Die Geschichte der Puxley-Familie auf Beara

Das Puxleys Mansion in seiner ganzen Pracht. als Postkartenmotiv

Puxleys Mansion auf Dunboy in seiner ganzen Pracht als Postkartenmotiv

Geschichten von der Beara-Halbinsel im Süd-Westen Irlands (Teil 10)

von Peter Bernhardt* 

Wir setzen den Geschichten-Zyklus über das ländliche Irland an der Atlantikküste fort. Geschrieben von unserem Freund Peter Bernhardt. Er forscht gern in der Vergangenheit und lässt ein Stück „altes Irland“ lebendig werden. Heute erzählt uns Peter die Geschichte einer interessanten Familie, die das Leben auf Beara 200 Jahre lang mit geprägt hat: Die Puxleys. 

Dies ist die Geschichte einer Familie, die fast 200 Jahre eine wichtige Rolle auf der Beara Peninsula spielte: Die Puxleys. Ursprünglich stammt die Familie aus England, vermutlich aus der Gegend um Passenham/Northamptonshire. Immerhin findet man dort ein Townland und eine Straße mit dem Namen Puxley. Henry Puxley (geboren 1685) kam zunächst nach Galway, wo er Edward Eyre als Land Agent diente. Zwei seiner Söhne, Henry und John, machten sich um 1723 auf den Weg, um auf der Beara-Peninsula ihr „Glück“ zu finden.

Henry der Jüngere, der ebenfalls Gutsverwalter wie sein Vater war, pachtete hier Land zur eigenen Nutzung. Schon recht bald gingen Henry und John mit dem lokalen Clan der O’Sullivans geschäftliche Verbindungen ein, die auf hoch-profitablem Schmuggelhandel basierte. Wolle wurde exportiert, das war verboten. Brandy, Wein und Tabak wurden illegal eingeführt. Das Geschäft florierte. Doch Morty Og O’Sullivan hatte neben seiner Tätigkeit auch noch eine andere Einnahmequelle. Er rekrutierte arme Bauernjungen für die französische Armee, und das geschah nicht immer auf die feine Art. Und so häuften sich die Beschwerden der Eltern bei den Puxleys, die aus ihrer Loyalität zur englischen Krone keinen Hehl machten und Morty Og bei der Obrigkeit in Cork anzeigten. Das führte schließlich zur Todfeindschaft der beiden „Handels-Partner“.

Das Mansion als Ruine im späten 20. jahrhundert

Das Mansion als Ruine im späten 20. Jahrhundert

Henry ging zurück nach Galway aufs Altenteil, John blieb. Übrigens: John kämpfte in der englischen Armee in der Schlacht bei Culloden (Schottland) im Jahre 1746 gegen die Schotten. Angeblich ist er aus Schottland geflohen – auf einem Schiff, das Morty Og O’Sullivan gehörte. Die Auseinandersetzung zwischen John und Morty Og jedenfalls fand im März 1754 ihren Höhepunkt. Als sich John mit seiner Familie auf dem Weg zur Kirche befand, wurde er von Morty Og erschossen. Morty Og war danach ein „Vogelfreier“ und wurde von nun an gejagt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Johns Sohn, wiederum ein Henry, erbte das Land von Dunboy bei Castletownbere und tat alles, um den Besitz zu vergrößern. 1771 heiratete er Sarah Lavallin. Seither tragen die Puxleys auch den Namen Lavallin. Das Paar bekam einen Sohn, John Lavallin Puxley (1772 – 1856), später bekannt als Copper John.

Copper John Puxley

Copper John Puxley

Copper John heiratete Sarah Hobbs und bekam mit ihr acht Kinder. Es ist überliefert, daß nur eine Tochter die Eltern überlebte, alle anderen starben wohl recht früh. John beglich alle Schulden, die auf dem Lavallin-Besitz lasteten und erwarb darüber hinaus auch das Annesley-Anwesen in Berehaven. John war außerdem auch „High Sheriff of the County of Carmarthenshire (Wales) im Jahre 1832. Dort hatte er auch ein großes Georgian Herrenhaus erworben.

Schon zur Bronze-Zeit hatte man auf der Beara-Halbinsel Kupfer gefunden, und da dieses Metall im 19. Jahrhundert ein begehrter Rohstoff wurde, erwarben vier Männer die Schürfrechte für die Berge von Allihies, um von diesem Boom zu profitieren.

John gehörten nur 4/21 der Schürfrechte in den Kupferminen von Allihies. Die Mehrheit besaß ein Robert Hedges-Eyre, doch im März 1812 konnte Copper John die Anteile von Eyre pachten und hatte damit freie Hand. Als Fachleute holte John erfahrene Minen-Arbeiter aus Cornwall. Einer der ersten Manager war der walisische Minen-Captain Edward Nettle, mit einem Jahresgehalt von 100 englischen Pfund, während die irischen Arbeiter mit dem damals weniger wertigen irischen Pound abgefunden wurden.

Im Mai 1812 listet das account book der Minengesellschaft 18 Arbeiter, 2 Bergleute,1 Jungen und 6 Handwerker  auf – Zimmermann, Fassbinder, Steinmetz, Maurer und Schmied. Schon im Oktober des gleichen Jahres gabs den ersten Unfall. Der Schmied John Harrington verunglückte tödlich. Seine Witwe wurde mit einer monatlichen Rente von 1 pound und 2 Shillingen für ein Jahr abgespeist. Danach mußte sie, so ist es in den Dokumenten festgehalten, das Handwerkszeug ihres Mannes verkaufen, um mit dem Erlös ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Im Juni 1813 verunglückte wieder ein Arbeiter und dessen Witwe bekam den gleichen Betrag für ein Jahr. Schon im März 1813 stellte man 25 Frauen ein, um das geförderte Erz aufzuarbeiten. Das Geschäft begann aber erst richtig zu laufen, als man in der Mountain Mine auf eine außergewöhnlich dicke Erz-Ader stieß. Das brachte eine tiefgreifende Veränderung für das Leben der Leute auf der Beara Halbinsel. Doch das könnte eine andere Geschichte werden. Copper John, so wurde berichtet, nahm täglich den beschwerlichen Weg von Dunboy nach Allihies auf sich, um in den Minen selbst die Aufsicht der Förderung des Kupfers zu übernehmen. Trotzdem wird er als umsichtiger Arbeitgeber beschrieben. Die Puxleys waren für viele Jahre der größte Arbeitgeber in der Region.

John, der zweite Sohn von Copper John, wuchs in Wales auf und wurde in Eton und Oxford ausgebildet. Er heiratete Fanny Rosa Maria White, Tochter von Simon White of Glengarriff und Nichte des 1. Earl of Bantry. Aus dieser Ehe stammen fünf Kinder.

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Henry Lavallin Puxley

Henry, der Zweitälteste, übernahm die Geschäfte nach dem frühen Tode seines älteren Bruders John.  Auch er wurde „High Sheriff 1864 in Carmarthenshire“ und ein Jahr später auch “High Sheriff in Cork“. Er hatte die Idee, der Burg in Dunboy einen repräsentativen Anbau zu geben. Den Plan dazu entwarf der Architekt John Christopher. Und 1866 begann man mit der Ausführung. Die Bauaufsicht hatte der Architekt E.H. Carson, der Vater des später umstrittenen Politikers und Staatsmanns Sir Edward Carson. Schon im Oktober 1867 bekam der Anbau sein Dach und der ältere Teil der Burg wurde dem Neubau angepaßt. Es entstand das Gebäude, das heute als Puxleys Mansion und als eine der größten Bau-Ruinen im Westen Irlands bekannt ist. Doch auch das ist eine andere Geschichte . . .  

Henry Puxley heiratete Katherine Ellen Waller, doch sie starb 1872 im Alter von gerade einmal 36 Jahren und wurde auf dem protestanischen Friedhof in Adrigole beerdigt. Einige Quellen berichten, sie sei im Kindbett gestorben, doch andere verschweigen dies. Die Geschichte ist überliefert, daß John traurig und depremiert nach der Beerdigung vom Friedhof kommend seinem Kutscher den Befehl gab, nicht nach rechts zum Castle nach Dunboy abzubiegen, sondern nach links, um Irland zu verlassen. Er kam nie wieder nach Irland zurück. Henry „tröstete“ sich später mit Adeline Nepean, der jüngsten Tochter von General Charles W. Nepean. Sie bekamen acht Kinder.

Das fünfte Kind, Henry Edmund Lavallin (1866-1900) heiratete Eliza (Jane Elza) Halahan. Sie hatten zwei Kinder: Henry Walter und John Paul. John Paul war gerade ein halbes Jahr alt, als der Vater starb. Er und sein Bruder verbrachten jeweils ein halbes Jahr in der Schweiz und ein halbes Jahr bei den Großeltern von Eliza in The Glebe, einem Haus ganz in der Nähe von Dunboy. John hat einmal geäußert, daß diese sechs Monate in Glebe zu den glücklichsten in seinem Leben gehörten. Mutter Eliza heiratete ein zweites Mal und fortan lebte die Familie in Dublin. Eliza starb 1965 im Alter von 93 Jahren. Kurz vor ihrem Tod hat sie Dunboy noch einmal besucht, zusammen mit ihrem Sohn John Paul, Mitglied der Royal Navy. John Paul war der Letzte aus dem Puxley-Dunboy-Familien-Zweig.


Tipp: Mehr über Dunboy, Puxleys Mansion und Dunboy Castle gibt es hier zu lesen. Klick.


1921 war das Ehepaar Thomas als Hausmeister ins Puxleys Mansion nach Dunboy gekommen. Das war während des Unabhängigkeits-Krieges und es gab das Gerücht, das schlossähnliche Herrenhaus solle Basis der Britischen Armee werden. Daraufhin setzte die Irish Republican Army am 9. Juni 1921 das stattliche Gebäude in Brand. Kein Wunder, die O’Sullivans hatten Puxleys Mansion mit einem Fluch belegt. Es hieß lange: „Eines Tages werden Kühe durch die Hallen wandeln“! Und so ist es gekommen. Albert Thomas, der Hausmeister, war gerade ein paar Wochen im Amt, als er mit ansehen mußte, wie das Herrenhaus in Flammen aufging. Er bedauerte später in seinen Memoiren, daß all das wertvolle Silber und die Glaswaren mit verbrannten.

Die schönste Ruine Südwest-Irlands – bis sich der Fluch der O'Sullivans wiederholen sollte . . .

Die schönste Ruine Südwest-Irlands – bis sich der Fluch der O’Sullivans wiederholen sollte . . .

Die Puxleys bekamen 50.000 Pfund Sterling als Entschädigung, gefordert hatten sie allerdings 130.000.  Im Mai 1926 kam dann der gesamte Besitz unter den Hammer. Interessiert war die C.I.E. (Ireland’s national public transport provider), die das Herrenhaus zu einem Hotel umbauen wollten. Das stieß aber auf keine Gegenliebe und so waren sie schnell aus dem Geschäft. Übrig blieben zwei Bewerber: Ein junger, noch unmündiger Jesuit, hatte von seinen Eltern etwas geerbt und wollte Puxleys Mansion für seinen Orden erwerben. Sein Vormund limitierte allerdings die Erwerbsumme auf 2000 Pfund Sterling. Damit hatte Maurice D. Power, ein Einheimischer, die Chance, mit 20 Pfund mehr Einsatz das Anwesen zu ersteigern.

Von der IRA 1921 angezündet, zierte das Herrenhaus lange ohne Dach als schöne Ruine die Landschaft von Dunboy.

Von der IRA 1921 angezündet, zierte das Herrenhaus lange ohne Dach als schöne Ruine die Landschaft von Dunboy.

Und noch eine kleine Anekdote: Die späteren Mitglieder der Familie Powers haben erkannt, daß das Mansion und die nahegelegenen Ruinen des O’Sullivan Castles eine Touristen-Attraktion sind und gaben es gegen einen geringen Eintritts-Preis zur Besichtigung frei. Dazu hatten sie am Eingangs-Tor eine Box aufgehängt, wo man den Obolus ehrlich entrichten konnte. Eines Tages befand sich darin das geforderte Eintritts-Geld mit einem Zettel, auf dem stand: “Ich bezahle diesen Eintritt nur unter Protest, denn das Castle war einst im Besitz meiner Familie.“

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Die Neu-Erfindung von Puxleys Mansion in den Celtic-Tiger-Jahren: Es bleibt bis heute eine Bau-Ruine . . .

Es heißt, daß die Ruine von Puxleys Mansion zu den schönsten in Irland gehörte. Heute strahlt das Äußere des Gebäudes in neuem Glanz. Es wurde für viele Millionen restauriert. Doch dann ging das Geld aus und das Innere ist „hohl“ und die Appartement-Bauten im Hintergrund verschandeln die schöne Landschaft am Meer. Wiederholt sich damit der Fluch der O’Sullivans und Puxleys Mansion verfällt ein weiteres Mal? 

Der Stammbaum der Puxleys

Der Stammbaum der Puxleys

Zum Schluss ein Buch-Tipp: Die Geschichte der Puxleys hat die Schriftstellerin Daphne du Maurier in ihrer Novelle Hungry Hill verarbeitet. Das Buch gibt es auch auf Deutsch und heißt dort: Die Erben von Clonmere. Die bekannte Schriftstellerin, die eine Affäre mit einem Puxley hatte, kommt mit der Erzählung der Realität verblüffend nahe – obwohl sie Dunboy und die Beara Halbinsel nie bereist hatte.

Peter in Clogher 2013_IMG_1710Der Autor: Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer fünfwöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling

Peters Geschichten von der Beara Peninsula erscheinen regelmäßig hier auf Irlandnews.

Fotos: Peter Bernhardt (5), André Bernhardt (1). Stammbaum:Peter Bernhardt.

Beara Stories: Ein Paradies für Archäologen

Hier wandern wir - Wandern mit Wanderlust - Steinkreis bei Castletownbere

Derreenataggart: Ein Steinkreis bei Castletownbere

Geschichten von der Beara-Halbinsel im Süd-Westen Irlands (Teil 2)

von Peter Bernhardt* 

Heute setzen wir auf Irlandnews den Geschichten-Zyklus über das ländliche Irland an der Atlantikküste fort. Geschrieben von unserem Freund Peter Bernhardt. Peter liebt es, in der Vergangenheit zu forschen und lässt ein Stück „altes Irland“ lebendig werden. Heute geht es um alte Steine und alte Orte.

Die Beara-Halbinsel ist übersät mit archäologischen Hinterlassenschaften. Über 2500 archäologische Orte sind auf dieser Halbinsel dokumentiert. Ich behaupte, das ist das best erkundete Gebiet in Irland. Immer wieder haben sich Archäologen und Geschichtsinteressierte in der Vergangenheit daran gemacht, das Erbe der Vorfahren ans Licht zu bringen. Und ganz besonders haben sich zwei Personen mit ihren Dokumentationen verdient gemacht. Daniel M. O’Brien und Connie Murphy (Foto).

Daniel war von Haus aus Bank-Manager, aber in seiner Freizeit hat er seine zwei Hobbies ausleben können: Wandern & Archäologie! Auf zahlreichen Wandertouren über die Halbinsel, von Glengarriff bis an die „Spitze“ nach Dursey, ist er so manchen menschlichen Spuren aus der Vergangenheit auf die Schliche gekommen und hat sie in schriftlicher Form festgehalten. Die Historical Society von Castletownbere hat diese Aufzeichnungen nach dem Tode von Daniel in die Hände bekommen und sie in einem Buch zusammengefaßt.

Beara Peninsula

Connie Murphy an einem mehrere tausend Jahre alten Grab in den Bergen über Glengarriff (Jahr 2010).

Der junge Lehrer Connie Murphy aus Castletwonbere wurde von Daniel O’Brien „angesteckt“ und verfiel der gleichen Leidenschaft: Wandern & Archäologie. Waren die Entdeckungen bei Daniel noch eher zufällig, so ging Connie systematisch vor. War die Schule aus und der erste Hunger gestillt, zog Connie los und erwanderte Townland für Townland. In ungezählten Gesprächen mit den ansässigen Farmern, bekam Connie interessante und wichtige Hinweise, denn diese Farmer kannten ihr Land wie die eigene Westentasche. Oft hatten sie schon Hinweise vom Vater oder Großvater bekommen, wo irgend etwas Interessantes zu finden war. Und Connie ging all diesen Hinweisen nach oder wurde vom Farmer hingeleitet. Manchmal war es ein auffälliger Stein, der so gar nicht an diese Stelle paßte. Oder ein Erdhügel in Kreisform. Connies geübtem Blick entging nichts. Schnell trennte er das wirklich Archäologische vom zufällig Natürlichen.

Bei seinen Begegnungen mit den lokalen Farmern bekam Connie neben interessanten Hinweisen auch so manche Geschichte zu hören. Waren es unerklärliche Vorkommnisse, wie etwa, dass ein Nachbar Stehende Steine von seinem Feld räumen wollte, was Unglück bringen soll. Oder ein Anderer machte sich an einem Steinkreis zu schaffen, was die Feen in Wallung brachte und dazu führte, dass der Farmer verwünscht wurde. Das konnte alles bedeuten: Ein unvorhergesehener Beinbruch! Eine Kuh starb eines unnatürlichen Todes oder brachte ein Kalb zur Welt mit zwei Köpfen!

Murphy hielt alles, was er fand und erfuhr, in einem kleinen Heft fest. Jahre später, als das GPS herauskam, war er einer der Ersten, die ein solches haben mussten. Er bekam es von seinem Sohn aus Amerika. Ab sofort wurde der genaue Standort mit dem Wander-Navi festgehalten.


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Es blieb nicht aus, daß das Department of Archaeology der Universität von Cork (UCC) auf ihn aufmerksam wurde und sich die dortigen Archäologie-Professoren für Connies Entdeckungs-Wanderungen interessierten. Connie wurde schließlich in den 90er Jahren freier Mitarbeiter des UCC. Und so begann über die Jahre hinweg ein reger Austausch von Informationen. Auch Ordnance Survey Ireland war dankbar über jeden Fund. Viele archäologische Orte, die auf den OSI-Landkarten 84 und 85 ausgewiesen sind, gehen auf Connie Murphys Entdeckungen zurück.

Schließlich wurde Connie von den Archäologen überredet, mit über 50 Jahren noch Archäologie zu studieren — was ihm auch erfolgreich gelang. 2014 wurde seine Studienarbeit sogar von der Beara Historical Society als Buch veröffentlicht: The Prehistoric Archaeology of The Beara Peninsula.

Darin sind 545 archäologische Orte beschrieben, kategorisiert in 14 Typen verschiedener Monumente: wedge tomb, cairn, cist, boulder-burial, stone row, standing stone, stone circle, ancient copper mine, fulacht fiadh, ancient field system, enclosure, hut site, rock art und anomalous site. Dem Buch beiliegend gibt es eine Landkarte, die Connie erstellt hat. Darin sind alle Fundorte verzeichnet. Das Buch mit Karte, erhältlich in Buchhandlungen und Geschäften der Region, ist für interessierte Wanderer eine große Hilfe beim Aufspüren der historisch und archäologisch bedeutsamen Orte.

Conny Murphy zeichnete diese archäologische Landkarte von der Beara Halbinsel

Connie Murphy zeichnete diese archäologische Landkarte von der Beara Halbinsel

Mehr Erkenntnisse:  Ab dem Jahr 1999 nahm William O’Brien, Archäologie-Professor in Cork (nicht verwandt und nicht verschwägert mit Daniel), mit seinen Studenten mehrere Jahre an drei Stellen auf Beara, in den Bergen von Castletownbere, in Eyeries und in Ardgroom Ausgrabungen vor.  William schrieb in der Einleitung seines Buches Local Worlds über dieses Projekt: „This is a book about early hill farmers on the south-west coast of Ireland“. Er schrieb auch: „I whish to thank….. Connie Murphy whose fieldwork over three decades opened my eyes to the potential of this peninsula…“. Ein Dank an den rührigen Connie Murphy, von dem man sagt, dass er auf Beara jeden Stein persönlich kennt.

Altes Steinkreuz Irland

Steinkreuz von Caheravart: Eines der frühesten Zeugnisse christlicher Kultur auf Beara

Wer sucht, der findet, so lautet ein Spruch. Wer sich für die Beara Peninsula interessiert, wird eine ganze Reihe von Büchern und Veröffentlichungen finden, die sich mit dieser Halbinsel beschäftigen. Viel Archäologisches, Historisches und auch Zeitloses über Menschen und Tiere, und wie sie lebten und liebten.

Auch Penny Durell darf ich in dieser Aufzählung nicht vergessen. Sie hat sich Dursey Island vorgenommen und alles zusammengetragen, was sie über diese westlichste Insel Europas herausfinden konnte. Aber das könnte eine eigene Geschichte werden . . .

Peter in Clogher 2013_IMG_1710Der Autor: Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer 5-wöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling

Peters Geschichten von der Beara Peninsula werden künftig regelmäßig hier auf Irlandnews erscheinen.

Fotos: Markus Bäuchle (4); Karte: Connie Murphy

Beara Stories: Das Schicksal eines Dorfes

Goulane Beara

Das Dörfchen Goulane in den 80-er Jahren

Geschichten von der Beara-Halbinsel im Süd-Westen Irlands (Teil 1)

von Peter Bernhardt* 

Heute beginnen wir auf Irlandnews mit einem Geschichten-Zyklus über das ländliche Irland an der Atlantikküste, geschrieben von unserem Freund Peter Bernhardt. Er liebt es, in der Vergangenheit zu forschen und lässt ein Stück „altes Irland“ lebendig werden.

(Edit 31. Mai 2016: Wer diese Geschichte schon zu kennen glaubt: Er/sie hat Recht. Denn sie erschien erstmals am 5. April 2016 hier auf Irlandnews. Und dann folgte trotz Ankündigung bis heute kein Teil 2. Sorry, Peter! Der „lästige“ Alltag, Reisen, die beginnende Wander-Saison, ließen kaum Zeit übrig. Irlandnews zu publizieren bleibt das schönste Hobby und muss bisweilen hinter der Tages-Arbeit zurückstehen. Nun aber geht es wirklich los mit den Beara Stories. Heute noch einmal Teil 1 von Peters Geschichten, und morgen dann schon Teil 2. Gruß aus dem irischen Sommer, der Wanderer.)

In der Mitte der Beara-Peninsula liegt das Townland (Gewann) mit dem Namen Goulane. Etwa sechs Kilometer von Castletownbere und vier Kilometer von Eyeries. Eingerahmt von den Bergen Maulin und Lackawee. In der irischen Sprache hat Goulane zwei Bedeutungen. Zum einen bezeichnet es einen „großen Stein“ – das kann man aber in diesem Falle ausschließen, weil es zwar viele Felsen, aber keinen markanten Stein gibt, der es Wert wäre, dieses Townland danach zu benennen. Die andere Bedeutung ist eine „Gabel“ oder „Forke“. Und da es zwei Bäche gibt, die links und rechts vom Berg Maulin herunter kommen und sich am Fuße zum „Stil“ vereinen, darf man davon ausgehen, daß das Townland davon seinen Namen hat.

Goulane Beara

Das Murphy-Haus in Goulane im Jahr 1987

In Goulane gab es einst elf Cottages. Hier wohnten elf Familien. Heute ist nur noch eines der schlichten alten Häuser bewohnt. Zwei weitere sind in einem bedauernswürdigen Zustand, ein drittes nicht mehr zu retten. Alle anderen sind verfallen, abgetragen und nicht mehr zu lokalisieren. Nur die alten Landkarten des Ordnance Survey aus den Jahren 1840 und ein Update um 1900 zeigen noch die Orte, wo Menschen gelebt und ihre Häuser und Ställe und Schuppen gehabt haben. Goulane war damals ein richtig kleines Dörfchen, was zu der Zeit recht selten war. Die englischen Landlords sahen es lieber, wenn ihre Pächter weit verstreut wohnten. Es ist einfacher, Menschen unter Kontrolle zu halten, wenn sie wenig Kontakt haben.

Der Baustil dieser Cottages war bei fast allen gleich, eben: das typisch irische Cottage. Man benutzte die in der Umgebung gefundenen Feldsteine, die lediglich mit Erdmörtel verbaut wurden. Die Mauern konnten bis zu 70 Zentimeter dick sein. Die Fenster waren in der Regel klein, denn Glas war teuer und zu große Fenster bedeuteten Wärmeverlust. Im Erdgeschoß gab es zwei gleich große Räume. Ein Raum war die Küche mit einer großen offenen Feuerstelle. In späteren Jahren nahm dort ein gusseisener Ofen den Platz ein. Der zweite Raum war das Zimmer der Großeltern, wenn es die noch gab,  und hatte oft auch eine weitere offene Feuerstelle. 

In der Mitte führte eine Treppe in den ersten Stock, der in den meisten Cottages keine richtige Stockhöhe hatte. In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts konnten die Bewohner einen günstigen Kredit beantragen, um ihr Haus auszubauen und zu vergrößern. Das geschah manchmal dadurch, daß man das Dach vorsichtig abtrug, die Stockhöhe bis zu einer vollen Stehhöhe anhob und anschließend das alte Dach wieder drauf setzte. Im Obergeschoß schlief dann die Familie, die nicht selten aus acht bis zehn Personen bestand. In den wenigen Betten schliefen, je nach Alter und Geschlecht, jeweils zwei bis drei Kinder.

In den fünfziger Jahren begann Goulane auszusterben. Die alten Leute starben und die Jungen zog es in die größeren Städte, wenn sie nicht sogar emigrierten – vor 1900 meistens in die USA, danach eher nach Großbritannien. Zum Glück aber haben die zuletzt verbliebenen Söhne zwei neue Häuser gebaut und zwei von deren Kindern haben auch wieder gebaut. Keiner von ihnen war interessiert daran, eines der alten Cottages auf heutigen Standard zu modernisieren.

In Irland gab es regelmäßig Volkszählungen. Angefangen im Jahre 1821 und dann regelmäßig alle 10 Jahre. Leider sind die Beara-Unterlagen von 1821 bis 1851 einem Feuer in The Four Courts  in Dublin zum Opfer gefallen und die Unterlagen von 1861 und 1871 wurden durch eine „bürokratische Entscheidung“ vernichtet. Die Volkszählungen von 1881 und 1891 sind unvollständig, denn ich habe die Unterlagen von Goulane im Internet nicht finden können.

Der Volkszählunges-Bogen aus dem Jahr 1911 für das Murphy-Haus in Goulane

Der Volkszählunges-Bogen aus dem Jahr 1911 für das Murphy-Haus in Goulane

Dafür sind die Zählungen 1901 und 1911 vollständig einzusehen. Offensichtlich hat man auch schon damals getrickst und getäuscht. Denn so manche Angabe darin ist nicht logisch, obwohl unter jedem Formular die Unterschrift des Volkszählers steht. Erfaßt wurden damals der Name, das Alter, das Geschlecht, das Verhältnis zum Familienoberhaupt, die Religion, der Geburtsort, der Beruf, ob die Person lesen und schreiben und ob sie neben Englisch auch Irisch sprechen konnte. Darüber hinaus wollte der Staat auch noch den Ehestand, näher beschriebene Krankheiten, die Ehedauer und die Zahl der lebenden wie der toten Kinder wissen.  Erhebenswert war den Behörden auch ein grober Zustand des Hauses. Hatte es Steinmauern? Welche Dachdeckung? Wieviele Räume? Wieviele Fenster? Auch die Anzahl der Ställe und Schuppen wurde abgefragt.

Goulane und die nähere Umgebung müssen schon zu Zeiten besiedelt gewesen sein, als noch niemand an Schreiben und Volkszählen dachte. Man findet zahlreiche archäologische „Beweisstücke“, darunter ein Hill Fort, ein ungewöhnlich großes Ring Fort mit einem Durchmesser von rund 200 Metern. Eingeschlossen darin findet man die Grundmauern einer Kirche, ein frühchristlichen Steinkreuz und ein Cillin. Ein Cillin (auch Caldragh, oder Lisheen) ist ein ungesegneter Friedhof. Vom Frühmittelalter bis in die Neuzeit waren Cillins der traditionelle Begräbnisort ungetaufter Kinder. Allerdings wurden hier auch Erwachsene beerdigt. So wurde speziell während der Hungersnot eine größere Anzahl Erwachsener auf diesen Plätzen beigesetzt.

Berge Beara

Die Berge über Goulane geben den Blick frei auf Beara und über die Bucht nach Kerry

 Dazu gesellen sich etliche Standing Stones (stehende Steine) ein Wedge Grave (Hühnengrab) und eine ancient Copper Mine (eine Kupfermine aus dem Beginn der Bronzezeit). Diese Kupfermine wurde im Jahre 1999 vom Archäologen Billy O’Brian ausgegraben und anhand von drei Holzkohle-Proben datiert: Sie war zwischen 1750-1530 vor Christus in Benutzung.

Noch Anfang 1900 mußten die Einheimischen in Irland befürchten, von ihrem Grund und Boden vertrieben zu werden, wenn sie die Pacht nicht bezahlen konnten. Schließlich gehörte das ganze Land damals englischen Grundbesitzern. Und es traf auch einige Bewohner von Goulane. Aber das ist eine andere Geschichte . . .


Peter in Clogher 2013_IMG_1710Der Autor: 
Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer 5-wöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling

Peters Geschichten von der Beara Peninsula werden künftig alle zwei Wochen jeweils dienstags hier auf Irlandnews erscheinen.

Fotos: Peter Bernhardt (3); Markus Bäuchle (1, unten)

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