte Apollo House nun kurz vor Weihnachten zum hoch brisanten Symbol für eine verfehlte neoliberale Politik und zum Zankapfel zwischen irischen Normal-Bürgern und abgehobenen Eliten. Denn die meist zu den Haus- und Landbesitzern zählenden Spitzenpolitiker haben bis heute nichts Wirksames unternommen, um die Obdachlosenkrise endlich in den Griff zu bekommen. Und sinnigerweise besetzte die Bürgerbewegung Home Sweet Home ein der halbstaatlichen NAMA gehörendes Gebäude, einer Institution, die in der Immobilienkrise tausende Pleite-Immobilien übernommen und sie mit Vorliebe billig an ausländische Investoren verkauft hat.

Während die NAMA nun mit ihren Anwälten droht, während Regierungspolitiker die Hausbesetzung verurteilen und Gerüchte über eine Räumung die Runde machen, haben die Hausbesetzer in kürzester Zeit funktionierende Tatsachen geschaffen: Sie schafften es, das Gebäude wieder ans Stromnetz zu bringen und die Wasserversorgung zu reaktivieren. Freiwillige Helfer richteten Kochgelegenheiten, Duschen und Betten ein. Aus den Büroräumen wurden innerhalb weniger Tage Unterkünfte für Menschen, denen ansonsten ein Schicksal auf der Straße gedroht hätte.

Im Gedenkjahr zur 100. Wiederkehr des irischen Osteraufstands von 1916 weht ein Hauch von Revolution durch Irlands Hauptstadt Dublin . . .

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