Über Markus Bäuchle

Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus kann man in Irland wandern gehen: www.irland-wandern.de
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Ausblick 2017: So geht es weiter auf Irlandnews

Wanderlust Irland

Es war ungewohnt ruhig in den vergangenen Monaten hier auf Irlandnews.com. Sehr ruhig; und das hat mehrere Gründe. Der Wichtigste: Irlandnews zu machen ist für mich immer noch die schönste Nebensache der Welt, ein Hobby, das immer dann zu kurz kommt, wenn sich wichtigere Aufgaben in den Vordergrund drängen. Davon gab es einige in den vergangenen Monaten seit dem Sommer:

|:::| Wir sind mit unserem Irland-Veranstalter Wanderlust umgezogen: Wir sagen Bye-bye Ballylickey House und lassen uns einige Kilometer weiter südlich nieder: Ab der kommenden Saison wohnen die Gäste unserer Wander- und Natur-Ferien in einem schönen Park am Meer in Bantry: Die Pondlodge Cottages sind unser neues Domizil – mit Anschluss an das Westlodge Hotel und damit an Swimmingpool, Sauna, Fitness-Studio, Whirlpool, Dampfbad, Tennis-, Squash und Golf-Anlage. Und da Umziehen Arbeit macht, kam Irlandnews zu kurz.

|:::| Auch die Internet-Präsenz von Wanderlust ist umgezogen. Unter Anleitung der Augsburger Web-Agentur Betamodus und ihres Chef Boris Wollny haben wir www.wanderlust.de eine zeitgemäße Struktur und Ästhetik gegeben und unsere Website in allen Belangen aktualisisert – ohne sie den derzeitigen Internetmoden zu unterwerfen (Fotos). Wir bleiben klassisch, einfach, ehrlich, echt: so wie das Land, in dem wir leben und das wir lieben und unseren Gästen gerne vorstellen. Die Website ist allerdings übersichtlicher, benutzerfreundlicher und besser zugänglich geworden. Und das leicht zu bedienende Online-Anmeldeformular wird Ihnen vielleicht auch Freude bereiten. Zudem haben wir jede Menge guter eigener Fotos und einige Videos auf die neue Wanderlust-Website gepackt. Doch schauen sie selbst: www.wanderlust.de   –  und schreiben sie uns Ihre Meinung! Da aber Website-Relaunches viel Arbeit machen, kam Irlandnews zu kurz.

Irland Wandern

|:::| . . . und dann war da noch die sich stetig verschärfende Weltlage, die mich bisweilen sprachlos machte. Wie kann man über unsere Natur-Idylle am Atlantik schreiben, wenn die Welt zusehends den Bach runter geht, wenn die Demokratie sich abschafft, eine gefräßige Globalisierung die Welt immer ungerechter und ungleicher werden lässt und Natur-Ressourcen in bislang nicht gekanntem Ausmaß vernichtet werden, wenn Klimawandel, Naturvernichtung und Artensterben die Erde zu einem anderen Ort machen, den wir uns nicht ausgesucht haben. Ja, wie kann man?  Nach Wochen des Nachdenkens kam ich zum Schluss: Trotz alledem. Wir wollen uns noch stärker als bisher für den Schutz dessen einsetzen, was uns lieb und teuer ist. Mit Worten und Taten.

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|:::Womit wir bei Irlandnews.com sind: Hier in diesem Webmagazin soll es künftig wieder lebhafter zugehen. Unterstützt von Gast-Autoren und unserer Irland-TV-Beobachterin Antje Wendel werde ich mich stärker auf eigene Beiträge konzentrieren. Keine Freizeittips mehr für Dublin, keine News mehr aus Galway. Beiträge nicht mehr täglich, aber mehrfach in der Woche. Dafür mehr Schönes, Bemerkenswertes, Hintergründiges und auch mal Kritisches aus der irischen Provinz an der wilden Atlantikküste. Im Hintergrund bereiten wir gerade den Relaunch von Irlandnews vor. Auch diese Website wird aktualisiert, modernisiert und erscheint spätestens im Lauf des Januars in neuem Design. Vor allem aber wird Irlandnews neben den bekannten Irland-Themen künftig verstärkt das Verhältnis von Mensch und Natur thematisieren. „Natur & Wir“ wird der Frage nachgehen, warum wir Menschen so konsequent zerstören, was wir doch eigentlich lieben: Tiere, Pflanzen, Flüsse, Meere, Berge, Landschaften, Äcker und Weiden – unsere eigenen Lebensgrundlagen. Hinter allem steht die weitergehende Frage: Wie können wir das Verhältnis von Mensch („uns“) und Natur wieder in Ordnung bringen, können wir es heilen? Wir wollen Antworten mit Worten und Taten liefern: Worte hier auf irlandnews, Taten mit unserem Natur-Retreat-Projekt in Irlands Bergen: www.irland-natur.de .

In Zeiten, da viele Menschen sich gerne nur noch mit Likes auf Facebook äußern und damit lediglich ein gefräßiges und – wie wir zusehends merken – gefährliches Datenmonster füttern, sind wir hier auf Irlandnews.com mehr denn je auf aktive LeserInnen und NutzerInnen angewiesen, die sich einmischen, kommentieren, die uns wohlwollend begleiten und sich beteiligen. Versuchen wir es! Bis demnächst an dieser Stelle.

In diesem Sinne
Happy Nikolaus

Alle Fotos: Screenshots der neuen Wanderlust-Website www.wanderlust.de  (C) Markus Bäuchle

Irland-Wetter: Dauerhoch und goldener November

Winter in Glengarriff Harbour

Winter in Glengarriff Harbour

Irland im Dezember. Nun liegt Regen in der Luft, ein Wetterwechsel kündigt sich an. Das stabile Dauerhoch, das über sechs Wochen unser Wetter am Atlantik bestimmt hat, verabschiedet sich langsam. Wir genossen in diesem Jahr den schönsten November seit unserer Ankunft vor 16 Jahren.

Schaf unter Weißdorn am Sheeps Head

Schaf unter Weißdorn am Sheeps Head

Es war ein goldener November: windstill, trocken und sehr sonnig. Dieser November wird als einer der sonnenreichsten in die jüngste Wettergeschichte eingehen – und der Wintermonat mit den kurzen Tagen hatte mehr Sonnenstunden als der Juni, der Juli oder der August dieses Jahres.

Blaue Stunde in Trafrask

Blaue Stunde in Trafrask

Die tief stehende und doch intensiv scheinende Sonne bescherte uns seltene Lichtspiele . . .

Die Farben des Laubs im Naturschutzgebiet Glengarriff

Die Farben des Laubs im Naturschutzgebiet Glengarriff

Hier ein paar Eindrücke von einem Novembermonat, den wir auch schon anders kennen gelernt haben.

Wolke über Field Gate

Wolke über Field Gate

Fotos: Antje Wendel und Markus Baeuchle, 2016

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In der Dunmanus Bay

 

Beara Stories: Die Friedhöfe von Castletownbere

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The Glebe – der alte Friedhof von Castletownbere

Geschichten von der Beara-Halbinsel im Süd-Westen Irlands (Teil 14)

von Peter Bernhardt* 

Heute erzählt Peter Bernhardt im Geschichten-Zyklus über das ländliche Irland am Atlantik über die vier Friedhöfe von Castletownbere auf der Beara-Halbinsel. Sterben hat immer Konjunktur, doch in manchen Zeiten mehr als in anderen. Im 19. Jahrhundert fiel die Bevölkerung von Beara binnen zehn Jahren von 25.000 auf 6.000, Friedhöfe waren Mangelware. Aber lesen sie selbst . . . 

Die Friedhöfe auf der ganzen Welt zeigen auf regional unterschiedliche Weise eindrucksvoll, wie wir Menschen mit unseren Verstorbenen umgehen, welche Rituale und unterschiedliche Beerdigungsformen die Völker seit Jahrhunderten praktizieren. Ich liebe die irischen Friedhöfe, besonders die alten. Wie das Geboren-werden, Leben und Sterben, so verhält es sich auch mit einem traditionellen irischen Friedhof. Er wird angelegt, belegt und wenn er „voll“ ist, wird er (in den meisten Fällen) der Natur überlassen. Hier haben die Toten wirklich noch ungestörte Totenruhe garantiert. In Deutschland, zum Beispiel, gewährt das Friedhofsamt diese Totenruhe nur 20 bis 25 Jahre, dann wird in der Regel „abgeräumt“.

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So hat Castletownbere, der Zentralort auf der Beara-Halbinsel, inzwischen vier Friedhöfe. Der älteste befindet sich etwas außerhalb der Stadt in Richtung Allihies: Killaconenagh Graveyard, auch The Glebe genannt. Es ist zwar historisch nicht gesichert, aber die eigentliche „Stadt“ muß in unmittelbarer Nähe gewesen sein, bevor sich Castletownbere an seinem jetzigen Ort ausbreitete. Als Carews Truppen im Jahre 1602 bei der Schlacht in Dunboy hier Stellungen bezogen, wurde von der Gegend eine Karte gezeichnet, die etliche Behausungen rund um den Friedhof zeigen. In Castletownbere stand einst das Castle Dermot, direkt am heutigen Hafen. Auch dieses Castle ist auf der alten Karte eingezeichnet.

glebe_7Killaconenagh ist der alte Gemeinde-Friedhof von Castletownbere. Der Name Killaconenagh hat verschiedene Übersetzungen. Der Volksmund übersetzte es mit: Der Wald der Hasen. Der Domherr meinte, es bedeute: „Die Kirche der fastenden Aiche“ (sie war die jungfräuliche Tochter des Darerea, St. Patricks Schwester). Und Bruder O’Halloran hat es als „Die Kirche des schönen Feldes“ übersetzt.  Es wird berichtet, daß im Jahre 1615 die Kirche repariert wurde, doch schon im Jahr 1700 beschreibt Bischhof Diva Downes: „…die Kirche sei nur noch eine Ruine, außerdem lebten hier eh nur noch 15 protestantische Familien…!“

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Wenige Überreste dieser Kirche sind heute noch auszumachen, stark von Efeu überwachsen und umrundet von schönen, alten und verwitterten Grabsteinen. Hier findet man auch Grabstellen englischer Offiziere und von Soldaten und deren Ehefrauen, die auf Bere Island stationiert waren und dort ihren Dienst taten. Ebenso wurden die beiden Kinder (vier und 14 Jahre alt) von Captain Henry Pascoe, einem Manager der Kupfer-Minen in Allihies hier bestattet. Pascoe hatte das Komando über die Kupfermine im Jahre 1864 übernommen. Er war ein harter Verhandlungspartner und wußte seine Interessen durchzusetzen – mit der Macht von 16 Küstenwachmännern im Rücken und mit einer beachtlichen Anzahl von Special Police. Minenbesitzer Puxley soll von Pasco schwer beeindruckt gewesen sein und fand, dass dies der richtige Mann sei, die Minen-Geschäfte zu betreiben.

glebe_6Ein Grabstein hat die bewegende Inschrift:

Here lith the body of Johannah Power.
Who departed this life January 9th 1805. After 25 years.

Gefolgt von einem Vierzeiler:

Dear husband no my life is past.
My life to you so long did last.
Now for me no sorrow take.
But love the children for my sake.

Eine Teil der nördlichen Friedhofsmauer wurde zu einem Boot gestaltet. Hier beerdigte man ertrunkene Seeleute, die das Meer an Land spülte und von denen man in der Regel weder den Namen noch die Herkunft kannte. Im weiteren Verlauf der Nordmauer gibt es ein Massengrab, das in den Hungerjahren 1845-50 die vielen „namenlosen“ Verstorbenen aufgenommen hat. Dazu schrieb der örtliche Archaeologe und Lehrer Connie Murphy anläßlich der Enthüllung einer Gedenktafel im Jahr 1996:

Friedhöfe Irland

Gedenkstein für die Opfer der Hungersnot auf The Glebe in Castletownbere.

Die Volkszählung von 1841 verzeichnet eine Population auf der Beara Peninsula von über 25.000, sechs mal höher als die jetzige. Die Mehrheit der Bewohner war extrem arm und lebte in strohgedeckten Einraum-Häuschen mit Erdfußböden. Durchschnittlich lebten sechs Personen in solchen Häuschen. Allgegenwärtig war die Angst, vom Gutsherrn vertrieben zu werden. Wenige Kartoffelbeete sorgten für die einzige Nahrung. Für Abwechslung war kein Platz und auch kein Geld vorhanden.

Eine schlimme Kartoffelfäule traf Irland hart im Jahre 1845. Das Jahr 1846 fing vielversprechend an, doch plötzlich im Juli verfaulten erneut 90 Prozent der angebauten Kartoffeln. Recht bald waren die Vorräte verbraucht und die Menschen hungerten. Auf der Suche nach Nahrung wurden Brennessel, Löwenzahn, Beeren gesammelt, Hasen und Vögel gefangen. Die in der Nähe der Küste lebten, sammelten Seetang, Strandschnecken und Muscheln, um zu überleben. Durch ihren geschwächten Zustand grassierte die Ruhr, besonders unter den Kindern. Typhus und Fieber verbreitete sich und bald starben Jung und Alt in großen Zahlen. Oft fand man ganze Familien tot in ihren Häuschen. Bei der Volkszählung von 1851 lag die Zahl der Einwohner noch bei etwa 6000: Vermutlich ist die Hälfte gestorben, die andere Hälfte hat Irland verlassen.“

Wenn die Todesfälle stiegen und die Totengräber knapp wurden, dann legte man Massengräber an. Ein solches Massengrab hat man entlang der Nord-Mauer auf dem Killaconenagh Friedhof ausgehoben. Es gibt keine Aufzeichnungen, wieviele Opfer hier beerdigt wurden. Es gibt auch keine Aufzeichnung ihrer Namen. Es gibt keine Aufzeichnungen über Geburt- und Sterbedaten. Wir wissen nur, es waren Menschen. Ungeachtet des ärmlichen Zustandes, in dem sie gelebt haben: Auch diese heute anonymen Menschen haben einmal gelacht und geweint, haben gearbeitet und gespielt, haben gelitten und getanzt, haben gehaßt und geliebt, haben sich vor der Hölle gefürchtet und auf die Erlösung durch Gott gehofft, wenn sie starben. May their Souls have everlasting Peace!“

Mitte des vorletzten Jahrhunderts mußte man mit Erschrecken feststellen, daß die Gräber von frisch Beerdigtenauf The Glebe geschändet und die Leichname entwendetworden  waren. Und das Gerücht verbreitete sich, es handele sich um einen verwunschenen Aal, der aus einem nahe gelegenen See herüber geschwommen kam und die Leichname raubte. Einige, denen die Geschichte doch ein wenig zu weit ging, vermuteten im Fabelwesen ein Krokodil oder einen Aligator. Als man wieder nach einer Beerdigung feststellen mußte, einer oder etwas habe sich am Grab zu schaffen gemacht, fand man zwar keine Leiche mehr, aber der Deckel des Sarges, so viel war klar, konnte unmöglich von einem Tier geöffnet worden sein. Alle Spuren deuteten auf einen oder mehrere Zweibeiner. Und allmählich ging den Leuten ein Licht auf und sie fanden heraus, daß die Leichen Frischverstorbener von Grabräubern im Auftrag der Universität Cork entwendet wurden. Die Professoren brauchten dringend Leichen für ihre Anatomie-Vorlesungen. Die waren zu der Zeit nur schwerlich zu bekommen.

Angrenzend an den Friedhof befindet sich das protestantische Pfarrland. 1818 beantragte der diensthabende Vikar Cox Harris den Bau eines neuen Pfarrhauses. Das alte war in einem erbärmlichen Zustand, fast schon eine Ruine. 20 Jahre später, nach dem Tode von Harris, zog Pfarrer Thomas O’Grady hier ein. O’Grady kam von einer sehr alten talentierten Limerick-Familie. Aber das ist eine andere Geschichte . . . 

Nach der Schließung des alten Friedhofes The Glebe im Jahre 1851 bekam die Gemeinde von Lord Bantry zwei Acres Land in Foildarrig, an der Starße von Castletownbere nach Eyeries, gleich an der Stadtgrenze. Die jährliche Pachtsumme betrug drei Pfund. Die Wächter wurden angewiesen, um das neue Friedhofsareal einen fünf Fuß hohen Zaun zu errichten, der später durch eine gleichhohe Steinmauer ersetzt wurde. Der Friedhof,  der den Namen St. Finian’s bekam, wurde am 2. August 1886 eingeweiht und gesegnet. Zur gleichen Zeit brachte man am Eingang eine Gedenktafel an, mit der Inschrift:

St. Finian’s Cemetery, Land presented by the Lord of Bantry, to the Burial Board of Castletown Union, and consecrated on the 2nd August 1875, by Revd. D. Moriarty,. R.C.B.“!

Der zweitjüngste Friedhof von Castletownbere

Der zweitjüngste Friedhof von Castletownbere


Aber in Wirklichkeit war der Friedhof schon um einige Jahre älter – er existierte nämlich seit 1852. 
Die offizielle Einweihung verzögerte sich um einige Jahre, weil man befürchtete, Lord Bantry zu verärgern. Doch dann entschied der Bischof, die Zeremonie still und heimlich durchzuführen. Trotz dieser Vorsichtsmaßnahme bekam Lord Bantry Wind davon und war nun wirklich äußerst verärgert. Als er dann auch noch hörte, daß man am Eingang eine Gedenktafel angebracht hatte, ordnete er beim zuständigen Amtmann  die sofortige Entfernung an. Eines Nachts kamen sechs Männer mit Brechstangen, um die Tafel zu entfernen. Sie hatten aber nicht damit gerechnet, daß die Fenier (republikanische Iren) im Hinterhalt auf der Lauer lagen. Als die sechs Männer ihre Brecheisen ansetzten, wurden sie mit einem Steinhagel von ihrem Vorhaben abgehalten, nahmen ihre Füße unter die Arme und verschwanden schleunigst unter Zurücklassung der Brechstangen. Lord Bantry fügte sich, und die Tafel durfte bleiben.

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Als auch dieser Friedhof belegt war, eröffnete man direkt gegenüber auf der anderen Seite der Straße, den dritten Friedhof. Die beiden unteren Fotos zeigen diesen. Inzwischen hat Castletownbere schon den vierten Friedhof in Betrieb.

Peter BernhardtDer Autor: Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer fünfwöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling.

PS: Peters Geschichten von der Beara Peninsula erscheinen regelmäßig hier auf Irlandnews.

Alle Fotos: Peter Bernhardt

Am wilden irischen Atlantik zwischen hier und da

Irland Westküste

Manche mögen sie, manche nicht: Die Galgen am Wild Atlantic Way in Irland. Im vergangenen Winter hatten die Lokalverwaltungen im Auftrag der Tourismusbehörde Failte Ireland an 188 Orten an Irlands Atlantikküste 3,5 bis 5 Meter hohe Markierungspfähle samt Info-Hier IrlandDisplays aus Rohstahl aufgestellt. Die von weit her sichtbaren Masten tragen den Namen des Ortes und das Wild Atlantic Way Logo. Die Form der zwar rostenden und dennoch wetterfesten Masten, die von Designern der Paul Hogarth Company in Belfast entwickelt wurden, erinnert an einen Galgen und könnten auch in Corks Fußgängerzone stehen. Diese eisernen Photo Points an den 188 schönsten, markantesten, wichtigsten oder interessantesten Stellen der Westküste sollen Besucher des Wild Atlantic Way darauf hinweisen, wo es sich lohnt anzuhalten und ein Foto von der Landschaft zu machen. Der Markierungsmast soll selber Teil des Fotos werden, indem er dieses einrahmt. Ein Hilfsmittel für Besucher also. Zumindest so wollen es die Verantwortlichen.

Man darf annehmen, dass jeder Besucher von Irlands wildem Westen die Galgen mittlerweile kennt und eine Meinung dazu hat – zu den Diskussionen um den ästhetischen Gehalt der Rostständer aber gesellte sich diesen Sommer eine neue Debatte: Wie werden die Informations-Displays wohl aussehen, deren nacktes Gerüst jetzt vielerorts schon seit einem Jahr direkt neben dem Galgen steht? Vor allem aber: Wann werden die Informationen mit schön getexteten Werbe-Formeln für die Orte und Ausblicke am irischen Atlantik wohl in den Displays Einzug halten?

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Wir wissen es nicht. Wir haben jedenfalls noch keinen Eisenrahmen entdeckt, der bereits mit Informationen bestückt worden wäre. Schon macht das Gerücht an Irlands wilder Küste die Runde, die leere Fläche der Displays sei ein Raum für eigene Notizen der anhaltenden Landschaftsbetrachter. Und tatsächlich hat ein wacher Alltagsphilosoph das leere Display von Dooneen auf der Beara Halbinsel bei Allihies genau dafür benutzt. Er füllte es mit Sinn und der mit Kreide geschriebenen Bemerkung: „You are here“. Du bist hier. Stimmt genau, und macht sich auf hintersinnige Weise lustig über die 3,5 Millionen Euro teure informationsfreie Zone.

Mich erinnerte der Spaß an die häufigst gehörte Frage unserer Kinder, wenn wir früher von Ort zu Ort, damals noch galgen-frei, reisten: „Papa, wann sind wir da?“. Ich antwortete darauf jahrelang: „Wir sind nie da, wir sind immer hier“. Die Kinder haben es irgendwann, Jahre später, verstanden. Und irgendwann werden auch Informationen in die Displays am Wilden Atlantischen Weg Einzug halten – wenn die Displays bis dahin nicht längst weg gerostet sind . . .

Hier, Irland. Du.

Fotos: Markus Baeuchle. Mehr Informationen zu den Wild-Atlantic-Way-Galgen gibt es übrigens hier: Klick und hier: Klick

 

Die Schönheit des goldenen Oktobers in Irland

Der Sugar Loaf Mountain in Herbstfarben

Der Sugar Loaf Mountain in Herbstfarben

Irland im Oktober: Unser Freund und Nachbar Stefan, der Hobby-Metereologe, beobachtet den Himmel über Irland nun schon seit 30 Jahren täglich aufmerksam. Aus seinen Erfahrungen und seinem Wissen über das Wetter am irischen Atlantik drechselt Stefan seine Ein-Satz-Regeln – zum Beispiel die bei Wandergästen beliebte Formel: „Wenn das Wetter in Deutschland schlecht ist, ist es bei uns gut“. Das klingt etwas grob vereinfacht, trifft aber doch immer wieder zu. Wir hatten einen frühen guten Sommer mit leichter später Delle, und jetzt genießen wir einen wahrhaft goldenen Oktober. Der Monat war überwiegend trocken, die Lichtstimmungen wechseln zwischen faszinierend, dramatisch und romantisch – und die Sonnenuntergänge setzen fast jeden Abend einen herz-erfüllenden Schlusspunkt hinter den hellen Teil des Tages.

Der Oktober ist über die Jahre gesehen ein Klasse-Monat, um Irland zu besuchen. Genauso wie der April.  Auch wenn es viele Irland-Reisende nicht glauben wollen: Dies sind die besten Monate des Jahres. Sie liegen außerhalb der Saison, die Preise sind moderat, das Land ist im April noch ruhig und im Oktober schon zur Ruhe gekommen, die Tage sind lang genug, und eine tiefer stehende Sonne zaubert im Zusammenspiel mit den vielschichtigen Wolken genau das faszinierende intensive Licht, für das Irland berühmt ist. Die üppige Blüte im April und der leuchtende farbige Herbst im Oktober sind jedenfalls zwei meiner zwölf  irischen Lieblingsmonate. Zwei herausragende.

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Oktober-Himmel über der Bantry Bay

Doch genug der Worte. Schauen wir Fotos. Unsere Freundin und Nachbarin Antje, LeserInnen von Irlandnews von den Irland-TV-Tipps bestens bekannt, die sie jeden Freitag hier für die Irland-Fangemeinde zusammenstellt, hat die Schönheiten dieses irischen Oktobers im Bild festgehalten. Hier ein paar Eindrücke. Danke, Antje!

Regenbogen am Sheeps Head

Regenbogen am Sheeps Head

Die Hügel bei Ballydehob im goldenen Herbstlicht

Die Hügel bei Ballydehob im goldenen Herbstlicht

Wildes Meer bei Crookhaven - Die Oktobersonne gibt dem Meer eine ganz besondere Farbe

Wildes Meer bei Crookhaven – Die Oktobersonne gibt dem Meer eine ganz besondere Farbe

Sonnenuntergang im Oktober über der Bantry Bay

Sonnenuntergang im Oktober über der Bantry Bay

Die Oktobersonne taucht den Strand vom Barley Cove in warmes Licht

Die Oktobersonne taucht den Strand vom Barley Cove in warmes Licht

"The Last Rose Of Summer" streckt sich der Oktobersonne entgegen

„The Last Rose Of Summer“ streckt sich der Oktobersonne entgegen

 

 

Alle Fotos: Antje Wendel

 

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Madeleine Webers Woche: Atlantik-Wellen

Atlantik Irland

Skellig Coast Storm, fotografiert von Madeleine Weber.

Madeleine Webers Foto-Woche:  Wir sind wieder mit der Profi-Fotografin Madeleine Maria Weber unterwegs. Wir fahren entlang der wild-romantischen Atlantik-Küste im County Kerry und halten Ausschau nach der schönsten Welle.

 Madeleine WeberMadeleine Maria Weber (Foto) fotografiert die tosenden Wellen des Atlantiks am Skelligs-Ring. Sie kommentiert:

„Stürme bieten eine gute Gelegenheit, um aufregende Wellenformationen zu fotografieren. Sicherheit steht dabei immer im Vordergrund, und ich kann nicht genug davor warnen, wie unberechenbar das Meer ist. Halten Sie also guten und sicheren Abstand zu Klippen und Stränden. Ich empfehle viele Aufnahmen zu machen um dann ein Bild herauszusuchen, welches kompositionell und farblich am attraktivsten erscheint.“

Madeleine ist die Frau, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Weil sie warten kann. Auf den richtigen Zeitpunkt. Auf das perfekte Motiv. Fotografieren ist gutes Auge, gute Technik und viel, viel Geduld, Warten, Warten. Seit elf Jahren fotografiert Madeleine die einmalig schönen Landschaften Südwest-Irlands.

Wir begleiten Madeleine, die in Emlaghdrinagh, Waterville, im County Kerry lebt, in diesen Monaten bei der Arbeit, zeigen hier auf Irlandnews.com  jede Woche ein Foto aus ihrer Arbeitswoche. Uns gefällt, dass in ihren Fotografien die Landschaft erkennbar bleibt, wie sie das Auge wahrnimmt, und dass sie in ihren Fotos dennoch eine ganz eigene unverkennbare künstlerische Ästhetik schafft.

Madeleine Weber Studio Irland Madeleine Weber FotografieÜbrigens: Madeleine Webers Fotos könnt Ihr vor Ort in Irland in ihrem Studio am Skellig-Ring im Original anschauen. Die Fotografin präsentiert ihre Landschafts- und  Meeres-Aufnahmen täglich von 11 bis 17 Uhr als hochwertige Kunstdrucke in verschiedenen Größen. Die Ausstellungsräume liegen an der R567 in Emlaghdrinagh zwischen Waterville und Ballinskelligs am Wild Atlantic Way (Telefon: +353 (0)85 780 3273). Sie versendet ihre Fotos weltweit: www.madeleinemariaweber.com.

 

Madeleines Foto-Woche erscheint (fast) jede Woche hier auf Irlandnews.com. 

Die Geschichten von Darby, Tadhg und Maggie

Kirche Eyeries

Saint Kentigern war im 19. Jahrhundert das Zentrum des Lebens der Menschen von Eyeries

Geschichten von der Beara-Halbinsel im Süd-Westen Irlands (Teil 9)

von Peter Bernhardt* 

Wir setzen den Geschichten-Zyklus über das ländliche Irland an der Atlantikküste fort. Geschrieben von unserem Freund Peter Bernhardt. Er forscht gern in der Vergangenheit und lässt ein Stück „altes Irland“ lebendig werden. Heute erzählt uns Peter weitere wahre Geschichten, die das Leben im Dörfchen Eyeries auf Beara im 19. Jahrhundert schrieb. 

Darby und Mary heirateten im April 1849. Selbst nach vielen Jahren stellte sich kein Nachwuchs ein. Der Priester von Eyeries ermunterte Darby, doch endlich einmal etwas an seinem Anwesen zu verbessern, das inzwischen schon ein wenig heruntergekommen war. Doch Darby meinte, es hätte keinen Sinn, zumal er ja keinen Erben hätte, dem er die Farm übergeben könne. Doch der Priester ließ nicht locker und drängte Darby immer wieder, etwas an der Farm zu verbessern und versprach ihm, er würde schon irgendwann ein Kind bekommen. Darby tat, was ihm der Priester geraten hatte, und im März 1865, 16 Jahre nach der Hochzeit, wurde ihnen der ersehnte Sohn geboren.

Die neuen Kirchenfenster – erst vor einigen Jahren gestiftet von Familien im Dorf.

Die neuen Kirchenfenster – erst vor einigen Jahren gestiftet von Familien im Dorf.

Dan war ein Champion im Mähen von Heu mit der Sense, und seine Dienste waren bei den größeren Farmern sehr gefragt. Eine Zeitlang war er bei der Dunboy Farm eingestellt und es sollte zu einem Wettkampf mit einem anderen Mann kommen. Wer von ihnen würde in einer vorgegebenen Zeit das meiste Heu mähen? Als die Dinner Time heranrückte, hatte Dan schon einen guten Vorsprung vor seinem Herausforderer. Der machte sich Gedanken, wie er Dan stoppen könnte und mischte in einem günstigen Augenblick ein bestimmtes Salz in Dans Getränk. Gegen Abend tat das Getränk seine Wirkung. Dan mußte jetzt öfters unterbrechen und über den Zaun hinweg der Natur freien Lauf lassen. Der „Ruf der Natur“ wurde aber immer schlimmer und so kam, was kommen mußte: Dan konnte nicht mehr rechtzeitig die Hosen runter lassen und „beschmutzte“ sich. Der Herausforderer hatte inzwischen gut aufgeholt. Doch er sollte sich täuschen: Dan zog einfach seine Hose aus, mähte nackt weiter und gewann der Wettbewerb!

Big Patrick war ein großartiger Charakter mit wunderbarem Gefühl für Humor. Es ergab sich, daß Patrick Vater von Zwillingen wurde (ca. 1900). Nach der Tauf-Zeremonie übergab Patrick dem Priester einen Umschlag mit dem üblichen Obolus für ein Kind. Als der Priester den Umschlag öffnete und sah, daß da nur das Geld für ein Kind war, rief er Patrick zu sich: „Komm her Patrick, hast Du nicht Zwillinge bekommen? Du hast nur für ein Kind bezahlt“. „Das ist richtig, Vater“ antwortete Patrick: „Zwei kamen – aber es war nur eins von mir bestellt.“

Tadhg Riobard war als exzellenter Athlet bekannt. Es wird erzählt, daß er einstens in der Mitte des 19. Jahrhunderts einen Hasen im Lauf gefangen hat. Er war aber auch als hervorragender Springer bekannt. Eines Tages arbeitete Tadhg für Gillman, einen Hotelbesitzer, der zu diesem Zeitpunkt ein paar Gäste hatte, von denen sich einer brüstete, ein guter Springer zu sein. Gillman wettete fünf Pfund, daß er einen Mann kenne, der aber noch viel besser sei. Der Test sollte ein sechs Fuß, also etwa 1,80 Meter (!) hohes Eisentor sein, das auf der Oberseite auch noch mit spitzen Zacken versehen war. Tadhg Riobard wurde gerufen, als er gerade dabei war, den Torf zu stechen. Spät am Abend kam Tadhg in seiner gewöhnlichen Arbeitskleidung, den Spaten über der Schulter, und übersprang das Tor um einige Inches souverän. Gillman gewann die fünf Pfund, gab aber Tadhg noch nicht einmal keinen Half-Penny ab. Jahre später wanderte Tadhg in die USA aus. Eines Nachts brach ein Feuer im Haus aus. Um den Brand zu entkommen, sprang Tadhg aus dem oberen Fenster – in den Tod.

Eyeries IrlandMaggie (geb. 1870) wanderte nach Butte (Montana) aus, wo sie einen Armagh-Mann heiratete. Später zogen sie weiter in ein Bergbau Camp nach British Columbia, Canada. Eines Nachts, während die Männer unter Tage arbeiteten, wurde das Camp von einem Erdrutsch verschüttet und begrub alle schlafenden Frauen und Kinder im Schlaf – auch Maggie, deren Tochter und eine Nichte.

Mike war auf dem Rückweg vom Sein Fishing, damals eine häufig angewendete Form des Fischfangs, als sein Boot ganz in der Nähe von Caherkeem auf einen knapp unter der Wasseroberfläche ruhenden Felsen auffuhr und kenterte. Mike konnte sich nicht retten und ertrank – und mit ihm vier weitere Männer. Nur ein Mann überlebte den Unfall, der sich Mitte des 19. Jahrhunderts ereignet hatte. Mikes Frau rief den Priester und bestürmte ihn, er möge doch alles daransetzen, den Leichnam Mikes zu finden. Darauf hin nahm der Priester sich an einem ruhigen Tag ein Boot, zündete eine gesegnete Kerze an, platzierte sie in einem Bündel Stroh, setzte es aufs Wasser und überließ es der Strömung. Nach einer Weile begann das Bündel Stroh mit der gesegneten Kerze darin sich zu drehen. Das nahm der Priester als Zeichen und verkündete Mikes Frau, daß der Körper ihres Mannes mit Sicherheit gefunden wird. Und so geschah es auch. Mikes Leichnam war von der Strömung abgetrieben worden und wurde in der Nähe von Travara gefunden. Die Leichname der vier anderen Männer blieben spurlos verschwunden.

Darby war Schreiner und ein Mann mit viel Sinn für Humor. Er lebte in der Zeit der großen Hungersnot, der Famine. Als er wieder einmal den Auftrag für einen Sarg bekam, entschied er, diesen Sarg selbst einmal auf Größe und Komfort auszuprobieren. Er trug den Sarg hinaus vor seine Werkstatt, legte sich in voller Länge hinein und rauchte sein Pfeifchen. Johanna, seine Frau, kam des Weges und sah den Qualm und dachte, der Sarg hätte sich entzündet. Sie rannte ins Haus und kam mit einem Eimer voll Wasser, den sie über den Sarg schüttete und ihren Darby damit fast ertränkte. Eine bemerkenswerte Fügung: Die nächste Person, die in diesen Sarg gelegt wurde, war tatsächlich Darby selbst – diesmal allerdings tot.

Fortsetzung folgt . . . 

Peter in Clogher 2013_IMG_1710Der Autor: Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer fünfwöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling

Peters Geschichten von der Beara Peninsula erscheinen regelmäßig hier auf Irlandnews.

Fotos: Peter Bernhardt

Die Story von Paddy und dem Apfel-Monster

Apple Irland

Irlands Regierung führt uns gerade klar wie nie vor Augen, warum so viele Menschen in Europa die Schnauze gestrichen voll haben von der etablierten Politik. Die Europäische Union bringt endlich die Courage auf und fordert von Apple, einem der mächtigsten Unternehmen der Welt, ein Teil des Geldes zurück, dass der Tech-Konzern mit Hilfe der irischen Regierung seit dem Jahr 1991 an allen Finanzämtern Europas vorbei schleusen konnte: Die EU verlangt nun, dass Apple dafür 13 Milliarden Euro an den irischen Staat zahlt. Denn Apple hat in mehr als 20 Jahren auf die in Europa erwirtschafteten Gewinne so gut wie keine Steuern bezahlt. Steuerquote nahe null Prozent. Und was macht die Regierung Irlands? Sie lehnt das Geld ab und will sich gegen diese Entscheidung juristisch wehren. Verbrämt wird dieses sture Festhalten an grob un-ethischem Verhalten mit vermeintlich nationalem Interesse und nationaler Souveränität. Verteidigt wird die zwar legale, aber heute völlig illegitime irische Spezialität des Baus von Steuerschlupflöchern gigantischen Ausmaßes.

Sieben Jahre lang quälte sich die Mehrheit der Menschen auf der grünen Insel durch die tiefste Finanz- und Wirtschaftskrise, die das Land seit Jahrzehnten gesehen hatte.Der Staat hatte im September 2008 eine komplette Garantie für alle Bankeinlagen gegeben und war quasi über Nacht in die Zahlungsunfähigkeit gestürzt. Um Banken zu retten, Spekulanten und Hasardeure auszuzahlen und die europäische Finanzwelt zu befriedigen, wurde Mary und Paddy seit 2008 Milliarden Euros vom Mund abgespart: Durch immer neue Gesetze, Verordnungen, Steuer- und Abgabenerhöhungen – und viele Menschen haben das Tal der Tränen bis heute nicht verlassen, auch wenn die offizielle Hymne davon singt, dass Irland es längst wieder „geschafft hat“. Ungeschoren davon kamen Big Business und Big Finance. Die Multinationals dürfen weiterhin jährlich zig Milliarden Euro in wenige private Taschen schaufeln, die ganz klar den Staaten, den Gemeinwesen und den Gemeinden zustehen.

Menschen, mit denen ich in diesen Tagen spreche, kämpfen angesichts der Haltung ihrer Regierung im Fall Apple mit Übelkeit, Wutkrämpfen und Brechreiz: Ministerpräsident Enda Kenny und seine Kabinettskollegen – es gibt nur wenige rühmliche Ausnahmen – lassen die Bürger gerade völlig im Regen stehen: Sie schlagen sich erneut auf die Seite der globalen Konzerne, sie verteidigen eine 25 Jahre alte unmoralische Steuer-Vermeidungspraxis, die damals nach Art der Viehhändler unter der Ägide des korrupten Regierungschefs Charley Haughey für Apple (und andere Konzerne) handgestrickt wurde.

Was könnten 13 Milliarden Euro ändern in einem Land, das sich vor einer Dekade mal kurz als das reichste Land Europas feierte, aber infrastrukturell noch immer daher kommt wie ein Schwellenland? Mit der Weigerung, reinen Tisch zu machen und das den Menschen auf der Insel zustehende Geld treuhänderisch sinnvoll zu investieren, enthält die Regierung ihren Bürgern das Recht vor, endlich ordentliche Schulen, Krankenhäuser, Straßen, Wasserwerke und Kläranlagen zu bekommen, indem sie trotzig an den Fehlern der letzten Jahrzehnte festhält und sich erneut auf die Seite der anscheinend übermächtigen Konzerne schlägt – mit dem Argument, Arbeitsplätze hätten eben ihren Preis . . .  Und ja, sie festigt damit das üble Image Irlands als einem Finanz-Schurkenstaat, in dem noch immer alles möglich ist, was den profitgierigen Multis andernorts verwehrt bleibt. Es mag sein, dass diese Weigerung, den Status der mächtigsten Steuer-Oase für Multinationals in Europa aufzugeben, den überfälligen Reinigungsprozess noch ein paar Jahre verzögert. Stoppen kann sie ihn nicht. Wir werden noch viele dieser wahren Gruselgeschichten zu lesen bekommen – und der Schaden, der mit dem Verzögern und Verschleppen gesellschaftlich angerichtet wird, wird dadurch nicht kleiner.

Es stimmt. Apple hat Irland viele Arbeitsplätze und damit Wohlstand gebracht. Es stimmt: Die Globalisierung hat ihre Vorteile. Doch genauso stimmt, dass  die von Technik-Konzernen und Finanzkapital rasend schnell vorangetriebene Globalisierung die Ungleichheit in Europas Gesellschaften drastisch vergrößert hat, dass sie den sozialen Frieden erschüttert und dass sie viele Millionen Menschen mental wie materiell nicht mitgenommen hat. Ob in Irland, in Frankreich, in Klein-Britannien oder in Mecklenburg-Vorpommern: Zurück bleiben desorientierte, verunsicherte, ratlose und oft auch wütende Menschen, die sich in ihrer Welt nicht mehr auskennen, die sich in ihrer Existenz bedroht sehen und die sich von ihren Regierungen nicht mehr wahrgenommen fühlen. Auch die politische Führung in Irland ist gerade dabei, sich um Kopf und Kragen zu regieren . . .

Wie sie wohl weiter geht, die wahre Grusel-Geschichte von Paddy und dem Apfel-Monster?

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