Über Markus Bäuchle

Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus kann man in Irland wandern gehen: www.irland-wandern.de
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Wandern und Fotografieren in Irland mit dem Profi

Ethereal Dawn

Dämmerung am Loop Head, County Clare

Wanderlust Irland und der bekannte Landschafts-Fotograf Carsten Krieger veranstalten in diesem Jahr zwei Foto-Wanderwochen im Südwesten Irlands. Vom 4. bis 11. April und 12. bis 19. September haben wandernde Fotografen und fotografierende Wanderer Gelegenheit, die schönsten Orte des irischen Südwestens zu Fuß zu erkunden, ihre Fotografie-Kenntnisse zu verbessern und bleibende Erinnerungen in Form guter Fotos mit nach Hause zu nehmen. Wir sprachen mit Carsten Krieger, der seit zwölf Jahren in Irland lebt und arbeitet, über diese beiden ganz besonderen Ferienwochen — und zeigen einige seiner Fotos.

Carsten Krieger

Carsten Krieger

Hallo Carsten, bevor wir los legen, darf ich Dich bitten, Dich kurz vorzustellen?

Ich bin 1971 in der Nähe von Nürnberg geboren und dort aufgewachsen. Seit 2002 lebe ich mit meiner Familie in Kilbaha, einem kleinen Dorf am Ende der Loop Head Halbinsel im County Clare.

Du bist heute einer der besten und bekanntesten Landschafts-Fotografen in Irland. Du lebst in Irland.  Wie kam es dazu? Gezielte Lebensplanung oder auch Glück und Zufall?

Beides denke ich. Ich fotografiere seit meinem 8. Lebensjahr und Fotograf war schon immer mein Traumberuf. Meine Eltern wollten allerdings, dass ich einen “anständigen” Beruf lerne und nach dem Zivildienst wurde ich erstmal zum Kinderkrankenpfleger ausgebildet und habe dann zehn Jahre auf einer Station für Knochenmarktransplantation gearbeitet.

Irland kam während dieser Zeit in mein Leben: Ich war ein grosser Fan von JRR Tolkien und in einer seiner Biografien wurde erwähnt, dass Irland einen großen Einfluss bei der Erschaffung von Mittelerde spielte. Das war der Grund für meine erste Irlandreise. Der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte. Es war Liebe auf den ersten Blick und ich habe mich in Irland sehr schnell weitaus mehr zuhause gefühlt als in Deutschland. Meine Frau teilte dieses Gefuehl glücklicherweise und 2002 haben wir dann einfach den Sprung gewagt, haben unsere Zelte in Deutschland abgebrochen und sind nach Irland umgezogen.

Ich habe die Gunst der Stunde dann auch noch dazu genutzt, mich als Fotograf selbstständig zu machen. Das ist nicht ganz einfach, wenn man im wilden Westen wohnt wie sich heraus stellte, aber ich hatte wohl das “Luck of the Irish” und habe sehr bald einen Vertrag für mein erstes Buch bekommen.

Glengarriff Harnour

Glengarriff Harbour, County Cork

Welche Bereiche der Fotografie interessieren Dich am meisten?

Naturfotografie war immer der Bereich, in dem ich arbeiten wollte: Tiere, Pflanzen, Landschaften. In einem Land wie Irland ist das fast eine selbstverständliche Wahl. Ausserdem bin ich gerne draussen unterwegs, und die notwendige Computerarbeit ist für mich nur ein notwendiges Übel. Allerdings hat sich im Laufe der Jahre herausgestellt, dass man als Fotograf im Westen Irlands etwas flexibel sein muss um zu überleben, und so arbeite ich seit einigen Jahren in so ziemlich allen Bereichen von der Portrait- bis zur Food-Fotografie.

Am Anfang war ich alles andere als glücklich darüber, aber inzwischen denke ich, dass diese Vielseitigkeit sich positiv auf meine Fotografie auswirkt. Ich bin weitaus offener geworden, Neues auszuprobieren und das resultiert in besseren Bildern.

Timoleague

Die Kathedrale in Timoleague, County Cork

Welches Deiner acht Foto-Bücher gefällt Dir eigentlich selber am besten?

Bisher würde ich keines als perfekt bezeichnen, sobald ein Buch gedruckt ist und ich es in Händen halte, finde ich Dinge, die ich anders hätte machen sollen. Aber mein Buch  Ireland’s Coast kommt dem, was ich erreichen wollte, schon sehr nahe.

 Wie hast Du Deine Liebe zu Irland entdeckt?

Meine erste Erinnerung an Irland ist der Geruch eines Torffeuers, Nieselregen und die dunklen Strassen von Dingle nach einem langen Tag auf dem Fahrrad. Ich kann nicht erklären warum, aber dieser Moment war für mich als wäre ich zuhause angekommen. Ich denke, ich war vermutlich nie ein guter Deutscher und der etwas lockerere Lebensstil der Iren, nicht alles so ernst nehmen und eine leicht rebellische Grundeinstellung, liegt mir mehr. Und dann ist da natürlich die Landschaft. Den Atlantik vor der Haustür zu haben, das hat schon was.

Sturm am Atlantik

Sturm am Atlantik

Warum lieben Fotografen die grüne Insel mehr als andere Destinationen?

Irland ist unter Fotografen leider etwas in Vergessenheit geraten, Island und Skandinavien sind gerade “in”… Was mir an Irland gefällt, ist die Vielseitigkeit der Landschaft: Klippen, Strände, Berge, Seen, Flüsse, … und alles nur wenige Autominuten voneinander entfernt. Ich kann einen Sonnenaufgang mit Wald und Feldern aufnehmen, danach den Tag in den Bergen verbringen und am Abend einen Sonnenuntergang am Strand fotografieren. Um von einem Platz zum anderen zu kommen brauche ich nur Minuten. Ich denke das gibt es nur in Irland.

Im April schon leitest Du die erste unserer Foto-Wanderwoche in diesem Jahr. Was dürfen die Gäste erwarten?

Klippen, Strände, Wälder, Seen, Flüsse, … und ein Irisches Frühlingserwachen. Da Irland sehr milde Winter hat, fängt der Frühling hier meistens schon im Februar an. Irland ist als die Grüne Insel bekannt, aber die meisten Besucher kennen nur das etwas abgestandene Grün des Sommers. Im Frühling ist hier alles frischer und farbenfroher, und das werden wir hautnah (im wahrsten Sinne) erfahren. Je nach Wetter des Tages – statistisch und aus eigener Erfahrung sind März, April und Mai eher trockene Monate – werden wir uns in die Berge und Wälder oder an der Küste entlang schlagen. Neben der Landschaft gibt es auch Möglichkeiten, die Flora und Fauna der Gegend kennen zu lernen und die geschichtlich Interessierten werden auch nicht zu kurz kommen: Steinkreise, alte Kirchen und Friedhöfe stehen auch auf dem Programm. Das und natürlich jede Menge Zeit, Tips und Tricks zum Fotografieren.

Gougan Barra im County Cork

Gougan Barra im County Cork

Kann das der Gast das Alles nicht auch alleine sehen und erleben?

Es gibt zwei Versionen von Irland: Zum einen gibt es da das Touristen-Irland mit den “wichtigen” Sehenswürdigkeiten. Das ist zwar auch sehr schön, aber dieses Irland muss man sich mit vielen anderen Besuchern teilen und oft bekommt man auch nur eine gestylte Postkartenversion der Insel. Das andere Irland, das wahre Irland, versteckt sich meist an kleinen Straßen und Feldwegen, weit weg vom Touristen-Irland, und erfordert etwas Fußarbeit. Das ist das Irland, das wir während der Foto -Wanderwoche entdecken werden.

Burren

The Burren, County Clare

Was macht eigentlich den Unterschied zwischen einem guten und einem mittelmäßigen Foto aus?

Zum einen ist da der technische Aspekt, richtige Belichtung, Tiefenschärfe,Perspektive und Bildaufbau. Das sind alles Dinge, die man beherrschen sollte und die, wenn man sie beherrscht, sehr oft schon einen großen Unterschied und aus einem mittelmäßigen Bild ein klasse Bild machen.

Themenwahl und Komposition sind allerdings eine ganz andere Geschichte. Ob ein Bild gut oder schlecht ist, liegt oft im Auge des Betrachters. Es gibt zwar eine ganze Reihe von Regeln, die wir uns alle waehrend der Woche ankucken werden, aber am Ende geht es darum, ein Gefühl und einen besonderen Moment einzufangen. Wenn ein Bild eine positve emotionale Resonanz hervorruft, dann ist es in der Regel ein gutes Bild. Im Prinzip geht es darum, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und mit etwas Wissen, Einsatz und Erfahrung kann fast jeder Weltklasse-Bilder machen.

Sonnenuntergang am Sheeps Head, County Cork

Sonnenuntergang am Sheeps Head, County Cork

Für wen ist diese Fotowander-Reise das Richtige – also wer sollte dabei sein?

Wie der Name schon sagt, ist die Foto-Wander-Reise das richtige für Leute, die gerne wandern und fotografieren. Leute die gerne draussen sind, sich gerne bewegen, aber noch etwas mehr als müde Füße und tiefe Zufriedenheit mit nach Hause nehmen wollen, und für die, die sich gerne  eingehender mit ihrer Umgebung beschäftigen möchten.

Ich danke Dir für das Gespräch!

Alle Fotos dieses Beitrags stammen von Carsten Krieger.

Wenn Sie an der Foto-Wanderwoche in Irland interessiert sind: Hier gibt es alle Informationen: www.foto-wandern.de 

Mehr über Carsten Krieger finden Sie hier : www.carstenkrieger.com

Canrooska River, County Cork

In Irland leben. Nicht zur Nachahmung empfohlen?

Irland Meer

14 Gründe, warum ich Irland liebe und hier lebe. Der Beitrag vom Wochenende (hier nachzulesen) warf bei Lesern die Frage auf, warum ich den eigenen Schritt, von Deutschland ins ländliche Irland umzuziehen, nicht unbedingt zur Nachahmung empfehle. Um mich nicht der fahrlässigen Schwärmerei verdächtig zu machen, heute ein Blick auf die dunkle Seite der grünen Wiese. Und die Einschränkung: Ich rede vom Leben auf dem Land, die Rede ist nicht von Arbeitsmigration in den urbanen Großraum Dublin. Meine generelle Antwort:

:: Weil die Menschen verschieden sind: Was für den einen passt, kann für den anderen höchst unpassend sein.

:: Weil man immer auch Glück braucht: Grenzüberschreitende Umzüge bergen mehr Risiken als Binnenumzüge. Schön, wenn alles klappt, doch Garantien dafür gibt es natürlich nicht. 

:: Nur weil man “die Iren” lustig und nett findet, gehört man nicht automatisch schon dazu. Jenseits der kommunikativen Freundlichkeiten im Pub oder beim Schwatz auf der Straße hört die Verbindlichkeit schnell auf. Manche reden vom Closed Family Shop. Isolation kann die Folge sein. 

:: Weil die irischen Winter lang, dunkel und meistens nass sind. Nicht Jeder erträgt dieses Klima.

:: Weil nicht Jeder gut mit sich allein sein kann und nicht Jede das Fehlen von Zerstreuung als Bereicherung empfindet.

:: Oder deswegen: Weil Träume hier enden.

All das spricht nicht gegen den Schritt. Es spricht aber nicht automatisch dafür. Träumen muss erlaubt sein, die Realität sieht dann meist ganz anders aus. Auch im landschaftlich wunderschönen Irland gibt es einen Alltag zu leben, gibt es viele Dinge, die nerven, gibt es Nachbarn, TÜV, Zeitdruck, Stress und überfüllte Krankenhäuser — und gibt es für die meisten Menschen den Zwang, ihren Lebensunterhalt zu verdienen (wenn man nicht gerade zu dem einen Prozent der Weltbevölkerung gehört, das mittlerweile 50 Prozent des weltweiten Wohlstands besitzt — und damit mehr als alle anderen zusammen*.) Das habe ich versucht, im Grund 9 positiv auszudrücken:

Weil hier zu leben eine Herausforderung ist: Vollkasko-versichertes Leben geht anders. Ohne eigene Initiative geht nicht viel. Trotz der vielen schönen Natur. Das spornt stets  an.

Den einen spornt es an, es kann aber auch lähmen. Die Zahl sicherer Arbeitsplätze an der Atlantikküste im ländlichen Irland ist sehr überschaubar, die Zahl prekärer Lebensverhältnisse umso größer. Während viele Iren gut geschulte Überlebenskünstler sind und im Zweifelsfall, wenn es eng wird, sich ins Flugzeug setzen und dorthin reisen, wo sie Verwandte, Arbeit und eine bessere Zukunft vermuten, gehen Kontinental-Europäer lieber erst mal aufs Arbeitsamt.

Viele Umsiedler und Einwanderer machten die Erfahrung: Wenn das Feriengefühl erst einmal aufgebraucht ist, beginnt das wirkliche Leben in der Wahlheimat, und das kann ganz schön ent-täuschend im besten Wortsinne sein.  Das wäre zu bedenken, bevor man/frau die Koffer packt und die Umzugsampel auf grün springt.

Wer hat Erfahrung? Eure Meinung ist gefragt. 

* Spiegel Online vom 19. Januar 2015: http://www.spiegel.de/wirtschaft/ungleichheit-superreiche-besitzen-mehr-als-die-anderen-99-prozent-a-1013655.html

 

Nach Irland zum Wandern? Go Wanderlust.

irland Wandern WanderlustLiebe Irland- und Wanderfreunde,

Irland ist faszinierend anders. Irland ist intakte Natur, Raum und Weite, Irland ist Ruhe und Frieden, das ewige Spiel des Lichts und der Wellen am Atlantik. Wanderlust, der kleine irisch-deutsche Wanderspezialist in West Cork zeigt Ihnen Irland am “Wild Atlantic Way” von seiner schönsten Seite.

Zwischen April und September 2015 veranstaltet Wanderlust 20 Wander-, Erlebnis und Aktiv-Wochen für Sie. Ferien mit Wanderlust an Irlands Atlantik-Küste: Sie wohnen elegant im Country House in der Bantry Bay direkt am Meer. Wir wandern in den Grafschaften Cork und Kerry, dort wo die grüne Insel am schönsten ist. Wo sich uralte Berge, Pflanzen-Paradiese und der weite Atlantik begegnen.

Wanderlust- Gäste sagen: Ferien mit Wanderlust sind so faszinierend anders wie Irland es ist. Wanderlust-Gründer Markus Bäuchle sagt: “Wir möchten Ihnen gerne Irland vorstellen, wie wir es lieben.”

Heute sind die Wanderlust News 1-2015 mit allen Informationen und Neuigkeiten für die kommende Wandersaison erschienen, die im April beginnt. Den Newsletter gibt es hier   

Sie können sich auch hier ausführlich informieren: www.wanderlust.de.

14 Gründe, warum ich Irland liebe und hier lebe

Am Wild Atlantic Way
Winter 2015. Vor fast 15 Jahren
 sind wir aus München aufgebrochen und nach Irland umgezogen. Es war keine Auswanderung, kein Neuanfang im vermeintlichen Paradies. Es war ein Umzug innerhalb Europas, in die Naturlandschaft eines besonders schönen Ortes: die ländliche Gegend am Atlantik in Irlands Südwesten. Immer mal wieder versuche ich, mir über die Verschiebung von Prioritäten klar zu werden und zu beschreiben, ob und warum ich mich in der Heimat unserer Wahl besonders wohl fühle: 14 Gründe, warum ich Irland liebe — und hier lebe. (Mehr Gründe gibt es übrigens noch in diesem Jahr als neues Irland-Buch von mir und Eliane Zimmermann)

1. Weil es noch viel unverbrauchte Natur gibt: Die Schönheit der Berge, der Strände, des Meeres, der Wiesen und Wälder geht zu Herzen. Weil ich hier die ersten Adler in freier Wildbahn beobachten durfte.

2. Weil es in Irland noch Vieles zu entdecken gibt. Nicht jeder Stein ist schon dreimal umgedreht, nicht jeder Berg für Freizeitvergnügte erschlossen. In Irland gibt es noch Geheimnisse.

3. Weil die Luft in Irland so frisch und sauber ist. Die irische Atlantikküste ist Europas Reinluftgebiet Nummer 1. Kein Sommer-Smog, kein Winter-Smog. Immer Zeit zum Durchatmen.

4. Weil Irland das Land des Lichts ist. Das ewig wechselnde atlantische Wetter bedingt das ewige Spiel des Lichts, das Sonne, Wolken und Meer miteinander austragen.

5. Weil das Land hier weit ist. Weil es Raum bietet für die Augen und die Seele.

6. Weil Irlands Musik-Kultur lebt. Damien Rice, Mick Flannery, Christy Moore, Jimmy McCarthy oder Luka Bloom — Live im Pub oder Hotel gleich um die Ecke, das ist Kultur — und weil auch Rory Gallagher ein Ire war.

7. Weil die Iren die besten Verlierer der Welt sind — und Niederlagen wie Siege feiern können.

Jobs:  Wir suchen eine selbständige Köchin für unser kleines Unternehmen in Irland: Hier bewerben

8. Weil die Iren überwiegend liebenswürdige und stets interessante Leute sind: Sies sind freundlich, redegewandt, schlitzohrig, anarchisch, gerne einmal feige und unaufrichtig, dazu stur, gesellig, feierfreudig, unkompliziert, und stets interessant.

9. Weil hier zu leben eine Herausforderung ist: Vollkasko-versichertes Leben geht anders. Ohne eigene Initiative geht nicht viel. Trotz der vielen schönen Natur. Das spornt stets  an.

10. Weil das Wetter in Irland immer beachtenswert und ein wichtiger Bestandteil des täglichen Lebens ist. Regen, Sonne, Wind und Sturm sind die nahen und ständigen Begleiter.

11. Weil es in Irland noch einsame und wilde Orte gibt. Und dies nicht nur im Schilderwald “Wild Atlantic Way”.

12. Weil die Stille hier eine Erfahrung ist. Man kann sie hören, die Stille, diese völlige Abwesenheit von Zivilisationslärm.

13. Weil wir in Parallelwelten leben: Das Irland der Gegenwart ist ein modernes Land mit allen Annehmlichkeiten, die man braucht oder auch nicht. Auch das alte, traditionelle Irland lebt in Geschichten, Traditionen, in Liedern, in Nischen und in einzelnen Menschen weiter.

14. Weil Autor & Wanderer als Deutscher in Irland für mich ein schöner Beruf ist.

Fotos: Glengarriff Harbour, Co. Cork (u.), Dunlough Bay, Co. Cork (o.) / © 2015 Markus Bäuchle – Wanderlust

Leben in Irland

 

Sturmwarnung für Irland & eine Telefon-Hotline

Irland SturmSturmwarnung für den Westen Irlands: Schwerer Sturm mit Schnee, Regen und Wind-Spitzengeschwindigkeiten von 130 km/h an Irlands Atlantikküste. Schon gestern gab es erste Stromausfälle. Ohne Strom funktionieren auch die Telefone nicht. Falls die Telefone ausfallen, haben wir für Irlandnews, Wanderlust und AiDA diese Notfallnummer eingerichtet, unter der unser Büro erreichbar sein wird: (+353) (0)21 2340284.

Im vergangenen Jahr waren wir nach dem Monstersturm vom 12. Februar tagelang ohne Strom und drei Wochen lang ohne Telefon und Internetanschluss, dieses Jahr sorgen wir mit einer Voice-Over-IP-Hotline vor. Möchte also jemand Infos zu unseren Wander-Angeboten 2015 und kommt auf den bekannten Telefonleitungen nicht durch, bitte oben stehende Nummer anrufen (sie wird im sturmfreien Berufsalltag nicht bedient, also bitte nur im Notfall benutzen).

Ja natürlich sind wir jetzt alle Charlie . . .

BleistifteÜber die Schrecklichkeit der Hinrichtungen von Paris ist alles gesagt worden. Wir haben zudem viele schnelle Antworten gehört und gelesen, obwohl die Motive für  dieses Blutbad bis jetzt überhaupt nicht geklärt sind; und natürlich: “Je suis Charlie”, wir alle sind jetzt Charlie, wir alle sind jetzt solidarisch mit den getöteten Kämpfern für die Meinungsfreiheit in der Redaktion von Charlie Hebdo. Das ist zunächst eine Bekundung und das, was Enzensberger einmal Gratismut nannte. Es kostet uns zunächst nichts, oder zumindest nicht viel. Dennoch ist das massenhafte Bekenntnis zu Freiheit und Meinungsfreiheit jetzt wichtig. Und noch wichtiger ist, dass wir daran festhalten, wenn es unbequem wird. Dass wir verteidigen, was uns ausmacht und was uns eint, wenn es in unserem eigenen Leben darauf ankommt. In der Straßenbahn, im Pub, bei der Arbeit . . .

 

Am Tag 3 nach dem Attentat von Paris sind es weniger die Antworten als die Fragen, die in mir arbeiten. Zuvorderst diese drei:

Ich bin Charlie:: Was nützt der ganze Sicherheits- und Überwachungswahn, dem wir seit Jahren nun schon ausgesetzt sind, wenn 88.000 französische Sicherheitskräfte tagelang nicht in der Lage sind, zwei lange observierte, mittlerweile identifizierte, aktuell maskierte und schwer bewaffnete Flüchtende festzunehmen?

:: Die Beschwörungen und Analysen über die gespaltene Gesellschaft, über die Radikalisierung der Ausgegrenzten und über die Verführbarkeit der Geängstigten, der Verunsicherten und der sozialen Absteiger, sie alle erinnern an sozialwissenschaftliche Seminare aus dem frühen Nachkriegs-Deutschland. Könnte es sein, dass wir längst ein Stück weiter sind, dass die Menschen in Europa in ihrer großen Mehrheit sehr gut verstehen, dass die alten Muster vermeidbar und überwindbar sind?

Vor allem aber:

Titelseiten / Presseschau / Charlie Hebdo:: Wenn es stimmen sollte, dass wir in einem Kampf der Kulturen verstrickt sind, dann lohnt es sich zuallererst, darüber nachzudenken, welche Kultur wir denn hier verteidigen? Was ist es dann, was uns anders macht und was wir auf keinen Fall preisgeben wollen und dürfen? Was macht dieses Abendland im Positiven aus? Oder müssen wir Michel Houellebecq zustimmen, der unsere westlichen Gesellschaften für unrettbar verkommen hält? Thomas Steinfeld hat eine Betrachtung über Houellebecqs neues Buch Unterwerfung in der Süddeutschen Zeitung mit diesen Sätzen eingeleitet:

“Wenn es ein Abendland gäbe, das gegen den Islam oder wen auch immer verteidigt werden müsste, worin bestünde es gegenwärtig? In einer Meinungsfreiheit, die ihren Gipfel darin erreicht, dass im Fernsehen in eigens dafür eingerichteten Gesprächsrunden arrangierte Kontroversen unter professionellen Meinungsbesitzern geführt werden? In einer Kultur des Wettbewerbs, die davon absieht, dass alle Konkurrenz weitaus mehr Verlierer als Gewinner hervorbringt? In einer Ideologie der Liebe, die glaubt, das höchste Glück auf Erden zu vertreten, aber vor allem Enttäuschung entstehen lässt, um von den vielen Gewalttaten zu schweigen, die aus dem Idealismus des Privaten hervorgehen? In der Verwahrlosung ganzer Völkerschaften, in Arbeitslosigkeit und Kriminalität, in kleinen Bürgerkriegen an den Rändern der europäischen Metropolen – und in einem erstaunlichen Frieden, in dem Menschen noch von ihrer Arbeit leben können, während um sie herum die halbe Welt auf Flucht und Wanderschaft ist?”

Die aktuelle Ausgabe von Charlie Hebdo

Die aktuelle Ausgabe von Charlie Hebdo

Welchen Stellenwert etwa hat die Freiheit, von der nun plötzlich wieder so viel die Rede ist, in unserem Leben? Ist es die Freiheit des Konsums und der Warenauswahl? Oder geht es am Ende doch um mehr? Wie steht es mit den alten ur-französischen Idealen, die zum Kern der einenden europäischen Werte gehören: Freiheit, Gleichheit ( = Chancengleichheit) und Brüderlichkeit (= Solidarität). Ich fürchte, wir haben unsere eigenen ur-europäischen Werte zu sehr aus den Augen verloren — eingelullt von einem in die Irre führenden Way of Life und gefesselt von einem finanz-kapitalistischen System-Monster, das mit gnadenloser Amoralität sämtliche Lebensbereiche wertevernichtend durchdringt. Und nun erschrecken wir angesichts der strengen Wertegebundenheit anderer Kulturen über uns selbst.

Möglicherweise ist es an der Zeit, im eigenen Haus aufzuräumen, endlich die Wertegemeinschaft anstelle des Finanzsystems Europa ernst zu nehmen und uns unserer selbst wieder sicher zu werden. Die Chancen dafür stehen gar nicht so schlecht.

Kneipen-Kette mischt Irlands Pub-Szene auf

Irish Pub

Irish Pub in Killarney, County Kerry

Die Briten kommen, das Irish Pub gerät noch mehr unter Druck. Die englische Kneipen-Kette JD Wetherspoon will in Irland zunächst 30 Pubs aufmachen und 50 Millionen Euro investieren. Sie lockt mit Arbeitsplätzen und Billig-Bier: Nur 2,50 € kostet das englische Pint  im ersten JD Wetherspoon-Pub in Dun Laoghaire, dem aufgekauften Forty Foot, im Gegensatz zu 4 bis 5 Euro für das gängige irische Pint. Der  Pub-Gigant, der in Großbritannien 931 Pubs betreibt und 34.000 Menschen beschäftigt, bringt englisches Bier an die Zapfhähne und konkurriert damit gegen Irlands Platzhirsche, die Getränkemultis Heineken (Heineken und Murphys) und Diageo (Guinness). Da kann der Wirt an der Ecke nicht mehr mithalten.

Aufgrund des anhaltenden Pub-Sterbens und des Versprechens, neue Arbeitsplätze zu schaffen, könnte JD Wetherspoon in Irland schnell Fuß fassen. Oder doch nicht? Immerhin mobilisieren nun neben der irischen Kneipen-Lobby auch Kräfte gegen den neuen englischen Bier-Imperialismus, die von vermufften Bier-Tränken nicht allzu viel halten. Das Irish Pub, so liest man in der Irish Times*, sei immerhin Teil des irischen Kultur-Erbes und mit der wichtigste Erfolgsfaktor für die Tourismusindustrie. Tatsächlich nennen Irland-Urlauber einer aktuellen Umfrage der irischen  Tourismus-Werber von Failte Ireland zufolge als “beste Irland-Erfahrung”, in einem Pub Live-Musik gehört zu haben. Und an dritter Stelle kommt der Genuss eines Pint of Guinness im Pub.

 

Ob die aktuellen Aufrufe zum Erhalt des einzigartigen irischen Pubs fruchten, mag dennoch bezweifelt werden. Die Uniformierung der irischen Städte und Dörfer wird voran schreiten und auch vor dem Kneipen nicht halt machen. Längst sehen die Fußgängerzonen und Einkaufszentren in Dublin, Cork und in der Provinz dank globaler agierender Ketten wie Zara, Boots, H&M, Costa, Starbucks und Konsorten aus wie Fußgängerzonen und Einkaufsstraßen irgendwo auf der Welt: Nun erobern die gleichmacherischen Ketten- und Franchisebetriebe als nächstes die Pubs. Mit Marktmacht, Einheitsbrei und Kampfpreisen. Slainte!

 

* “Protect the uniqueness of Irish pubs . . . ” von Una Mullally; 5. Januar 2015 in der Irish Times

Mick Flannery — Irlands “Anti-Star”-Star

Mick Flannery

Mick Flannery spielt Liss Ard

Es muss vor etwa 80 Jahren gewesen sein. Die Scheune auf der O’Sullivan-Farm bei Killarney, County Kerry, brannte lichterloh. Der kleine Pa hatte mit Streichhölzern gespielt, zutiefst erschrocken kroch er unter das Bett und versteckte sich —  seine Mutter fürchtete, der Junge sei in den Flammen umgekommen. Als sie den Dreijährigen schließlich nach stundenlangem Suchen fand, war sie so erleichtert, dass sie einen ganzen Tag mit der Vollstreckung der gerechten Strafe wartete. Der kleine Pa sagte kleinlaut: “Ich hab doch nur ein kleines Feuer gemacht, ich weiß nicht, wer das große angezündet hat”. Pa O’Sullivan war Mick Flannery´s Großvater. Wenn Mick seinen Psycho-Song “Small Fire” spielt, dann schickt er gerne diese Geschichte voraus und den Satz: “Den Refrain habe ich von meinem Großvater geklaut.”

 

 

Ich hatte zur Jahreswende gleich zweimal das Vergnügen, Mick Flannery, meinen zweitliebsten irischen Musiker (nach Damien Rice, sorry  . . .) live zu hören und zu sehen: Im INEC in Killarney und bei seinem Silvester-Heimspiel im Opera House in Cork. Der 31-jährige Corkman aus Blarney und seine sechsköpfige Band waren mächtig gut dabei —  eineinhalb Stunden feinste jung-irische Melancholie in Wort und Ton. Diese langsame, schleppende, traurig-schwarze Musik kann nur Flannery spielen. Der Gig im Opera House markierte das Ende eines insgesamt guten Jahres für den Star, der keiner sein will. Sein viertes , im Frühjahr 2014 erschienenes Album “By the Rule” schaffte es in den irischen Charts auf Platz 1, seine Konzerte waren meist ausverkauft. Und vor allem: Sein neues Album gefällt ihm — im Gegensatz zu den drei Vorgängern, selber sehr gut. Er ist zufrieden mit sich und seiner Arbeit, denn er klingt mehr denn je ganz nach sich selbst.

Mick Flannery

Im Jahr 2015 tourt Mick Flannery, der fast ein Jahr lang in Berlin lebte und Deutsch gelernt hat, durch Deutschland. Wer auf gutes Songwriting und authentische zeitgenössische  Rockmusik aus Irland steht, sollte Mick Flannery nicht verpassen. Hier die bislang bestätigten Tour-Daten (aktuelle Infos auf www.mickflannery.com):

01/03/15Bielefeld,TheaterlaborDE
03/03/15KölnStudio 672DE
04/03/15WawernWawern SynagogeDE
05/03/15STUTTGARTClubCANNDE
06/03/15MünchenMilla Live ClubDE
08/03/15A-WIENWuK FoyerAT
10/03/15WIESBADENSchlachthofDE
15/03/15BerlinPrivatclubDE
16/03/15HamburgNochtspeicherDE
17/03/15LEIPZIGMoritzbasteiDE
18/03/15ROSTOCKMAU ClubDE

 

Im Sommer 2012 hatte ich an dieser Stelle über den Musiker geschrieben, der anders ist als die erfolgreichen Mainstream-Musiker und der sich dem konventionellen Show Business so gut es geht verweigert:

This is Mick Flannery! Wenn er die Instrumente für den Auftritt stimmt, wenn er in Jeans und Arbeiterhemd über die Bühne geht, kräftig, fast schwerfällig, kann man ihn für einen Roadie halten. Er könnte genau so gut Farmer, Bauarbeiter oder Steinmetz sein. Er ist Steinmetz. Und ein Star. Mick Flannery,  der im November 1983 geborene Singer-Songwriter aus Blarney im County Cork. Seit dem Erscheinen seines zweiten Albums, “White Lies,” vor vier Jahren ist Mick einem breiteren Publikum bekannt. Seitdem hat seine musikalische Karriere an Fahrt aufgenommen.

Mick Flannery klingt wie eine Mischung aus Tom Waits und Bruce Springsteen. Er hat Steinbeck und Bukowski gelesen, stellt sich in die musikanische Tradition von Bob Dylan, Leonard Cohen und eben Tom Waits — manche nennen ihn den neuen oder den irischen Tom Waits. Doch er ist Mick Flannery. Ein Gefühlsgigant, ein Meister der rohen Melancholie und der temperierten Schwermut, wenn er singt, ein wortkarger Eigenbrötler in den Pausen zwischen den Songs. Das Lissard Festival 2012 bespielte Mick Flannery  mit seiner gut geölten Rock & Polka-Band der “Red-to-Blue-Tournee”.  Die selbst geschriebenen Lieder handeln vom Scheitern, vom gebrochenen Herzen. Mick spielt Gitarre und E-Piano. Ansagen zu den Songs gibt es keine, doch eine: “I travelled to Boston. I wrote a song about Boston. Imaginative”. Am Ende ein einsilbiges genuscheltes “Thanks”.

Mick Flannery gilt als schüchtern und er hat offensichtlich gelernt, den Charakterzug zu kultivieren. Er lässt die Fangemeinde gerne wissen, dass er kein Party-Kracher ist, dass er lieber still in der Ecke sitzt und beobachtet, dass er ein “dour bollocks” ist, ein mürrischer Sack. Dass er immer noch gerne als Steinmetz arbeitet und lieber mit seinen Arbeiter-Freunden abhängt als mit Musiker-Kollegen, dass er lieber über Sex als über Musik redet. Was Flannery zu sagen hat, das singt er. Lieder wie das Land, um die deutsche Bierwerbung zu bemühen. Melancholisch, roh und sanft zugleich, schwer und gefühlig, gebrochen und doch ganz, immer gut für eine Gänsehaut. Mick Flannery ist Irlands “Anti-Star”-Star — der Star der Wirtschaftskrise, der Star, der einer ist, weil er keiner ist. Sein im März erschienenes drittes Album “Red to Blue” schaffte hier daheim die Nummer 1 der Charts.

Musik von Mick Flannery gibt es hier.

Hört mal rein:

Fotos: ©  Markus Bäuchle 2012-2014

Aktualisierte Version eines Beitrags vom 7. August 2012.

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