Über Markus Bäuchle

Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus kann man in Irland wandern gehen: www.irland-wandern.de
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Dicke Überraschung in Schlemmer-Irland

Dicke in Irland

Dicke Überraschung mit Trendsetter Irland. Die Menschen in Europa werden immer dicker — und die Iren futtern und loungen ganz an der Spitze. Drei von vier Irinnen und Iren sind nach Daten der Weltgesundheitorganisation WHO derzeit dick, übergewichtig oder fettleibig – Indikator ist der umstrittene Body Mass Index. Bis zum Jahr 2030 soll sich der Anteil der allzu gewichtigen Männer in Schlemmer-Irland laut WHO-Prognose auf 89 Prozent und der der Frauen auf 85 Prozent der Gesamtbevölkerung erhöhen.

Die Überernährungs- und Fettleibigkeits-Krise tobt leise und doch mächtig in ganz Europa — nur wenige Länder können sich dem Trend entziehen. Vorbildlich dabei: die Niederlande. Frau Antje serviert zunehmend Magerkäse. Im großen Rest Europas öffnet sich die Schwere zwischen abnehmender Bewegung und zunehmender Esstätigeit stetig weiter und die Gesundheitsexperten rufen eher hilflos nach Strategien, die langfristig aus der Fettfalle und einer veritablen Gesundheitskrise führen.

Dick und Doof*: Gestern hat der Berufsverband der Physiotherapeuten Irlands ganz eigennützig noch einen drauf gesetzt: Die Iren werden nicht nur immer dicker. Sie wissen zudem überhaupt nicht, warum. Über 80 Prozent der Menschen auf der Insel kennen demzufolge nicht den einfachen Zusammenhang zwischen Körpergewicht und Bewegung oder sportlicher Betätigung. Nun wollen die Physiotherapeuten den Weg in eine leichtere Zukunft weisen.

Dabei sieht man auf Irlands Straßen und Wegen heute deutlich mehr Radfahrer, Jogger und Spaziergänger als noch vor zehn Jahren —  doch dabei handelt es sich offensichtlich um eine kleine aktive Minderheit. Der Großtrend zeigt ungebrochen in die andere Richtung: Viel und schlecht essen und sich dabei möglichst nicht von der Stelle bewegen.

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Die Wende zu einem gesünderen und leichteren Leben kann recht einfach sein: www.wanderlust.de. Das Wanderprogramm 2016 steht online.

* Sorry, eine politisch völlig unkorrekte Ansage, aber ich bin wirklich ein Fan dieses Duos . . .

Weil Irland anders riecht, kann man es lieben

Irland liebenIrland riecht. Anders. Üblicherweise nehmen wir andere Länder, Menschen und Landschaften bevorzugt mit den Augen wahr. Die Ohren kommen gerne zu kurz, die Nase allemal. Mein zweites Irland-Buch (geschrieben zusammen mit Eliane Zimmermann) ist Mitte August in die Buchläden gekommen: 111 Gründe, Irland zu liebenEs gibt umfassend Auskunft auf die Frage, was wir an Irland mögen (und auch was nicht).  Eliane, die Spezialistin für Düfte und Aromen, hat darin einen Beitrag darüber geschrieben, wie Irland riecht: Anders als Deutschland, als die Schweiz oder Österreich. Das liegt vor allem an der hohen Luftfeuchtigkeit, aber nicht nur. Lest selber . . .

GRUND NR. 78
Weil Irland anders riecht

Fast jedes Mal, wenn ich auf Reisen bin und dann meinen Koffer weit weg von daheim öffne, kommt mir ein sehr spezieller Geruch entgegen, den ich im heimatlichen Umfeld überhaupt nicht wahrnehme. Irgendwie leicht muffig, ein wenig nach Kaminfeuer und nach feuchter Luft. Jedes Land hat vermutlich seinen ganz eigenen Geruch, er wird einem allenfalls bewusst, wenn man ihn nach woanders verfrachtet Ich fühle mich darum immer wieder etwas unbehaglich, wenn ich mich inmitten von kontinental gepflegten, täglich geduschten und mit Weichspülern parfümierten Menschen bewege.

Nasenbuche KopieBesonders irisch ist der Duft des verbrannten Torfs (Peat), der trotz diverser offizieller Vorstöße der EU und der Regierung immer noch zum Heizen verwendet wird. Zumindest brennt das Torffeuer noch in Häusern, wo auch in den Celtic-Tiger-Jahren an die Installation einer Ölheizung nicht zu denken war, aber auch in vielen Hotelfoyers und Bars, vor allem wegen der anheimelnden Stimmung. So glühen an feucht-kühlen Herbst- und Wintertagen vielerorts wunderbar duftende Peat-Barren in den meist viel zu kleinen Feuerstellen. Für so richtig kuschelige Wärme in den traditionellen Steincottages reicht das meist nicht. Aber sie reicht aus, um die darüber hängende Unterwäsche und wettergegerbte Flanellhemden, die beim Besucher oft romantische Anwandlungen auslösen, zu trocknen. So halbwegs zumindest. Beim Durchfahren von irischen Dörfen an kühlen Wintertagen riecht man diesen altertümlichen Brennstoff, oft gemischt mit dem Geruch von Kohle. Manchmal liegt in schwerer Rauchdunst über den einfachen Cottages.

Die hohe Luftfeuchtigkeit trägt maßgeblich zum „Duft Irlands“ bei. Wenn das Hygrometer 70 bis 95 Prozent anzeigt, fühlen sich Hemd und Bettbezug irgendwie klamm an, in Schränken entwickeln sich verdächtige Stockflecken und die Zimmerdecke bekommt schwarze Pünktchen. Wer weder Heizung noch Wäschtrockner besitzt (das kommt öfter vor als man denkt), hat in den nass-kühlen Monaten größte Probleme, seine frisch gewaschene Wäsche wirklich trocken zu bekommen, und das kann man riechen. Eines der neuen Statussymbole der reichen Jahre ist der fast penetrante Geruch von diversen Weichspülern, welcher die Menschen manchmal umweht.

Ein ungewöhnlicher Geruch steht oft hinter den Häusern in der Luft: Heizungsanlagen werden mangels Keller nach draußen verfrachtet und da vielerorts mit Kerosin geheizt wird, riecht es insbesondere auf dem Land hier und dort nach Flughafen. Diese Anlagen zur Fütterung von Zentralheizungen sind zwar in den meisten Fällen nicht alt, doch sie arbeiten oft nicht wirklich effektiv, so dass sie unter lautem Getöse und Abscheiden von Flugbenzin-Wolken ständig anspringen.

In Supermärkten ist die Auswahl an elektrischen Duftgeräten, zuckrig riechenden Kerzen und Raumsprays riesig, anders kann man dem Feucht-Mief auch kaum beikommen. Insbesondere weil die fetten Jahre auch moderne luftdichte PVC-Fenster bescherten, welche eine Katastrophe für so manches alte Gebäude bedeuten können, denn wenn nicht regelmäßig gelüftet wird, schlagen Schimmelpilz und Stockfleck gnadenlos zu.

Irland duftet aber auch frisch, nach Moos, Waldboden, Pilzen und Bäumen, ein richtig grüner Duftmix, der den Kopf frei macht und welcher Naturfreunde beglückt. Nicht umsonst heißt eines der ganz frühen deutschen Herrenparfüms „Irisch Moos“, auch wenn es eher nach Zitrusnoten duftet und nicht nach einem Waldspaziergang. Lustigerweise heißt auch ein pflanzlicher Meeresbewohner, die Knorpelalge namens Chrondrus crispus, im deutschen Sprachgebrauch „Irisches Moos“. Daraus wird in Irland der feine Carrageen Pudding gekocht, denn diese Alge wird zum Verdicken von Speisen eingesetzt.

Ja, genau, Irland duftet entlang der mehr oder weniger wilden Küste auch nach Meer sowie nach all den vielfältigen Kreaturen, die sich im salzigen Nass tummeln. Und nicht zu vergessen, die unendlich vielen Schafe und Kühe auf den saftigen Wiesen: Sie tragen zum ganz besonderen Duft der Grünen Insel bei. [e]

Die 110 anderen Gründe, Irland zu lieben, gibt es hier zu lesen: 111 Gründe, Irland zu liebenZum Discounter-Preis von 9,99 €.

Warum Deutsche ständig über das Wetter nörgeln

West Cork Irland by Wanderlust

Irland und das Wetter. Die Krimi-Autorin Isabell Morf aus Zürich schreibt mir nach einem erfrischenden Irland-Besuch diesen  Kommentar zu einer Passage in meinem Buch Irland. ein Länderporträt:


Isabel Morf by Stefan JäggiGuten Tag Herr Bäuchle

Es gibt bei den Irland-Touristen noch einen Wettertyp mehr: nämlich den Wetterfan. Mein Mann und ich waren glücklich, der Hitzewelle in der Schweiz zu entfliehen und drei Wochen frische Luft, kühlere Temperaturen und eine hübsche Mischung aus Regen, Wind, Wolken und Sonne zu erleben.

Herzliche Grüsse

Isabel Morf

Zürich


Ich hatte ursprünglich nur sechs Wetter-Typen identifiziert und diese auch in meinem Buch beschrieben. Ein Dankeschön für die Ergänzung in die Schweiz, wo offensichtlich nicht so viel am wundervollen irischen Wetter herumgenörgelt wird 😉 Hier mein Originalbeitrag über das irische Wetter und die touristischen Wetter-Typen vom 22. Juli 2011.

„Nach einem herrlichen Sonnentag zieht ein warmer wolkenloser Sommertag auf über der Bantry Bay in West Cork, Irland. Es wird ein Tag für Sonnenanbeter, für Ausflügler, die den Fastnet Rock bei ruhigster See umrunden wollen, für Bergwanderer, die auf Sicht gehen und jedes Risiko vermeiden.  Ein Tag für den wetter-fühligen Deutschen in Irland.

So fällt es heute morgen schwer, über das Lieblingsthema der deutschen Einwanderer und Urlaubsgäste in Irland zu schreiben: das Wetter, das irische Wetter, das schlechte Wetter eben. Die Iren haben zahlreiche Euphemismen in die Welt gesetzt, die jeden Gast eigentlich aufhorchen lassen müssen: Sie lassen Champagner regnen, sie stehen tropfnass im „flüssigen Sonnenschein“ (liquid sunshine), sie erleben „vier Jahreszeiten an einem Tag“, sie erkennen einen „lovely morning“, wenn es dem Urlaubsdeutschen schon die Schuhe auszieht vor lauter Wetterfrust  – und sie haben immer einen guten Grund ins Pub zu gehen, denn dort ist das Wetter immer gleich gut.

Die Deutschen und das irische Wetter, das ist eine lange Geschichte, die Geschichte einer Hass-Liebe. Sie beginnt in der Phantasiewelt der gepflegten Vorurteile: Zig-Millionen Deutsche wollen eigentlich gerne einmal ins romantische Irland der Rosmunde-Pilcher-Landschaften, ins Land der Schafe, des Whiskeys und der Kerrygold-Butter reisen. Am Ende schaffen Jahr für Jahr nicht einmal 400.00 teutsche Reiselustige den Sprung über die zwei Meereskanäle. Zu sehr drohen schlechtes Wetter, Dauerregen, miese Laune – da geht man doch lieber auf Nummer sicher, bucht das Ticket mit Schönwettergarantie nach  Malle und Los Kanaros, an die schöne blaue Adria, die Strände von Alexis, Julio, Mehmet oder Giovanni. Warum auch nicht. Gott hält seine nasse Hand schützend über die Grüne Insel, der gütige alte Mann mit Bart (und Regenmantel) hat Petrus den Auftrag zur Dauerbewässerung und Judas das Mandat zur permanenten Falschmeldung erteilt: In Irland regnet es immer.  Ständig. Und dauernd. Ganz sicher. Nicht.

Die deutschen Irlandreisenden, die es schließlich doch wagen und die es auch schaffen, im Land des vermeintlich ewigen Regens anzukommen, lassen sich in diese 6 Wetter-Typen aufteilen – wobei der Irland-Deutsche in Klima-Fragen leicht zur Hybridisierung neigt:

1. Der Wetter-Nörgler

Mit skeptischem Blick auf das Smartphone stellt er mindestens dreimal am Tag familien-öffentlich fest, dass es in Deutschland gerade wieder drei Grad wärmer und zehn Millimeter trockener ist. Der Feststellung folgt eine kritische, meist mit negativen Untertönen durchsetzte Würdigung des lokalen Kleinklimas. Der Nörgler neigt zu Selbstvorwürfen: Eigentlich hat er es aufgrund akribischer Vorstudien ja gewusst, dass das Wetter in Kerry kühler ist als das auf Gran Canaria.

2. Der Wetter-Leidende

Eigentlich die Wetter-Leidende, denn WLs sind oft weiblich. Sie neigen zum kalten Fuß; wenn ihr unruhiger Blick nicht gerade den Himmel nach Regenwolken abscannt, sucht er die Räume im Automodus nach Heizkörpern und Thermostaten ab. Wetter-Leidende werden oft in drei Schichten Fleece gehüllt angetroffen und verlangen gerne nach Wärmflasche und Dauerheizung. Im Kuschelbettchen unter warmen Decken ist Irland einfach am schönsten. Auch über einem Gläschen Hot Whiskey lässt sich das Leid besser ertragen.

3. Der Wetter-Kolumbus

Ein ganz schräger Vogel. Er will nach Indien und landet in Amerika. Er will sich im Süden im heißen Sand wälzen und „friert sich in Lahinch die Eier ab“, wie er das selber ausdrückt. Er ist der wahre Doofkopp der Reise-Community. Denn eigentlich hätte er wissen können, dass der Ire auf dem Breitengrad von Hamburg keine Kokospalmen aberntet.

4. Der Wetter-Engel

Der Wetter-Engel (m/w) ist ein häufig anzutreffendes Geschöpf. Es hat seine großen Momente im herrlichen Sonnenschein, im Dauerschönwetter und in der ein- bis zweiwöchigen Regenpause. In seinem Narzissmus schreibt sich der Wetter-Engel den Umstand schönen Wetters oder absolut trockener Tage und Wochen immer selber zu. „Wenn Engel reisen . . .“ spricht die Wetter-Engelin viel-sagend und lässt ihr Gegenüber angesichts dieser mächtigen metaphysischen Kräfte staunend zurück. Wer wollte einem gottähnlichen Wetter-Engel widersprechen.

5. Der Wetter-Fatalist

Der Wetter-Fatalist nimmt das Wetter wie es ist. Er lebt nach dem Wahlspruch: Ändere, was Du ändern kannst und nehme den Rest gelassen an. Den Wetter-Fatalisten gibt es in der Version des Vorbereiteten, der sich alle Varianten vom Sonnenbrand bis zu leichten Erfrierungen vorstellen kann und mit entsprechender Kleidung vorsorgt.  Die Version des sorglosen Wetter-Fatalisten verfügt in der Regel über eine robuste physische Konstitution. Der Regen perlt an seiner Teflon-Haut ab, die UV-Strahlung reflektiert er unbeeindruckt in den Äther zurück.

6. Der Wetter-Tolerante

Dem Wetter-Fatalisten nicht unähnlich, befindet sich der Wetter-Tolerante noch auf dem Weg. Er ist sozusagen der Oberstufen-Schüler in der großen Wetterschule. Betont bemüht scheut er keine Anstrengung, um sich dem Wetter gewachsen zu zeigen. Ob´s stürmt oder schneit, der Wetter-Tolerante ist allzeit bereit, den Schritt vor die Tür zu wagen. Koste es, was es wolle. Der Wetter-Tolerante hat vor Reiseantritt meistens eine niedrige vierstellige Summe in Funktionskleidung investiert, denn er lebt nach dem Wahlspruch: „Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte . . . . „. Genau.

Man kann das irische Wetter allerdings auch ganz positiv sehen. Nach über einem Jahrzehnt im vermeintlichen Dauerregen Irlands meint zumindest der Wanderer:

1. Das Wetter in Irland ist fabelhaft: Es schützt dieses Land vor allerlei – vor allem aber vor mittelmeerischem Massentourismus.
2. Das Vorurteil über das Wetter ist famos: Die Wirklichkeit gelingt immer besser als ihr Ruf.
3. Oder schlechter. Die Wirklichkeit im Sommer 2011 im Südwesten Irlands sieht so aus: Das bislang regenärmste Jahr seit zwei Jahrzehnten lässt Brunnen, Teiche und Bäche austrocknen. Die Wasser-Depots sind erschreckend leer. Wer einen Garten hat, muss ständig wässern. Mehr Regen wäre Gärtners Segen. Mehr Sonne auch.
4. Es lebe das irische Wetter. Es lebe das herrliche Dauergemurmel über das irische Wetter. Ein Hoch auf  die irische Regenpause – auf die fünfminütige genauso wie auf die sechswöchige.

 

Die Zeichen der Natur deuten und Schönheit finden

Irland Natur

Rückzug in Irlands wilde Berge. Tage der Klausur unter dem hohen Himmel. Zentrierung. Erdung. Fels, Wasser, Gras, Luft, Wind, Sonne, Regen. Intensive Verbindung mit der Natur. Wandern. Sitzen, Wandern. Ruhen. Übernachtung hoch in den Bergen in einem alten Cottage. Kein Strom, keine Dusche. Trocken und geborgen vor dem großen Kaminfeuer. Waschen im Fluss. Das Essen: einfach, schmackhaft. Die Attribute des modernen Alltags — Uhr, Telefon, Brieftasche, iPod — abgelegt, ausgeschaltet, abgegeben. Die Sinne wach, das Herz offen.

:: Wir sind zurück aus den Bergen. Sandra Böttcher berichtet über ihre Erfahrungen beim Irland Natur-Retreat Wildniswoche.

Angekommen in unserem alten Farmhaus in den Bergen lernen wir, achtsam zu sein. Sich selbst beim Denken und Fühlen zu beobachten und sich und die anderen wahrzunehmen, ohne zu analysieren, abzulenken oder zu urteilen. Ganz schnell entsteht eine harmonische, feinfühlige Gruppendynamik, die Grundlage sind Vertrauen und Geborgenheit.

Wir reduzieren uns auf das Einfache, nutzen unsere Sinne bewusst und verlassen hier und da unsere Komfortzone, kommen mit wenig Gepäck aus.

Wir kochen und spülen gemeinsam, richten Feuer, besprechen unsere Geschichten und Tagesabläufe, reden weniger aber sagen mehr, wandern im Einklang, achten aufeinander.

Hautnah entdecken wir, wie schön das Leben inmitten der Natur und den wichtigen Werten sein kann.

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Wir trotzen den Ausprägungen des Wetters; sind unterwegs bei Sturm und Regen, Sonnenschein.

Die Felssteine sind rutschig von der angesammelten Feuchte, wir setzen unsere Schritte aufmerksam und vorsichtig. Wir suchen Trittsteine, um reißende Bäche und Flussläufe zu überqueren. Sumpfiges Hochmoor, schlüpfrige Wiesen, dichte Farnfelder und hüfthohes Gras; wir stapfen durch die Landschaft, bergauf und bergab.

Ich fühle mich sicher in der Gruppe und das Gelände scheint mir irgendwie vertraut.

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Ich spüre ganz deutlich: Die Natur will unser Herz und unseren guten Blick, braucht Schutz und Pflege. Ich fühle mich umgeben von positiven Energien, die mein Gemüt beruhigen. Ich fühle mich wohl im Kopf, wohl in meiner Haut und wohl im Geist, empfinde eine enorme Lebenskraft.

Die Berge und Flussläufe haben ihre Stimmungen, das Licht berührt einen fast wie eine zärtliche Hand. Das ist so intensiv, nachhaltig. Diese Landschaft bedeutet mir emotional sehr viel, wirkt magisch, sieht jeden Tag anders aus.

Ich schaue gern den Wolken nach, wie sie vorbeiziehen.

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Schon nach ein paar Tagen in den Bergen stelle ich fest: Weniger planen, mehr leben, das könnte etwas für mich sein. Etwas mehr Spontaneität und Risikobereitschaft, ab und zu mutiger sein. Sind das nicht Wünsche ans Leben, die den meisten von uns am allerwichtigsten sind? Was hindert uns, sie zu verwirklichen? Vermutlich die Angst, die vertraute Enge und Denkweise zu verlassen, wenngleich wir uns danach sehnen.

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Wir sitzen oben im Hochplateau, genießen den Blick vom Gipfel, den wir mühsam bestiegen haben. In der Gruppe und allein beschäftigen wir uns mit Lebensfragen, suchen aber auch die Stille, um nach innen zu horchen.

Es genügt manchmal, die Natur zu beobachten, um Antworten zu finden – und wenn man auf der Spitze eines Berges steht, kann man schon mal sagen: „Mein Gott, wie bin ich privilegiert!“

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Wir erleben Stunden des inneren und äußeren Erkundens, sammeln Momente, anstatt Dinge. Staunen und bewundern die Pflanzenwelt um uns herum, den betörenden Duft der Natur – und verspüren in unserer Gefühlswelt eine freudige Hochstimmung – die an das Immaterielle gebunden ist!

Einfach leben und natürlich sein ist ein großes Glück in diesen Tagen, es vermittelt echte Lebensfreude. Stille und Abgeschiedenheit genießen. Ich werde es mitnehmen, dorthin, wo manchmal der Lärm alles übertönt. Stille erlaubt es auch, sich mehr auf sich selbst zu besinnen, besser zu entspannen, das Wohlbefinden zu steigern, sich besser zu konzentrieren und endlich mal der inneren Stimme zu lauschen, die uns vielleicht schon lange warnt: Vor Empfindungen, die wir nur allzu gerne unterdrücken, vor zu viel Stress, zu viel Alkohol, zu wenig Zeit für uns und für unsere Familie, Freunde.

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Dag Hammarskjöld (1905-1961), als Generalsekretär der UN im Dienst des Friedens tätig gewesen, sagte:

„Verstehen – durch Stille. Wirken – aus Stille. Gewinnen – in Stille.“

Ein großer Dank an die Wegbegleiter und Gefährten, die mir ihre Nähe, ihre Geschichten geschenkt und eine Woche ihr Leben mit mir geteilt haben. Das Einzige, was auf Dauer zählt, sind Begegnungen und die Menschen, die uns begleiten – die Guten.

Am Ende gilt doch nur, was wir getan und gelebt haben – und nicht, was wir ersehnt haben. (Arthur Schnitzler)

:: Mehr Informationen zum Irland Natur-Retreat Wildniswoche gibt es hier: Kraft schöpfen in der Natur der irischen Berge.

:: Für die Woche vom 19. bis 26. September sind noch Plätze frei: www.wildes-irland.de

 

😀 Fotos: Sandra Böttcher (2-7), Markus Bäuchle (1)

Ein Ire kämpft gegen die Unpünktlichkeit

Irland ZeitJohnny ist ein Farmer-Sohn aus West Cork. Er fährt sein eigenes Taxi und ist seit über 20 Jahren im Geschäft. Er weiß, wie der Ire läuft. Viele Jahre hat Johnny den Lumpenwagen, das Late Night Taxi von den Pubs zu den heimischen Betten der Region gefahren. Bei all dem hat er sich seine Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit bewahrt. Wenn Johnny auf 8 Uhr bestellt wird, steht er 10 Minuten vor 8 vor der Tür.

„Das kommt wahrscheinlich von meiner Zeit im Ausland“, sagt Johnny fast entschuldigend. Er hat lange Overseas gearbeitet, und nun fühlt er sich oft wie ein Fremder im eigenen Land. Wie ein Blow-in, ein Herein-Gewehter, wie man hier zu uns Fremden sagt (Dabei spielt es keine Rolle, ob Du aus Deutschland oder aus Donegal kommst. Du bist und bleibst ein Blow-in). Denn die sprichwörtliche Unpünktlichkeit der Irinnen und Iren ist vor allem in den ländlichen Gebieten noch immer stark ausgeprägt. Johnny ist Ire und er hasst Unpünktlichkeit, sie stiehlt ihm Woche für Woche viele Stunden eigenes Leben. Für ihn ist Unpünktlichkeit kein Lebensstil sondern Rücksichtslosigkeit und Undiszipliniertheit.

„Stell Dir vor, die Mary hat mich für eine Gruppenfahrt gebucht. Ich müsse absolut pünktlich sein, denn sie müssten Punkt 20 Uhr bei einer Party in G. sein. Als ich die lustige Gruppe wie bestellt in einem Pub in der Nachbarschaft in A. abholen will, geht prompt Mary´s Hand nach oben: Noch eine Runde, Wirt. Du glaubst es nicht, als sie um 20 Uhr noch einmal eine Runde bestellen will, die Feier hatte man wohl längst vergessen, weise ich Mary sanft darauf hin, dass sie nun bereits 20 Kilometer weiter bei der Party sein sollte — und dass ich mich nun um andere Fahrgäste kümmern muss. Weisst du, was sie antwortet? Oh Johnny, das  tut mir aber leid. Ich wusste gar nicht, dass Du es so eilig hast. Mary ist wirklich eine liebenswerte Frau, aber diese Unpünktlichkeit . . .“

Johnny könnte mit seinen Late-Night-Stories ein Buch füllen. Am Ende aber ist er froh, dass sich die Dinge auch in Irland langsam ändern, selbst wenn das seinem Taxi-Business nicht gut tut: „Das massenhafte tage- und nächtelange Saufen, das früher ein anderes Wort für Ferien und Freizeit war, stirbt langsam aus. Heute gehen auch mehr und mehr Iren einem geregelten Alltag nach, sie machen Ferien und Kurztrips eher wie die Kontinental-Europäer.“ Johnny erinnert sich: „Vor 10, 20 Jahren kamen die Leute aus Dublin oder Cork hier zu uns aufs Land in die Ferien, setzten sich auf einen Barhocker, tranken und tranken und verließen den Barhocker bis zum Ferienende kaum. Was haben trinkfeste Iren nachts um 2 gelacht über die komischen Deutschen und Franzosen, die meist schon um 23 Uhr in ihren Betten lagen, um am nächsten Tag fit für Unternehmungen zu sein. Nun machen wir es selber so, und das ist gut.“

Und so gibt Johnny die Hoffnung nicht auf, dass er irgendwann in ein paar Jahren um zehn for acht vor irgendeiner Pub-Tür steht, und dass keine Hand hoch sondern die Tür auf geht und die Fahrgäste sich freuen, pünktlich abgeholt zu werden . . .

Johnny existiert, die Geschichte ist wahr, den Namen habe ich geändert. M.

Träumen von einem anderen reicheren Leben

Irland Wanderer

Lieblingsthema Irland: Es ist ein wenig ruhig geworden in den vergangenen Wochen hier auf Irlandnews. Das hatte Gründe und das wird sich wieder ändern. Zunächst zu den Gründen:

* Es ist Sommer (oder das, was wir in Irland dafür halten . . . ). Es ist Wanderzeit. Wir haben eine schöne aber auch anstrengende Saison, und da bleibt oft keine Zeit zum Schreiben. Winter ist Schreibzeit, Sommer Wanderzeit.

* Irlandnews gibt es nun im siebten Jahr. Es ist und bleibt eine Einmann-Veranstaltung mit Unterstützung (Großer Dank vor allem an Antje für die wöchentlichen Irland-TV-Tipps, immer freitags!). Es fällt mir schwerer als in den ersten Jahren, frische und spannende Irland-Themen für mich selber zu entdecken. Hier versammeln sich mittlerweile weit über 2000 eigene Beiträge. Eigentlich habe ich über fast jeden Aspekt dieses schönen kleinen Landes, seiner Natur, Kultur und Menschen schon einmal etwas geschrieben. Mit dem zweiten Aufwasch aber tue ich mich schwer, und ich hatte mir vor einigen Jahren auch noch vorgenommen, weder mich noch andere mit ständigen Wiederholungen langweilen zu wollen.

Irland Buch BäuchleFreude bei der Arbeit: Ich habe mir, nach einigen dürren Jahren, hier in Irland die Arbeit geschaffen, die mir viel Spaß macht. Das merkt man unter anderem daran, dass zwischen Arbeit und Freizeit kaum unterschieden werden kann (eine perfekte Grundlage, sich selber lustvoll auszubeuten). Oder daran, dass sich unser Leben hier auch nach 15 Jahren immer noch ein wenig wie Dauerurlaub anfühlt. Ein großer Sinn- und Spaßkiller aber, der sich gerne heimlich durch die Hintertür schleicht, ist die langweilige Tante Wiederholung.  Man möchte ihr gerne aus dem Weg gehen.

Irland lieben* Bücher sind erschöpfend. Mein erstes Buch Irland. Ein Länderporträt ist Ende Juni 2015 in der 3. Auflage erschienen. Mein zweites Irland-Buch (geschrieben zusammen mit Eliane Zimmermann) ist gerade vor ein paar Tagen, Mitte August, in die Buchläden gekommen: 111 Gründe, Irland zu lieben gibt umfassend Auskunft auf die Frage, was wir an Irland mögen (und auch was nicht).  Am Ende des letzten geschriebenen Satzes beider Bücher machte sich der Eindruck breit, alles sei gesagt zum Thema. Zumindest aus meiner Perspektive.

* Und nicht zuletzt: Ihr „da draußen“,  lieben LeserInnen, Mit-DiskutantInnen, Co-AutorInnen, seid müder, zurückhaltender, kürzer geworden. Die spannenden Diskussionen vergangener Jahre kommen nicht mehr so leicht zustande. Mein Verdacht: Unser aller Aufmerksamkeitsspanne ist erheblich geschrumpft. Das ständige Liken, das sich Bekennen per Ein-Tasten-Druck, das fixe Bildchen und Filmchen Posten, das kurzatmige stakkatohafte Facebooken, Whatsappen und Snapchatten hat vielen Menschen die Energie zum Formulieren größerer Text – und Sinneinheiten geraubt. Oder doch nicht? (Das Kommentarfeld findet Ihr am Ende dieses Beitrags).

Was also tut sich auf Irlandnews? 

* Zu allererst: Mehr Energie fließt in Zukunft in das Irlandnews-Ressort Natur & Mensch. Gemeinsam nachzudenken über unser so gespaltenes und ungesundes wie faszinierendes und hoffnungsvolles Verhältnis zur Natur erscheint mir lohnender und wichtiger denn je.  Realistisches Träumen von einer besseren Zukunft.

* Wirklichkeit beschreiben: Reiseführer, Reise-Tipp-Sammlungen, Nebelwerfer, romantisierende Werbebroschüren und Hochglanz-Publikationen über den Wilden Atlantischen (Holz?-) Weg gibt es zur Genüge. Doch nichts ist spannender als die Wirklichkeit. Irlandnews wird deshalb künftig stärker darüber berichten, wie das Leben in Irland in diesen schwierigen Jahren des Wandels und der rapiden Veränderungen wirklich ist. Das Leben in Irland jenseits von Klischees und Grüne-Brille-Marketing. Dieses Land ist ein herrliches Land, das Paradies aber ist anderswo zu vermuten, auch wenn wir hier am westlichen Rand Europas immer wieder paradiesische Momente erleben dürfen.

* Das Schöne sehen: Die Schönheit der Landschaft, die Schönheit in einzelnen Menschen, die Schönheit des eigenen Weges ist Teil der Wirklichkeit. Sie soll nicht zu kurz kommen. Der Traum der Wirklichkeit.

* Feedback: Ich würde von LeserInnen und MitmacherInnen gerne erfahren, wie es um Eure Bereitschaft steht, künftig mitzuwirken. Wer würde gerne für Irlandnews schreiben und wenn ja, über was? Zudem: Was wünscht Ihr Euch thematisch von Irlandnews? (Das Kommentarfeld findet Ihr am Ende dieses Beitrags).

Und doch: Immer wieder einmal kommen schöne Reaktionen auf Irlandnews-Beiträge. Gestern schrieb Uschi auf unsere Anzeige Wanderlust sucht Wanderführerin diese E-Mail:

Lieber Markus Bäuchle,

Nein ich möchte mich nicht wirklich bewerben. Aber Ihre Anzeige lässt uns träumen, von einem anderen, vielleicht reicheren Leben.

Keine Angst, eigentlich sind wir mehr als zufrieden, aber man darf ja mal fantasieren…

Wir waren in diesem Jahr zum ersten Mal wandern in Irland – den Kerryway – und haben in einer schwierigen Situation unserer schon langen Liebe wieder zueinander gefunden – Wandern als Therapie?

Spannenderweise gab es einige Berührungspunkte mit Inhalten in Ihrem Blog – schon am Anfang der Reise, das Konzert von Damien Rice im Marque in Cork – wir waren auch da und es war so berührend und wundervoll…

Wir haben auch Überlegungen zum Zeitverständnis der Iren angestellt – wir haben fast keine Uhr in öffentlichen Gebäuden, B&Bs oder Bussen gefunden, die die “richtige”  Zeit angezeigt hat. Und dann die netten Menschen, jeder bedankt sich nach der Fahrt beim Busfahrer – wir haben uns vorgenommen, ein wenig dieser Freundlichkeit in unseren deutschen Alltag mitzunehmen.

Wir werden im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder kommen und weiter träumen, vom Cottage, das zu mieten ist, der Nähe zur Natur und dem Alleinsein und der Intensität der Wahrnehmungen während der Wanderungen – Vielleicht sieht man sich ja mal…

Wir wünschen Ihnen eine glückliche Hand beim Finden des neuen Wanderführers und freuen uns über weitere Berichte aus unsere neuen Traumland…

Liebe Grüße von Uschi . . .

Danke Uschi und alles Gute!

Irland und das Wetter: Ein ewiges Mysterium

Wetter Irland

Irland und das Wetter – ein ewiges Mysterium. Wir haben Mitte August und die Menschen auf der Insel stellen sich die Frage: Ist es noch nicht Sommer oder doch schon Herbst? Der alte irische Witz muss wieder allzu oft her halten: Dieses Jahr fiel der Sommer auf einen Mittwoch.

Tatsächlich ist das irische Wetter, das stets frisch aus dem Westen vom Atlantik geliefert wird, selbst in seiner Unberechenbarkeit unberechenbar. Denn auch vier Wochen Sommersonne pur gibt es. Schon mal. Dieses Jahr allerdings nicht. In diesem Jahr, da Kontinentaleuropa unter Rekordhitze leidet, erlebten wir am westlichen Rand Europas eines der kältesten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Und Wolken und Regen und Sonne dazwischen.

Ein neuseeländischer Wetterprophet hat bislang die besten Langzeitprognosen ins Rennen geschickt und verspricht uns einen schönen Spätsommer, während ex-Postbote Donal Gallagher, der berüchtigte Beeren- und Fuchlosungsbetrachter aus Donegal, ebenfalls optimistisch bleibt. Nur das irische Wetteramt Met Eireann ist nicht so ganz überzeugt vom schönen Sommerausgang. Aber immerhin: Die Tendenz ist auch in Glasnevin bei den professionellen Metereologen ganz positiv.

Wir werden es erleben. Heute morgen jedenfalls hatten wir bereits Blaue Stunde über der Bucht (Foto oben). Und nun zeigt sich die Sonne zwischen Schönwetterwolken . . .

Die Postleitzahlen kommen. Ein bisschen . . .

Eircode Irland

Der Eircode für Eire: Oft angekündigt, oft verschoben und nie gewünscht: Vorgestern kam der Brief mit unserer Postleitzahl. Die Post schickt derzeit an 2,2 Millionen Adressen im Land die lange angekündigte Postleitzahl. Unsere Eircode lautet: P75 DN80 und soll die eindeutige Identifizierung unserer Hauses ermöglichen. Mag sein. Für postalische Zwecke allerdings, um die vielzitierten Postlieferungen, die Pakete, Päckchen und Einschreiben künftig sicher zustellen zu können, scheint das neue Postleitzahlensystem nicht zu taugen. Dafür eher zur besseren Kontrolle der Insel-Bürger. Die Leitartikler in den irischen Zeitungen mutmaßen denn auch fleißig, dass der Eircode eine gelungene Sache sei für das Finanzamt, für die Sozial- und Gesundheitsbehörden und für andere staatliche Dienstleister, um endlich der fehlenden Meldepflicht beizukommen und die Bürger im Land besser zu fassen zu bekommen, um Steuer- Sozial- und anderen Betrug besser zu bekämpfen.

Mag sein. Alle großen Spediteure, Transporteure, Kuriere und Logistikunternehmen lehnen das irische Postleitzahlensystem genauso ab wie die Anbieter von GPS-Lösungen. Und der Clou ist: Das neue System ist freiwillig und völlig unverbindlich. Es kann also alles beim Alten bleiben. Gut so, denn laut Eircode wohnen wir nun plötzlich im Townland von Derrycreigh, sind über Nacht vom Townland Ardaturrish Beg über den Grenzbach nach Nordosten gezogen. Und das ist nachweislich nicht der Fall, will heißen: Eircode liegt falsch, wir bleiben in Ardaturrish Beg wohnen.

Wir das mittlerweile 28 Millionen Euro teure grüne PLZ-Werk also zur Lachnummer? Hier noch einmal der Irlandnews-Bericht vom Frühjahr mit den Hintergründen zu Eircode:

 
Irland ist anders (soll aber gleicher werden): Unsere irische Postadresse ruft bei Menschen im kleinen Rest der Welt immer wieder ungläubiges Staunen hervor: „Keine Postleitzahl, keine Hausnummer – aber geben Sie vorsichtshalber unsere Telefonnummer im Adressfeld an.“ Ja geht so etwas in der modernen Welt? Es geht, aber nicht mehr lange. Im kommenden Jahr soll nun auch Irland als eines der letzten Länder Europas ein Postleitzahlensystem bekommen. Eircode heißt der Weisheit postalischer Treffsicherheit letzter Schluss und wird für Frühjahr 2015 angekündigt. Jedes Haus, jede Wohnung und jedes Business sollen einen 7-stellige Identitifizierungscode erhalten und dann soll jede der 2,2 Millionen Adressen der Insel-Republik eindeutig und einwandfrei auffindbar sein. Soll. Denn eigentlich sollten die Postleitzahlen für Irland schon 2008 kommen. Und eigentlich weiß keiner so recht, ob Eircode nicht doch das gleiche Schicksal ereilen wird wie die super-modernen und sündhaft teuren irischen Wahlmaschinen: Jene wanderten mangels Tauglichkeit von der Fabrik direkt auf den Müll.

Nachdenklich stimmt: Noch bevor das fast 20 Millionen Euro teure „Wunderwerk“ Eircode das Licht der Welt erblickt, hagelt es schon vernichtende Kritik: Die einen maulen, das Postleitzahlensystem IE-2015 sei keinen Deut besser und smarter als das erste Postleitzahlensystem, das 1857 für London entwickelt worden war. Die Branchenverbände der Spediteure und Kuriere raten, Eircode unbesehen einzustampfen, weil es eine unintelligente Insellösung sei: Das von der Regierung beauftragte Unternehmen hat es offensichtich gerade mal geschafft, eine uralte post-interne Orts-Datenbank zu revitaisieren und diese zum öffentlichen Postleitzahlensystem hochzujubeln.

Eircode

Im Zeitalter von GPS, Geo-Technologien und Smart Economy wirkt schon ein wenig befremdlich, dass die Entwickler von Eircode jedem Haus eine zufällig ausgewählte Nummer zuteilen. Zwar weisen die ersten drei Ziffern auf eine der 139 regionalen Zustell-Zentren der Post hin, die jeweilige vierstellige ID-Nummer für das Haus lässt eine detaillierte Orientierung jedoch nicht zu: So haben zwei benachbarte Häuser völlig unterschiedliche Eircodes und das System entzieht sich komplett der modernen Navigationstechnik. They do it their way: the Irish way.

Immerhin: Auch wenn Irland wieder ein Stück gleicher gemacht werden soll, bleibt doch alles anders.

PS: Das Fehlen von Postleitzahlen und eindeutigen Postadressen sorgt in Irland immer wieder für  großartige wahre Geschichten: So gibt es Häuser, die bis zu sieben (!) verschiedene Adressen haben. Zudem firmieren viele Häuser in einer Straße unter derselben Adresse — und wenn dann noch alle Bewohner den gleichen Nachnamen haben (wie die O`Sullivans in unserer Region), dann kann es allenfalls der absolut ortskundige Briefträger ordentlich richten. Man kann sich leicht vorstellen, wie viele Lieferungen von Amazon und Apple bis Zara im irischen Adress-Dschungel bis heute verloren gingen oder bewusst verschwanden. Nicht umsonst weigern sich viele britische Firmen, ihre Ware nach Irland auszuliefern. Bemerkenswert auch die Bereicherungsstrategie eines Iren, der sich für ein und dasselbe Haus unter Zuhilfenahme von fünf leicht unterschiedlichen Adressen bei fünf verschiedenen Banken erfolgreich fünf Großkredite beschaffte. Lang lebe Ned Devine — ob mit oder ohne Postleitzahl!

Foto: Eircode; mehr Infos: www.eircode.ie

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