Über Markus Bäuchle

Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus kann man in Irland wandern gehen: www.irland-wandern.de
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Moderner Luxus: Der Reiz des irischen Landlebens

Meine Mutter ist eine in sich ruhende, zufriedene Frau. Selbst dem Altwerden gewinnt sie positive Seiten ab. Warum sich mühen und wehren gegen etwas, das frau sowieso nicht ändern kann? Nur ganz selten lässt sich die 81-jährige aus der Ruhe bringen. Gestern war eine dieser Ausnahmesituationen. Sie hatte mit einer alten Freundin telefoniert und danach irritiert festgestellt: „Stell Dir vor, sie hat 25 Minuten nur geklagt und sich beschwert.“

Lebensweisheit, die innehalten lässt. Denn es gibt jeden Tag einen Grund, dankbar zu sein und Danke zu sagen. Man muss ihn nur finden wollen. Ich danke heute morgen all den Menschen, die meine Beiträge aus und über Irland lesenswert genug finden, um sie zu lesen, weiter zu empfehlen, und sogar in Buchform zu kaufen. Danke! So geht mein erstes Irland-Buch Irland. Ein Länderporträt * auf die Langstrecke. Es wird so gerne gekauft, dass es gerade in der dritten, aktualisierten Auflage erschienen ist. Ein Dank an alle, die das ermöglicht haben.

Zum Dank heute morgen ein (völlig kostenloser) Auszug aus der 3. Auflage, ein paar Anmerkungen über uns Leben auf dem irischen Land, zu denen mich ein Essay von Hans Magnus Enzensberger inspiriert hat.

Exkurs. Moderner Luxus: Vom Reiz des irischen Landlebens

Irland Buch BäuchleFür Stadtmenschen erscheint das Leben in der vielerorts menschenarmen Landschaft, in der zivilisatorisch reizarmen Umgebung fern der kontinentaleuropäischen Metropolen langweilig bis unerträglich. Andere, und der Autor schließt sich hier mit ein, erkennen darin ein großes Stück Luxus, wie es der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger schon 1996 für den Spiegel 89 in einem Essay über den Luxus der Zukunft beschrieb. Enzensberger schrieb: »Der Luxus der Zukunft verabschiedet sich vom Überflüssigen und strebt nach dem Notwendigen, von dem zu befürchten ist, dass es nur noch den Wenigsten zu Gebote stehen wird. Das, worauf es ankommt, hat kein Duty Free Shop zu bieten.« Er zählte dann die sechs zukunftsfähigen Luxusgüter auf:

»1. Die Zeit. Sie ist das wichtigste aller Luxusgüter. Bizarrerweise sind es gerade die Funktionseliten, die über ihre eigene Lebenszeit am wenigsten frei verfügen können. […] Unter solchen Bedingungen lebt luxuriös, wer stets Zeit hat, aber nur für das, womit er sich beschäftigen will, und wer selber darüber entscheiden kann, was er mit seiner Zeit tut, wieviel er tut, wann und wo er es tut.

2. Die Aufmerksamkeit. Auch sie ist ein knappes Gut, um dessen Verteilung sämtliche Medien erbittert kämpfen. Im Gerangel von Geld und Politik, Sport und Kunst, Technik und Werbung bleibt wenig von ihr übrig. Nur wer sich diesen Zumutungen entzieht und das Rauschen der Kanäle abschaltet, kann selbst darüber entscheiden, was Aufmerksamkeit verdient und was nicht. Unter dem Trommelfeuer arbiträrer Informationen nehmen unsere sinnlichen und kognitiven Fähigkeiten ab; sie wachsen mit der Reduktion auf das und nur das, was wir selber sehen, hören, fühlen und wissen wollen. Auch darin kann man ein Moment von Luxus sehen.

3. Der Raum. Was für die Ökonomie der Zeit der Terminkalender, ist für die des Raumes der Stau. Im übertragenen Sinn ist er allgegenwärtig. Steigende Mieten, Wohnungsnot, überfüllte Verkehrsmittel, Gedränge in den Fußgängerzonen, Freibädern, Diskotheken, Touristenzonen zeigen eine Verdichtung der Lebensverhältnisse an, die an Freiheitsberaubung grenzt. Wer sich dieser Käfighaltung entziehen kann, lebt luxuriös. Dazu gehört auch die Bereitschaft, sich aus dem Warenberg freizuschaufeln. Meist ist die ohnehin viel zu kleine Wohnung mit Möbeln, Geräten, Nippes und Klamotten verbarrikadiert. Was fehlt, ist jener Überfluß an Platz, der die freie Bewegung überhaupt erst möglich macht. Heute wirkt ein Zimmer luxuriös, wenn es leer ist.

4. Die Ruhe. Auch sie ist ein Grundbedürfnis, das immer schwerer zu stillen ist. Wer den allgegenwärtigen Krach vermeiden will, muß einen hohen Aufwand treiben. […] Der tobende Verkehr, das Heulen der Sirenen, das Knattern der Hubschrauber, die dröhnende Stereoanlage des Nachbarn, die monatelang wummernden Straßenfeste – Luxus genießt, wer sich alledem entziehen kann.

5. Die Umwelt. Daß man die Luft atmen und das Wasser trinken kann, daß es nicht qualmt und nicht stinkt, ist bekanntermaßen keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Privileg, an dem immer weniger Menschen teilhaben. Wer sie nicht selbst erzeugt, muß Lebensmittel, die nicht vergiftet sind, teuer bezahlen. Den Risiken für Leib und Leben am Arbeitsplatz, im Verkehr und im gemeingefährlichen Freizeitrummel aus dem Weg zu gehen dürfte den meisten schwerfallen. Auch in dieser Hinsicht sind es die Möglichkeiten des Rückzugs, die immer knapper werden.

6. Die Sicherheit. Sie ist wahrscheinlich das prekärste aller Luxusgüter. In dem Maß, in dem der Staat sie nicht mehr garantieren kann, steigt die private Nachfrage und treibt die Preise in die Höhe.«

So weit Enzensberger, der schon 1996 mutmaßte, dass die Zukunft des Luxus »nicht wie bisher in der Vermehrung, sondern in der Verminderung, nicht in der Anhäufung, sondern in der Vermeidung liegt«. Raum, Ruhe, Umwelt und Sicherheit: Vielerorts im ländlichen irischen Westen gibt es Orte, die diesen immateriellen Luxus im Sinne Enzensbergers in sich bergen und als Erfahrung ermöglichen. Wer sich dann noch die Zeit nehmen kann, sich dies zu vergegenwärtigen, und die Aufmerksamkeit für das Wesentliche aufbringt, genießt die Privilegien eines Luxuslebens. Doch nun Schluss mit der Naturschwärmerei. Reden wir über uns, die Deutschen, und Irland.

So weit der Auszug aus der 3. Auflage. Das Buch ist übrigens ein wenig teurer geworden und kostet jetzt 18 Euro. Und es hat ein neues Cover (Abbildung oben). Es kann auch hier online gekauft werden: Mein Link zu Amazon.de 

Ich freue mich derweil über wenige Cents höhere Einnahmen pro Exemplar — und dass ich einen Beruf neben dem Bücherschreiben habe, mit dem sich unser Lebensunterhalt verdienen lässt, und der genauso viel Spaß macht wie das Schreiben (www.wanderlust.de)

 Hier der Waschzettel meines Verlags, des Ch. Links Verlags Berlin, zum Buch:

Markus Bäuchle  
Irland
Ein Länderporträt
Erschienen: Juni 2015
Auflage: 3.
Erstveröffentlichung: Juni 2015
Ausstattung: Klappenbroschur
Format: 12,5 x 20,5 cm
Seitenzahl: 208
Karten: 1
ISBN: 978-3-86153-741-0
Reihe / Kategorie: Länderporträts
Grüne Wiesen, Schafe, Whiskey, bunte Cottages und freundliche, redselige Menschen mit viel Zeit. Kein Land in Europa provozierte so viele Wohlfühl-Klischees wie Irland, die grüne Insel im Atlantik.
Markus Bäuchle kennt das kleine Land mit der bewegten Geschichte seit Ende der 1970er Jahre. Er hat das traditionelle Irland, den rasanten Aufstieg in den Wirtschaftswunderjahren und den tiefen Fall nach dem Platzen der Immobilienblase miterlebt. Er beschreibt den Alltag und den Facettenreichtum des amerikanischsten Landes Europas auf seiner Achterbahnfahrt der Selbstfindung.
Ein informatives und spannendes Buch über eines der widersprüchlichsten und zugleich dynamischsten Länder der Gegenwart – und eine Liebeserklärung.

Pressestimmen

Der Autor des brandaktuellen Irland-Buches hat nicht etwa im Sinn, das verklärte Inselbild vieler Deutscher mit noch mehr grünen Tupfern zu versehen. Stattdessen räumt er entlang harter Fakten, entlang launiger Ankdoten und historischer Ausdeutungen mit Klischees über das Land und seine Leute auf – ohne je seine Liebe zu beiden zu leugnen.
Martin Hatzius, Neues Deutschland

Markus Bäuchle widmet sich der Landeskunde, der Historie, der Wirtschaft, dem komplizierten Verhältnis zu Großbritannien und der Nähe zu Amerika und der Freizeitgestaltung der Iren. Liebevoll beschreibt er die einzigartige Naturlandschaft und klärt den Leser über Feen und Naturgeister auf. Ein guter Tipp für Irland-Fans.
Ute Köhler, abenteuer und reisen

 

Irland-Retreat: Schönheit finden, stille sein . . .

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Wildes Irland. Der Weg zu uns und zur Natur. Die einwöchigen Wildnis-Wander-Retreats von Wanderlust führen in die Einsamkeit und Weite der irischen Berge im Südwesten der Insel und vielleicht zu uns selbst. Der nächste Retreat findet vom 1. bis 8. August statt. Sandra Böttcher, die dabei sein wird, hat sich Gedanken gemacht über das Verhältnis von Mensch und Natur.

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Manch einer, der in der Stadt oder Umgebung lebt, kennt das Gefühl, schon viel zu lange dort gewesen zu sein und hat den sehnsuchtsvollen Wunsch, anderes zu sehen als Beton und Asphalt, Geschäftsfassaden und Wohnblöcke. Einfach mal dem Alltagslärm entfliehen, abschalten, neue Energie tanken.

Wenngleich ich naturnah wohne, drängt es mich oft „weiter“ hinaus, auf Erkundungstouren und Streifzüge; um wohltuende Stille aufzusaugen, Hasen und Rehen in freier Wildbahn zu begegnen. Dennoch, seit kurzem ist mir klar geworden: Spaziergänge und Wanderungen in den umliegenden kleinen Wäldern und Landschaften können das Verlangen nach Ruhe, Abgeschiedenheit und ursprünglicher Natur nicht (mehr) stillen.

Eben noch genieße ich ein paar Stunden im nahe gelegenen Wald, lausche dem Knarren gegeneinander schlagender Äste im Wind, dazu ein Gemisch aus Rauschen und Reiben – Blatt an Blatt, Zweig an Zweig. Manchmal hört es sich an, als stimmten die Bäume ein Klagelied an – ich halte inne und lasse das Konzert auf mich wirken. Der Wind lässt wieder etwas nach, es wird friedlich. Mein Blick richtet sich auf das hellgrüne, leuchtende Blätterdach, das unendlich weit in den blauen Himmel ragt.

Abgelenkt werde ich plötzlich, als irgendwo ein Hund bellt, auch durch das Tuckern eines Traktors. In der Ferne dröhnt schweres Gerät bei Baumfäll-Arbeiten, ein kreischendes Geräusch, das durch Mark und Bein geht.

Ich wandere weiter, betrachte das frische Grün der Farne, glitzernde Flechten an den Bäumen und flache, halbrunde braune Pilze, treffe auf Reh und Kitz am Wegesrand. Entlang der Feldkanten wiegen sich junge Maispflanzen auf der einen und Ähren auf der anderen Seite einstimmig im Wind; wie leises Meerestosen hört es sich an. In diesem Moment erinnere ich mich an ein gerade gelesenes Zitat von John Muir:

„Ich ging für einen kleinen Spaziergang hinaus, blieb dann aber bis zum Sonnenuntergang, denn nach draußen zu gehen hieß für mich im Grunde, nach innen zu gehen“.

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Saatkrähen zanken sich hoch oben in der Luft, fliegen Wenden und Haken. Ein Mäusebussard zieht unbeeindruckt davon große Kreise am Himmel und hält nach Bewegungen auf den Feldern Ausschau. So viel Leben ist hier zu Werke!

Allerdings: An dieser Stelle ist die Bahnlinie nicht weit entfernt und prompt wird die bezaubernde Atmosphäre durch das Rattern eines herannahenden Güterzuges unterbrochen.

Trotzig setze ich meinen Weg fort. Ein leichter Wind trägt Vogelstimmen heran, hier und da ein Knistern, Knacken und Rascheln aus dem Laub auf der Strecke. Ein allein gelassenes Rehkitz stakst im Unterholz umher, blickt mich unsicher an, um dann auf einmal im Dickicht zu verschwinden. Es sind kostbare Momente des Tages. Mir wird klar, dass man mit der Natur stärker verwachsen kann, wenn man sich Zeit nimmt und sie intensiv, Tag für Tag, Jahr für Jahr, kennen- und schätzen lernt.

Auf dem Rückweg muss ich eine Landstraße überqueren und schon donnern Motorräder und Autos an mir vorbei, in der Ferne hallt ein Martins-Horn. Gerade noch erlebte Momente verblassen abrupt, ich bin zurück im Zivilisationslärm.

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Fragen kommen auf: Wie weit muss man denn gehen oder fahren, um unberührte und ursprüngliche Natur zu erleben? Wie viele straßenlose und offene Gebiete gibt es in der näheren Umgebung, die einem Rückzug ermöglichen, ohne störende Einflüsse?

Stromlos, still und friedlich – ich stelle mir die Tage in den Bergen während der Wildnis-Woche in Irland vor:

Intensive Natureindrücke registrieren und einen Hauch von Freiheit erleben. Mal die Komfortzone verlassen, sich einmal lossagen von den zahllosen käuflichen Dingen, um die sich unsere ganze Kultur dreht und dort draußen meist bedeutungslos sind. Die Erfahrung der tiefen Verbindung zur Erde und zu mir selbst. Der Natur (einfach) näher kommen, ohne belastende und lärmende Einwirkungen.

„Schönheit finden, stille sein“ (W.H.Murray)

In Irlands Bergen

In Irlands Bergen

:: :: :: Detaillierte Informationen über die Wildnis-Wander-Retreats in Irlands Bergen gibt es hier (klick).

:: :: :: Hier hat sich Markus Bäuchle Gedanken gemacht über das heilungs-bedürftige Verhältnis von Mensch und Natur: Wir sind die Aliens (klick).

Fotos: Sandra Böttcher. Die Fotos zu diesem Beitrag (mit Ausnahme des untersten) hat Sandra auf ihren Wanderungen in Norddeutschland aufgenommen.

Die Postleitzahlen kommen. Ein bisschen . . .

Eircode Irland

Der Eircode für Eire: Oft angekündigt, oft verschoben und nie gewünscht: Vorgestern kam der Brief mit unserer Postleitzahl. Die Post schickt derzeit an 2,2 Millionen Adressen im Land die lange angekündigte Postleitzahl. Unsere Eircode lautet: P75 DN80 und soll die eindeutige Identifizierung unserer Hauses ermöglichen. Mag sein. Für postalische Zwecke allerdings, um die vielzitierten Postlieferungen, die Pakete, Päckchen und Einschreiben künftig sicher zustellen zu können, scheint das neue Postleitzahlensystem nicht zu taugen. Dafür eher zur besseren Kontrolle der Insel-Bürger. Die Leitartikler in den irischen Zeitungen mutmaßen denn auch fleißig, dass der Eircode eine gelungene Sache sei für das Finanzamt, für die Sozial- und Gesundheitsbehörden und für andere staatliche Dienstleister, um endlich der fehlenden Meldepflicht beizukommen und die Bürger im Land besser zu fassen zu bekommen, um Steuer- Sozial- und anderen Betrug besser zu bekämpfen.

Mag sein. Alle großen Spediteure, Transporteure, Kuriere und Logistikunternehmen lehnen das irische Postleitzahlensystem genauso ab wie die Anbieter von GPS-Lösungen. Und der Clou ist: Das neue System ist freiwillig und völlig unverbindlich. Es kann also alles beim Alten bleiben. Gut so, denn laut Eircode wohnen wir nun plötzlich im Townland von Derrycreigh, sind über Nacht vom Townland Ardaturrish Beg über den Grenzbach nach Nordosten gezogen. Und das ist nachweislich nicht der Fall, will heißen: Eircode liegt falsch, wir bleiben in Ardaturrish Beg wohnen.

Wir das mittlerweile 28 Millionen Euro teure grüne PLZ-Werk also zur Lachnummer? Hier noch einmal der Irlandnews-Bericht vom Frühjahr mit den Hintergründen zu Eircode:

 
Irland ist anders (soll aber gleicher werden): Unsere irische Postadresse ruft bei Menschen im kleinen Rest der Welt immer wieder ungläubiges Staunen hervor: „Keine Postleitzahl, keine Hausnummer – aber geben Sie vorsichtshalber unsere Telefonnummer im Adressfeld an.“ Ja geht so etwas in der modernen Welt? Es geht, aber nicht mehr lange. Im kommenden Jahr soll nun auch Irland als eines der letzten Länder Europas ein Postleitzahlensystem bekommen. Eircode heißt der Weisheit postalischer Treffsicherheit letzter Schluss und wird für Frühjahr 2015 angekündigt. Jedes Haus, jede Wohnung und jedes Business sollen einen 7-stellige Identitifizierungscode erhalten und dann soll jede der 2,2 Millionen Adressen der Insel-Republik eindeutig und einwandfrei auffindbar sein. Soll. Denn eigentlich sollten die Postleitzahlen für Irland schon 2008 kommen. Und eigentlich weiß keiner so recht, ob Eircode nicht doch das gleiche Schicksal ereilen wird wie die super-modernen und sündhaft teuren irischen Wahlmaschinen: Jene wanderten mangels Tauglichkeit von der Fabrik direkt auf den Müll.

Nachdenklich stimmt: Noch bevor das fast 20 Millionen Euro teure „Wunderwerk“ Eircode das Licht der Welt erblickt, hagelt es schon vernichtende Kritik: Die einen maulen, das Postleitzahlensystem IE-2015 sei keinen Deut besser und smarter als das erste Postleitzahlensystem, das 1857 für London entwickelt worden war. Die Branchenverbände der Spediteure und Kuriere raten, Eircode unbesehen einzustampfen, weil es eine unintelligente Insellösung sei: Das von der Regierung beauftragte Unternehmen hat es offensichtich gerade mal geschafft, eine uralte post-interne Orts-Datenbank zu revitaisieren und diese zum öffentlichen Postleitzahlensystem hochzujubeln.

Eircode

Im Zeitalter von GPS, Geo-Technologien und Smart Economy wirkt schon ein wenig befremdlich, dass die Entwickler von Eircode jedem Haus eine zufällig ausgewählte Nummer zuteilen. Zwar weisen die ersten drei Ziffern auf eine der 139 regionalen Zustell-Zentren der Post hin, die jeweilige vierstellige ID-Nummer für das Haus lässt eine detaillierte Orientierung jedoch nicht zu: So haben zwei benachbarte Häuser völlig unterschiedliche Eircodes und das System entzieht sich komplett der modernen Navigationstechnik. They do it their way: the Irish way.

Immerhin: Auch wenn Irland wieder ein Stück gleicher gemacht werden soll, bleibt doch alles anders.

PS: Das Fehlen von Postleitzahlen und eindeutigen Postadressen sorgt in Irland immer wieder für  großartige wahre Geschichten: So gibt es Häuser, die bis zu sieben (!) verschiedene Adressen haben. Zudem firmieren viele Häuser in einer Straße unter derselben Adresse — und wenn dann noch alle Bewohner den gleichen Nachnamen haben (wie die O`Sullivans in unserer Region), dann kann es allenfalls der absolut ortskundige Briefträger ordentlich richten. Man kann sich leicht vorstellen, wie viele Lieferungen von Amazon und Apple bis Zara im irischen Adress-Dschungel bis heute verloren gingen oder bewusst verschwanden. Nicht umsonst weigern sich viele britische Firmen, ihre Ware nach Irland auszuliefern. Bemerkenswert auch die Bereicherungsstrategie eines Iren, der sich für ein und dasselbe Haus unter Zuhilfenahme von fünf leicht unterschiedlichen Adressen bei fünf verschiedenen Banken erfolgreich fünf Großkredite beschaffte. Lang lebe Ned Devine — ob mit oder ohne Postleitzahl!

Foto: Eircode; mehr Infos: www.eircode.ie

Damien Rice im Marquee: Im Tiefland der Seele

Damien Rice„Lange her. Wo wart ihr?“ Damien Rice begrüßt das Publikum im Marquee in Cork´s Docklands freundlich-lakonisch. Acht Jahre war er weg, Irlands Großmeister der melancholischen Ballade, die erste Stimme der verwundeten Herzen. Er watete im Schlamm durch das Tiefland der eigenen Seele, er vermaß die Dimensionen des eigenen Schattens von allen Seiten, er suchte Klärung und Heilung.

Damien Rice_Cork_295Damien Rice ist zurück: kraftvoll, stark, klar, zuversichtlich und jenseits aller Weinerlichkeit. Der 42jährige ist wahrscheinlich weiter über die eigenen Grenzen hinausgegangen als die meisten seiner Landsleute, und so kennt er die Landkarte der weiten Seele, die Bedürftigkeit und die Unabhängigkeit, die Projektion und die Wirklichkeit, das Gefühl der Liebe und das Gefühl, das man und frau für Liebe halten, sehr tief und genau.

Damien Rice Cork
Wahrscheinlich stimmt es, dass der Autor so vieler berühmter Love Songs sein erstes Liebeslied wirklich erst für seine aktuelle CD My Favourite Faded Fantasy (2014) schreiben konnte:  I Don´t Want To Change You.  Und wahrscheinlich sind seine mächtigen, über zweistündigen Konzerte im Jahr 2015 für viele Irinnen und Iren jeglichen Alters eine Offenbarung. Wenn der Erlöste die Erlösung zelebriert, wenn er die quälende Schuld offenlegt, die der rigide irische Katholizismus so vielen Menschen als lebenslanges Gepäck auf Rücken und Psyche gebunden hat, wirkt er wie ein Gegen-Exorzist.

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Damien Rice streichelt mit seinen Liedern die verwundeten Seelen schuldgeplagter Mitmenschen. Weil er sich mit diesen Wunden bestens auskennt. Menschen um uns herum weinen. Der Abend hat etwas von Therapie, Therapeutikum, von mit sich ins Reine gehen. Am Ende steht Damien, der sich durch seine eigene tiefe Lebenskrise gearbeitet hat und am hiesigen Ende wieder auftauchte, auf einem Stuhl auf der Bühne. Er singt ohne Mikrofon, und es ist mucksmäuschenstill, bevor er zu einem neuen Akkord ansetzt. Ein komplexer und doch einfacher, klarer Mann mit warmem Herzen lässt die einige tausend Menschen große Zuhörerschaft im großen Zelt in Cork´s Docklands die Stille hören. Come however you are. Just come along. Come however you are. Just come.

Fotos: Markus Baeuchle (3)

 

Lúnasa – Seele der irischen Trad Music

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Irish Trad, die irische traditionelle Musik, Traditional Music, wird auf der Insel nicht von allen geliebt — genauso wenig wie die Volksmusik in Deutschland. Sie wird gerne als piefig verunglimpft, als altmodisch und provinziell abgetan. Und sie kann auch dem deutschen Gemüt aufgrund ihrer Eintönigkeit den letzten Nerv rauben — wenn sie geografisch aus den einschlägig bekannten Ecken kommt (West Cork ist so eine Ecke, wo Tunes wie Bantry Bay Hornpipe oder Coomhola-Borlin irgendwann nach der dritten Wiederholung die Nerven-Enden brach liegen lassen).

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Aber dann: Trad-Konzert im ehrwürdigen Eccles Hotel von Glengarriff. Zu Ehren des vor einigen Jahren früh verstorbenen Campingsplatz-Betreibers und Dudelsack-Spielers Jim Dowling haben Leute im Dorf im Lauf von drei Jahren ein Trad-Festival etabliert, das sich sehen und hören lassen kann. Der Höhepunkt 2015: Lúnasa spielt live im Eccles.

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Die als „heißeste irische Akkustik-Band auf dem Planeten“ beworbene Formation tritt mit der genialen Stimme Karan Casey auf — deren Tochter neben der Bühne aus lauter Langeweile Rad schlägt.

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Lúnasa ist Trad. Intelligenter Trad. Und international bewanderter Trad. Dudelsack, Flöten, Gitarre, Kontrabass, Geige, Stimmen. Lúnasa kennen Lieder aus den Regionen Irlands, aus Schottland, aus der Brètagne, aus der halben Welt. Viele Menschen weinen, wenn sie Lúnasa hören. Tränen als Kompliment. Irish Trad lebt.

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Alle Fotos: Antje Wendel 

Natur und Mensch: Wir sind die Aliens

Adler in Irland

Natur. Mensch. Meine Gedanken kreisen seit Monaten um das Thema Natur. Genauer: das Thema Natur und Mensch. Einer der tröstlicheren Gedanken: Ich bin damit nicht alleine. Es mag sogar eine Zeitgeistmode sein. Sogar der Papst hat seinen Schäfchen — und nicht nur diesen — nun gehörig die Leviten gelesen. Kehrt um! Der Heilige Franz II kanns.

Einige Assoziationen zu meiner Natur-und-Mensch-Lektüre der vergangenen Tage:

Klimawandel. Klima-Klemme. Warum unser Kampf gegen den Klimawandel gescheitert ist.

Macht uns die Sehnsucht nach der Natur und nach dem einfachen Leben zu Helden oder Clowns?

Einfach leben. Zurück zur Natur. Mit allem Luxus und dem Rohkost-Mixer für 900 Euro. 

Einfacher leben. Einfach noch bequemer.

Die Deutschen, Weltmeister der peniblen Mülltrennung, machen mit den meisten Müll aller Europäer. 

Die Rückkehr der Wildnis. Rückkehr zur Wildnis. Leben wie in der Steinzeit. Dinieren im neuen Paläo-Restaurant.

Die Natur will Dich zurück. Die Wildnis beginnt vor der Haustür. Oder mit der Wildnis-Sendung vor dem Fernseher.

Laudato si: Über die Sorge für das gemeinsame Haus. Macht Euch die Erde nun doch nicht untertan.

Die Zerstörung ist allgegenwärtig. Tiere, Pflanzen, Lebensräume verschwinden in nie gekannter Geschwindigkeit. Im Namen des „Wachstums“. Amen.

Den kaum zu verstehenden Grundwiderspruch zwischen Natur und Mensch formuliert der Guardian-Kolumnist George Monbiot  so: Eigentlich will kein Mensch die Natur zerstören oder unsere natürliche Welt zugrunde richten. Und doch tobt vor unser aller Augen die Naturzerstörung gigantischen Ausmaßes*.

Warum lassen wir das alles zu, obwohl wir es doch gar nicht wollen: die wüste Plünderung unseres gemeinsamen Hauses durch unsere Institutionen und Korporationen, die alleine von uns Menschen geschaffen wurden und die von uns betrieben werden: Die endlos gierigen Multinationals, die gefräßigen Banken, die Internet-Monster des neuen Turbo-Kapitalismus. Die süchtigen Hyperkonsumenten, die niemals genug bekommen können: Das alles sind wir. Menschen. Wenn irgendwo in irgendwelchen Chef-Etagen oder Verschwörungszirkeln Aliens im Spiel sein sollten, dann sind wir diese Aliens. Keine Entschuldigung also.

Wir müssen uns fragen: Warum hat die Natur so wenig mächtige Fürsprecher? Warum kämpfen wir nicht kompromisslos für das, was wir lieben? Warum gibt es keinen Aufstand der Naturschützer, keine Revolution für den Schutz unserer gemeinsamen Hauses? Warum engagieren sich Menschen für jeden Kehricht, aber nicht für den Schutz ihrer ureigenen Lebensgrundlagen? Sind wir zu feige? Wissen wir nicht, wo anfangen? Oder sind wir einfach nur gleichgültig?

George Monbiot spricht von Ecological Boredom (Ökologischer Langeweile), die uns Zeitgenossen quält. Kann es sein, dass wir die Verbindung zur Natur und damit zu unserer ureigenen Natur verloren haben und dass wir nur hilflos versuchen, dieses existentielle Vakuum, das tief in unserem kollektiven Unbewussten gründet, mit materiellem und immateriellem Konsum zu füllen? Wie können wir heilen, was zerbrochen ist?

 

Wir wollen versuchen, die Fragen zu beantworten. Ihnen nachsinnen und nachspüren. Darüber fühlen und denken. Wir ziehen uns dazu im August und im September jeweils eine Woche gemeinsam in die Natur der irischen Berge zurück. Wer mitkommen will, findet die Informationen hier in diesem Blog-Eintrag. Wer Probleme mit dem Teilnahmepreis hat, der sollte kein Problem sein: Bitte Mail an markus@wanderlust.ie

* Lesetipp: www.monbiot.com

Fotos: Gold Eagle Trust (oben), Markus Bäuchle (unten)

Irland Natur

111 und Elisabeths Gründe, Irland zu lieben

Irland lieben111 Gründe, Irland zu lieben: Heute gingen die letzten Korrekturen für unser neues Irland-Buch an den Schwarzkopf & Schwarzkopf-Verlag. Die effektiv arbeitende Lektorin Ulrike Thams hatte noch so interessante Fragen parat wie: Wie gefährlich ist die Plutoniumschleuder Sellafield am anderen Ufer der Irish Sea für Irland denn wirklich? Woher stammt C.G. Jungs berühmter Satz „Das einzig lebenswerte Abenteuer kann für den modernen Menschen nur noch innen zu finden sein“? Und wo genau in der New York Times hat Eric Weiner das Konzept der dünnen Plätze beschrieben? Was hat das bloß alles mit Irland zu tun . . .

Seit acht Jahren beschreibe ich hier auf unserem Webmagazin Irlandnews regelmäßig die Gründe, warum wir Irland lieben und hier leben. Mal sind es zehn, mal zwölf, mal 13 Gründe. Als der Verlagsagent Martin Brinkmann sich mit dem Angebot meldete, ein Buch mit dem Titel 111 Gründe, Irland zu lieben zu schreiben, klang das deshalb wie ein Heimspiel:  Die 111 Gründe, Irland zu lieben sind mittlerweile geschrieben und korrigiert, in drei Wochen wird das Buch der Co-Autoren Eliane Zimmermann und Markus Bäuchle, die als  [e] & [m] firmieren, in die Buchläden kommen.

Als kleine Einstimmung ins Irland-Lieben heute ein Blog-Beitrag unserer Freundin Elisabeth Firsching aus Wien. Sie hat sich Gedanken gemacht, was sie als notorische Irland-Fahrerin an diesem kleinen grünen Land wirklich liebt. Ihr Beitrag erscheint sofort, das Buch mit einem Umfang von 256 Seiten am 15. Juli. Bei Schwarzkopf & Schwarzkopf Berlin und zum Preis wie beim Discounter: für € 9,99.

111 Gründe, Irland zu lieben. Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt, so der ganze Titel, kann hier bei Amazon vorbestellt werden.

 

Und nun Elisabeth Firschings Beitrag „Meine kleine Auswahl an Gründen, Irland zu lieben“. Danke, Elisabeth.

Natürlich ist es auch der Zauber der Landschaft, der häufige Wechsel des Lichts, die weiten Ausblicke und das fahren in engen grünen Röhren, in denen just inmitten unübersichtlicher Kurven Einheimische die Fahrbahnmitte schneiden und damit auch für ein bisschen Adrenalin sorgen (wer hat gesagt, dass es in Irland immer entspannt zugeht?); natürlich auch Wiesen voller Bluebells oder pinkfarbene Wände aus Hunderten Rhododendronblüten in verwilderten Gärten; Schafe mit deren Porträts ich ganze Zimmer tapezieren könnte. Sie sehen immer zu mir her, ich kann einfach nicht aufhören sie zu fotografieren.

Schaf in IrlandDie Seele Irlands traf ich allerdings von Anfang an bei den Frauen, die mir Herberge gaben. Ein altmodisches Wort, aber es trifft die Erfahrung, das Gefühl willkommen und auf eine besondere Weise versorgt zu werden. In keinem anderen Land, das ich bisher bereiste, fühlte ich mich so geborgen, von „guten Geistern“ betreut wie in den B&B´s der Grünen Insel, mit Tee und Scones versorgt, mit meinem Vornamen angesprochen, sobald ich bei der Türe hereingekommen war. Mit einer „Milk and Honey“-Liebenswürdigkeit holt die Vermieterin – welch ein unpassend trockenes Wort – den Gast ins irische Haus und in die irische Lebenart. Aus Mitteleuropa kommend, noch mit dem Tempo der Großstadt in den Beinen, hat man sich mit dem ersten Frühstück innerhalb einer Stunde auf den Takt der Insel heruntergebeamt, der eigene Körper dankt schnell mit Wohlgefühl. Mit den Jahren habe ich die Nuancen in den Antworten zu deuten gelernt, wenn ich Frühstück VOR halb neun bestellt hatte und die Herbergmammis lehrten mich ganz nebenbei, was es heißt den Augenblick zu genießen und das eigene Tempo runterzufahren.

Auch anderswo übrigens: An der Kasse in Joe´s winzigem Laden bekam ich einmal ein entspanntes „take it easy“, als ich meine Einkäufe nach dem Zahlen schnell schnell zusammensuchte. Es scheint auf eine Art unhöflich zu wirken, wenn man es eilig hat. Ich mochte das immer. Die Iren tratschen erstmal eine Weile, bis sie dann doch auch noch ein Anliegen formulieren, „by the way“, es sollten (hier) ein paar Sätze werden, aber ich kann mich doch nicht kurz fassen!

In den Jahren vor 2008, als die irische Wirtschaftswelt noch in Ordnung gewesen war und viele AmerikanerInnen das Land bereisten, bekam ich in Pubs oder an touristischen Orten eine Ahnung davon, wie groß der Sehnsuchtssog in dieses Land ist. Vielleicht klinken wir uns alle darin ein, sobald wir den ersten Schritt auf die Insel setzen. Wellen über Wellen an Auswanderern der vergangenen Jahrhunderte spülen ihre Nachkommen auf der Suche nach deren Wurzeln auf irischen Boden. Mild erstaunt übergehen diese den Kulturschock von ganz groß auf ganz klein: Zimmer, Autos, Straßen, Pubs, Läden, Boote, Berge, HÄUSER, Badezimmer. Willkommen in der Spielzeugwelt, alles niedlich, maximal entschleunigt und wenn es regnet, rein ins Pub auf einen Irish Coffee.

Die Iren nehmen scheinbar gelassen hin, was wir alle in ihrem Land zu finden suchen, wie eigenartig es sich für sie auch anfühlen mag. Immerhin, es bringt Abwechslung auf die Dorfstraße.

Mit Männern am Pier oder im Pub zu reden mochte ich immer gerne, sobald ich meine Angst, als Frau alleine da reinzugehen verloren hatte. Irisch-englische Mischwörter konnte ich irgendwann in etwa verstehen, allerdings eher der Körpersprache sei Dank. Dabei weiß man nie genau, wie man dran ist. Ein angedeutetes, leicht belustigt wirkendes Lächeln sah ich oft, ist auch schwer nachvollziehbar, was an nassen Wiesen und Weiden, schlechten Straßen, Moor, Ginstergestrüpp, alten windschiefen Steinen und Schafen so anziehend sein kann, dass man stundenlang da durchläuft oder fährt, mal vom Guinness abgesehen.

Ich kenne Irland nur als Urlaubsland zwischen März und September, und doch haben dieses Land und seine Menschen mich viel gelehrt. Über das Leben, das Jetzt und das Morgen, über mich selbst, was wichtig und weniger wichtig ist. Könnte es mehr sein? Vielleicht so etwas wie: Wetter ist Wetter und wird das auch immer bleiben…

Elisabeth FirschingWer mehr von Elisabeth Firsching (Foto) lesen will: Hier schreibt sie ihren eigenen Blog Kleine Freude.

Der Seeadler kreist wieder in Irlands Lüften

Seeadler Glengarriff IrlandAdler in Irland. Wir Menschen sind schon reichlich merkwürdige Wesen. Erst zerstören wir unsere Erde nach Kräften, dann versuchen wir mit großem Aufwand, wenn es (fast) zu spät ist, die Scherben zusammen zu kehren und zu retten, was zu retten ist. Erst rotten wir die Adler aus, dann setzen wir alles daran, sie wieder einzuführen. Dies in einer Zeit, wo die Wildnis nur noch in den Abgründen unserer Seelen zu existieren scheint.

Immerhin: Nach mehr als 100 Jahren wird in wenigen Tagen erstmals ein im Land geborener junger Seeadler seinen Horst verlassen und über das County Cork schweben. Der acht Wochen alte und 4,3 Kilogramm schwere Seeadler-Junge wurde von Glengarriffs Ranger Clare Heardman* vor wenigen Tagen mit einem kleinen Satelliten-Sender ausgestattet. In weniger als zwei Wochen dürfte der neue Prinz der irischen Lüfte den Horst hoch oben auf einem Baum auf Garinish Island bei Glengarriff in West Cork verlassen.

Die Adler-Eltern, 2009 und 2010 in Norwegen zur Welt gekommen und im Rahmen des Wiedereinführungs-Projekts zusammen mit 100 anderen Tieren im Killarney National Park eingesetzt, sorgen für Freude in Glengarriff. Das Adlerpaar hatte sich im Jahr 2012 auf der Insel im Glengarriff Harbour niedergelassen.  Letztes Jahr war der erste geschlüpfte Jungvogel aufgrund des schlechten Wetters bald nach der Geburt gestorben, in diesem Jahr sollte die Flug-Premiere endlich klappen.

Hoffnung für das Seeadler-Projekt machen – nach vielen Rückschlägen seit dem Start 2007 – in diesem Jahr  gleich fünf Seeadler-Paare im Land: Auch in den Counties Clare, Galway und Kerry gibt es derzeit gefiederten Nachwuchs. Nach über 100 Jahren schwang sich im Sommer 2013 erstmals in Mountshannon im County Clare ein in Irland geborener Seeadler wieder in die Lüfte. Der Erfolg des Wiedereinführungs-Programms wird davon abhängen, ob die nun in Irland geborene Adler-Generation sich ebenfalls vermehren wird. Die Chancen stehen jedenfalls nicht schlecht, dass der majestätische Vogel mit einer Flügelspannweite von 2,5 Metern auf der grünen Insel eine Zukunft hat. 

* Hier geht es zur Twitter Page vom Naturschutzgebiet Glengarriff Woods: Twitter Glengarriff Woods

Foto: Clare Heardman, Ranger im Glengarriff Woods Nature Reserve 

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