Wer kennt Irland – und wer diesen Felsgrat?

Wer kennt Irland 3Irlands Natur, das weiß man, ist beseelt. Da wohnen die Geistwesen, die Feen und Fairies, die Wassergeister, die Hexen und die Teufel, die Leprechauns und die anderen Little People vom Kleinen Volk. Wer´s nicht glaubt, muss sich nur die Ortsnamen in Irland einmal genauer ansehen. Der unter Bergfreunden bekannte Felsgrat im höchsten Gebirge Irlands hat auch einen solchen Namen. Wer kennt den prägnanten Felsen, der vom Tal aus gesehen wie ein steiler Zahn in den Himmel ragt?  Hier ein Blick auf den Felsen aus luftiger Höhe.

Foto: Markus Bäuchle / Wanderlust Wandern in Irland

Ehe-Referendum: Untergang der alten Ordnung

Irland homo-EheJa oder nein: Irland zeigt sich überzogen von zigtausenden Plakaten, auf denen in großen Lettern „Yes“ oder „No“ steht. Das öffentliche Irland diskutiert hitzig, emotional, unerbittlich und manchmal mit Dreck werfend und menschenverachtend. Und die große Mehrheit der Menschen auf der Insel schweigt dazu: Am kommenden Freitag, dem 22. Mai, entscheidet das irische Volk darüber, ob im einstmals katholischsten Land Europas künftig die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt sein wird und ob dann auch die Homo-Ehe den Schutz von Artikel 41 der irischen Verfassung genießen wird.*

Der Kampf um das alte Institut der Ehe polarisiert das Land: Es geht mal wieder ums Ganze auf de Insel der großen Ungleichzeitigkeit. Um den endgültigen Untergang der christlich-katholischen Kulturdogmen, die Bannung der Überreste eines einst übermächtigen Kirchen-Stalinismus und um die Fortsetzung des irischen Weges in eine offene und freie Zivilgesellschaft. Knapp eine Woche vor dem Referendum stehen die Chancen sehr gut, dass Lesben und Schwule auf der grünen Insel bald die gleichen Rechte haben werden wie Menschen mit der sexuellen Orientierung auf das jeweils andere Geschlecht. Zumindest wenn es um Ehe und Heiraten geht. Doch schon der alte Fußballgott Sepp Herberger wusste: Ein Spiel dauert 90 Minuten und abgerechnet wird am Schluss.  Die Nein-Fraktion der Homo-Ehe-Gegner rüstet zum großen Endspurt, benötigt allerdings einen spektakulären Umschwung in letzter Minute, um den Status-Quo halten zu können. Falls sich Irland am kommenden Freitag für ein Ja entscheidet, würde es gleichgeschlechtlichen Paaren mehr Gleichheit garantieren, als dies derzeit in Deutschland der Fall ist.

Irritierend bleibt das große Schweigen vor allem auf dem Lande. Hier wird man hinter vorgehaltener Hand und ganz im Vertrauen intensiv ausgefragt, wie man zum Ehe-Referendum steht: „Yes or No?“ Offiziell aber halten sich die meisten Menschen streng bedeckt. Junge Männer, die sich in unserer Gegend mutig zum Schwulsein bekennen, werden schon mal beschimpft, verteufelt, anonym bedroht oder gar mit rohen Eiern beschmissen.  Yes-Veranstaltungen werden von den Einheimischen gemieden und vor allem von sogenannten Blow-ins besucht, von Städtern, Engländern oder interessierten Nicht-Wählern aus dem Ausland. Ein junger Ire aus unserem Ort, der aus seiner sexuellen Orientierung seit Jahren kein Geheimnis macht, kritisierte kürzlich auf Facebook, wie feige sich selbst die örtlichen Vertreter der Regierungsparteien verhalten: Viele sind abgetaucht und trauen sich nicht, beziehungsweise weigern sich, die Ja-Linie der Regierung im Herrgottswinkel auf dem Land zu unterstützen — aus Angst davor, bei den nächsten Wahlen von den konservativen Wählern abgestraft oder gar für Ihre Haltung sozial geächtet zu werden.

Die rigiden ethisch-moralischen Dogmen der staatlich-kirchlichen Kulturhegemonie hatten dem jungen irischen Staat in den ersten sieben Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit Stabilität und Ordnung garantiert, aber den Menschen viel Leid, Schmerz, Zwang und Unfreiheit gebracht. Langsam aber durchaus konsequent entledigt sich Irland dieser Fesseln, auch wenn sie vor allem als von Menschen verinnerlichte Moralvorstellungen noch immer mächtiger sind, als es auf den ersten Blick erscheint. Die hohe Zahl der Suizide von jungen irischen Männern beispielsweise ist zum Teil auf diese inneren Fesseln zurück zu führen. Psychologen weisen daraufhin, dass es auch heute noch zahlreiche Selbsstötungen von jungen Männern gibt, die sich nicht trauten, offen zu ihrer sexuellen Orientierung zu stehen.

Für mich ist der Fall klar: Yes, yes, yes. Doch die Haltung bleibt eine unverbindliche Meinung, die ich politisch im Sinne einer Beteiligung am Referendum nicht ausdrücken darf. Betrüblich, dass wir als deutsche Europäer, die wir seit 15 Jahren ununterbrochen in Irland leben, von der Teilnahme an Volksentscheiden genauso ausgeschlossen bleiben wie von den Wahlen zum nationalen Parlament Irlands. Dies zeigt, wie wenig es beim Wirtschafts- und Finanzprojekt Europa in Wahrheit um das Europa der Bürger geht. Vielleicht wird das Thema zum Stoff einer Verfassungsklage . . .

* Die gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft ist in Irland seit dem Jahr 2011 gesetzlich anerkannt.

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Wer kennt Irland – und wer diesen Trabi?

Trabi in Irland

In Irlands Hauptstadt. Unser Spaziergang durch Dublin führt uns unweit der Ha´Penny Bridge (genau, das ist die Auflösung des Bilderrätsels vom Sonntag) zu einem Kult-Auto, das einst das Straßenbild der DDR  geprägt hat. Kult ist der bunte Trabi, der auf vielen Bühnen weltweit von Millionen Menschen zu sehen war, aus einem anderen Grund. Wer kennt die Geschichte dieses Plaste-Bombers und wer weiß, wo er kopfüber hängt?

Foto: Markus Bäuchle / Wanderlust

 

Wer kennt Irland – und wer dieses Geländer?

Wer kennt IrlandIn Irlands Hauptstadt. Gestern mal wieder durch Dublins Fair City geschlendert. Klar, where the Girls are so vergleichsweise pretty. Aber das ist ein anderes Thema. Wir standen vor dem Spire, der Needle,  und fragten uns einmal mehr: Das soll das Wahrzeichen der irischen Hauptstadt sein? Der verspätete Milleniums-Marker ein Milestone in den kommenden Jahrhunderten? Die Zeit wird´s richten. Heute aber eine andere Frage: Wer kennt dieses alte Eisengeländer, und wer seine Geschichte?

Vielleicht gibt es etwas zu gewinnen. Wenn die Antwort originell ist.

Foto: © 2015 Markus Bäuchle / Wanderlust

Die Wander-Saison in Irland hat begonnen

Wandern in IrlandEndlich ist es wieder soweit: In den vergangenen Tagen war die erste Wandergruppe von Wanderlust in Irlands Südwesten unterwegs. Die Wandersaison hat begonnen — und sie begann klimatisch mit einer Überraschung:

irland WandernDer Wind drehte nach vier Wochen mildem Frühlingswetter auf Nord und brachte Kälte und Nachtfrost. Die gute Seite: Viel Sonne, klare Farben, Fotografenwetter vom Feinsten.

Wandern in IrlandDie Gäste der ersten Wanderwoche in diesem Jahr haben heute ihre Rückreise oder die Weiterfahrt in Irland bereichert und glücklich angetreten.

Wandern in IrlandDer Blick in die zweite Woche zeigt: Nach heftigem Regen am heutigen Samstag darf unsere neue Wandergruppe aus Franken mit milderen Temperaturen und einem abwechslungsreichen Wettermix rechnen.

Wandersaison_6 Wir hoffen auf eine schöne Woche in den Bergen und an den Stränden von West Cork am Atlantik. Unabhängig vom Wetter übrigens, denn wir sind gut ausgerüstet (Eine Packliste für Irland-Wanderer gibt es hier). Alle Informationen über Wanderferien mit Wanderlust in Irland: www.wanderlust.de

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Fotos: Markus Bäuchle / Wanderlust

Heute wäre Dick Hutchins 100 Jahre alt geworden

Dick Hutchins

Dick Hutchins im Jahr 2010

Mit knapp 90 Jahren begann Richard N. Hutchins noch einmal ein neues Leben — und knüpfte als alter Mann an seine Kindheit an. Im Weihnachtsschreiben teilte er seinen Freunden und Verwandten mit, dass er beschlossen habe, nicht vor dem Fernseher in seiner Wohnung im englischen Bedford zu sterben, sondern viel lieber in seinem geliebten Wald im irischen Familiensitz Ardnagashel in West Cork, Irland. Gesagt getan: Im Jahr 2005 zog Dick, wie ihn seine Freunde nannten, zurück nach Ardnagashel, an den Ort, wo er im April 1915 in eine anglo-irische Familie hineingeboren worden war, und den er mit der verwitweten Mutter und seinen beiden Schwestern im Jahr 1921 als Sechsjähriger in den Wirren des irischen Unabhängigkeitskrieges verlassen hatte.

Dick Hutchins in Ardnagashel

Dick Hutchins kurz vor seinem 95. Geburtstag in Ardnagashel

Rückkehr 2005: Von dem einst stolzen Estate der Hutchins war der Familie nur ein kleinerer Teil im Osten des Anwesens geblieben. Das einstige Herrenhaus war zum Restaurant geworden, im Jahr 1968 abgebrannt und einem schlichten Ferienhaus im Eigentum einer Immobilien- und Ferienhausfirma gewichen. Der Rückkehrer Dick sah seine letzte große Aufgabe in der Pflege des verbliebenen Myrtenwaldes — des größten in West-Europa — und des herrlichen Fußweges entlang der Küste: Er zog in einen alten Wohnwagen am Horseshoe Strand direkt am Meer, wo er lebte, studierte und plante. Das Oberhaupt der anglo-irischen Hutchins-Familie liebte es, in Familienpapieren zu forschen, Landkarten zu studieren, Pflanzen-Bestimmungsbücher zu wälzen, Tiere zu beobachten, Wege anzulegen, Wegweiser zu malen und in seinem geliebten Wald zu arbeiten. Fortan sah man ihn oft im Blaumann im Myrtenforst arbeiten, nicht selten auf allen Vieren und mit vollem Einsatz der verbliebenen Kräfte eines über 90-Jährigen. Einen ersten Schlaganfall steckte er mühelos weg, einen weiteren dann weniger gut. Dick starb im Januar 2013 mit knapp 98 Jahren — nicht in seinem geliebten Wald, im Haus seiner Tochter auf dem Land bei London.

Heute wäre Richard N. Hutchins 100 Jahre alt geworden. Es hat nicht viel gefehlt. Sein Geburtsjahr aber war in mehrfacher Hinsicht ein Schicksalsjahr und ein schwerer Beginn: Eine Woche vor seiner Geburt starb der Großvater, der alte Familien-Patriarch Samuel Newburgh Hutchins. Und nur zweieinhalb Wochen nach seiner Geburt starb sein Vater: Der Reserve-Offizier Richard Hutchins war auf dem Weg in die Schlacht von Gallipoli in der Türkei. Sein Leben endete am 15. Mai 1915, einen Tag vor der Einschiffung in den Weltkrieg, in einem Hotel in Cork City. Nur zwei Tage zuvor war Richards Bruder Thomas, also Dicks Onkel, kämpfend auf dem Schlachtfeld in Gallipoli gefallen. So wuchs der kleine Richard vater- und großvaterlos und ohne männliches Vorbild auf.

Dass die Familie im Jahr 1921 schließlich die Flucht ergriff, hat unter anderem am Fehlen einer männlichen Führungs- und Schutzfigur in Ardnagashel gelegen. Doch es gab gravierendere Gründe: Immerhin hatten die Hutchins seit dem späten 18. Jahrhundert im Bantry House (damals Seafield House), im Ballylickey House und ab 1801 im Ardnagashel House inmitten großer Armut ein privilegiertes Leben geführt, und sie hatten über das Wohl und Wehe zahlreicher irischer Familien bestimmt. Trotz ihrer im Vergleich mit anderen englischen Landadeligen eher humanen und hilfreichen Art, konnten die Landlords von Ardnagashel in den Jahren des irischen Unabhängigkeitskampfes nicht mit allseitigen Sympathiebekundungen rechnen.

Dick in seinen besten Jahren beim Bergwandern

Dick in seinen besten Jahren beim Bergwandern

So lebte Richard N. Hutchins sein Leben zwischen den Jahren 1921 und 2005 überwiegend in England. Dick verschrieb sich als Anwalt dem freien Zugang zum Land und dem Schutz der öffentlichen Wegerechte, das heutige öffentliche Wegerecht in England geht maßgeblich auf ihn zurück. Er war ein begeisterter Bergwanderer und Radfahrer und er baute die Jugendherbergs-Bewegung in England und Irland mit auf. Den Weg von London nach West Cork bestritt er gerne dem Fahrrad. Den roten Eichhörnchen konnte er stundenlang entzückt zusehen. Das Horten seltener Pflanzen, etwas der uralten australischen Baumfarne, war ihm ein großes Vergnügen. Und ganz nebenbei rettete er im hohen Alter den Baumpark seiner Kindheit, das Ardnagashel Arboretum, vor profit-fixierten Immobilien-Spekulanten.

Dicks Sonnenuhr

Richard´s Sonnenuhr

Wir mochten Richard sehr, weil er unkonventionell, beherzt und tief naturverbunden war. Zum heutigen Geburtstag möchte ich an Dick´s späten Leitspruch erinnern: „Reflect on the past. Live in the present. Plant for the future.“ Über die Vergangenheit nachdenken. In der Gegenwart leben. Für die Zukunft pflanzen. Ein weiser Spruch.

Mitte Mai 2015 — 200 Jahre nach dem Tod seiner bekannten Großtante, der Botanikerin Ellen Hutchins, und 100 Jahre nach dem Tod seines Großvaters, seines Onkels und seines Vaters — wird Dick ein letztes Mal nach Ardnagashel zurück kehren: Seine Asche wird, wie es sein Wunsch war, auf dem kleinen Familienfriedhof im Wald von Ardnamanagh am Grenzzaun zu Ardnagashel beigesetzt.

 

Mehr Informationen über Ardnagashel und die Familie gibt es hier: www.ardnagashel.com

Fotos: privat; Markus Bäuchle (2, oben); Eliane Zimmermann (unten).

Irlands Öko-Desaster namens Schaf

Schafe in Irland

Schafe in Irland: Ich kann mich der Faszination auch nicht entziehen. Die Vierbeiner im rohweißen Mantel nehmen uns „gefangen“ und wollen ständig fotografiert werden. Weil sie niedlich und kuschelig wirken. Unschuldig und friedlich. Was wäre Irland ohne Schafe? Die Antwort ist: Ein ökologisch vielfältigeres und gesünderes Land.

Wir lieben die kargen, weiten und offenen Berge Irlands. Doch was wir sehen, ist keine Natur. Wir nennen es Kultur-Landschaft und beschönigen auch damit. Dies sind leer gefressene, geplünderte und über die Jahrhunderte evakuierte Lebensräume mit minimaler Artenvielfalt. Das Millionen Gebisse zählende gefräßige Heer der Schafe hat in Jahrtausende langer Nahrungssuche die Wiesen und Weiden, die Hänge, Bergkuppen und Täler der Insel kahl gezupft. Die Schafe haben die Erdschollen vom Fels gerupft, den Boden mit ihren Hufen verdichtet und die meisten Pflanzenarten zertrampelt, zermalmt und vertrieben. Nach den Pflanzen, den Büschen, Sträuchern, Kräutern und Bäumen verschwanden die Tiere: die Vögel, die Insekten, die Säuger. In Irlands Bergen kann man die Stille hören — und dies ist nicht nur der Abwesenheit von Motoren- und Maschinenlärm geschuldet.

Schaf Irland

Wer die Augen nicht hinter der grünen Brille verbarrikadiert und wer genau schaut, sieht extrem geschädigte Lebensräume, schön anzusehende Wüsten. Ohne Pflanzenvielfalt und weitgehend ohne Tiere — außer dem Schaf. Das Schaf ist vor drei- oder viertausend Jahren von frühen Siedlern nach Irland gebracht worden. Die Ökosysteme auf der Insel haben eigentlich keine Abwehrsysteme gegen die genügsamen Vegetarier, die es auf das Gras und die Wildkräuter abgesehen haben, im Zweifelsfall aber auch der jungen Birke, dem zarten frischen Ginster, dem Ilex und der Weide den Garaus machen. Das Schaf dominiert die offene Landschaft und den Lebensraum.

Der britische Autor und Umweltaktivist George Monbiot schreibt in seinem neuen Buch Feral – Rewilding the Land, Sea and Human Life, dass das Schaf auf den Britischen Inseln (in Irland, Wales, Schottland und England) mehr ökologischen Schaden angerichtet hat als alle Bautätigkeit der Menschen zusammen. Ein drastischer Vergleich, der das unschuldige Wolltier, vor allem aber den wahren Ausbeuter der Lebensräume, den schafhaltenden Menschen,  ins rechte Licht setzt. Das Schaf betritt mit Genehmigung des Menschen blühende Landschaften und verwandelt sie Stück für Stück in wüstenhafte Öko-Desaster.

Die Lösung? Rewilding. Die Rückkehr der Wildnis. Dazu demnächst mehr an dieser Stelle.

Fotos: Markus Bäuchle / Wanderlust 2015

Ernste Fragen zum Wild Atlantic Way

Wild Atlantic Way

Rush Hour in Irland: Gestern nachmittag musste ich auf einer kleinen Straße in West Cork einem mittelgroßen LKW ausweichen. Erst beim Blick in den Rückspiegel erkannte ich aus schrägem Blickwinkel am Straßengraben: Der LKW ist gar kein LKW sondern ein Monster-Wohnmobil — und der geschätzt zehn Meter lange Beweis, dass der Wild Atlantic Way wirklich ein Bombenerfolg ist. Willkommen an Irlands Westküste.

Seit die Atlantikküste vor einem Jahr von Irlands Tourismus-Vermarktern den neuen erfolgsträchtigen Namen Wild Atlantic Way verpasst bekam, ist nichts mehr wie vorher: Vor allem die Wohn-Mobilisten und die Motorradfahrer fühlen sich von der „längsten Küstenstraße der Welt“, so der Werbe-Slogan für die auf 2500 Kilometer Länge aufaddierten Straßen und Sträßchen zwischen Cork und Donegal, mächtig angezogen. Aber auch die Busse, die Kleinwagen und die Rad-Konvois bringen vermehrt Menschen in den Westen, die nach dem ewigen Atlantik, nach der intakten Landschaft, der Wildheit der Küste und des Meeres und der Reinheit des Erlebnisses suchen. Die Auswirkungen zeigen sich bereits: verstopfte Straßen, Landschaftsverbrauch, Konkurrenz um Ressourcen, Lärm, Gestank und mehr Asphalt.

WAW_Failte ireland

Der Wild Atlantic Way, auch wenn Kritiker den Begriff der Wildheit angesichts der vielerorts zersiedelten Landschaft als lachhaft demaskieren, ist ein Naturwunder — und das Großprojekt vermarktet konsequent die Natur für touristische Zwecke. Es ist anschwellender Öko-Tourismus der irischen Art. Ein Jahr nach Einführung des neuen Labels und kurz vor dem Start einer Kampagnen-Kopie (Ireland´s Ancient East) für Irlands Ostküste mischt sich nun erstmals Kritik in den Jubel um steigende Besucherzahlen und kommerziellen Erfolg. Es kommen ernste Fragen auf:

– Machen ein paar tausend neue Verkehrs-Schilder und eine großangelegte Werbekampagne schon ein zukunftsweisendes Konzept aus?

– Zerstört ein ungebremster Tourismus am Wild Atlantic Way nicht in absehbarer Zeit seine eigenen Grundlagen — nämlich die ebenso wilde wie zerbrechliche Schönheit der Natur?

– Wo, wie und wann verpflichten sich die Verantwortlichen in Regierung und Tourismus-Management auf den nachhaltigen Schutz der bedrohten Natur in Irlands Westen?

– Wie kann der Wild Atlantic Way zu einem ehrlichen und in seiner Beschränkung erfolgreichen Projekt des Öko-Tourismus werden? Und was haben die Menschen in der Region davon?

Die in Irlands Westen lebende Philosophin Lucy Weir hat die relevanten Fragen gerade in einem Meinungsbeitrag für die Irish Times aufgeworfen. Der lesenswerte Artikel hat die Überschrift: Wild Atlantic Way. It is big and bold, but it also needs to be sensitive and fair.  Groß und kühn sei das Projekt, doch es müsse auch einfühlsam und fair sein, es müsse die natürlichen Ressourcen schützen und den Menschen in der Region langfristig gute Arbeitsplätze und ein Auskommen sichern. Lucy Weir bringt es auf den Punkt: Etwas nur Öko-Tourismus zu nennen, macht es nicht schon zu Öko-Tourismus (Hier der Beitrag in voller Länge).

Der Wild Atlantic Way hat Irland in den vergangenen Monaten mächtig in die Schlagzeilen gebracht, und die eingängige Marke wird mit Sicherheit viele zusätzliche Gäste auf die Insel locken. Doch das Nachdenken darüber, wie der Wild Atlantic Way auch in zehn und 20 Jahren noch ein großartiges, unverdorbenes und authentisches Naturerlebnis sein könnte, hat gerade erst zaghaft begonnen.

 

PS: Wir von Irlandnews und Wanderlust werden verschiedentlich angefeindet für unsere differenzierte Haltung zum Wild Atlantic Way. Sehr schnell sieht man sich angesichts des Jubels in der Ecke des nörgelnden Kritikers. Um es klar zu sagen: Wir sind selber im Tourismus tätig und wir befürworten das Langzeit-Projekt Wild Atlantic Way. Gleichzeitig wünschen wir uns sehr, dass wir nicht gerade das zerstören, was wir so lieben, um dann bedauernd Joni Mitchell Recht geben zu müssen: You don’t know what you’ve got ’til it’s gone.  Dafür arbeiten wir.

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