Über Markus Bäuchle

Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus kann man in Irland wandern gehen: www.irland-wandern.de
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Irischer Sonntag: Sharon Shannon auf dem Dorf

Sharon Shannon Live in Cluin

Sharon Shannon Live in Cluin

Irischer Sontag & Sharon Shannon. Noch etwas müde vom Community-Abend in Cluin. Die Cahermore National School in der Gemeinde Allihies hatte zum Fundraiser geladen. In der nasskalten Samstagnacht, einer dirty old Saturday night, gab es in der Gemeindehalle von Cluin Spaß, Drink, eine typisch irische Tombola und — einen Weltstar: Sharon Shannon. Die Musikerin aus Corofin, County Clare, auch bekannt als Galway Girl, war mit Alan Connor an die Spitze der Beara Peninsula („heaven on earth“) gekommen, um die Benefiz-Veranstaltung für die Grundschule mit dem besten Ausblick in Irland zu unterstützen (Die Schüler sehen vom Klassenzimmer direkt auf den weiten Atlantik — was sie wohl deutlich weniger beeindruckt als uns . . . ).

Sharon Shannon

Sharon Shannon und Alan Connor unterm pinkfarbenen Show-Himmel zwischen Ladies und Gents

Das gibt es wohl nur in Irland: Top-Stars sind sich nicht zu schade, auch auf dem Land zu spielen, in Pubs, Gemeindehallen, Zelten. Die 47jährige Sharon Shannon ist eine Virtuosin auf der Box, dem irischen Knopf-Akkordeon, sie beherrscht zudem die Geige und die Flöte wie nur wenige auf der Insel. Sharon steht für die traditionelle irische Musik, die sie in moderner und aktuell gängiger Verpackung präsentiert. Das gelingt ihr besonders gut im Duett mit dem jungen Keyboarder und Gitarristen Alan Connor, der mit Händen und Füßen spielt und wie ein alter Straßenmusiker mit vollem Körpereinsatz und Loop-Pedal eine ganze Band ersetzt.

Vollversammlung: Die Cluin Community Hall

Vollversammlung: Die Cluin Community Hall

Der einstige Bergwerksort Cluin war bis ins frühe 20. Jahrhundert eine lebhafte Gemeinde mit über 3000 Einwohnern. In der Zeit, als die Kupferminen oben im Berg noch arbeiteten, wohnten vor allem Bergarbeiter aus Wales im Ort. Der Bergwerkbetrieb wurde 1912 eingestellt, als der Kupferpreis auf den Weltmärkten stark nachgab, und die Karawane zog weiter.  Seitdem ist Cluin, der von Besuchern gerne mit dem Namen der Gesamtgemeinde Allihies gleichgesetzt wird, ein beschauliches Dörfchen mit vielleicht 200 Einwohnern. Es lebt vor allem vom Tourismus, von Landwirtschaft, einigen Pendler-Jobs, dem Geld von Zugezogenen und von staatlicher Unterstützung.

Ecki Krupp Allihies

Ecki Krupp und die jungen Musiker der Cahermore NS

Die Cahermore National School wiederum, 1979 gebaut als Grndschule für die Gemeinden Cluin, Cahermore und Lehanmore, kämpft seit Jahren erfolgreich ums Überleben. Die Schülerzahlen sind unter die Zahl 50 gesunken, und das Geld ist immer knapp. Doch wie man auch am Samstagabend sah: Die Gemeinde weiß sich zu helfen, und sie engagiert sich für ihre Schule. Jeder weiß: Wenn erst einmal die Schule schließt, dann ist es vorbei mit dem Gemeindeleben, dann bröckelen die Bevökerungszahlen weiter, und andere Einrichtungen wie Shop, Pub, Post und Kirche folgen. Also packt man kräftig an.

Paudy O`Sullivan. Principal

Gruppen Foto mit Musikern, Schülern, Schulleiter Paudy und Lehrerinnen

Sharon Shannon und Alan Connor haben einigen hundert Leuten in der Community Hall von Cluin richtig eingeheizt, und das sind meine Eindrücke von einem wundervollen Abend in der irischen Gemeinde, die am weitesten von der Hauptstadt Dublin entfernt ist: 394 Kilometer:

  • Sharon Shannon GeigeSharon Shannons virtuoses Akkordeon-Spiel sucht in Irland seinesgleichen. Die unprätentiöse Akkordeonistin und  Multi-Instrumentalist Partner Alan Conor spielen in Cluin unter pinkfarbenem Tüll zwischen „Ladies“ und „Gents“ einen fabelhaften Gig.
  • Sie reißen die immer ein wenig zurückhaltenden Leute aus West Cork von den Sitzen. Zum Tanzen bringen sie sie nicht. Sharon versucht es wiederholt, die Leute zum Mittanzen zu bewegen, doch das ländliche Irland scheint das Tanzen verlernt zu haben. Nix mehr mit Irish Dancing. Nur die Kinder des Dorfes lassen sich von der Musik vollends faszinieren und setzen Begeisterung in Tanzbewegung um (und ich selber bin leider auch Sing- und Tanzmuffel . . . ).
  • Zwölf Schüler der Cahermore NS spielen und singen unter der Leitung ihres Musiklehrers im Vorprogramm irische Traditionals. Die muskalische Tradition des Landes pflegt übrigens nicht etwa ein Ire: Der deutsche Musiker Ecki Krupp bringt den Kindern von Allihies das Musizieren bei, spielt mit ihnen Jigs und Reels und führ sie ein in die Welt der Traditional Irish Music. Die gilt nicht allen Iren viel in diesen Jahren, und so muss eben der Blow-in ran. Ecki Krupp, mittlerweile 53 Jahre alter Spross einer Kölner Kohlenhändler-Dynastie, kam nach einem kurzen Abenteuer als Kneipenwirt („Durst“ in der Kölner Weidengasse) Mitte der 90-er Jahre nach Irland und ist immer noch hier. Er hat Familie und lebt von der Musik. So paradox es klingt: Die Iren können froh sein, ihn zu haben, denn sie selber geben ihre kulturellen Traditionen derzeit allzu leicht preis. (Anders gesehen: Was stellen wir Deutschen und Schweizer mit unserer eigenen Volksmusik und unserem Volkstanz an? Mögen wir ihn? . . . )

Die Cahermore-Schule sammelt an diesem Abend alleine mit der Tombola 1260 Euro ein, und das Publikum freut sich über schöne Preise: die üblichen Geschenkkörbe, Hochprozentiges, Heizöl-Gutschein und Bargeld, aber auch Tickets für klasse Konzerte in Cork und Dublin.
Am Ende versammeln sich Schulleiter Paudy O`Sullivan, die Lehrer, die Musiker und einige Schüler zum Gruppen-Foto unter dem pinkfarbenen Show-Himmel. Klick. Gut. Schön wars. Die Schule lebt, die Gemeinde lebt, und die Traditional Irish Music auch. Irgendwie.

In diesem Sinne einen schönen Sonntag. Der Wanderer

Alle Fotos: Markus Bäuchle / Wanderlust

PS: Hier ein Video „Sharon Shannon und Alan Connor live“ :

Zwergen-Schatten: Wenn die Sonne tief steht …

Sonnenuntergang bei Allihies, County Cork. Von Patrick Steinbach.

Sonnenuntergang bei Allihies, County Cork. Von Patrick Steinbach.

Irland, Land des Lichts. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Was empfinden und denken wir beim Anblick der untergehenden Sonne? Ich denke gerne an meinen Freund Hanjo Seißler und an dessen Lieblingsspruch: Wenn die Sonne tief steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten. So setzt der alte Ketzer die Sonne in Beziehung zu einem unliebsamen Chef oder einem schwer erträglichen Kollegen und leuchtet diesen auf befriedigendste Weise spöttisch grell aus.

Karikatur: Timo Essner

Der Spruch, der gerne auf Politiker von der Gestalt eines Oskar Lafontaine gemünzt wurde, ist übrigens die verkürzte Version eines Bonmots des Wiener Satirikers Karl Kraus und lautet korrekt: Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen auch Zwerge lange Schatten. Da denkt man fast automatisch an Pegida, AfD, etc. Doch halt: An dieser Stelle wollen wir auch heute lediglich die intensiven Farben des irischen Sonnenuntergangs feiern . . .

Weiter geht es auf  Irlandnews.com mit den besten Irland-Sonnenuntergängen unserer Leser. Danke an alle, die schon mitgemacht haben. Es gibt ein gutes Irland-Buch zu gewinnen (siehe unten). Wir zeigen  Aufnahmen von zwei Fotografierenden: Patrick Steinbach, deutsch-irischer Musiker und Irish-Folk-Spezialist in Neu-Isenburg (www.patrick-steinbach.de) schickte uns eine Aufnahme von der Beara Peninsula (oben). Patrick schreibt dazu:

„Dieses Bild entstand am frühen Abend als ich auf der Beara Halbinsel in der Nähe von Allihies oberhalb der Coppermines spazieren ging. Die tolle orangefarbene Stimmung war in echt gar nicht zu sehen. Es war eher wunderbarer, wolkenloser, blauer Himmel mit einer angenehmen Brise. Aber wenn man – entgegen der fotografischen Empfehlung – die Kamera direkt in eine Lichtquelle hält, entstehen manchmal diese Falschfarbenbilder. Beim Anschauen meiner Urlaubfotos fiel ich also gehörig von den Socken und freute mich umso mehr über die Dinge, die wir auf den ersten Blick überhaupt nicht wahrnehmen.“

Mond über Doolin. Von Kristin Schickel.

Mond über Doolin. Von Kristin Schickel.

Mit unserem Wettbewerbs-Thema nicht so genau nahm es die Irlandreisende Kristin Schickel aus Leipzig. Sie schickte uns ein Foto zum Thema „Der Mond ist aufgegangen“, aufgenommen im Mai 2013 im Himmel über Doolin im County Clare. Witzige Idee, deshalb zeigen wir es in der Kategorie „Außer Konkurrenz“.

 Letzte Gelegenheit zum Mitmachen: Wer hat ein Foto von einem schönen irischen Sonnenuntergang und will ihn hier auf www.irlandnews.com zeigen? Der Einsender des besten Sunset-Shots erhält mein aktuelles Buch Irland. Ein Länderporträt. Wir sammeln Einsendungen noch bis zum 5. Februar. Bitte Foto per Email an Markus (markus@irlandnews.com) senden, Namen und eigenen Wohnort nennen und natürlich den Ort und das Datum, an dem der Sonnenuntergang aufgenommen wurde.

In den kommenden Tagen gehts hier munter weiter mit Irlands besten Sonnenuntergängen. Warum uns Menschen Sonnenuntergänge so faszinieren, könnt ihr hier nachlesen: Irische Sonnenuntergänge

 

Ein schöner Platz für den Rest der Ewigkeit

Friedhof Irland

Kilmakilloge Graveyard, Irland, County Cork

Ein Platz für die Ewigkeit. Habt Ihr einen wichtigen Rat von den Eltern auf den Weg mit bekommen, der Euch ein Leben lang begleitet? Einer alten Freundin riet deren Mutter einst, sie solle sich immer einen Wohnsitz mit einem guten und weiten Ausblick wählen. Das sei wichtig für die Wahrnehmung und den eigenen Horizont. Die Freundin hat es beherzigt und ich erinnere mich an die Geschichte, weil auch ich den Blick aus dem Haus für wichtiger halte als den Blick ins Haus. Ich genieße die Aussicht von Schreibtisch aufs Meer. Ich liebe den Blick aus dem Fenster ins Grüne, auf den Wald, das Wasser. Ich mag es auch, auf Berggipfeln zu stehen, um den weiten Blick in alle Richtungen zu genießen.  Und ich stelle mir vor, dass die Toten auf dem irischen Friedhof von Kilcatherine oder dem von Castlehaven oder dem von Kilmakilloge, ein besonders schönes Fleckchen für den Rest der Ewigkeit „bewohnen.“ Weil sie den Blick aufs Meer haben, hätten . . .

Dass Tote den ewigen Blick auf das Meer genießen, scheint ein etwas irrationaler Gedanke, und doch wird er seit vielen Menschengenerationen so oder ähnlich gedacht. Robert Macfarlane hat darauf hingewiesen, dass es einen engen Zusammenhang zwischen der wilden Natur, dem Totsein, dem Toten und dem Ausblick gibt. Hier eine Passage aus seinem lesenswerten Buch Karte der Wildnis, in dem Macfarlane sprachgewaltig die Suche nach den letzten unberührten Flecken Natur in Großbritannien und Irland beschreibt:

Das Wilde und das Tote waren lange Zeit eng miteinander verwoben. Auch wenn wir es heute gewohnt sind, unsere Toten ordnungsgemäß in geweihter Erde zu bestatten – Reihen um Reihen von Grabsteinen -, ist dies nicht immer so gewesen. Oft war die Wildnis der Ort, an den die Toten zurückkehrten, wo sie in die Erde glitten wie in Wasser.

Am 18. April 1430 wurde John Reve, ein Handschuhmacher aus dem Dorf Beccles in Suffolk, zum Bischofspalast in Norwich beordert, um Rechenschaft über seinen Irrglauben abzulegen, da er es für richtig hielt, die Toten in der Wildnis zu begraben. Reves Verteidigungsrede ist überliefert. „Ich denke, glaube und bekräftige“, lautete seine mutige Erklärung vor dem Tribunal, „dass es ein ebensolcher Verdienst, Lohn und Gewinn für jeden Christenmenschen ist, auf Misthaufen, Wiesen und in der freien Natur bestattet zu werden, wie in Kirchen und Kirchhöfen.“

Irischer Friedhof

Castlehaven Graveyard, Irland, County Cork

Reves bewegender Glaube an die Richtigkeit des Begräbnisses in freier Natur würde später noch oftmals aufgegriffen, inner- und außerhalb der christlichen Tradition. Im 17. Jahrhundert begruben die Quäker ihre Toten als Zeichen des Protests auf Obstwiesen und in Gärten, während der Marquis de Sade in seinem Testament verfügte, sein Leichnam möge von einem Holzhändler aus seiner Gegend auf einen Wagen geladen, in ein Waldstück seiner Ländereien gebracht und dort in ein frisch ausgehobenes Grab gelegt werden. „Sobald das Grab zugeschaufelt ist“, forderte er, „sollen Eicheln darüber gesät werden, damit neue Bäume die Stelle bewachsen und das Gehölz wieder so dicht sein wird wie vordem und die Spur meiner Grabstätte von der Erdoberfläche verschwindet.“  . . .

Ein irischer Freund erzählte mir einmal, wie seine Tante die ganze Familie aufgebracht hatte. Eines Sommers, als alle außer Haus waren, war ein Verkäufer zu ihr an die Tür gekommen. Sie ließ in herein, hörte ihm zu und kaufte sein Produkt: eine Grabstelle. Die Familie meinte, dass sie sich hatte neppen lassen, und wollte, dass sie ihr Geld zurückverlangte. Aber sie dachte gar nicht daran. Die Grabstelle liege ganz oben auf einer Klippe, sagte sie, in seltener Lage, und zeigte den Ort auf der Landkarte. Von dort konnte man weit über den Atlantik schauen. Ein schöner Platz für den Rest der Ewigkeit, sagte sie.

Viele wilde Landstriche in Großbritannien und Irland wimmeln von gekennzeichneten wie ungekennzeichneten Gräbern. Viele alte Bestattungsplätze befinden sich in Sichtweite eines Flusses oder auf Uferklippen und Felsvorsprüngen mit Blick auf das Meer. . .

. . . Bei einer Wanderung zwischen den alten Gräbern des Burren überkommt einen ein unerklärlich erhebendes Gefühl. Hier, so denkt man, finden Glaubensvorstellungen Ausdruck, von denen man möglicherweise etwas lernen kann. Eine gewisse Orientierung vielleicht, oder eine Verbindung. Das Hochgefühl, das man verspürt, hat mit der arglosen Behauptung dieser Grabstätten zu tun, ihrer unerschrockenen Vorstellung einer Kontinuität zwischen Leben, Tod und Ort. Und mit der einfachen Tatsache, dass so viele Menschen in so vielen Zeiten für einen guten Ausblick ihrer Toten über die Gegend sorgten.

Wahrscheinlich ist die Vorstellung vom schönen Plätzchen mit Ausblick für die Ewigkeit eher ein Trost für die Lebenden als ein Stück Totseinqualität für die Verblichenen . . .

Karte der Wildnis

 

Aus: Robert Macfarlane: Karte der Wildnis (Berlin, 2015)

Die Sonne verabschiedet sich in Kerry

Schwarzweiß-Wetter in Irland

Schwarzweiß-Wetter in Irland

Irland, Land des Lichts. Licht muss nicht immer farbenfroh sein. Auch Tage wie gestern und vorgestern, ganz in Schwarz-weiß, gibt es und sie haben ihren ganz eigenen Reiz. Das Foto entstand am Sonntagnachmittag am Snave Beach in der Bantry Bay, es ist nicht bearbeitet, nicht auf schwarz-weiß getrimmt. Es war ein reizender farbloser Nachmittag in West Cork. An dieser Stelle aber wollen wir auch heute wieder die intensiven Farben des irischen Sonnenuntergangs feiern . . .

Irland Sonne

Sonnenuntergang über dem Atlantik am Ring of Kerry. Von Carolin Ströbele

Weiter geht es auf  mit den besten Irland-Sonnenuntergängen unserer Leser. Danke an alle, die schon mitgemacht haben. Es gibt ein gutes Irland-Buch zu gewinnen (siehe unten). Wir zeigen heute zwei Aufnahmen von Carolin Ströbele aus Ehingen an der Donau. Sie hat die untergehende Sonne im September vergangenen Jahres im westlichsten Zipfel von Kerry fotografiert — einmal mit Blick auf die Skelligs. Danke, Carolin!

Sunset in Kerry. Von Carolin Ströbele

Sunset in Kerry. Von Carolin Ströbele

Mitmachen und gewinnen: Wer hat ein Foto von einem schönen irischen Sonnenuntergang und will ihn hier auf www.irlandnews.com zeigen? Der Einsender des besten Sunset-Shots erhält mein aktuelles Buch Irland. Ein Länderporträt. Wir sammeln Einsendungen bis zum 5. Februar. Bitte Foto per Email an Markus (markus@irlandnews.com) senden, Namen und eigenen Wohnort nennen und natürlich den Ort und das Datum, an dem der Sonnenuntergang aufgenommen wurde.

In den kommenden Tagen gehts hier munter weiter mit Irlands besten Sonnenuntergängen. Warum uns Menschen Sonnenuntergänge so faszinieren, könnt ihr hier nachlesen: Irische Sonnenuntergänge

(Foto oben: Markus Bäuchle)

Irischer Sonntag: Imbolc, Frühling mit Henry

Das Vogel-Thermometer

Das Vogel-Thermometer

Irischer Sonntag. 31. Januar. Der Januar ist also schon wieder vorbei. Heute morgen bin ich zu Vogelgezwitscher der fröhlichen Art aufgewacht und habe mit mir selber gewettet, ob man an der Zwitscher-Klangkulisse auf die Außentemperatur schließen kann. Der frühlingshaft anmutende Vogel-Chat fühlte sich nach 11 Grad an. Der Blick aufs Thermometer verriet: Man kann. 11,8 Grad. Zumindest ungefähr kann man mit einiger Erfahrung von den Tierlauten auf die Klima-Verhältnisse schließen. Probiert´s mal . . .

Sind wir nicht völlig widersprüchliche Wesen? Die Natur tief erspüren und dann mal eben zur Kontrolle auf dem iPhone die Daten der digitalen Wetterstation im Garten abrufen . . . Ich hatte mir fest vorgenommen, bei der Digitalisierung des Hauses im Sinne einer Totalverweigerung überhaupt nicht mitzumachen, weder Kühlschrank, noch Licht, noch Pool-Beheizung  oder Garagentor ans Internet zu hängen. Das fällt uns ziemlich leicht, weil wir weder Pool noch Garage besitzen, und in den Kühlschrank lassen wir uns auch nicht von der ganzen Welt schauen.

netatmo

Das Internet-Thermometer

Meine Technik-Faszination scheint dennoch ungebrochen und punktete mit einer klassischen Selbstüberlistung bei der Anschaffung der neuen Wetterstation. Die alte Außenstation (von Äldi, zehn Jahre ganz zuverlässig) zeigte mitten in der Winternacht stur 30 Grad plus und ließ sich nicht mehr davon abbringen. Jetzt checken wir – rein beruflich natürlich – neben Außen- und Innentemperatur, Luftdruck, Windstärke und Regenmenge auch den CO2-Gehalt und die Luftqualität im Haus über das Telefon und den Tischcomputer (netatmo heißt das Wunderding, und der ortsunabhängige Abruf der heimischen Wetterdaten ist richtig g***).

Die reklamierte Widersprüchlichkeit, genauer: die Kluft zwischen Natur und hypermoderner Menschen-Kultur wird sich früher oder später wohl auflösen: Affen sprechen bereits mit Menschen via Computer, Menschen vernetzen sich digital mit den Netzwerken der Natur, hacken sich ein ins Wood Wide Web und verbinden die natürlichen mit den digitalen Netzwerken. Dem Internet der Dinge folgt das Internet der Tiere und Pfanzen, das World Wide Web der lebenden Organismen. Wohin uns diese Brücken wohl führen werden . . .

Saint_Brigid's_cross

Brigid´s Cross

Einmal noch schlafen, dann ist schon Frühling. Dem Golfstrom sei Dank. In Irland wird der Lenz am 1. Februar eingeläutet. Die alten Kelten und die neuen Heiden feiern anfang Februar das Reinigungs- und Hirtenfest Imbolc. Sie huldigen der Ankunft des Frühlingslichts und der wärmeren Tage. Der 1. Februar wird hier in Irland auch als Brigid´s Day begangen, in Erinnerung an die keltische Göttin Brigid, die von den Christen später in die Figur der Heiligen Brigida von Kildare umgedeutet wurde.

Die Heilige Brigid, eins Keltische Göttin, heute christliche Patronin von Irland

Die Heilige Brigid, einst keltische Göttin, heute christliche Patronin von Irland

Am 1. Februar basteln die Kinder in den Schulen noch heute aus Binsen das Brigid´s Cross, das Brigitten-Kreuz. Das hübsch geformte Binsen-Kreuz, ein altes keltisches Symbol, wird anschließend aufgehängt und bietet dem Haus der alten Bedeutung nach für ein ganzes Jahr Schutz — vor allem vor Feuer. Wer braucht da noch eine Hausversicherung?

Pünktlich zu Imbolc 2016 wird Henry vom Atlantik übers Land ziehen, und die Menschen auf der Insel daran erinnern, dass der Winter noch nicht seine ganze Kraft ausgehaucht hat: Henry folgt auf Getrude und ist der Sturm Nummer 8 dieses Winters. Die Metereologen glauben Henry ganz gut zu kennen und sagen heute von ihm, er werde zügig und zackig, aber nicht übertrieben zerstörerisch vor allem über die nördliche Inselhälfte hinweg fegen.

Morgen werden wir mehr wissen. Einen schönen Frühling allen LeserInnen in Irland, und allen Irland-Fans auf dem Kontinent zum Trost die Erinnerung an den Vor-Frühling im Dezember. in diesem Sinne,  der Wanderer

Fotos: Wikipedia (2), netatmo (1), Markus Bäuchle (1)

Sechzehneinhalb Gründe, warum es Irland ist.

Irland münchen

Marienplatz. München.

Spätwinter 2016. Vor fast 16 Jahren sind wir aus München aufgebrochen und nach Irland umgezogen. Warum ausgerechnet Irland? Es war keine Auswanderung, kein Neuanfang im vermeintlichen Paradies. Es war ein Umzug innerhalb Europas, in die Naturlandschaft eines besonders schönen Ortes: die ländliche Gegend am Atlantik in Irlands Südwesten. Immer mal wieder versuche ich, mir über die Verschiebung von Prioritäten klar zu werden und zu beschreiben, ob und warum ich mich in der Heimat unserer Wahl besonders wohl fühle: 16,5 alte und neue Gründe, warum ich Irland liebe — und hier lebe. (94,5 weitere Gründe gibt es übrigens im neuen Irland-Buch von mir und Eliane Zimmermann zu lesen*).

1. Weil das Land hier weit und offen ist. Weil es Raum bietet für die Augen und die Seele. Der größte Luxus in einer zugemauerten und kaputt-asphaltierten Welt.

2. Weil hier zu leben eine Herausforderung ist: Vollkasko-versichertes Leben geht anders. Ohne eigene Initiative geht nicht viel. Trotz der vielen schönen Natur. Das spornt stets  an.

3. Weil es viel unverbrauchte Natur gibt: Die Schönheit der Berge, der Strände, des Meeres, der Wiesen und Wälder geht zu Herzen. Weil ich hier die ersten Adler in freier Wildbahn, die Furcht vor dem Feuer und den Respekt vor den Orkanwinden erleben durfte.

4. Weil man/frau sich in der ablenkungsarmen Weite fernab der Städte nicht entkommt.

5. Weil es in Irland noch Vieles zu entdecken gibt. Nicht jeder Stein ist schon dreimal umgedreht, nicht jeder Berg für Freizeitvergnügte erschlossen. Hier gibt es noch Geheimnisse.

6. Weil Irland eine Abschalt-Oase ist. Die Probleme der Welt — von Flucht und Flüchtlingen über Naturkatastrophen und menschliche Katastrophen = Kriege, bis Überbevölkerung und Welt-Zerstörung: Die globalen Probleme lassen sich hier auch ganz gut einmal ignorieren. Die Insellage macht es möglich. Einfach mal abschalten — Eskapismus: kein Rezept für das Leben, aber für die Auszeit und den Medien-Detox schon.

7. Weil hier nichts zu sagen hat, wer nichts erzählen kann (Dank an Christoph Ransmayr für die schöne Formulierung).

8. Weil das Wetter in Irland immer beachtenswert und ein wichtiger Bestandteil des täglichen Lebens ist. Regen, Sonne, Wind und Sturm sind die nahen und ständigen Begleiter.

Regen im Glen

9. Weil der Regen den Sonnenanbetern die Reise-Richtung vorgibt.

10. Weil die Luft in Irland so frisch und sauber ist. Die irische Atlantikküste ist Europas Reinluftgebiet Nummer 1. Kein Sommer-Smog, kein Winter-Smog. Immer Zeit zum Durchatmen.

11. Weil Irland das Land des Lichts ist. Das ewig wechselnde atlantische Wetter bedingt das ewige Spiel des Lichts, das Sonne, Wolken und Meer miteinander austragen.

12. Weil Autor & Wanderer als Deutscher in Irland für mich ein schöner Beruf ist.

13. Weil die Iren überwiegend liebenswürdige und stets interessante Leute sind: Sie sind freundlich, redegewandt, schlitzohrig, anarchisch, gerne einmal feige und unaufrichtig, dazu stur, gesellig, feierfreudig, erst mal unkompliziert. Und . . .

13b.  . . . weil die Iren die am Ende kompliziertesten Menschen sind, die ich kenne. Widersprüchlich, strahlende Oberfläche und fest versiegelter Kern. Nie langweilig.

Irland 14. Weil es in Irland noch einsame und wilde Orte gibt. Und dies nicht nur im Schilderwald „Wild Atlantic Way“.

15. Weil die Stille hier eine Erfahrung ist. Man kann sie hören, die Stille, diese völlige Abwesenheit von Zivilisationslärm.

16. Weil wir in Parallelwelten leben: Das Irland der Gegenwart ist ein modernes Land mit allen Annehmlichkeiten, die man braucht oder auch nicht. Auch das alte, traditionelle Irland lebt in Geschichten, Traditionen, in Liedern, in Nischen und in einzelnen Menschen weiter.

 

111 Gründe irland zu lieben* 94,5 Gründe mehr, Irland zu lieben gibt es in unserem neuen Buch nachzulesen: Markus Bäuchle und Eliane Zimmermann: 111 Gründe, Irland zu lieben. Zum Discounter-Preis von € 9,99. Preiswert, aber nie billig. Bei der Krake amazon und natürlich beim Buchhändler ihrer Wahl. 

 

Fotos: © 2016 Markus Bäuchle – Wanderlust / Peter Zoeller (Foto Mitte)

 

 

Die Sonne versinkt hinter den Beara-Bergen

Irland. Land des Lichts. Letzte Sonnenstrahlen über West Cork.

Irland Sonne

Sonnenuntergang über Beara. Fotografiert von Klaus Motznik.

Am Montag, einem herrlichen Spätwintertag, war von Sturm nichts zu merken: Nur der Atlantik kündigte dem geübten Auge schweres Wetter an (Foto unten: aufgenommen vorgestern am Dursey Sound). Seit gestern nun regiert wieder ein Orkan über das Wetter an Irlands Westküste. Viel Wind, viel Regen. Sonne gibt es heute für uns zumindest auf Irlandnews.com, mit Grüßen auf den frühlingshaften Kontinent . . .

Weiter geht es auf  mit den besten Irland-Sonnenuntergängen unsere Leser. Danke an alle, die schon mitgemacht haben. Es gibt ein gutes Irland-Buch zu gewinnen (siehe unten). Wir zeigen heute eine Aufnahme des Fotografen Klaus Motznik aus Engelthal im Nürnberger Land. Sie stammt aus dem Oktober vergangenen Jahres und zeigt die sinkende Sonne über der Beara Peninsula. Mehr von Klaus gibt es hier zu sehen.

Mitmachen und gewinnen: Wer hat ein Foto von einem schönen irischen Sonnenuntergang und will ihn hier auf www.irlandnews.com zeigen? Der Einsender des besten Sunset-Shots erhält mein aktuelles Buch Irland. Ein Länderporträt. Wir sammeln Einsendungen bis zum 5. Februar. Bitte Foto per Email an Markus (markus@irlandnews.com) senden, Namen und eigenen Wohnort nennen und natürlich den Ort und das Datum, an dem der Sonnenuntergang aufgenommen wurde.

In den kommenden Tagen gehts hier munter weiter mit Irlands besten Sonnenuntergängen. Warum uns Menschen Sonnenuntergänge so faszinieren, könnt ihr hier nachlesen: Irische Sonnenuntergänge

Vor dem Sturm: Am Dursey Sound

Vor dem Sturm: Am Dursey Sound

Fotos: Klaus Motznik (oben), Markus Bäuchle, Wanderlust (unten)

 

Irischer Sonntag: Gewalt & die Kartoffel des Bösen

Die Abosch-.Kartoffel: Symbol des obszönen Reichtums der sogenannten Elite

Die Abosch-Kartoffel: Symbol des obszönen Reichtums der sogenannten Elite

Irischer Sonntag: Nachdenken über Gewalt. Auch Irland hat seine aktuelle Gewalt-Debatte, allerdings diskutieren die Irinnen und Iren derzeit nicht über Silvester, sondern über Vorkommnisse, die 100 Jahre zurück liegen. Nach dem Wohlstands- und Bau-Rausch wirft sich das Land mit voller Wucht in einen auf sieben Jahre geplanten Erinnerungs-Rausch: Die erste wirklich große Station auf dem Kreuzweg zur Unabhängigkeit war der Osteraufstand von 1916. Am 24. April 1916 stemmte sich ein schlecht organisiertes Häufchen irischer Republikaner in Dublin gegen die britische Besatzungsmacht, besetzte das Postamt  und einen öffentlichen Park und rief mal eben die freie irische Republik aus. Nach sechs Tagen war alles vorbei, viele unbeteiligte Zivilisten hatten ihr Leben verloren, und die Aufständischen wurden hingerichtet.

Irlandnews.comDie Bevölkerung hatte den Kämpfern von 1916 kein Mandat gegeben, und die große Mehrheit hatte mit dem Aufstand nichts am Hut. Zum nachhaltigen Erfolg wurde der Osteraufstand erst, weil die radikalen Republikaner um Pearse und Connolly Hut samt Kopf verloren: Durch die Hinrichtungen, weil sich die Briten ihre rachsüchtige Reaktion nicht verkneifen konnten und Märtyrer schufen. So steht 1916 heute als Beginn der Unabhängigkeit Irlands, als Zeugungs-Moment des modernen Irland gewissermaßen. Mit über 2000 Veranstaltungen will das offizielle Irland die 100. Wiederkehr der gewalttätigen Genese zelebrieren. So wie die Iren ihre schmerzhaften Niederlagen mit Verve und Inbrunst feiern, so feiern sie nun die Oster-Gewaltorgie von Dublin — auch eine große Niederlage, allerdings eine, die das Tor zur Freiheit öffnete.

Leuchtreklame Irland 2Wirklich? Nur einzelne Stimmen widersprechen dem offiziellen Mantra und meinen, es sei falsch, die chaotische Inszenierung von Ostern 2016 in den Mittelpunkt des Erinnerns zu stellen. Mehr noch: Die Unabhängigkeit wäre auch auf friedlichem Weg erreicht worden. Das allerdings ist eine steile These, die auch heute neue Gewalt-Phantasien nährt . . . Ich habe sie dieser Tage in einem Gespräch nur zitiert. Reaktion: Die örtliche Buchhändlerin, stolze Tochter eines republikanischen Freiheitskämpfers, wäre mir fast an die Gurgel gesprungen. Nur dieser dünne, fast durchscheinende Puffer, den wir Kultur nennen, hielt sie davon ab . . .

Fadenscheinig. Wie dünn diese Schicht Kultur zwischen den menschlichen Abgründen und einem kollektiven zivilisierten Verhalten ist, beobachten wir seit Anfang des Jahres aus der Ferne. Das polare Klima, das sich in kürzester Zeit in Deutschland aufgebaut hat, wirkt zumindest in 2000 Kilometern Entfernung recht furchterregend. Rassismus, Hass und Intoleranz sind offenichtlich innerhalb kürzester Zeit wieder hoffähig geworden, und auch die vermeintlich Friedfertigen lassen sich nun allzu leicht die Wahl der Waffen bestimmen. Ein Land im Würgegriff der Angst — und die Aller-Ängstlichsten sind die, die derzeit pöbelnd und drohend durch die Straßen ziehen und uns eine Vorstellung davon geben, wie es in den Zeiten von Weimar zugegangen sein muss . . .

Es stimmt, was der Philosoph Wolfgang Eilenberger dem SPIEGEL kürzlich sagte:

„Wir sind am Ende der zentralen Lebenslüge einer ganzen Generation von Europäern angelangt. Ich bin jetzt 43 Jahre alt. Wie viele andere habe ich mir vorgemacht, das konkrete Leid, das in den Ländern des Nahen Ostens, Asiens und Afrikas den Alltag von Milliarden Menschen prägt, ließe sich für die kommenden Jahrzehnte lebensweltlich auf Distanz halten. Wir hegten die Illusion eines Kerneuropas als mauerloser Paradiesgarten in einer Welt des Elends. Damit ist es vorbei.“             

Wir müssen zudem zugeben, dass wir Europäer unseren enormen Wohlstand auch auf dem Elend im Rest der Welt gegründet haben und dass uns die eigene Vergangenheit nun auch in dieser Hinsicht einholt. So gilt es wohl Abschied zu nehmen von unserem harmonischen Bild einer demokratischen Wohlfühl-Gesellschaft am vermeintlichen Ende der Geschichte. Manche sagen, frei nach Sepp Herberger: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg  —  die schauderhafte Ahnung, dass wir uns längst in einer Art von neuem Welt-Krieg befinden, lässt sich nicht einfachso abschütteln. Der politische Klimawandel sorgt zumindest für anhaltende Kälte in Europa und in der ganzen Welt.

Abschalt-Krise. In der Insellage Irlands könnten wir uns weit von den aktuellen Welt-Problemen entfernt fühlen. Wir nutzen das stunden- und tageweise: Eine kleine Medien-Diät, Fernseh-Nachrichten aus, Zeitung weg, Internet abschalten — und schon bestimmen die Sonne, der Regen, der Wind und die Gezeiten des Meeres den Rhythmus des Lebens am Atlantik. Durchatmen — und schon könnte ich meinen, dass die kleinen Probleme die großen Probleme sind: Vergangene Woche entdeckte ich in unserer kleinen Stadt  den Sündenfall: 800 Jahre trotzten die Iren nicht nur den Engländern sondern auch der Leuchtreklame. Als Kontinental-Europäer bestaunen wir die idyllischen irischen Dörfer und Städtchen bis heute mit wohligem Gefühl. Die Abwesenheit schreiender Werbung löst Entzücken aus, wir fühlen uns in Ruhe gelassen von all denen, die nur an unser Geld wollen. Tatsächlich dominiert traditionelles Schreiner- und Maler-Handwerk bis heute die Geschäftsstraßen auf der Insel: Die handgestaltete und gekonnt mit dem eigenen Schriftzug bemalte und ganz dezent beleuchte Shop-Front bestimmt das Straßenbild.

Leuchtreklame Irland 1

Das Leuchten des Apothekers. Doch nun sorgt ausgerechnet der Apotheker im Ort für den Tabu-Bruch in der Streetscape: Er hat eine im schnellen Stakkato leuchtende und blinkende Multimedia-Orgie über seiner Tür installieren lassen. Grün, Rot, Blau, Kreuz, Schlange, Öffnungszeit, Sonderangebot — so muss es einmal am Times Square angefangen haben. Es heißt, dass die Apotheken die computergesteuerten Fassadenmonster nach einem Masterplan über das ganze Land verbreiten wollen — wahrscheinlich im Namen von Sicherheit und Gesundheit; und es wird garantiert nicht lange dauern, bis viele andere Ladenbesitzer in den Dörfern und Städtchen auch so eine großartige, moderne Reklame haben wollen. Bald werden helle Licht-Dome im Nachthimmel über den Irish Towns den Großen Wagen, den Drachen, den Fliegenden Fisch, den Kleinen Bären, die Kassiopeia und das Siebengestirn der Plejaden vertreiben . . .  Cassiopeia good-bye.

Leuchtreklame Irland 3Die Kartoffel des Bösen. Da wir gerade bei der Astronomie sind: Der irische Fotograf Kevin Abosch (46) kassiert für seine begehrten Fotos astronomisch hohe Summen: Der bei den Schönen und Reichen angesagte Abosch berechnet seiner wohlhabenden und geltungssüchtigen Klientel pro Foto um die 150.000 US-Dollar. Wer von Kevin kommerziell genutzte Fotos anfertigen lässt, ist ab einer halben Million dabei. Jetzt hat der Mann mit dem goldenen Auslösefinger den Vogel, Verzeihung, die Kartoffel abgeschossen:  Das Foto von einer Kartoffel auf schwarzem Hintergrund ging laut IrishCentral für 1 Million Dollar, das sind 900.000 Euro, an den neuen stolzen Besitzer.

Jetzt wissen wir zumindest, warum auch der fotografierende Ire Kevin Kartoffeln liebt — und wir verstehen tief, was obszöner Reichtum bedeutet: Während einige Milliarden Menschen auf der Welt Tag für Tag um ihre Existenz und um ein Leben in minimaler Würde kämpfen, wissen die Happy Few nicht wohin mit der Kohle. Die Abosch-Kartoffel illustriert aufs Absurdeste die Tatsache, dass 62 Menschen auf der Welt mehr besitzen als die ärmere Hälfte der Menschheit. Wer sehnt sich da nicht den nächsten Osteraufstand herbei, eine Art globales Kartoffel-Gericht im Namen der Gleichheit, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit . . .    

Jetzt fragt sich nur noch, ob die Sache mit der Gewalt, mit den Flüchtlingen und dem Reichtum der Wenigen irgendwie nicht doch zusammen hängt?

In diesem Sinne einen friedlichen Sonntag und eine friedliche Woche. Der Wanderer 

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