Über Markus Bäuchle

Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus kann man in Irland wandern gehen: www.irland-wandern.de
Hier sein Google+ Profil

Blinder Anspruch und deutsche Witzewelle

Witze-Welle auf Facebook

Zivilschutz, Hamsterkäufe, Gefahren für die Bevölkerung. Hier in Irland, aus der Distanz von 2000 Kilometern, wirkt die deutsche Debatte über die Vorsorge für den Problemfall belustigend weltfremd. Hohn, Spott und eine sommerliche Witzewelle in den sozialen Medien: Wie viele Menschen und Medien mit den völlig angemessenen Verhaltens-Vorschlägen des Innenministeriums für den Fall von Krisen und Naturkatastrophen, von  Terroranschlägen oder Cyber-Angriffen auf die Infrastruktur umgehen, macht nachdenklich: Ist es Ignoranz und Arroganz oder doch eher Hilflosigkeit und tief sitzende Angst, dass das  bier-ernste Thema der Eigenverantwortung im Problemfall  so leichtfertig ins Lächerliche gezogen wird; und warum werden Menschen, die Vorsorge treffen für den Notfall, öffentlich lächerlich gemacht und der Hysterie bezichtigt?

Übersetzt man die Anti-Kommentare und Witzchen, die sarkastischen Bemerkungen und comedyesken Einlagen in einfache Sätze, dann steht oft diese Bedeutung dahinter:

  • Das gibt es bei uns im Hightech-Land D doch nicht.
  • Ist nur leeres Wahlkampfgeplapper von Politikern.
  • Der Strom kommt doch aus der Steckdose.
  • Und meine Nahrung aus dem Supermarkt.
  • Erzähl mir nichts vom letzten Krieg. Das war mal.
  • Wenn die Lichter ausgehen, dann machen auch Vorräte für eine Woche keinen großen Unterschied mehr.
  • Macht ihr Politiker mal Eure Arbeit richtig, dann brauchen wir diese Ratschläge nicht.

Vor allem aber steckt hinter vielen Kommentaren eine enorme Anspruchshaltung: Warum sollten wir uns selber schützen müssen. Das ist Aufgabe des Staates, und das erwarten wir. Schließlich bezahlen wir dafür unsere Steuern.

vorratsregalNun ja. Eigentlich ist es vollkommen normal, dass Menschen sich gegen Risiken schützen, dass sie Vorsorge treffen für etwaige Krisen, dass sie sich beispielsweise ein paar Vorräte anlegen, um sich im Notfall einige Tage oder Wochen aus eigener Kraft über Wasser halten zu können. Das ist selbstverantwortliches vernünftiges Handeln, das bei den Nachbarn in der Schweiz selbstverständlich zur Lebens-Routine gehört. Es scheint, als hätten viele Menschen in Wohlstands-Deutschland in 70 fetten und sicheren Jahren und erst recht nach dem vermeintlichen Ende der Geschichte nach 1989 etwas Entscheidendes verloren: den Überlebensinstinkt, den Sinn für Gefahren und für die Notwendigkeit, sich selber und die Seinen zu schützen, sich notfalls an die widrigen Verhältnisse anpassen zu müssen. Statt dessen Vertrauen in eine vermeintlich perfekt funktionierende Welt. Es regiert der blinde Anspruch: Das steht uns zu. So sicher und wohlständig  muss es auch in Zukunft sein. Wird es aber wohl nicht  . . .

Hier in Irland liegen die Dinge noch anders: Stromausfälle etwa gehören zum Leben. Hier auf dem Land waren wir in den vergangenen Jahren, etwa nach heftigen Winterstürmen, mehrfach mehrere Tage ohne Strom. Und wenn der Strom fehlt, dann läuft auch die Wasserpumpe des Tiefbrunnens nicht. Telefon und Internet fallen aus. Kommt Frost hinzu, versagt die Heizung, bleibt das Auto stehen. Auch der Busbetrieb wird eingestellt. Denn Winterdienst darf man hier an den kleinen Nebenstraßen keinen erwarten. Dann fehlen schnell Wasser, Wärme, Essens-Nachschub aus der Stadt. Was also tun die Menschen? Sie legen ein paar Vorräte an. Sie haben Wasser abgefüllt oder nutzen den Zugang zum Bach oder einem nahen See. Sie haben Holz und Torf gelagert. Sie kochen mit Gas und greifen auf einen Flaschengasvorrat zurück. Sie haben, zumal Geschäfte oft weit entfernt sind, ein gut gefülltes Lebensmittellager. Zusätzlich einen Gemüsegarten, ein paar Obstbäume, Beeren – vielleicht sogar einen vollen Benzinkanister und einen Stromgenerator im Schuppen. Die Menschen wissen, dass sie sich selber kümmern müssen, dass sie eigenverantwortlich handeln müssen – dass sie im Zweifelsfall auf sich selber vertrauen müssen und auf sich selbst angewiesen sind.

Hier in Irland sind die Verkehrs- und Versorgungsnetze bei weitem nicht so perfekt wie in Deutschland. Man mag bedauern, dass es in den eineinhalb fetten Jahrzehnten des Keltischen Tigers nicht gelang, eine intakte Infrastruktur aufzubauen. Es änderte freilich nichts. Die Irinnen und Iren, und auch wir, leben damit, und das ganz gut.

Wenn uns Menschen vom Kontinent besuchen, manche mit besagter blinder Anspruchshaltung, prallen die Welten manchmal aufeinander. Kürzlich wunderten wir uns über eine Frau mittleren Alters, die sich bitterlich über die hohe Luftfeuchtigkeit in ihrem Gastzimmer beklagte. Dass die Luftfeuchtigkeit im subtropischen Südwesten am Atlantik regelmäßig über 90 Prozent liegt, kommentierte sie mit den Worten: „Das ist mir sch…egal. Ich will trockene Luft“.

 

Bild oben: www.bento.de

 

 

 

Beara Stories: Was suchten die Pfälzer in Irland?

Pfälzer Ortsschild

Palatine – Pfalz: Ein Dorfname erinnert an die Ankunft der Pfälzer in Irland im 18. Jahrhundert


Geschichten von der Beara-Halbinsel im Süd-Westen Irlands (Teil 8)

von Peter Bernhardt* 

Wir setzen den Geschichten-Zyklus über das ländliche Irland an der Atlantikküste fort. Geschrieben von unserem Freund Peter Bernhardt. Er forscht gern in der Vergangenheit und lässt ein Stück „altes Irland“ lebendig werden. Heute erzählt uns Peter die Geschichte der Pfälzer in Irland, die hier zu Palatines wurden.

Irland ist spätestens seit der großen Hunger-Katastrophe 1845-48 als Auswanderungsland bekannt. Es gab aber auch Jahre, in denen Irland umgekehrt ein relativ sicherer Ort für Flüchtlinge war. Es waren nicht nur die Hugenotten, die nach Irland kamen, als sie in Frankreich verfolgt wurden – wie ich in meiner letzten Geschichte berichtetet hatte.

Im Frühjahr 1709 machten sich etwa. 13 000 Pfälzer auf den Weg nach Rotterdam. Das ursprüngliche Ziel dieser Pfälzer, denen der katastrophale Winter 1708/09 die Lebensgrundlage in der Heimat in Deutschlands Südwesten genommen hatte, war Amerika. Die Engländer benötigten für ihre Kolonien an der Ostküste Siedler, die sie in der eigenen Bevölkerung nicht in ausreichender Zahl finden konnten. Und so schickte Königin Anne sechs Schiffe, um die Pfälzer zunächst nach England zu holen, wo sie auf ihre Reise nach Amerika vorbereitet werden sollten. Niemand hatte aber mit einer solch großen Zahl von Flüchtlingen gerechnet, und so waren die Verantwortlichen auf der Insel völlig überfordert, den Weitertransport in die neue Welt zu organisieren.

Im Dorf Palantine

Das Palatine House in Palatine bei Carlow

Thomas Earl of Wharton war zu der Zeit Vizekönig von Irland und hat in dieser Eigenschaft sehr schnell den Wert der protestantischen Pfälzer erkannt. Sie konnten eine Verstärkung der in Irland ansässigen protestantischen Pächter werden. Und so kamen im Winter 1709 mit dem Segen der Behörden in London und Dublin etwa 3000 Pfälzer in 800 Familien mit Fuhrwerken nach Dublin. Einige von ihnen blieben in der Hauptstadt, die überwiegende Mehrheit aber wurde auf verschiedene Bestimmungsorte in den ländlichen Regionen Irlands verteilt. Aber nicht alle konnten sich arrangieren und blieben. Viele von Ihnen zog es wieder zurück nach Dublin oder London. Nicht zuletzt waren es sprachliche Schwierigkeiten und fehlende Akzeptanz, die ein Bleiben unmöglich machten. Jedoch blieben 150 Familien und ließen sich in Rathkeale und Umgebung in der Grafschaft Limerick nieder. Sie, die man hier bald Palatines nannte, machten die Produktion von Hanf, Flachs und Vieh zur Grundlage ihres Wohlstandes. Zu einer zweiten erfolgreichen Ansiedlung von Familien aus der Pfalz kam es um dieselbe Zeit in der Nähe von Gorey in der Grafschaft Wexford.

Die Mehrheit der Siedler waren Bauern. Es gab aber auch Handwerker und sogar ein paar Ärzte. Jede Familie bekam acht bis zwölf Acres Land für eine Pacht von sechs Schillingen pro Acre. Die Einheimischen hatten eine durchschnittliche Pacht von zehn Schillingen zu zahlen. Die Regierung war bereit, diese Pacht vierzehn Jahre lang mit zwei Pfund pro Jahr zu bezuschussen. Die Familien bekamen auch einen Barkredit, mit dem sie Dinge kaufen konnten, die sie für ihre Existenzgrundlage benötigten. Und eine Muskete mit Munition gehörte auch zur Erstausstattung. Der Landlord stellte kostenlos Bauholz, damit die Palatines ihr eigenes Haus bauen konnten.

Palatines in Courtmatrix

Ein Palatine-Haus in Courtmatrix, das seit über 200 Jahren bewohnt ist

Natürlich haben die Pfälzer auch ihre bäuerlichen Traditionen und Anbaumethoden nach Irland mitgebracht. Von Beginn an wurden Obstplantagen angelegt und die ersten Äpfel vermostet. Der kam gut an in der Gegend um Limerick. Ihr Weizen hatte einen besonders guten Ruf wegen seiner Qualität. Die Kartoffeln wurden in gehäufelten Reihen angebaut, was weniger Dünger benötigte, als der breitflächige Anbau, den die Iren anwendeten. Den Pfälzern wird auch die Einführung des Kopfsalates zugeschrieben. Der hieß einst „German Cabbage“. Auch den Radkarren sollen die Pfälzer eingeführt haben. Die Iren benutzten den Schlittenkarren.

Zunächst sprachen die südwestdeutschen Auswanderer untereinander noch Deutsch, doch schon nach der zweiten Generation konnten nur noch ein paar Alte die „alte“ Sprache. Einige der früheren Siedler nahmen ihre deutsche Bibel mit ins Grab, ein Zeichen dafür, daß sie keiner mehr lesen konnte. Da sich die Iren mit der Aussprache der deutschen Namen schwer taten, war es einfacher sie zu anglisieren. So wurde beispielsweise aus Altimus Alton, aus Daub Doupe, aus Imberger Embury, aus Schultheis Sholedice und aus Schweitzer Switzer. Anne Teskey, die Ende des 19. Jahrhunderts im Alter von sagenhaften 115 Jahren gestorben ist, war die letzte Pfälzerin, die sowohl irisch als auch deutsch sprechen konnte. Und bis heute hat sich ein deutscher Brauch um den Ort Ballingrane erhalten: In der Silvesternacht wird das neue Jahr mit ein paar Böllerschüssen begrüßt.

Methodisten-Kirche

Ehemalige Kirche der Pfälzer: Die Methodisten-Kirche in Ballingrane

Die Pfälzer kamen vergleichsweise glimpflich durch die große irische Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts. Die ärmste Klasse der ländlich-irischen Bevölkerung verfügte nur über einen Bruchteil eines Acres und war völlig von einer ertragreichen Kartoffelernte abhängig. 1845 fiel ein Teil dieser Ernte aus und im darauf folgenden Jahr gab es einen Totalausfall. Über eine Million Menschen starben in der nun einsetzenden Hungersnot. Da die Widerstandskräfte der Menschen geschwächt waren, starben sie an Typhus und Rückfallfieber, später dann auch an der Cholera.

Die Pfälzer hatten neben den Kartoffeln auch Alternativen. Eine schöne Geschichte ist überliefert: Ihnen hat das vitamin- und mineralreiche Sauerkraut das Überleben gerettet. Während in dieser Zeit eine Million Menschen das Land verließ, zeigten die Auswanderungszahlen der Pfälzer einen umgekehrten Trend. Vor der Katastrophe verließen fast doppelt so viele Pfälzer Irland als während der Hungerjahre 1845-48. 

Palantine Heritage Center

Heimatmuseum in Rathkeale: Das Palatine Heritage Center

Hauptansiedlungs-Gebiet der Pfälzer war die Grafschaft Limerick. Sie errichteten dort Siedlungen bei Rathkeale (Courtmatrass, Castlematrass, Killeheen und Ballingarane). Auch heute noch gibt es eine recht aktive Gemeinde, die stolz auf ihren Pfälzer Ursprung zurückschaut. Rathkeale hat ein sehenswertes „Heimatmuseum“ zum Thema.

Pfälzer in Irland

Auszug aus einem 1709 vom englischen Staat für die Pfälzer herausgegebenen Sprachführer

Bleibt noch die Frage: Was haben die Pfälzer mit der Beara-Peninsula zutun? Nichts! Die hugenottischen Flüchtlinge haben mich auf die Spur der Pfälzer geführt und ich dachte, irgendwie gehört das Thema auch zur irischen Geschichte und muss hier erwähnt werden, zumal das Flüchtlings-Thema gerade wieder Schlagzeilen macht.

 

Peter in Clogher 2013_IMG_1710Der Autor: Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer 5-wöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling

Peters Geschichten von der Beara Peninsula erscheinen regelmäßig hier auf Irlandnews.

Fotos: Joachim Heinkel und Jürgen Kautz

Madeleine Webers Woche: Paradies Derrynane

Derrynane Kerry

Derrynane National Park, County Kerry, Ireland, fotografiert von Madeleine Weber

Madeleine Webers Foto-Woche:  Wir sind wieder mit der Profi-Fotografin Madeleine Maria Weber unterwegs im County Kerry und machen heute Zwischen-Stopp an einem der schönsten Küstenabschnitte Irlands: Derrynane.

 Madeleine WeberMadeleine Maria Weber (Foto) fuhr nach Derrynane, um alle Facetten dieses eindrücklichen Irland-Panoramas zur Geltung zu bringen. Sie sagt dazu:

„Derrynane National Park liegt zwischen Sneem und Waterville am Ring of Kerry. Es ist ein wahres Paradies. In der Ferne kann man die Scarriff und Deenish Inseln sehen. An solch großen panoramischen Aussichtspunkten warte ich immer auf besonders klare Tage um der Weite eine wirksame räumliche Übersetzung zu ermöglichen. Da das Neongrün ein wesentlicher Bestandteil der Schönheit dieser Szene ist, ist der Frühsommer die beste Zeit, um dieses Bild aufzunehmen. Viele Bilder sind geplant in der Hinsicht, dass alle Komponenten in voller Kraft scheinen können.“

Madeleine ist die Frau, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Weil sie warten kann. Auf den richtigen Zeitpunkt. Auf das perfekte Motiv. Fotografieren ist gutes Auge, gute Technik und viel, viel Geduld, Warten, Warten. Seit elf Jahren fotografiert Madeleine die einmalig schönen Landschaften Südwest-Irlands.

Wir begleiten Madeleine, die in Emlaghdrinagh, Waterville, im County Kerry lebt, in diesen Monaten bei der Arbeit, zeigen hier auf Irlandnews.com  jede Woche ein Foto aus ihrer Arbeitswoche. Uns gefällt, dass in ihren Fotografien die Landschaft erkennbar bleibt, wie sie das Auge wahrnimmt, und dass sie in ihren Fotos dennoch eine ganz eigene unverkennbare künstlerische Ästhetik schafft.

Madeleine Weber Studio Irland Madeleine Weber FotografieÜbrigens: Madeleine Webers Fotos könnt Ihr vor Ort in Irland in ihrem Studio am Skellig-Ring im Original anschauen. Die Fotografin präsentiert ihre Landschafts- und  Meeres-Aufnahmen täglich von 11 bis 17 Uhr als hochwertige Kunstdrucke in verschiedenen Größen. Die Ausstellungsräume liegen an der R567 in Emlaghdrinagh zwischen Waterville und Ballinskelligs am Wild Atlantic Way (Telefon: +353 (0)85 780 3273). Sie versendet ihre Fotos weltweit: www.madeleinemariaweber.com.

 

Madeleines Foto-Woche erscheint jede Woche hier auf Irlandnews.com. 

Irland-Idylle des Tages mit Eseln und Berg

Esel Irland

Irland Idylle mit Eseln. Foto: Markus Bäuchle

Irland-Idylle des Tages: Gestern, am bislang wärmsten Tag des Jahres bei 27 Grad unterwegs in den Bergen Irlands, und wie immer auf der Suche nach guten Fotos. Gehören Esel zu einem guten Irland-Foto? Die drei eher etwas misstrauischen Grauen jedenfalls traf ich auf dem schweißtreibenden Weg zur Nordseite des Gabhal Mor (Hintergrund). Oder sind diese picknickenden Langohren „niedlicher“, die ich im vergangenen Winter fotografiert habe?

Esel, Bantry Bay

Esel beim Heu-Picknick. Foto: Markus Bäuchle

Welches sind  die idealen Zutaten für ein gelungenes Irland-Foto? Wie sieht die perfekte Idylle aus, die Irland-Reisende und Irland-Bleibende immer wieder gerne suchen, finden, genießen und beschwören? Was müssen wir andererseits Störendes aus dem Bildausschnitt ausblenden oder gar entfernen, damit ein idyllisches Foto gelingt? Ich habe in den vergangenen acht Jahren zahlreiche Irland-Fotos hier auf Irlandnews und in den sogenannten sozialen Medien veröffentlicht. Sie zeigen überwiegend Landschaften. Zu manchen Fotos, die ich für wirklich gute Landschafts-Aufnahmen hielt, blieben die Reaktionen aus, manche andere Bilder lösten breites Entzücken aus. Wie schön! Ich werde einige davon in den kommenden Wochen hier zeigen. Doch wichtiger die Frage an Euch:

Irland liebenWas braucht es zur perfekten Irland-Idylle? Sanfte grüne Hügel? Den Sonnenuntergang über dem Atlantik? Schafe, Schafe, Schafe? Zeigt uns Euer bestes und meist geliebtes Irland-Foto, schickt es mit Eurem Namen, dem Ort und dem Zeitpunkt der Aufnahme an markus@irlandnews.com. Und gewinnt: Wir verlosen unter allen Einsendungen fünf mal unser aktuelles Irland Buch „111 Gründe Irland zu lieben“ (erschienen im Jahr 2015, von Markus Bäuchle und Eliane Zimmermann). Infos zum Buch gibt es hier. Unser Idyllen-Wettbewerb dauert bis Ende August.

Die ersten Einsendungen sind bereits angekommen. Vielen Dank an Kai und Werner, die ganz flink reagierten! Die Fotos gibt es demnächst hier zu sehen . . .

 

Beara Stories: Die Hugenotten in Irland

Hier in Rossmacowen lebte einst der Hugenotte Fontaine.

Hier in Rossmacowen lebte einst der Hugenotte Fontaine.

Geschichten von der Beara-Halbinsel im Süd-Westen Irlands (Teil 7)

von Peter Bernhardt* 

Heute setzen wir auf Irlandnews den Geschichten-Zyklus über das ländliche Irland an der Atlantikküste fort. Geschrieben von unserem Freund Peter Bernhardt. Er forscht gern in der Vergangenheit und lässt ein Stück „altes Irland“ lebendig werden. Heute erzählt uns Peter die Geschichte der Hugenotten in Irland und auf der Beara Halbinsel.

Die Hugenottenkriege von 1562 bis 1598 waren eine Reihe von acht Bürgerkriegen in Frankreich. Höhepunkt war das Massaker an den französischen Protestanten oder genauer den Calvinisten, den sogenannten Hugenotten, in der Bartholomäusnacht. Im Laufe dieser Auseinandersetzungen flohen zwischen 200 000 bis 250 000 Hugenotten in die benachbarten Staaten. Viele flüchteten nach England und etwa 5000 machten sich weiter auf den Weg nach Irland.

Geschätzt 300 Hugenotten hatten die Stadt Cork zum Ziel, wo sie sich um 1700 herum niederließen und wo manche französische Neuankömmlinge mit viel Geschick ihr eigenes Geschäft aufmachten. Auf den Gebieten der Textil-Industrie, des Handwerk und im Immobilien-Geschäft waren sie schnell im Wirtschaftsleben integriert.

Hugenotten in Irland

Jacques Fontaine

Einer von Ihnen war der Pastor Jacques (James) Fontaine (Foto). Auch er war bereit sich zunächst in Cork ein neues Leben aufzubauen. Er versuchte in die Woll-Manufaktur einzusteigen, was ihm anfänglich auch recht erfolgreich gelang, bis ein Auslieferungs-Verbot für irische Wollware erlassen wurde. Eine Weile hielt er sich als Lehrer und Pfarrer der Hugenottischen Gemeinde über Wasser. Dann lernte er Oberst Beecher aus Baltimore kennen, der sich stark im Fischfang-Geschäft engagierte. Er ermutigte Fontaine das Gleiche zu tun und verkaufte ihm Boote und Netze zu einem günstigen Preis.

Fontaine entschloß sich, auf Beara in der Nähe von Berehaven, in Rossmacowen, ein Grundstück zu kaufen (Foto oben). Darauf errichtete er ein Wohnhaus für seine Familie und einige Gebäude für die Verarbeitung der Fische und für die Vorbereitung zum Export. Das Verhältnis zu seinen irischen Nachbarn war anfangs recht gut, doch das änderte sich allmählich. Um diese Zeit war die Küste in der Bantry Bay „voll“ von französischen Piraten, die mit Hilfe von irischen Verbündeten operierten. Immerhin blühte zu dieser Zeit auch der Schmuggel. Und der Clan der O’Sullivans war darin sehr erfolgreich. Fontaine war aber auch Friedensrichter und von Beginn an bemüht, das Verhältnis zwischen Piraten und Schmugglern zu unterbinden, was denen ganz-und-gar nicht behagte. Und so sah sich Fontaine gezwungen, sein Anwesen mit einer Verteidigungsmauer und mit Wachtürmen zu versehen.

Der Start in diesem Business war nicht gerade vielversprechend, denn ein Kapitän machte sich aus dem Staub mit dem Schiff und dem ganzen Geld auf den Wege nach Spanien. Auch das Geschäft mit dem Fisch war nicht sofort erfolgreich. Immerhin mußte Fontaine für sechs Schiffe und 45 Mann, die er eingestellt hatte, bezahlen. Als Alternative schickte er ein Schiff, beladen mit Rindfleisch, Butter, Käse und Kerzen zunächst nach Madeira. Er verkaufte dort die Ladung und erwarb dafür Zucker, Rum und Sirup, die er nach Virginia brachte, um dort eine Ladung Tabak aufzunehmen. Das brachte Fortaine einen guten Profit ein. Dieses Dreieck-Geschäft funktionierte ein paar Jahre recht gut. Dann brach der Markt in Madeira zusammen. Für den Preis, den er in Madeira erzielte, konnte er kein gutes Geschäft mehr in Virginia machen, da war der Preis für Tabak zu hoch. Doch der Kapitän war ein cleverer Mann, der herausfand, daß man weiter im Inland Tabak für einen deutlich günstigeren Preis erstehen konnte. Und so kam das Schiff vollbeladen mit Tabak im August 1701 in Berehaven an und wurde sogleich weiter nach London beordert, wo der Eigentümer einen enormen Gewinn machen konnte.

In der Zwischenzeit war Fontaine nicht untätig gewesen. Er hatte 200.000 Heringe gepökelt und gepresst, genug um 200 „Hogsheads“ zu füllen (Anmerkung: 1 hogshead = 950 Liter) und auch noch 200 Fässer eingelegte Heringe, 12 „tierces“ Lachs (Anmerkung: 1 tierce = 42 gallons = 159 Liter)  und jede Menge getrockneten Kabeljau. Alles zusammen hatte einen Wert von 1.200 Pfund, den er erhoffte in London erzielen zu können. Sein Geschäftspartner hatte aber eine andere Idee und meinte, man solle die Fische nach Spanien bringen und von dort mit Wein wieder zurückkommen. Es versprach einen besseren Gewinn. Doch das ganze Hin und Her der Planungen dauerte zu lange, zumal die Seeleute auch noch versuchten zu desertieren. Und so verrottete die gesamte Ladung und war am ende keinen Pfifferling mehr wert. Das beendete natürlich die dreijährige Partnerschaft Fontaines mit dem Londoner Geschäftsmann.

Von diesem kleinen Hafen aus operierte Jacques Fontaine

Von diesem kleinen Hafen auf Beara operierte Jacques Fontaine

Am frühen Morgen des 1. Juni 1704 legte ein französisches Piratenschiff vor Fontaines Hafen bei mit ca. 80 Mann an Bord und vier irischen Nachbarn, die den Piraten als Führer dienten. Fontaine bemerkte dazu: „Ich ließ alle meine verfügbaren Männer antreten, es waren exakt zwanzig, und gab allen Protestanten Musketen und allen Papisten Prügel, die sie wie Gewehre zu schultern hatten, damit es so aussah, als wären sie auch bewaffnet.“ Die Attacken dauerten von morgens acht, bis zum späten Nachmittag, dann zogen sich die Piraten zurück auf ihr Schiff und segelten unverrichteter Dinge davon.

Im Oktober 1708 ging ein weiterer Angriff auf Fontaines Anwesen auf Beara leider nicht so glimpflich vonstatten. Die Piraten kamen in der Dunkelheit wieder mit 80 Mann, diesmal in drei Booten, und stürmten das Anwesen, setzten die Gebäude in Brand und nahmen alle gefangen. Nach der Plünderung nahmen die Piraten Fontaine, zwei seiner ältesten Söhne und zwei Bedienstete als Geiseln mit. Am nächsten Tag wurden die Jungs und die Bediensteten freigegeben, aber Fontaine nahmen sie mit zur Insel Dursey. Frau Fontaine erwartete sie dort und feilschte mit den Piraten um das Lösegeld. Man einigte sich auf 100 Pfund.

Fontaine beendete darauf hin sein Engagement auf Beara und verließ Irland, ging nach London, wo er erfolgreich das County Cork verklagte und für die Zerstörung und den Verlust seines Anwesens eine Summe von 800 Pfund bekam. Eine stattliche Summe in dieser Zeit. Letztendlich wanderte er mit seiner Familie aus nach Amerika und „lived happily ever after“! Dort schrieb er auch seine bewegende Biografie über seine Abenteuer nach der Flucht aus Frankreich. Von seiner „Festung“ ist nichts mehr geblieben, lediglich ein paar Spuren von der „Fisch-Presse“ und von den Teichen finden Eingeweihte noch.

Die Hugenotten waren aber nicht die einzigen Flüchtlinge, die nach Irland kamen. 1709 kamen schätzungsweise 3000 Pfälzer aus Deutschland auf die grüne Insel. Aber das ist eine andere Geschichte.

Peter in Clogher 2013_IMG_1710Der Autor: Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer 5-wöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling

Peters Geschichten von der Beara Peninsula erscheinen regelmäßig hier auf Irlandnews.

Fotos: Peter Bernhardt

Beara Stories: Ekel-Duschen gegen den Sheriff

Eviction auf der Beara Halbinsel in Irland

Geschichten von der Beara-Halbinsel im Süd-Westen Irlands (Teil 6)

von Peter Bernhardt* 

Heute setzen wir auf Irlandnews den Geschichten-Zyklus über das ländliche Irland an der Atlantikküste fort. Geschrieben von unserem Freund Peter Bernhardt. Er forscht gern in der Vergangenheit und lässt ein Stück „altes Irland“ lebendig werden. Heute erzählt uns Peter eine Episode aus der tragischen Geschichte der Zwangsräumungen und Vertreibungen von Iren durch die englischen Landlords. 

Noch Anfang 1900 mußten die Bewohner Irlands befürchten, von ihrem Grund und Boden vertrieben zu werden, wenn sie die Pacht an ihre Landlords nicht bezahlen konnten. Und so waren die Goulaner, die Menschen im Townland auf Beara, in dem ich heute wohne, in heller Aufregung, als an einem Maimorgen im Jahr 1907 gegen 8 Uhr morgens der Sheriff Mr. J. Gale in Begleitung von vierzehn zivilen Beamten und Gerichtsvollziehern, geschützt von 300 Polizisten sich in Castletown auf den Weg machten, um die fälligen Steuern in Kilmacowen und Goulane einzutreiben. Man kann sich gut vorstellen, wie auf beiden Seiten der Straße die Bewohner von Castletownbere Spalier standen, um diesen „Zug“ mit Hohn und Spott zu begleiten. Unter ihnen auch ein Journalist,  der das Geschehen in der Ausgabe des „Cork Examiner“ vom 29. Mai 1907 beschrieb.

Eviction Irland

Zeitgenössische Darstellung der Vertreibung einer irischen Familie durch einen englischen Landlord aus ihrem Haus.

Hier ein paar frei übersetzte Auszüge aus seinem Bericht, der vor allem Eines zeigt: Die irische Landbevölkerung wusste sich an diesem Tag trotz gravierender Waffenungleichheit zu helfen und gegen die bewaffnete Obrigkeit zu behaupten: 

Der „Zug“ erreichte das erste Haus in Kilmacowen, und als der Sheriff ins Haus trat, präsentierte ihm der Vorstand des Hauses ein medizinisches Attest, daß eines seiner Kinder sich in einem gefährlichen Gesundheitszustand befinde und auch seine Frau bettlägerig sei und in einem schwachen Zustand.

Während der Sheriff und der Agent des Grundbesitzers sich im Haus ein Bild von der Situation machten, gab es draußen zwischen den Polizisten und den Anwohnern heftige Auseinandersetzungen. Die Frauen begannen die Polizei mit Dung zu bewerfen, die Polizisten hatten keine rechte Handhabe gegen Frauen.

Im Hause verständigte man sich darauf, daß man die Zwangsräumung verschiebe, bis die Patienten gesund seien – im der Hoffnung, dass die Pacht noch bezahlt würde.

Danach zog man weiter zum nächsten Pächter. Während der Sheriff und der Agent mit dem Pächter verhandelten, rückten ein paar junge Frauen aus der Umgebung den Gerichtsvollziehern auf die Pelle, mit der Absicht sie mit Schlamm und anderen üblen Sachen zu „verputzen“! Als dann die Polizei brutal eingriff, um die Frauen von ihrem Tun abzuhalten, begann erst recht eine wahre Schlammschlacht. Nachdem sich die Polizei entschloß, sich zurück zu ziehen, begann man die Möbel aus dem Haus zu tragen, bis auch in diesem Falle ein Gesundheits-Attest vorgelegt wurde. Die alte Mutter des Pächters wurde erst kürzlich „gesalbt“! Und so verschob man auch hier den „Rauswurf“ auf einen späteren Termin.

Mit den nächsten drei Pächtern einigte man sich auf eine Art Ratenzahlung. Und so marschierte der „Zug“ unter Spott und Gejohle weiter nach Goulane, wo weitere Zwangsräumungen anstanden.

Der Zugang zu diesem kleinen Dörfchen war nur über einen schlechten, schmalen Feldweg zu erreichen und die Polizei hatte alle Hände voll zu tun, um die „Offiziellen“ von den Attacken der Landbevölkerung zu schützen, die auf beiden Seiten des Weges auf den Wällen standen. Auf halber Strecke fand man den  Weg durch große Steine blockiert. Jetzt mußte erst der Karren mit Werkzeug nachgeholt werden, um den Zugang frei zu bekommen.

Schließlich erreichte man das nächste Haus und begab sich in Verhandlungen mit dem Pächter. Nach einer schier endlosen Zeit ordnete der Gerichtsvollzieher an, die Möbel aus dem Hause zu tragen. Das wiederum führte zu einer vertrackten Situation. Wieder flogen Unrat und Steine und verfehlten nur knapp die Gerichtsvollzieher, die bei ihrer widerlichen Pflicht waren. Doch die Ladies trafen besser mit ihren „weichen“ Geschossen. Als sich die Polizisten wieder grob der Frauen annahmen, entstand eine handfeste Rauferei, während sich der Sheriff, der Agent und der Pächter gütlich einigten.

Bei den nächsten Pächtern handelte es sich um zwei Häuser unter einem gemeinsamen Dach. Die Verhandlungen dauerten recht lange, bevor man sich einigen konnte. Die Pächter konnte in ihren Häusern verbleiben. Auch bei diesem Haus empfingen die Frauen die Polizei mit einer ekelhaften „Dusche“ aus den oberen Fenstern.

Wir können uns wohl vorstellen, was das war.

Im nächsten und letzten Haus wohnten die Murphys. Als der Sheriff Mr. Murphy aufforderte, seine Pacht zu zahlen oder man würde ihn vor die Türe setzten, blieb dieser standhaft und verweigerte beides. Daraufhin trat Mr. Muphy vors Haus und verkündete mit lauter Stimme, wenn das Gesetz in diesem Lande noch etwas gilt, dann kann man ihn und seine Familie nicht vor die Türe setzen, denn er habe ein mündliches Versprechen vom alten Landlord, daß ihn niemand mehr in seinem Haus stören würde und dies sei auch in schriftlicher Form vom jetzigen Landlord bestätigt worden. Doch der Gerichtsvollzieher ignorierte das und veranlasste umgehend die Räumung des Hauses. Während dessen stapfte Mr. Jerry Murphy wütend vor dem Haus auf und ab. Die Menge unterstütze ihn mit aufmunternden Worten: Don’t pay the rent, Jerry, we will stick by you!“ Einer der Söhne warf einen Stock in Richtung Sheriff, verfehlte ihn aber, traf dafür ein Fenster, das zu Bruch ging!

Während einer kurzen Lunch-Pause warf ein weiterer Sohn des Pächters einen Stein auf einen Gerichtsvollzieher. Der Stein traf den Mann direkt hinters Ohr und verletzte ihn leicht. Sofort griffen die Polizisten zu und führten den Jungen in Handschellen ab. Da sitzt er nun in Castletownbere im Gefängnis.

Das waren harte Zeiten für die irische Bevölkerung, die sich aber nicht kleinkriegen ließ. Was aus dem Jungen geworden ist, das könnte eine andere Geschichte werden . . . 

Peter in Clogher 2013_IMG_1710Der Autor: Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer 5-wöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling

Peters Geschichten von der Beara Peninsula erscheinen regelmäßig hier auf Irlandnews.

Fotos: Peter Bernhardt

Moderner Luxus: Der Reiz des irischen Landlebens

Was ist wahrer Luxus? Man kann ihn nicht im Duty Free Shop, aber auf dem irischen Land finden . . .

Was ist wahrer Luxus? Man kann ihn nicht im Duty Free Shop, aber auf dem irischen Land finden . . .

Meine Mutter ist eine in sich ruhende, zufriedene Frau. Selbst dem Altwerden gewinnt sie positive Seiten ab. Warum sich mühen und wehren gegen etwas, das frau sowieso nicht ändern kann? Nur ganz selten lässt sich die 82-jährige aus der Ruhe bringen. Ich erinnere mich an wenige Ausnahmesituationen, etwa an diese. Sie hatte mit einer alten Freundin telefoniert und danach irritiert festgestellt: „Stell Dir vor, sie hat 25 Minuten nur geklagt und sich beschwert.“

Lebensweisheit, die innehalten lässt. Denn es gibt jeden Tag einen Grund, dankbar zu sein und Danke zu sagen. Man muss ihn nur finden wollen. Ich danke heute morgen all den Menschen, die meine Beiträge aus und über Irland lesenswert genug finden, um sie zu lesen, weiter zu empfehlen, und sogar in Buchform zu kaufen. Danke! So ging mein erstes Irland-Buch Irland. Ein Länderporträt * sogar auf die Langstrecke. Es wird so gerne gekauft, dass es bereits in der dritten, aktualisierten Auflage unterwegs ist. Ein Dank an alle, die das ermöglicht haben.

Zum Dank heute morgen ein (kostenloser) Auszug aus der 3. Auflage, ein paar Anmerkungen über unser Leben auf dem irischen Land, zu denen mich ein Essay von Hans Magnus Enzensberger inspiriert hat.

Exkurs. Moderner Luxus: Vom Reiz des irischen Landlebens

Irland Buch Bäuchle„Für Stadtmenschen erscheint das Leben in der vielerorts menschenarmen Landschaft, in der zivilisatorisch reizarmen Umgebung fern der kontinentaleuropäischen Metropolen langweilig bis unerträglich. Andere, und der Autor schließt sich hier mit ein, erkennen darin ein großes Stück Luxus, wie es der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger schon 1996 für den Spiegel in einem Essay über den Luxus der Zukunft beschrieb. Enzensberger schrieb: »Der Luxus der Zukunft verabschiedet sich vom Überflüssigen und strebt nach dem Notwendigen, von dem zu befürchten ist, dass es nur noch den Wenigsten zu Gebote stehen wird. Das, worauf es ankommt, hat kein Duty Free Shop zu bieten.« Er zählte dann die sechs zukunftsfähigen Luxusgüter auf:

»1. Die Zeit. Sie ist das wichtigste aller Luxusgüter. Bizarrer weise sind es gerade die Funktionseliten, die über ihre eigene Lebenszeit am wenigsten frei verfügen können. […] Unter solchen Bedingungen lebt luxuriös, wer stets Zeit hat, aber nur für das, womit er sich beschäftigen will, und wer selber darüber entscheiden kann, was er mit seiner Zeit tut, wieviel er tut, wann und wo er es tut.

2. Die Aufmerksamkeit. Auch sie ist ein knappes Gut, um dessen Verteilung sämtliche Medien erbittert kämpfen. Im Gerangel von Geld und Politik, Sport und Kunst, Technik und Werbung bleibt wenig von ihr übrig. Nur wer sich diesen Zumutungen entzieht und das Rauschen der Kanäle abschaltet, kann selbst darüber entscheiden, was Aufmerksamkeit verdient und was nicht. Unter dem Trommelfeuer arbiträrer Informationen nehmen unsere sinnlichen und kognitiven Fähigkeiten ab; sie wachsen mit der Reduktion auf das und nur das, was wir selber sehen, hören, fühlen und wissen wollen. Auch darin kann man ein Moment von Luxus sehen.

3. Der Raum. Was für die Ökonomie der Zeit der Terminkalender, ist für die des Raumes der Stau. Im übertragenen Sinn ist er allgegenwärtig. Steigende Mieten, Wohnungsnot, überfüllte Verkehrsmittel, Gedränge in den Fußgängerzonen, Freibädern, Diskotheken, Touristenzonen zeigen eine Verdichtung der Lebensverhältnisse an, die an Freiheitsberaubung grenzt. Wer sich dieser Käfighaltung entziehen kann, lebt luxuriös. Dazu gehört auch die Bereitschaft, sich aus dem Warenberg freizuschaufeln. Meist ist die ohnehin viel zu kleine Wohnung mit Möbeln, Geräten, Nippes und Klamotten verbarrikadiert. Was fehlt, ist jener Überfluß an Platz, der die freie Bewegung überhaupt erst möglich macht. Heute wirkt ein Zimmer luxuriös, wenn es leer ist.

4. Die Ruhe. Auch sie ist ein Grundbedürfnis, das immer schwerer zu stillen ist. Wer den allgegenwärtigen Krach vermeiden will, muß einen hohen Aufwand treiben. […] Der tobende Verkehr, das Heulen der Sirenen, das Knattern der Hubschrauber, die dröhnende Stereoanlage des Nachbarn, die monatelang wummernden Straßenfeste – Luxus genießt, wer sich alledem entziehen kann.

5. Die Umwelt. Daß man die Luft atmen und das Wasser trinken kann, daß es nicht qualmt und nicht stinkt, ist bekanntermaßen keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Privileg, an dem immer weniger Menschen teilhaben. Wer sie nicht selbst erzeugt, muß Lebensmittel, die nicht vergiftet sind, teuer bezahlen. Den Risiken für Leib und Leben am Arbeitsplatz, im Verkehr und im gemeingefährlichen Freizeitrummel aus dem Weg zu gehen dürfte den meisten schwerfallen. Auch in dieser Hinsicht sind es die Möglichkeiten des Rückzugs, die immer knapper werden.

6. Die Sicherheit. Sie ist wahrscheinlich das prekärste aller Luxusgüter. In dem Maß, in dem der Staat sie nicht mehr garantieren kann, steigt die private Nachfrage und treibt die Preise in die Höhe.«

Kluge Gedanken von Hans Magnus Enzensberger, der schon 1996 mutmaßte, dass die Zukunft des Luxus »nicht wie bisher in der Vermehrung, sondern in der Verminderung, nicht in der Anhäufung, sondern in der Vermeidung liegt«. Raum, Ruhe, Umwelt und Sicherheit: Vielerorts im ländlichen irischen Westen gibt es Orte, die diesen immateriellen Luxus im Sinne Enzensbergers in sich bergen und als Erfahrung ermöglichen. Wer sich dann noch die Zeit nehmen kann, sich dies zu vergegenwärtigen, und die Aufmerksamkeit für das Wesentliche aufbringt, genießt die Privilegien eines Luxuslebens. Doch nun Schluss mit der Naturschwärmerei . . .“

So weit der Auszug aus der 3. Auflage. Ein Jahr nach der Aktualisierung möchte ich ergänzen: Die Güter Sicherheit und Echtheit werden in diesen unruhigen, gewalttätigen, diesen virtuellen und flüchtigen Zeiten zu einer wahrhaft raren und äußerst wertvollen Ressource.

Das Buch kostet 18 Euro. Und es hat ein neues Cover (Abbildung oben). Es kann auch hier online gekauft werden: Mein Link zu Amazon.de  Ich freue mich derweil, dass ich einen Beruf neben dem Bücherschreiben ausübe, mit dem sich auch unser Lebensunterhalt verdienen lässt, und der genauso viel Spaß macht wie das Schreiben (www.wanderlust.de)

 Hier der Waschzettel meines Verlags, des Ch. Links Verlags Berlin, zum Buch:

Markus Bäuchle  
Irland
Ein Länderporträt
Erschienen: Juni 2015
Auflage: 3.
Erstveröffentlichung: Juni 2015
Ausstattung: Klappenbroschur
Format: 12,5 x 20,5 cm
Seitenzahl: 208
Karten: 1
ISBN: 978-3-86153-741-0
Reihe / Kategorie: Länderporträts
Grüne Wiesen, Schafe, Whiskey, bunte Cottages und freundliche, redselige Menschen mit viel Zeit. Kein Land in Europa provozierte so viele Wohlfühl-Klischees wie Irland, die grüne Insel im Atlantik.
Markus Bäuchle kennt das kleine Land mit der bewegten Geschichte seit Ende der 1970er Jahre. Er hat das traditionelle Irland, den rasanten Aufstieg in den Wirtschaftswunderjahren und den tiefen Fall nach dem Platzen der Immobilienblase miterlebt. Er beschreibt den Alltag und den Facettenreichtum des amerikanischsten Landes Europas auf seiner Achterbahnfahrt der Selbstfindung.
Ein informatives und spannendes Buch über eines der widersprüchlichsten und zugleich dynamischsten Länder der Gegenwart – und eine Liebeserklärung.
 Pressestimmen

Der Autor des brandaktuellen Irland-Buches hat nicht etwa im Sinn, das verklärte Inselbild vieler Deutscher mit noch mehr grünen Tupfern zu versehen. Stattdessen räumt er entlang harter Fakten, entlang launiger Ankdoten und historischer Ausdeutungen mit Klischees über das Land und seine Leute auf – ohne je seine Liebe zu beiden zu leugnen.
Martin Hatzius, Neues Deutschland

Markus Bäuchle widmet sich der Landeskunde, der Historie, der Wirtschaft, dem komplizierten Verhältnis zu Großbritannien und der Nähe zu Amerika und der Freizeitgestaltung der Iren. Liebevoll beschreibt er die einzigartige Naturlandschaft und klärt den Leser über Feen und Naturgeister auf. Ein guter Tipp für Irland-Fans.
Ute Köhler, abenteuer und reisen

ed23072015

 

Madeleine Webers Foto-Woche: Auf dem Geokaun

Geokaum Valentia Island

Sonnenaufgang über Kerry, fotografiert auf dem Geokaun Mountain, Valentia Island, von Madeleine Weber

Madeleine Webers Foto-Woche:  Wir sind mit der Profi-Fotografin Madeleine Maria Weber unterwegs im County Kerry und machen heute Halt auf dem Geokaun, einem bekannten Aussichtsberg auf  Valentia Island.

 Madeleine WeberMadeleine Maria Weber (Foto) fuhr nach Valentia, um geduldig und am Ende erfolgreich auf einen „Goldenen Moment“ zu warten. Sie sagt dazu:

„Ein magischer Sonnenaufgang, wie man ihn vom Geokaun-Berg auf Valentia Island bestaunen kann. Als ich ankam, sah es nicht sehr vielversprechend aus. Manchmal zahlen sich Geduld und Hoffnung aus. Ich habe eine Menge “Goldener Momente” eingefangen, weil ich entschied zu warten, obwohl alle sichtbaren Anzeichen dagegen sprechen. Natur ist sehr überraschend, und obwohl man einige Wetterfaktoren analysieren kann, bleibt ein grosser Anteil Unberechenbarkeit für spontane Kreationen durch Natur übrig. Ich habe schon so viele Situationen erlebt, wo ich mein Equipment zusammenpackte und sich plötzlich die öde Landschaft in ein Lichterspiel verwandelte. Das ist jedesmal, als ob man ein Überraschungsgeschenk von der Natur bekommt.“

Madeleine ist die Frau, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Weil sie warten kann. Auf den richtigen Zeitpunkt. Auf das perfekte Motiv. Fotografieren ist gutes Auge, gute Technik und viel, viel Geduld, Warten, Warten. Seit elf Jahren fotografiert Madeleine die einmalig schönen Landschaften Südwest-Irlands.

Wir begleiten Madeleine, die in Emlaghdrinagh, Waterville, im County Kerry lebt, in diesen Monaten bei der Arbeit, zeigen hier auf Irlandnews.com  jede Woche ein Foto aus ihrer Arbeitswoche. Uns gefällt, dass in ihren Fotografien die Landschaft erkennbar bleibt, wie sie das Auge wahrnimmt, und dass sie in ihren Fotos dennoch eine ganz eigene unverkennbare künstlerische Ästhetik schafft.

Madeleine Weber Studio Irland Madeleine Weber FotografieÜbrigens: Madeleine Webers Fotos könnt Ihr vor Ort in Irland in ihrem Studio am Skellig-Ring im Original anschauen. Die Fotografin präsentiert ihre Landschafts- und  Meeres-Aufnahmen täglich von 11 bis 17 Uhr als hochwertige Kunstdrucke in verschiedenen Größen. Die Ausstellungsräume liegen an der R567 in Emlaghdrinagh zwischen Waterville und Ballinskelligs am Wild Atlantic Way (Telefon: +353 (0)85 780 3273). Sie versendet ihre Fotos weltweit: www.madeleinemariaweber.com.

 

Madeleines Foto-Woche erscheint jede Woche hier auf Irlandnews.com. 

Slider by webdesign