Über Markus Bäuchle

Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus kann man in Irland wandern gehen: www.irland-wandern.de
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Samhain: Von dünnen Orten und dünner Zeit

Nebel in Irland SamhainSamhain, Halloween, Allerheiligen. In unserer Reise durch die Zeit erreichen wir den dunklen Pol des Jahres, die Halb-Etappe zwischen Tagundnachtgleiche und Wintersonnenwende. Nun werden die Schleier zwischen dieser Welt und der Anderswelt besonders dünn. Die Kelten und deren Nachfolger nennen dies die dünne Zeit (thin time), in der die Grenzen zwischen den Reichen der Lebenden und der Toten für kurze Zeit offen stehen. Manche Menschen fürchten sich in dieser dünnen Zeit und bleiben lieber zuhause, andere feiern die schrille US-Version des alten Totenkults mit Getöse, wieder andere öffnen ihre Sinne weit und tief und schauen durch den Schleier.

Neben der dünnen Zeit gibt es die dünnen Orte, an denen wir uns mit unseren Vorfahren und dem Göttlichen verbinden können, wenn Erinnerung und Gegenwart in eins fallen. Eric Weiner hat das Phänomen der thin places in der New York Times ausführlich beschrieben. Hier der Link zum Artikel.

Es ist viel gestritten worden über den Zusammenhang oder Nicht-Zusammenhang des keltischen Samhain und  des christlichen Allerheiligen. Es ist am Ende unbedeutend. Ohne christlich zu sein, gefällt mir der spirituelle Bogen, den die Pfarrerin Clare Novak aus Incline, einer Gemeinde am Lake Tahoe in Nevada, in einer Predigt zum 1. November zwischen den Religionen und Kulturen schlug:

Today, November 1, All Saints’ Day, we are halfway between the autumn equinox and the winter solstice. Entering a time of darkness in which the ancient Celts believed new life began. This time marked an important transition, their new year, a celebration called Samhain, when all fires were extinguished, then relit; when spirits of the dead could return to earth; when souls of the thankful departed could bestow blessings. In Celtic spirituality, this was a “thin time,” an extraordinary moment when the veil between the Otherworld and Earth was open.

The Celts also believed in “thin places,” where the distance between heaven and earth collapses, where we are “jolted out of old ways of seeing the world.” In his recent New York Times article, Eric Weiner explores this concept for the modern traveler: “Heaven and earth, the Celtic saying goes, are only three feet apart, but in thin places that distance is even shorter. . . . So what exactly makes a place thin? It’s easier to say what a thin place is not. A thin place is not necessarily a tranquil place, or a fun one, or even a beautiful one, though it may be all of those things too. Disney World is not a thin place. Nor is Cancún. Thin places relax us, yes, but they also transform us—or, more accurately, unmask us. In thin places, we become our more essential selves.”

It is no accident that our holy day of remembrance for the faithful departed falls in this “thin time.” The date for All Saints’ Day was shifted to November 1st back in the 9th century, part of the ongoing meld of Christianity with other spiritual traditions. As followers of Jesus, we also claim this day as a “thin place,” where in remembering the dead, we come closer to our essential selves.

For if we step out of our “thick” place of everyday life; if we allow ourselves to touch the pain of having lost loved ones to death; if we pause to reconnect with their lives and their meaning; if we empty out and enter a place of sacred silence, we are no longer “of the world,” as Jesus said.

In the space of silence, we move farther away from earthly things. In the space of remembrance, we move closer to those who died in glory and to those who “perished as though they had never existed.” We move our consciousness closer to the meek, and those who mourn, and those who are poor in spirit. For Jesus tells us, “theirs is the kingdom of heaven.”

In our “thin place” in this Chapel today, surrounded by beautiful images of Celtic art; in our “thin time,” open to the souls of all departed; I invite you to lift the veil of your ordinary preoccupations. To enter into extended sacred silence in our Prayers of the People. To experience there, in disorienting quiet, the peace of those who have gone before us and the blessing of the kingdom of heaven within us. Where new life begins. Amen.

Irische Mythen: Die “Kinderfreundlichkeit”

Irland KinderKinderfreundliches Irland? Wer über Irland redet, kommt schnell auf die viel gerühmte Kinderfreundlichkeit der Irinnen und Iren zu sprechen. Sind Paudy und Mary nicht vorbildlich im Umgang mit dem eigenen Nachwuchs? Bei aller Mythen-Pflege: Zweifel bleiben. In meinem Buch Irland. ein Länderporträt habe ich vorsichtige Zweifel geäußert:

“Bliebe die Frage zu klären, ob Irland ein kinderfreundliches Land ist, wie es oft heißt. Dass die Rechte der Kinder und deren Schutzbedürftigkeit Ende 2012 per Volksabstimmung in die Verfassung aufgenommen wurden, war eine politische Reaktion auf die lange Tradition des institutionellen Missbrauchs. Kinder in Irland werden möglicherweise mehr in das alltägliche Leben der Erwachsenen integriert als anderswo. Sie nehmen selbstverständlicher am öffentlichen Leben teil und begegnen einer in der Regel toleranten und respektvollen Erwachsenenwelt. Kinderfreundlichkeit offenbart sich in der Zahl der vielen Kinder, dem vergleichsweise milden Leistungsdruck in den Schulen, in der Akzeptanz kindlicher Artikulationsformen und in den späten Schulanfangszeiten. Kinderfreundlich wäre dagegen auch die Bereitstellung vielfältiger individueller Förder- und Entwicklungsangebote für Kinder. Abenteuerspielplätze, Musikschulen, Sporthallen, Bolzplätze oder Erlebnisschwimmbäder und kinderspezifische Freizeitangebote für alle sind insbesondere im ländlichen Irland noch immer dünn gesät. Wer mit Gaelic Football, Fußball oder Rugby nichts anfangen kann, wer nicht mobil ist oder die finanziellen Möglichkeiten nicht hat, geht deshalb oft leer aus.”

KDie aktuellen Erkenntnisse von UNICEF, wie Irland seine Kinder in den vergangenen sechs Jahren der Rezession und der tiefen Wirtschaftskrise “geschützt” hat, lassen noch größere Zweifel aufkommen: Kinderfreundliches Irland — alles Gerede? Die UNICEF weist in einer groß angelegten Untersuchung* nach, dass die Kinderarmut in Irland von 2008 bis 2012 von 18 auf 28,6 Prozent gestiegen ist. Demnach lebte 2012 mehr als jedes vierte Kind in der Inselrepublik in Armut — zumindest gemäß der Definition für reiche Länder, der zufolge Kinder arm sind, die in einem Haushalt mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze aufwachsen.

Schockierend ist, dass das Land, das sich noch 2007 als das reichste Land Europas gefeiert hat, unter den 41 untersuchten wohlhabenden EU- und OECD-Ländern einen unrühmlichen 37. und damit fünftletzten Rang belegt: Nur in Kroatien, Lettland, Griechenland und Island ist die Lage der Kinder demnach noch schlechter. Der Report Kinder der Rezession* weist gleichzeitig darauf hin, dass es 18 Länder trotz Rezession zwischen 2008 und 2012 geschafft haben, die Kinderarmut zu verringern. UNICEF macht eine verfehlte Arbeitsmarktpolitik und drastische Kürzungen von Sozialhilfe, Kindergeld und anderen staatlichen Leistungen für die Negativentwicklung in Irland verantwortlich. Von sekundären Benachteiligungen bei Bildung und Ausbildung gar nicht zu reden. So lässt sich positiv gedacht schlussfolgern: Paudy und Mary mögen kinderfreundlich sein, sie leisten sich aber gleichzeitig eine Regierung, die das Gegenteil dessen verkörpert.

Dieselbe Regierung bastelte in den vergangenen Jahren übrigens maßgeschneiderte jumbo-formatige Steuer-Schlupflöcher (bekannt als “Double irish”) für die großen globalen Unternehmen von Apple bis Google, damit die Multinationals ihre Steuerquoten weit unter 2 Prozent drücken konnten. Damit entgingen dem irischen Staat Einnahmen in Milliardenhöhe. Alles klar? Erst kommt das Big Business, dann kommt lange nichts und dann kommen vielleicht irgendwann noch die Kinder. So freundlich.

Auf Druck anderer europäischer Regierungen hat Irland Mitte Oktober widerwillig zugestimmt, das Double-Irish-Steuervermeidungs-System, das auch andere EU-Staaten benachteiligt, in fünf Jahren (!) einzustellen. Doch Irland wäre nicht Irland, hätte die Regierung nicht längst den nächsten Joker — sprich die nächste fast legale Steuervermeidungsmasche — im Ärmel. Die neuen Zauberwörter heißen Knowledge Box und Patent Box. Den Global Players soll unter dem Deckmäntelchen von Forschung, Wissenstransfer und neuen Patenten via Briefkastenfirmen massive Steuererleichterungen zugeschustert werden. Die Rede ist von einem Steuersatz von 6,25 Prozent — das ist die Hälfte des ohnehin geringen legalen irischen Steuersatzes für Unternehmen. Also Kinder Irlands: Nehmt Euch in acht vor der “Kinderfreundlichkeit” Eurer Regierung!

*Die UNICEF-Studie “Children of the Recession – The impact of the economic crisis on child well-being in rich countries” kann hier als PDF  geladen werden.

Irland ist anders: Die Postleitzahl kommt. Vielleicht.

EircodeIrland ist anders (soll aber gleicher werden): Unsere irische Postadresse ruft bei Menschen im kleinen Rest der Welt immer wieder ungläubiges Staunen hervor: “Keine Postleitzahl, keine Hausnummer – aber geben Sie vorsichtshalber unsere Telefonnummer im Adressfeld an.” Ja geht so etwas in der modernen Welt? Es geht, aber nicht mehr lange. Im kommenden Jahr soll nun auch Irland als eines der letzten Länder Europas ein Postleitzahlensystem bekommen. Eircode heißt der Weisheit postalischer Treffsicherheit letzter Schluss und wird für Frühjahr 2015 angekündigt. Jedes Haus, jede Wohnung und jedes Business sollen einen 7-stellige Identitifizierungscode erhalten und dann soll jede der 2,2 Millionen Adressen der Insel-Republik eindeutig und einwandfrei auffindbar sein. Soll. Denn eigentlich sollten die Postleitzahlen für Irland schon 2008 kommen. Und eigentlich weiß keiner so recht, ob Eircode nicht doch das gleiche Schicksal ereilen wird wie die super-modernen und sündhaft teuren irischen Wahlmaschinen: Jene wanderten mangels Tauglichkeit von der Fabrik direkt auf den Müll.

Nachdenklich stimmt: Noch bevor das fast 20 Millionen Euro teure “Wunderwerk” Eircode das Licht der Welt erblickt, hagelt es schon vernichtende Kritik: Die einen maulen, das Postleitzahlensystem IE-2015 sei keinen Deut besser und smarter als das erste Postleitzahlensystem, das 1857 für London entwickelt worden war. Die Branchenverbände der Spediteure und Kuriere raten, Eircode unbesehen einzustampfen, weil es eine unintelligente Insellösung sei: Das von der Regierung beauftragte Unternehmen hat es offensichtich gerade mal geschafft, eine uralte post-interne Orts-Datenbank zu revitaisieren und diese zum öffentlichen Postleitzahlensystem hochzujubeln.

Im Zeitalter von GPS, Geo-Technologien und Smart Economy wirkt schon ein wenig befremdlich, dass die Entwickler von Eircode jedem Haus eine zufällig ausgewählte Nummer zuteilen. Zwar weisen die ersten drei Ziffern auf eine der 139 regionalen Zustell-Zentren der Post hin, die jeweilige vierstellige ID-Nummer für das Haus lässt eine detaillierte Orientierung jedoch nicht zu: So haben zwei benachbarte Häuser völlig unterschiedliche Eircodes und das System entzieht sich komplett der modernen Navigationstechnik. They do it their way: the Irish way.

Immerhin: Auch wenn Irland wieder ein Stück gleicher gemacht werden soll, bleibt doch alles anders.

PS: Das Fehlen von Postleitzahlen und eindeutigen Postadressen sorgt in Irland immer wieder für  großartige wahre Geschichten: So gibt es Häuser, die bis zu sieben (!) verschiedene Adressen haben. Zudem firmieren viele Häuser in einer Straße unter derselben Adresse — und wenn dann noch alle Bewohner den gleichen Nachnamen haben (wie die O`Sullivans in unserer Region), dann kann es allenfalls der absolut ortskundige Briefträger ordentlich richten. Man kann sich leicht vorstellen, wie viele Lieferungen von Amazon und Apple bis Zara im irischen Adress-Dschungel bis heute verloren gingen oder bewusst verschwanden. Nicht umsonst weigern sich viele britische Firmen, ihre Ware nach Irland auszuliefern. Bemerkenswert auch die Bereicherungsstrategie eines Iren, der sich für ein und dasselbe Haus unter Zuhilfenahme von fünf leicht unterschiedlichen Adressen bei fünf verschiedenen Banken erfolgreich fünf Großkredite beschaffte. Lang lebe Ned Devine — ob mit oder ohne Postleitzahl!

Foto: Eircode; mehr Infos: www.eircode.ie

Irischer Sonntag: Die Zeit steht auf Winter

Roden und Brennen Irland

Roden, Baggern, Brennen für die Subventionen

Irischer Sonntag: Die “geklaute” Stunde ist, wie manche meinen,  gerade zurück erstattet worden. Die Zeit steht auf Winter. Während es sich in der deutschen Herbstssonne noch einmal wie im Sommer schwitzen ließ, ist hier in Irland der Herbst endgültig eingezogen.  Der Wind bläst vom Atlantik, bringt Regen. Doch es bleibt recht mild auf der anderen Seite des Fensters. Kein Grund, im Haus zu bleiben.

Irlandnews.comIrland so grün: Wer in den vergangenen Wochen mit offenen Augen durch das ländliche Irland fuhr, konnte die Rückkehr der Bagger bestaunen. Vielerorts auf den Feldern toben sich JCBs, Caterpillars und Komatsus  wieder ordentlich aus. Ist der Keltentiger endlich zurück? Noch nicht, die Räumkommandos in Ginsterfeld und Weidenhain erzählen eine andere aktuelle Geschichte: Sie rollen, roden, reißen, graben und zerhacken im Namen der Subentions-Sicherheit. Seit dem Auslaufen des EU-Agrar-Suvbentionsprogramms REPS, das Bauern auch für Flächen bezahlte, die sie der Renaturierung überließen, geht die Uhr wieder anders rum: Für Land, das (via Satellit kontrolliert) erkennbar kein Grasland ist und nicht der Nahrungsproduktion für Nutztiere dient, gibt es derzeit keine Zuschüsse: Und so müssen Ginster, Gagelstrauch und Pioniergehölz weichen und das Land flasht wieder in sattestem Monsanto-Grün: Die Wiesen in den 40 Shades of Fertilizers kehren flächig in das Landschaftsbild zurück, um Fleischrind und Milchkuh zu nähren — und nebenbei das geliebte Irland-Klischee von der grünen Insel mit den sanften Hügeln und den weiten Wiesen zu nähren. Schon im kommenden Jahr aber rollt der Traktor agrar-finanztechnisch wieder zu anderen Horizonten: Das nächste EU-Subventionsprogramm mit neuen Vorgaben steht vor der Einführung.

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Gestern war ich aus — und erlebte einen neuen kulinarischen Höhepunkt der Kategorie “Interessant!” Das Gasthaus, das hier nicht weiter angepriesen werden soll, ist mir wegen seines “einzigartig” komponierten Chicken Curry in Erinnerung geblieben: Curry mit Reis und Pommes. Was die Engländer erfanden, um es der Welt als indische Spezialität zu überlassen, wird im kartoffelhungrigen Irland mit der Fritten-Note variiert. Why not. Gestern nun “Vegetarian Curry” — Pommes, Reis, Pilze, Karotten und Rüben. Sehr interessant. Es lebe das Original Oirish Farmer Curry. Nach dem zweiten Pint beschossen wir übrigens, der Political Correctness, hier auch bekannt als PC,  definitiv den Kampf anzusagen und die Freiheit und den Spaß in unser gesprochenes Leben zurück zu holen. Ich erzähle deshalb den einzigen Witz, den ich mir derzeit merken kann — mit dem Hinweis: PC-Freaks bitte weiter-klicken.

Also, es ist in diesen Zeiten wieder viel von der Liebe die Rede — und auch von der wohl reinsten Form dieser edelsten aller menschlichen Empfindungen und Handlungsmotive: der bedingungslosen, unbedingten, vorbehaltslosen Liebe (“Unconditional Love”). Wer nun wissen will, was bedingungslose Liebe wirklich ist, der sperre seine(n) Lebenspartner(in) und seine(n) Hu(e)nd(in) eine Stunde lang in den Kofferraum seins/ihres Autos. Wer den Deckel nach einer Stunde wieder öffnet, weiß bescheid. Und ich bin wirklich stolz auf die gender-neutrale Formulierung dieses Satzes. Doch zurück nach Irland.

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irland KorbmacherDie liebliche Insel badet wie kein anderes Land West- und Mittel-Europas unbeirrt und ohne Plan im Plastikmüll. Der tägliche Output an Plastik-Verpackungen verschlägt mir bisweilen den Atem: Fast alle frischen Lebensmittel sind in Plastik verpackt, auch viele Getränke.  Der Rest kommt in Alu- und Weißblech-Dosen daher. Pfandflaschen gibt es nicht. Dass die Händler ihren Kunden für jede Plastiktüte 20 oder mehr Cents abknöpfen sollten, ist der ausschließliche Kern des irischen Müllvermermeidungs- und Entsorgungskonzepts. Wenn wir uns erlauben, die Plastikverpackungen des wöchentlichen Großeinkaufs im Mülleimer des örtlichen Supermarkts zurückzulassen, werden wir indes kritisch-argwöhnisch-belustigt beäugt. Das macht man eigentlich nicht. Aber was dann?

Martin O`Flynn und Frau Yvonne fahren unbeirrt das alte Gegenprogramm zur schnöden Erdöl-Kunststoff-Plastikwelt: Die Bio-Bauern leben und arbeiten hoch über dem Borlin-Tal. Sie stellen in mühevoller Handarbeit Körbe aus Weidenruten her. Sie sind Korbmacher — und trotzen der Billig-Konkurrenz aus Ländern der Dritten Welt. Der Korb, eine kunstvolle Kreation aus Holz, hält viele Jahre, ist pflegeleicht, schön anzusehen — und leider fast völlig aus der Mode gekommen. Oder geht Ihr noch zum Korbmacher ganz in Eurer Nähe? Wir waren gestern dort. Martin (unten) zeigt das Ergebnis seiner aktuellen Arbeit.

Korbmacher Martin O`Flynn

Korbmacher Martin O`Flynn

In diesem Sinne einen schönen Oktober-Sonntag. Der Wanderer.

Fotos (3): Markus Bäuchle / Wanderlust

Irischer Sonntag: Wir ändern unser Leben

Wanderhaus Wanderlust

Irischer Sonntag. Das war wohl der Vorführ-Effekt mit positivem Vorzeichen: Am vergangenen Sonntag wunderte ich mich an dieser Stelle über die Teilnahmslosigkeit, das fehlende Engagement, die Diskussions-Müdigkeit und die Erschöpfung vieler Menschen trotz oder wegen der vielen Kriege und Krisen in der Welt.  Das Lamento mit der Headline “Interessiert keine Sau”  provozierte bislang immerhin 46 Kommentare — und entgegen aller Erwartungen wird munter diskutiert, was in der Welt derzeit schief läuft und was jeder Einzelne dazu beitragen kann, dies ein wenig zu ändern. Ich hatte kürzlich an dieser Stelle den neuen Roman von Judith Hermann erwähnt, “Aller Liebe Anfang”, ein Buch das unser Gegenwarts-Leben so depremierend realistisch beschreibt: Wer sich durch das apathische, passive, das einsame ereignis- und emotionslose Leben der Roman-“Heldin” Stella einmal durchgearbeitet hat, der möchte am Ende einfach “etwas tun”,  Hebamme sein für die Veränderung zum Besseren. Und doch hegen wir alle zu Recht die Vermutung, dass jegliche Veränderung in uns selber und in unserem eigenen Leben beginnt. Das Private ist immer noch politisch, auch wenn dieser Satz heute eine andere Bedeutung hat als in den 68-er Jahren.

Irlandnews.comWas also tun: Wir haben die Wahl und die Möglichkeit, unser Leben zu ändern. Wir können uns für unsere Ideale einsetzen, indem wir sie im kleinen Rahmen verwirklichen. Indem wir das tun, was wir sagen und wollen und damit authentisch werden. Indem wir Konventionen und Bequemlichkeit enttarnen, neue Wege gehen, anders sind, etwas riskieren, Vorbild sind. Es gibt heute viele Beispiele von Menschen, die sich einer Idee verschrieben haben und die diese Idee tatsächlich verwirklichen, indem sie ihr Leben ändern.

Da gibt es den jungen Mann, der seinen Besitzstand radikal auf das reduziert, was er wirklich zum Leben braucht: Bald besitzt er nur noch 120 Dinge — und lebt gut.  Da gibt es das Paar, das allen Wohlstands-Schnickschnack aufgibt, sich ein winziges Blockhaus baut, in dem es jetzt mit minimalem Energieaufwand und Platzverbrauch lebt. Da gibt es die Menschen, die ihr Auto abschaffen und zu Fuß gehen, und jene, die ein Jahr lang auf den Kauf von “Made in China”-Plastik verzichten, oder die Leute, die nichts mehr einkaufen, was in Plastik-Folie eingeschweißt ist. Oder all die Neu-Veganer, die auf den Verzicht tierischer Produkte komplett verzichten, um die Schöpfung zu würdigen. Oder den Mann, der ein Jahr lang nichts kaufte außer Lebensmitteln. Oder den Mann auf dem Berg, der sich mehr als ein Jahr lang nicht von seinem Grund und Boden weg bewegte, um zu begreifen, was die Immobilität mit dem Menschen macht. Oder den Sucher, der beschließt, über seine Mitmenschen nicht mehr zu urteilen und sie einfach zu sehen wie sie sind. Oder die Frau, die sämtliche Kleidung selber herstellt, sämtliche Nahrung selber anbaut, und die Menschen die komplett ohne Geld leben. Aus der Routine des wohl-ständigen Lebens auszubrechen kann alleine deshalb bereichernd sein, weil wir bewusster, wacher und achtsamer werden.

Was tun? Wir können in unserem Rahmen gezielt versuchen, das zu ändern, von dem wir glauben, dass es geändert werden muss: zum Beispiel den Konsumwahn in die Schranken weisen, das Internet, das sich immer tiefer in unser Leben frisst, eindämmen, bescheidener leben, der Fleisch-, der Plastik- , der Auto- oder der Verschwendungs-Industrie die kalte Schulter zeigen, eben Vorbild sein. Ich habe über die letzten Monate hinweg unsystematisch einige Ideen zum Thema gesammelt und sie einfach ziemlich wahllos in ein Blogformat gefüllt. Die Ideensammlung ist hier zu finden.

Wer Lust hat, ein eigenes Projekt in seinem Leben zu starten und die Umsetzung regelmäßig auf einem Blog zu dokumentieren, ist eingeladen mit zu machen. Einfach anders leben. So könnte es gehen. Die Idee: Wir beschreiben im kommenden Jahr auf einem künftigen Blog (dessen Name, Zuschnitt und Design noch nicht feststehen) mehrere ganz individuelle Langzeit-Versuche in Echtzeit, uns zu ändern, das Leben zu ändern und so einen kleinen Beitrag zu leisten, auch die Welt zu verändern. Wer eine Idee, ein Projekt, einen Plan, ein Anliegen hat: Schreibt es unten in die Kommentarspalte oder schickt mir eine Mail: markus@irlandnews.com .

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Ballylickey House & Chalets

Vom Ardnagashel House zum Ballylickey House & Chalets (oben und unten)

Heute heißt es Abschied nehmen. Wir (das sind Eliane von AiDA Aromatherapy und Markus von Wanderlust) beziehen über den Winter ein neues Country House für  unsere Wander- und Exkursions-Gäste. Wir freuen uns auf Ballylickey House & Chalets, ein wundervolles Anwesen am Meer in der Bantry Bay zwischen Bantry und Glengarriff (Fotos vom neuen Haus gibt es hier.) In den vergangenen drei Jahren war Ardnagashel House unsere “Home Base”. Wir verbrachten dort mit unseren Gästen eine gute Zeit, das Haus am Meer ist deshalb mit vielen schönen Erinnerungen verbunden. Heute nachmittag feiern wir mit allen Menschen, die in dieser Zeit mit uns zusammen gearbeitet haben, die sich mit uns gefreut und auch mal geärgert haben, den Abschied von Ardnagashel House. Time to say goodbye, time to move on, time for something new. Eines er schönsten Fotos, die in dieser Zeit von Ardnagashel entstanden, hat unser Gast Andreas Tetzlaff gemacht. Wir möchten es an dieser Stelle noch einmal zeigen. Danke Andreas!

Ballylickey House

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Wetter IrlandUnd wie ist das Wetter in Irland? Die ersten Stürme und mächtige Gewitter haben in den vergangenen Tagen für viele Stromausfälle gesorgt. Tausende Haushalte waren schon wieder ohne Strom. Wir hatten Glück und waren dieses Mal nicht dabei. Inzwischen genießen wir herrliche  Herbsttage mit viel Sonne und dem unverwechselbaren irischen Licht. Die Prognose: kühle Nächte, Frühnebel, schöne Tage. Verlockend.

 Einen schönen Sonntag wünscht der Wanderer

PS: Wer schon Reisepläne für 2015 macht: Unser Wander- und Erlebnisprogramm Irland 2015 ist online: www.wanderlust.de. Und nicht nur das: Wir gehen auch auf Wildnis-Tour in Irlands Berge. Eine Woche einfach anders leben: www.irland-wildnis.de 

Fotos: Met Eireann (u.), Andreas Tetzlaff (M.), Wanderlust (o.)

 

Hier ist Müllabladen verboten preiswert

Irland MüllabfuhrIrland und der Müll: Irgendwo im schönen Kingdom Kerry steht diese Antiquität am Strand und warnt potentielle Schmutzfinken: “Müll abwerfen strengstens verboten. Strafe 10 Pfund.”

Was als Warnung daher kommt, könnte natürlich auch eine Einladung sein. Denn für umgerechnet 12,69 € eine Ladung Abfall los zu werden, ist eigentlich verboten preiswert. Auf der Müllkippe wird es schnell wesentlich teurer. Und weil das so ist und weil die Müllabfuhr im ländlichen Irland bis heute nicht richtig funktioniert, gilt bei manchen Zeitgenossen leider noch immer das Prinzip: Verlochen, verbrennen, in den Straßengraben und ins Meer werfen. Es ist kein Witz: Nach alter Tradition werfen Insulaner ihre schwarzen Müllbeutel bis heute über die Klippe in den Atlantik.

Das Schild — so schön es ist, gehört auch auf den Müll. Oder ordentlich überpinselt: 3000 Euro Strafe — das wäre doch was — zumindest, wenn die Strafandrohung auch kontrolliert wird.

Hier ein paar Worte mehr über Irland und das leidige Problem mit dem Müll.

Foto: © Markus Bäuchle 2014

Wann wurde Dir zuletzt ein Apfel geschenkt?

Up the mountainAh saddle up the old Gray Mare
Tim Big Danny and Jackie Timmy
Are going to ride across the Mountains to Puck Fair

aus: Gortatagort von John Spillane

Irland Apfel

Old School Irish. Vor einigen Tagen wollte ich John Paul, einen entfernten Nachbarn, besuchen. Sein Rufen war hoch oben im Berg zu hören, er reiste mit den Rindern. Statt dessen öffnet sein Bruder John die Tür des alten Farmhauses.

Die beiden Junggesellen leben ein einfaches traditionelles Leben. John war ich noch nicht begegnet. Er freut sich über Besuch. Oh, Germany is a great country, glaub mir. Der Einladung zum Tee folge ich nicht. Danke, sehr gerne das nächste Mal.

John sucht nach einer Geste der Freundlichkeit. Auf der Fensterbank neben der Haustür liegen Äpfel. Grüne und rote. Gekaufte und eigene aus dem Obstgarten. John schenkt mir einen Apfel zum Abschied. Einen grünen. Ich ziehe weiter. John hat meine Seele berührt. Wann hat mir zuletzt jemand einen Apfel geschenkt?

Wann wurde Dir zuletzt ein Apfel geschenkt?

Irischer Sonntag: “Interessiert keine Sau”

like-meIrischer Sonntag. Das Full Irish schmeckt heute nicht richtig. Vor drei, vier Jahren wurde auf den Irland-und-andern-Blogs dieser Welt tatsächlich noch lebhaft diskutiert, disputiert, auch mal gestänkert, beleidigt und unter die Gürtellinie geschossen. Ich habe mich in der Zeit hin und wieder aufgeregt über Grenzüberschreitungen und schlechten Stil. Immerhin, so erkenne ich heute, waren derlei Äußerungen Zeichen von Rest-Engagement und von einer gewissen Lebendigkeit.

Irlandnews.comDerzeit wird gerade nicht gerne diskutiert. Schon gar nicht kontrovers. Facebook und andere Kommunikations-Quickies haben sich wie Mehltau über die Internet-Landschaften gelegt — und die meisten Menschen wirken auch online zu erschöpft, um sich einer anstrengenden Debatte auszusetzen. Sie geben sich mit tausend “Likes” pro Woche, netten Bildchen von irgendwas, mit nach Anerkennung schreienden “Ich-hab-wieder-selber-was-hergestellt-oh-mein-Gott”-Posts oder der Perfektionierung ihres öffentlichen Erscheinungsbildes in der Onlinewelt zufrieden.

Nenad Ptic, einer der Provokateure in der “alten” Online-Zeit, stellte vor kurzem auf Facebook ernüchtert fest:

“Solange man irgendwelche unverfänglichen Bildchen oder Storys postet, ist alles Kerry gold. Aber wehe man postet was Ernstes. Interessiert keine Sau! Sagt mal Leute, ist euch alles scheissegal oder was?!”

Nenad hatte auf FB gerade die Gefahren eines aufziehenden großen Krieges geschildert — und dafür nicht einmal eine Handvoll Interessierte gefunden.  Ja, was ist los mit uns? Wir jungen und alten Europäer, sind wir alle so erschöpft, ernüchtert, desillusioniert, deprimiert oder gar so satt und selbstzufrieden, dass uns der Gang der Dinge gar nichts mehr angeht? Die “Dinge” gehen im Großen und Ganzen seit geraumer Zeit grob in die falsche Richtung. Wir alle spüren und wissen das. Überall  Kriege, Krisen, vor allem aber die sich anbahnende ökologische Katastrophe und der ungebremst wütende, die Krisen verursachende Kapitalismus: Wir hätten genügend Gründe, um auf die Straße zu gehen. Statt dessen gilt der alte Sponti-Spruch mehr denn je: “Es gibt viel zu tun. Lassen wir´s sein”. Und wenn dann doch einmal etwas passiert, nässen sich Leute massenhaft bei einem zweifelhaften “Ice-Bucket-Challenge” für einen noch zweifelhafteren Zweck ein, der weitgehend unerkannt bleibt. Aber das nur nebenbei.

Es liegt an uns, endlich wieder nach den Zügeln zu greifen — und den Gang der Dinge nicht den Wenigen zu überlassen, die davon auf Kosten der Vielen profitieren. Die Zeit dafür könnte nicht besser sein: Was sich uns als Krise, Bedrohung und Zerfall zeigt, ist genauso sehr Chance, Neuanfang und Chance. Warum also tun wir nichts, noch nicht einmal diskutieren? Kann es sein, dass derzeit viele Menschen bei sich selber anfangen, weil alle Veränderung nur bei und in uns selber beginnt, und dass das ein eher “stilles Geschäft” ist?

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Irischer EselKelten-Tiger 2.0: Ich hatte es gestern im Bericht über Christy Moore kurz angedeutet: Über Irlands Weg in die Zukunft darf gerätselt werden. Da und dort gibt es Anzeichen, die Menschen hier hätten aus den Fehlern der Kelten-Tiger-Jahre Konsequenzen gezogen. Es gibt Hinweise, dass sich die Leute auf der Suche nach der richtigen Zukunft wieder stärker mit ihren alten kulturellen Wurzeln verbinden, dass sie sich wieder in ihre ganz eigene Tradition stellen, dass sie ihre eigene Vergangenheit  nicht abermals so missachten wie zu Zeiten des Celtic Tiger, als eine ganze Gesellschaft gierig Jagd machte auf Geld, Land und Status.

Dann allerdings lese ich zunehmend Headlines wie diese im heutigen Sunday Independent, und es wird klar: Der Zug ist längst wieder in die andere Richtung unterwegs und wird medial kräftig befeuert: “The shopping trip to New York, perhaps the ultimate expression of boom time hedonism, is back.”  Sagt allen weiter, titelt der Sundy Independent: Man fliegt in der Vorweihnachtszeit mal schnell wieder zur Einkaufs-Therapie nach New York und lässt die Kreditkarten glühen. Die irischen Hotelbuchungen in New York im November und Dezember deuten stark an: Es geht weiter mit “Shop til you Drop.” Zumindest für eine zunehmende Zahl konsumwütiger Gaelen.

Damit nicht genug. Derselbe Artikel listet fein säuberlich auf, wie es um die Werte im Land wirklich steht: Schon kauft man wieder massenweise hunds-teure Pferde (die dann bei der nächsten Rezession klapperdürr und hungernd am Straßenrand stehen und von deutschen Edelhelfern gerettet werden müssen); die Zahl der monatlichen Kfz-Neuzulassungen hat im Juli 2014 ein Juli-Allzeithoch erreicht, die Hauspreise in Dublin schießen in die Höhe; Elektronik und Möbel gehen wieder ziemlich gut,  und und und. Der Film heißt Zurück in die Zukunft 2.0 . 

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Und wie wird das Wetter? Oha, die Stormy Season ereilt uns in diesem Jahr früh: Schon für heute, Sonntagnachmittag, ist Sturm angesagt. 40 Milimeter Regen und Windstärken bis 120 km/h. Da klappen wir die Gartenmöbel zusammen, verstauen die Sonnenschirme. legen die Ohren an und legen uns lesend aufs Sofa: James Salter: Alles , was ist. Spannend wie das Wetter draußen . . .

 

Weter_Sturm

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Einen schönen Rest-Sonntag wünscht der Wanderer

PS: Wer schon Reisepläne für 2015 macht, mit uns könnt ihr in Irland wandern gehen: www.wanderlust.de. Die Termine und Preise 2015 sind online.

Fotos: Facebook-Me by Nisha Patel; Markus Baeuchle (Esel); Irish Independent.

 

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