Über Markus Bäuchle

Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus kann man in Irland wandern gehen: www.irland-wandern.de
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Irland, Hochburg der Marienverehrer

Maria Muttergottes Irland

Oh Mary Help Me: Grotto bei Skibbereen. Zum Vergrößern aufs Bild klicken

Irland, Hochburg der Marienverehrer. Das steht die heilige Muttergottes vor ihrer Grotte und strahlt. Gewandet in den Farben der Unschuld, weiß und blau — immaculate, sagen die Iren —  mit einem Lichtkranz gekrönt. Manche meinen, Maria, die Mutter Jesu, sei wirkungsmächtiger als Sohn und Vater zusammen, weil die Irdische, die Reine und Unbefleckte, nicht entrückt sei sondern dem Menschen tröstlich nah und so viel näher als die Götter. Und so rangiert sie ganz inoffizell auch im Rang einer Göttin.

Irland jedenfalls hat sich als Hochburg der Marienverehrung bewiesen, als Papst Pius XII im Jahr 1953/54 das erste Marianische Jahr zur Würdigung des 100 Jahre bestehenden Dogmas der Unbefleckten Empfängnis verkündete. Der Papa in Rom rief die Katholische Welt dazu auf, überall Orte der Marienverehrung zu schaffen — und ähnlich wie die Bayern, nur noch viel emsiger, gingen die Marien-Fans im hoch-katholischen Irland zu Werke. Sie schufen entlang der Straßen tausende Schreine und Grotten für die verehrte Muttergottes. Mal bekam sie eine Neonröhre als Heiligenschein verpasst, mal einen Heiligenschein aus Sternen — zumeist aber muss sie mit gelegentlichem Kerzenschein auskommen.

In  der christlichen Figur der Maria sehen wir den Kult der alten heidnischen Göttinnen fortbestehen. Maria ist die keltische Göttin Anu, sie ist Istar, sie ist Isis, sie ist die Magna Mater Kybele, sie ist Artemis, Diana und Athene.

Foto: Markus Bäuchle. Das Foto wurde Ende Oktober in der Abenddämmerung bei Lissard, Co. Cork aufgenommen.

Zwischen Abschied und Rückkehr das Warten

Irland MeerDie Frau des Fischers, des Seefahrers, die Wartende von Rosses Point: Ihr Leben war dem Rhythmus von Abschied und Rückkehr unterworfen — dazwischen das Warten,  das sich zum endlos langen Sehnen in quälender Ungewissheit dehnen konnte und das nicht immer von der Rückkehr abgelöst wurde, und immer wieder von Ungewissheit und Trauer. Nicht immer brachte der Tag an der Küste am Ende Erlösung. Die Skulptur der Wartenden von Rosses Point in der Sligo Bay erinnert seit dem Sommer 2002 an all die Fischer und Seefahrer, die vom Atlantik nicht nach Hause zurück kehrten. Und an ihre Frauen, die in der Küche, im Feld, im Stall oder am Strand voller Unruhe, Sorge und Sehnsucht warteten.

Wie eigentlich lernt man Warten? Vermutlich nur durch Warten.

Meer Irland

 

Fotos: Markus Bäuchle / Eliane Zimmermann / Wanderlust

Wagt das irische Volk die offene Revolte?

Irish IndependentDer Sunday Independent titelt heute morgen: “Offene Revolte”. Ist die Geduld der Irinnen und Iren mit ihren Regierungen und den groben Zumutungen der vergangenen Jahre doch nicht unendlich? Braut sich hier eine Revolte zusammen, die im Systemkollaps enden könnte? Gestern gingen bei 93 Demonstrationen im Land über 150.000 Menschen auf die Straßen, um gegen die Politik der Regierung zu protestieren. Das ist in der jüngeren Geschichte des Landes ohne Beispiel. Offiziell geht es um die umstrittene Einführung von Wassergebühren, und drei von fünf Iren weigern sich bislang beharrlich, diese Gebühren zu bezahlen. Die Einführung der Water-Tax allerdings ist nur ein finales Symbol für die gegen die eigenen Bürger gerichtete Regierungs-Politik der vergangenen sieben Jahre.

Wie kein anderes Volk in West- und Mitteleuropa mussten die Menschen auf der Insel für die dreckigen Geschäfte ihrer Banken bluten und die Zeche bitter bezahlen: Jahrelang jagten sich drastische Kürzungen von staatlichen Leistungen und die Erhöung alter sowie die Einführung neuer Steuern und Abgaben und katapultierten viele irische Haushalte zurück in die Armut. Ausgerechnet bei den in allen Ländern Europas längst üblichen Wassergebühren ist jetzt Schluss — dies allerdings auch, weil die Regierung es zuließ, dass sich mit dem neuen nationalen Wasser-Versorger “Irish Water” flugs ein weiterer sagenhafter Selbstbedienungsladen für Manager etablierte, der den Nachweis guter Arbeit bislang völlig schuldig blieb. “Wir haben die Schnauze voll, dass wir immer weniger zum Leben haben und sich diese Herrschaften in Dublin das Geld wieder bündelweise in die eigenen Taschen stopfen”, wettert etwa unser Nachbar John.

Die Stimmung im Land passt so gar nicht zu der Erfolgs-Story Irland, die seit langem europaweit erzählt wird, um die Euro-Krise klein zu reden. Denn die Stimmung ist mies. Ganz offensichtlich wollen die Iren ein völlig neues politisches System, eine neue Partei und einen glaubwürdigen Neuanfang. Die Unterstützung für die nicht-atablierten Kräfte wächst sprunghaft, unabhängige Kandidaten dominierten die Wahlen der vergangenen Monate. Das explosive politische Klima im Land belegt auch die aktuelle Großumfrage von Millward Brown, die heute morgen veröffentlicht wurde: Demnach ist die politisch nicht gerade zuverlässige Sinn Fein, eine Partei mit vielen Verstrickungen, mit aktuellen Skandalen und einer aufgrund der Nähe zur IRA ungeklärten Vergangenheit,  nun die meist unterstütze politische Partei in der Republik: Sinn Fein würden aktuell 26 Prozent der Iren wählen. Die beiden Regierungsparteien Fine Gael und Labour sind indes auf 22 und sieben Prozent abgestürzt. Und die jahrzehntelange Regierungspartei Fianna Fail profitiert kein bisschen von der poilitischen Krise, stagniert bei 20 Prozent: Die Iren haben offensichtlich doch nicht vergessen, dass die korrupte Fianna Fail-Regierung Bertie Aherns das Land bereitwillig in die tiefe Krise gestürzt hat. So stehen nun alle drei Führer der etablierten politischen Parteien (und aus anderen Gründen auch der Chef von Sinn Fein) unter massivem Druck — und die Tage der Fine-Gael-Labour-Regierung scheinen gezählt.

Alarmierend sind vor allem diese aktuellen Umfrage.Ergebnisse: Nur noch 29 Prozent der Iren haben Vertrauen in das aktuelle Parteiensystem. Sogar 47 Prozent der Wahlberechtigten fordern die Gründung einer neuen Partei. Die Irinnen und Iren sind zwar Weltmeister im folgenlosen Ankündigen ( “Wir bezahlen die Haussteuer nicht. Gleich. Aber dann doch.”), doch es verdichten sich gerade die Anzeichen,  dass auch die eher sanftmütigen Menschen auf der Insel nun endgültig genug haben von der Ungerechtigkeit der von der EU gelenkten Regierungs-Politik. Gefordert wird ein radikaler Wechsel. Irland quo vadis?

Mehr zum Thema: Irish Independent

Die Friedhöfe der ungetauften Kinder Irlands

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Chillín in Dukinella, Achill Island

René Böll verbrachte seit Mitte der 50-er Jahre mit seiner Familie viele Sommerferien auf Achill Island im County Mayo in Irlands Westen. Er war selber noch Kind, als er hoch auf den Kliffen von Dookinella nur mit Feldsteinen markierte Orte und ihre verborgene Bedeutung entdeckte: Cillíní, die Grabfelder der ungetauften Kinder Achills. Wie vielerorts in Irland begruben auch die Menschen von Achill Island ihre ungetauften toten Kinder abseits der Friedhöfe in ungeweihtem Boden. Nach herrschender Kirchenlehre waren die ungetauften Seelen nicht von der Erbsünde befreit und konnten deshalb nicht in den Himmel kommen. Das Paradies  blieb ihnen verwehrt. Ihnen war von den Kirchenlehrern eine Existenz im Limbus, einer Art Vorhölle, vorgeschrieben — und die kleinen Körper wurden heimlich und ohne Ritual. meist nachts, an Orten abseits der geweihten Friedhöfe begraben.

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von deinem curragh aus

wenn du makrelen fischst

siehst du mein grab

Es gibt über 1200 heute noch bekannte Cillíní (das irische Wort bedeutet kleine Kirche oder kleiner Kirchhof) in Irland und mutmaßlich noch einmal so viele in Vergessenheit geratene Orte, an denen neben den ungetauften Kindern meist auch Fremde, Mörder und Selbstmörder namenlos und ohne Stein oder Kreuz begraben wurden. Die Tradition der getrennten Bestattung stammt wohl aus vorchristlicher Zeit und wurde in Irland auf Geheiß des katholischen Klerus bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts praktiziert.

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etwas besseres als den tod

fand ich nicht

bei meinem besuch auf dieser erde

Die irischen Cillíní waren einerseits geheime Orte, über die man nicht sprach — andererseits waren die Orte, an denen die Kinderfriedhöfe vor allem ab dem 17. Jahrhundert entstanden, mit Bedacht ausgewählt. Sie liegen oft an landschaftlich besonderen Orten wie auf den Höhen von Klippen,  oft auch an einstmals heiligen oder wichtigen Orten mit Kirchenruinen oder vor-christlichen Monumenten wie Steinkreisen und Steinreihen — aber auch im Abseits, fern der täglichen Wege, “im Niemandsland zwischen zwei Dörfern” (René Böll) oder gar im Zentrum eines Feenhügels.

Bis in die heutigen Tage sind diese Orte der ungetauften Kinder Irlands mit einem kollektiven Tabu belegt — und doch drückt sich schon in der bewussten Wahl des Ortes ein Motiv des erinnern Wollens aus, und doch gibt es heute, da die Kirchenlehre vom Limbus, dem Ort zwischen Himmel und Hölle, langsam einer Betrachtung gewichen ist, die der unschuldigen und doch unerlösten Kinderseele auch von Kirchenseite Hoffnung auf Rettung (!) macht. Vielerorts in Irland bemühen sich Menschen heute erfolgreich, die Erinnerung an die ungetauften Kinder Irlands zurück ins kollektive Bewusstsein zu holen, die Scham der eigenen Tradition zu überwinden und den offiziellen Segen der Kirche für die Orte der Ausgrenzung einzufordern.

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leben konntest du nicht

mein kind ohne namen

es blieb ein stein nur am meer

Der Maler René Böll fühlte sich von den Cillíní auf Achill Island seit seiner Kindheit angezogen. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich nun “mit älteren Augen” intensiv mit den Kinderfriedhöfen, den Orten und deren Bedeutung. Er suchte, identifizierte, fotografierte und dokumentierte auf Achill bislang über 20 geheime Friedhöfe — viele fand er mit Hilfe von Einheimischen, die noch um die Orte wussten und bereit waren, dieses Wissen zu teilen. Die Beschäftigung mit den Cillíní mündete in einem künstlerischen Projekt, mit dem René Böll dazu beitragen will, die vergessenen Kinder Irlands in die Erinnerung zurück zu holen und ihnen erstmals einen Teil ihrer verweigerten gesellschaftlich-kulturellen Identität zu schenken. Der Maler versteht seine meditativ-spirituelle Arbeit als “Spurensuche”, als Versuch, sich dem “einem rein optischen Sehen Verborgenen, Nicht-Existenzen anzunähern”. Böll malt in der ihm eigenen klassischen Technik mit besonderen Pigmenten und Malmaterialien. Die Ergebnisse  des Projekts Cillíní  sind jetzt in einer Ausstellung im LVR-Landesmuseum Bonn zu sehen.

René Böll hat mir freundlichweise den Katalog zur Ausstellung hier nach Irland geschickt und die Betrachtung von Digital-Kopien seiner Cillíní-Gemälde ermöglicht. Gerne würde ich — auch weil mich die Geschichte und Bedeutung der geheimen Begräbnis-Orte der vergessenen Kinder Irlands seit langem beschäftigt — die Originale betrachten. Fürs Erste nuss ich mich auf die Frage an Euch beschränken: Wer von Euch im Raum Köln-Bonn möchte die Ausstellung eimal besuchen und uns hier auf Irlandnews.com seine Eindrücke schildern? Eine Email an markus@irlandnews.com ist erwünscht. Hier die Details zur Ausstellung:

In der Ausstellung „Cillíní – Die Friedhöfe der ungetauften Kinder Irlands auf Achill Island“ im LVR-LandesMuseum präsentiert René Böll seine Bildkompositionen und die begleitenden dokumentarischen Fotografien der Orte und Landschaften, nicht im Kontext einer klassischen gehängten Raumpräsentation, sondern baut einen eigenen malerischen Landschaftsraum in die Ausstellung, die der Betrachter wie ein dreidimensionales Bild gleichsam umschreiten, betreten oder auch als reale Landschaftsgestaltung wahrnehmen kann. Das LVR-LandesMuseum Bonn stellt die Werke vom 2. Oktober 2014 bis zum 4. Januar 2015 aus. Der Begleitkatalog zur Ausstellung erscheint im Eigenverlag des Künstlers und kostet während der Ausstellung 14,90 Euro.

Informationen über Leben und Arbeiten von René Böll gibt es hier: www.rene-boell.de. Die jeweils drei-zeiligen Texte in der Tradition des Haiku stammen ebenfalls von  Böll und sollen die visuelle Annäherung in der Dimension der Sprache übersetzen und weiterführen.

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unter einem grauen stein

liegst du, kleiner mensch

achtlos der wanderer

Alle Bilder: © René Böll

 

Samhain: Von dünnen Orten und dünner Zeit

Nebel in Irland SamhainSamhain, Halloween, Allerheiligen. In unserer Reise durch die Zeit erreichen wir den dunklen Pol des Jahres, die Halb-Etappe zwischen Tagundnachtgleiche und Wintersonnenwende. Nun werden die Schleier zwischen dieser Welt und der Anderswelt besonders dünn. Die Kelten und deren Nachfolger nennen dies die dünne Zeit (thin time), in der die Grenzen zwischen den Reichen der Lebenden und der Toten für kurze Zeit offen stehen. Manche Menschen fürchten sich in dieser dünnen Zeit und bleiben lieber zuhause, andere feiern die schrille US-Version des alten Totenkults mit Getöse, wieder andere öffnen ihre Sinne weit und tief und schauen durch den Schleier.

Neben der dünnen Zeit gibt es die dünnen Orte, an denen wir uns mit unseren Vorfahren und dem Göttlichen verbinden können, wenn Erinnerung und Gegenwart in eins fallen. Eric Weiner hat das Phänomen der thin places in der New York Times ausführlich beschrieben. Hier der Link zum Artikel.

Es ist viel gestritten worden über den Zusammenhang oder Nicht-Zusammenhang des keltischen Samhain und  des christlichen Allerheiligen. Es ist am Ende unbedeutend. Ohne christlich zu sein, gefällt mir der spirituelle Bogen, den die Pfarrerin Clare Novak aus Incline, einer Gemeinde am Lake Tahoe in Nevada, in einer Predigt zum 1. November zwischen den Religionen und Kulturen schlug:

Today, November 1, All Saints’ Day, we are halfway between the autumn equinox and the winter solstice. Entering a time of darkness in which the ancient Celts believed new life began. This time marked an important transition, their new year, a celebration called Samhain, when all fires were extinguished, then relit; when spirits of the dead could return to earth; when souls of the thankful departed could bestow blessings. In Celtic spirituality, this was a “thin time,” an extraordinary moment when the veil between the Otherworld and Earth was open.

The Celts also believed in “thin places,” where the distance between heaven and earth collapses, where we are “jolted out of old ways of seeing the world.” In his recent New York Times article, Eric Weiner explores this concept for the modern traveler: “Heaven and earth, the Celtic saying goes, are only three feet apart, but in thin places that distance is even shorter. . . . So what exactly makes a place thin? It’s easier to say what a thin place is not. A thin place is not necessarily a tranquil place, or a fun one, or even a beautiful one, though it may be all of those things too. Disney World is not a thin place. Nor is Cancún. Thin places relax us, yes, but they also transform us—or, more accurately, unmask us. In thin places, we become our more essential selves.”

It is no accident that our holy day of remembrance for the faithful departed falls in this “thin time.” The date for All Saints’ Day was shifted to November 1st back in the 9th century, part of the ongoing meld of Christianity with other spiritual traditions. As followers of Jesus, we also claim this day as a “thin place,” where in remembering the dead, we come closer to our essential selves.

For if we step out of our “thick” place of everyday life; if we allow ourselves to touch the pain of having lost loved ones to death; if we pause to reconnect with their lives and their meaning; if we empty out and enter a place of sacred silence, we are no longer “of the world,” as Jesus said.

In the space of silence, we move farther away from earthly things. In the space of remembrance, we move closer to those who died in glory and to those who “perished as though they had never existed.” We move our consciousness closer to the meek, and those who mourn, and those who are poor in spirit. For Jesus tells us, “theirs is the kingdom of heaven.”

In our “thin place” in this Chapel today, surrounded by beautiful images of Celtic art; in our “thin time,” open to the souls of all departed; I invite you to lift the veil of your ordinary preoccupations. To enter into extended sacred silence in our Prayers of the People. To experience there, in disorienting quiet, the peace of those who have gone before us and the blessing of the kingdom of heaven within us. Where new life begins. Amen.

Irische Mythen: Die “Kinderfreundlichkeit”

Irland KinderKinderfreundliches Irland? Wer über Irland redet, kommt schnell auf die viel gerühmte Kinderfreundlichkeit der Irinnen und Iren zu sprechen. Sind Paudy und Mary nicht vorbildlich im Umgang mit dem eigenen Nachwuchs? Bei aller Mythen-Pflege: Zweifel bleiben. In meinem Buch Irland. ein Länderporträt habe ich vorsichtige Zweifel geäußert:

“Bliebe die Frage zu klären, ob Irland ein kinderfreundliches Land ist, wie es oft heißt. Dass die Rechte der Kinder und deren Schutzbedürftigkeit Ende 2012 per Volksabstimmung in die Verfassung aufgenommen wurden, war eine politische Reaktion auf die lange Tradition des institutionellen Missbrauchs. Kinder in Irland werden möglicherweise mehr in das alltägliche Leben der Erwachsenen integriert als anderswo. Sie nehmen selbstverständlicher am öffentlichen Leben teil und begegnen einer in der Regel toleranten und respektvollen Erwachsenenwelt. Kinderfreundlichkeit offenbart sich in der Zahl der vielen Kinder, dem vergleichsweise milden Leistungsdruck in den Schulen, in der Akzeptanz kindlicher Artikulationsformen und in den späten Schulanfangszeiten. Kinderfreundlich wäre dagegen auch die Bereitstellung vielfältiger individueller Förder- und Entwicklungsangebote für Kinder. Abenteuerspielplätze, Musikschulen, Sporthallen, Bolzplätze oder Erlebnisschwimmbäder und kinderspezifische Freizeitangebote für alle sind insbesondere im ländlichen Irland noch immer dünn gesät. Wer mit Gaelic Football, Fußball oder Rugby nichts anfangen kann, wer nicht mobil ist oder die finanziellen Möglichkeiten nicht hat, geht deshalb oft leer aus.”

KDie aktuellen Erkenntnisse von UNICEF, wie Irland seine Kinder in den vergangenen sechs Jahren der Rezession und der tiefen Wirtschaftskrise “geschützt” hat, lassen noch größere Zweifel aufkommen: Kinderfreundliches Irland — alles Gerede? Die UNICEF weist in einer groß angelegten Untersuchung* nach, dass die Kinderarmut in Irland von 2008 bis 2012 von 18 auf 28,6 Prozent gestiegen ist. Demnach lebte 2012 mehr als jedes vierte Kind in der Inselrepublik in Armut — zumindest gemäß der Definition für reiche Länder, der zufolge Kinder arm sind, die in einem Haushalt mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze aufwachsen.

Schockierend ist, dass das Land, das sich noch 2007 als das reichste Land Europas gefeiert hat, unter den 41 untersuchten wohlhabenden EU- und OECD-Ländern einen unrühmlichen 37. und damit fünftletzten Rang belegt: Nur in Kroatien, Lettland, Griechenland und Island ist die Lage der Kinder demnach noch schlechter. Der Report Kinder der Rezession* weist gleichzeitig darauf hin, dass es 18 Länder trotz Rezession zwischen 2008 und 2012 geschafft haben, die Kinderarmut zu verringern. UNICEF macht eine verfehlte Arbeitsmarktpolitik und drastische Kürzungen von Sozialhilfe, Kindergeld und anderen staatlichen Leistungen für die Negativentwicklung in Irland verantwortlich. Von sekundären Benachteiligungen bei Bildung und Ausbildung gar nicht zu reden. So lässt sich positiv gedacht schlussfolgern: Paudy und Mary mögen kinderfreundlich sein, sie leisten sich aber gleichzeitig eine Regierung, die das Gegenteil dessen verkörpert.

Dieselbe Regierung bastelte in den vergangenen Jahren übrigens maßgeschneiderte jumbo-formatige Steuer-Schlupflöcher (bekannt als “Double irish”) für die großen globalen Unternehmen von Apple bis Google, damit die Multinationals ihre Steuerquoten weit unter 2 Prozent drücken konnten. Damit entgingen dem irischen Staat Einnahmen in Milliardenhöhe. Alles klar? Erst kommt das Big Business, dann kommt lange nichts und dann kommen vielleicht irgendwann noch die Kinder. So freundlich.

Auf Druck anderer europäischer Regierungen hat Irland Mitte Oktober widerwillig zugestimmt, das Double-Irish-Steuervermeidungs-System, das auch andere EU-Staaten benachteiligt, in fünf Jahren (!) einzustellen. Doch Irland wäre nicht Irland, hätte die Regierung nicht längst den nächsten Joker — sprich die nächste fast legale Steuervermeidungsmasche — im Ärmel. Die neuen Zauberwörter heißen Knowledge Box und Patent Box. Den Global Players soll unter dem Deckmäntelchen von Forschung, Wissenstransfer und neuen Patenten via Briefkastenfirmen massive Steuererleichterungen zugeschustert werden. Die Rede ist von einem Steuersatz von 6,25 Prozent — das ist die Hälfte des ohnehin geringen legalen irischen Steuersatzes für Unternehmen. Also Kinder Irlands: Nehmt Euch in acht vor der “Kinderfreundlichkeit” Eurer Regierung!

*Die UNICEF-Studie “Children of the Recession – The impact of the economic crisis on child well-being in rich countries” kann hier als PDF  geladen werden.

Irland ist anders: Die Postleitzahl kommt. Vielleicht.

EircodeIrland ist anders (soll aber gleicher werden): Unsere irische Postadresse ruft bei Menschen im kleinen Rest der Welt immer wieder ungläubiges Staunen hervor: “Keine Postleitzahl, keine Hausnummer – aber geben Sie vorsichtshalber unsere Telefonnummer im Adressfeld an.” Ja geht so etwas in der modernen Welt? Es geht, aber nicht mehr lange. Im kommenden Jahr soll nun auch Irland als eines der letzten Länder Europas ein Postleitzahlensystem bekommen. Eircode heißt der Weisheit postalischer Treffsicherheit letzter Schluss und wird für Frühjahr 2015 angekündigt. Jedes Haus, jede Wohnung und jedes Business sollen einen 7-stellige Identitifizierungscode erhalten und dann soll jede der 2,2 Millionen Adressen der Insel-Republik eindeutig und einwandfrei auffindbar sein. Soll. Denn eigentlich sollten die Postleitzahlen für Irland schon 2008 kommen. Und eigentlich weiß keiner so recht, ob Eircode nicht doch das gleiche Schicksal ereilen wird wie die super-modernen und sündhaft teuren irischen Wahlmaschinen: Jene wanderten mangels Tauglichkeit von der Fabrik direkt auf den Müll.

Nachdenklich stimmt: Noch bevor das fast 20 Millionen Euro teure “Wunderwerk” Eircode das Licht der Welt erblickt, hagelt es schon vernichtende Kritik: Die einen maulen, das Postleitzahlensystem IE-2015 sei keinen Deut besser und smarter als das erste Postleitzahlensystem, das 1857 für London entwickelt worden war. Die Branchenverbände der Spediteure und Kuriere raten, Eircode unbesehen einzustampfen, weil es eine unintelligente Insellösung sei: Das von der Regierung beauftragte Unternehmen hat es offensichtich gerade mal geschafft, eine uralte post-interne Orts-Datenbank zu revitaisieren und diese zum öffentlichen Postleitzahlensystem hochzujubeln.

Im Zeitalter von GPS, Geo-Technologien und Smart Economy wirkt schon ein wenig befremdlich, dass die Entwickler von Eircode jedem Haus eine zufällig ausgewählte Nummer zuteilen. Zwar weisen die ersten drei Ziffern auf eine der 139 regionalen Zustell-Zentren der Post hin, die jeweilige vierstellige ID-Nummer für das Haus lässt eine detaillierte Orientierung jedoch nicht zu: So haben zwei benachbarte Häuser völlig unterschiedliche Eircodes und das System entzieht sich komplett der modernen Navigationstechnik. They do it their way: the Irish way.

Immerhin: Auch wenn Irland wieder ein Stück gleicher gemacht werden soll, bleibt doch alles anders.

PS: Das Fehlen von Postleitzahlen und eindeutigen Postadressen sorgt in Irland immer wieder für  großartige wahre Geschichten: So gibt es Häuser, die bis zu sieben (!) verschiedene Adressen haben. Zudem firmieren viele Häuser in einer Straße unter derselben Adresse — und wenn dann noch alle Bewohner den gleichen Nachnamen haben (wie die O`Sullivans in unserer Region), dann kann es allenfalls der absolut ortskundige Briefträger ordentlich richten. Man kann sich leicht vorstellen, wie viele Lieferungen von Amazon und Apple bis Zara im irischen Adress-Dschungel bis heute verloren gingen oder bewusst verschwanden. Nicht umsonst weigern sich viele britische Firmen, ihre Ware nach Irland auszuliefern. Bemerkenswert auch die Bereicherungsstrategie eines Iren, der sich für ein und dasselbe Haus unter Zuhilfenahme von fünf leicht unterschiedlichen Adressen bei fünf verschiedenen Banken erfolgreich fünf Großkredite beschaffte. Lang lebe Ned Devine — ob mit oder ohne Postleitzahl!

Foto: Eircode; mehr Infos: www.eircode.ie

Irischer Sonntag: Die Zeit steht auf Winter

Roden und Brennen Irland

Roden, Baggern, Brennen für die Subventionen

Irischer Sonntag: Die “geklaute” Stunde ist, wie manche meinen,  gerade zurück erstattet worden. Die Zeit steht auf Winter. Während es sich in der deutschen Herbstssonne noch einmal wie im Sommer schwitzen ließ, ist hier in Irland der Herbst endgültig eingezogen.  Der Wind bläst vom Atlantik, bringt Regen. Doch es bleibt recht mild auf der anderen Seite des Fensters. Kein Grund, im Haus zu bleiben.

Irlandnews.comIrland so grün: Wer in den vergangenen Wochen mit offenen Augen durch das ländliche Irland fuhr, konnte die Rückkehr der Bagger bestaunen. Vielerorts auf den Feldern toben sich JCBs, Caterpillars und Komatsus  wieder ordentlich aus. Ist der Keltentiger endlich zurück? Noch nicht, die Räumkommandos in Ginsterfeld und Weidenhain erzählen eine andere aktuelle Geschichte: Sie rollen, roden, reißen, graben und zerhacken im Namen der Subentions-Sicherheit. Seit dem Auslaufen des EU-Agrar-Suvbentionsprogramms REPS, das Bauern auch für Flächen bezahlte, die sie der Renaturierung überließen, geht die Uhr wieder anders rum: Für Land, das (via Satellit kontrolliert) erkennbar kein Grasland ist und nicht der Nahrungsproduktion für Nutztiere dient, gibt es derzeit keine Zuschüsse: Und so müssen Ginster, Gagelstrauch und Pioniergehölz weichen und das Land flasht wieder in sattestem Monsanto-Grün: Die Wiesen in den 40 Shades of Fertilizers kehren flächig in das Landschaftsbild zurück, um Fleischrind und Milchkuh zu nähren — und nebenbei das geliebte Irland-Klischee von der grünen Insel mit den sanften Hügeln und den weiten Wiesen zu nähren. Schon im kommenden Jahr aber rollt der Traktor agrar-finanztechnisch wieder zu anderen Horizonten: Das nächste EU-Subventionsprogramm mit neuen Vorgaben steht vor der Einführung.

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Gestern war ich aus — und erlebte einen neuen kulinarischen Höhepunkt der Kategorie “Interessant!” Das Gasthaus, das hier nicht weiter angepriesen werden soll, ist mir wegen seines “einzigartig” komponierten Chicken Curry in Erinnerung geblieben: Curry mit Reis und Pommes. Was die Engländer erfanden, um es der Welt als indische Spezialität zu überlassen, wird im kartoffelhungrigen Irland mit der Fritten-Note variiert. Why not. Gestern nun “Vegetarian Curry” — Pommes, Reis, Pilze, Karotten und Rüben. Sehr interessant. Es lebe das Original Oirish Farmer Curry. Nach dem zweiten Pint beschossen wir übrigens, der Political Correctness, hier auch bekannt als PC,  definitiv den Kampf anzusagen und die Freiheit und den Spaß in unser gesprochenes Leben zurück zu holen. Ich erzähle deshalb den einzigen Witz, den ich mir derzeit merken kann — mit dem Hinweis: PC-Freaks bitte weiter-klicken.

Also, es ist in diesen Zeiten wieder viel von der Liebe die Rede — und auch von der wohl reinsten Form dieser edelsten aller menschlichen Empfindungen und Handlungsmotive: der bedingungslosen, unbedingten, vorbehaltslosen Liebe (“Unconditional Love”). Wer nun wissen will, was bedingungslose Liebe wirklich ist, der sperre seine(n) Lebenspartner(in) und seine(n) Hu(e)nd(in) eine Stunde lang in den Kofferraum seins/ihres Autos. Wer den Deckel nach einer Stunde wieder öffnet, weiß bescheid. Und ich bin wirklich stolz auf die gender-neutrale Formulierung dieses Satzes. Doch zurück nach Irland.

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irland KorbmacherDie liebliche Insel badet wie kein anderes Land West- und Mittel-Europas unbeirrt und ohne Plan im Plastikmüll. Der tägliche Output an Plastik-Verpackungen verschlägt mir bisweilen den Atem: Fast alle frischen Lebensmittel sind in Plastik verpackt, auch viele Getränke.  Der Rest kommt in Alu- und Weißblech-Dosen daher. Pfandflaschen gibt es nicht. Dass die Händler ihren Kunden für jede Plastiktüte 20 oder mehr Cents abknöpfen sollten, ist der ausschließliche Kern des irischen Müllvermermeidungs- und Entsorgungskonzepts. Wenn wir uns erlauben, die Plastikverpackungen des wöchentlichen Großeinkaufs im Mülleimer des örtlichen Supermarkts zurückzulassen, werden wir indes kritisch-argwöhnisch-belustigt beäugt. Das macht man eigentlich nicht. Aber was dann?

Martin O`Flynn und Frau Yvonne fahren unbeirrt das alte Gegenprogramm zur schnöden Erdöl-Kunststoff-Plastikwelt: Die Bio-Bauern leben und arbeiten hoch über dem Borlin-Tal. Sie stellen in mühevoller Handarbeit Körbe aus Weidenruten her. Sie sind Korbmacher — und trotzen der Billig-Konkurrenz aus Ländern der Dritten Welt. Der Korb, eine kunstvolle Kreation aus Holz, hält viele Jahre, ist pflegeleicht, schön anzusehen — und leider fast völlig aus der Mode gekommen. Oder geht Ihr noch zum Korbmacher ganz in Eurer Nähe? Wir waren gestern dort. Martin (unten) zeigt das Ergebnis seiner aktuellen Arbeit.

Korbmacher Martin O`Flynn

Korbmacher Martin O`Flynn

In diesem Sinne einen schönen Oktober-Sonntag. Der Wanderer.

Fotos (3): Markus Bäuchle / Wanderlust

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