Über Markus Bäuchle

Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus kann man in Irland wandern gehen: www.irland-wandern.de
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Buch-Tipp: Hugo Hamilton “Jede einzelne Minute”

Jede einzelne Minute von Hugo HamiltonDas Buch:  Hugo Hamilton, Jede einzelne Minute, erschienen bei Luchterhand im September 2014, € 18,99. Vorgestellt von Susanne Kardel. Das Buch gibt es hier.

Die irische Schriftstellerin Nuala O’Faolain („Ein alter Traum von Liebe“) erkrankte 2008 an Krebs. Eine das Leben verlängernde Chemotherapie lehnte sie ab. Was würden Sie tun, wenn Sie wüssten, dass Sie nur noch eine kurze Zeit zu leben hätten? Sie wusste es. Sie wollte eine Reise unternehmen, eine letzte Reise, zusammen mit ihrem deutsch-irischen Freund und Schriftstellerkollegen Hugo Hamilton („Der irische Freund“). Sie reisten zusammen im Mai 2008 für zwei Tage nach Berlin.

Sie wollte nach Berlin. Und ich begleitete sie. Das Reisen war ihr Lebenselixier, und sie wollte unbedingt noch ein letztes Mal wegfahren. Ganz egal wohin, sagte sie. Weg. Einfach weg. Wie wäre es mit Berlin?, schlug ich vor, und sie antwortete: Ja, warum nicht? Sie hatte oft mit Berlin geliebäugelt, die Reise aber immer wieder aufgeschoben, und nun befürchtete sie, es nie mehr dorthin zu schaffen. Ich finde es toll, wie man in Deutschland Kartoffeln zubereitet, sagte sie. Ich möchte das Pergamon-Museum sehen. Den Botanischen Garten. Und die Kirche, die man nach dem Krieg als Ruine stehen ließ.

Hugo Hamilton hat über diese Reise einen Roman geschrieben. „Jede einzelne Minute“ – erschienen im Herbst 2014 im Luchterhand-Verlag. Die Protagonisten: Ùna und Liam. Vielleicht brauchte er es, aus diesem Abstand heraus zu erzählen, was er selber erlebte. Für mich bleibt es jedoch mehr Biographie/Autobiographie als Roman. Die eigentlichen Hauptakteure – Nuala und Hugo – waren mir beim Lesen stets gegenwärtig. Es sind schlichte und doch so gewichtige Worte, die dieses Buch ausmachen, es fast kurz-weilig erscheinen lassen.

Dieses Mal ist es anders, sagte sie mehrmals während des Fluges von Dublin nach Berlin. Als die Stewardess ein Foto von uns machte, musste sie weinen. Sie lächelte und weinte gleichzeitig, und sie sagte: Dieses Mal ist es anders, Liam. Dieses Mal ist es anders. Vielleicht hatte sie Angst, so fotografiert zu werden. Denn das Foto hielt sie fest. Einerseits hielt es sie fest, andererseits ließ es sie stehen.

Eine Frau im warmen, schwarzen Mantel, einem grauen Cappy, das die kahle Kopfhaut bedeckt, an den Füßen rote Segeltuchschuhe mit weißer Sohle und weißen Schnürsenkeln, eine durchsichtige Plastiktasche mit Habseligkeiten auf dem Schoß. Im Rollstuhl sitzend – Ùna. Nuala? Ein deutlich jüngerer Mann, der den Rollstuhl schiebt, an ihrer Seite – Liam. Hugo?

Ihre Reiselust war ungebrochen, und die Reise nach Berlin gab ihr neuen Auftrieb. Sie war sozusagen ein Zugewinn an Zeit. Überzählige Zeit. Ja, ich sterbe, sagte sie, aber davon abgesehen geht es mir doch prima! Sie versuchte immer wieder, ihr Los mit Humor zu nehmen, bemühte sich, die Realität auszublenden. Verständlicherweise. Sie war voller Energie und wollte alles sehen. Alle Galerien. Alle Museen, alle Parks, alle Orte, die sie noch nicht kannte. Sie wollte mehr über die Geschichte erfahren, wollte wissen, wie sich die Stadt nach dem Fall der Mauer verändert hatte und wie sie jetzt aussah, in diesem Moment, lebendig, atmend und voller Erinnerung. Alles, was für mich noch möglich ist, sagte sie. Auf dem Briefpapier des Hotels hatte sie eine Liste geschrieben, einen Terminplan, wenn man so will.

Der Botanische Garten, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, die Berliner Mauer, das Pergamon-Museum, das Holocaust-Mahnmal, die Berliner Staatsoper, die Paris Bar, das Hotel Adlon – Schauplätze dieser Reise und doch erscheinen sie nebensächlich.

Vielmehr geht es ums Reden. Sie reden miteinander. Sie reden viel. Und sie schweigen miteinander. Schonungslos ehrlich, an manchen Stellen verbittert und doch lebensbejahend erzählen die Beiden einander ihre Geschichten. Szenen der Vergangenheit leuchten auf, die ihr Leben geprägt haben: ganz zentral der für Ùna unverarbeitete Tod ihres jüngeren Bruders Jimmy und immer wieder geht es um die schwierige Beziehung zu ihren Eltern. Liams zerbrechliche Geschichte seiner Ehe, seiner Vater-Tochter-Beziehung. Vielleicht nie Ausgesprochenes wird ausgesprochen, nie Gedachtes gedacht.

Demütig und voller Fürsorge begleitet Liam Ùna in diesen Tagen. Szenen, wie er im Taxi ihre Fußnägel schneidet, gemeinsam mit ihr einen Bettbezug aussucht für ihren letzten Schlaf oder sie völlig verzweifelt im Hotel sucht, nachdem sie sich verlaufen hat, ihr Hände und Füße reibt, um sie zu wärmen, berühren zutiefst. Man spürt eine tiefe Vertrautheit der Beiden, ein stilles Zugeneigt sein, unvergleichliche Freundschaft.

Es ist eine außergewöhnliche Reise, eine Abschiedsreise, still, aber voller Bewegung – innerlich und äußerlich. Zerbrechlichkeit und Tod vor Augen und doch jede einzelne Minute des noch verbleibenden Lebens aufsaugend.

Wir hätten die schönste Zeit unseres Lebens haben können, sagte sie, wenn wir gemeinsam um die Welt gereist wären, zigmal über den Äquator, zu den Galapagos-Inseln und dem Indischen Ozean, bis nach Sri Lanka und Tibet, in jeden Winkel der Welt, an fremde Orte, egal in welcher Reihenfolge. Ach, all die Menschen, denen wir begegnet wären, die überfüllten Züge, überall Koffer, Leute, die auf der Gepäckablage schlafen, bis nach Afrika, wo das Leben auf Erden seinen Anfang nahm, und Gott allein weiß, wohin wir von dort gereist wären, vielleicht bis ans Ende der Welt. Ja, ich hätte für Jimmy bis ans Ende der Welt gehen müssen.
Alles egal, Hauptsache, wir wären unterwegs gewesen, sagte sie. Alles egal, Hauptsache, wir wären gereist.

Wenige Tage nach ihrer Rückkehr aus Berlin verstarb Nuala O’Faolain.

 

Hugo Hamilton, Jede einzelne Minute, erschienen bei Luchterhand im September 2014, € 18,99. Vorgestellt von Susanne Kardel. Das Buch gibt es hier.

Demo in Dublin: Ein heißer Tag im irischen Winter

Irland im Sturm by Markus Bäuchle

Die Zeichen in Irland stehen auf Sturm

Ein kalter stürmischer Mittwochmorgen in Irland dürfte sich zu einem heißen Tag für das irische Polit-Establishment entwickeln. Vorgestern noch überstand Premier Enda Kenny im Parlament ein Misstrauensvotum, heute wird das Volk mit den Füßen über die Regierungspolitik abstimmen: Es ist der Tag ein weiteren Groß-Demonstration in Dublin gegen die landesweite Einführung von Wassergebühren.

Zwar hat die Fine-Gael-Labour-Regierung unter dem massiven Druck der Water-Tax-Gegner ihre politischen Ziele bis zur Unkenntlichkeit verwässert — doch den Leuten geht es nach 7 Jahren Austeritätspolitik, Abstrafung, Ausbeutung und Ausnutzung durch die eigenen Eliten lämgst nicht mehr um die Wassergebühren. Die aktuellen Umfragen zeigen: Es geht schlicht ums Ganze — zumindest für Irlands etablierte Parteien.

Die Regierungsparteien haben schlechte Werte wie nie zuvor und die Wähler vollziehen gerade einen für Irland bislang einmaligen Linksruck: Fast jeder dritte Ire würde heute eine linke oder lingsgerichtete Partei oder unabhängige Kandidaten wählen. Der Ruf nach einer neuen Partei ertönt laut wie nie zuvor —  die Monate der Regierung scheinen gezählt. Kein Wunder: Die Irinnen und Iren müssen seit Jahren wie niemand sonst in Europa für die Schulden der amerikanischen und europäischen Zocker-Banken geradestehen, sie haben  — aufgrund einer der Ex-Regierung von der EU im September 2008 abgerungenen totalen Bankbürgschaft — einen Großteil der europäischen Schuldenlast aus der Finanzkrise zu tragen.

Die Profiteure des irischen Trauerspiels findet man vor allem in in Banketagen und Unternehmeszentralen in Frankreich und Deutschland. Die Menschen auf der Insel fühlen sich deshalb von ihrer politischen Führung verraten und verkauft und fordern vehement wie selten zuvor einen Neuanfang. In Deutschland schlummern die vom materiellen Wohlstand eingelullten Bürgerinnen und Bürger derweil sanft weiter . . .

PS: Während das politische Klima Hitze im Winter bringt, sorgt das Wetter heute auch für einige Abwechslung: Ein schwerer Tornado auf dem Nordatlantik schickt seit gestern heftige Winde und Rekord-Wellen in Richtung der irischen Westküste. An der nördlichen Atlantikküste in den Counties Donegal, Mayo, Sligo und Clare werden heute an den Stränden Monsterwellen mit einer Höhe von weit über 20 Metern erwartet. Weil die Windgeschwindigkeiten aber voraussichtlich  nicht über 130 Stundenkilometer hinausgehen werden, muss nicht das Allerschlimmste befürchtet werden: Wetterwarnung orange!

Irlands Wetter: Hammer-Winter oder nur Stürme?

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Irlands Wetter: Reden auch wir davon: Heute wird es kalt, windig und nass in Irlands Südwesten. Willkommen im irischen Winter. Irischer Winter? Wie der angesichts des fortschreitenden Klimawandels in Zukunft aussehen soll, darüber streiten sich die Experten auf der Insel — und so wie in Deutschland jeder ein Bundestrainer oder zumindest ein Loddar Matthäus ist, so ist jeder Ire ein höchst qualifizierter Alltags-Meterologe. In dieser Vorweihnachtszeit jedenfalls schießen die Spekulationen über das bevorstehende Wetter besonders wild ins immer noch wuchernde Kraut (bis gerade eben war es sehr mild, was dazu führte, dass vorgestern noch die Rasenmäher dröhnten, um das wuchernde Gras zurückzustutzen). Die Rede ist von einem grausamen, immerhin trockenen aber bitter kalten Winter, wie ihn die Insel “seit 1000″, in seiner milderen Form “seit 100 Jahren” nicht gesehen hat.

Die Wetterpropheten aus Donegal, aus Kerry, Kealnine oder Neuseeland bemühen die Verlagerung des Jetstreams südwärts, die Farbe der Ilex-Beere, das Fell des Fuchses oder die Wetteraufzeichnungen der letzten Jahre, um sich “absolut sicher” zu sein: Uns steht ein Hammer-Winter bevor. Schlimmer noch als die kontinentalen Winter 2009 und 2010, die sich ohne jegliche Warnung mit wochenlangem Frost, mit Eis und Schnee über die Insel legten und das Leben hier weitgehend lahm legten. So rein vorsichtshalber haben wir deshalb die Wasserleitung doch einmal isoliert. Das Wasser aus dem Bach zu schöpfen, weil die Leitung eingefroren ist, war eine schöne Erfahrung wert, man muss sie aber nicht ständig wieder machen müssen (sollte der Jahrtausendwinter tatsächlich zuschlagen). Auch Schneeketten gibt es mittlerweile im Angebot lokaler Geschäfte — der Winter-Straßendienst bleibt allerdings in weiten Teilen des Landes eine unaussprechbare Vokabel und ein exotisches Ordnungskonzept.

Es gibt allerdings auch Widerrede: Unser Nachbar und Freizeit-Metereologe Stefan etwa hält streng dagegen und nennt die Mär vom bevorstehenden strengen Winter “Gerede”. Seine eigenen Wetterbeobachtungen der vergangenen 25 Jahre lassen ihn Gegenposition beziehen: Es wird, so Stefan, nicht sonderlich kalt werden. Dafür gibt es wieder viel Wind und Regen. Oha, wieder ein Winter wie den vergangenen, mit zwölf heftigen und zerstörerischen Stürmen? Hammer-Winter oder Hammer-Stürme also? Wir werden sehen.

Fakt ist: Die Tage sind nun kurz,  die Lichtspiele in den dunklen Nuancen hellgrau bis anthrazit betören. Die Wahrheit über das Winterwetter 2014/15 werden wir erfahren. Bald. Sehr bald.

Irland Winter

 

Fotos: Roaringwater Bay im Dezember 2014 / © Markus Baeuchle / Wanderlust

 

Warum die Iren ständig über das Wetter reden

Wetterfahne Cork IrlandDas Wetter bestimmt nicht nur das ländliche Leben in Irland, es dominiert auch die täglichen Gespräche, den Smalltalk. Die eher rhetorische Gruß-Frage: “Wie geht es?” (How are you?”), wird meist kurz beantwortet mit “Good” oder “Not too bad” und dann mit einem Kommentar zum Wetter gekontert: “Nice morning”. Der Konter widerum wird erwidert mit einer Bestätigung des Wetterkommentars, etwa mit “Glorious morning”. Danach wird dann das Wetter im Detail diskutiert, und so geht das eine ganze Weile hin und her, bis man endlich zur Sache kommt.

Warum eigentlich reden die Iren so gerne, so oft, so leidenschaftlich und ständig über das Wetter?
Weil das Wetter in Irland so vielfältig ist (“Vier Jahreszeiten an einem Tag”), dass ihnen nie der Gesprächsstoff ausgeht.
Weil Menschen in einer (post-)agrarischen Gesellschaft immer noch stark vom Wetter abhängig sind (oder glauben, vom Wetter abhängig zu sein.)
Weil das Wetter so selten den eigenen Erwartungen entspricht.
Weil es ein so herrlich unverfängliches Thema ist, über das sie sich sogar streiten können, ohne in Streit zu geraten.
Weil sie dann nicht über die neuesten Untaten des Pfarrers reden müssen.
Weil es kein besseres Thema für eine formale und unverdächtige Unterhaltung gibt.
Weil sich der nächste Pub-Besuch mit einem Hinweis auf das Wetter bestens rechtfertigen lässt (“Im Pub ist das Wetter immer dasselbe”).

Your man Andrew O’Shea, the Shopkeeper, sagt dazu: “Because the weather always had such an impact on our lives in rural Ireland”.

Oder warum sonst?

 

 

Edit 1: 21. Juli 2011

Irland, Hochburg der Marienverehrer

Maria Muttergottes Irland

Oh Mary Help Me: Grotto bei Skibbereen. Zum Vergrößern aufs Bild klicken

Irland, Hochburg der Marienverehrer. Das steht die heilige Muttergottes vor ihrer Grotte und strahlt. Gewandet in den Farben der Unschuld, weiß und blau — immaculate, sagen die Iren —  mit einem Lichtkranz gekrönt. Manche meinen, Maria, die Mutter Jesu, sei wirkungsmächtiger als Sohn und Vater zusammen, weil die Irdische, die Reine und Unbefleckte, nicht entrückt sei sondern dem Menschen tröstlich nah und so viel näher als die Götter. Und so rangiert sie ganz inoffizell auch im Rang einer Göttin.

Irland jedenfalls hat sich als Hochburg der Marienverehrung bewiesen, als Papst Pius XII im Jahr 1953/54 das erste Marianische Jahr zur Würdigung des 100 Jahre bestehenden Dogmas der Unbefleckten Empfängnis verkündete. Der Papa in Rom rief die Katholische Welt dazu auf, überall Orte der Marienverehrung zu schaffen — und ähnlich wie die Bayern, nur noch viel emsiger, gingen die Marien-Fans im hoch-katholischen Irland zu Werke. Sie schufen entlang der Straßen tausende Schreine und Grotten für die verehrte Muttergottes. Mal bekam sie eine Neonröhre als Heiligenschein verpasst, mal einen Heiligenschein aus Sternen — zumeist aber muss sie mit gelegentlichem Kerzenschein auskommen.

In  der christlichen Figur der Maria sehen wir den Kult der alten heidnischen Göttinnen fortbestehen. Maria ist die keltische Göttin Anu, sie ist Istar, sie ist Isis, sie ist die Magna Mater Kybele, sie ist Artemis, Diana und Athene.

Foto: Markus Bäuchle. Das Foto wurde Ende Oktober in der Abenddämmerung bei Lissard, Co. Cork aufgenommen.

Zwischen Abschied und Rückkehr das Warten

Irland MeerDie Frau des Fischers, des Seefahrers, die Wartende von Rosses Point: Ihr Leben war dem Rhythmus von Abschied und Rückkehr unterworfen — dazwischen das Warten,  das sich zum endlos langen Sehnen in quälender Ungewissheit dehnen konnte und das nicht immer von der Rückkehr abgelöst wurde, und immer wieder von Ungewissheit und Trauer. Nicht immer brachte der Tag an der Küste am Ende Erlösung. Die Skulptur der Wartenden von Rosses Point in der Sligo Bay erinnert seit dem Sommer 2002 an all die Fischer und Seefahrer, die vom Atlantik nicht nach Hause zurück kehrten. Und an ihre Frauen, die in der Küche, im Feld, im Stall oder am Strand voller Unruhe, Sorge und Sehnsucht warteten.

Wie eigentlich lernt man Warten? Vermutlich nur durch Warten.

Meer Irland

 

Fotos: Markus Bäuchle / Eliane Zimmermann / Wanderlust

Wagt das irische Volk die offene Revolte?

Irish IndependentDer Sunday Independent titelt heute morgen: “Offene Revolte”. Ist die Geduld der Irinnen und Iren mit ihren Regierungen und den groben Zumutungen der vergangenen Jahre doch nicht unendlich? Braut sich hier eine Revolte zusammen, die im Systemkollaps enden könnte? Gestern gingen bei 93 Demonstrationen im Land über 150.000 Menschen auf die Straßen, um gegen die Politik der Regierung zu protestieren. Das ist in der jüngeren Geschichte des Landes ohne Beispiel. Offiziell geht es um die umstrittene Einführung von Wassergebühren, und drei von fünf Iren weigern sich bislang beharrlich, diese Gebühren zu bezahlen. Die Einführung der Water-Tax allerdings ist nur ein finales Symbol für die gegen die eigenen Bürger gerichtete Regierungs-Politik der vergangenen sieben Jahre.

Wie kein anderes Volk in West- und Mitteleuropa mussten die Menschen auf der Insel für die dreckigen Geschäfte ihrer Banken bluten und die Zeche bitter bezahlen: Jahrelang jagten sich drastische Kürzungen von staatlichen Leistungen und die Erhöung alter sowie die Einführung neuer Steuern und Abgaben und katapultierten viele irische Haushalte zurück in die Armut. Ausgerechnet bei den in allen Ländern Europas längst üblichen Wassergebühren ist jetzt Schluss — dies allerdings auch, weil die Regierung es zuließ, dass sich mit dem neuen nationalen Wasser-Versorger “Irish Water” flugs ein weiterer sagenhafter Selbstbedienungsladen für Manager etablierte, der den Nachweis guter Arbeit bislang völlig schuldig blieb. “Wir haben die Schnauze voll, dass wir immer weniger zum Leben haben und sich diese Herrschaften in Dublin das Geld wieder bündelweise in die eigenen Taschen stopfen”, wettert etwa unser Nachbar John.

Die Stimmung im Land passt so gar nicht zu der Erfolgs-Story Irland, die seit langem europaweit erzählt wird, um die Euro-Krise klein zu reden. Denn die Stimmung ist mies. Ganz offensichtlich wollen die Iren ein völlig neues politisches System, eine neue Partei und einen glaubwürdigen Neuanfang. Die Unterstützung für die nicht-atablierten Kräfte wächst sprunghaft, unabhängige Kandidaten dominierten die Wahlen der vergangenen Monate. Das explosive politische Klima im Land belegt auch die aktuelle Großumfrage von Millward Brown, die heute morgen veröffentlicht wurde: Demnach ist die politisch nicht gerade zuverlässige Sinn Fein, eine Partei mit vielen Verstrickungen, mit aktuellen Skandalen und einer aufgrund der Nähe zur IRA ungeklärten Vergangenheit,  nun die meist unterstütze politische Partei in der Republik: Sinn Fein würden aktuell 26 Prozent der Iren wählen. Die beiden Regierungsparteien Fine Gael und Labour sind indes auf 22 und sieben Prozent abgestürzt. Und die jahrzehntelange Regierungspartei Fianna Fail profitiert kein bisschen von der poilitischen Krise, stagniert bei 20 Prozent: Die Iren haben offensichtlich doch nicht vergessen, dass die korrupte Fianna Fail-Regierung Bertie Aherns das Land bereitwillig in die tiefe Krise gestürzt hat. So stehen nun alle drei Führer der etablierten politischen Parteien (und aus anderen Gründen auch der Chef von Sinn Fein) unter massivem Druck — und die Tage der Fine-Gael-Labour-Regierung scheinen gezählt.

Alarmierend sind vor allem diese aktuellen Umfrage.Ergebnisse: Nur noch 29 Prozent der Iren haben Vertrauen in das aktuelle Parteiensystem. Sogar 47 Prozent der Wahlberechtigten fordern die Gründung einer neuen Partei. Die Irinnen und Iren sind zwar Weltmeister im folgenlosen Ankündigen ( “Wir bezahlen die Haussteuer nicht. Gleich. Aber dann doch.”), doch es verdichten sich gerade die Anzeichen,  dass auch die eher sanftmütigen Menschen auf der Insel nun endgültig genug haben von der Ungerechtigkeit der von der EU gelenkten Regierungs-Politik. Gefordert wird ein radikaler Wechsel. Irland quo vadis?

Mehr zum Thema: Irish Independent

Die Friedhöfe der ungetauften Kinder Irlands

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Chillín in Dukinella, Achill Island

René Böll verbrachte seit Mitte der 50-er Jahre mit seiner Familie viele Sommerferien auf Achill Island im County Mayo in Irlands Westen. Er war selber noch Kind, als er hoch auf den Kliffen von Dookinella nur mit Feldsteinen markierte Orte und ihre verborgene Bedeutung entdeckte: Cillíní, die Grabfelder der ungetauften Kinder Achills. Wie vielerorts in Irland begruben auch die Menschen von Achill Island ihre ungetauften toten Kinder abseits der Friedhöfe in ungeweihtem Boden. Nach herrschender Kirchenlehre waren die ungetauften Seelen nicht von der Erbsünde befreit und konnten deshalb nicht in den Himmel kommen. Das Paradies  blieb ihnen verwehrt. Ihnen war von den Kirchenlehrern eine Existenz im Limbus, einer Art Vorhölle, vorgeschrieben — und die kleinen Körper wurden heimlich und ohne Ritual. meist nachts, an Orten abseits der geweihten Friedhöfe begraben.

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von deinem curragh aus

wenn du makrelen fischst

siehst du mein grab

Es gibt über 1200 heute noch bekannte Cillíní (das irische Wort bedeutet kleine Kirche oder kleiner Kirchhof) in Irland und mutmaßlich noch einmal so viele in Vergessenheit geratene Orte, an denen neben den ungetauften Kindern meist auch Fremde, Mörder und Selbstmörder namenlos und ohne Stein oder Kreuz begraben wurden. Die Tradition der getrennten Bestattung stammt wohl aus vorchristlicher Zeit und wurde in Irland auf Geheiß des katholischen Klerus bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts praktiziert.

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etwas besseres als den tod

fand ich nicht

bei meinem besuch auf dieser erde

Die irischen Cillíní waren einerseits geheime Orte, über die man nicht sprach — andererseits waren die Orte, an denen die Kinderfriedhöfe vor allem ab dem 17. Jahrhundert entstanden, mit Bedacht ausgewählt. Sie liegen oft an landschaftlich besonderen Orten wie auf den Höhen von Klippen,  oft auch an einstmals heiligen oder wichtigen Orten mit Kirchenruinen oder vor-christlichen Monumenten wie Steinkreisen und Steinreihen — aber auch im Abseits, fern der täglichen Wege, “im Niemandsland zwischen zwei Dörfern” (René Böll) oder gar im Zentrum eines Feenhügels.

Bis in die heutigen Tage sind diese Orte der ungetauften Kinder Irlands mit einem kollektiven Tabu belegt — und doch drückt sich schon in der bewussten Wahl des Ortes ein Motiv des erinnern Wollens aus, und doch gibt es heute, da die Kirchenlehre vom Limbus, dem Ort zwischen Himmel und Hölle, langsam einer Betrachtung gewichen ist, die der unschuldigen und doch unerlösten Kinderseele auch von Kirchenseite Hoffnung auf Rettung (!) macht. Vielerorts in Irland bemühen sich Menschen heute erfolgreich, die Erinnerung an die ungetauften Kinder Irlands zurück ins kollektive Bewusstsein zu holen, die Scham der eigenen Tradition zu überwinden und den offiziellen Segen der Kirche für die Orte der Ausgrenzung einzufordern.

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leben konntest du nicht

mein kind ohne namen

es blieb ein stein nur am meer

Der Maler René Böll fühlte sich von den Cillíní auf Achill Island seit seiner Kindheit angezogen. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich nun “mit älteren Augen” intensiv mit den Kinderfriedhöfen, den Orten und deren Bedeutung. Er suchte, identifizierte, fotografierte und dokumentierte auf Achill bislang über 20 geheime Friedhöfe — viele fand er mit Hilfe von Einheimischen, die noch um die Orte wussten und bereit waren, dieses Wissen zu teilen. Die Beschäftigung mit den Cillíní mündete in einem künstlerischen Projekt, mit dem René Böll dazu beitragen will, die vergessenen Kinder Irlands in die Erinnerung zurück zu holen und ihnen erstmals einen Teil ihrer verweigerten gesellschaftlich-kulturellen Identität zu schenken. Der Maler versteht seine meditativ-spirituelle Arbeit als “Spurensuche”, als Versuch, sich dem “einem rein optischen Sehen Verborgenen, Nicht-Existenzen anzunähern”. Böll malt in der ihm eigenen klassischen Technik mit besonderen Pigmenten und Malmaterialien. Die Ergebnisse  des Projekts Cillíní  sind jetzt in einer Ausstellung im LVR-Landesmuseum Bonn zu sehen.

René Böll hat mir freundlichweise den Katalog zur Ausstellung hier nach Irland geschickt und die Betrachtung von Digital-Kopien seiner Cillíní-Gemälde ermöglicht. Gerne würde ich — auch weil mich die Geschichte und Bedeutung der geheimen Begräbnis-Orte der vergessenen Kinder Irlands seit langem beschäftigt — die Originale betrachten. Fürs Erste nuss ich mich auf die Frage an Euch beschränken: Wer von Euch im Raum Köln-Bonn möchte die Ausstellung eimal besuchen und uns hier auf Irlandnews.com seine Eindrücke schildern? Eine Email an markus@irlandnews.com ist erwünscht. Hier die Details zur Ausstellung:

In der Ausstellung „Cillíní – Die Friedhöfe der ungetauften Kinder Irlands auf Achill Island“ im LVR-LandesMuseum präsentiert René Böll seine Bildkompositionen und die begleitenden dokumentarischen Fotografien der Orte und Landschaften, nicht im Kontext einer klassischen gehängten Raumpräsentation, sondern baut einen eigenen malerischen Landschaftsraum in die Ausstellung, die der Betrachter wie ein dreidimensionales Bild gleichsam umschreiten, betreten oder auch als reale Landschaftsgestaltung wahrnehmen kann. Das LVR-LandesMuseum Bonn stellt die Werke vom 2. Oktober 2014 bis zum 4. Januar 2015 aus. Der Begleitkatalog zur Ausstellung erscheint im Eigenverlag des Künstlers und kostet während der Ausstellung 14,90 Euro.

Informationen über Leben und Arbeiten von René Böll gibt es hier: www.rene-boell.de. Die jeweils drei-zeiligen Texte in der Tradition des Haiku stammen ebenfalls von  Böll und sollen die visuelle Annäherung in der Dimension der Sprache übersetzen und weiterführen.

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unter einem grauen stein

liegst du, kleiner mensch

achtlos der wanderer

Alle Bilder: © René Böll

 

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